06.12.2017

Brimstone – Horror-Western oder weit mehr?

Gedanken zu einem sehr speziellen Film. | Trailer.


Inhalt
Der Inhalt
Die negativen Kritiken
Andere Kritiken
Der Regisseur
Dakota Fanning
Die große Perspektive
Das Heiligtum des Weiblichen
Von der Abstraktheit zum Realen


Der Inhalt

Es gibt ja viele Filme, die die Gemüter spalten. Der Film „Brimstone“ (Schwefel) gehört sicher dazu. In den USA, wo der Film bereits im März anlief, waren laut Wikipedia zwei Drittel der Kritiken negativ [o].

Zunächst hier die offizielle Zusammenfassung der Handlung:

Auf der Flucht vor ihrer düsteren Vergangenheit hat sich Liz (Dakota Fanning) in einem gottesfürchtigen Dorf versteckt, wo sie den Witwer Eli (William Houston) geheiratet hat, sich um die beiden gemeinsamen Kinder kümmert und als Hebamme arbeitet. Doch als ein durch eine Narbe entstellter Reverent (Guy Pearce) in den Ort einzieht, bricht die junge Frau in Panik aus. Sie weiß, dass er hinter ihr her ist. Er will sie bestrafen, er will sie quälen, doch niemand glaubt ihr – nicht einmal ihr Mann. Liz, der die Zunge entfernt wurde und die daher stumm ist, muss erkennen, dass sie sich nicht mehr verstecken kann. Als der größenwahnsinnge Priester, der glaubt, im Auftrag Gottes zu handeln, ihren Mann ermordet und ihre Familie schutzlos zurückbleibt, begreift Liz, dass sie sich ihm stellen und um ihr Leben kämpfen muss…

Die erste Besonderheit ist, dass der über zweieinhalbstündige Film sich in vier Teilen entfaltet, die erst immer mehr den ganzen, abgründigen Hintergrund des Geschehens offenbaren.

Im ersten Teil (Offenbarung) lebt die stumme Hebamme Liz mit ihrem Mann Eli, ihrer Tochter Sam und ihrem Stiefsohn Matthew auf einem einsamen Hof im Westen der USA. Als ein neuer Reverend in der Kirche der kleinen Gemeinde auftaucht, hat sie sofort große Angst. Die erste Dramatik zeigt sich bereits, als sie bei einer Geburt das Kind töten muss, um die Mutter zu retten – ihr wird vorgeworfen, Gott die Entscheidung abgenommen zu haben. Liz weiß, dass der Reverend es auf sie abgesehen hat, weil er sie „bestrafen“ will. Zunächst aber muss sie hilflos zusehen, wie ihr Mann auf grausame Art stirbt. Sie macht sich mit den Kindern auf die Flucht zu dessen Vater.

Im zweiten Teil (Exodus = Auszug) wird das in der Wüste fast sterbende Mädchen Joanna von Chinesen gerettet, dann aber in dem Ort Bismuth an ein Bordell verkauft. Erwachsen geworden zeigt sich, dass es „Liz“ ist. Elizabeth ist ihre beste Freundin, die aus dem Bordell fliehen will, weil der Bordellbesitzer mit härtester Hand regiert und ihr die Zunge herausgeschnitten hat. Eines Nachts mietet der Reverend das ganze Bordell und wählt „Liz“. Elizabeth will sie beschützen, wird aber von ihm getötet. „Liz“ gelingt es, ihn scheinbar (fast) zu töten und zu fliehen. Sie schneidet sich selbst die Zunge ab, nimmt die Identität ihrer Freundin an und bricht zu Eli auf, mit dem diese bereits eine Heirat arrangiert hatte.

Im dritten Teil (Genesis = Ursprung) lebt das Mädchen Joanna auf einem Bauernhof, und es zeigt sich, dass der Reverend ihr eigener Vater ist. Dieser ist der Führer einer kleinen niederländischen Auswanderergemeinde und betrachtet diese als auserwählt. Er ist völlig besessen von der Vorstellung, unmittelbar Gottes Willen zu wissen – und dazu gehört die absolute Führung der Frau durch den Mann. Als seine Frau sich ihm verweigert, richtet er seine Aufmerksamkeit auf seine Tochter – und begründet selbst dies religiös. Er demütigt seine Frau mit einer eisernen Gesichtsmaske, bis sich diese mitten in der Kirche erhängt. Joanna wird vom Reverenden vergewaltigt (was nicht gezeigt wird) und flieht.

