01.01.2018

Tagebuch des Mädchens


Die Tugenden: Redlichkeit, Erkenntnissehnsucht, Wahrhaftigkeit, Glaube, Unschuld, Ehrfurcht, Hoffnung, Sanftmut, Hingabe, Mitleid, Achtsamkeit. Liebe.
Die Karwoche. Ostern. Himmelfahrt.

Die Tugenden


1. Januar

Ich beginne mein Tagebuch. Es gibt zwölf Tugenden. Ich möchte jede Woche eine davon beschreiben. Das sind dann zwölf Wochen, und danach beginnt die Karwoche...

Weiß jemand eigentlich noch, was Tugenden sind? Und wer es weiß – wer nimmt es dann ernst? Die Menschen würden mich auslachen, wenn ich fragen würde, ob jemand weiß, was das Blut ist oder der Atem, oder die Knochen oder das Skelett. Aber die Tugenden sind das Blut und der Atem, das Leben und sogar das Skelett der Seele.

Eine Seele ohne Tugenden hat überhaupt kein Leben. Jede Seele hat aber diese Tugenden – nur sind sie in einem furchtbaren, unglaublich vernachlässigten Zustand. Also ist es auch die Seele. Unglaublich vernachlässigt... So furchtbar, dass man jedes Mal weinen möchte, wenn man es sieht. Und man sieht es ja immer.

Wie kann man sich um das Leben des Körpers so sorgen und um das Leben der Seele so wenig Gedanken machen? Wie kann man es so wenig erleben, dass man eine Seele hat? Und dann, dass sie viel, viel wichtiger ist als der bloße Körper? Der Körper gibt der Seele doch nur eine Wohnung – und wie haust sie dann darin! Was tut sie sich an – sich und anderen? Aber vor allem auch sich...

Die Menschen schauen nach der Mode, wollen gut aussehen, Haare, Kleidung, Gesicht, das alles wird so unglaublich beachtet und geschmückt, geschminkt – und die Seele? Ja, da wird mit Worten und Verhalten auch geschminkt, aber man sieht ja durch alle Schminke hindurch... Und dann? Dann sieht man nichts mehr... Wie die Seele aussieht, darum kümmern sich die Menschen überhaupt nicht. Aber warum nicht?

Für mich ist das unvorstellbar. Für mich ist das todtraurig. Und es ist eine Katastrophe. Denn die hässlichen Seelen machen auch die ganze Welt hässlich. Das, was sie selbst sind, tun sie auch der Welt an. Man kann es sehen, mit den Augen, an jeder kleinen Handlung. Und die größeren Handlungen sind einfach nur größer.

Nichts, was auf der Welt äußerlich hässlich und schlimm ist, entsteht, ohne dass es aus Seelen hervorgeht, die hässlich und schlimm sind und mit sich umgehen. Seelen, die alle nicht wissen, dass es die Tugenden gibt – und dass sie das Leben der Seele sind. Seelen, die nicht einmal mehr wissen, dass sie Seelen sind und dass es eine Seele gibt. Und wer weiß das heute noch wirklich? Wissen allein genügt nicht. Man muss es spüren – und zwar in jedem Moment wieder...

Die Liebe zu den Tugenden würde einem helfen, dies nie wieder zu vergessen. Denn diese Liebe würde der Seele neues Leben geben – das Leben der Tugenden, das ihr eigenes Leben ist. Wenn aber das Leben der Seele wirklich erwacht, dann kann es nicht wieder sterben. Es starb, als die Menschen für das Äußerliche erwachten – und das Innere vergaßen. Das war das Schlimmste, was jemals passierte. Und es ist höchste Zeit, die Seele zu retten – denn sonst passiert eine Katastrophe. 

Redlichkeit


2. Januar

Ich möchte mit einer Tugend beginnen, die noch am meisten als Tugend verstanden werden könnte – und zugleich auch am meisten missverstanden. Und zwar meine ich die Redlichkeit. Sie hat auch mit Fleiß zu tun, ehrlichem Fleiß. Und weil jede Tugend mit der Liebe zu ihr zu tun hat, ist es die Tugend der Liebe zu ehrlichem Fleiß...

Früher sagte man wohl auch Rechtschaffenheit. Es geht aber nicht nur um die Ehrlichkeit, sondern um das ehrliche Schaffen, das ehrliche Verdienen seines täglichen Brotes. Dazu gehört auch das Himmelsbrot. Rechtschaffen ist eine Seele, die zur rechten Zeit leiblich schafft und zu rechten Zeit die nichtsinnliche Nahrung sucht und sich um sie müht. Die redliche Seele ruht nicht – und wo sie ruht, ruht sie in Gott.

Aber für die redliche Seele gibt es auch nichts Schöneres, als entweder redlich und recht schaffend tätig zu sein – oder aber sich innig zu versenken, was auch eine sehr heilige Tätigkeit ist, aber eigentlich schon mehr zu anderen Tugenden gehört.

Redlichkeit ist also die aufrichtige Liebe zu rechtschaffener Tätigkeit. Mehr darüber schreibe ich morgen.

3. Januar

Was für eine wunderbare Tugend das ist – die Redlichkeit! Die Liebe zur Arbeit, zur eigenen Arbeit, mit der man sein Brot verdient, mit eigenen Händen. Ich denke mir, dass früher die Handwerker so gefühlt haben. Oder etwa ein Schuster. Der ganze Begriff der „Ehre“ in seiner wunderschönen Bedeutung hat damit zu tun. Der Schuster wusste, was seine Arbeit wert ist – und er verlangte dafür nicht mehr und auch nicht weniger. Niemand, in dessen Seele die Tugend der Redlichkeit lebte, schlug einen anderen Menschen übers Ohr. Jeder wollte in heiligem, bescheidenem Stolz auf seine Arbeit nur das dafür haben, was sie auch wirklich wert war. Die Menschen waren von bescheidenem, aber ehrlichem Glück erfüllt, weil es gerecht zuging – und es ging so zu, weil die in den Seelen die Redlichkeit lebte, die Rechtschaffenheit, der redliche Fleiß, mit dem die Seelen fühlten, was ihre Arbeit wert war.

Sie fühlten ihren eigenen Wert, weil sie rechtschaffen und fleißig waren, und niemand übervorteilte den anderen.

Redliche Menschen sind niemals unehrlich, weil Unehrlichkeit nur die Unfleißigen brauchen. Aus dem Fleiß wird ein redlicher Stolz auf die Früchte eigener Hände Arbeit geboren. Und die redliche Seele fühlte sich genauso beschämt, wenn sie weniger dafür bekäme, als diese Frucht wert ist, wie wenn sie zuviel dafür bekäme. Ein Zuviel wäre sogar noch schlimmer, denn es ist besser, selbst benachteiligt zu werden, als einen anderen zu betrügen. Die redliche Seele möchte gar nicht mehr bekommen, als sie verdient – und sie hat eine heilig genaue Empfindung, wann es zuviel ist...

Deswegen hat Redlichkeit und Rechtschaffenheit auch so viel mit Gerechtigkeit zu tun. Für die redliche Seele sind dies ganz einfach gar nicht zwei verschiedene Dinge!

4. Januar

Redlichkeit ist untrennbar mit dem Gerechtigkeitsgefühl verbunden. Man sagt: „Sie teilten redlich“. Das ist dasselbe wie gerecht. Natürlich können auch Diebe und Räuber untereinander „gerecht“ teilen, aber da ihr Teilen auf Raub beruht, ist es nicht redlich, sondern unredlich. So hat die Redlichkeit immer mit ehrlicher, eigener fleißiger Arbeit zu tun.

Wenn man sich „redlich“ bemüht hat, oder wenn man sich etwas „redlich“ verdient hat, steckt immer der wirkliche, aufrichtige Fleiß dahinter.

Dabei geht es um die Liebe zur Arbeit selbst. Man kann doch an einen Förster denken. Er wird nie etwas von den Bäumen haben, die er pflanzt – er pflanzt für die über- und überübernächste Generation. Aber er liebt seine Arbeit. Und was er als Lebensunterhalt verdient, das verdient er durch ebendiese.

Rechtschaffen und voller Verantwortlichkeit tut er, was notwendig ist, um den Wald zu pflegen und zu erhalten. Eigentlich dient er – wie jeder Beruf dient, aber gerade bei solchen Berufen wird es ganz deutlich spürbar. Der Förster dient – er dient dem Wald, und er dient lange nach ihm kommenden Generationen. Er tut, was getan werden muss. Er ist fleißig. Und er möchte nicht mehr bekommen, als man braucht, um zu leben. Das ist Redlichkeit...

Es ist also selbstlose Liebe zur eigenen Arbeit, deren Redlichkeit die Seele dann auch wieder mit einem Stolz erfüllen kann, der sie nicht hässlich macht, sondern nur das Empfinden ihrer eigenen Würde ist. Die Seele ist sich der Würde ihrer Arbeit in bescheidener Weise bewusst, nicht mehr und nicht weniger. Sie spürt den Wert ihrer bescheidenen Arbeit im Kreis des Ganzen. Das ist der bescheidene Stolz auf der eigenen Hände Arbeit aller fleißigen Menschen. Und in der Redlichkeit geht er zusammen mit einer tiefen, tiefen Ehrlichkeit...

5. Januar

In der Redlichkeit liegt ein unendlich heiliges Ehrgefühl. Noch die ärmste Arbeiterin hat es – oder darf es haben. Sie darf fühlen, was sie gearbeitet hat und Tag für Tag arbeitet. Selbst wenn sie dafür viel zu schlecht entlohnt wird, darf sie spüren, was sie wirklich getan hat. Und das gehört zur Redlichkeit dazu. Seine Arbeit nicht überschätzen – aber auch nicht unterschätzen. Sie mag einem vielleicht sogar verhasst sein, man mag zu ihr gezwungen sein, um zu leben – aber solange man sie dennoch fleißig und aufrichtig tut, sozusagen wirklich „im Schweiße seines Angesichts“, darf man diesen heiligen Stolz damit verbinden: das war meine Arbeit, nicht die von irgendjemand anderem... Dieses Ehrgefühl ist um so größer, je mehr die Früchte dieser Arbeit einem dann dennoch genommen werden...

Die Redlichkeit war zu keinen Zeiten größer als in jenen, wo man nicht zu viel für seine Arbeit bekommen hat, sondern eher zu wenig. Redlichkeit bedeutet, gar nicht mehr bekommen zu wollen – vor allem aber: fleißig gewesen zu sein und zu wissen, was man getan hat.

Die Redlichkeit endet da, wo man es mit seinem Fleiß nicht mehr so genau nimmt. Und die Unredlichkeit beginnt da, wo man seinen eigenen Vorteil sucht und es mit der Gerechtigkeit nicht mehr so genau nimmt. So ist die Redlichkeit untrennbar verbunden mit jenen, die fleißig tätig sind und ihren gerechten Lohn empfangen – oder weniger als diesen, die aber dennoch in ihrer ganzen Seele tief ehrlich bleiben.

6. Januar

Und das alles, was ich geschrieben habe, muss man empfinden – in seiner eigenen Seele tief, tief spüren. Dass Redlichkeit eine Tugend ist und was das dann ist: eine Tugend...

Tugenden sind etwas, was die Seele innerlich schön macht, leuchtend, wunderschön strahlend. In früheren Zeiten hatten es die Menschen einfach, das zu verstehen, denn da konnte man einfach sagen: Gott sieht dies unmittelbar. Und so ist es noch immer – nur verstehen die Menschen das nicht mehr. Sie können sich nicht mehr hineinversetzen, aber das sollten sie. Es geht darum, dass das, was die Seele ist, vor Gott und den Engeln ganz, ganz unmittelbar sichtbar ist – und dass da alles noch viel sichtbarer ist als in der äußeren Welt. Und so, wie es schon dort so unendlich viele Unterschiede gibt, von Bettellumpen bis zum Kleid der Königin, so sind die Unterschiede in den „Kleidern“ und im Aussehen der Seelen noch viel, viel größer. Ein Bettellumpen kann niemals so hässlich sein, wie eine Seele werden kann – und ein Königskleid kann auch niemals so schön sein, wie eine Seele werden kann. Das alles ist dort, bei der Seele, noch viel, viel unbeschreiblicher.

Heute, wo die Menschen gar nicht mehr wissen, was Tugenden sind, würde man vielleicht sagen: „Ja, ja, der ist ganz rechtschaffen“ – und würde sich fast nichts weiter mehr dabei denken. Vielleicht würde man sogar denken: „Er ist doch dumm, soll er für seine Arbeit doch ein paar Euro mehr verlangen!“ Aber was heißt das? Man macht sich überhaupt keinen Begriff mehr, was diese Rechtschaffenheit wirklich bedeutet!

Eine Seele, die lustlos und vielleicht sogar verschlagen ihr Geld verdient, was sie durch ihre Lustlosigkeit und Falschheit gar nicht verdient, hat vor Gott nicht die geringste Bedeutung – sie ist vielmehr unendlich hässlich vor seinen Augen. Die Seele aber, die ihren inneren Fleiß und ihr heilig-bescheidenes Wissen um das mit eigener Hand Geleistete haushoch über die Münzen stellt, die sie dann bekommt – oder gar über die Möglichkeit, noch ein paar mehr herauszuschlagen –, die besitzt „einen Schatz im Himmel“, nämlich etwas, was ihr niemand, niemand, niemand nehmen kann. Und was sie besitzt, die Tugend der Redlichkeit, das macht ihre Seele unendlich schön – in diesem Punkt...

7. Januar

Redlichkeit ist als Tugend sozusagen die heilige Würde des ehrlichen Fleißes oder fleißiger Ehrlichkeit. Die Seele spürt diese Würde – und in dem Maße, wie sie sie einfach nur spürt, ohne dies zu einem falschen Stolz werden zu lassen, leuchtet diese Würde auch vor Gottes Augen. Vielleicht spürt sie sie auch nicht – sondern hat sie nur, ohne sie zu spüren. Es gibt redliche Seelen, die wissen nicht das Geringste von ihrer unglaublichen, heiligen Redlichkeit. Aber man kann es wissen. Und die Redlichkeit hat ja auch selbst viel mit einem Wissen zu tun, denn es geht auch um Gerechtigkeit. Dafür muss die Seele doch wissen, was die eigene Arbeit wert ist – und was nicht. Sie weiß es also. Nur weiß sie manchmal nicht, dass sie es weiß – und zum Beispiel dass sie sehr, sehr redlich ist.

Manchmal ist das auch gut so. Denn manche Seelen werden mit jedem Wissen unredlicher. Sobald sie für die Frage erwachen, denken sie schon an die Möglichkeit, mehr „herauszuschlagen“ – und schon ist es mit der Redlichkeit vorbei. Selbstsucht und Gier sind Untugenden, die die Tugend sofort vernichten. Die Redlichkeit mag um ihre Würde wissen oder nicht wissen – aber sie bleibt nur Redlichkeit, wenn sie sich nicht mit der Gier verbrüdert, denn dann verwandelt sie sich in ihr hässliches Gegenteil. Die wirkliche Redlichkeit weist die Gier immer unmittelbar und voller Überzeugung von sich. Und zwar gerade weil sie ihre eigene Würde weiß oder sie aber unbewusst spürt. Und sie möchte Redlichkeit bleiben – und nicht um eines billigen äußeren Vorteils in ihr hässliches Gegenteil verwandelt werden.

Das ist es, was jede redliche Seele die blanken Taler, an denen die Hässlichkeit der Würdelosigkeit klebt, zurück ins Antlitz des Versuchers schleudern lässt.

Tugenden sind der unbezahlbare Schatz der Seele. Sie sind ihr Leben und ihr Leuchten – und das lässt sich mit keinem Geld der Welt bezahlen. Tugenden sind das Heiligste, was es zu hüten gibt, und die Seele, die die Tugenden liebt, weiß das. Deswegen liebt sie sie ja...

Das war also die heilige, so schwer zu verstehende Tugend der Redlichkeit. Morgen werde ich anfangen, von der nächsten zu schreiben.

