20.05.2011

Die Steiner-Hitler-Connection

oder: Zanders gewaltsame Umdeutung der Dreigliederungsidee

 Analyse von: Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland, 2007, Kapitel 14 „Politik“ (S. 1239-1356).

Die folgende detaillierte Zusammenstellung von Zanders Miss- und Unverständnissen, Fehl- und Umdeutungen in Bezug auf Rudolf Steiners Dreigliederungsidee fußt auf der ausführlichen Studie von Christoph Strawe: „Helmut Zanders Missverstehen der sozialen Dreigliederung“ [o].


Übersicht
Was man auf dieser Seite erfährt.
Einleitung
Kontext: Tagespolitik und Theosophie | keine Berücksichtigung der Sekundärliteratur.
14.2. „Steiners Beschäftigung mit politischen Themen bis 1917 [1242-1252]
Staatskritik | Annie Besant | unfreier Wille u.a. abstruse Beispiele | deutschnational?
14.3. „Die Politisierung Steiners im Ersten Weltkrieg“ [1253-1285]
Völkerpsychologie | Kontext der Memoranden.
14.5. „Steiners Dreigliederungstheorie“ [1301-1332]
Triadisch, organologisch | vertikal oder horizontal | „also Geistesleben“ | „durchschauen“ religiös? | Geistesleben übergeordnet?
14.5.1g „Geistesaristokratie und Demokratie“
Volle Demokratie | „Eingreifen“ | Demokratie nur im Rechtsleben? | Hegemonie | Mündigkeitsimpuls | Demokratie! | Notwendigkeit der Einsicht.
14.5.1h „Erlösung der Politik“
Heilsweg?
14.5.2. Ideengeschichtliche Kontexte
Quellen? | Vertragstheorie | Tönnies | Gesell | Abstruses Fazit | „Kopf“ oder nicht?
Zum Abschluss
Doch keine Macht? | Autoritäre Eliminierung? | Ständestaat | Zander auf Zander angewandt | Schwarze Magie. 


Übersicht

Auf dieser Seite erfährt der Leser unter anderem, wie Zander

  • im Kapitel „Einleitung“

    • die „These vertritt“, dass die Dreigliederung sich „keinem transhistorischen Strukturprinzip verdankt“, aber sekundär gleichwohl „analogisierend an historische Dreiteilungen angebunden“ wurde.
    • Steiner nicht als Erben Humboldts in der Zurückdrängung der Staatstätigkeit verstehen will.
    • die tiefgehende Sekundärliteratur als „binnenreferentiell“ bezeichnet und als „weitgehend unbrauchbar“ ablehnt.

  • im Kapitel „14.2. Steiners Beschäftigung mit politischen Themen bis 1917“

    • Steiners frühe Staatskritik kurzerhand als „Unverhältnis gegenüber politischen Institutionen“ und „midlife-crisis“ (!) bezeichnet, während Steiner schon hier weitgehende Gedanken mit viel Gespür für die politische Realität entwickelt.
    • versucht, Steiner mit einem autokratisch betonten Zitat von Annie Besant und dann pauschal mit dem demokratiekritischen „theosophischen Erbe“ in Verbindung zu bringen.
    • dazu nachzuweisen versucht, Steiner habe die politische Dimension der Arbeiterfrage ausgeblendet und gemeint, „in der diesseitigen Welt“ gebe es keinen freien Willen, wofür Zander Zitate herbeizerrt bzw. reale Tatsachen falsch versteht.
    • von einem „deutschnationalen Kulturimperialismus“ spricht, was Steiners Intentionen Hohn spricht, weil es den Machtbegriff ins Spiel bringt und Steiners Idee der rein geistigen Mission des Deutschtums nicht im Ansatz erfasst.

  • im Kapitel „14.3. Die Politisierung Steiners im Ersten Weltkrieg“

    • oberflächlich auf das Thema „Völkerpsychologie“ eingeht, um Steiner auch hier wieder nationalistische, im Grunde kriegstreiberische Motive zu unterstellen, während die wirklichen Zitate immer etwas anderes sagen.
    • den inneren Kontext der Memoranden ignoriert, nämlich das von Steiner schon früher formulierte soziologische Grundgesetz, das soziale Hauptgesetz, das soziale Urphänomen.

  • im Kapitel „Steiners Dreigliederungstheorie“

    • Steiners Dreigliederung mit angeblichen „triadischen“ und „organologischen“ Kontexten erschlägt.
    • behauptet, Steiner würde die horizontale Schichtung in Klassen oder Stände (von der er später zugibt, dass sie vertikal ist) durch eine vertikale ersetzen!
    • in der Dreigliederung überall „naturale Metaphern“ zu sehen glaubt und feststellt, „organologische Vorstellungen“ seien in der Politik meist autoritär strukturiert; Ausnahmen wie Virchow (aber nicht Steiner) bestätigten die Regel.
    • die Idee der Dreigliederung konsequent als Teilung missversteht und nicht erfasst, wie jeder Mensch in allen Gliedern darinnensteht.
    • selbst eindeutige Zitate missversteht und auch da „Eingriffe des Geisteslebens“ behauptet, wo Steiner in der Quelle ausdrücklich vom Rechtsleben spricht!
    • selbst einfachsten Worten wie „erleben“ und „durchschauen“ eine „religiös getönte Metaphorik“ (!) unterstellt.
    • auch in anderer Hinsicht Zitate beschneidet und umdeutet; egal ob Steiner z.B. von einem freien Vertragsverhältnis zwischen Arbeitern und Organisierenden spricht – Zander „sieht“ überall die „Macht“ des Geisteslebens.

  • im Kapitel „14.5.1g Geistesaristokratie und Demokratie“

    • den wesentlichen Dreigliederungsgedanken zitiert („wenn volle Demokratie werden soll“), ohne ihn ernst zu nehmen.
    • sogar auf die Intention Steiners hinweist, die Eigengesetzlichkeit der Sphären vor Fremdbestimmung zu schützen, nur um unmittelbar darauf wiederum mit Hilfe unverstandener Zitaten-Bruchstücke zu behaupten, die Steuerungsinstanz sei das „Geistesleben“.
    • völlig blind für die Tatsache bleibt, dass es u.a. gerade um die Befreiung des Geisteslebens von Übergriffen aus Staat und Wirtschaft geht.
    • behauptet, Steiner habe „demokratische Verfahren auf das Rechtsgebiet beschränkt“, und nicht sehen will, dass Abstimmungsprozesse innerhalb der einzelnen Glieder durchaus ebenfalls demokratisch sein können.
    • angesichts des heutigen Versagens aller Ebenen eine geradezu beängstigende Ignoranz offenbart.
    • auch die Frage der Bewusstseinsseele und der „Philosophie der Freiheit“ völlig unbeachtet lässt. Hier liegt aber die Brücke zwischen dem Einzelnen und der Gesamtheit.
    • viele Zitate Steiners unerwähnt lässt, wo dieser von der Notwendigkeit der Demokratie spricht.
    • ebenfalls unterschlägt, wie für Steiner selbst die Mysterien heute „demokratischen Charakter“ annehmen.
    • verschweigt, dass gerade die katholische Kirche doch bis heute Machtimpulse und Deutungshoheiten verfolgt.
    • Steiner selbst da unterstellt, er würde von einer elitären Herrschaft sprechen, wo dieser nur darauf hinweist, das heute die meisten Menschen Furcht vor dem Geist haben und daher auch nicht zu den höheren Erkenntnissen kommen.
    • nach Steiners Hinweis, heute würde man verstandesmäßige und wirklich fruchtbaren Ideen für gleichwertig halten, wiederum nur kritisiert, Steiner hielte die Demokratie für unfähig zur friedlichen Gestaltung der Verhältnisse – während es längst sehr viele Fachleute gibt, die von „Scheindemokratie“ usw. sprechen!
    • nicht erfasst, dass der Eingeweihte voll und ganz auf die Einsicht der Menschen angewiesen ist.

  • im Kapitel „14.5.1h Erlösung der Politik“

    • als Kronzeugen die Studie „Sozialer Heilsweg Anthroposophie“ von Körner-Wellershaus anführt (ohne inhaltlich darauf einzugehen, der Titel reicht), um zu bekräftigen, dass Steiner „Heilung aus dem Jenseits verhieß“ (!).

  • im Kapitel „14.5.2. Ideengeschichtliche Kontexte“

    • wieder einmal zugeben muss, dass die „präzise Identifikation von Steiners Quellen schwierig“, aber vermutlich bei den unmittelbaren Zeitgenossen zu suchen ist.
    • kritisiert, die vertragstheoretische Tradition komme bei Steiner nicht vor, und verkennt, wie radikal Steiner den Gedanken freier Vereinbarungen gefasst hat.
    • angebliche Übereinstimmungen mit Ferdinand Tönnies herbeizerrt, auch wenn es sich nur um ein „strukturgleiches, inhaltlich jedoch anders gefülltes Modell“ handele!
    • sodann weitere Bezüge zu Silvio Gesell zu konstruieren versucht, die unversehens von einem „könnte“ und „dürfte“ zu einer „hohen Wahrscheinlichkeit“ und schließlich zu einer „verschwiegenen“ Tatsache werden.
    • zum Zwecke der Parallelisierung Gesells Geldtheorie simplifiziert und ihm den Begriff des Schenkungsgeldes zuweisen will, obwohl Gesell dazu absolut nichts sagt.
    • im Rückblick nochmals seine abstrusen Behauptungen über Steiners „Sozialisierung“, das Geistesleben als autoritär leitende Kopffunktion etc. wiederholt, obwohl dies Steiners Idee diametral widerspricht.

  • im Kapitel „Zum Abschluss“

    • sogar zugibt, dass Steiner damit rechnete, die besseren Argumente würden zur Geltung kommen und nicht in Macht- und Durchsetzungsaspekten dachte!
    • im Schlusskapitel aber wiederum schreibt, die Dreigliederung erscheine nur liberal, sei aber eine autoritäre, „geistesaristokratische Konstruktion“, ihre Grundlagen seien an die „Einsicht einer elitären Minderheit“ gebunden!
    • selbst Steiners Anspruch, Konflikte der drei Glieder schon vor ihrem Aufbrechen zu verhindern, als etwas Schlechtes ansieht („Konflikte sollen, zugespitzt formuliert, nicht moderiert, sondern eliminiert werden.“)!
    • nochmals von „funktionalen Ähnlichkeiten mit dem ständestaatlichen Modell“ spricht.
    • und zu guter Letzt enge strukturelle Bezüge zu Adolf Hitler herbeiredet, mit der Einschränkung, das heiße nicht „ihm (oder der Anthroposophie) kurzschlüssig die Schuld am Nationalsozialismus“ zu geben und er sei „nicht zum äußersten Antidemokraten wie Hitler“ geworden!
    • in diesem Sinne also regelrecht „schwarze Magie“ betreibt, während – wie all die vorausgegangenen Entstellungen zeigen – all seine Formulierungen bei nur leichten Abänderungen mit vollem Recht auf sein eigenes Werk angewandt werden können.

Einleitung

Zanders Intention ist es, Steiners Impulse fortwährend – so auch bei der Dreigliederung – einerseits auf den damaligen Alltag, andererseits auf die „Theosophie“ zurückzuführen:

[1286:] Ich vertrete [...] die These, daß sich die Dreigliederung keinem transhistorischen Strukturprinzip verdankt, sondern in tagespolitischen Debatten zwischen 1917 und 1919 entstand und nur sekundär und analogisierend an historische Dreiteilungen angebunden wurde. []
Der Ausgangspunkt von Steiners Dreigliederungskonzept liegt meines Erachtens in der Gesellschaftsordnung des Habsburgerreiches. [...] [>214]
[>214] [...] Steiner als Erben Humboldts in der Zurückdrängung der Staatstätigkeit zu verstehen [...], scheitert in Ermangelung nachweisbarer Bezüge.


Zander bleibt die „nachweisbaren Bezüge“ für seine Behauptungen schuldig. Steiner ist sehr wohl Geisteserbe Humboldts und ging zugleich in der Konkretheit des Dreigliederungs-Impulses deutlich über ihn hinaus.

Wie krass Zander im Gegensatz zur tagespolitischen Kontextualisierung andererseits argumentiert, die Dreigliederung sei im Prinzip eine religiöse Erlösungslehre [!], werden wir weiter unten sehen.

Über grundlegende Sekundärliteratur geht Zander ohne weiteres hinweg, und nur dies macht es ihm möglich, seine gewaltsamen Umdeutungen ins Werk zu setzen und bis zum bitteren Ende durchzuhalten:

[1242:] Für die historiographische Debatte weitgehend unbrauchbar sind die binnenreferentiellen anthroposophischen Darstellungen, etwa [...] Brüll: Der anthroposophische Sozialimpuls [...]; Leber: Selbstverwirklichung, Mündigkeit, Sozialität; Schmundt: Der soziale Organismus [...].