Der vierte Teil (Vergeltung) schließt an den ersten an. In einer Schneelandschaft ist Liz mit ihrem Stiefsohn und ihrer kleinen Tochter auf der Flucht. Aber sie kann dem Reverend selbst in der größten Einsamkeit nicht entkommen. Matthew wird erschossen. Auch der Großvater wird brutal getötet. Liz wird gefesselt und soll mit ansehen, wie der Reverend ihre kleine Tochter auspeitscht. Mit übermenschlicher Anstrengung kann sie sich befreien und tötet den Reverenden endgültig mit einer Öllampe. Nach einigen Jahren aber wird sie wegen Mordes verhaftet, da die echte Elizabeth wegen Mordes an dem Bordellbesitzer gesucht wird. Gefesselt auf ein Boot gebracht, lässt sie sich in das Wasser fallen und ertrinkt.

Die negativen Kritiken

Dem Film wurde viel vorgeworfen – brutal, sadistisch, hoffnungslos, voyeuristisch und so weiter. Lassen wir einige Kritiken auf uns wirken:

Brimstone is blood-soaked with the fires of religious punishment, anger, and guilt, and will easily go down as one of the most visceral and intense western thrillers of all time
The Hollywood News [o].

So ganz entscheiden kann man sich nicht. Ist dies nun ein etwas klobiger und blutüberströmter Neo-Western, der zu grobschlächtig ist, um so richtig zu funktionieren – oder ist der Film absichtlich trashig und übertrieben gemacht, um Spaß zu haben und sich einmal so richtig auszuspielen? Die Antwort ist wohl eine Frage der Perspektive. Fakt ist aber, dass Brimstone ein kleines Faszinosum und eine sonderbare Art von emanzipatorischem Kino ist.
Kino Zeit [o].

Dass es in dem Film um eine innerlich unglaublich starke Frau geht, blieb den Kritikern natürlich nicht verborgen. Dennoch erstreckt sich die Kritik auch hierauf. Die Seite „Culturshock“ etwa spricht von einem „scheinfeministischen Western-Drama“:

Wie sich Liz Kapitel um Kapitel aus ihrer misslichen Lage befreit, ist nie Ergebnis einer beherzten Selbstverteidigung, sondern nur konsequent in punkto Selbstverstümmelung und Selbstaufopferung. Mit anderen Worten: Eher schneidet sich unsere Heldin die Zunge ab, als das Schießen zu erlernen. Im Wilden Westen!
Culturshock [o].

Ähnlich die folgende:

Obwohl „Brimstone“, anders als die meisten Westernerzählungen, eine weibliche Figur ins Zentrum seiner Handlung stellt und männliche Brutalität unmissverständlich anprangert, konterkariert der Film seine feministische Haltung mit den zuweilen genüsslich ausgekosteten Gewaltdarstellungen.
Blairwitch [o].

Und vernichtend die beiden folgenden:

Dass Regisseur Koolhoven vorgibt, mit religionskritischem Ansatz die Heuchelei des vermeintlichen Gottesmannes herauszuarbeiten, wirkt in diesem Zusammenhang bald ironisch; denn man hat lange keinen so heuchlerischen Film mehr gesehen wie »Brimstone«. Hinter den eleganten Bildern [...] steckt nichts anderes als (S)Exploitation-Kino. Unter dem Vorwand der Anteilnahme für seine Protagonistinnen ergeht sich der Film in erotisierten Vergewaltigungs- und Folterszenen, deren Opfer ausschließlich weiblich sind. [...] soll der geschmacklose Trash zum Hochglanzkino mit feministischer Haltung erhoben werden. Jeder x-beliebige Splatterfilm hat jedoch mehr Integrität als dieser voyeuristische Groschenroman im Arthouse-Gewand.
epd film [o].

[...] jedoch zu fasziniert von der eigenen Materie im puren Sadismus versinkt. Der feministische Befreiungsschlag, der sich im Kern der Erzählung versteckt, wird viel zu oft von Martin Koolhovens voyeuristischen Einstellungen sabotiert, die zwar den Schrecken der abartigen Männerwelt bloßstellen, den erniedrigenden Gesten dennoch übermäßigen Eifer entgegenbringen, anstelle diese geschickt im Fluss der Bilder zu integrieren. Brimstone lässt sich von jedem schmutzigen Detail ablenken und ergötzt sich förmlich im vermeintlichen Taubbruch, ohne den angesprochenen Themen mit der raffinierten Aufarbeitung zu begegnen, die sie verdienen. […] Eine Dokumentation des Leids, befeuert durch den Wahnsinn von Maskulinität und Religion: In der Theorie liest sich dieser rohe Western mitsamt seiner erlesenen Bilder und beklemmenden Atmosphäre wie ein packendes Drama, das den Schlag in die Magengrube mit erschütternden Erkenntnissen bekräftigt. Der fertige Film hingegen erobert die Leinwand irgendwann nur noch im reißerischen Tonfall und weidet sein Antlitz im Ekel von Schusswunden und ausgerissenen Innereien. Ein richtiges Bekenntnis zur dieser verwegenen Ader erfolgt allerdings nie. Stattdessen versteckt sich Brimstone immer wieder hinter den Sympathien, die er für seine Protagonistin und deren grausames Schicksal aufbringt.
Das Filmfeuilleton [o].