Erkenntnissehnsucht


8. Januar

Bevor ich von der nächsten Tugend schreibe, möchte ich noch etwas anderes sagen. Nämlich, ich möchte noch einmal dasselbe sagen wie gestern: Dass wir uns auf einem sehr, sehr heiligen Boden befinden. Das darf man nicht nur nie vergessen – man muss es immer unmittelbar und mit ganzem Herzen spüren! Es hat alles keinen Sinn, wenn dies nicht so wäre. Die Tugenden sind das Heiligste, was es gibt – und wenn man das nicht spürt, ist die Seele ernstlich krank. Früher sagte man: „bis an den Tod“. So ernst! Man muss es wieder lernen, seine Seele zu spüren! Und dann muss diese Seele wieder lernen, ihre heilige Sehnsucht nach diesen Tugenden zu spüren – denn sie sind ihr Leben.

Eine Seele, die nicht mehr fühlen kann, wie sie gleichsam in einer unendlich zarten Heiligkeit watet, ja, eingetaucht ist, wenn sie sich dem Nachdenken und Nachfühlen über diese Tugenden hingibt – eine solche Seele ist todkrank! Sie ist fast schon tot, erstarrt, gestorben, erkaltet, ohne jede wirkliche Empfindung. Sie hat nur noch Empfindungen des Äußeren und des Wesenlosen, aber nicht mehr wirkliche Empfindungen. Todkrank, wirklich todkrank ist die Seele, die nicht fühlen kann, was die Tugenden sind. Heiliges, zartes, unendlich wesenhaft-heiliges Leben – das Leben der Seele...

Und die nächste Tugend, von der ich schreiben möchte, ist die Sehnsucht, dies auch wirklich zu erkennen. Also, man kann sagen: Erkenntnissehnsucht. Eine der zwölf Tugenden...

9. Januar

Tief verborgen in der Seele lebt sie, diese heilige Tugend, um die es in dieser Woche gehen soll: die Erkenntnissehnsucht. Was für eine heilige Kraft ist dies! Sie ist es, die die Seele zu Gott führt – wie auch alle anderen Tugenden. Aber es ist deutlich, wie wichtig gerade diese eine ist.

Man kann sich fragen, ob eine Sehnsucht eine Tugend sein kann. Ja, das kann sie – weil sie gehütet werden muss, gehütet und geheiligt, so, wie jede andere Tugend. Und wenn sie dies nicht würde, so würde sie verkümmern und verschüttet werden – auch wie jede andere Tugend. Die Tugenden sind der Schatz, den Gott in die Seele gelegt hat – und man kann ihn hüten und mehren, oder man kann ein schlechter Hüter sein. Wer nicht die heilige Verantwortung empfindet, ist ein schlechter Hüter – und eines Tages wird er voller Schrecken erkennen, wie sehr er seine Seele verwahrlosen ließ.

Und die Erkenntnissehnsucht? Was machen die Menschen heute mit ihr? Sie wollen das Größte und das Kleinste erkennen, die Atome und die fernsten Sterne, die Gene und Leben auf fernen Planeten. Aber das Leben ihrer eigenen Seele und überhaupt die Existenz der Seele interessiert sie nicht. Aber die Tugenden sind die Sterne der Seele... Sie sind der heilig-leuchtende Sternenhimmel, und wenn sie nicht leuchten, herrscht in der Seele finsterste Nacht. Die Erkenntnissehnsucht müsste sich auf das Heilige richten... Auf das einzig Wesentliche.

10. Januar

Man kann sich vielleicht fragen, wie eine Tugend entarten kann – weil die Erkenntnissehnsucht sich heute so sehr im Wesenlosen verliert, dass die Menschen forschen und forschen und schon gar nicht mehr wissen, warum sie das tun – während überall auf der Welt Kinder verhungern, Tiere leiden, die Natur zerstört wird und noch viel mehr. Aber auch Tugenden können entarten. Sie können nicht nur nicht entfaltet werden, sie können auch falsch entfaltet werden. Die Redlichkeit könnte auch zur bloßen „Bravheit“ werden – und ganz dieses unglaubliche Herzensgefühl verlieren, diesen heiligen Stolz, der zugleich so demutvoll und bescheiden ist. Es kommt immer darauf an, dass die Tugend wirkliches Leben hat – heiliges Leben.

Sehnsucht, heilige Sehnsucht, ist auch etwas völlig anderes als Gier. Heute lebt in den Seelen viel zu sehr eine Erkenntnisgier – oder aber eine Gleichgültigkeit, die höchstens noch Gier nach Neuigkeiten ist, nach Nachrichten, nach Informationen, immer wieder Neues, das Neueste... Da ist die Seele wieder schwer, schwer krank. Sie leidet an einer schlimmen Fresssucht – und das, was sie frisst, sind diese Nachrichten. Und wenn sinnlos immer weitergeforscht wird, nur um noch ein Molekül und noch einen Stern zu entdecken, dann ist das auch wieder eine Fresssucht. Es hat nichts mehr mit Sehnsucht zu tun – nur noch mit Fressen, unendlich, wie eine Raupe Nimmersatt, die nie zu einem Schmetterling wird, weil sie nur immer dicker werden will.

Die Tugend, die wirkliche Erkenntnissehnsucht ist etwas völlig anderes. Sie ist etwas ganz und gar Heiliges, wie jede Tugend. Man muss sich fragen: Was ist das wirkliche, das heilige Leben der Seele? Und jetzt fragt man es sich in Bezug auf die Erkenntnissehnsucht. Was ist das? So heilig wie möglich vorgestellt, gefühlt, mit dem Herzen gefühlt...

11. Januar

Die Erkenntnissehnsucht ist eine heilige Tugend. Und wenn sie als eine Tugend gehütet wird, richtet sie sich selbst auf das Heilige. Sie möchte das Heilige hüten und vertiefen. Sie möchte das Heilige mehr verstehen, heiliger verstehen. Die Seele möchte sich würdig machen, das Heilige immer mehr und tiefer verstehen zu dürfen. Aber dieses Sich-würdig-Machen sind vielleicht schon wieder andere Tugenden. Die Erkenntnissehnsucht ist die Tugend, mit der die Seele eben eine Sehnsucht nach Erkenntnis hat – so, wie die Redlichkeit die Tugend ist, mit der die Seele eben redlich ist.

Erkenntnissehnsucht bedeutet nicht, nur nach dem Heiligen eine Erkenntnissehnsucht zu haben. Aber in einer tugendhaften Seele würde es dennoch im Mittelpunkt stehen – und mehr noch: sie würde das Heilige in allem finden. Ihr Erkennen würde selbst immer heiliger werden. Aber es beginnt mit der Sehnsucht... Und weil Sehnsucht selbst etwas sehr Heiliges ist, beginnt mit ihr auch bereits die Erkenntnis etwas Heiliges zu werden – aber man muss dies alles immer sehr, sehr hüten, nur dann bleibt es so heilig, wie es sein will.

Wenn ein Mensch alles kennengelernt hat, alles erforscht, alles gesehen, wenn er überall gewesen ist ... was ist dann? Was hat er dann? Ist er dann müde geworden? Satt? Ja, ekelt ihn vielleicht alles? Was hätte die Seele gewonnen, wenn sie alles wüsste ... und doch nichts heiligen könnte? Wenn alles nur die Last des Toten vergrößert hätte, die die Seele mit sich herumträgt? Totes Wissen, tote Erfahrungen, tote Erlebnisse – Ballast, lastend, lähmend...? Was haben die Millionäre von ihren Reisen? Von ihren Villen? Sie können so viel sehen, erleben, kennenlernen – aber was haben sie davon?

Man muss mit dem Herzen spüren, was demgegenüber Erkenntnissehnsucht ist. Heilige Sehnsucht, wie eine zarte Knospe, die nie altert, weil ihre Heiligkeit gehütet wird, wie ein zartes Feuer, das nie erlischt...

Sehnsucht ist deshalb Sehnsucht, weil sie jung ist. Wenn sie altert, ist die keine Sehnsucht mehr. Dann ist sie Langeweile, dann ödet eine neue Erkenntnis nur noch an, sie interessiert nicht mehr, sie ist unwesentlich. Erkenntnissehnsucht ist aber das Gegenteil. Sie ist das Ewig-Junge.

12. Januar

Die übrigen Tugenden helfen der Erkenntnissehnsucht, dass sie sich vor allem auf das Wichtigste richtet. Aber die Seele weiß, was das Wichtigste ist – denn sie selbst und alle Tugenden sind ja aus Gott geboren. Wie könnte eine Seele nicht eine allerinnerste Richtung auf das haben, woraus sie geboren wurde und von dem sie ihr Leben bekam?

Und das Andere ist dann die Sehnsucht danach, das immer mehr zu verstehen, was sie selbst ist, die Seele. Heute vergessen die Seelen sich so unglaublich stark. Aber die Tugend würde sein, wieder eine lebendige Erkenntnissehnsucht zu fühlen. Dass diese Sehnsucht da wäre, das wäre gerade die lebendige Tugend.

Und das Dritte ist dann die Sehnsucht, alles Übrige zu verstehen – weil es da ist. Und weil man selbst da ist. Und weil die Seele nicht dazu geschaffen wurde, verständnislos allem übrigen gegenüberzustehen und an allem übrigen vorüberzugehen – sondern sich dafür zu interessieren. Diese wunderschöne Kraft des Interesses ist also Teil dieser heiligen Tugend – nicht nur, aber auch.

So haben wir also Gott, die Seele selbst und die Welt in ihrer Schönheit. Und was kann die Seele nun über Gott wissen? Kann sie je etwas wissen? Geht es überhaupt um das Wissen? Es ist Erkenntnissehnsucht, die die Tugend ist! Erkennen ist nicht Wissen – es ist viel lebendiger, viel heiliger und viel zarter. Die Sehnsucht der Seele ist nicht, zu wissen, sondern zu erkennen. Und man sollte den heiligen Unterschied einmal sehr, sehr zart spüren...

„Und sie erkannten einander“, heißt es in alter Sprache, wenn sich zwei Menschen liebten. Liebe hat mit Erkennen zu tun – und heiliges Erkennen hat mit Liebe zu tun. Sehnsucht hat auch mit Liebe zu tun. Wenn sich die Erkenntnissehnsucht auf Gott richtet, kommen wir zu etwas Unaussprechlichem. Gott ist unendlich heilig – aber auch das, was in der Seele dann lebt, ist bereits unendlich heilig. Man kann es nicht weiter beschreiben...

13. Januar

Und die Seele selbst? Was für ein heiliges, unendliches Geheimnis ist denn sie! Allein schon die Tugenden. Allein schon jede einzelne Tugend! Ein Wunder! Woher kommt das? Woher kommt die Sehnsucht? Die Erkenntnissehnsucht? Woher hat der Mensch ein Herz, das doch so innig mit der Seele verbunden ist, als das heilige Organ des Fühlens? Woher hat die Seele ein Denken? Woher weiß sie, was das Gute ist? Woher kommt das? Wieso trägt ein Mensch dieses unendlich heilige Wissen in seinem Herzen? Wieso ist dieses heilige Geheimnis, das Geheimnis des Guten, so sehr eins mit dem Herzen? Was ist dieses große, große Geheimnis des Herzens, das zugleich das Geheimnis der Seele ist?

Wenn man mit solchen Fragen begonnen hat, hört es nie wieder auf. Und Erkenntnissehnsucht bedeutet nicht unbedingt, Antworten zu bekommen. Es bedeutet ein heiliges Sich-Versenken in die Fragen... Ein Eintauchen, ein Versinken, wie in einem Meer – ein heiliges Versinken in heiligste, tiefste Fragen. Es bedeutet heiliges, schweigendes Staunen...

Das könnte ein Widerspruch sein. Denn will nicht die Sehnsucht erkennen und nicht staunen? Aber es ist kein Widerspruch. Denn die Sehnsucht sehnt sich nach dem Ziel ihrer Sehnsucht. Das Ziel der Erkenntnis aber ist alles, auf das sie sich richtet. So ist die Erkenntnissehnsucht eigentlich Sehnsucht überhaupt. In der Erkenntnis vereinigt sich die Seele mit dem Erkannten. Es ist ein Prozess reiner Liebe... Deswegen geht es nicht um das schnelle Wissen, sondern um die Sehnsucht selbst. Erkenntnis, die nicht auf ihrem Weg zum Ziel Liebe wird, hat überhaupt keinen Wert. Deswegen ist „Erkenntnissehnsucht“ ein schwieriges Wort. Man muss die Betonung auf „Sehnsucht“ legen. Und man muss spüren, was darin enthalten ist. Es ist eine Sehnsucht, die über ein heiliges Sich-Versenken und ein heiliges Staunen zu einer heiligen Liebe führt – und diese Liebe ist dann das Erkennen. Sie wird eins mit ihm, weil sie eins wird mit dem Erkannten...

14. Januar

Wenn sich die Erkenntnissehnsucht auf die Welt richtet, so tritt die Seele in ein Liebesverhältnis zur Welt und ihrer Schönheit. Die Welt ist „kosmos“. Kosmos ist nicht nur eine wunderschöne Blume – die auch „Schmuckkörbchen“ genannt wird (Körbchen wegen der Korbblüte) –, sondern Kosmos ist das griechische Wort für ganz vieles, aber alles gleichzeitig. Es bedeutet Ordnung, aber auch Schmuck, Glanz, und so eben auch Schönheit. Es ist weisheitsvoll geordnete, leuchtende Schönheit, die den ganzen Kosmos durchstrahlt, weil sie dieser Kosmos ist.

Man schaue sich nur einmal eine kleine Kosmos an – oder jede andere Blume! Man betrachte ein kleines Schneckenhäuschen. Man versenke sich in einer winzige Kleinigkeit dieser unendlich großen und unendlich vielfältigen Schöpfung. Man versenke sich in eine Kleinigkeit! Und man wird erkennen (erkennen!), wie schon hier eine ganze Welt, ein ganzer Kosmos von Schönheit wartet, gesehen, empfunden, geliebt und erkannt zu werden...

Ein Schmetterling... Ein Spinnennetz am frühen Morgen... Ein Tautropfen... Der Gesang eines Rotkehlchens... Der Ruf eines Kuckucks am Waldrand! Die Schönheit des Kosmos schlägt in das Herz ein wie die erste Liebe...

Und wenn die Sehnsucht zur Tugend wird, dann bleibt es die einzige Liebe, denn dann hört sie nie auf. Kosmos ist ein Einziges, alle Schönheit ist miteinander verbunden, wie durch ein heiliges Band, ein leuchtendes Gewebe, gewoben von Gott und allen Engeln. Und die Liebe, die sich auf diese ganze Schönheit richtet, auf alles Einzelne und auch auf das Ganze, ist auch immer die gleiche. Die Erkenntnissehnsucht aber führt, weil sie Liebe wird, auch zum Erkennen. Sie führt zum Erkennen des Zusammenhanges, aber auch zum Erkennen des Einzelnen.

Die Wissenschaftler erkennen unglaublich vieles. Aber die Seele erkennt viel mehr und viel tiefer. Sie erkennt zum Beispiel, dass die Schmetterlinge und die Blumen einander wirklich liebhaben. Sie erkennt, dass ein See das Auge einer Landschaft ist. Oder dass eine starke, alte Eiche wirklich genau dasselbe ist, was in der Seele die Treue ist. Man kann das nicht weiter beschreiben – aber das muss man auch nicht, denn das liebende Erkennen ist letztlich immer etwas Geheimes, es geschieht in der heiligen Intimität, in der die Seele mit dem Erkannten allein ist... Das Wunder der Geliebten...

Wahrhaftigkeit


15. Januar

Die nächste Tugend, über die ich diese Woche schreiben möchte, ist die Wahrhaftigkeit. Sie ist wie eine heilige Schwester der Erkenntnissehnsucht. Die Sehnsucht nach Erkenntnis führt zur Wahrhaftigkeit. Und die Wahrhaftigkeit führt zur Erkenntnis. So könnte man auch sagen, die Wahrhaftigkeit ist die Tochter der Erkenntnissehnsucht – und die Erkenntnis ist dann die Enkeltochter der Sehnsucht nach ihr...

Es ist schön, sich solche Bilder zu machen. Denn eigentlich macht man sie sich nicht, sie kommen zu einem – weil sie wahr sind. Die Wahrheit kann als Bild kommen. Denn was wäre damit gesagt, wenn man nur sagen würde „führt zu“ – und wüsste gar nicht, was damit gemeint ist? Gemeint ist ein Geborenwerden. Das ist etwas sehr Wichtiges! Durch das eine kommt das andere zur Welt. Und vorher wächst es schon unsichtbar in dem einen heran...

