14.12.2005

Macht über das Leben

Von kontrolliertem Saatgut und unkontrollierbarer Gentechnik

Veröffentlicht im „Goetheanum“ vom 27.1.2006 (Nr. 5).

„Macht über das Leben“ – Leben, das aus Samen hervorwächst, noch immer ein Mysterium, nicht verstanden, aber manipuliert. Aber auch das Leben der Bauern. Und schließlich das Leben anderer Lebewesen. Über all dies erstrebt eine Handvoll internationaler Konzerne die Macht, um Profit zu machen. Einer steht in diesem skrupellosen Streben an der Spitze: Monsanto.[1] Im Jahr 2006 wird sich auch in Europa die Zukunft der Gentechnik entscheiden.


Es ist erst zehn Jahre her. 1996 brachte Monsanto sein Unkrautgift „Round-up Ready“ und dagegen resistentes Soja sowie (bald darauf) Raps und Baumwolle auf den Markt. Weitere gentechnisch veränderte Sorten - Mais, Baumwolle, Kartoffeln - produzieren ein Bazillen-Gift (Bt), das Schmetterlinge, Motten und Käfer tötet. 

1996 bis 1998 kaufte Monsanto viele nationale und internationale Saatgutfirmen auf oder etablierte Beziehungen. Der einzige größere verbliebende US-Konzern war Pioneer Hi-Bred, an den Monsanto Nutzungsrechte für Soja- und Mais-Gene verkaufte. Monsanto besitzt rund 650 Patente und liefert die Saatguttechnologie für 90% aller weltweit angebauten genmanipulierten Pflanzen. Für US-Bauern ist es längst schwierig bis unmöglich geworden, hochwertige konventionelle Mais-, Soja- und Baumwollsorten zu bekommen – und auch sie sind zunehmend patentiert. Diese Verknappung trug wesentlich zur Durchsetzung der Gentechnik bei. 2004 wurden in den USA 85% der Soja- und Raps-, 76% der Baumwoll- und 45% der Maisanbaufläche mit Gen-Saatgut bestellt.

Im Visier des Konzerns

Jeder Bauer, der Monsanto-Saatgut kauft, muß zunächst einen Vertrag unterschreiben, der den Nachbau verbietet – er muß also jährlich neues Saatgut kaufen. Die zum Vertrag gehörenden „technischen Leitlinien“ berechtigen Monsanto, jede Aufzeichnung und jeden Beleg des Landwirts zu überprüfen und zu kopieren, der in bezug auf diesen Vertrag von Bedeutung sein könnte.

Ein Bauer, der nur vorübergehend Monsanto-Sorten angebaut hat, ist übel dran, wenn im nächsten Jahr Körner der vorigen Ernte keimen. Erntet er diese Pflanzen mit und hat keine Patentgebühren bezahlt, droht ihm eine Klage. Doch selbst ohne eigene Vorgeschichte finden sich oft in der Mehrzahl der Proben Spuren von Genpflanzen, denn die bestäubenden Bienen und der Wind halten sich nicht an die Feldgrenzen! Forscher fanden eingekreuzten Gen-Raps noch in über 25 km Entfernung. Die Maissorte StarLink, die 1998 auf einem Prozent aller Maisfelder in Iowa angebaut wurde, war zwei Jahre später schon in jeder zweiten Ernte zu finden. In wenigen Jahren haben Monsantos patentierte Gene in den USA über die Hälfte des konventionellen Mais- und Soja-Saatguts und fast alles Raps-Saatgut verunreinigt.

Monsantos „technische Leitlinien” besagen jedoch nur lapidar, daß Bauern, die keine gentech­nischen Pflanzen anbauen wollen, „die Verantwortung übernehmen und auch den Nutzen daraus ziehen, sicherzustellen, daß ihre Kulturen bestimmten Reinheitsnormen entsprechen.” Mit anderen Worten: Wer Bio-Qualität verspricht, ist selbst schuld, wenn sich auf seinem Acker Monsanto-Gene einkreuzen. Und noch schlimmer: Sobald dies geschieht, ist Monsanto Eigentümer der gentechnisch veränderten Pflanzen - und geht rigoros gerichtlich vor.