Die Bandbreite, in der dieser Film gesehen werden kann, ist also abgesteckt... Wenn es nach diesen Kritike(r)n ginge, wäre man als Kinobesucher dieses Films also ein voyeuristischer Trash-Liebhaber.

Sehr aufschlussreich ist die folgende Kritik:

Kinder sterben und werden geschlagen, Frauen werden wie Dreck behandelt, sind nicht mehr als Mittel zum Zweck und der Missbrauch beider steht in einem andauernden Schlagabtausch auf der Szenenliste. Die Hoffnung ist ein schlechter Wegbegleiter für diejenigen, die sich diesen Gift und Galle spuckenden Film ansehen möchten. Vor allem, wenn Brimstone als Spiegelbild der Frauenrolle in der Gesellschaft verstanden werden will.  Das weibliche Geschlecht kann das maskuline Böse kaum besiegen, es ist übermächtig, vor allem wenn es noch von einem irren Glauben begleitet wird, der jede Gräueltat nur nach Auslegung rechtfertigt.
[…] Filme sollen sicherlich nicht immer unterhalten, sie sind auch Kunstwerke und die wollen und sollen positive gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen oder soziale Missstände aufdecken. Brimstone ist jedoch weit davon entfernt. Es ist eine Qual für jeden, der Unrecht schwer ertragen kann und an Gerechtigkeit glaubt. Brimstone hat sich in meinen Augen durch sein Maß an Perversion und Leid den Anspruch auf Kunst verwehrt. Nicht etwa durch die verherrlichende Darstellung von Gewalt gegenüber Schwachen, sondern in der Passivität des Filmemachers, eine Lösung anzubieten. Entweder er verarbeitet gnadenlos eigenes widerfahrenes Leid oder er fleht um Aufmerksamkeit. In beiden Fällen fällt es mir schwer, einen Zugang zu finden.
Filmverliebt [o].

Hier wird am Ende eine ganz und gar subjektive, extrem psychologisierende Deutung zum rettenden Ausweg, das Leid an der Gewalt zu rationalisieren – die Gewaltdarstellung wird verurteilt, um sie nicht ertragen zu müssen.

Andere Kritiken

Demgegenüber macht die folgende Kritik erlebbar, was genau der völlige Gegensatz zwischen „Trash“ und Koolhovens Film ist. Gleichzeitig weist sie auf die Meisterleistung der Hauptdarstellerin hin:

In 'Brimstone' missbraucht ein fanatischer Priester Gottes Wort – und seine Familie gleich mit. [...] Das Bild, das Regisseur und Autor Martin Koolhovens auf die Leinwand zeichnet ist ein düsteres Portrait der tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche. Genauer gesagt: der männlichen. Denn das Hauptthema des Western ist die Unterdrückung, ja, die Ausbeutung, der Frau und die damit verbundene Heuchelei der christlichen Kirche. [...]
Gewalt ist in Koolhovens Film jedoch kein Selbstzweck. Anders als bei einem Tarantino, der sichtlichen Spaß an Gemetzel und Geballer hat, ist Koolhovens Film viel mehr neutraler Beobachter. Und darin liegt auch eine Stärke des Films, die durch diese nüchterne Betrachtung Horror und Hoffnungslosigkeit der Charaktere umso greifbarer macht. [...]
Dakota Fanning setzt dem Film jedoch die Krone auf. Obwohl sie den Großteil des Films kein Wort über die Lippen bringt, sagen ihre Blicke mehr als tausend Worte: Schmerz, Angst, Wut und Kraft weiß sie eindrucksvoll in einem Atemzug auf die Leinwand zu zaubern. Ihre hypnotisierende Darbietung zieht förmlich in die Story hinein und macht Brimstone zu einem besonders intensiven und gleichzeitig tiefgründigen Erlebnis.
4001 Reviews [o].