Wenn man lange genug eine Sehnsucht nach wirklicher, nach heiliger Erkenntnis gehabt hat, wird man wahrhaftig. Vielleicht, weil man merkt, dass nur dadurch wiederum die Erkenntnis heranreifen oder herankommen kann? Ganz sicher deshalb!

Wahre Erkenntnis möchte, dass man sich ihr mit Ehrfurcht nähert. Sie ist ja heilig – also wie könnte man sich ihr je anders nähern? Etwa weil man zu stolz dazu ist? Dann ist man nicht tugendhaft, denn Stolz ist ein Mangel an Tugend... Tugenden sind die Schönheit der Seele, und ihr Gegenteil ist die Hässlichkeit der Seele. Die Erkenntnis wartet also, bis man schön genug ist, ihr unter die schönen Augen zu treten.

Damit meine ich nicht, dass der Inhalt einer Erkenntnis nicht auch hässlich, traurig, erschreckend und schlimm sein kann – aber die Erkenntnis selbst als Prozess, als Geheimnis, als Mysterium ist heilig. Es ist eine heilige Göttin... Ihr tritt man unter die Augen, wenn man sich einer Erkenntnis, als Inhalt, nähert. Vor dem Inhalt steht der Prozess, der Weg zum Inhalt. Und dieser Weg und sein Ziel, nicht als Inhalt, sondern als Erkenntnis an sich, ist die heilige Göttin...

16. Januar

Können wir das heute noch? Von heiligen Dingen reden? Von etwas, was so heilig ist, dass es natürlich kein „Ding“ ist, sondern eben das Heilige? Wenn wir es nicht mehr könnten, wäre unsere Seele sehr, sehr arm – und sogar verloren. Die Seele braucht die Ehrfurcht, weil sie das Heilige sonst ganz verlieren würde. Deswegen ist auch Ehrfurcht eine Tugend. Aber die Erkenntnissehnsucht und die Wahrhaftigkeit sind die Ehrfurcht vor der Erkenntnis und der Wahrheit. Und wenn diese Ehrfurcht nicht sofort da ist, wird auch sie aus diesen beiden Tugenden geboren. Überhaupt ist ja jede Tugend ein heiliger Schatz, aus dem unendlich viel geboren werden kann. Zu jeder einzelnen Tugend gehören ganz gewiss noch zwölf weitere, die mit ihr zusammenhängen, Teil von ihr sind, aus ihr geboren werden können und so weiter.

Die Wahrhaftigkeit ist also die Ehrfurcht vor der Wahrheit. Und sie ist sozusagen die fortgesetzte Erkenntnissehnsucht, denn die Erkenntnis besteht ja aus der Wahrheit. Man kann nur die Wahrheit erkennen, was denn sonst? Wenn man eine Lüge erkennt, ist auch das die Wahrheit: dass es eine Lüge ist. Mit der Ehrfurcht vor der Wahrheit werde ich die Wahrheit schließlich auch erkennen – denn sie wird sich mir schenken... Aber nur, weil ich Ehrfurcht vor ihr hatte. Weil ich mich ihr hingegeben habe. Dann gibt sie sich auch hin. Sie schenkt sich, weil ich ihr vorher meine Wahrhaftigkeit und meine Sehnsucht nach der Erkenntnis geschenkt habe.

Das ist kein Tauschgeschäft, sondern etwas unendlich Heiliges. Meine Sehnsucht reicht grenzenlos in die Weite – und von der anderen Seite, jenseits der Unendlichkeit, kommt mir die Erkenntnis entgegen. Es ist Liebe, reine Liebe. Die Sehnsucht liebt die Erkenntnis – aber die Erkenntnis liebt auch die Sehnsucht. Würde sie sich ihr sonst schließlich schenken?

17. Januar

Und was ist nun Wahrhaftigkeit? Ehrfurcht vor der Wahrheit? Aber das bedeutet, dass ich die Wahrheit ehre. Und wie mache ich das? Es bedeutet nicht, dass ich sie fürchte – höchstens so, dass ich mich fürchte, sie nicht genug zu ehren. Ehrt man etwas denn, wenn man in Wirklichkeit nur so weitermacht wie immer? Nein, sondern wenn man sich wirklich fürchtet, etwas falsch zu machen – und zwar, weil man zu faul ist, es wirklich zu meinen. Erst die „Furcht“ führt zu der wirklichen Anstrengung – zu einem aufrichtigen Sich-Anstrengen. Also das ist auch Aufrichtigkeit! Ich muss es schon mit der Aufrichtigkeit aufrichtig meinen. Ist das nicht etwas Wunderbares? Man muss es ernst meinen – das ist gemeint. Aber was ist nun wieder Ernst? Es wirklich meinen, mit seinem ganzen Herzen. Aber wenn das Herz gar nicht ernst sein kann? Man kommt mit diesen Erklärungen nicht ans Ziel – die Seele muss selbst verstehen, was gemeint ist. Und dann muss sie es so ernst wie nur möglich nehmen.

Damit sind wir auch wieder bei der Redlichkeit. Und wieder bei der Aufrichtigkeit. Und bei der Sehnsucht. Ohne all das kommt die Seele an keine Tugend heran. Die Aufrichtigkeit ist zugleich auch der Ernst der Seele! Wenn sie es mit ihrem eigenen Bemühen nicht aufrichtig meint, hat sie keinen Ernst. Es ist Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst, gegenüber dem eigenen Ernst, gegenüber der eigenen Aufrichtigkeit des Strebens nach den Tugenden. So wird also auch der Ernst aus der Wahrhaftigkeit geboren – nicht nur die Erkenntnis. Sie wird erst dann geboren, wenn die Wahrhaftigkeit ... ernst und wahrhaftig und aufrichtig genug ist.

Darum ist auch die „Furcht“ in der Ehrfurcht etwas Schönes und Heiliges. Denn wirkliche Verehrung ist immer auch – Furcht. Erst wenn man sich fürchtet, dass man der Wahrheit noch nicht würdig genug ist; erst wenn man sich fürchtet, dass die Wahrheit an einem vorbeigehen könnte, einen nicht beachten könnte, weil man nicht würdig genug ist ... erst dann weiß man, was wirkliche Ehrfurcht ist. Es ist wirklich die heilige Ehrfurcht vor einer Göttin...

18. Januar

Das alles ist heute vielen sehr schwer. Ich sehe das überall. Sehr, sehr schwer ist das. Aber warum eigentlich? Weil auch die anderen Tugenden nicht da sind! Aber wir können sie nur der Reihe nach kennenlernen, ich will sie jetzt nicht aufzählen – auch das wäre wieder ohne Ehrfurcht... Das kann man nicht machen, etwas Heiliges einfach aufzählen.

Aber trotzdem kann man doch einfach mit der Wahrhaftigkeit beginnen. Zuerst heißt es einfach: ehrlich zu sein. Sich nicht zu verstellen. Nicht zu lügen. Nicht zu schwindeln. Die Wahrheit nicht zu verdrehen. Man kann auch Aufrichtigkeit sagen. Und in dieser Bedeutung hat es wieder eine große Nähe zur Redlichkeit. Denn wer redlich ist, ist auch wahrhaftig – und umgekehrt. Aber das Redliche betrifft doch eher das Handeln und das Wahrhaftige das Sprechen ... und Denken. Man könnte auch sagen: Redlichkeit ist die Aufrichtigkeit des Handelns, und Wahrhaftigkeit ist die Redlichkeit des Sprechens und Denkens.

Ich bin wahrhaftig, wenn ich nicht lüge. Aber die Seele kann sich auch selbst belügen. Sie muss also auch sich selbst gegenüber wahrhaftig sein. Und das ist vielleicht am schwersten! Und warum? Weil man sich selbst am liebsten belügt. Andere Menschen belügt man nicht gern – bei sich selbst sieht man die Wahrheit nicht gern... Das heißt, die volle Wahrhaftigkeit findet man erst, wenn man damit auch bei sich selbst ankommt.

19. Januar

Aber nun heilt eine Wahrhaftigkeit die andere. Wenn man anfängt, anderen Menschen gegenüber ehrlich, aufrichtig und wahrhaftig zu werden, dann wird man es auch immer mehr sich selbst gegenüber. Denn die Seele ist untrennbar, und die Tugend auch. Wenn sie sich entfaltet, entfaltet sie sich in der ganzen Seele. Und wenn die Seele dann anfängt, sich selbst anzuschauen, dann wird sie da auch immer wahrhaftiger. Und umgekehrt, wenn man die Sehnsucht kennengelernt hat, sich selbst gegenüber wahrhaftig zu sein, wird man wohl kaum noch andere Menschen belügen können.

Die Liebe zu einer Tugend kommt oft erst, wenn man sie wirklich tut. Natürlich beginnt man damit bereits auch schon wegen einer gewissen, verborgenen Liebe. Und wie gesagt lügt ja kein Mensch gern. Es liebt also jede Seele bereits die Wahrhaftigkeit – aber doch nicht so sehr, dass sie nie lügen würde. Wenn man sich aber wirklich bemüht, wenn man sich also anstrengt mit so einer Tugend; wenn man sich bemüht, ehrlicher zu sein als sonst ... dann merkt man mit der Zeit, wie wohl das tut! Wie schön das ist. Wie glücklich man dann wird. Wie sehr die Seele ... auflebt. Sie lebt wirklich auf, sie beginnt zu atmen, zu blühen... Daran sieht man, dass die Tugenden Leben sind. Das wahre Leben der Seele. Wenn sie damit wirklich anfängt, wird sie tief, tief glücklich...

Aber es gibt auch einen Teil, der es anstrengend findet. Der sagt: Wäre es nicht besser gewesen, halb unwahrhaftig zu bleiben, wie früher? Das ist der faule Teil der Seele, der hässliche – der, der sogar so weit kommen könnte, gerne zu lügen. Die Seele muss sich anstrengen, nicht auf diesen Teil zu hören. Denn sonst wird es sehr, sehr gefährlich. Dieser Teil will nicht, dass die Seele schön wird. Dass sei wirklich glücklich wird. Dass sie zu blühen beginnt...

20. Januar

Wenn man dann die Wahrhaftigkeit tief genug lieben gelernt hat, weil man immer wieder erlebt hat, wieviel Glück sie der Seele zurückschenkt, dann beginnt sich etwas aus der Seele herauszulösen. Es wird dann wirklich eine Liebe zur Wahrheit selbst. Es geht nicht mehr darum, ob man sich wohlfühlt, wenn man wahrhaftig ist – vielleicht muss man darunter ja auch sehr viel leiden. Trotzdem liebt man die Wahrheit selbst so sehr, dass man schon um ihretwillen nicht mehr lügen möchte. Man würde lieber Leid auf sich nehmen, als die Wahrheit zu verletzen und leiden zu lassen. Die Wahrheit wird einem etwas sehr, sehr Heiliges. Und immer mehr. Das nimmt kein Ende. Es kommt so weit, dass man spüren würde, man würde seine Seele beschmutzen, ja schänden, man würde sich versündigen, wenn man unwahrhaftig wäre. Und man würde zugleich das heilige Wahrheitswesen verletzen, und beides ist einem furchtbar, man würde es nie mehr tun...

Und erst mit diesen allerheiligsten Gefühlen, mit diesem tiefen Erleben, was man mit jeder kleinsten Lüge anrichten würde, macht man sich für die Erkenntnis der heiligsten Wahrheiten würdig. Irgendwann liebt man das heilige Wesen der Wahrheit so sehr, dass man keinen einzigen Gedanken mehr denken kann, der nicht wahr wäre. Die eigene Seele wehrt sich dagegen! Zuerst will man es nicht mehr – und irgendwann kann man es nicht mehr. Man könnte es nur noch, wenn man sich wirklich zwingen würde ... aber man will es ja gar nicht. Das ist Wahrhaftigkeit – auf ihrer heiligsten Stufe. Eine tiefe, tiefe Liebe zur Wahrheit, die zugleich wirkliche Erkenntnis des heiligen Wesens der Wahrheit ist. Und ein tiefes, tiefes Nicht-mehr-die-Unwahrheit-sagen-Können und auch –nicht-mehr-denken-Können.

Dann hat dieses heilige Wesen der Wahrheit in der eigenen Seele Wohnung genommen. Das ist etwas unendlich Heiliges! Man kann es nicht mehr beschreiben. Die Sonne kann nicht zu den Blumen kommen, obwohl die Blumen die Sonne lieben, und es bei den Blüten so aussieht, als sei eine winzige Sonne in die Pflanze hineingedrungen. Aber bei der Seele ist dieses unendlich Heilige möglich. Die Wahrhaftigkeit ist auch eine Liebe zu einer Sonne – und dieses leuchtende, heilige Wesen ist das Heiligste, denn nichts ist außer der Wahrheit...

Glaube


21. Januar

Und heute möchte ich beginnen, die nächste Tugend zu beschreiben, denn ich leide schon die ganze Zeit daran, dass das Jahr mit einem Montag begann, der wahre Beginn der Woche aber der Sonntag ist! Heute ist Sonntag – und heute beginne ich mit der neuen Tugend. Die Tugend der vergangenen Woche war die Wahrhaftigkeit, die wie eine Blume der Sonne entgegenlebte, um diese zu empfangen: die Wahrheit. Also wäre der Sonntag der Tag der Wahrheit. Ist das nicht wunderbar? Die neue Tugend, die an diesem Tag aber beginnt und von der ich in dieser Woche schreiben möchte, ist der Glaube.

Man versteht ja die Tugenden heute gar nicht mehr. Schon mit der Redlichkeit war es so. Und mit dem Glauben ist es noch schlimmer. Redlichkeit gilt heute als Naivität, weil alle anderen nicht mehr wirklich redlich sind. Glaube gilt als Dummheit, weil alle anderen nicht mehr glauben – und nicht mehr wissen, was Glaube überhaupt ist. Glaube aber ist nicht einfach ein „Für-wahr-Halten“, was man auch lassen könnte, um etwas anderes für wahr zu halten. Glaube ist Wissen – aber ein Wissen des Herzens. Und morgen schreibe ich davon weiter...

22. Januar

Glaube ist ein Wissen des Herzens, schrieb ich. Natürlich ist es mit dem gewöhnlichen Glauben nicht so – da ist es wirklich nur das, was man gerade für wahr hält, weil es einem wahrscheinlich genug erscheint. Es gibt ja Spiele, wo man sogar damit spielt, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Es werden sinnloseste Dinge ausgesagt, die man, weil sie so sinnlos sind, unmöglich wissen kann, und dann wird gefragt: richtig oder falsch? Man kann nur raten. Ist es absurd genug, um wirklich falsch zu sein – oder kann es gar nicht absurd genug sein, um es trotzdem zu geben? Und dann glaubt man eben dies oder jenes, wahr oder falsch, aber in Wirklichkeit rät man nur. Irgendetwas in der Seele findet es zu absurd oder eben doch irgendwo möglich.

Das hat mit Glauben nichts zu tun. Das ist eine Beleidigung der Seele. Man beschmutzt seine Seele mit Müll – und macht sich ein Spiel aus dem, was eigentlich etwas ganz und gar Heiliges sein sollte: der Glaube...

23. Januar

Wenn ich aber etwas glauben soll, was mit Erfahrungen verbunden ist, wird das Wissen schon sicherer – und trotzdem ist es meistens kein Wissen, man denkt es nur. Wenn ich noch nie in Amerika war, kann ich nicht sicher sein, dass es Amerika gibt – aber fast sicher, weil ständig darüber berichtet wird, sogar von Menschen, die ich selbst kenne. Aber was heißt dies eigentlich? Es heißt, dass ich all diesen Menschen glaube! Natürlich tue ich es, weil es gar nicht sein kann, dass alle lügen – ich kann es mir jedenfalls nicht vorstellen. Ich kann nur glauben. Aber gerade das ist es: Glauben ist ein Wissen. Ich weiß, dass nicht alle lügen können. Nicht, weil es absolut unmöglich wäre, aber weil ich es einfach weiß. Ich glaube es ganz sicher, dass nicht alle lügen.