14.2. „Steiners Beschäftigung mit politischen Themen bis 1917“ [1242-1252]

Über Steiners frühe Äußerungen zur Zurückdrängung des Staates hat Zander nur zu sagen:

[1245:] Dabei kritisierte er 1898 „den Staat“, der dem „völlig freien Konkurrenzkampfe“ der „Individuen“ im Wege stehe [...]. Steiners anarchistische Phase blieb eine literarische Übung, die aber einmal mehr sein Unverhältnis gegenüber politischen Institutionen durchblicken läßt. In manchen Schärfen war sie jedoch auch Ausdruck seiner midlife-crisis [mit 27!? H.N.].


Die zitierte Stelle zeigt gerade sehr viel Gespür für die politische Realität:

Ich selbst habe kein Bedürfnis, meine Denkungsart mit einem gebräuchlichen Worte zu benennen.
Wenn ich aber in dem Sinne, in dem solche Dinge entschieden werden können, sagen sollte, ob das Wort „individualistischer Anarchist“ auf mich anwendbar ist, so müßte ich mit einem bedingungslosen „Ja“ antworten. Und weil ich diese Bezeichnung für mich in Anspruch nehme, möchte auch ich gerade in diesem Augenblicke mit wenigen Worten genau sagen, wodurch „wir“, die „individualistischen Anarchisten“, uns unterscheiden von denjenigen, welche der sogenannten „Propaganda der Tat“ huldigen. Ich weiß zwar, daß ich für verständige Menschen nichts Neues sagen werde. Aber ich bin nicht so optimistisch wie Sie, lieber Herr Mackay, der Sie einfach sagen: „Keine Regierung ist so blind und töricht, gegen einen Menschen vorzugehen, der sich einzig und allein durch seine Schriften, und zwar im Sinne einer unblutigen Umgestaltung der Verhältnisse, am öffentlichen Leben beteiligt.“ Sie haben, nehmen Sie mir diese meine einzige Einwendung nicht übel, nicht bedacht, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird.
Ich möchte also doch einmal deutlich reden. Der „individualistische Anarchist“ will, daß kein Mensch durch irgend etwas gehindert werde, die Fähigkeiten und Kräfte zur Entfaltung bringen zu können, die in ihm liegen. Die Individuen sollen in völlig freiem Konkurrenzkampfe sich zur Geltung bringen. Der gegenwärtige Staat hat keinen Sinn für diesen Konkurrenzkampf. Er hindert das Individuum auf Schritt und Tritt an der Entfaltung seiner Fähigkeiten. Er haßt das Individuum. Er sagt: Ich kann nur einen Menschen gebrauchen, der sich so und so verhält. Wer anders ist, den zwinge ich, daß er werde, wie ich will. Nun glaubt der Staat, die Menschen können sich nur vertragen, wenn man ihnen sagt: so müßt ihr sein. Und seid ihr nicht so, dann müßt ihr eben – doch so sein. Der individualistische Anarchist dagegen [...] weiß, daß man nicht durch Autorität und Gewalt die Menschen zur Freiheit erziehen kann. Er weiß dies eine: man macht den unabhängigsten Menschen dadurch den Weg frei, daß man jegliche Gewalt und Autorität aufhebt. Auf die Gewalt und die Autorität aber sind die gegenwärtigen Staaten gegründet.
September 1898, GA 39, 371f.


Im Kapitel „Theosophie und Politik“ versucht Zander, Steiner mit einem autokratisch betonten Zitat von Annie Besant in Verbindung zu bringen:

[1248f:] Für Annie Besant war es schließlich im August 1910 ganz selbstverständlich, daß „versucht werden“ „muss“, „in der zukünftigen Kultur autokratische und demokratische Ideen zu verbinden“.
Steiner hat diese Positionen, von der spirituellen Deutung der Politik im allgemeinen bis zur nicht demokratisierbaren Einsicht der Eingeweihten im besonderen, in ihren Grundzügen übernommen, wie sich im folgenden zeigen wird. Steiners demokratiekritische Haltung, die hierokratische Substruktion seiner Gesellschaftstheorie, ist theosophisches Erbe.


Und dann folgen abstruse Beispiele, deren wahrer Hintergrund viel eher zeigt, „wie erstaunlich weit sich Steiner mit seiner Dreigliederung von ihr [der theosophischen Tradition] entfernt“ (Strawe):

[1249:] Es hat sich vor allem nach 1918 praktisch ausgeprägt, aber schon an einigen Äußerungen aus den Jahren 1914 lassen sich die politischen Implikate dieser ansonsten beschaulichen Vorkriegsesoterik dokumentieren.
(1.) In der Auslaufphase der Tätigkeit an der Arbeitserbildungsschule hielt Steiner im Oktober 1905 einen Vortrag über „die soziale Frage und die Theosophie“. Seine Antwort auf die Soziale Frage individualisierte den gesamten Problemkomplex: [...]. Die politische Dimension der Arbeiterfrage war verschwunden.

Wie das? Steiner hatte nur darauf hingewiesen, dass ein Theosoph nicht Programme vorweisen, sondern sagen wird: „bringe Menschen, die Theosophen sind, in alle diese Fragen betreffenden Institutionen hinein“. Wie soll es auch anders gehen!? In demselben Aufsatz formulierte Steiner aber auch die Forderung nach Trennung von Lohn und Arbeit!

[1249:] (2.) Die bestehenden Verhältnisse hat er karmisch gerechtfertigt, Politik wurde spiritualisiert. 1912 beschrieb er etwa das Verhältnis von Lohn und Arbeit folgendermaßen:

Selbstverständlich muß die bestehende Lebensordnung zunächst so bleiben, denn gerade der Anthroposoph muß einsehen, daß das, was besteht, wiederum durch die Karmaordnung hervorgerufen worden ist, und daß es in dieser Beziehung zu Recht und mit Notwendigkeit besteht.
21.2.1912, GA 135, 67 [Zander zitiert: GA 35, 88!].

Tatsächlich wollte Steiner nicht, dass man blind revolutionär die Verhältnisse umstürzt. Der obige Satz jedoch war von grunderschütternden Ideen umrahmt – nämlich auch hier wieder der Trennung von Lohn und Arbeit:

Alles äußere Leben, so wie es sich uns heute darbietet, ist aber überall ein Bild eines solchen menschlichen Zusammenhanges, der geformt und gebildet worden ist mit Ausschluß, ja mit Verleugnung der Idee von Reinkarnation und Karma. Und gleichsam, als ob man verschütten wollte alle Möglichkeiten, daß die Menschen durch die eigene Seelenentwickelung darauf kommen könnten, daß es Reinkarnation und Karma gibt, so ist dieses äußere Leben heute eingerichtet. In der Tat, es gibt zum Beispiel nichts, was so sehr feindlich gesinnt ist einer wirklichen Überzeugung von Reinkarnation und Karma als der Grundsatz des Lebens, daß man für dasjenige, was man unmittelbar als Arbeit leistet, einen der Arbeit entsprechenden Lohn, der die Arbeit geradezu bezahlt, einheimsen müsse. [...] Nun müssen Sie die Sache auch nicht so betrachten, als wenn die Anthroposophie nun gleich radikal die Grundsätze einer Lebenspraxis über den Haufen werfen und über Nacht eine neue Lebensordnung einführen wollte. Das kann nicht sein. Aber der Gedanke müßte den Menschen nahetreten, daß in der Tat in einer Weltordnung, in der man daran denkt, Lohn und Arbeit müßten sich unmittelbar entsprechen, in der man sozusagen durch seine Arbeit dasjenige verdienen muß, was zum Leben notwendig ist, niemals eine wirkliche Grundüberzeugung von Reinkarnation und Karma gedeihen kann. Selbstverständlich muß die bestehende Lebensordnung zunächst so bleiben, denn gerade der Anthroposoph [...]. Aber er muß durchaus die Möglichkeit haben zu begreifen, daß sich wie ein neuer Keim innerhalb des Organismus unserer Weltordnung dasjenige entwickelt, was aus der Anerkennung der Idee von Reinkarnation und Karma folgen kann und muß.

 

 

[1250:] (3.) Zur Freiheit als Voraussetzung politischen Handelns hatte Steiner ein gebrochenes Verhältnis, weil es in der diesseitigen Welt keinen freien Willen gebe:
Das Wort „freier Wille“ ist schon falsch; denn man muß sagen: Frei wird der Mensch erst durch seine sich immer steigernde Erkenntnis und dadurch, daß er immer höher steigt und immer mehr hineinwächst in die geistige Welt. Dadurch erfüllt er sich immer mehr und mehr mit dem Inhalt der geistigen Welt.“ (GA 120,221 [1910])

Hier liegt das grundlegende Nichtverstehen Zanders. Der Satz geht aber noch weiter, was Zander unterschlägt:

Dadurch erfüllt er sich immer mehr und mehr mit dem Inhalt der geistigen Welt und wird immer mehr ein Wesen, das seinen Willen bestimmt. Nicht der Wille kann frei werden, sondern der Mensch als solcher kann frei werden, indem er sich durchdringt mit dem, was er auf dem vergeistigten Gebiet des Weltendaseins erkennen kann.
28.5.1910, GA 120, 221.


Im Abschnitt „...am Vorabend des Krieges“ heißt es:

[1253:] Steiners deutschnationaler Kulturimperialismus war nur eine der möglichen theosophischen Haltungen zum Ersten Weltkrieg.


Thomas Meyer schreibt dazu [o]:

Hat Steiner jemals einen deutschnationalen Kulturimperialismus vertreten? Wenn schon im Zusammenhang mit ihm das Wort „deutsch“ verwendet werden soll, dann müsste man sagen: Steiner versuchte gerade aufzuzeigen, dass das wahre deutsche Element in einem auf geistig-kultureller Ebene liegenden Deutsch-Universalen liegt, nicht in einem Deutschnationalen! Das Deutschnationale ist nichts als die Karikatur, die infolge des Abrückens vom deutsch-universalen Element, das zum Beispiel in der Goethezeit noch erlebte Realität war, mehr und mehr in Erscheinung getreten ist. Diese Gefahr, die mit der Reichsbildung 1871 zunahm, hatte Nietzsche in prägnanter Weise als die Gefahr der „Extirpation des deutschen Geistes zugunsten des deutschen Reiches“ bezeichnet.
Meyer, Thomas: Helmut Zander und sein dilettantischer Wissenschaftsbegriff. Der Europäer, Oktober 2007. [o]


Und Steiner selbst:

Der Aufruf „an das deutsche Volk und an die Kulturwelt“ hat darauf hingewiesen. Das Deutsche Reich war „in den Weltzusammenhang hineingestellt ohne wesenhafte, seinen Bestand rechtfertigende Zielsetzung“. Diese Zielsetzung hätte nicht so sein dürfen, daß nur militärische Macht sie zu tragen hatte, konnte überhaupt nicht auf Machtentfaltung im äußeren Sinne gerichtet sein. Sie konnte nur auf die innere Entwickelung seiner Kultur gerichtet sein. Durch eine solche Zielsetzung hätte Deutschland niemals sein Wesen aufzubauen gebraucht auf Dinge, die es in Konkurrenz und dann in offenen Konflikt bringen mußten mit anderen Reichen, denen es in der Entfaltung der äußeren Macht doch unterliegen mußte. Ein Deutsches Reich hätte eine von dem äußeren Machtgedanken absehende Politik, eine wahre Kulturpolitik entwickeln müssen.
Mai 1919, GA 24, 381.

14.3. „Die Politisierung Steiners im Ersten Weltkrieg“ [1253-1285]

In diesem Kapitel geht Zander auch auf die „Völkerpsychologie“ ein – und unterstellt Steiner auch hier wieder nationalistische – und das heißt in Zanders Kontext im Grunde: kriegstreiberische – Motive.

[1253f:] Völkerpsychologische Hierarchisierungen waren nach 1900 ubiquitär in Steiners Oevre verbreitet, eingebettet in eine evolutive Rassentheorie (s. 7.5.4). „Der Russe glaubt Krieg zu führen um die Religion, der Engländer um die Konkurrenz, der Franzose um die Gloire, der Italiener und Spanier um die Heimat, der Deutsche führt den Kampf um die Existenz.“ (GA 157,46), lautete im Oktober 1914 das Stakkato der Vereindeutigungen. [...]
Steiners völkerpsychologische Vorstellungen gehen auf das Repertoire der nationalistischen Wahrnehmungsstereotypen des 19. Jahrhunderts zurück. [...] Die theosophische Völkerpsychologie war ein Derivat der Nationalismusdebatte des späten 19. Jahrhunderts.


In dem genannten Vortrag sagt Steiner zuvor:

Ich habe versucht, das, was man bei den einzelnen Völkern gegenüber dem Kriege empfinden kann, auf die prägnante Formel zu bringen, und habe gesagt [...]