Es ist Koolhoven also ernst. In aller Kürze unterstreicht dies auch folgende Kritik:

Beim Schauen von Brimstone ("Schwefel") wird man unweigerlich an seine Grenzen geführt. Auf der einen Seite der unermessliche psychologische Druck, dem sich Liz aussetzen muss, auf der anderen Seite die ungeschönte Darstellung und brutalen Szenen, die in den USA ein R-Rating nach sich zogen [in Deutschland entsprechend: ab 16]. [...] doch es gab und gibt solche Ungetüme wie den Reverend, warum also beschönigen, was real ist?
Movie Jones [o].

In keiner geringeren Zeitung als der FAZ wird dann der Bezug zur Gegenwart hergestellt:

Was sich in „Genesis“ in einer Familie calvinistischer niederländischer Ausgewanderter zuträgt, hat ebenso viel mit einer sehr heutigen, erhöhten Aufmerksamkeit für sexuellen Missbrauch wie mit einer patriarchal-kasuistischen Lektüre der Bibel zu tun.
FAZ.net [o].

Auch der Rezensent in der WELT erkennt, dass es Koolhoven mit seinem Film sehr ernst ist – und sogar, dass es letztlich keineswegs nur um calvinistische Auswanderer oder gar einen einzelnen Psychopathen geht. Ertragen kann er den Film allerdings auch nicht:

Und die Frauen sind hier wenig mehr als Verfügungsmasse: Sie werden nach Belieben verkauft, gezüchtigt und verstümmelt, und wenn sie doch einmal aufbegehren, werden sie unter dem Applaus der Passanten öffentlich gehängt.
Der serienmordende Folter-Priester, das wird recht schnell klar, ist bei Koolhoven keine verbrecherische Abweichung von der europäischen Zivilisation, sondern ihre Inkarnation. [...] Martin Koolhoven ist es sichtlich ernst damit, in seinem Film den Horror des Individuums spürbar zu machen, das einer feindlichen Kultur schutzlos ausgeliefert ist. [...] Der Priester quält seine Frauen und Martin Koolhoven quält sein Publikum. Bessere Menschen bringen am Ende allerdings beide nicht hervor.
WELT.de [o].

Es ist interessant, dass gerade eine Frau die folgende Sicht auf den Film hat:

[D]ie Faszination geht in „Brimstone“ [...] nicht bloß davon aus, wie die beiden den persönlichen Kampf untereinander austragen, sondern auch davon, in welch perverse Gefilde Martin Koolhoven vordringt, ohne ins reine Exploitationkino abzudriften. [...]
 „Brimstone“ ist unter den vielen gut gemeinten und letztlich doch immer an ihren eigenen Ansprüchen gescheiterten Filmen für Frauenrecht und Emanzipation (Stichwort: „Wonder Woman“) der erste, der es völlig ohne plakative Momente (und eben ohne es überhaupt aussprechen zu müssen) richtig macht – Liz ist möglicherweise die stärkste Filmheldin, die das Kinojahr 2017 hervorgebracht hat. [...] Obwohl es die Situation mitunter geradezu provoziert, ausschließlich Mitleid für sie zu empfinden, drängt sie ihre Figur nie zusätzlich in eine Opferposition und behält so ihre Würde.
Wessels Filmkritik [o].

Der Regisseur

Martin Koolhoven ist ein niederländischer Regisseur, der 2008 mit dem Film „Winter in Wartime“ international bekannt wurde. An seinem Film „Brimstone“ arbeitete er danach sieben Jahre – was wiederum zeigt, wie ernst es ihm persönlich mit diesem Film war.

In einem Interview mit „No Film School“ erzählt er, dass er unbedingt einen Western drehen wollte – und wie er dann auf die weibliche Perspektive und das engere Thema kam:

Why is it such an interesting genre? There's this almost boyish quality to it, this adventure and artistic idea of freedom. But then, as I was thinking that, I thought, that's a very macho approach. It's only a half-truth because for women, Westerns are not actually about freedom all. I had just read a book called In the Rogue Blood by James Carlos Blake about two brothers, and at some point, the sister runs away and they say, "Okay, what are her options? Either she's going to marry someone or she's going to be a prostitute." And that sort of hit me. I realized that that side of the story is never really told. There's not a lot of movies about that. Actually, none at all. Then I thought there has to be a movie from that point of view.
[...] And I thought the only way was to make it personal and to use my culture and heritage. I come from Holland and, of course, a lot of the settlers were Dutch. The Calvinistic belief is something that has had a very strong impact on our culture. Some people at the time thought it wasn't strict enough anymore in Holland, so they went to America to start a purer form of Christianity. That's something I had never seen in movies. [...] The female angle of this whole religious thing is where Brimstone sprouted from.
Koolhoven im Interview mit No Film School [o].