Wissen kann ich nur, was ich selbst erlebt habe, ohne jeden Zweifel. Aber selbst dann glaube ich dem, was ich gesehen habe – ich glaube meinem eigenen Sehen...

Glaube ist also überhaupt nichts Schlechtes. Er ist notwendig. Würde man nicht glauben können, dann würde man zugrunde gehen. Nicht alles gleich zu glauben, mag auch notwendig sein. Aber wichtiger ist heute eigentlich, wieder mehr zu glauben – denn Unglaube und Misstrauen macht die Seele krank. Aber die anderen Tugenden helfen der Seele ja, das Wahre zu glauben und nicht das Falsche. Die Wahrhaftigkeit weiß, in welcher Richtung die Wahrheit zu suchen ist, so, wie die Blume weiß, wo die Sonne ist. Also ist auch der Glaube nicht blind, sondern sehend. Er hat seine Gründe.

24. Januar

Die Seele lebt heute sehr in der äußeren Welt. Deshalb könnte man denken, dass man nur wissen kann, was man auch sehen kann – oder dass es sogar nur gibt, was man sehen kann. Aber das stimmt nicht. Und man kann sogar lernen, Dinge zu sehen, die andere nicht sehen. Man kann zum Beispiel sehen, ob jemand die Wahrheit sagt, jedenfalls das, was für ihn selbst eine Wahrheit ist. Man kann sehen, ob jemand lügt. Auch das nicht vollkommen sicher, aber immer sicherer.

Vollkommen sicher ist man auch nicht, ob man in Amerika ist, wenn überall „Amerika“ steht. Vielleicht gibt es noch einen anderen Kontinent, der unbedingt „Amerika“ sein will. Das ist nur ein Beispiel. Man kann Aufrichtigkeit sehen. Natürlich kann man auch an einen Menschen geraten, der unbedingt als aufrichtig erscheinen will – und deshalb unglaublich geübt hat, so auszusehen, obwohl er es nicht ist. Man kann es letztlich nur glauben. Aber immer mehr wird der Glaube ein Wissen.

Oft ist der Glaube aber auch schon ein Wissen, ohne dass man es weiß. Wenn ich zum Beispiel im Januar einen Baum sehe, sehe ich abgestorbene Blätter. Ich weiß nicht, ob der Baum noch lebt, ich kann es nur vermuten, weil es unwahrscheinlich ist, dass einfach so tote Bäume herumstehen. Aber was mein Kopf nicht weiß, weiß mein Herz vielleicht doch. Und dann denke ich nur, ich glaube, dass der Baum noch lebt, dabei weiß ich es!

25. Januar

Man kann auch etwas wissen, was noch nicht stimmt. Das klingt merkwürdig, aber es ist wahr. Wenn zum Beispiel ein Bettler mich um Geld bittet, weil er etwas zu essen kaufen will, und ich glaube ihm und gebe ihm Geld. Und wenn er dann in Wirklichkeit Bier kauft. Habe ich mich dann getäuscht? Oder habe ich ehrlich gesehen, dass auch er ehrlich sein könnte – auch wenn er es diesmal noch nicht geschafft hat? Vielleicht weiß ich ja mehr von ihm als er selbst von sich? Ich habe ihm geglaubt – aber zugleich habe ich gewusst, dass er ehrlich sein kann, und mein Glaube war auch dieses Wissen. Diesmal hat er es noch nicht geschafft – und doch habe ich ihm schon diesmal geglaubt, weil ich weiß, dass er es hätte schaffen können, und weil ich weiß, dass er es eines Tages schaffen wird. Vielleicht noch nicht in diesem Leben. Aber vielleicht habe ich ihm geholfen, es eines Tages zu schaffen – auch das glaube ich fest ... und weiß es.

Ist das nicht etwas Wunderbares? Dass der Glaube hilft, etwas Wirklichkeit werden zu lassen, was dann so wirklich ist wie das Wissen, was man dann auch wirklich haben kann? Aber der Glaube hat es schon vorher...

26. Januar

Wenn man an andere Menschen glaubt, verändert das immer die Realität – wie unscheinbar es zunächst auch sei. Es kann aber auch riesig sein. Mancher Mensch braucht nur einen einzigen Menschen, der an ihn glaubt, und schon ändert sich alles.

Der Glaube an einen anderen Menschen weiß immer mehr als dieser Mensch selbst – oder mindestens genauso viel. Der andere Mensch kann diesen Glauben dann „enttäuschen“, aber damit enttäuscht er auch sich selbst. Aber eines Tages wird er sich selbst und den Glauben an ihn nicht mehr enttäuschen – und dann wird er sein, wer er wirklich sein kann. Und der Glaube an ihn wusste es schon immer... Der Glaube weiß es. Auch wenn es nie geschehen sollte – es läge nicht am Glauben. Er hätte immer gewusst, was möglich gewesen wäre, und es war möglich, er weiß es. Das etwas nicht eintritt, ist nie ein Beweis dafür, dass es nicht jederzeit hätte eintreten können. Aber weil es die Zukunft betrifft, und einen anderen Menschen, kann der Glaube nur der Möglichkeit sicher sein – was der andere Mensch macht, liegt ja trotzdem bei ihm. Aber der Glaube glaubt – und er weiß, dass er damit Recht hat... Der Nicht-Glaube wäre es, der keine Ahnung hätte, der überhaupt nicht weiß, wozu der andere Mensch in der Lage ist. Der Glaube weiß es, und er lässt sich davon auch nicht abbringen.

27. Januar

Und nun kann sich der Glaube aber auch auf das ganz Unsichtbare richten – also auf Gott. Aber für den Glauben wird Gott plötzlich überall sichtbar. Denn der Glaube sieht auf einmal, was er weiß – dass es Gott gibt und wo überall dessen Spuren und Offenbarungen zu sehen sind.

Es ist ja nicht so, dass der Mensch an etwas Unsichtbares, nie zu Beweisendes glaubt und sein übriges Leben einfach so weitergeht. Sondern der Glaube sieht, was der Unglaube nicht sieht. Der Unglaube ist nicht etwa blind, er ist nur zu dumm, seine Augen wirklich aufzumachen. Und also ist er doch blind. Schon das kleinste Spinnennetz in seiner ganzen Schönheit beweist Gott. Niemals wäre so viel Schönheit auf Erden möglich, wenn es keine Schöpfung gäbe. Die Natur ist nicht einfach nur sinnvoll, angepasst oder was auch immer – sie ist auch ein Wunder an Schönheit. Sie ist so unglaublich schön, dass es im Innersten wehtut, es schmerzt im Herzen, so viel Schönheit zu sehen. Aber um sie zu sehen, braucht es noch andere Tugenden. Also braucht der Glaube vielleicht Hilfe. Und trotzdem wachsen auch dem Glauben selbst Augen, wenn er erst einmal angefangen hat...

Aber es gibt unendlich viel, wodurch das Herz weiß, dass es Gott geben muss, dass es ihn wirklich und wahrhaftig gibt. Unendliche Schönheit ist nur eines von ganz Vielem, was dem Herz diese Antwort unmittelbar sagt. Und dieses – dieses absolut sichere Wissen, das ist Glaube. Nichts anderes. Glaube ist Wissen – aber mit der ganzen Seele. Solange der Kopf von selbst nur glaubt, was er sieht, muss er glauben wollen. Die Seele aber weiß.

Unschuld


28. Januar

Die Tugend, die ich in dieser Woche beschreiben möchte, ist die Unschuld. Sie ist die wahrhaft heilige Tugend. Sie ist gleichsam das Herz der Tugenden – denn eigentlich sind alle Tugenden eine Rückkehr der Seele zur Unschuld, weil die Unschuld das wahre Wesen und Leben der Seele ist. Aber die Unschuld ist eben diese Tugend selbst.

Und deshalb ist sie sozusagen die Tugend der Rückkehr... Es ist die Tugend des „verlorenen Sohnes“, die wahrhaft religiöse Tugend, im Sinne von: Wiederfinden... Unschuld ist das Wiederfinden zum heiligen Herzen der ganzen Seele und von da aus das Wiederfinden von allem übrigen.

Aber das wird nicht verstanden. Man sagt dann immer: „Man kann nicht zurückgehen“. „Das ist nicht möglich“. „Man muss vorwärtsblicken“. Aber das alles ist nicht wahr. Dieses heilige Zurückkehren ist gleichzeitig ein allergrößtes Vorwärtsschreiten. Es ist das größte „Vorwärts“ überhaupt. Hier – hier und nirgendwo sonst – liegt die reine Zukunft. Unschuld ist nicht Vergangenheit – Unschuld ist Zukunft.

Das Paradies ist Vergangenheit, aber die Schuld ist auch Vergangenheit, alles, überall Vergangenheit: Schuld. Nun sagt man: „Einmal schuldig, immer schuldig, die Rückkehr zur Unschuld ist unmöglich.“

Natürlich, man kann die Vergangenheit nicht rückgängig machen. Aber das bedeutet nicht, dass das „Un“ der Unschuld abgefallen wäre wie ein Blatt von einem Baum im Herbst und man nun für immer im Zustand der Schuld bleiben müsste. Denn es gibt ja auch den Frühling... Und die neue Unschuld ist eine neue Blüte, die es bis dahin nicht gab. Unschuld ist Zukunft...

29. Januar

Schuld ist immer Tod. Und Unschuld ist immer Leben. Gerade deshalb sind ja auch die Pflanzen so unschuldig – sie sind reines Leben, weil sie reine Unschuld sind. Aber sie haben noch keine Seele. Sie können nur unschuldig sein. Der Mensch aber kann schuldig werden. Und das Erste, was dann stirbt, ist ... die Unschuld selbst. Und dann stirbt langsam die Seele – denn die Unschuld ist ja das Leben der Seele.

Und was tritt an die Stelle der Unschuld? Der Selbstbezug der Seele. Jetzt ist sie nicht mehr unschuldig, jetzt liebt sie sich. Sich mehr als alles andere. Sich, sich, sich. Und so stirbt sie, weil sie immer mehr nur noch wie ein einsamer Stein in einem großen Meer ist, felsenfest, nicht von sich loskommend. Manchmal starr und hart gegen die Wellen, manchmal völlig von ihnen überspült, oder auch bedeckt von Schlick und Algen, immer aber dieser Fels. Tot und einsam. Man nennt das dann „Bewusstsein“, „Ich-Bewusstsein“, aber es ist ein Bewusstsein, dass durch solchen Tod erwacht. Es braucht diesen Tod, um zu erwachen. Der Selbstbezug ist gerade das Erwachen – aber dadurch ist man auf einmal nur noch ... man selbst.

Schuld ist Tod, Tod des vorherigen Lebens, und im Tod erwacht dieser kleine Fels – und das ist seine Schuld, dass er so klein und felsig geworden ist. Seine Unschuld hat er verloren, und damit auch alles Leben, was er hatte... Denn vielleicht war er vorher das ganze Meer – aber das weiß er nun nicht mehr, und er ist es auch nicht mehr.

30. Januar

Aber die Unschuld ist das Gegenteil. Nur wird ein toter Fels nicht von alleine wieder das heilige Meer – oder auch nur ein Fisch, der im ganzen Meer herumschwimmen kann, weil er das Meer liebt und das Meer ihn. Also was kann der Fels tun? Er bräuchte zuerst eine Sehnsucht. Und man könnte die Tugend zuerst auch Unschuldssehnsucht nennen – so, wie auch die Erkenntnissehnsucht eine Tugend ist. Aber Erkenntnis ist ja immer etwas Einzelnes, auch wenn die höchste Erkenntnis etwas Umfassendes sein kann. Die Erkenntnis selbst kann man aber schlecht „Tugend“ nennen. Es ist aber eine Tugend, sich nach der Erkenntnis zu sehnen und eine solche Sehnsucht zum Leben der Seele zu machen. Bei der Unschuld ist dies anders. Einer Sehnsucht nach ihr wird sie selbst folgen, denn die Sehnsucht führt zu ihr hin – und die Unschuld kommt wie die Erkenntnis der Sehnsucht entgegen. Dann aber wird sie sich der Seele auch schenken. Die Erkenntnis wird, wenn sie sich schenkt, ein heiliges Wissen. Die Unschuld bleibt, was sie ist – Unschuld...

Darum kann man sich nach der Unschuld sehnen, aber wenn sie sich mit einem vereint, dann muss man sie hüten – und gerade dieses Hüten ist dann selbst Unschuld, die Tugend der Unschuld, des Bleibens der Unschuld, weil sie gehütet wird.

31. Januar

Früher kannte man diese Tugend der Unschuld auch. Da nannte man sie Keuschheit. Aber das bezog sich nur auf den Leib – und es war eine von Anfang an bewahrte Unschuld. Natürlich konnte man auch zur Keuschheit zurückkehren. Und daran sieht man schon, dass das möglich ist, eine Rückkehr zu dem, was man verloren hat. Nur ist die verlorene Unschuld hier, im Leiblichen, für immer verloren. Man kann seine Unschuld nur einmal verlieren... Danach kann man vielleicht zur Keuschheit wiederfinden, nicht aber seine einmal verlorene Unschuld wiederfinden.

Aber allein schon an der Keuschheit kann man viel über die Unschuld lernen – wenn man es schaffen würde, sie zu fühlen. Was sie ist, diese Keuschheit. Keuschheit muss man fühlen – alles andere nützt gar nichts. Man kann über sie nachdenken, dann kann man sie zum Beispiel verspotten. Man könnte sie sogar wollen, aber das würde auch nichts nützen. Keuschheit ist etwas, was man fühlen muss – sonst hat man sie nicht. Enthaltsam leben, bedeutet nicht keusch sein. Keuschheit ist wirklich ein Fühlen. Es ist das ganz und gar unschuldige Fühlen. Die Unschuld möchte nicht von etwas anderem „beschmutzt“ werden. Das ist ihr heiliger Wille: Unschuld zu bleiben. Aber dieser Wille geht aus einem Fühlen hervor, und dieses Fühlen ist die Keuschheit. Es ist eine heilige Unschuld im Fühlen.

Man würde nicht keusch sein, höchstens äußerlich, wenn man unkeusche Gedanken hätte. Man würde nicht keusch sein, wenn man Unkeusches wollen würde. Aber man will es nicht und man denkt es nicht einmal, weil man es nicht fühlt. Man fühlt auch nichts Unkeusches, und das ist der Ursprung. Die Seele ist ganz und gar rein – und das beginnt im Herzen. Es ist das Herz, das keusch ist – und darum ist es auch das Denken und der Wille und der Leib.

1. Februar

Aber die Keuschheit muss sich ja nicht nur auf den Leib beziehen. Sie kann sich auch auf die Seele selbst beziehen. Und das beginnt ja wieder im Herzen. Sogar die Sehnsucht nach der Unschuld ist bereits wieder eine zart beginnende neue Unschuld. Es ist ein Fühlen, das fühlt, dass es nicht mehr schuldig sein möchte... Aber wenn es das fühlt, hat es bereits ein Gefühl, das – unschuldig ist.

Aber wie wird nun die ganze Seele unschuldig? Zuerst muss auch das übrige Fühlen unschuldig werden. Das bedeutet, die Sehnsucht muss so groß werden, dass für die Schuld überhaupt kein Platz mehr bleibt. Die Sehnsucht wird ein Meer ... und sie spült die Schuld einfach fort. Und dann verzieht sich der Sturm, und das Meer liegt wieder sanft und ruhig da, aber der Stein ist weg, denn jetzt ist das Meer die Seele und nicht mehr der Stein.

Aber was ist dieses Meer? Es ist eben die Unschuld selbst. Und warum? Weil es nicht der Stein ist. Aber was ist der Unterschied zwischen Meer und Stein? Das Meer ist viel größer – aber es ist auch viel weicher. Und das Geheimnis der Unschuld ist gerade dies – ihre Sanftheit, ihre Zartheit. Das Meer kann auch wild sein, aber jetzt geht es um das Wasser. Die Unschuld ist zart – das ist ihr Wesen. Die Unschuld ist nie der Stein, sie ist das Wasser, sie ist die Sanftheit schlechthin. Und so, wie das Wasser sich an alles anpasst, nie seine eigene Form behalten will, weil es keine eigene hat und keine eigene braucht, außer, dass es Wasser ist, so ist auch die Unschuld ... reine Offenheit.