Und wenig später:

Wenn wir so versuchen, zum inneren Verständnisse desjenigen zu kommen, was uns jetzt entgegentritt, wenn wir versuchen aus der Maja herauszukommen und in die Wahrheit hineinzukommen, dann dürfen wir uns auch sagen, daß wir nicht eine abstrakte Anthroposophie treiben, die sich fürchtet vor dem Erkennen. Denn es hieße Furcht haben vor dem Erkennen, wenn man [...] davor zurückbeben würde, die Volkscharaktere in ihren wahren Grundlagen zu erkennen. Gerade dann befolgen wir ihn, wenn wir uns dem Menschen nähern, wie er ist, und wirklich in seine Seele blicken wollen. Und dann sprechen wir am meisten zu dem Unvergänglichen des Menschen, und dann finden wir auch das, was über das Nationale hinausgeht, was zu dem Ewigen hingeht, und finden die Gefühle und Empfindungen, die sich an das Ewige im Menschen richten können. Und dann finden wir die Möglichkeit, dasjenige herbeizuführen, was doch herbeigeführt werden muß. Denn denken Sie, Menschenheil und Menschenfortschritt leiden nicht, wenn die Stimmungen, die jetzt die europäischen Völker durchdringen, bleiben sollten? Stimmungen, die ja außerdem nur aus der Maja herausgeboren sind! Von dem Gesichtspunkt der Notwendigkeit, die darin besteht, daß sich die Menschen wieder verstehen lernen [...]. [...]
Diese Dinge zu erleben, das erschüttert die Seele. Und so gibt es viele Dinge, die jetzt darinnenstehen in dem Auf- und Abwogen jener astralischen Impulse, die aus den Gemütern der Menschen in die geistige Welt hinaufziehen. Und Ihnen darf ich es sagen: ein Gleiches wie in den letzten Monaten habe ich vorher nicht erlebt; etwas, was die Seelen in so furchtbare Wogen gebracht hat. Daraus aber ist auch zu entnehmen, was dort in der geistigen Atmosphäre spielt. Und es müssen, wenn das kommen soll, was in der geistigen Atmosphäre kommen muß, in dieselbe Gedanken hinein, die nur von Seelen kommen können, welche die geistige Welt begriffen haben. So intensiv und so inbrünstig man nur bitten kann, werden daher Ihre Seelen gebeten, Gedanken zu fassen, die wir anzuregen versuchen durch Betrachtungen wie die heutigen [...] und die nur Seelen, welche durch die Geisteswissenschaft hindurchgegangen sind, in die geistige Welt hinaufsenden können. Denn schon während des Krieges und nachher erst recht, werden die Seelen solche Gedanken brauchen. [...]
Und wenn das, was wir betrachtet haben, wirklich in unsere Seelen übergegangen ist, wenn unsere Seelen als Seelen, die jetzt in der Geisteswissenschaft gelebt haben, in die geistige Welt hinaufströmen lassen das die Menschen Befriedende, dann hat sich unsere Geisteswissenschaft in diesen schicksalschweren Zeiten bewährt!
31.10.1914, GA 157, 44f.


Während Zander überall den autoritativen Anspruch auf Kontextualisierung erhebt, stellt Strawe fest:

Die Schwäche von Zanders Darstellung der Memoranden besteht vor allem darin, dass sie den Kontext ignoriert, in dem diese mit früheren Denkansätzen Steiners stehen. So ist das 1898 formulierte soziologische Grundgesetz konstitutiv für die Dreigliederung als Keimzelle von Steiners Auffassung über die Freiheit des Geisteslebens und die Schutz- und Förderfunktion des modernen Staates für sie. Ebenso wichtig ist das soziale Hauptgesetz (1904/1905) für die spätere Behandlung der „Kardinalfrage“ und der assoziativen Gestaltung des Wirtschaftslebens in den Jahren ab 1918/19. Dass Zander diese Texte nicht als Quellpunkte der Dreigliederung erkennt, ist um so merkwürdiger, als er beide immerhin erwähnt. Das ebenfalls bedeutsame sogenannte „soziale Urphänomen“ (1918) dagegen wird nirgends auch nur gestreift.

14.5. „Steiners Dreigliederungstheorie“ [1301-1332]

Beginnend mit den „Kernpunkten“, braucht Zander zunächst einmal „Begriffe“ für die Kontextualisierung der Dreigliederung – und findet sie als Überschrift: „a. Triadische und organologische Grundstruktur“. Dann schreibt er:

[1302:] Sein analytischer Ansatz bildete die Scheidung von drei gesellschaftlichen Bereichen [...]. Dabei werde die horizontale Schichtung in „Klassen“ oder „Stände“ durch eine vertikale ersetzt, bei der der Mensch „mit seinem Leben in jedem der drei Glieder wurzeln wird“ (ebd., 140).


Ein absoluter Unsinn! Zander will Steiner um jeden Preis eine „vertikale Schichtung“ unterstellen. Dabei ist erstens der Ständestaat eine mehr oder weniger vertikale Schichtung, und zweitens hat Steiner weder von horizontal, noch von vertikal, noch überhaupt von Schichtung gesprochen – Zander legt ihm also regelrechte Lügen in den Mund!

Die dargestellten einzelnen Lebenseinrichtungen werden gezeigt haben, daß es bei der zugrunde liegenden Denkungsart sich nicht, wie mancher meinen könnte – und wie tatsächlich geglaubt wurde, als ich hier und dort das Dargestellte mündlich vorgetragen habe –, um eine Erneuerung der drei Stände, Nähr-, Wehr- und Lehrstand handelt. Das Gegenteil dieser Ständegliederung wird angestrebt. Die Menschen werden weder in Klassen noch in Stände sozial eingegliedert sein, sondern der soziale Organismus selbst wird gegliedert sein. Der Mensch aber wird gerade dadurch wahrhaft Mensch sein können. Denn die Gliederung wird eine solche sein, daß er mit seinem Leben in jedem der drei Glieder wurzeln wird.
GA 23, 140.


Interessant ist, dass Zander sich später in Bezug auf die eine Pervertierung selbst Lügen straft (ein unkontrollierter Moment?):

[1351:] Steiners Modell hat seine nächsten funktionalen Ähnlichkeiten mit dem ständestaatlichen Modell, nur ist die vertikale Ordnung einer horizontalen Differenzierung gewichen.


In jedem Fall ist Zander mit seiner Deutung schon fertig:

[1303:] Diese Teilung ist auf einen gesellschaftlichen „Körper“ oder „Organismus“ bezogen, zu dessen Darstellung er wie in kaum einem Bereich seines Werks naturale Metaphern in soziale Bereiche übertragen hat. [...] Nur dreigeteilt erhalte man einen „gesunden sozialen Organismus“. [...] Organologische Vorstellungen in der Politik sind meist autoritär strukturiert, weil in organischen Systemen der einzelne funktional dem „Ganzen“ untergeordnet ist. Ausnahmen, die es auch im 19. Jahrhundert gibt, bestätigen diese Regel [>284].
[>284] Bei Virchow bildete die Metapher des Organismus zur Beschreibung von Staat und Gesellschaft eine Option für „einen ‚freien Staat gleichberechtigter Einzelwesen, der zusammenhält, weil die einzelnen aufeinander angewiesen sind’“ [...]


Zander suggeriert also, dass Steiners Idee nicht zu diesen Ausnahmen gehört. Konsequent spricht Zander von Teilung, weil er Steiners Idee nicht nachvollziehen kann. Er kann nicht einmal einzelne Sätze sachgerecht so nehmen, wie sie dastehen. Es ist eben nicht der Mensch, der sich in diese Gliederung ein- und unterordnen muss (wie in der Ständegesellschaft), die Menschen werden nicht eingegliedert sein, sondern der soziale Organismus selbst wird gegliedert sein – und jeder einzelne Mensch wird in allen Gliedern darinnenstehen und dadurch wahrhaft Mensch sein können.

 

Niemals ist es mir eingefallen, von einer „Dreiteilung“ zu sprechen. Geradeso wenig, wie man beim Menschen den Kopf extra haben kann, das Zirkulationssystem extra haben kann, das Stoffwechselsystem extra haben kann, ebenso wenig kann man beim sozialen Organismus das Geistesleben, das Wirtschaftsleben und das Rechtsleben jedes einzelne extra haben.
GA 255b, S. 317.


Getrieben, ja gleichsam besessen von seiner Grundhypothese missdeutet Zander im Abschnitt „Wirtschaft“:

 

[1307:] Offenbar um dem Missbrauch durch eine (zu lange) Arbeitszeit zu begegnen, hatte Steiner schon im Frühjahr 1919 vorgeschlagen, die Zeitregelung „durch ein von dem Wirtschaftsleben unabhängiges Leben“, also durch das Geistesleben, vornehmen zu lassen (GA 328,121).


Stattdessen verweist Rudolf Steiner hier auf das Rechtsleben – und wiederum in das Zentrum der sozialen Frage. Zander liest dies gar nicht, der wirkliche Inhalt interessiert ihn nicht, nur der Kontext, und selbst der wird hineininterpretiert! Das Originalzitat lautet:

Denken Sie sich nun das Arbeits-Rechtsleben ganz abgesondert auf der anderen Seite von dem Wirtschaftsleben, dann wird sich, wenn nicht mehr wirtschaftliche Interessen in die Festsetzung der Arbeitszeit, in die Verwendung der Arbeitskraft selbständig hineinspielen in den rein menschlichen Verkehr zwischen Mensch und Mensch, etwas bilden, unabhängig vom Wirtschaftsleben, das von der anderen Seite ebenso hineinspielt in dieses Wirtschaftsleben, wie von jener Seite hineinspielen die von der Naturgrundlage gegebenen Faktoren. [...]
Man wird sich in der Zukunft, wenn der soziale Organismus lebensfähig sein soll, auch danach zu richten haben, wie produziert werden muß, wie die Warenzirkulation verlaufen muß. Wenn nicht diese Warenzirkulation bestimmt Entlohnung, Arbeitszeit, Arbeitsrecht überhaupt, sondern wenn unabhängig von der Warenzirkulation, von dem Warenmarkt, auf dem Gebiete des staatlichen Rechtslebens, bloß aus den menschlichen Bedürfnissen, bloß aus rein menschlichen Gesichtspunkten heraus die Arbeitszeit festgesetzt werden wird, dann wird es so sein, daß einfach eine Ware so viel kostet, als das Notwendige kostet zu ihrer Aufbringung der Zeit, die für eine bestimmte Arbeit notwendig ist, die aber geregelt ist durch ein von dem Wirtschaftsleben unabhängiges Leben [...].
25.2.1919, GA 328, 120f.


Zander missdeutet weiter:

[1307f:] Der Staat war nun im Dreigliederungskonzept nicht der Ort, wo divergierende gesellschaftliche Interessen zusammengeführt und grundlegende Entscheidungen des Gemeinwesens getroffen würden. Vielmehr lag die Macht dazu, folglich auch über die Ökonomie, für Steiner im „Geistesleben“: Wer einen
„Sinn hat für die soziale Wirkung des innerlich vereinten Erlebens einer in Gemeinschaft betriebenen Sache, der wird ... durchschauen, wie die wirtschaftliche Produktivität gefördert wird, wenn die auf Kapitalgrundlage beruhende Leitung des Wirtschaftslebens in dem Gebiet des freien Geisteslebens seine Wurzeln hat.“ (GA 23,98)
Was hinter dieser religiös getönten Metaphorik – erleben, schauen – steckt, wird noch zur Sprache kommen (s.u. 14.5.1g).


Zander meint natürlich wieder einmal den Herrschaftsanspruch der Eingeweihten. Selbst die einfachsten Worte werden missbraucht. Offenbar erlebt Zander niemals eine in Gemeinschaft betriebene Sache. Offenbar ist bei ihm „durchschauen“ dasselbe wie „schauen“. Und so weiter...

Was Steiner auch hier wieder in Wirklichkeit sagt, ist einmal mehr hoch aktuell. Denn er spricht von einem freien Vertragsverhältnis zwischen den Arbeitern und denjenigen, die die Arbeit im Sinne der Sache organisieren – und zwar losgelöst von dem bloßen, unmenschlichen Profitstreben! Spätestens hier muss man sich fragen, welchen restaurativen und ultra-konservativen Kräften Zander dient!

