26.01.2003

Der Kampf um die Wahrheit

PR-Agenturen als Beherrscher der öffentlichen Meinung[1]

Gekürzt veröffentlicht im „Goetheanum“ vom 2.5.2003 (Nr. 18).


Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst, sagt eine Redewendung. Dieser Satz weist zwar auf eine traurige Tatsache hin, ist aber auch nur eine halbe Wahrheit. Die Wahrheit kennt heute überhaupt keinen Frieden, in dem sie sich wirklich entfalten dürfte, da gegen sie selbst ein beständiger Krieg geführt wird. Das beginnt mit dem Parteientum, dem immer weiter wuchernden Lobbyistentum[2], dem Pflegen von einseitigen Standpunkten, Vereinfachungen, Feindbildern aller Art. Doch in all diesen Fällen kann man unter Umständen noch davon ausgehen, daß der jeweilige Mensch wirklich meint, eine Wahrheit zu vertreten. Er kann manchmal sogar offen für Neues sein und ernsthaft nach Wahrheit streben, oder er kann fanatisch für seinen Standpunkt streiten und alles Abweichende als das Böse ansehen. 

Etwas grundsätzlich anderes jedoch liegt vor, wenn die Wahrheit bewußt verfälscht wird – oder aber wenn man nach der Wahrheit überhaupt nicht fragt und im Auftrag anderer bestimmte Anschauungen als „Wahrheiten“ in die Welt setzt. Dies ist die Arbeit von PR-Agenturen. Mit ihnen ist ein neuer Berufszweig entstanden, die „Wahrheit“ ist käuflich geworden. Es sind dabei nicht jene kleinen Agenturen gemeint, die mit „harmloser“ Werbung eine bestimmte Firma bekannter zu machen suchen. Es geht um kaltblütige Lügen im großen Stil, um den jeweiligen Auftrag zu erfüllen: Die Erzeugung einer bestimmten „öffentlichen Meinung“.

Die käufliche Wahrheit

Der erste Golfkrieg 1991 gilt noch immer vielen als „sauberer“, „chirurgischer“ Krieg. Das Pentagon hatte mit Medienvertretern im Detail vereinbart, worüber (nicht) berichtet werden durfte, und darüber hinaus nur einen „Pool“ von fast ausschließlich US-Journalisten zugelassen, deren Beiträge – nach Durchgang durch die Zensur – zur Verfügung standen. Von den hunderttausend Toten im Irak gab es keine Bilder, eine durch eine irakische Rakete zerstörte Turnhalle in Israel kam dagegen als Terrorangriff groß in die Nachrichten. Im Vietnamkrieg brachten Reporter noch unzensierte Berichte von der Front...[3]

Dem Irakkrieg voraus gingen viele Berichte über die Besetzung Kuwaits, die ihren Höhepunkt darin fanden, daß auf einer Anhörung vor dem US-Kongreß eine 15-jährige Krankenschwester unter Tränen berichtete, wie die Iraker unzählige Babys aus den Brutkästen gerissen hätten. Allein 53 Millionen US-Bürger sahen diese Bilder am 10.10.1990 in einer Nachtsendung von ABC. Inszeniert wurde dieser Auftritt ebenso wie verschiedenste Nachrichtenvideos von der PR-Agentur Hill & Knowlton. Nach dem Krieg stellte sich heraus, daß keine Brutkästen fehlten, später wurde bekannt, daß die „Krankenschwester“ die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA war. Hill & Knowlton wurde zwei Tage nach der irakischen Invasion für 11 Millionen Dollar von der kuwaitischen Regierung engagiert. Das Agentur-Team stand unter Leitung eines ehemaligen CIA-Mitarbeiters, der später ins Weiße Haus wechselte, der Präsident der Agentur war ehemaliger Wahlkampfchef von Präsident Bush. Damals arbeitete Hill & Knowlton aber auch für China, Israel und Indonesien, außerdem für Scientology und die Moon-Sekte. In vielen Überseebüros haben offenbar außerdem zahlreiche CIA-Agenten mitgewirkt.