Es ist auch ein heiliges Geheimnis, dass gerade dann, wenn die Seele sich öffnet, das Wasser der Tränen erscheinen kann. Wenn die Seele weint, ist sie aber auch immer unschuldig... Und es ist das Wasser des Meeres, denn es ist salzig. Wenn die Seele weint, wird sie zum Meer – und das Meer bringt ihr die Unschuld wieder. Das sind alles heilige Zusammenhänge...

2. Februar

Wenn aber das Fühlen unschuldig wird, dann wird auch alles andere unschuldig, denn das Fühlen ist das Herz der Seele. Wenn die Seele unschuldig fühlt, dann kann sie auch unschuldig schauen, unschuldig denken und unschuldig wollen...

Und was heißt unschuldig schauen? Es heißt: Eintauchen... Denn wenn die Seele bei sich bleibt, dann schaut sie ja gar nicht. Sie sieht etwas, sie registriert, sie starrt, sie glotzt und sie bleibt blind. Oder arrogant. Oder beurteilend. Das alles ist kein Sehen – und es ist erst recht kein Eintauchen. Die unschuldige Wahrnehmung taucht völlig ein – und schon wieder haben wir das Meer. Aber wenn die Seele selbst Meer geworden ist, braucht sie davor ja gar keine Angst mehr zu haben. Sie kann in alles eintauchen, weil vorher schon das unschuldige Fühlen in sie eingetaucht ist – und sie in dieses. Das Meer des unschuldigen Fühlens... Wenn die Seele ein solches Meer wird, hat sie keine Schwierigkeiten mit dem Eintauchen. Sie wird es lieben – weil sie wissen wird, dass dies der einzige Weg wahrer Begegnung ist. Begegnung hört aber auf, ein „gegen“ zu werden, es wird Vereinigung. Jede Wahrnehmung wird eine Hochzeit. Jede Wahrnehmung wird etwas zutiefst Heiliges. Das ist die Unschuld in der Wahrnehmung. Die Seele gibt sich hin, als Braut... Die wahre, die unschuldige Seele ist die „Königin des Meeres“ – und sie gibt sich dem hin, was sich umgekehrt ihr schenken möchte, was nur darauf wartet, dass sie es wahrnimmt, unschuldig wahrnimmt. Wahr, wie es ist...

Fast alle Dinge, Tatsachen und Wesen sind viel unschuldiger, als wir sie wahrnehmen, weil wir sie eben nicht wahrnehmen – sondern beurteilen, immer in Bezug auf uns. Und wir, wir, wir im Mittelpunkt. Aber wirkliches, heiliges Wahrnehmen ist das Gegenteil. Es ist ein Meer von Unschuld, das einem anderen Meer begegnet – und dieses andere ist meistens auch viel unschuldiger und schöner, als wir denken. Zuerst muss die Seele die Braut der Unschuld werden – muss selbst Unschuld werden, und dann kann sie unschuldig wahr-nehmen, was wahr ist, und sogar das, was noch nicht wahr ist, aber wahr werden könnte... Die Unschuld, die selbst etwas Zukünftiges ist, sieht sogar das, was im anderen noch zukünftig ist.

3. Februar

Und das Denken wird unschuldig, wenn es mit dem ständigen Urteilen aufhört. Das Urteilen ist der fortwährende Selbstbezug, die Schuld und das Steinwerden der Seele im Denken. „Wer unter euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.“ Aber die Schuld ist selbst ein Steinwerden. Die Urteile sind Steine, die geworfen werden. Wer die Unschuld wiederfindet, kann keine Steine mehr werfen – denn er hat keine mehr...

Das Meer der unschuldigen Seele ergießt sich auch in das Denken. Und so kann die Seele auch denkend in das andere eintauchen, ohne selbst zu denken – sie denkt zwar, aber es ist nur die Bewegung des Wassers selbst, die sie führt, denn sie ist die Eintauchende. Geformt wird das Wasser nicht von ihr, sondern von der Wirklichkeit des anderen. Das andere denkt sich in ihr – aber in seiner Wahrheit. Und mit der gleichen Unschuld kann die Seele auch zuhören. Sie hört einfach zu – nichts weiter. Es ist das Meer der Unschuld selbst, das dann zuhört. Man sagt heute manchmal „Empathie“ – aber was ich hier beschreibe geht unendlich tief. Wenn die Empathie wirklich ein Meer wird, das mit dem Meer des anderen eins wird, dann wird es wahr. Nicht nur ein „Mitfühlen“ – sondern ein wirkliches „Einfühlen“, aber so, dass es vollkommen ist. Man wird das andere. Man sollte nicht Einfühlen, sondern Eintauchen sagen. Eintauchen mit der ganzen Seele, und ihr Mittelpunkt ist das Fühlen, und dies allein ist schon ein Meer...

Spüren, was die Blume spürt... Das hat Rilke geschrieben. Aber das kann man nur, wenn die Seele dieses Meer geworden ist. Ein Meer von Unschuld. Reines Fühlen – reines, zartes Fühlen. Fast noch unschuldiger als die Blume. Denn man muss sogar fühlen können, was die einzelne Schneeflocke fühlt, ja sogar, was sie will, in all ihrer Unschuld. Das ist die tiefste Unschuld. Alles fühlen zu können – weil die Seele selbst weiß und rein, heilig und unschuldig wie Schnee geworden ist. Und zugleich rot wie Blut – aber das kommt noch, es ist eine andere, heiligste Tugend...

Das heilige Bild der Unschuld ist die Lilie. Und die Taube. Und der Schnee. Und was Unschuld ist, kann man nur fühlen...

Ehrfurcht


4. Februar

Nun muss ich über die Ehrfurcht schreiben. Sie ist die heilige Schwester der Unschuld. Und nur weil man die Unschuld nicht mehr kennt, weiß man auch von der Ehrfurcht nichts mehr. Dennoch glaubt man etwas zu wissen – aber es ist nicht wahr. Denn die heilige Ehrfurcht wurde von den Menschen zu sehr missbraucht. Sie wurde verlangt, gefordert, befohlen ... aber wie kann je eine heilige Seelenregung befohlen werden? So kann das heilige Leben der Seele nur vernichtet werden. Und an seine Stelle tritt ... Gehorsam. Äußerer Schein. Verhärtung. Leben im Äußeren. Verrat am Inneren – am heiligen Inneren...

Dieser Verrat ging und dauerte so lange, dass heute die Seele nicht einmal mehr weiß, was wirkliche Ehrfurcht ist. Echte, wahre, heilige, kostbare Ehrfurcht... Sie weiß nicht einmal mehr, was „echt“, „wahr“, „heilig“ oder „kostbar“ bedeutet, nicht hier, nicht da, wo es die Seele selbst betrifft. Denn sie weiß nicht einmal mehr von sich selbst, sie hat sich völlig verloren. Und so verlor sie auch die heilige Ehrfurcht – jenes Leben, wo sie so sehr sie selbst wäre, Seele...

5. Februar

So, wie man das heilige Leben der Seele niemals fordern kann, so kann man auch die Ehrfurcht nicht fordern. Man kann einen Kuss nicht fordern, man kann Liebe nicht fordern, nicht Freude, nicht Trauer. Fordern kann man alles – aber wenn es überhaupt erscheinen würde, würde es ganz seine Aufrichtigkeit verloren haben, seine Heiligkeit, seine tiefe Reinheit – seine Unschuld...

Das Leben der Seele kann nur dann ein echtes und heiliges sein, wenn es von selbst aufblühen darf. Es muss in voller Unschuld von selbst da sein. Es ist die heilige Blume der Seele – ihr Leben. Auch eine äußere Blume kann man nicht aus dem Boden ziehen, um sie zum Blühen zu bringen. Um wieviel weniger das heilige Leben der Seele! Wenn es nicht von selbst blüht, aufblüht, vollkommen rein und unschuldig, wird es zu etwas völlig anderem. Anerzogen. Äußerlich. Maske. Gewohnheit. Pflicht. All dies ist schrecklich! Es vernichtet das Einzige, wirklich das Einzige, was allein Wert hat: das unschuldige eigene Leben der Seele. Die Seele muss das heilige Leben selbst finden – und nur dann ist es heilig, nur dann ist es Leben und nur dann ist es rein Seele, wirklich nur sie, heilige Seele...

6. Februar

Also die Ehrfurcht. Durch die jahrhundertelange Schändung der Ehrfurcht hat die Seele sogar die Ehrfurcht vor dem Wort verloren. Sie will damit nichts mehr anfangen, und sie kann es auch nicht mehr. Wie aber könnte ohne Ehrfurcht schon das Wort verstanden werden? Für jedes Verstehen, überall und immer, bräuchte es die Ehrfurcht, wo immer das Verstehen zu dem heiligen Wesen kommen will. Ohne Ehrfurcht braucht man dies gar nicht  zu versuchen, denn man wird nirgendwo ankommen. Nur beim Alleräußerlichsten – nur da wird man irgendwo ankommen, und man wird überall nur beim Alleräußerlichsten ankommen. Ohne die Ehrfurcht kommt man nirgendwo an – denn man macht sich gar nicht auf den Weg!

Die Ehrfurcht ist also die heilige Tugend des Sich-auf-den-Weg-Machens... Aber dieser heilige, dieser lange, lange Weg, könnte vielleicht allein nur darin bestehen, seinen Kopf in aller Aufrichtigkeit zu senken. Und wie lang wird diese Reise der Seele heute! Sie tritt sie gar nicht an, sie macht sie nicht. Sie macht sich nicht auf den Weg, sie bleibt zu Hause – zu Hause in ihrem Hochmut. Zu Hause in ihrer verlorenen Unschuld. Denn die Unschuld würde sich sofort auf den Weg machen. Sie würde immer schon auf dem Weg sein. Siehe – die Unschuld. Und siehe – ihre heilige Schwester, die Ehrfurcht. Sie gehen immer Hand in Hand, denn es sind Schwestern.

7. Februar

Wenn die Seele ihren Hochmut nicht hätte, so hätte sie sich ihr heiliges Leben bewahren können. Der Hochmut hat es vertrieben. Er ist wie ein Gift in die Seele eingedrungen – und nicht wie ein Gift, sondern er ist ein Gift. Er, der Hochmut, ist gerade das Gift, das alle Tugenden aus der Seele vertreibt. Das sie vernichtet, tötet und sich an ihre Stelle setzt.

Und hier setzt er an: bei der heiligen Unschuld und ihrer Schwester. Er hat sich aber die Unschuld als eigentliches Opfer gesucht. Sie ist wie dieses aller-allerschönste Mädchen, das er erst schänden und dann töten will – und er tut es, und er hat es längst getan. Er hat die Unschuld geschändet und dann getötet. Und dann hat er dasselbe mit ihrer Schwester getan.

Zwei heilige Schwestern, eine schöner als die andere – aber das konnte sein Herz nicht erreichen, denn der Hochmut hat kein Herz. Er hat sein schändliches und mörderisches Werk vollbracht und sich an ihren Platz gesetzt. Und als die Unschuld nicht mehr das Heiligtum in der heiligen Mitte der ganzen Seele hüten konnte, da konnte der Hochmut mit Leichtigkeit auch alle anderen Tugenden aus der Seele vertreiben.

Er war nun der große Herrscher, dieses hässliche Großmaul, das sein schmutziges Grinsen zeigt und die Füße hochlegt und dennoch glaubt, etwas zu sein. Sogar auf seine eigene Hässlichkeit bildet er sich noch etwas ein! Er ist aber nur ein Schänder und ein Mörder...

8. Februar

Wenn man wirklich Ehrfurcht hätte, würde man das Werk des Hochmuts erkennen können. Wenn man Ehrfurcht hätte, würde man um die beiden heiligen Schwestern weinen können – aber dann würden sie ja zurückkehren! Im selben Moment, wo die unschuldigen Tränen der Ehrfurcht die Seele wieder benetzen würden, würden auf dem heiligen Weg der Tränen beide Schwestern wieder zurückkehren können, auferweckt zu neuem Leben...

Und mit heiliger Gebärde, mit heilig-unschuldiger Weihe-Macht, die zugleich nichts anderes als heilige Anmut und die Anmut des Heiligen ist, würden sie den Hochmut aus der Seele weisen. Sanft wie ein Engelsflügel – und doch müsste der Hochmut weichen. Kein Fußbreit würde ihm in jener Seele bleiben, die die beiden Schwestern zurückruft...

Die beiden heiligen Schwestern, innig geliebt von allen Engeln! Die Unschuld ist wirklich das heilige Leben der Seele selbst – und die Ehrfurcht jene heilige Regung und jenes heilige Leben, mit dem sich die Seele anderem Heiligen zuwendet. Die Unschuld aber ist sich ihrer eigenen Heiligkeit gar nicht bewusst, und ihre Schwester, die Ehrfurcht, auch nicht. Und so wenden sie sich dem einzigen Heiligen zu, was sie sehen – dem Heiligen außerhalb von sich. Unschuldige Ehrfurcht...

9. Februar

Ach – am liebsten würde ich immer beide Schwestern erwähnen, niemals die Unschuld vergessen, die wirklich den heiligen Mittelpunkt hütet, das heilige Herz der Seele! Sie hütet diesen Mittelpunkt mit einer Treue und Aufrichtigkeit, dass man sie schon schänden und töten muss, um dieses Heiligtum an sich zu reißen. Aber ich vergesse sie nicht, auch wenn ich jetzt nur noch die Ehrfurcht erwähne. Und jeder andere gedenke auch in jedem Moment der Begleitung ihrer Schwester!

Die Ehrfurcht sieht das Heilige – und heiligt es. Die Ehrfurcht ist das heilige Leben der Seele gegenüber dem Heiligen. Man kann sagen die Ehrfurcht ist das Auge gegenüber dem Heiligen und die Reaktion der Seele auf dieses. Aber diese „Reaktion“ ist selbst heiliges Leben! Das muss man spüren. Heiliges Leben außerhalb weckt heiliges Leben innerhalb – und tut dies, weil es erkannt wird. Das wirkliche Auge aber ist wieder die Unschuld. Sie ist es, die das Heilige außerhalb erkennt – und ihre Schwester, die Ehrfurcht, eilt hinzu, um es ... zu ehren.

Ich sehe also, ich kann von den Schwestern niemals allein reden – nur von der Unschuld, nicht aber von der Ehrfurcht.

Man versteht die Ehrfurcht nur deshalb nicht, weil man schon ihre Schwester, die heilige Hüterin nicht mehr versteht. Die Unschuld sieht aber überall Heiliges – und deswegen ist auch ihre Schwester überall. Es reicht doch die kleinste Blume, um einer heiligen Schönheit zu begegnen! Der Unschuld reicht dies – denn sie sieht die Blume. Sie sieht ihre ganze Schönheit. Sie sieht das, was niemand sieht. Sie sieht ... das Unbeschreibliche. Sie sieht Gotteswirken. Sie sieht Schöpfung. Sie sieht das, was über die Blume weit hinausgeht, aber was die Blume zeigt. Die Blume offenbart es, die Unschuld sieht es – und die Ehrfurcht geht heilig dem Heiligen entgegen...

10. Februar

Die Ehrfurcht ist heiliges Niederknien, innerlich, in Verehrung, aber diese Ehrfurcht ist nichts anderes als heilige Liebe – heilige, niederkniende, verehrende Liebe. Sie ist heiliges Staunen, das sich vertieft in Verehrung, in Ehrfurcht, aber dem zugrunde liegt Liebe, tiefe Liebe ... tiefe unschuldige, verehrende Liebe...

Man kann Ehrfurcht nicht verstehen, wenn man nicht versteht, wie tief die Liebe werden kann, die Unschuld, die unschuldige Erkenntnis, das Staunen, die Verehrung. Und doch sieht die Unschuld das Heilige überall. Und immer dann begleitet sie die Ehrfurcht.