Im gesunden sozialen Organismus soll der proletarische Arbeiter nicht an seiner Maschine stehen und nur von deren Getriebe berührt werden, während der Kapitalist allein weiß, welches das Schicksal der erzeugten Waren im Kreislauf des Wirtschaftslebens ist. Der Arbeiter soll mit vollem Anteil an der Sache Vorstellungen entwickeln können über die Art, wie er sich an dem sozialen Leben beteiligt, indem er an der Erzeugung der Waren arbeitet. Besprechungen, die zum Arbeitsbetrieb gerechnet werden müssen wie die Arbeit selbst, sollen regelmäßig von dem Unternehmer veranstaltet werden mit dem Zweck der Entwickelung eines gemeinsamen Vorstellungskreises, der Arbeitnehmer und Arbeitgeber umschließt. Ein gesundes Wirken dieser Art wird bei dem Arbeiter Verständnis dafür erzeugen, daß eine rechte Betätigung des Kapitalverwalters den sozialen Organismus und damit den Arbeiter, der ein Glied desselben ist, selbst fördert. Der Unternehmer wird bei solcher auf freies Verstehen zielenden Öffentlichkeit seiner Geschäftsführung zu einem einwandfreien Gebaren veranlaßt.
Nur, wer gar keinen Sinn hat für die soziale Wirkung des innerlichen vereinten Erlebens einer in Gemeinschaft betriebenen Sache, der wird das Gesagte für bedeutungslos halten. Wer einen solchen Sinn hat, der wird durchschauen, wie die wirtschaftliche Produktivität gefördert wird, wenn die auf Kapitalgrundlage ruhende Leitung des Wirtschaftslebens in dem Gebiete des freien Geisteslebens seine Wurzeln hat. Das bloß wegen des Profites vorhandene Interesse am Kapital und seiner Vermehrung kann nur dann, wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, dem sachlichen Interesse an der Hervorbringung von Produkten und am Zustandekommen von Leistungen Platz machen.
Die sozialistisch Denkenden der Gegenwart streben die Verwaltung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft an. Was in diesem ihrem Streben berechtigt ist, das wird nur dadurch erreicht werden können, daß diese Verwaltung von dem freien Geistesgebiet besorgt wird. Dadurch wird der wirtschaftliche Zwang unmöglich gemacht, der vom Kapitalisten dann ausgeht und als menschenunwürdig empfunden wird, wenn der Kapitalist seine Tätigkeit aus den Kräften des Wirtschaftslebens heraus entfaltet. Und es wird die Lähmung der individuellen menschlichen Fähigkeiten nicht eintreten können, die als eine Folge sich ergeben muß, wenn diese Fähigkeiten vom politischen Staate verwaltet werden.
GA 23, 97f.


Das freie Geistesleben hat Zander schlicht nicht verstanden und kommt so zu selbstkonstruierten Widersprüchen:

[1309:] Das Geistesleben profilierte Steiner durch zwei Eigenheiten: Zum einen fordere das „freie Geistesleben“ dezidiert „volle Selbstverwaltung“ (GA 23,10), dies hatte es mit Wirtschafts- und Rechtsleben gemein. Aber zum anderen war das Geistesleben den anderen Bereichen übergeordnet: „Im geistigen Gebiet waltet eine über das materielle Außenleben hinausgehende Wirklichkeit, die ihren Inhalt in sich selber trägt.“ (ebd. 82). Dahinter stand eine Hierarchisierung, die der gleichberechtigten Koexistenz der drei Funktionsbereiche der Dreigliederung zuwiderläuft und die Frage nach deren Zuordnungsverhältnis scharf aufwarf (s.u. 14.5.1g).

14.5.1g „Geistesaristokratie und Demokratie“

Den wesentlichen Dreigliederungsgedanken zitiert Zander in diesem ominösen Abschnitt – und nimmt ihn nicht ernst bzw. versteht ihn nicht:

Demokratie heißt: die Möglichkeit, daß die Menschen in bezug auf dasjenige, was für alle gleiche Angelegenheiten sind, was für jeden mündig gewordenen Menschen Angelegenheit des Lebens ist, [...] selber entscheiden. [...]
Zwei Gebiete können niemals im Menschenleben demokratisch entschieden werden: das eine Gebiet ist dasjenige des Geisteslebens und das andere Gebiet ist dasjenige des Wirtschaftslebens. Gerade, wer es ehrlich meint mit der Demokratie, der muß sich klar darüber sein [diesen Vor-Satz lässt Zander aus! H.N.]: Wenn volle Demokratie werden soll, dann muß aus dem Gebiete des bloß demokratischen Staates ausgesondert werden auf der einen Seite das Geistesleben, auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben.
18.4.1920, GA 334, 179.


Von einem solchen Verständnis weit entfernt, ist auch Zanders eine Seite langer, aber zugleich ein-seitiger Abschnitt „Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Kooperation in der Dreigliederung“ ein einziges Missverstehen des Freien Geisteslebens:

[1313:] Steiner wollte die Eigenlogik und Eigengesetzlichkeit von Sachbereichen vor einer funktionalen Fremdbestimmung schützen [Ja! H.N.]. Mit dieser Differenzierung stellte sich aber die Frage, wie der Zusammenhang dieses Staatsgebildes gewährleistet werden kann, soll der „Organismus“ nicht in zusammenhanglose Teile auseinanderfallen.
Die Antwort fiel angesichts des demonstrativen Differenzierungsansatzes überraschend eindeutig aus. Zur Steuerungsinstanz für den Zusammenhang und Zusammenhalt des Organismus bestimmte Steiner das Geistesleben. Die Rede vom „Eingreifen des Geisteslebens“ kam Steiner leicht über die Lippen (GA 23,101) [...]; das Wirtschaftsleben werde vom geistigen Leben geprägt, insofern „die aus dem geistigen Leben stammenden technischen Ideen“ in das Wirtschaftsleben „einfließen“ (ebd., 86). [...] Auch in den Äußerungen nach der Veröffentlichung der „Kernpunkte“ hat Steiner den Primat des Geisteslebens bekräftigt: Es werde „die Stoßkraft entwickeln, unmittelbar in das äußerlich wirkliche Rechts- und Wirtschaftsleben einzugreifen“ (ebd., 160). Aus einer „freien Geistgemeinschaft“, schrieb Steiner schließlich 1920 ins Vorwort der neu aufgelegten „Kernpunkte“, „können das Staats- und Wirtschaftsleben die Kräfte empfangen, die sie sich nicht geben können“ (GA 23,11).


Es ist zum Verzweifeln! Zander hat keinen realen Begriff für „Geistesleben“! Die Erfindungen, die in das Wirtschaftsleben einfließen, sind Geistesleben. Die Ideen, die das Kapital sinnvoll leiten könnten, wären Geistesleben. Die Ideen, die das Politische befruchten könnten, wären Geistesleben. Die Ideen, die die völlig erstarrte Rechts- oder Wirtschaftswissenschaft befruchten könnten, wären Geistesleben. Zander ahnt überhaupt nicht, wie geistlos unsere heutige Zeit ist – wie auch, ist er doch einer ihrer Hauptvertreter!

Was sagt Steiner über das „Eingreifen des Geisteslebens“? Es handelt sich um nichts anderes als das Wirksamwerden individueller menschlicher Fähigkeiten, und zwar möglichst ohne Abhängigkeit von oder Lenkung durch z.B. wirtschaftliche(n) Interessen! Dieses „Eingreifen“ findet also immer statt – entweder gelähmt und korrumpiert, oder aber in gesunder Weise.

Was auf der Grundlage des Kapitals für den sozialen Organismus geleistet wird, beruht seinem Wesen nach auf der Art, wie die individuellen menschlichen Fähigkeiten in diesen Organismus eingreifen. Die Entwickelung dieser Fähigkeiten kann durch nichts anderes den ihr entsprechenden Impuls erhalten als durch das freie Geistesleben. Auch in einem sozialen Organismus, der diese Entwickelung in die Verwaltung des politischen Staates oder in die Kräfte des Wirtschaftslebens einspannt, wird die wirkliche Produktivität alles dessen, was Kapitalaufwendung notwendig macht, auf dem beruhen, was sich an freien individuellen Kräften durch die lähmenden Einrichtungen hindurchzwängt. Nur wird eine Entwickelung unter solchen Voraussetzungen eine ungesunde sein.
Nicht die freie Entfaltung der auf Grundlage des Kapitals wirkenden individuellen Fähigkeiten hat Zustände hervorgerufen, innerhalb welcher die menschliche Arbeitskraft Ware sein muß, sondern die Fesselung dieser Kräfte durch das politische Staatsleben oder durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Dies unbefangen zu durchschauen, ist in der Gegenwart eine Voraussetzung für alles, was auf dem Gebiete der sozialen Organisation geschehen soll. Denn die neuere Zeit hat den Aberglauben hervorgebracht, daß aus dem politischen Staate oder dem Wirtschaftsleben die Maßnahmen hervorgehen sollen, welche den sozialen Organismus gesund machen. Beschreitet man den Weg weiter, der aus diesem Aberglauben seine Richtung empfangen hat, dann wird man Einrichtungen schaffen, welche die Menschheit nicht zu dem führen, was sie erstrebt, sondern zu einer unbegrenzten Vergrößerung des Bedrückenden, das sie abgewendet sehen möchte.
Über den Kapitalismus hat man denken gelernt in einer Zeit, in welcher dieser Kapitalismus dem sozialen Organismus einen Krankheitsprozeß verursacht hat. Den Krankheitsprozeß erlebt man; man sieht, daß ihm entgegengearbeitet werden muß. Man muß mehr sehen. Man muß gewahr werden, daß die Krankheit ihren Ursprung hat in dem Aufsaugen der im Kapital wirksamen Kräfte durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. [...]
Daß für ein unbefangenes Urteil über das Eingreifen des Geisteslebens in den sozialen Organismus gegenwärtig wenig Veranlagung vorhanden ist, rührt davon her, daß man sich gewöhnt hat, das Geistige möglichst fern von allem Materiellen und Praktischen vorzustellen. Es wird nicht wenige geben, die etwas Groteskes in der hier dargestellten Ansicht finden, daß in der Betätigung des Kapitals im Wirtschaftsleben die Auswirkung eines Teiles des geistigen Lebens sich offenbaren soll.
GA 23, 99ff.


Und gerade Zander hat eben absolut kein unbefangenes Urteil! Statt um einen „hegemonistischen Übergriff des Geisteslebens in Recht und Wirtschaft“ [1314] geht es gerade um eine Befreiung des Geisteslebens von den Übergriffen des Staates und der Wirtschaft!

[1315:] Deshalb läuft die Logik der Eigengesetzlichkeit des Geisteslebens mit Steiners Differenzierungsmodell in eine selbstgestellte Falle, weil er demokratische Verfahren auf das Rechtsgebiet beschränkte und nicht einkalkulierte, daß es auch in den [sic!] Wirtschafts- und Geistesleben umstrittene und mit jeweils guten Argumenten untermauerte Positionen geben könnte, die [...] unter Zugrundelegung demokratischer Verfahrensweisen entschieden werden müssen.


Zander will nicht sehen, dass die Abstimmungsprozesse innerhalb der einzelnen Glieder des sozialen Organismus etwas ganz anderes wären, als ein Hineinregieren des Staates in das Geistesleben, des Wirtschaftslebens in das Politische usw.! Zanders Ignoranz ist angesichts des heutigen Versagens aller Ebenen (Wirtschaftsleben, Politik und Geistesleben!) – man schaue nur auf die „Finanzkrise“, die seit 2007 bedrohlichste Züge annimmt – unfassbar. Stattdessen polemisiert er weiter:

[1315:] Mit welcher Tiefe Steiner allerdings die Trennung von Funktionsbereichen durch die Hegemonie des Geisteslebens [...] zurücknahm, erkennt man in Steiners Begründungen der Autorität des Geisteslebens. In einem öffentlichen Vortrag postulierte er am 29. Oktober 1919 die schlichte Evidenz seines Ansatzes:
„Diese Dreigliederung des sozialen Organismus ist nicht irgendeine Idee, ... sondern ... ergibt sich aus einer objektiven Betrachtung der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit in der neueren Zeit“ (GA 332a,153).
„Objektive Betrachtung“ war selbstverständlich bei Steiner auf geistige, „höhere“ Erkenntnis gegründet, was er an dieser Stelle aber so deutlich nicht sagte.


Unter Hinweis auf die von Zander völlig unbeachtete Frage der Bewusstseinsseele kommentiert Strawe [o]:

Die Vollendung der Demokratie, das ist die Pointe der Kritik an ihrer Reduktion auf das Mehrheitsprinzip, erfordert volle Anerkennung des mündigen Menschen und seiner Freiheit, aus eigener Einsicht zu handeln. Sonst tritt an die Stelle von Gleichheit Gleichmacherei. Demokratie als Mündigkeitsimpuls verkehrt sich ins Gegenteil – Entmündigung –, wenn der Einzelne mit seinen Impulsen gegenüber der Mehrheit als Bittsteller auftreten muss – in jenen Bereichen, in denen die direkteste Form der Demokratie eben die Bestimmung der Verhältnisse durch den Einzelnen ist oder die Verständigung zwischen Einzelnen im modernen Vertragswesen. Dass die Mehrheit nicht zur neuen Obrigkeit werden darf, dass die Menschenrechte dem Einzelnen nicht von der Gemeinschaft verliehen und deshalb irreversibel und im Wesensgehalt unantastbar sind, – das ist heute ein Grundkonsens im modernen demokratischen Rechtsstaat, wenn auch bei der Umsetzung nach wie vor „Gliederungsbedarf“ herrscht: was ist majoritär entscheidbar und was nicht?
Zanders Deutung blendet diesen Zusammenhang von Demokratie, Menschenrechten und sozialer Dreigliederung leider nahezu vollständig aus. Er verkennt, dass es in „politiktheoretischer Perspektive“ in der Dreigliederung gerade nicht um Unterwerfung unter die volonté générale geht, sondern um die Begrenzung ihrer Wirksamkeit durch den durch die Menschenrechte geschützten ethischen Individualismus. Die Durchlässigkeit des sozialen Organismus für in Verantwortung gelebte Freiheit ist der thematische Faden, der sich von der Philosophie der Freiheit über das soziologische Grundgesetz, das soziale Hauptgesetz und die Dreigliederungsdarstellung der „Kernpunkte“ 1919 bis zum Nationalökonomischen Kurs 1922 zieht.