Bekannt geworden ist insbesondere eine andere große Washingtoner Agentur, „Ruder Finn“. Sie arbeitete Anfang der 90er Jahre für Kroatien und Bosnien (für zeitweise 200.000 Dollar monatlich), später auch für Kosovo. Das Büro formulierte Leitartikel für die größten US-Zeitungen, baute ein Fax-Netzwerk auf, an das auch viele humanitäre Organisationen angeschlossen waren, und organisierte zum Beispiel Treffen zwischen offiziellen bosnischen Vertretern und einflußreichen Senatoren. In einem Interview beschrieb der ehemalige Direktor, wie man mit Hilfe eines einzelnen Berichtes über serbische Lager die gewichtige jüdische Meinung für die durchaus antisemitische bosnisch-kroatische Seite vereinnahmen konnte. Dadurch „konnten wir sofort in der öffentlichen Meinung die Serben mit Nazis gleichsetzen. ... Die große Mehrheit der Amerikaner dachte wahrscheinlich allenfalls darüber nach, in welchem afrikanischen Land sich Bosnien wohl befände. Aber... unmittelbar danach benutzten die Medien eine andere Sprache mit sehr emotionsgeladenen Begriffen, wie ethnische Säuberung, Konzentrationslager etc. ... Niemand konnte sich mehr dagegen wenden, ohne des Revisionismus angeklagt zu werden. Wir hatten hundertprozentigen Erfolg." Und er fügte hinzu: „Es gehört nicht zu unserer Arbeit den Wahrheitsgehalt von Informationen zu überprüfen. Wir sind dafür gar nicht ausgestattet. Unsere Aufgabe ist es, uns dienliche Informationen schneller zu verbreiten und sie an wohlüberlegte Zielgruppen weiterzuleiten. ... Wir hatten einen Job und den haben wir ausgeführt.“[4]

Der Auftraggeber ist egal

Nach dem 11. September engagierte das Pentagon die Agentur „The Rendon Group“, um das Image der USA bei den Muslimen zu verbessern. John Rendon, der sich selbst als „Informationskrieger“ bezeichnet, arbeitete offenbar mit dem zur gleichen Zeit eingerichteten „Office of Strategic Influence“ (OSI) zusammen. Laut New York Times vom 19. Februar 2002 sollte dieses Pentagon-Büro gezielt Falsch­meldungen auch in verbündeten Staaten verbreiten. Zur Tarnung sei die konkrete Arbeit an Rendon vergeben worden. Infolge der öffentlichen Diskussion gab Rumsfeld eine Woche später die Schließung des OSI bekannt, Rendon arbeitet jedoch für monatlich rund 100.000 Dollar weiterhin für das Pentagon. – Rendon arbeitete früher für die Wiederwahl von Jimmy Carter und gründete 1980 seine Agentur. 1991 führte Rendon im Auftrag der CIA für rund 23 Millionen Dollar eine PR-Kampagne gegen Hussein durch. Er produzierte zahlreiche Videospots und unterstützte eine Koalition von Oppositionsgruppen, deren Namen „Irakischer Nationalkongreß“ er selbst erfand.

Das weltweit größte PR-Unternehmen Burson-Marsteller hat über 100 Filialen in allen Kontinenten. Nachdem es 1979 im AKW Three Miles Island fast zur Katastrophe gekommen war, entwickelte die Firma für den Betreiber eine Krisenkampagne, ebenso 1984 nach der Bhopal-Katastrophe in Indien und 1989 nach der Exxon-Valdez-Ölkatastrophe in Alaska. Mitte der 90er Jahre war sie für EuropaBio tätig, einen Zusammenschluß der größten Pharma- und Bioindustrien, um Vertrauen in die Gentechnik zu erreichen. Ein Konzeptpapier zeigt, nach welchem Muster für diesen Zweck die Presse „versorgt“ wird: "Pressemitteilung herausgeben mit Tenor 'gewaltige Resonanz auf Kongress', ... 'Kongress verweist auf gigantisches Wachstumspotential der Biotechnologien in unserer Region' sagt Bürgermeister Sound- So, etc. ...". – Weiterhin arbeitete die Firma 1980 für die argentinische Militärdiktatur, 1988 vor der Olympiade für Süd-Korea (und ein sauberes Image in bezug auf Menschenrechte) und noch kurz vor der Wende für das rumänische Ceaucesco-Regime. Eine Tochterfirma entwarf mit der CIA eine Propaganda-Strategie für den Contra-Krieg in Nicaragua.

Haben die modernen PR-Agenten ihr Handwerk perfektioniert, so war die Bekämpfung der Wahrheit doch von Anfang an mit diesem Berufsbild verknüpft. Als Pioniere gelten Ivy Lee und Edward Bernays. Lee versuchte für Hitler, das deutsche Wiederbewaffnungsprogramm in den USA als rein antikommunistisch zu vermitteln, Bernays (1892-1995) arbeitete im ersten Weltkrieg zunächst für eine Propagandaabteilung des US-Kriegsministeriums. In den 50er Jahren führte eine Kampagne für die United Fruit Company unmittelbar zu einem CIA-gestützten Militärputsch in Guatemala. Zunächst hatte Bernay die Medien auf seine Seite gezogen, während des Putsches versorgte er die großen Agenturen als erster mit exklusiven Nachrichten.