Die kleine Blume – ein Wunder. Unschuldige Anbetung... Staunen. Heiliges Erkennen. Die kleine Blume! Und dann auch: Ehrfurcht vor dem Leben. Vor allem Leben. Vor dem Leben der kleinen Fliege – denn auch sie will leben. Das Leben ist heilig – und die Ehrfurcht heiligt es, weil sie es in aller Tiefe spürt. Ehrfurcht vor dem Leben. Ehrfurcht vor dem einzelnen Sein, vor dem Wesen von allem. Nichts ist umsonst da, ein jedes ist an seinem heiligen Platz, nimmt mit einem heiligen Leben und Sein einen heiligen Platz ein – und die Ehrfurcht erkennt dies, mit ihrem eigenen heiligen Fühlen.

Die Ehrfurcht kniet innerlich nieder, weil sie das Große spürt, das Große, das Eigentliche, das hinter allem bloß Äußeren liegende Wunder. Die Ehrfurcht sieht es immer. Und weil sie die Schwester der Unschuld ist, kniet sie in einer heiligen Liebe nieder. Ehrfurcht ist das Gegenteil des Hochmuts. Der Hochmut ist blind, hochmütig und liebt nur sich selbst. Die Ehrfurcht ist zutiefst sehend, voll selbstloser Demut und sie liebt dasjenige, was sie sieht. Sie sieht das Heilige – und sie kniet in tiefer Liebe nieder...

Hoffnung


11. Februar

Die nächste heilige Tugend ist die Hoffnung. Und was für eine wunderbare Tugend ist dies! Mit den weißen Flügeln der Taube erhebt sich die Hoffnung in die Lüfte...

Welche heilige Tugend fehlt den Seelen heute wohl am meisten? Ach – sie alle! Und man sagt dann, „die Hoffnung stirbt zuletzt“, und man denkt, jede Seele hätte so viel Hoffnung, aber ist das auch wahr?

Die Hoffnung ist doch eine heilige Schwester des Glaubens. Und es sind alles furchtbare Phrasen, wenn man zum Beispiel sagt, „die Hoffnung stirbt zuletzt“. Was soll denn das heißen? Es heißt, dass der Glaube schon gestorben ist und dass man sich auch für die Hoffnung überhaupt keine Mühe mehr gibt! Das ist das Schlimmste: dass die Seelen sich für die heiligen Tugenden keine Mühe mehr geben. Weil sie nicht mehr fühlen, dass sie heilig sind – und weil sie sie auch gar nicht mehr kennen.

Deswegen wiederhole ich es: Die Tugenden sind heilig. Jede Tugend, die nicht in der Seele leben darf, ist nicht gelebtes Leben der Seele selbst! Die Seele ist sogar zu faul, dies zu wissen! Aber es ist nicht gelebtes Leben. Die Seelen sterben – sie sterben vor Faulheit! Ich hoffe so sehr, dass die Seelen wieder beginnen werden, sich nach ihrem Leben zu sehnen...

12. Februar

Jede Tugend ist eine heilige Kraft. Das Leben der Seele entfaltet sich ja nicht von selbst – wie sollte das denn gehen? Die Arme und Beine des Leibes bewegen sich auch nicht von selbst. Die Seele muss es wollen – sie muss es tun. Und genauso, wirklich ganz genauso, ist es auch mit den Tugenden. Was die Seele nicht will, das wird auch nicht lebendig – und dann sieht man es. Man sieht, dass es nicht da ist. Und das ist jedes Mal der Beweis, dass die Seele es nicht will. Denn sie tut es ja nicht...

Natürlich kann die Seele nur dann etwas wollen, wenn sie überhaupt weiß, dass sie es wollen kann. Aber die Seele weiß das! Alle Seelen wissen es eigentlich – aber die meisten interessieren sich gar nicht dafür. Und dann vergessen sie das, was sie eigentlich wissen. Aber es ist ihnen auch egal. Das meine ich mit Faulheit! Der Seele ist es egal, was aus ihr wird – denn sie kümmert sich um sich gar nicht. Sie kümmert sich um die Außenwelt, aber das ist falsch. Sie müsste sich zuerst um sich selbst kümmern – denn hier beginnt das Heilige erst. Es beginnt in der Seele, nur da, und wenn es da nicht beginnt, beginnt es nirgendwo. Alles, was die Seele bräuchte, wäre eine Sehnsucht nach diesem heiligen Leben, das ihr eigenes ist. Warum ist das so verschwunden?

Ich hoffe so sehr, dass die Seelen wieder aufwachen! Dass ihre Sehnsucht wieder aufwacht.

13. Februar

Die Hoffnung hat Flügel. Sie ist die Flügel. Aber die Seele muss sie aufspannen – in heiliger Begeisterung. Begeisterung – wo ist sie in den Seelen? Die Begeisterung ist keine Tugend, denn sie ist dasjenige, was jeder einzelnen Tugend ihre Flamme verleiht. Begeisterung ist das heilige Feuer für das Heilige – und sie kommt direkt von Gott. Aber Gott hat sie der Seele geschenkt. Und was tut die Seele damit! Sie vergisst sie. Oder sie benutzt sie für etwas ganz anderes, aber nicht für die Tugenden.

Aber was meine ich mit Begeisterung? Kann man denn begeistert hoffen? Wenn es gerade schwer ist zu hoffen? Ja, gerade dann! Begeisterung bedeutet nicht „Genuss“ oder Begeisterung für ein „Hobby“ oder so etwas, sondern sie ist ein Glühen, ein heiliges Glühen und Brennen. Es ist eigentlich Liebe, bedingungslose Liebe, ein heiliges Wollen dessen, worauf sie sich richtet. Und ist die Hoffnung der Flügel der Seele, so ist die Begeisterung der Flügel Gottes in der Seele. Eigentlich sind alle Tugenden zugleich Flügel der Engel, aber die Begeisterung, die heilige Liebe, ist mehr, sie ist wirklich mehr...

So, wie jede Tugend das Leben der Seele ist, so ist die heilige Begeisterung das Leben überhaupt. Sie ist das, was das Herz oder auch das Blut für den Leib ist. Heilige Begeisterung... Man muss immer tiefer spüren, was das eigentlich bedeutet. Es bedeutet Leben, erwachendes Leben, heiliges Schlagen eines heiligen Herzens, heiliges Pulsieren eines heiligen Blutes, und das alles ist unsichtbar.

14. Februar

Hoffnung ist keine rationale Überlegung, sie ist überhaupt keine Überlegung. Sie hat nichts mit dem Denken zu tun. Der Glaube hat mit dem Denken zu tun. Er ist sozusagen ein wollendes Denken, das bereits weiß, obwohl es dies noch nicht weiß... Hoffnung dagegen wird empfunden, gefühlt. Das bedeutet nicht, dass sie einfach so „da“ ist. Man muss auch das Fühlen wirklich wollen. Und das gerade ist dieses Ausspannen der Flügel – dieses weit, weit Ausspannen... Jede Seele hat Hoffnung, jede Seele hat Flügel – aber ob sie sie auch ausspannt...

Wenn sie sie nicht ausspannt, hat sie die Hoffnung nicht wirklich, dennoch hat jede Seele Hoffnung. Aber sie muss ihre Flügel ausspannen und ausstrecken. Darum geht es – bei allen Tugenden. Es geht um das Ausspannen, um das Entfalten, um das Aufblühen, man kann es bei jeder Tugend anders nennen, weil es immer ein bisschen anders ist. Bei der Hoffnung ist es unbedingt ein Ausspannen der Flügel...

15. Februar

Und wenn die Hoffnung dann ihre Flügel ausspannt... Ach, wie soll man das beschreiben! Es ist wirklich der Flug eines Phönix. Der Phönix ist der Feuervogel, der verbrennt, aber aus seiner eigenen Asche wieder aufersteht – sich wieder erhebend, in stolzem Flug. Und er soll wunderschön gewesen sein! Und wenn er der Hoffnung gleicht... Der Flug der Hoffnung ist aber unendlich sanft. Wie ein Engelsflügel.

Oder wie die sanfte Hand einer edlen Prinzessin. Ein dunkler Dämon will alle Hoffnung vernichten, und das dunkle Nichts breitet sich überall aus, frisst alles Leben in dem Reich der Prinzessin und langt schließlich bei ihr an. Nun ist alles aus – oder nicht? Aber da: die wunderschöne Prinzessin streckt nur sanft ihre Hand aus, wie ein Sämann, nur unendlich viel sanfter ... und sogleich muss das Dunkle zurückweichen, und alles, was von ihrer sanften, heiligen Geste auch nur unsichtbar berührt wurde, lebt wieder auf. Unter ihrer sanften Geste sprießt und sprosst neues Leben, hebt neues, heiliges Blühen an.

Es ist Magie – das Ganze ist Magie, um die es hier geht. Die Hoffnung ist die Magie der Seele. Es ist nicht die Lüge des Baron Münchhausen, sondern es ist die Wahrheit des heiligen Feuervogels, des Phönix. Es ist die Wahrheit der sanften Prinzessin, die immer neues Leben hat, und alles, was sie berührt, hat es auch wieder. Das ist die Wahrheit der Hoffnung. Lebensträgerin. Wie ein Feuervogel, und zugleich sanft und heilig wie eine Prinzessin.

16. Februar

Das mit dem Feuervogel ist alles viel wahrer, als man denkt. Aber ein sanfter Feuervogel. Da, wo er zur Hoffnung wird, wird er ganz sanft. Ich habe doch von dem Glühen gesprochen. Was wird ein Feuer, wenn es sanft wird? Es wird ein Glühen. Aber jetzt muss man sich außerdem noch die Flügel vorstellen – weit, weit sich ausspannende Flügel... Kann man das? Beides zugleich? Diese weit, weiten Flügel, dieser heilige Flug – und dieses sanft, sanfte Glühen? Wenn man das kann, dann hat man wirklich die Hoffnung, dann spürt man wirklich, was sie ist – tief innerlich erlebt man dann ihr wahres Wesen.

Wenn man es doch allen Menschen erklären könnte! Wenn man es noch anders erklären könnte. Bis es von jedem nicht einfach nur verstanden, sondern auch erlebt wird. Hoffnung muss doch gespürt werden. Wie die Sehnsucht, mit der sie innig verwandt ist. Aber sie ist auch mit dem Mut verwandt. Hoffnung ist eigentlich die wunderschöne Tochter der Sehnsucht und des Mutes. Sie hat Ähnlichkeit mit ihren Eltern – aber sie führt ein eigenes Leben, sie geht ihre eigenen Wege, und sie geht sie auf ihre Weise.

Die Hoffnung ist unendlich viel sanfter als ihr Vater – und sie ist noch viel heilig-schöner als ihre Mutter. Man kann sie nur mit einer wunderschönen Prinzessin vergleichen, die alles, was sie in ihrer ganzen Sanftheit berührt, mit neuem Leben beschenkt. Das ist die Hoffnung – Lebensträgerin, Lebenschenkende... Sagt man nicht auch „Hoffnung schenken“, „Hoffnung spenden“? Aber die Hoffnung selbst ist die Schenkende!

17. Februar

Man muss nur eines lernen: dieses heilige Ausspannen der Flügel – und dann fliegen. Nicht in den Abgrund stürzen, sondern sich zu dem heiligen Flug der Hoffnung erheben. Inniges, heiliges Glühen der Seele – und dann dieses heilige Ausspannen.

Man sieht Dunkles am Horizont? Es kommt näher? Oder man sieht bereits einen dunklen Abgrund vor sich? Die Hoffnung spannt die Flügel aus! Die Hoffnung glüht in heiliger Innerlichkeit – und sie spannt die Flügel aus, was auch immer vor ihr liegt... Und sie erhebt sich. Der Flug des Phönix... Die heilige sanfte Bewegung der Prinzessin, die alles Dunkle wieder zurückweichen lässt. Und wenn das Dunkle sie umschließt, geht die Prinzessin in unendlicher Sanftheit dennoch mitten hindurch...

Das ist die strahlend schöne Hoffnung und ihre heilig-sanfte Macht... Kann man jetzt nicht spüren, was für eine heilige Göttin die Hoffnung ist? Und wie man sie in seiner Seele erweckt? Hoffnung ist wie ein heiliges Vertrauen, so stark kann sie sein. Aber das ist nur, um zu spüren, was sie ist. Es geht so sehr, so heilig alles in das andere über. In Wirklichkeit ist Vertrauen schon wieder so etwas wie ein heiliges Kind der Hoffnung und des Glaubens...

Aber ich hoffe so sehr, dass die Seelen dies alles und noch viel mehr immer tiefer verstehen werden! Und dass auch ihre Sehnsucht danach wachsen wird. Ich hoffe das – und die Hoffnung ist die heilige Brücke in die Zukunft, das Mysterium des Regenbogens. Unbesieglich wie ein Phönix – und von ebenso unsagbarer Schönheit...

Sanftmut


18. Februar

Die Tugend, die ich von heute an beschreiben möchte, ist so heilig und schön, dass man gar nicht weiß, wie man von ihr zu sprechen beginnen kann. Man schämt sich im Grunde – auf einmal wirkt alles Schreiben und Sprechen nur noch wie ein schlimmes Gepolter. Vor ihr. Wenn man sie beschreiben wollte. Man möchte eine neue Sprache, ein neues Sprechen erfinden, um von ihr sprechen zu können. Und von welcher heilig-schönen Tugend will ich so gern sprechen? Von der Sanftmut...

Man spricht nicht wahr von den Tugenden, wenn man nur so von ihnen spricht, dass man sie eben „abhandelt“. Wer sie nicht in sich aufnimmt, in sein Inneres, mit ihnen ganz eins werdend, wie eine Hochzeit, der hat kein Recht, von ihnen zu sprechen, denn er kennt sie nicht. Der Krieger kann vom Frieden sprechen, aber er kennt ihn nicht. Der Spötter kann vom Ernst reden, aber er kennt ihn nicht. So kann auch der gewöhnliche Mensch von der Sanftmut reden, aber er kennt sie ja gar nicht!

Und kennt die Seele heute überhaupt noch eine Tugend? Nein, sondern erst, wenn sie wieder eine Sehnsucht nach ihnen findet. Es wäre aber die Sehnsucht nach sich selbst – denn sie verliert ihr Leben ohne sie, die Tugenden. Sie kann sie gar nicht kennen, weil sie alle so sehr verloren hat, so sehr... Und weil sie sie gar nicht mehr liebt, diese Tugenden. Sie möchte lieber ohne Tugenden leben. Aber sie vergisst eines dabei. Sie vergisst, dass sie dann gar kein Leben mehr hat. Die Tugenden sind so sehr das, was die Seele eigentlich ist, dass sie sich es gar nicht vorstellen kann. Sie verliert nicht nur die Tugenden. Sie verliert sich selbst.

Und gerade die Sanftmut kann dies nicht verstehen – wie dies geschehen kann...

19. Februar

Ach, wenn ich über die Sanftmut schreiben könnte! Jede Tugend ist heilig und schön, aber sie ... sie ist wie die heimliche Sonne von allen. Ihr Licht leuchtet wie das des zarten, frühen Morgens, das doch so sehr die noch schlafenden Blüten streichelt, während die Mittagssonne dieselben Blüten bereits versengen könnte. Sie leuchtet mit jener zärtlichen Anmut, die überall den Schleier heiliger Geheimnisse webt und überall auch diese Geheimnisse sieht. Während die Mittagssonne nur harte, nüchterne Schatten wirft, die alles stärker konturieren, als es ist.

Und so scheint es, als wären die Seelen heute von einem ganz anderen Licht durchdrungen, das eher der Mittagssonne ähnelt – und immer mehr aber sogar dem elektrischen Licht der Leuchtstoffröhren, der künstlichen Dioden, der Laserpointer. Einem Licht, das keine Seele mehr hat. Man kann die Sanftmut nicht verstehen, wenn man sie nicht hat... Verstehen allein würde gar nichts nützen, denn es wäre kein Verstehen. Man denkt heute so stolz über seinen Verstand – aber der Verstand versteht gar nichts. Nichts von den wirklich wichtigen Dingen. Und absolut nichts, nicht das Geringste von der Sanftmut...

Der Verstand ist wie ein künstliches Licht geworden. Er sieht das liebliche, das unvergleichliche, das einzigartige Morgenlicht um die noch schlafenden Blumen spielen, sie zärtlich weckend, sie voller Liebe streichelnd, und er sagt: Was soll mir dies? Denn er sieht nichts! Er sieht nur „Morgenlicht“. Er weiß, dass das Morgenlicht schwächer ist als das Mittagslicht, aber er weiß gar nichts. Er ist so arm, der Verstand, dass er in Bezug auf das wirkliche Leuchten reine Finsternis ist, während das Morgenlicht eigentlich strahlendste Schönheit ist, Schönheit, Wahrheit, Liebe, alles...