Es ist bezeichnend, dass Zander die „Philosophie der Freiheit“ nicht im geringsten verstanden hat. Diese aber bildet die Brücke zwischen der freien Individualität und der Gemeinschaft:

Daher darf ich sagen, dass in einem gewissen Sinne die Ergänzung zu meiner „Philosophie der Freiheit“ meine „Kernpunkte der sozialen Frage“ sind. Wie meine „Philosophie der Freiheit“ untersucht, woraus beim einzelnen Menschen die Kräfte zur Freiheit kommen, so untersuchen meine „Kernpunkte der sozialen Frage“, wie der soziale Organismus beschaffen sein muss, damit der einzelne Mensch sich frei entwickeln kann. Und das sind im Grunde genommen die beiden großen Fragen, die uns im öffentlichen Leben der Gegenwart beschäftigen müssen.
17.3.1920, GA 334, 105.


Zander erwähnt auch z.B. nirgendwo folgende Sätze Steiners:

Der Staat und die Gesellschaft, die sich als Selbstzweck ansehen, müssen die Herrschaft über das Individuum anstreben, gleichgültig wie diese Herrschaft ausgeübt wird, ob auf absolutistische, konstitutionelle oder republikanische Weise. Sieht sich der Staat nicht mehr als Selbstzweck an, sondern als Mittel, so wird er sein Herrschaftsprinzip auch nicht mehr betonen. Er wird sich so einrichten, daß der Einzelne in größtmöglicher Weise zur Geltung kommt. Sein Ideal wird die Herrschaftlosigkeit sein. Er wird eine Gemeinschaft sein, die für sich gar nichts, für den Einzelnen alles will.
GA 31, 256.


Und inmitten der Stuttgarter Betriebsräte-Bewegung sagt Rudolf Steiner folgendes:

In bezug auf die Frage, ob zur Durchführung einer wirklichen Sozialisierung die Demokratie eine Notwendigkeit ist, möchte ich das Folgende sagen. [...] Allein, man wird sich gerade in diesem Punkt darüber klar sein müssen, daß wir heute eben nicht vor kleinen, sondern vor großen Abrechnungen der Weltgeschichte stehen. Es muß vieles anders werden, und es wird nur anders werden, wenn wir uns gerade in bezug auf die allerwichtigsten Dinge dazu bequemen, etwas anderes anzustreben, als was bisher vorhanden war. Wer heute nicht bloß auf die Gepflogenheiten früherer Zeiten zurückblickt, sondern heute sehen kann, was die Menschen wollen, der wird mit den verschiedensten realen Faktoren rechnen.
Sehen Sie, der Herr Vorredner hat zum Beispiel gesagt, daß eine kleine Kaste die Menschen in den Weltkrieg hineingetrieben hat. Nun, es wird durch mich in den nächsten Tagen eine kleine Broschüre über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges erscheinen, in der gezeigt werden wird, wie klein die Zahl derer war, die zum Beispiel von deutscher Seite her die Sache betrieben haben. Diese kleine Gruppe hat in ihrer Art ganz aus den Verhältnissen aus grauer Urzeit heraus gewirkt. Da sind einfach die alten Verhältnisse in die Gegenwart hineingetragen worden. [...]
Wir stehen heute auf einem anderen Boden, und heute sind eben die Menschen nicht so, daß sie sich von kleinen Gruppen dasjenige diktieren lassen wollen, was sie zu tun haben, und daß sie bloß eine kleine Gruppe gegen eine andere kleine Gruppe austauschen wollen. Heute will schon ein jeder mittun. Heute ist die Zeit, in der man lernen muß den Unterschied zwischen herrschen und regieren. Es scheint ja allerdings so, als ob dieser Unterschied noch nicht gründlich genug erkannt worden ist. Herrschen muß heute das Volk, eine Regierung darf nur regieren. Das ist es, worauf es ankommt. Und damit ist auch gegeben, daß in einem gesunden Sinne heute die Demokratie notwendig ist. Deshalb habe ich auch keine Hoffnung, daß man mit den schönsten Ideen etwas erreichen kann, wenn man sie durch kleine Gruppen verwirklichen will und wenn man nicht getragen wird von der Erkenntnis und Einsicht der wirklichen Majorität der Bevölkerung. Die wichtigste Aufgabe heute ist, die große Mehrheit der Bevölkerung für das zu gewinnen, was man als Möglichkeit zur Veränderung erkannt hat. So stehen wir heute vor der Notwendigkeit, für das, was zuletzt wirklich an wahrer Sozialisierung erreicht werden wird, in demokratischer Weise die Mehrheit der Bevölkerung zu haben.
Es könnte natürlich Übergangszeiten geben, in denen eine kleine Gruppe irgend etwas verwirklichen würde, was von der Mehrheit nicht erkannt wird. Aber das würde doch nur von kurzer Dauer sein. Gerade in diesem Punkt muß man sich klar darüber werden, daß sogar heute bereits die Zeit da ist, in der durch die Demokratisierung die Menschen als Gleiche zu betrachten sind, und deshalb müssen wir den Boden schaffen, auf dem alle Menschen in ihrem Urteil gleich sein können, den wir loslösen von dem, worin die Menschen nicht gleich sein können in ihrem Urteil. Denken Sie doch einmal, wenn irgendein Kind in der Schule besonders dazu begabt ist, rechnen zu lernen, und Sie wollen es zum Musiker machen, so entziehen Sie ja dadurch, daß Sie das Kind falsch ausbilden, dem sozialen Leben eine ganz besondere Kraft. Die gesunde Entwicklung der Individualität muß gerade im sozialen Organismus gepflegt werden. Da können Sie nicht demokratisieren, da können Sie nur die Einsicht in die wirkliche Menschenkenntnis walten lassen. Auf dem Boden der Erziehung, des Unterrichtswesens muß etwas ganz Neues eintreten.
Und im Wirtschaftsleben, wollen Sie da demokratisch entscheiden? Etwa wie man Stiefel fabrizieren muß oder Ventile? Da muß man aus sachlicher Kenntnis heraus Korporationen bilden in bezug auf Produktion und Konsumtion; da müssen sachliche Interessen maßgebend sein. Nach links und nach rechts müssen die rein sachlichen Interessen abgesondert werden, dann bleibt in der Mitte der Boden der Demokratie übrig, auf dem nichts anderes in Betracht kommt als das, was jeder reife, ausgewachsene Mensch von jedem ausgewachsenen, reifen Menschen als gleichem zu fordern hat, und von wo dann das Recht in das Geistesleben und Wirtschaftsleben hineinstrahlt. Gerade weil heute der Ruf nach Demokratie so berechtigt ist, müssen wir erkennen, wie die Demokratie durchgeführt werden kann. Das war nicht notwendig in der kapitalistischen Gesellschaft. Da haben sich die Leute auch Demokraten genannt, aber da war es noch nicht notwendig, daß man so gründlich zu Werke ging mit dem Begriff Demokratie wie heute.
22.5.1919, GA 331, 67ff.


Was von Zanders fixer Vorstellung einer elitären Eingeweihten-Oligarchie zu halten ist, zeigen auch folgende, ausdrücklich auf das Spirituelle bezogene Worte Rudolf Steiners:

Die alten Mysterien hatten in einer gewissen Beziehung eine Art, man möchte sagen aristokratischen Charakter, ja, alles Aristokratische hat aus diesen alten Mysterien im Grunde genommen seinen Ursprung bekommen, denn die einzelnen Mysterienpriester standen da, und sie verrichteten ja die Opfer für alle übrigen.
Die Weihnachtsmysterienfeier hat einen demokratischen Charakter, denn was die Menschen der neueren Zeit als dasjenige erwerben, was sie eigentlich zu Menschen macht, ist der innere Gedankenbesitz. Und das Weihnachtsmysterium wird nur dann in seinem richtigen Lichte gesehen, wenn nicht der eine für den andern das Opfer vollbringt, sondern wenn der eine mit dem andern ein Gemeinschaftliches erlebt: das Gleichwerden der Menschen gegenüber dem Wesen, das als Sonnenwesen auf die Erde heruntergestiegen ist.
Und das ist auch dasjenige, was gerade in den ersten Zeiten der christlichen Entwickelung bis hinein ins 4. Jahrhundert etwa als ganz besonders bedeutsam für das Christentum empfunden worden ist. Erst dann haben sich wiederum die alten Mysterienformen von Ägypten herein über das Römertum und nach Westeuropa herauf fortgepflanzt und haben, man möchte sagen, das ursprüngliche Christentum übertüncht und auch in Traditionen eingehüllt, welche wiederum verlassen werden müssen, wenn das Christentum richtig verstanden werden soll. Denn dasjenige Wesen, in das eingekleidet worden ist das Christentum im Römertum, ist durchaus noch altes Mysterienwesen.
23.12.1922, GA 219, 129.


Moment – war Zander nicht zufällig katholischer Theologe und damit Angehöriger dieser römisch-katholischen Kirche mit ihren falschen, unzeitgemäßen, die Zukunft aufhaltenden Machtimpulsen und Deutungshoheiten? Ist er nicht ein herausragendes Beispiel dieser Tendenzen?

Zander zitiert aus einem Vortrag von Ende 1919 und behauptet, nun lege Steiner

[1316:] [...] seine Karten relativ offen auf den Tisch: Höhere Einsicht [...] für eine elitäre Gruppe („nicht jeder geeignet“) sollte die sozialpolitische Debatte steuern. Steiner übertrug damit die theosophische Hierarchisierung des Wissens und der Wissensträger auf die Politik.


Steiner sagt hier aber ohne unmittelbare Anknüpfung an das Politische:

Das Vorrücken zu jenen Fragen, die von den Wesenheiten der übersinnlichen Welten in tieferem Sinne handeln, das ist allerdings gebunden an mancherlei Erlebnisse, zu denen heute noch nicht jeder geeignet ist. [...] Davor haben viele Leute eine unbewußte oder unterbewußte Furcht, die sie dann in Logik kleiden gegenüber der Geisteswissenschaft. Die schönsten Gründe können Sie hören; in Wahrheit ist es nur die Furcht vor dem Unbekannten.
19.19.1919, GA 333, 111.


Damit wandte sich Steiner gegen jene, die ganz unverbindlich von „Geist“ reden. Die Stelle lässt sich auch auf Zander anwenden, der lieber immer wieder auf das „Elitäre“ verweist als zu begreifen versucht. Begreifen müsste er auch, dass natürlich auch Steiner nichts anderes tun kann als an die Einsicht in Bezug auf das als wahr Erkannte zu appellieren.