In demselben Interview wird auch deutlich, welche klaren Vorstellungen Koolhoven von dem Film hatte, für den er sowohl das Drehbuch als auch die Regie nicht aus der Hand gab:

When you're writing, don't be afraid of ambition; you have to be as ambitious as you can be. Making a good movie starts with really, really wanting to make a good movie. Do not accept mediocrity, even from yourself. You have to raise the bar. You have to be very tough on yourself [...]
Nowadays Hollywood actually uses a lot of violence, but it is very often comical. I wanted it [to be real] because the movie is about the consequences of violence and the poisonous role that it has in the world and in life. So there are some scenes that are very uncomfortable, and that's what I was striving for. I wanted to portray violence not necessarily in a cool way. [...] If you only go to the movies to have a laugh, then you're not going to have a good time with this movie. [...]
I was extremely ambitious. I didn't want to give in. So there were so many challenges. Every day was a long day. We went overtime constantly. There was constant pressure. I felt very strongly about this movie and I wanted it to be exactly the way I had it in my head. The toughest thing was getting everything that was on the paper to the screen. That was the toughest thing.
Koolhoven im Interview mit No Film School [o].

Ein anderes Interview erhellt die Hintergründe des Produktionsprozesses [o]. Nachdem er das Drehbuch ausgearbeitet hatte, suchte Koolhoven schon ab 2012 Produzenten und dann auch Hollywood-Schauspieler, aber er war bei den Agenturen noch nicht bekannt genug, niemand las wirklich das Drehbuch. Erst als der Produzent Nik Powell, ein Freund seines Partners Els Vandevorst, das Skript las, öffneten sich die Türen. Powell gab ihm eine Liste mit guten Casting-Direktoren, und Des Hamilton, der unter anderem auch für Lars von Trier gearbeitet hatte, übernahm den Job: “This is the best script I’ve read in a decade. [...] I’m going to Hollywood, give your script to the four largest agencies and I guarantee that the next day they’ll be calling you non stop.” So war es dann tatsächlich. Alle großen Agenturen boten Koolhoven die berühmtesten Schauspieler an [o].

Dakota Fanning

Dakota Fanning, die weibliche Hauptrolle, sagt über den Film und sein Skript:

Brimstone was so unlike anything I’d ever read before, and I immediately wanted to be a part of it. Yeah, right away!
Brieftake [o].

Über die Heftigkeit mancher Gewaltdarstellungen des Films sagt sie in einem übersetzten Interview:

Das mag schon sein. Aber es ist auch ein Film, in dem Konflikte und persönliches Drama überlebensgroß sind. Die menschlichen Abgründe, die sich da beim Bösewicht von Guy Pearce auftun, haben ja biblisches Ausmaß. Er ist eine beinahe mystisch überhöhte Figur. Und Guy macht das so gut, dass ich beim Dreh manchmal echt Angst vor ihm hatte. Er hätte es verdient, mit dieser Rolle als einer der besten Bösewichte in die Filmgeschichte einzugehen.
Nordbuzz [o].

In dem Film übernimmt Fanning eine stumme Rolle – sie sagt weniger als der „Terminator“, wie ein Artikel anmerkte. Gerade dies faszinierte sie an der Rolle. Vor den Szenen, in denen sie ein Gewehr zur Hand nehmen musste, schreckte sie jedoch zurück:

“That was what I was most excited about,” she admits. [...] “In real life we convey more things with our body language and our facial expressions and the vibes we give out,” she explains. “That speaks so much louder than the words we’re saying. It’s not often you get to explore that in movies, but it’s such a huge part of communication in general.”
She also had to use a gun — also not her first time. “I’m not the biggest fan of that, to be honest,” Fanning want to have it in my hands for any longer than I have to. I don’t look forward to those scenes because they just make me nervous.”
Metro.us [o].

Fanning ist selbst eine Frau mit großer innerer Stärke. Schon als Kind wurde sie Schauspielerin und verließ offenbar auf eigenen Wunsch ihre Familie, um sich diesen Traum erfüllen zu können, wie ein Artikel im Independent zeigt:

She went into the business out of choice, not because her parents were pushing her. The family was still living in Georgia when Dakota was first establishing herself in LA. She moved there when she was only 6 years old. “My mom always said when you’re ready to go home, you just tell me. I just never wanted to go home. Now, it [acting] feels like second nature to me.”
Independent [o].