Monsanto beschäftigt eine Abteilung von 75 Angestellten mit einem Jahresbudget von 10 Millionen Dollar ausschließlich für die Ermittlung von Patentverletzungen. Eine kostenlose Hotline steht bereit, wenn Farmer ihre Nachbarn verdächtigen... Jährlich wird in 500 oder mehr Fällen ermittelt. Monsantos Privatdetektive nehmen Feldproben ohne Erlaubnis – oder sie kommen gar in Begleitung örtlicher Polizei­beamter. In der Regel erhalten die betroffenen Farmer dann ein Einschreiben mit der Aufforderung, einen bestimmten Betrag zu zahlen, um weitere Folgen zu vermeiden. Viele Betroffene einigen sich trotz ihrer Unschuld auf einen absolut vertraulichen außergerichtlichen Vergleich. Wer dies nicht tut, hat ein Gerichtsverfahren mit dem mächtigen Konzern am Hals.

Oft geben die Betroffenen am Ende auf, weil sie und ihre Familien den psychischen Streß nicht mehr ertragen und die in die Hunderttausende Dollar gehenden Kosten nicht mehr aufbringen können. In rund 80 bereits entschiedenen Gerichtsurteilen erhielt Monsanto Anspruch auf insgesamt über 15 Millionen Dollar – und dies, obwohl in mindestens sechs Verfahren gefälschte Verträge der Saatguthändler aufgedeckt wurden, die die Bauern nie unterschrieben hatten![2] Ein Farmer formulierte es so: „Bauern werden verklagt, weil man GVOs [gentechnisch veränderte Organismen] auf ihrem Betriebsgelände findet, die sie nicht gekauft haben, nicht wollen, nicht benutzen werden und nicht verkaufen können.”

All diese Tatsachen wurden durch eine zweijährige Recherche der Non-Profit-Organisation „Center for Food Safety“ bekannt, die ihre Ergebnisse im Januar 2005 veröffentlichte.[3]

Die wahren Folgen der Gentechnik

Während Monsantos aggressives Vorgehen an die Öffentlichkeit kommt, werden bereits die Folgen der ebenso aggressiv durchgesetzten Gentechnik sichtbar. Das Gen-Saatgut kann nicht einmal das vordergründige Versprechen einlösen, Unkräuter fernzuhalten und den Pestizid-Einsatz zu senken. Denn die Resistenzen übertragen sich schnell auf Wildsorten. In den USA müssen Farmer zur Bekämpfung von genetisch verändertem Wildraps nach nur sieben Jahren mehr (und giftigere) Pestizide spritzen als früher im herkömmlichen Anbau! In Kanada sind bereits Rapspflanzen mit einer Resistenz gegen drei oder vier Herbizide sehr verbreitet. Sie tauchen in Feldern auf, die mit ganz anderen Pflanzen bestellt wurden, und werden dort zu einer Art Super-Unkraut. Im US-Bundesstaat Indiana breitet sich ein resistenter Ackerschachtelhalm aus, gegen den bereits das hochgiftige Herbizid 2-4-D empfohlen wird - Bestandteil des in Vietnam eingesetzten „Agent Orange“. Wem nützt diese ganze Entwicklung? Nur den Konzernen, denen inzwischen das Saatgut gehört. Im letzten Jahr machte Monsanto einen Nettogewinn von 373 Millionen Dollar – oder 1,37 Dollar pro Aktie...