Zander zitiert Steiner:

[1316] „In der heutigen demokratienärrischen Zeit – wollte sagen: demokratiesüchtigen Zeit – wird man selbstverständlich eine solche rein verstandesmäßig zutage geförderte soziale Idee, die keine ist, für demokratisch gleichwertig halten mit dem, was der Initiierte aus der geistigen Welt herausholt und was wirklich fruchtbar sein kann. [...]“

Und dann wirft er Steiner vor, er würde „mit emotionalem Tremolo“ behaupten, „die Demokratie sei ein bloßes Scheinwissen [...] und unfähig zur friedlichen Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse.“

Im Gegensatz zu Zander gibt es sehr, sehr viele ernstzunehmende Menschen, auch Fachleute, die die heutigen Verhältnisse als „Scheindemokratie“, „Plutokratie“ usw. bezeichnen. Zander jedoch bleibt in seiner akademischen Nische der „political correctness“. Er scheut sich auch nicht, Steiners Satz zu verändern, um den vorangehenden Teil herauszutrennen, aus dem eben deutlich wird, dass der Eingeweihte auf die Einsicht angewiesen ist:

Es ist ja heute so, daß dasjenige, was sozial fruchtbar ist an Ideen, eigentlich nur gefunden werden kann von den wenigen Menschen, welche sich gewisser spiritueller Fähigkeiten bedienen können, die die weitaus überwiegende Mehrzahl der Menschen heute nicht gebrauchen will, trotzdem sie in jeder Seele liegen, nicht bloß bewußt nicht gebrauchen will, sondern zumeist unbewußt nicht gebrauchen will.
Nach dem allgemeinen Zeitcharakter wird man natürlich solchen in die Geheimnisse der Schwelle Eingeweihten, über die sozialen Ideen Sprechenden, nicht glauben, weil das nötige Vertrauen unter den Menschen nicht da ist. Man wird jede soziale Idee, welche eigentlich keine Wirklichkeit ist, wie Sie aus dem Vorhergehenden ersehen können, jede soziale Idee, die mit dem gewöhnlichen Verstande auf die Sinneswelt gerichtet ist, in der heutigen demokratienärrischen Zeit – wollte sagen: demokratiesüchtigen Zeit – man wird selbstverständlich eine solche rein verstandesmäßig zutage geförderte soziale Idee, die keine ist, für demokratisch gleichwertig halten mit dem, was der Initiierte aus der geistigen Welt herausholt und was wirklich fruchtbar sein kann. Aber würde diese demokratiesüchtige Ansicht oder Empfindung den Sieg davontragen, so würden wir in verhältnismäßig kurzer Zeit eine soziale Unmöglichkeit, ein soziales Chaos im wüstesten Sinne erleben. Aber das andere ist ja eben vorhanden und gilt gerade in hervorragendem Maße für die sozialen Ideen, die von Initiierten von jenseits der Schwelle hergeholt werden. Ich habe es immer wieder und wieder betont: Derjenige, der sich wirklich seines gesunden Verstandes, nicht des wissenschaftlich verdorbenen, aber des gesunden Menschenverstandes bedienen will, der kann jederzeit, wenn er auch nicht finden kann dasjenige, was nur der Initiierte finden kann, er kann es prüfen, er kann es am Leben erproben, und er wird es einsehen können, nachdem es gefunden ist. Und diesen Weg werden für die nächste Zeit die sozial fruchtbaren Ideen zu nehmen haben. Anders wird man nicht vorwärtskommen. [...]
Damit habe ich Ihnen zu gleicher Zeit nicht irgendein Programm charakterisiert, denn mit Programmen wird die Menschheit in der nächsten Zeit sehr schlimme Erfahrungen machen; ich habe Ihnen charakterisiert einen positiven Vorgang, der sich abspielen muß. Diejenigen, die aus der Initiation etwas wissen über soziale Ideen, werden die Verpflichtung haben, diese sozialen Ideen der Menschheit mitzuteilen, und die Menschheit wird sich entschließen müssen dazu, über die Sache nachzudenken. Und durch Nachdenken, bloß durch Nachdenken mit Hilfe des gesunden Menschenverstandes, wird schon das Richtige herauskommen. Das ist so außerordentlich wichtig, daß das, was ich eben jetzt gesagt habe, wirklich angesehen werde als eine fundamentale Lebenswahrheit für die nächsten Zeiten, unmittelbar von der Gegenwart schon angefangen!
24.11.1918, GA 185a, S. 200ff.


Und an anderer Stelle:

Denn unter dem Mancherlei, das der Menschheit fehlt, ist gerade das, daß die Menschen verloren haben die Möglichkeit, in ihren Gefühls- und Willensimpulsen noch die wahren Realitäten zu erleben. In die großen Illusionen wiegen sich die Menschen allmählich ein: daß sie das Erdenleben nach irdischen Gesetzen formen können, die größte Illusion, der sich die Menschen hingeben können. Eine große Illusion, die ihr Extrem, ihr radikales Extrem findet zum Beispiel in dem reinen materialistischen Sozialismus, der natürlich niemals zulassen wird, daß, wenn wir Menschen das geringste untereinander machen, die Toten mitwirken, sondern der alles nach ökonomischen, das heißt, nach rein physischen Gesetzen ordnet. Das ist das eine Extrem. Auf der anderen Seite das Extrem, von dem jetzt alle möglichen sogenannten Idealisten träumen: Über die ganze Welt hin, von allem Spirituellen absehend, rein programmatische, inner- und zwischenstaatliche Organisationen zu schaffen, durch welche vermeintlich die Kriege abgeschafft werden sollen. Die Menschen werden sich davon überzeugen, wenn sie in eine solche Illusion sich einleben, daß sie gerade damit dasjenige, was sie abschaffen wollen, nicht abschaffen, sondern vielmehr heraufbeschwören, was sie abschaffen wollen. Es ist ein guter Wille in diesen Dingen. Es ist dasjenige, was aus dem materialistischen Zeitbewußtsein, ich möchte sagen, als eine politische Spitze des ganzen Erdenwesens hervorgehen muß, was aber genau zu dem Gegenteil von dem führen wird, was man damit eigentlich bezwecken will.
29.11.1917, GA 182, 32.

14.5.1h „Erlösung der Politik“

Und dann kommt der Frontalangriff auf die Dreigliederung, sie sei eine autoritär-esoterische Heilslehre:

[1321f:] Körner-Wellershaus hat seiner Studie den Titel „Sozialer Heilsweg Anthroposophie“ gegeben und damit den entscheidenden Fluchtpunkt von Steiners gesellschaftspolitischem Denken benannt: Steiner [...] erwartete [...] die Heilung einer in seinen Augen zerrütteten Gesellschaft aus dem Geist, dem Geist der Anthroposophie. [...]
Steiner hat die explizit religiöse Dimension aus der Dreigliederungsdebatte herausgehalten, ihm war die Kategoriendifferenz sehr wohl bewußt [...]. Gleichwohl ist der Subtext der Dreigliederung religiös kodiert, die Dreigliederung ist eine Variante der Offenbarung des Geistigen.
Wenn beispielsweise eine Position in sozialen Fragen „der Ausdruck von geistigen Forschungsresultaten ist, ... die herausgeholt werden aus der geistigen Wirklichkeit“, wie oben zitiert, ist anthroposophische Gesellschaftstheorie die Umsetzung einer gesellschaftstranszendenten Autorität, und keine Frage offener politischer Gestaltung. Daß dann auch bei den Menschen „das Verständnis für die Dreigliederung erweckt“ werden muß, wie Steiner in der Semantik religiöser Erfahrung sagte, korrespondiert auf der Rezipientenseite mit diesem Autoritätsvorbehalt. Die Spiritualisierung politischer Fragen macht klar, wie tief die Prägung Steiners durch die theosophische Tradition saß. Dreigliederung war durch die mentalen Vorgaben der theosophischen Gnosis kein Thema einer offenen Debatte, sondern eine [sic!] Angebot, das Heilung aus dem Jenseits verhieß. In diesem Sinn versprach Steiner nicht Reform, sondern Erlösung.


Perfekter kann man sich nicht immunisieren. Zander wehrt sich massiv gegen ein Erkennen derjenigen Sphäre, in der – bewusst oder nicht – Erkenntnis gewonnen wird. Zander wird für diese Realitäten nicht erwachen...

14.5.2. Ideengeschichtliche Kontexte

Obwohl er immer wieder auf Steiners elitären „höheren Erkenntnissen“ herumhackt, sucht er dennoch Quellen, die er nicht finden kann, die aber gleichwohl existieren müssen:

[1324:] Die präzise Identifikation von Steiners Quellen ist, wie gesagt, schwierig, aber vermutlich sind sie bei den unmittelbaren Zeitgenossen zu suchen.


Und dann kritisiert er:

[1324:] Wie begrenzt Steiners Blick auf gesellschaftstheoretische Theorieoptionen war, wird an den von Steiner nicht einmal erwogenen Alternativen deutlich: Die vertragstheoretische Tradition sowohl französischer wie angelsächsischer Provenienz kam bei ihm praktisch nicht vor, eine Gesellschaftsstruktur als Gegenstand der freien Vereinbarung von Bürgern gab es bei ihm nicht [...]. Damit fehlten starke Traditionen alternativer Gesellschaftskonzeptionen in Steiners Horizont.


Strawe dazu:

Steiner hat sich zwar nicht näher mit der Staats- bzw. Gesellschaftsvertragsthematik auseinandergesetzt. Es gibt jedoch zahlreiche Stellen, an denen es um die Entstehung des Rechts aus dem Miteinander freier Menschen geht.[6] Schon weil er vom Einzelnen und seiner Entwicklung ausgeht, kann die immanente Logik seines Ansatzes nur eine Radikalisierung des Vertragsgedankens sein: Nicht sind dem Einzelnen seine Rechte von der Gemeinschaft verliehen, sondern die Gemeinschaft lebt von der Freiheit des Einzelnen.


Strawe verweist auf zwei Vorträge, wo Steiner sagt:

So entzündet sich aus dem Gefühl im Zusammenwirken mit dem Gefühl des anderen innerhalb des öffentlichen Lebens das Recht. Man kann nicht sagen, es entspringe das Recht aus diesem oder jenem Winkel des Menschen oder der Menschheit, sondern man kann nur sagen: Die Menschen kommen durch ihre Gefühle, die sie gegenseitig füreinander entwickeln, in solche Beziehungen, daß sie diese Beziehungen in Rechten festlegen, festsetzen. Das Recht ist also etwas, nach welchem so gefragt werden sollte, daß man vor allen Dingen auf seine Entwickelung innerhalb der menschlichen Gesellschaft hinsieht. Dadurch aber kommt die Rechtsbetrachtung für den modernen Menschen gerade in unmittelbare Nähe dessen, was sich heraufentwickelt hat in der Geschichte der neueren Menschheit als die demokratische Forderung. [...]
Das demokratische Prinzip ist aus den Tiefen der Menschennatur heraus die Signatur des menschlichen Strebens in sozialer Beziehung in der neueren Zeit geworden. Es ist eine elementare Forderung der neueren Menschheit, dieses demokratische Prinzip.
26.10.1919, GA 332a, 83ff.

Die historische Rechtsschule [...] ist ein Eingeständnis des unschöpferischen Menschen der Gegenwart. Er sagt, er kann kein Recht schaffen, also muß er Rechtsgeschichte studieren und dieses Recht verbreiten, das er aus der Geschichte kennenlernt. Das war im Anfange des 19. Jahrhunderts etwas, was insbesondere in Mitteleuropa grassiert hat: daß man sich unfähig erklärte, als Gegenwartsmensch zu leben, daß man nur als Geschichtsmensch leben wollte.
28.1.1923, GA 220, 185.


Zander jedoch fährt fort, Steiner unter erneutem Hinweis auf das Werk „Sozialer Heilsweg Anthroposophie“ mit abstrusen anderen Konzepten in Verbindung zu bringen:

[1324:] Augenfällige Übereinstimmungen gibt es hingegen mit Vorstellungen in Ferdinand Tönnies’ (1855-1936) „Gemeinschaft und Gesellschaft“ (1887, 1912), die Ilas Körner-Wellershaus entdeckt hat. Aus der Differenz zwischen einer natural organisierten „Gemeinschaft“, im Kern den Familien, und der als „Öffentlichkeit“ charakterisierten „Gesellschaft“ [...] entwickelte Tönnies ein Konzept, das durchtränkt ist mit organologischen Metaphern. Tönnies sei innerhalb dieses Ansatzes ein „begeisterter Dreigliederer“ (Körner-Wellershaus) mit einer Reihe triadisch kontruierter sozialer Zusammenhänge, wenn er etwa die ständische Ordnung mit der Hierarchie des Nervensystems verband:
„der Monarch ... das Haupt oder das Gehirn im Haupte ausmacht, der Adel gleichsam die Ganglien des Rückenmarks, und die Menge gleich den Centren des sympathischen Systems gedacht wird“.
Insofern Steiner 1919 glaubte, daß sich der Adel aus dem „rhythmischen Leben“ (GA 185a, 112), das Bürgertum aus den „Kopfkräften“ und das Proletariat aus den „Stoffwechsels“ [sic!] entwickelt habe (ebd., 113), liegt hier ein strukturgleiches, inhaltlich jedoch anders gefülltes Modell vor. Daß Steiner Tönnies lange gekannt hat, ist durch die Auseinandersetzung zwischen beiden in den Jahren 1892/93 belegt, aber Steiner erwähnte Tönnies in seinen gesellschaftstheoretischen Schriften nicht. Ob man daraus schließen kann, dasß Steiner die wirklich relevanten Autoren (wie Gesell, s.u.) bewusst verschwieg, muß vorerst als Frage stehen bleiben.


Die Frage ist: Sind für Zander alle anderen Menschen unabhängige Denker, nur Steiner nicht? Warum sollte Steiner Anleihen bei Tönnies machen? Obwohl Tönnies Steiner schon vor 1900 polemisch attackiert, worauf Zander hinweist. Und obwohl es gar keine echten Anleihen sein können, die Zander zitiert („strukturgleich, aber anders gefüllt“)? Und obwohl Zander sonst überall gegen bloße Strukturgleichheit etc. polemisiert, um an ihre Stelle die reine Empirie zu setzen? Aber es ist natürlich alles recht, was hilft, Steiner in das Prokrustesbett des Kontextes zu zwingen.