In demselben Interview sagt sie, dass sie selbst bei anstrengendsten Dreharbeiten nie etwas anderes machen wollte:

“When I am cold and tired and hungry and want to rip the wig off my head, there is still no place I would rather be than right where I am because I love what I do so much.”
Independent [o].

Fanning hatte also nur ihre Körpersprache und hier vor allem ihre Mimik zur Verfügung. Von Koolhovens Arbeit als Regisseur und Produzent war sie begeistert – so sehr, dass sie dies später auch tun möchte:

"I would like to direct and I learned a lot from Martin who is probably the most direct director I ever worked with; he made me want to direct too," she said.
Xinhuanet [o].

Koolhoven wiederum sagt über die geniale Auffassungsgabe von Dakota Fanning:

“I never knew someone so knowledgeable about what I’m doing. [...] I never met anyone who was so easy to direct because I would walk up to her and she would say, “Yes, I understand”, and I didn’t even say anything. She completely understands what she must do without having to get technical. It is like she has an extra eye out there.”
World Film Geek [o].

Die große Perspektive

In der großen Perspektive zeigt der Film nicht einfach das Leid einer Frau, sondern man kann ihn zugleich als einen Film über das namenlose Leid der Frauen und Mädchen anschauen. Dann gibt Joanna/Liz allen ebenso namenlos gebliebenen Mädchen und Frauen ein Gesicht...

Der Film „Brimstone“ will eben keineswegs emanzipatorisch im gewöhnlichen Sinne sein, denn dann würde er nicht mehr das Leid zeigen, sondern die starke Überwindung des Leides. Dann würde „Liz“ tatsächlich mutig ein Gewehr in die Hand nehmen und ihren Peiniger mit Hass und Genugtuung im Herzen „abknallen“. Als Frau im Wilden Westen sollte sie schließlich „zumindest so stark sein“.

Koolhoven zeigt aber etwas völlig anderes. Liz ist ein weibliches Wesen, das das abgründige Gefühl des Hasses einfach nicht kennt. Sie kennt Angst, sie kennt Mut, sie kennt Verzweiflung, namenloses Leid, Entsetzen – aber nicht die heiße Kälte, die mit der Empfindung „Hass“ verbunden ist. Und wenn sie sie kennt, lässt sie sie nicht zu. Das, was sie zur Gegenwehr bringt, was tatsächlich das Gewehr auf ihren Peiniger richten lässt und was die Öllampe gegen ihn schleudert, ist nicht Hass – es ist Verzweiflung und die Liebe der Mutter zu ihrem bedrohten Kind.

Koolhoven zeigt die ganze Schwäche des weiblichen Wesens in seiner namenlosen Stärke. Was sein Film so unglaublich stark sichtbar macht, ist die Wehrlosigkeit der Frau gegen die Übermacht des Männlichen – und zugleich die unglaubliche Schönheit dieses weiblichen Wesens, die gerade nicht Selbstaufgabe wird, sondern in jedem Moment dem eigenen Wesen treu bleibt – dem Wesen des Weiblichen.

Liz ist ganz und gar Opfer des psychopathischen Mannes und Vaters – aber innerlich wird sie niemals Opfer, und das ist die wahre „Emanzipation“. Nicht der äußere Sieg gegen Gewalt und Demütigung, sondern der innere Sieg gegenüber der Gefahr, angesichts dessen das eigene Wesen zu verlieren. Das tut Liz niemals. Der Reverend hat seine Seele ganz dem Reich der Hölle, der Gegenmächte, übergeben – Liz aber trägt das Mysterium des Weiblichen erhobenen Hauptes durch alle Qualen hindurch. Damit ist nicht Stolz gemeint, denn inmitten von Todesangst und inmitten von Liebe gegenüber den eigenen Kindern kann davon keine Rede sein. Gemeint ist das übersinnliche Aufrechterhalten der eigenen Seelenschönheit – die einem niemand nehmen kann, es sei denn, man selbst tut es und schändet diese.

Eine der eindrücklichsten Szenen ist jene, in der das Mädchen Joanna (gespielt von Emilia Jones) von ihrem Vater gezwungen wird, ein Schwein zu schlachten. Sie muss es zuerst erschießen und ihm dann mit einem großen Messer den Bauch aufschneiden. Das Mädchen gehorcht in allergrößtem Leid – dann läuft es durch den Schlamm hinter eine Schuppenecke und sinkt noch mit dem Messer in der Hand bitterlich weinend nieder. Kaum etwas kann erschütternder zeigen, was der Unterschied zwischen einem Mädchenherzen und einem gefühllosen männlichen Herzen ist.