Natürlich gibt es Public Relation dieser Art auch in anderen Ländern. Als BP Ende 2001 mit E.on die Übernahme von Aral vereinbarte, um ein Viertel der deutschen Tankstellen zu kontrollieren, wollte E.on im Gegenzug die BP-Anteile an der Ruhrgas AG. Doch das Kartellamt verbot dieses Quasi-Monopol auf dem Gasmarkt. E.on engagierte die WMP Eurocom, deren Chef früher Chefredakteur der volksverdummenden[5] Bild-Zeitung war. Dieser organisierte entscheidende Treffen gewichtiger Persönlichkeiten, und kurz darauf befürwortete der ehemalige Wirtschaftsminister Rexrodt die Übernahme. Die Financial Times griff diese Aussage auf, und schließlich kippte eine Ministererlaubnis das Verbot des Kartellamtes.

Was ist Wahrheit?

Einer der ganz großen PR-Chefs sagte schon vor 20 Jahren: "Wir halten in unseren Händen die größte Konzentration an Mitteln zur Erziehung und Überzeugung der Massen, die die Welt je gesehen hat – nämlich alle Kommunikationskanäle der Werbung. Wir haben Macht. Warum sollten wir sie nicht nutzen." – Heute gehören Hill & Knowlton, Burson-Mar­steller und 16 weitere weltweit tätige PR-Unternehmen zur WPP-Group, für die insgesamt 55.000 Angestellte in 92 Ländern arbeiten.

Der Krieg gegen die Wahrheit ist ein Krieg um die Gedanken und Gefühle der Menschen. Er zieht die ganze Menschheit in den Kampf um beziehungsweise gegen die Wahrheit hinein. Es ist wohl auch dies eine notwendige Entwicklung im Zeitalter der Bewußtseinsseele, wo die Menschen alles aus Freiheit heraus erringen sollen. – Wo in den Medien potentiell jede Darstellung eines Sachverhaltes zu finden ist, kann die Wahrheit äußerlich nicht mehr gefunden werden. Der einzelne Mensch ist darauf angewiesen, daß ihm in der Auseinandersetzung mit den verschiedensten Behauptungen oder (Teil-)Wahr­hei­ten von innen her, aus eigenem Urteil, etwas von der Wahrheit aufleuchtet.

Die Wahrheit gibt sich durch die ihr eigene Evidenz als solche zu erkennen. Nicht die äußeren Informationen führen einen zu ihr, sondern sie selbst nähert sich den nach ihr Strebenden und wirft dann ein Licht auf die verschiedenen Aussagen oder Tatsachen - deren Verhältnis zu ihr selbst nun deutlich offenbarend.

Würdig für die Wahrheit wird sich nur der machen, der wirklich nach ihr sucht und sich sowohl von Eigeninteressen, wie sie aussehen sollte, als auch von Ängsten, wie sie vielleicht aussehen könnte, frei machen kann. Der so wahrhaft Suchende wird auf seinem Weg Hilfe erfahren von jenem Wesen, das selbst von sich sagen konnte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“

Fußnoten


[1] Der Hauptteil des Aufsatzes beruht auf dem Artikel "Informationskrieger" von „hybrid video tracks“ – einer Gruppe von Berliner Medienaktivisten.

 

[2] Im deutschen Bundestag (rund 600 Abgeordnete) sind offiziell 1760 Lobbygruppen registriert. - In Brüssel gibt es 18.000 EU-Politiker und –Beamte und ebenso viele Lobbyisten. Da die Beamten kaum Mitarbeiter haben und ihre Karriere eng mit Gesetzentwürfen verbunden ist, sind sie fertigen Formulierungen nicht selten sehr zugänglich. (Die Zeit 5.12.2002).

 

[3] Es geht hier nicht um die Frage der Berechtigung des einen oder anderen Krieges, sondern um die Tatsache, daß im Irakkrieg nur noch ganz einseitige Aspekte der ganzen Wirklichkeit „erlaubt“ waren.

 

[4] Jacques Merlino, Da haben wir voll ins Schwarze getroffen, in: Bittermann (Hg), "Serbien muß Sterbien", Berlin 1994.

 

[5] eine andere Charakterisierung war für mich leider kaum zu finden, jeder etwas gebildetere Leser dürfte zu einer ähnlichen Einschätzung kommen.