Was Steiner wirklich gesagt hat, wirft tiefgreifende Forschungsfragen auf, erweist sich aber wiederum als hochaktuell:

Plato hat den Menschen dreigeteilt. Wir gliedern heute etwas anders, aber man hat ein Bewußtsein dieser Dreiteilung noch bis in das achtzehnte Jahrhundert hinein gehabt. Dann ist es erst ganz verlorengegangen.
Und die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, diese so gescheiten, so aufgeklärten Menschen haben über diese Dreiteilung in ihrer konkreten Form nur gelacht, lachen bis heute. Plato teilte den Menschen, den man verstehen muß, wenn man die gesellschaftliche Struktur verstehen will, zunächst in den Menschen, welcher die Weisheit entfaltet, Erkenntnis, Wissen, den logischen Teil der Seele, dasjenige, was wir an den Kopf-Organismus knüpfen, als sein Wissen an seinen Sinnes- und Nerven-Organismus knüpfen. Plato unterschied dann den sogenannten tatkräftigen, zornmütigen Teil der Seele, den irasziblen, den mutigen, tapferen Teil der Seele, alles dasjenige, was wir an das rhythmische Leben knüpfen. [...] Dann unterschied er den Begierdemenschen, den Menschen, insoferne er Quell des Begehrungsvermögens ist, alles das, was wir jetzt in viel vollkommenerer Form kennen; das konnte Plato knüpfen physisch an den Stoffwechsel, spirituell an die Intuition [...]
Und auf der verschiedenartigen Ausbildung der Teile beruht namentlich die Heranbildung der Klassen, wie sie sich im Laufe der Entwickelung der europäischen Menschheit mit ihrem amerikanischen Anhang ergeben hat.
Man kann sagen: Der Teil, der hauptsächlich das rhythmische Leben ins Auge faßte, der Erziehung, Zusammenleben, soziale Anschauung so einrichtete, daß das rhythmische Leben dabei dasjenige war, was man vorzugsweise als das Menschliche fühlte, das ist der Stand oder die Klasse, die sich als der alte Adelsstand herausgebildet hat. [...] Wenn Sie sich denken diejenigen Menschen, welche vorzugsweise die Kopfkräfte, den weisen Teil ausbilden [...], so ist das diejenige Gruppe, die sich allmählich zusammengeschlossen hat im Bürgerstande, in der Bourgeoisie. Und diejenigen Menschen, die ja heute die weitaus zahllosesten bilden, die sich vorzugsweise zusammengeschlossen haben in alledem – Sie wissen aber, die Intuition hängt geistig mit dem Stoffwechsel zusammen –, das seinen Quell im Wollen, im Stoffwechsel hat, das ist das Proletariat. [...]
Nun muß man allerdings die besondere Natur des menschlichen Zusammenschlusses erkennen. [...] Diese moderne Menschheit hat es ja sogar dahin gebracht, sich vorzustellen, daß der Mensch als einzelnes Wesen weniger vollkommen ist denn als Staatstier [...], und es wird sehr schwer werden, in die Köpfe die Vorstellung hineinzubringen, daß der Mensch dadurch, daß er sich in einen staatlichen Organismus hineingliedert, nichts gewinne, sondern verliert. So verliert er auch, indem er sich in Stände hineingliedert, in Klassen hineingliedert. [...]
Es kommt darauf an, einzusehen, daß zwar in der Gruppe der adeligen Menschen diejenigen Menschen vereinigt sind, deren Seelen bei einer Verkörperung vorzugsweise hintendieren nach dem Brustmenschen, daß aber die äußere Vereinigung auf dem physischen Plan ablähmt dasjenige, was aus dem Brustmenschen herauskommen würde. [...] Aber nehmen Sie nur einmal an, daß zum Beispiel das, was Ehrgefühl ist, sich auf ganz individuelle Weise aus dem Brustmenschen heraus entwickelt; der äußere Ehrbegriff aber, der ist gerade dazu da, das Äußere zu schaffen, damit das Innere schlafen kann. Alle Zusammenfügung ist eigentlich dazu da, auf äußerliche Weise etwas zu konstituieren, damit das Innerliche, Ursprüngliche, Elementare schlafen kann. [...]
Alles dasjenige nun, wonach das moderne Proletariat strebt, das ist nicht geeignet, das, was in ihm gerade elementar wirkt, zur Vollendung zu bringen, sondern es geradezu zu unterdrücken, es in den Hintergrund zu drängen, abzulähmen. [...] Und die Bourgeoisie – jetzt kommt die Kehrseite der Sache –, die ist in ihrem Zusammenschlüsse hauptsächlich dagewesen, um herabzulähmen die Weisheit. Die Menschen haben sich schon zusammengefunden in der Bourgeoisie, deren Seelen hineingestrebt haben, um den Kopfmenschen auszubilden; aber namentlich die sogenannte Wissenschaftlichkeit der sozialen Bourgeoisie, die hat eine solche Struktur bewirkt, daß der Kopfmensch möglichst kopflos geworden ist. Und er erweist sich ja immer mehr und mehr gegenüber dem Anstürmen der neueren Zeit als ein recht kopfloses Wesen. [...]
Es würde zum Beispiel notwendig sein – und so etwas würde auch geschehen müssen, bevor man daran gehen kann, eine neue soziale Ordnung zu begründen irgendwo oder irgendwann –, es wird zum Beispiel notwendig sein, alles das, was zusammenhängt mit dem Impulse des Brustmenschen, zu studieren. Und erst, wenn man das wirklich studiert, nicht so, wie es sich die Theosophen denken, sondern so, wie es der Wirklichkeit entspricht, erst dann bekommt man eine wahrhafte Wissenschaft von der Art, wie Arbeit, Erträgnis der Arbeit, Lohn, Rente, Kapital, Produktionsmittel und so weiter in der Welt angeordnet werden müssen unter den instinktiven Forderungen der neueren Zeit. Soweit wie möglich entfernt ist dasjenige, was man offiziell Nationalökonomie nennt, die eigentlich nur ein Spiel mit Begriffen und Worten ist und die hoffentlich recht bald verschwinden wird vom wissenschaftlichen Schauplatz, so weit entfernt als möglich ist das von dem, was herauskommt, wenn man wirklich den Menschen studiert als Brustmenschen, wo dann herauskommt, was mit Bezug auf die Verteilung der Arbeit, der Produktionsmittel, des Grundes und Bodens und so weiter, als Forderung in der Menschheitsentwickelung verlangt werden muß. Ebenso muß studiert werden dasjenige, was mit dem Kopfmenschen, mit dem Sinnes- und Nervenmenschen zusammenhängt im weitesten Umfange, wiederum nicht so abstrakt, wie es sich die Theosophen vorstellen, sondern es muß in aller Konkretheit studiert werden, was der Mensch ist in der Sinneswelt als ein geistiges, als ein spirituelles Geschöpf mit anderen Menschen zusammen in der Gesellschaft, mit anderen Menschen zusammen in irgendeiner, sei es staatlichen oder sonstigen Struktur. Es muß aus der Beschaffenheit des Nerven- und Sinnesmenschen studiert werden. Das Studium des Nerven- und Sinnesmenschen gibt eine wirkliche Gesellschaftswissenschaft. Und endlich das Studium des Stoffwechselmenschen, der mit der Intuition zusammenhängt, das gibt erst eine wirkliche Anschauung über die Entwickelung, über das Werden des Menschen, das gibt erst eine geschichtliche Auffassung der Menschheitsentwickelung.
17.11.1918, GA 185a, 111ff.


Weitere Bezüge versucht Zander zu Silvio Gesell zu konstruieren bzw. herbeizureden:

[1330:] Konkrete Wirkungen auf Steiners Konzeption lassen sich bei dem Finanztheoretiker Jean Silvio Gesell (1862-1930) ausmachen, der 1919 Finanzminister der bayerischen Räteregierung war. [...] Am 2. April 1919 äußerte Steiner, daß er „partiell“ mit „der Freiland-Freigeld-Bewegung“, „mit dieser Bewegung“, ja sogar „ganz mit dieser Bewegung einverstanden“ sei (GA 329,140) – Steiners selbst in einem einzigen Vortrag divergierende Bewertungen lassen sich nicht auf einen Nenner bringen. Aber schon am 9. Juni 1920 wertete Steiner Gesell als „Utopisten“ ganz negativ (GA 337a,190).
Einige Theorieelemente deuten auf einen unmittelbaren Einfluß Gesells insbesondere Steiners Zinstheorie. Gesell hatte vorgeschlagen den Zins abzuschaffen, da das Geld nur „Tauschmittel“ sei und die Hortung den Geldkreislauf hemme. Nun ist eine Kritik am Zins eine alte [...] Vorstellung, die auch in populistischen Ökonomiedebatten der Nachkriegsjahre und auch unter Theosophen ventiliert wurde. Aber Steiners Forderung nach einem Verzicht auf Zinsen dürfte in Zusammenhang mit den zustimmenden Verweisen auf die Freiwirtschaftsbewegung dokumentieren, daß er in seinen Vorstellungen von Gesell abhängig war. So geht die unter Anthroposophen bis heute geläufige Vorstellung vom „Schenkungsgeld“ (GA 341,81) vermutlich auf Auffassungen Gesells zurück oder transformierte sie. Gesells Rolle aber marginalisierte Steiner in seinen Vorträgen, den er als „Abstraktling“ (GA 337a,190, vgl. auch GA 337b,158) bezeichnete.


Allein schon die Verleumdung von Steiner als „mit sich selbst uneins“ ist wieder unglaublich. Steiner sagt in Wirklichkeit:

Das ist dasjenige, was auch durch die Art dieser Dreiteilung erreicht werden kann, und was partiell, einzeln angestrebt wird von der Freiland-Freigeld-Bewegung; deshalb habe ich in einem solchen Falle gesagt: Ich bin ganz mit dieser Bewegung einverstanden – weil ich immer versuche, die einzelnen Bewegungen in ihrer Berechtigung einzusehen, und ich möchte sie in einen gemeinsamen großen Strom leiten, weil ich eben nicht glaube, daß ein Mensch, oder selbst eine Gruppe von Menschen das Richtige finden kann, sondern weil ich demokratisch glaube, daß die Menschen zusammen in der Wirklichkeit, im Zusammenwirken, allein richtig organisiert, erst das Rechte finden werden.
2.4.1919, GA 329, 140.


Soviel zu Steiners angeblicher Elite-Haltung eines Eingeweihten! Steiner geht überall auf reale, wirklichkeitsgesättigte Begriffe – und er hofft, dass die Menschen sich zu solchen Begriffen erheben können! Bei Zander wäre jede solche Hoffnung vergeblich. Er stümpert in nominalistischen Wort-Ähnlichkeiten und Schein-Kontexten herum und macht in dieser Abstraktion noch Fehler über Fehler. Christoph Strawe schreibt dazu [o]:

Die Geldtheorie Silvio Gesells wird zur Forderung nach Abschaffung des Zinses[1] simplifiziert (S. 1330), um diese dann zur vermutlichen Quelle von Steiners Auffassungen über den Zins zu erklären. Besonders die Idee des Schenkungsgeldes sei wohl von Gesell. Das ist nun ganz sicher nicht der Fall, weil sich Gesell zu diesem Thema ausschweigt und die Lösung aller großen sozialen Probleme vom Mechanismus der Umlaufsicherung des Geldes und einer neue Bodenordnung erwartet. Natürlich gibt es Bezüge – Gesell und Steiner sprechen über alterndes Geld und eine grundlegende Reform der Geldordnung –, wobei die jeweils vorgeschlagenen geldtechnischen Lösungen ein gutes Stück voneinander entfernt sind.[2] Im übrigen: Können Übereinstimmungen nicht auch auf Kongenialität hindeuten und müssen nicht notwendig auf Adaption beruhen? Beim Schenkungsgeld verheddert sich Zander dann weiter: Aus Steiners Ansatz, dafür zu sorgen, dass Gewinne als Schenkung frei werden können, macht er die Forderung nach Abschaffung von Gewinnen (S. 1306). Wie aber soll man verschenken, was man gar nicht übrig hat?
[1] Gesell weist in seinem Werk „Die natürliche Wirtschaftsordnung“ wiederholt darauf hin, dass Zinsverbote das Geldproblem nicht lösen, es kommt vielmehr auf die Umlaufsicherung des Geldes an, die dann auch den Zins auf Null bringt.
[2] Im Nationalökonomischen Kurs von 1922 schlägt Steiner ein Geld mit Verfalldatum vor, während es bei Gesell nur eine sukzessive Abzinsung gibt.