Eine andere Szene zeigt im zweiten Teil Joanna aus der Wüste gerettet im Bordell. Man muss sich vorstellen, dass sie vor ihrem Vater, der sie vergewaltigt hat (was nicht gezeigt wird!), geflohen ist und sich nun gerettet glaubt. Sie bekommt Limonade, und ein einziger Blick mit einem vorsichtigen, zutiefst verletzlichen, ganz leichten Lächeln lässt miterleben, wie sie glaubt, dass diese Menschen ihr nun hoffentlich Gutes wollen. In dieser einen kleinen Szene kann man das ganze Mysterium des verletzlichen Vertrauens eines Mädchens erleben – und wie abgrundtief die Schuld ist, die eine Seele auf sich nimmt, die dieses Vertrauen verletzt und schändet...

Das Heiligtum des Weiblichen

Niemals hat Liz Gewalt gegen einen anderen Menschen verübt. Sie ist auch dadurch wehrlos, dass sie nicht sprechen kann, die Macht der Sprache hat sie nicht mehr. Sie hat sich selbst Gewalt angetan – sich die Zunge abgeschnitten, um eine neue Identität anzunehmen, etwas, was nicht einmal der Arzt fertigbrachte, den sie darum bat. Dann nahm sie die neue Identität in Hingabe an, liebte den Mann und dessen Sohn, der sie durchaus nicht ebenso gern hat.

Als Hebamme muss sie dann zu Beginn des Films ganz allein entscheiden, was sie tun soll, als der Kopf eines Kindes zu groß ist, um geboren zu werden. Der Mann der Frau hat nicht den Mut zu einer Entscheidung – und so entscheidet Liz sich, das Leben der Frau zu retten, und tut mit einer verzweifelten Stärke das Unfassbare: sie muss das Baby töten, um es aus dem Geburtskanal zu holen. Hier zeigt sich wiederum die Stärke der Frauen, die mit der unfassbaren Tragik dieser Entscheidungen und ihrer Durchführung so allein gelassen werden – während Männer sich mit ihren mächtigen Waffen, ohne mit der Wimper zu zucken, gegenseitig erschießen können und kein Problem damit haben, Frauen in jeder Hinsicht zu demütigen.

Wie sowohl der Bordellbesitzer als auch der Reverend über „ihre“ Frauen verfügen, ist unfassbar – aber gerade das ist in ungezählten Fällen Realität. Es geht um eine Realität, die bis in alle Tiefen erschrecken machen müsste – was sie aber niemals tut, wenn man sie rationalisiert und nicht an sich heranlässt. Die Seele muss das wirkliche Leiden lernen – sonst steht sie ganz außerhalb der Wirklichkeit. Das bloße Wissen produziert bloß den aufgeklärten „Nachrichten-Menschen“, der über alles informiert ist, aber von nichts mehr erreicht wird. Dies aber ist das Schicksal der modernen Seele überhaupt – auch derjenigen, die sich nicht für abgestumpft hält. Immer lebt die Seele heute mehr im Intellekt als in der Empfindung. Dort, im Intellekt, aber stirbt sie.

Und das gerade ist das Wunder der weiblichen Seele, dass sie diesen Tod nicht mitmacht – sondern dass ihr Empfinden immer viel aufrichtiger bleibt als das der männlichen Seele. Ich spreche hier nicht von den emanzipierten Frauen der heutigen Welt, die nichts anderes tun, als sich einer männlichen Welt anzupassen, sondern von einer solchen Seele, wie sie Liz in Koolhovens Film offenbart. Ihre fast übermenschliche Tat besteht gerade darin, inmitten eines fast unvorstellbaren Leidens trotz allem weiblich zu bleiben. Gerade das ist wahre Emanzipation – ein Sich-Befreien von allen männlichen Zwängen, und seien sie noch so subtil. Jede andere Emanzipation ist Anpassung.

In einer männlich dominierten Welt kann Liz letztlich nur untergehen. Als sie am Ende für eine Tat verhaftet wird, die sie nicht begangen hat, befreit sie sich selbst aus dieser unentrinnbaren Situation durch eine heroische Freiheitstat – sie lässt sich fallen... Sie übergibt ihr Leben, das nun endgültig nicht mehr ihr gehören würde, dem Wasser, jenem Element, das so sehr mit dem Fühlen zu tun hat. Und während die Häscher der gefesselten Frau ganz und gar widersinnig noch in das Wasser Kugeln hinterherjagen, weil „nicht sein kann, was nicht sein darf“, ertrinkt Liz mit einem Lächeln auf den Lippen – sie ist mit sich selbst ganz und gar im Reinen.