Selbst wenn die Ernten in den ersten Jahren besser als früher ausfallen, fallen die Erzeuger-Preise wegen des Überangebots. Als in Indien 2002 Gen-Baumwollsaat auf den Markt kam, fielen die Ernten allerdings teilweise ganz aus, weil die Samen nicht keimten oder die Pflanzen viel schlechter wuchsen. Bald entwickelten die Schädlinge Resistenzen. Gerade in der Dritten Welt warten viele Teufelskreise auf die Bauern. Allein in Indien gab es Tausende von Selbstmorden. Oft bringen sich verzweifelte Bauern mit Pestiziden um – der Teufelskreis schließt sich: ein schrecklicher Tod mit Hilfe des von der Agrochemie versprochenen Wundermittels.[4]

Im Herbst fanden Forscher heraus, daß Monsantos Herbizid „Round-up“ tödlich für Frösche ist, obwohl es bisher als „nicht schädlich“ galt. In Australien wurde im November ein Versuch mit Gen-Erbsen abgebrochen, weil Feldmäuse, die damit ernährt wurden, eine Lungenkrankheit bekamen. Im Versuch einer russischen Forscherin starb etwa die Hälfte der Babys von Ratten, die teilweise mit Gen-Soja gefüttert worden waren. In Deutschland starben Kühe eines Landwirts, nachdem er sie längere Zeit mit Gen-Mais gefüttert hatte. Obwohl der Hersteller angab, das Bt-Gift würde im Maul abgebaut, fand es sich im Körper der Kühe.[5] Kritische Forscher werden, wo es irgend möglich ist, mundtot gemacht und Veröffentlichungen verhindert. In den USA enthüllte die „Alliance for Biointegrity“ schon 2004, daß die Landwirtschaftsbehörde gentechnisch veränderte Lebensmittel entgegen dem Gesetz keiner eigenen Prüfung unterziehe, sondern sich nur auf die Angaben der Konzerne verlasse.

Europa vor der Entscheidung

Auch in Europa steht die Entscheidung über die Gentechnik an – und vielleicht die Entwicklung in Richtung nordamerikanischer Verhältnisse. Sechs Jahre lang galt in der EU ein Moratorium. Allein in Spanien wurde der früher bereits zugelassene Monsanto-Mais der Sorte MON 810 auf etwa 30.000 Hektar angebaut.[6] Seit Mai 2004 hat die EU-Kommission in mehreren Fällen gegen die Mehrheit der Mitgliedsstaaten den Import und die Verarbeitung gentechnisch veränderter Pflanzensorten zu Lebens- und Futtermitteln wieder erlaubt. In Deutschland war 2005 der Anbau von MON 810 auf rund 1.000 Hektar zu Testzwecken erlaubt.[7]

2006 wird das Entscheidungsjahr für die Gentechnik werden. Vielleicht noch im Januar wird es eine Entscheidung des „WTO-Streitfallpanels“ geben, das eingesetzt wurde, um über die schon 2003 erhobene Klage der Hauptanbauländer USA[8], Kanada und Argentinien gegen die europäischen „Beschränkungen“ zu entscheiden. Im März findet in Curitiba (Brasilien) eine Konferenz zur UN-Konvention über die Biologische Vielfalt statt, in der es wesentlich um die Gentechnik geht. Vor allem aber soll Anfang April unter der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft ein spezielles Gipfeltreffen die Frage klären, wie eine „Koexistenz“ zwischen Gentechnik und konventioneller Landwirtschaft möglich ist.