Die Sanftmut ist das Herz des gesamten Kosmos...

20. Februar

Das Morgenlicht ist die Sanftmut des Lichtes. Was ist dann Sanftmut? Es ist reinste Zärtlichkeit – aber mit dem ganzen Sein. Nicht eine vorübergehende, nicht eine aufgesetzte, nicht ein Als-ob, nicht ein Mal-eben, sondern ein Einziges. Immer. Unverlierbar.

Und sie ist eigentlich unbeschreiblich – denn wie soll man Zärtlichkeit beschreiben, Zärtlichkeit der Seele? Man würde sie gerade zer-schreiben, zerreden, denn sie verbirgt sich in heimlicher Heiligkeit wie das Morgenlicht vor dem Blick des tagesnüchternen Verstandes. Sanftmut ist ihrem Wesen nach unbeschreiblich. Man müsste das Heilige selbst kennen, um sie zu kennen. Denn sie ist das heilige, wahre, unendlich zarte Herz der Seele. Sie ist ihr innerstes Wesen. Sie ist eigentlich ... die Seele der Seele.

Von der Sanftmut kann man nicht schreiben, ohne in jedem Moment die Hoffnung zu haben, dass jede Seele sie haben würde. Man kann sagen: Sogar die Wahrheit könnte die Lüge ertragen, sogar die Redlichkeit könnte die Unredlichkeit ertragen, sogar der Glaube den Unglauben – aber die Sanftmut kann es nicht ertragen, dass die Welt so ganz und gar unsanft wird, ja ist, schon lange, sehr, sehr lange ... und immer mehr. Die Sanftmut kann es nicht ertragen. Verstehen kann sie es – aber ertragen nicht...

Und doch muss sie es ja. Aber daraus entspringt eine unbeschreibliche Sehnsucht. Aber auch diese Sehnsucht ist ja die Sanftmut selbst. Sie ist das heilige Licht der Seele, das sich nach dem anderen Licht sehnt. Und sie kann es nicht verstehen, nicht fassen, dass sich das heilige Licht überall verliert.

21. Februar

Aber was ist dann die Sanftmut selbst? Muss man nicht versuchen, sie weiter zu beschreiben? Gibt es denn einen anderen Weg? Ich möchte es versuchen – denn es gibt nichts Wesentlicheres, wirklich absolut nichts. Nichts!

Wenn die Sanftmut verschwindet, verschwindet alles. Das Leben der Seele – und schließlich das Leben des ganzen Kosmos. Es wird nichts übrig bleiben. Gar nichts. Man wird noch sehr lange Zeit glauben, ohne die Sanftmut auszukommen – aber es wird ein Irrtum sein. Kalt und immer kälter wird das Licht der Seelen sein. Und immer, in jedem Stadium, wird man glauben, das, was man hat, würde genügen – aber auch das wird man weiter verlieren... Man wird glauben, tolerant zu sein, aber man wird sich mit Worten die Köpfe einschlagen. Man wird glauben, verständnisvoll zu sein, aber man wird immer weniger empfinden. Man wird glauben, unendlich viel zu verstehen. Aber man wird immer mehr sein Fühlen verlieren – man wird es einfach verlieren, es wird verschwinden. Das ist das Schicksal der Seele, die sich selbst verliert. Zuerst aber: ihr eigenes Herz, ihre eigene Seele, die Sanftmut.

Die Seelen haben die Sanftmut schon verloren – und jetzt geht es immer weiter. Man bemerkt es nicht, weil auch ein leckes Schiff noch lange, lange auf dem Wasser treiben kann. Der Untergang kommt plötzlich und unerwartet, weil man das eindringende Wasser nicht bemerkt. Und die heilige Seele der Menschen steht schon längst ganz unter Wasser, und das Wasser erlischt die heilige Flamme, und die heilige Flamme war die Sanftmut.

22. Februar

Sanftmut ist reine Zärtlichkeit. Aber die Seele kann ohne diese Zärtlichkeit nicht leben, denn diese Zärtlichkeit ist ihr Leben. Sie kann etwas anderes als Leben definieren – den Verstand, ihr bloßes Dasein, ihr Vor-sich-Hinleben, aber sie merkt nicht, dass sie eine wandelnde Tote ist, weil sie ihre eigene Seele längst verloren hat. Die Erwachsenen glauben, dass die Kinder das Leben erst lernen müssen, aber Kinder leben noch – und Erwachsene leben nicht mehr.

Und jetzt meine ich nicht das kindliche Spiel, sondern ich meine das Leben der Seele. Ein Kind kann mit einer armen Biene, die fast ertrunken wäre und sich auf dem Boden müht, wieder zu Kräften zu kommen, tiefes Mitleid haben. Ein Erwachsener fühlt nichts. Seine Seele ist gestorben. Sie ist wirklich gestorben. Er denkt, sie lebt woanders, aber das ist nicht wahr. Schon ist es wahr. Aber das Wesentliche ist gestorben, die heilige Quelle von allem. Sie ist versiegt – und alles wird trocken, so trocken...

Sanftmut ist die heilige Quelle – die unendlich heilige, unbeschreibliche Quelle. Quellendes Heiliges... Früher gab es heilige Quellen. Heute weiß man nicht einmal mehr, was das ist. Weder, was eine Quelle ist, noch was ein Heiliges ist. Weil man innerlich beides verloren hat.

Was bedeutet denn dies – reinste Zärtlichkeit, mit der ganzen Seele, als ganze Seele, unverlierbar, als ein Einziges? Das ist das Wesen der Quelle! Sie ist mit sich selbst eins. Sie ist der Ursprung. Das lebendige Leben geht fortwährend aus ihr hervor, strömt aus ihr hervor, weil es in ihr strömt. Und das ist Sanftmut. Ihr Geheimnis ist das Geheimnis der Quelle. Zärtliches Strömen ... heilig strömende Zärtlichkeit ... als sanftes Leben.

23. Februar

Die Sanftmut ist das heilige Geheimnis von allem. Die Seele kann nichts lieben, wenn sie nicht zärtlich wird. Aber sie kann auch nicht zärtlich werden, wenn sie nicht liebt. Ihre Zärtlichkeit ist bereits Liebe – aber es ist Liebe im Zeichen des heiligen, sanften Morgenlichts... Es ist die Krone der Liebe, wie die Krone einer heiligen, anmutigen, sanften Prinzessin.

Und das Geheimnis der Prinzessin muss verstanden werden! Sie ist nicht die Königin, denn sie herrscht ja nicht. Aber – gerade sie wird geliebt. Nicht die Königin, sondern die liebliche Prinzessin. Die Königin auch, aber die Prinzessin mehr. Und hat nicht Goethe geschrieben: „Die Liebe herrscht nicht, aber sie bildet, und das ist mehr.“ Und das, gerade das, trifft am allermeisten auf die Prinzessin zu! Die Königin selbst könnte voller Liebe herrschen, aber es ist die Prinzessin, die nicht herrscht und doch unendlich viel mehr als die Königin bildet. Denn die Prinzessin trägt in sich das heilig-schöne Morgenlicht der Sanftmut – in der Stärke eines Orkans, wenn man dies überhaupt verstehen kann. Sie ist es, die die Herzen berührt, und so verwandelt sie die Herzen, erhebt sie, heiligt sie – weil sie geliebt wird, wegen ihrer Sanftmut. Weil sie die Trägerin dieser Sanftmut ist, die das wirkliche Herz von allem ist.

Sanftmut ist reinste Zärtlichkeit – und Zärtlichkeit ist die reinste Liebe überhaupt, es ist die heilige Morgenröte, aber die Morgenröte ist der wirkliche Tempel des Lichts. Zärtlichkeit ist nicht weniger Liebe als „andere Liebe“, sondern mehr. Wenn der zarte Schnee sanft alles mit seinem heiligen Weiß bedeckt, beschenkt er die ganze Welt mit dem ur-heiligen Bild der Reinheit. Und es wird nicht mehr, wenn der Schnee meterhoch wird, wenn er zur Lawine wird. Das Heiligste steht am Anfang – in all seiner Zartheit.

So gibt es auch ein heiliges Sich-Verlieben. Es ist der Moment, wo eine Seele eine andere erkennt – auch wenn sie es nicht weiß, bewusst, mit dem „Verstand“. Aber schon in diesem Moment ist verborgen die ganze, die vollkommene, die allerheiligste Liebe anwesend. Vielleicht am klarsten und heiligsten überhaupt. Das Sich-Verlieben ist das allerheiligste Mysterium, das es gibt. Danach kann die Liebe nur noch abnehmen – oder aber bleiben und so sich immer mehr offenbaren. Aber anwesend war sie von all diesem Anfang an. So wie das Licht mit dem Beginn des heiligen Morgens. Es mag sich den Tag über entfalten – aber der Morgen trägt für immer seinen heiligen, unübertrefflichen Beginn und sein ganzes, überwältigendes, allerheiligstes Geheimnis, sein Wunder, seine eigentliche Wahrheit...

24. Februar

Man sagt, Verliebte müssen noch lernen, einander treu zu bleiben, wenn die Verliebtheit aufhört – und erst das sei wirkliche Liebe. Aber das ist eine Lüge. Das Umgekehrte ist wahr. Verliebte müssen lernen, was das Geheimnis ihrer Liebe ist. Wenn sie das täten, würde das Wunder niemals aufhören – und das ist wirkliche Liebe. Das Bleiben des Wunders. Es ist aber zugleich das Geheimnis der Sanftmut, die das Wesen der Zärtlichkeit ist. Denn was ist die Sanftmut? Sie ist selbst die Quelle des Wunders, der Urgrund seines Bleibens...

Der Sanftmut enthüllen sich alle Dinge so, wie sie wirklich sind – erst ihr. Und sie enthüllen sich sogar so, wie sie erst werden können. Es ist die Sanftmut, die allen Dingen in ihr heiliges Herz blickt. Und dieses Herz der Dinge wird heilig, wenn die Sanftmut sie anblickt. Alles hört auf, so sein zu wollen, wie es gerade ist, und, erblickt von der Sanftmut, möchte alles so werden, wie es sein könnte – um ihr, dieser heiligen Schönheit, würdig zu sein... Die Sanftmut ist die heilige Prinzessin des Kosmos...

Nichts ist ohne sie möglich, nichts wäre ohne sie wahre Liebe. Wie könnte man die Wahrheit lieben, wenn man sie nicht zärtlich lieben würde? Liebe ohne Zärtlichkeit macht noch immer hart. Wie könnte man jemandem je verzeihen, wenn man ihm nicht zärtlich verzeihen würde, und das bedeutet wirklich ganz? Wie könnte man jemandem je vertrauen, wenn man ihm nicht zärtlich vertrauen würde, und das bedeutet, bis in die zarten Tiefen der Seele hinein?

Sanftmut ist eigentlich das heilige, unbeschreibliche Mysterium der Unschuld. Und umgekehrt: die Unschuld ist das wahre Mysterium der Sanftmut. Man findet diese heiligste Tugend der Sanftmut nur, wenn man die Unschuld des Herzens wiederfindet. Denn diese Unschuld ist Sanftmut. Hier erst wird die Sanftmut das, was sie wirklich ist. Sie ist reinste Unschuld. Unschuld, die Zärtlichkeit wird. Das ist Sanftmut. Die morgenschön strahlende, heilige Prinzessin des ganzen Kosmos... Sie allein wendet sich allem mit ihrem ganzen Wesen zu – und alles wendet sich ihr zu, weil es von diesem heiligen Leuchten berührt wird, in doppeltem Sinne...

Hingabe


25. Februar

Und die nächste heilige Tugend ist die Hingabe... Sie werden eigentlich immer heiliger, und das hat auch seinen Grund. Aber es sind auch heilige Schwestern – und fast nie lassen sie sich allein... Wo also die eine ist, sind auch die anderen. Und wo die eine nicht ist, gehen auch die anderen, weil die Seele sich nicht Mühe macht, sie zu halten, sie zu lieben, mit allem, was sie hat. Sie wollen geliebt werden, diese Schwestern! Dann geben auch sie sich hin. Sie alle sind hingebungsvollste Wesen – aber man muss ihnen Hingabe erweisen, damit auch sie sich einem schenken können. Und das wollen sie! Aber zuerst muss man sie wollen...

Und das ist das Traurige, das Schlimme, die unendliche Tragik der Seele – dass sie nicht mehr lieben kann, dass sie diese Schwestern nicht mehr lieben kann, will, dass sie sich ihnen nicht mehr hingeben kann und will. Sie kann es nicht, und sie will es nicht – und das ist ihr Untergang. Denn so ist sie eine lebendige Tote. Die Seele will nur noch sich selbst, aber nicht mehr die Tugenden. Sie will sich selbst, aber nicht mehr die liebreizenden, heiligen Schwestern, die sich ihr sofort hingeben würden, wenn die Seele es tun würde – sich ihnen hinzugeben. Aber die Seele ist ohne Hingabe, und so fliehen auch die heiligen Schwestern sie, ängstlich, scheu, verwirrt...

Eine Seele, die die Hingabe an die heiligen Schwestern nicht kennt, ist keine Seele mehr. Sie ist tot, obwohl sie sich lebendig fühlt. Sie ist nur auf sich selbst bezogen, obwohl ihr wahres Leben die Hingabe sein müsste. Diese heilige Schwester ist also der Schlüssel...

26. Februar

Die Sanftmut, die heilige Schwester der Hingabe, trägt bereits das ganze heilige Wesen der Zärtlichkeit. So ist auch sie bereits tief vom Geheimnis der Hingabe umhüllt. Man kann sagen, dass die Sanftmut die Hingabe wie einen Brautschleier trägt.

Und so ist die Sanftmut sanft wie eine Braut, so bedeutet ihre Zärtlichkeit sanfte Zuwendung zu allem, was um sie ist. Aber diese sanfte, zärtliche Zuwendung ist bereits Hingabe. Das Wesen dieser heiligen Schwestern geht hier wirklich heilig ineinander über. Die reine, unschuldige Hingabe ist das Geheimnis der Sanftmut, wenn sie wirklich Zärtlichkeit, sanfte, zärtliche Zuwendung wird. Und umgekehrt liebt die Hingabe ihre Schwester über alles und wird nie wild und leidenschaftlich sein, wenn dies bedeuten würde, diese geliebte Schwester zu verlieren. So, wie die Sanftmut zärtliche Hingabe wird, so wird die Hingabe zärtliche Sanftmut bleiben wollen. Und in diesem heiligen Bund bleiben die Schwestern stets vereint – ihr gemeinsames Zeichen ist die Zärtlichkeit.

Aber die Hingabe kann sehr wohl auch leidenschaftlich sein, denn es gibt auch eine zärtliche Leidenschaft, eine Leidenschaft der Sanftmut. Das Geheimnis der Schwestern bleibt ihre heilige Verbindung. Zärtliche Hingabe, hingebungsvolle Sanftheit – das heilige Geheimnis aller, aller Liebe...

27. Februar

Die Seele, die nicht die heiligen Schwestern liebt, weiß nicht, was in Wirklichkeit Hingabe ist. Denn sie gibt sich höchstens sich selbst hin – ihren Bedürfnissen, ihren Begierden und momentanen Lüsten. Worauf sie gerade Lust hat, das macht sie. Soll man das Hingabe nennen? Das wäre eine schöne Hingabe! Es ist Selbstliebe, Selbstsucht, Lustprinzip. Hingabe daran. Hingabe an das Gegenteil der Hingabe...

Die echte, die heilige Hingabe ist gerade Hingabe an das Andere. An das wirklich Andere – und also ein Vergessen des Eigenen, dieses unheiligen, falschen, egoistischen „Selbst“. Wer sich diesem „Selbst“ hingeben will, diesen fortwährend eigenen Lüsten, diesem fortwährenden Denken an sich selbst, diesem ewigen Bezug auf dieses eigene Selbst, der soll das tun – wer wird ihn denn je daran hindern können? Aber seine Seele ist tot. Und eines Tages wird sie es merken... Eines Tages wird die tote Seele merken, dass sie immer nur ihren eigenen Lüsten hinterherrennt und hinterhergerannt ist und dass sie davon leerer und leerer und leerer geworden ist.