Im Rückblick wiederholt Zander dann seine abstrusen Behauptungen, was es nicht besser macht, vermischt mit akademisch verklausulierten, nichtssagenden Füll-Elementen:

[1331:] Steiner war nicht demokratisch sozialisiert. [...] Steiner blieb den aristokratischen Vorstellungsstrukturen aus seiner Wiener Zeit treu. [...]
In seinen Vorstellungen einer reformierten Staatsordnung finden sich triadische Strukturen, die Steiner in seine Dreigliederung, die er in den ersten Monaten des Jahres 1919 entwickelt hat, übertrug. Woher die zentralen, aber nachgetragenen organologischen Elemente der Dreigliederung stammen, ist unklar, sie korrespondieren aber mit damals weit verbreiteten Vorstellungen. Über die systematischen Konsequenzen dieser Entscheidung, die bei ihm auf eine autoritäre Leitungsfunktion des „Kopfes“, des Geisteslebens, hinausläuft, hat sich Steiner keine kritischen Gedanken gemacht, sie entsprachen vielmehr den geistesaristokratischen Grundannahmen seines theosophischen Weltbildes.
Auch die Inhalte seiner Dreigliederung lassen sich meist keinen genau benennbaren Quellen zuweisen. Es ist jedoch klar, daß die Debatten um die gesellschaftliche und wirtschaftliche Neuordnung Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg und in der zweiten Phase der Revolution das entscheidende lieferten: Rätekonzepte, assoziative Vergesellschaftungsformen oder die Geldtheorie. Nur in einem Fall läßt sich eine Abhängigkeit Steiners, nämlich von Gesells Freiwirtschaftstheorie, mit hoher Wahrscheinlichkeit belegen; er selbst verschwieg diesen Zusammenhang. In Steiners Selbstwahrnehmung bleiben solche historisch-kritischen Verbindungen sekundär. Teils offen, teils implizit lokalisierte er den Geltungsgrund seiner Theorien in einer „höheren Einsicht“.


Das ist einmal mehr die perfekte, pseudo-akademische Formulierung vollständigen Unverständnisses
bzw. einer vollkommen Verständnis-Verweigerung.

Interessant ist übrigens auch, wie aus dem ursprünglichen „deuten“, „dürfte“, „vermutlich“ unversehens eine „hohe Wahrscheinlichkeit“ wurde – und aus dieser unversehens die „Tatsache“, dass Steiner den Zusammenhang „verschwieg“...

Christoph Strawe resümiert [o]:

Zander ist offenbar entgangen, dass Steiner sich ausdrücklich gegen die Interpretation des Geisteslebens als „Kopf“ oder „Kopfsystem“ des sozialen Organismus gewandt hat. Er hat vielmehr betont, dass – wenn man überhaupt einen Vergleich ziehen wolle –, das Wirtschaftsleben „Kopf“, das geistige Leben hingegen der Ernährungs- und Innovationspol des gesellschaftlichen Lebens sei, also mit dem Stoffwechselsystem, dem unteren Funktionssystem des menschlichen Organismus verglichen werden müsse. Dies deshalb, weil die geistige Produktion, in der sich die Fähigkeiten der einzelnen Menschen ausleben, das gesellschaftliche Ganze permanent erneuert und neue Sinnhorizonte des gesellschaftlichen Lebens erschließt. [...]
Am menschlichen natürlichen Organismus lässt sich studieren, wie Subsysteme lebendig zusammenwirken, wie an jeder Stelle und in jedem Teil Nerven-Sinnesprozesse, rhythmische Prozesse und Stoffwechsel-Gliedmaßen-Prozesse ineinander spielen und sich durchdringen und wie sie doch jeweils im Haupt, in Gliedmaßen und Unterleib sowie in Herz und Lunge ihre respektiven Organzentren haben. Organe sind dabei aus den Prozessen abzuleiten und zu verstehen, denen sie dienen und aus denen heraus sie geschaffen wurden.

Das erste System, das Wirtschaftssystem, hat es zu tun mit all dem, was da sein muss, damit der Mensch sein materielles Verhältnis zur Außenwelt regeln kann. Das zweite System [Rechtsleben] hat es zu tun mit dem, was da sein muss im sozialen Organismus wegen des Verhältnisses von Mensch zu Mensch. Das dritte System [Geistesleben] hat zu tun mit all dem, was hervorsprießen muss und eingegliedert werden muss in den sozialen Organismus aus der einzelnen menschlichen Individualität heraus.
GA 23, 63.

Zum Abschluss

Wie massiv Zander sich selbst widerspricht, zeigt folgende Stelle, wo er ganz und gar zugeben muss, dass Steiner von keinerlei Macht- und Durchsetzungsstreben getrieben war:

[1347f] Es gibt zudem keine Hinweise, daß Steiner mit den Gewerkschaften oder den Arbeitgeberverbänden einen intensiven und auch institutionell abgesicherten Kontakt gesucht hätte. [...] Steiner rechnete offenbar damit, daß sich die Dreigliederung aufgrund der besseren Argumente „einfach“ Geltung verschaffen würde. Daß auch ein (vermeintlich) konkurrenzloses Programm im Machtgefüge der gesellschaftlichen Gruppen durchgesetzt werden muß, entsprach nicht seinem Politikverständnis [...].


Im Schlusskapitel schreibt er dann aber wieder in „bewährter“ Dogmatik:

[1350f:] So erscheint die Dreigliederung als liberales und pluralismuskonformes Gesellschaftskonzept. Analysiert man jedoch ihre fundamentalen Strukturen, erweist sie sich als das genaue Gegenteil, als autoritär und antipluralistisch. Der Angelpunkt des autoritären Prinzips der Dreigliederung ist das in die Politik übernommene hierarchische Denken der theosophischen Esoterik, in deren Tradition Steiner das „wahre“ Wissen im Arkanbereich [...] situierte. Diese geistesaristokratische Konstruktion liegt auch der Dreigliederung zugrunde. Deren Grundlagen werden deshalb nicht vertragstheoretisch oder naturrechtlich oder im offenen Rekurs auf weltanschauliche Annahmen begründet, sondern an die Einsicht einer elitären Minderheit in „höheres“ Wissen gebunden. [...]
Demokratie gibt es für Steiner im Bereich des Geisteslebens [...] nicht, im Wirtschaftsbereich im Prinzip auch nicht, wenngleich er nachträglich im Rätekonzept kooperative Formen der Machtverwaltung akzeptiert hat. Demokratische Regelungsmechanismen finden sich nur im Rechtsbereich; er ist aber signifikanterweise das am schwächsten thematisierte Segment der Dreigliederung und in seiner Ausgestaltung (etwa in der zeitweiligen Zuweisung des Straf- und Privatrechts ins Geistesleben) inkonsistent. [...]
Während in einer Demokratie Konflikte kommunikativ bearbeitet werden sollen, weil wechselseitige Kontrolle nur unter der Voraussetzung eines diskursiven Umgangs funktioniert, versuchte Steiner, Konflikte durch die Trennung in drei gesellschaftliche Segmente schon vor ihrem Aufbrechen zu verhindern. Konflikte sollen, zugespitzt formuliert, nicht moderiert, sondern eliminiert werden.


Sehr richtig! Nur muss Zander sogar diese Tatsache, dass Konflikte verhindert würden, durch seinen Wortgebrauch zu etwas Schlechtem machen!

Ohne jede Begründung, stattdessen unter Aufwärmung alter Vorurteile, stellt er nochmals seine willkürlichen Bezüge her:

[1351:] Steiners Modell hat seine nächsten funktionalen Ähnlichkeiten mit dem ständestaatlichen Modell, nur ist die vertikale Ordnung einer horizontalen Differenzierung gewichen. Gleichwohl übt das Geistesleben, wie Adel und Klerus im Ständestaat, eine hegemoniale Funktion aus. Eine genetische Abhängigkeit ist jedoch unwahrscheinlich. Die damit gestellte Frage nach den Traditionen, aus denen Steiners Dreigliederung stammt, erwies sich als ein kniffliges Kapitel. Ich vertrete die These, daß es in seiner Wurzel ein Transformationsprodukt der „Ausgleichs“regelungen der Minoritätenpolitik des Habsburgerreiches ist (s.o. 14.4.1). Der Horizont der österreichisch-ungarischen Verhältnisse blieb für Steiner auch in vielen Details lebenslang prägend, auch seine deutschnationale Grundhaltung oder sein Misstrauen gegenüber dem Parlamentarismus dürfte dem Milieu der Deutschen im Habsburgerreich entstammen.


Um zu demonstrieren, wie nichtssagend und zugleich hoch-suggestiv Zander hier und auch überall sonst vorgeht, wende ich seine Worte auf ihn selbst an:

Zanders Modell hat seine nächsten funktionalen Ähnlichkeiten mit den Vorwürfen faschistischer und anderer Steiner-Gegner seit den frühen 20er Jahren, nur ist die dumpf-aggressive Diktion einer leicht gemäßigteren akademischen Differenzierung gewichen. Gleichwohl übt die bewusste Tendenz des Nicht-Verstehen-Wollens eine hegemoniale Funktion aus. Eine genetische Abhängigkeit ist jedoch unwahrscheinlich. Die damit gestellte Frage nach den Traditionen, aus denen Zanders Denkschema stammt, erwies sich als ein kniffliges Kapitel. Ich vertrete die These, daß es in seiner Wurzel ein Transformationsprodukt üblicher kirchlich-katholischer Sozialisierung, aber auch der massiv wirkenden Dogmatik des heutigen „Wissenschaftsprinzips“ ist. Der Horizont dieser doppelten Beschränkung blieb für Zander auch in vielen Details lebenslang prägend, auch seine radikal-historistische Grundhaltung oder sein Misstrauen gegenüber anderen als völlig geistfernen Wirklichkeitszugängen dürfte dem Milieu der Akademiker im heutigen „Wissenschaftsbetrieb“ entstammen.


Und dann wird es ganz, ganz dunkel:

[1354:] Angesichts des Scheiterns der Weimarer Republik muß man die Frage stellen, wie Steiners Dreigliederung in die damaligen politischen Debatten einzuordnen ist, wie näherhin der Untergang des Parlamentarismus in Weimar mit seiner (fehlenden) Akzeptanz zusammenhängt. Steiner in diesem Zusammenhang zu nennen, heißt nicht, ihm (oder der Anthroposophie) kurzschlüssig die Schuld am Nationalsozialismus oder dem Untergang der Weimarer Republik zuzuweisen, wohl aber ihn auch im Kontext einer Geschichte zu lesen, die in diese Katastrophe geführt hat. Steiner gehört meines Erachtens in die Tradition des im Kern nichtdemokratischen Denkens in der ersten deutschen Republik. Sein Konzept wird zwar heute vielfach von den assoziationstheoretischen Elementen her in die Tradition gesellschaftlicher Selbstverwaltungskonzepte gestellt, aber dies ist, wie gesagt, ein selektiver Umgang mit Steiners Erbschaft. In Steiners Konzeption drängte vielmehr die Hegemonie des autoritären Geisteslebens die demokratischen Werte und Regeln in Randbereiche ab. Mit der Struktur der Dreigliederung hielt Steiner nach dem Untergang des Kaiserreichs an einer Art konstitutioneller Monarchie fest, in der nun die „Eingeweihten“ und „Hellsichtigen“ die Oligarchen stellten und demokratische Entscheidungen an ihr Placet banden.
Die Wurzeln dieser Tradition liegen sowohl für Steiner wie für den 18 Jahre jüngeren Hitler in Österreich, näherhin in Wien. Um auch hier keinen falschen Zungenschlag aufkommen zu lassen: Steiner war kein Hitler und auch nicht sein Parteigänger, neben manchen Übereinstimmungen gibt es tiefe Unterschiede. Aber beide waren vermutlich strukturell ähnlichen Sozialisationserfahrungen ausgesetzt. [...] Deutschnationale Hybris und elitärer Antiparlamentarismus sind ein gemeinsames, gleichwohl in unterschiedliche, oft gegenläufige Konsequenzen ausgezogenes Erbe, das beide in Wien um 1900 mitbekommen hatten.
Steiner wurde nicht zum äußersten Antidemokraten wie Hitler, aber er stellte der Demokratie ohne Demokraten auch keine überzeugten Verfechter an die Seite.


Das ist schwarze Magie mit pseudo-akademischem Anstrich!
Über einhundert Seiten lang hat Zander wieder und wieder sein Unverständnis bezeugt, von Anfang an mit Vorurteilen und Fehldeutungen agitiert und das Wahngebilde einer Eingeweihten-Diktatur entworfen. Nun am Ende kann er das Verdikt aussprechen: Steiner wurde nicht ganz und gar zum Hitler, aber – eine gravierende Mitschuld am Untergang der Weimarer Republik ist offensichtlich...

Fassungslos steht man vor einem solchen Machwerk. Ich kann nur sagen: Zanders Fehldeutungen haben die Qualität Orwellschen „Neusprechs“. Hätte Zander damals gelebt, hätte seine Begabung, entschlossen und konsequent alles zu verdrehen, eine grandiose Rolle in der Nazi-Propaganda abgeben können.

Um keinen falschen Zungenschlag aufkommen zu lassen: Zander ist kein Hitler, neben manchen Übereinstimmungen gibt es tiefe Unterschiede. Aber beide haben vermutlich strukturell ähnliche Denkschemata. Deutungsgewisse Hybris und elitäre Anti-Geistigkeit sind ein gemeinsames, gleichwohl in unterschiedliche, oft gegenläufige Konsequenzen ausgezogenes Erbe. Zander wurde nicht zum äußersten Geist-Vernichter wie Hitler, aber er stellte dem Geistesleben ohne Geiststrebende auch keine überzeugten Verfechter an die Seite.