Wahrscheinlich wird die Antwort auf Entschädigungs-Regelungen hinauslaufen: Bauern mit „verunreinigter“ Ernte erhalten die Differenz zwischen konventio­nellem (d.h. künftig eben auch gentechnisch verändertem) und „Bio“-Preis erstattet – also im Grunde der volle Einstieg in eine Gentechnik, deren Unkontrollierbarkeit eingestanden wird. In Dänemark ist eine solche Regelung seit Dezember gültig. Auch die neue deutsche Regierung schreibt in ihrer Koalitionsvereinbarung: „Das Gentechnikrecht soll den Rahmen für die weitere Entwicklung und Nutzung der Gentechnik in allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen setzen. ... Die Regelungen sollen so ausgestaltet werden, dass sie Forschung und Anwendung in Deutschland befördern. ... Die Bundesregierung wird darauf hinwirken, dass sich die beteiligten Wirtschaftszweige für Schäden, die trotz Einhaltung aller Vorsorgepflichten und der Grundsätze guter fachlicher Praxis eintreten, auf einen Ausgleichsfonds verständigen. Langfristig ist eine Versicherungslösung anzustreben.“[9]

Trotz der überwiegenden Ablehnung der Verbraucher wird der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen wohl bald auch zur europäischen Realität gehören. Natürlich regt sich gegen diese Entwicklung Widerstand. Bereits 36 Regionen haben sich gemeinsam entschlossen, gentechnik-frei zu bleiben, vor allem Österreich, Griechenland, große Teile Frankreichs und Italiens, Wales und das schottische Hochland. Ende November stimmten in einer Volksinitiative 55% der Schweizer für ein fünfjähriges Verbot gentechnisch veränderter Pflanzen und Tiere. Doch ob dieser Wille genügt, um das Ziel zu erreichen, kann nur die Zukunft zeigen. Im Grunde ist alles Reden von einer „Koexistenz“ ein Ablenken von der Tatsache, daß es eine solche nicht geben kann. Der Wind und die Bienen kennen keine Grenzen. Und die auftauchenden „Super-Unkräuter“ auch nicht.

Fußnoten


[1] Mit Saatgut werden jährlich 13 Milliarden Dollar Umsatz gemacht. Dazu kommen weitere rund 30 Milliarden Dollar mit Pestiziden. Den Markt teilen i.w. sechs Konzerne unter sich auf: BASF, Bayer, Dow, DuPont, Monsanto und Syngenta. Allein 2004 investierte Monsanto über 400 Millionen Dollar in die Entwicklung von gentechnisch verändertem Saatgut. Weltweit bauten 2004 vor allem in Nordamerika und Argentinien rund 8 Millionen Bauern rund 80 Millionen Hektar mit gentechnisch veränderten Pflanzen (v.a. Soja und Mais) an.

 

[2] Anfang 2005 wurde Monsanto von einem US-Gericht zu 1,5 Millionen Dollar Strafe verurteilt, weil in Indonesien jahrelang Bestechungsgelder an indonesische Regierungsbeamte flossen (www.naturkost.de/genfood/texte/nachrichten/20050119a.html).

 

[3] übersetzt unter www.abl-ev.de/gentechnik/pdf/MonsantogegenBauernK.pdf. Anfang Dezember berichteten zwei der betroffenen Farmer auch in Deutschland von ihren Erfahrungen (www.chiemgau-online.de/lokalnachrichten/tt_text.php?id=9438).

 

 

 

[6] Außerhalb der EU wird in Rumänien Gensoja angebaut (und hier in großem Stil auch illegal).

 

[7] Monsanto klagte vor dem Verwaltungsgericht in Hannover jedoch auch auf reguläre Zulassung in einem Eilverfahren. Im Sommer erschien MON 810 im Sortenkatalog der EU als genehmigtes Saatgut. Doch alle früher einmal zugelassenen Sorten mußten 2004 neu registriert werden und Monsanto hatte dies für MON 810 nur als Lebens- und Futtermittel beantragt. Das Gericht lehnte den Antrag ab, da im Eilverfahren nur Entscheidungen möglich seien, die später wieder korrigiert werden können, was bei einem Anbau praktisch nicht möglich sei.

 

[8] International übten die USA z.B. 2001 Druck auf Bolivien und Sri Lanka aus, die daraufhin landesweite Gentechnik-Verbote zurückzogen.

[9] www.keine-gentechnik.de/dossiers/gentechnikgesetz.html