Und die letzte Szene gibt dem Film das Licht, was ihm die ganzen übrigen zweieinhalb Stunden versagt war. Es ist ihre kleine Tochter, die nun aus der Zukunft spricht und mit tiefer Sicherheit ahnt, wie stark ihre Mutter war, und die ihrer mit einer tiefen, weiblichen Liebe gedenkt. Es ist die Tochter, die eine bessere Zukunft haben wird – weil ihre Mutter sich bis zuletzt für sie eingesetzt hat, mit dem Mut einer Löwin und mit der unvergleichlichen Liebe einer Frau.

Von der Abstraktheit zum Realen

Es nützt nichts, all dies nur intellektuell zur Kenntnis zu nehmen – wie es ebenso wenig etwas nützt, einen solchen Film nur zur Unterhaltung anzuschauen. Denn das lässt der Film überhaupt nicht zu. Wer einen Trash-Film erwartet, kommt überhaupt nicht „auf seine Kosten“, denn dafür sind die blutigen Szenen doch viel zu rar. Wer einen spannenden Film erwartet, wird behaupten, der Film habe „Längen“ und sei durch verschiedenes Füllmaterial auf epischen Umfang ausgedehnt. Wer ein Happy-End erwartet, wird bitter enttäuscht werden, denn der Film bietet keines.

Und so kommen diese Kritiken zustande, in denen es heißt, der Film lasse einen leer, ausgebrannt und ratlos zurück. Zuschauer, die so urteilen, besitzen offenbar weder die Stärke von Liz noch die Fähigkeit, wirklich mit ihr mitzuleiden. In einer Kritik heißt es, „bessere Menschen bringen am Ende allerdings beide nicht hervor“, weder der Reverend noch der Film. Der Reverend allerdings hat es trotz seiner grenzenlosen Pathologie nicht geschafft, Liz zu einem schlechten Menschen zu machen. Und ganz gewiss hat alles ihr angetane Leid auch dazu geführt, ihr Herz so unglaublich weiblich zu erhalten, wie es war. Jedes erfahrene Leid kann entweder verhärten oder macht immer tiefer fähig zu Liebe und Mitleid. Bei Liz war ohne jeden Zweifel der zweite Weg derjenige, den ihre Seele gegangen ist.

Was aber der Weg des Zuschauers ist, das liegt bei ihm. Wenn ein Film, der tiefes, unfassbares Leid zeigt, in der Seele nicht eine immer lebendigere Liebe zum Guten entzündet, dann weiß ich nicht, was dies sonst vermögen soll. Sind die Seelen denn so bequem geworden, dass sie sich bereits für unfassbar „gut“ halten – und es nicht für nötig befinden, ihre innere Realität immer weiter zu vertiefen? Ist deshalb das Urteil, ein Film wie dieser vermöge das nicht, so einfach zu fällen? Man kann doch nur deshalb ratlos sein, weil man unfähig ist, in die Tiefe zu gehen! Die Seele flüchtet hilflos aus ihrer eigenen Ratlosigkeit – anstatt Mitleid und unmittelbares Mitfühlen größer zu machen, als sie es bisher vermocht hatte.

Ratlosigkeit ist meistens ein intellektuelles Problem. Nur, wenn sie absolut aufrichtig ist, kann die Seele auf ihrem Pfad durchdringen zu dem Heiligtum eines um so tieferen Fühlens. Dafür muss sie aber alle Urteile fahren lassen – auch das Urteil, dass diese Ratlosigkeit doch reichlich unangenehm sei.

Joanna und Liz, das Mädchen und die Frau, geben allem Leid, das von Männern Frauen angetan wird, ein Gesicht. Aber mehr noch – letztlich kann der Film sogar als Spiegel unserer männlich geprägten Kultur überhaupt angesehen werden. Denn nicht nur das Mädchen und die Frau leidet. Jeder Mensch, der gefühllos in Armut gelassen wird. Jeder Mensch, der gefühllos in Kriegen umgebracht wird. Jedes Tier, das gefühllos in Qualen gehalten wird. Und dann die ganze Erde, die weibliche Natur schlechthin, die gequält, getötet und geschändet wird, mit Giften von Glyphosat bis was weiß ich. Unendlich ist der männliche Machbarkeits- und Vernichtungswahn. Und er wird nicht gefühlt, weil die männliche Seele dazu immer und immer unfähiger wird.

Die Emanzipation des weiblichen Wesens aber steht noch bevor.