Aber lange, sogar sehr lange Zeit kann sie glauben, dass sie gerade dadurch recht lebendig ist – eben dadurch, dass sie ihren Lüsten folgt. Denn was ist so lebendig, wie einer Lust zu folgen? Ist nicht die Lust gerade das pure Leben? Ja, es ist das pure Leben der selbstbezogenen Seele, des Selbstbezugs, des Egoismus – eines in sich selbst zusammenfallenden Selbstbezugs. Denn dieser gerade ist der Tod der Seele. In all ihrer Lust fällt die Seele in sich selbst zusammen und stirbt fortwährend. Ein ewiger Tod... Was sie „Leben“ nennt, ist gerade ihr ewiger Tod. Ein völliges Verlieren, Vermeiden und Verkennen des wahren Lebens. Ein wirkliches, absolutes Daran-vorbei-Leben. Tod. Nichts als Tod. Die tote Seele...

28. Februar

Der toten Seele ist es egal, dass sie tot ist. Sie hält ihren Tod ja gerade für das Leben. Sie belächelt die lebende Seele und genießt ihr eigenes Aufgehen in purem Luststreben und sonstigem Selbstbezug. Dass sie sich „selbst“ fühlt, das gerade ist ihr „Leben“ – auch jenseits von Lust. Aber dieses „selbst“ ist so armselig – so unglaublich armselig. Die Seele hält sich an dem Armseligsten fest, was es überhaupt gibt – und hält dies für ihr „Leben“. „Ich“, sagt sie fortwährend – „ich bin doch ich, und das ist überhaupt das Wichtigste, dieses ,ich’ – und zwar ich, nicht der Andere, also ich, ich bin das Wichtigste...“

Obwohl die Seelen gar nicht wissen, dass sie dies fortwährend sagen, tun sie es dennoch. Sie leben in nahezu jeder Sekunde mit diesen Worten auf ihren Lippen, in ihrem Wesen. Sie brauchen es gar nicht äußerlich sagen – sie sagen es mit ihrem ganzen Tun, mit jedem kleinsten Gedanken, jedem kleinsten Gefühl, jeder kleinsten Handlung. „Es geht um mich. Um mich geht es. Um wen denn sonst? Mir geht es um mich.“ Und dann geht es immer so weiter. „Und worauf ich Lust habe, das ist das Wichtigste von allem. Überhaupt die Lust. Aber ich – ich bin das Wichtigste.“

Die Seelen sind dem so unglaublich, so völlig verfallen – und sie merken es nicht einmal. Und manche denken, sie wären es nicht, aber sie sind es trotzdem. Überall ich, ich, ich. Und all diese Seelen, wirklich alle, kennen das heilige Geheimnis der Zärtlichkeit nicht. Sie kennen es nicht. Denn sie lassen es nicht an sich heran.

Die selbstbezogene Seele kann nicht zärtlich sein. Selbst wenn sie es wäre, wäre sie es wieder selbstbezogen – und also völlig falsch. Der Selbstbezug ist ein Gift, der alles durchtränkt. Das Heilige kann nicht heilig bleiben, wenn das Gift hinzutritt. Erst müsste das Gift geheilt und verwandelt werden, bevor das Heilige wirklich sich nahen könnte. Aber darum geht es. Das Heilige muss sich nahen, sich nähern dürfen. Andersherum geht es überhaupt nicht. Aber die selbstbezogene Seele denkt das.

1. März

Hier, an diesem heiligen Punkt, liegt das Geheimnis der Hingabe. Alle Tugenden sind heilig. Und man kann das Heilige nicht aus sich selbst heraus verwirklichen – denn dann wäre es nicht heilig. So einfach ist das – und zugleich so heilig-schlicht...

Aber das Heilige kann sich auch nicht selbst verwirklichen. Denn dann wäre auch das Heilige selbstbezogen und egoistisch, das ist es aber gerade nicht. Also – was kann dann geschehen? Das Wunder. Das, was ich schon so oft beschrieben habe. Es ist wirklich ein Wunder, das heilige Wunder der ... liebenden Vereinigung.

Denn in der Seele lebt eine heilige Sehnsucht nach dem Heiligen, nach dem reinen, heiligen, unschuldigen Wesen der Tugenden. Diese lebt in der Seele, diese Sehnsucht. Und sie ist auch heilig. Und das ist das einzige Heilige, was in der Seele selbst lebt – diese Sehnsucht nach dem Heiligen. Und die Seele wird gerade völlig unheilig, wenn sie diese Sehnsucht dann auch noch verliert. Denn dann hat sie gar nichts mehr... Hätte sie aber diese reine, unschuldige, heilige Sehnsucht, dann hätte sie im Grunde schon alles, wirklich alles, denn der Rest ist das Wunder...

Und man kann dieses heilige Wunder beschreiben, aber wenn die Seele nicht selbst schon mit Ehrfurcht und Zartheit fühlt, dann fühlt sie gar nicht, was beschrieben wird. Dann nimmt sie es wie alles andere – und versteht nicht das Geringste! Denn das Heilige kann man nicht verstehen, man muss es vor allem fühlen!

Aber dies nun ist das Wunder: Dass es zwischen der Seele und dem Heiligen eine liebende Vereinigung geben kann. Was für ein heiliges Wunder! Und sie sind füreinander geschaffen, füreinander bestimmt, und nur deswegen gibt es diese Liebe, auf beiden Seiten, füreinander, bedingungslos und unendlich... Die Seele liebt das Heilige, und das Heilige liebt die Seele. Sie wollen ja zueinander – und die wirkliche Vereinigung ist das Seligste, was es überhaupt gibt, auf Erden und im Himmel...

2. März

Das Geheimnis der Liebe ist das gleiche Geheimnis wie das der Hingabe – und das ist dieses völlige Sich-Schenken, ein Wunder, ein absolutes Wunder.

Aber nun ist dieses Wunder wirklich gegenseitig. Als erstes die Seele: In der Seele lebt diese heilige Sehnsucht ... die Sehnsucht nach dem Heiligen. Die Seele möchte in ihrem tiefsten Wesen gar nicht ohne die Tugenden leben, sein, sie kann es nicht. Das heilige, unschuldige, tiefste Wesen der Seele sehnt sich zutiefst nach den Tugenden, nach den heiligen Schwestern. Sie möchte sie in sich aufnehmen, ihnen Wohnung geben, sich mit ihnen durchdringen, sie möchte mit ihnen eins werden. Heiligste Sehnsucht ... sie möchte es. Aber nur in ihren innersten, heiligen Tiefen.

Da, in diesen Tiefen, da ist ihr Wesen eigentlich schon unendlich rein und unschuldig – und da ist es zugleich auch mit allen heiligen Tugenden vereint. Es ist, wie wenn die heiligen Schwestern und der heilige Kern der Seele von aller Ewigkeit her in einem heiligen Bund verbunden sind, untrennbar, wirklich ewig. Aber dieser heilige Kern der Seele ist ja in der übrigen Seele gefangen – und dieses Gefängnis wird immer schlimmer!

Das Geheimnis ist, dass dieser unschuldige Kern der Seele seine zarten, heiligen Flügel ausspannen will, sein zartes, heiliges Wesen sanft ausbreiten will, statt zertreten zu werden, unterdrückt und verschüttet, gefangen und eingekerkert. Der unschuldige Kern will sich sanft ausbreiten – und das, dieses sanfte Sich-ausbreiten-Wollen, das ist die Sehnsucht, die sogar die gewöhnliche Seele spürt. Sie spürt, dass sich da in ihr etwas ausbreiten will, was nicht sie selbst ist. Denn sie selbst ist der schuldig gewordene Teil, aber in ihr spürt sie den zutiefst unschuldigen Teil.

Und wenn nun die schuldig und selbstbezogen gewordene Seele dann beginnt, selbst auch eine wachsende Sehnsucht nach dem Heiligen zu empfinden – nach dem heiligen, unschuldigen Kern der Seele in sich, den sie bisher verraten hat, und nach dem Heiligen außerhalb von ihr, dann beginnt das Wunder. Denn der heilige Kern der Seele muss sich nicht mit den Tugenden vereinigen, er ist es schon, aber die ganze übrige Seele muss es – aber zuerst muss sie es überhaupt wollen... Zuerst muss sie überhaupt eine heilige Sehnsucht empfinden. Und dann muss sie die Hingabe lernen...

3. März

Da aber, wo die Seele beginnt, die Sehnsucht zu lernen, wirklich diese zarte Sehnsucht nach dem Heiligen, die selbst zart schon etwas immer Unschuldigeres wird, und so zugleich immer mehr Sehnsucht, wirkliches, zartes, leises Bitten um das ersehnte Ziel, das aber selbst lebendig ist, selbst ein Wesen ist ... da kann sich dieses sanfte, heilige Wesen dann auch umgekehrt nähern. Denn das heilige und auch heilig-ersehnte Wesen braucht die zarte Hingabe, um sich nähern zu können. Sehnsucht ist aber Hingabe... Wenn sie wirkliche Sehnsucht wird, wird sie auch wirkliche Hingabe. Und was dann passiert, ist, dass das so heilig-unschuldig Ersehnte auch wirklich zu einem kommt. So, wie die Seele zu ihm kommt, so kommt es zur Seele. Und so, wie die Seele sich in ihrer liebenden Hingabe und Sehnsucht ihm schenkt, so schenkt es sich ihr...

Das Heilige schenkt sich immer, wenn die Seele sich schenkt. Aber die Seele schenkt sich nicht immer. Der Schlüssel zum Heiligen, auch zu den heiligen Schwestern, ist die Hingabe. Die Schwestern schenken sich einem nur, wenn man sich auch ihnen schenkt – und sich mit ganzem Herzen nach ihnen sehnt. Aber in demselben Maße, wie dies wahr wird, ist die Vereinigung schon da, denn sie warten nicht, um sich zu schenken; sie warten nur, dass man ihnen die Tür seines Herzens öffnet – auch in der ganzen übrigen Seele.

Ist die Hingabe an die Tugenden da, so sind auch die Tugenden für einen da – sie lassen einen nicht allein. Die mit den Tugenden vereinte Seele aber vermag auch alles andere. Sie ist der Sonnenquell dieser Welt. Aber sie ist es, weil die Tugenden sie zur Sonne machen. Die Tugenden machen die Seele zu einem lebendigen Diamanten. Und die Hingabe der Seele an sie macht sie dazu. Der Diamant leuchtet, weil er durchsichtig geworden ist. Aber das Leuchten selbst kommt nicht von ihm, sondern von dem Licht. Er ist ein Wunder von Licht, aber er ist nicht selbst das Licht...

Das Geheimnis des Diamanten ist dasselbe wie das der Seele. Der Diamant gibt sich zuerst dem Licht hin. Und dann kann er sich auch allem anderen hingeben und sein Wesen schenken...

Mitleid


4. März

Jetzt gab es drei mal drei Tugenden, das sind neun. Und nun gibt es noch drei Tugenden, und diese sind wie eine Krone. Neun Tugenden, die selbst wie eine heilige Prinzessin sind – obwohl schon jede Einzelne von ihnen dies auch ist –, und nun aber diese drei, die noch mehr sind, wirklich wie eine Krone...
Aber man muss dies richtig empfinden und mit der Empfindung verstehen. Man kann sich fragen: Ist die Krone etwa mehr als die Prinzessin? So aber darf man es nicht verstehen. In der äußeren Welt hält man so etwas wie eine Krone heute nur noch für ein „äußeres Ding“. Aber wir befinden uns nicht in der äußeren Welt – sondern im Reich der Tugenden. Diese Welt ist noch viel realer, aber sie ist nicht äußerlich. Sie ist gerade innerlich. Hier ist alles so real, dass nichts, wirklich nichts, einfach nur „Ding“ oder „etwas“ ist. Alles ist „jemand“, alles ist heiligstes Wesen. So ist es hier – im heiligen Reich der Tugenden. Im heiligen Reich der Seele.

Und deswegen kann das, was ich hier „Krone“ nenne, noch mehr und noch heiliger als die Prinzessin selbst sein. Denn was wäre die Prinzessin ohne die Krone? Sie ist gerade Prinzessin, weil sie mit ihrem ganzen Wesen weiß, dass sie ihr Prinzessinnen-Sein etwas verdankt. Und dieses „Etwas“ ist dasjenige, was sie krönt. Sie wäre auch ohne die Krone eine Prinzessin – aber erst jetzt wird sie ... eine Prinzessin mit Krone. Man kann das, was hiermit ausgesprochen wird, nur empfinden.

Die Prinzessin weiß selbst am allerbesten, dass sie ohne Krone eigentlich noch ein „Nichts“ wäre. Aber diese Krone ist kein äußeres Ding, es ist etwas ganz und gar Lebendiges. Es ist ihre reale Krönung. Es ist ihr reales Gekröntwerden, ihr reales, wirkliches Zur-Prinzessin-Werden. Das ist die Krone. Sie kommt von einer heiligen Welt, sie ist selbst heilige Welt. Und wenn die Prinzessin selbst auch schon eine heilige Welt ist, so kommt die Krone aus einer über-heiligen Welt. Die Krone krönt die Prinzessin, und die Prinzessin beugt sich in Demut, um sie zu empfangen...

5. März

Die erste der drei heiligen Tugenden, die die Krone sind, ist das Mitleid. Das Mitleid ist gleichsam das Herz der Krone. So, wie ich die Unschuld das Herz aller Tugenden nannte und sie das Herz aller Tugenden ist, so ist das Mitleid das Herz der Krone, der drei krönenden Tugenden.

Und jetzt kann man es vielleicht alles verstehen. Aber man muss es mit dem Herzen verstehen, und man muss im Herzen das Herz aller Tugenden haben, man muss mit der Unschuld selbst verstehen, mit der Unschuld des Herzens. Also die Unschuld... Heiligstes Herz aller Tugenden. Ach, könnte die Seele der Menschen sich nur für einen einzigen Augenblick ganz in dieses Allerheiligste versenken! Ganz in die völlige, in die reine, in die schneeweiße Unschuld... In die heilige Quelle eines unvorstellbar Reinen und Guten, aber als lebendige Seele. Es würde der dies empfindenden Seele unmittelbar klar werden, warum dies das Herz ist, das Herz aller Tugenden...

Aber nun das Andere. Was webt als Geheimnis zwischen Unschuld und ... Mitleid? Was ist dieses Geheimnis?

Die Unschuld ist bereits die ganze Prinzessin. Es ist ihr Geheimnis. Nur durch die Unschuld ist sie es – ist sie die Prinzessin. Das Wesen der Prinzessin, das Herz der Prinzessin ist ... Unschuld. Aus ihr geht alles andere lebendig hervor. Und auch alle anderen heiligen Tugenden sind unschuldig. Sie sind rein, sie sind heilig, sie sind die heiligen Glieder der Prinzessin, ihrer Seele. Aber was ist dann das Mitleid...?

6. März

Das Geheimnis des Mitleids... Das Herz der Krone, die aus einer über-heiligen Welt die Prinzessin krönt, und die Prinzessin neigt sich in Demut, weil sie weiß, dass dies ihre Krönung ist...

Es ist, wie wenn die unendlich sanftmütige, unendlich unschuldige Prinzessin am Morgen erwacht und ihre Augen aufschlägt. Hat jemand jemals diesen heiligen Moment miterlebt? Nein – wie denn auch? Aber vorstellen kann man es sich, in heiligster Innigkeit und Aufrichtigkeit. Zuerst die ganze Fülle des heiligen Wesens der Prinzessin, alles, wirklich alles – und in seiner Mitte diese unvorstellbare Unschuld. Und was ist dann noch unschuldiger als eine schlafende Prinzessin? Aber nun ist früher Morgen, und die Nacht ist vorbei, und dieses heiligst-unschuldige Wesen, die Prinzessin, schlägt die Augen auf...

Wer von diesem Moment nicht zutiefst ergriffen und berührt wird, der hat keine lebendige Seele... Ja, gerade das ist der heilige Prüfstein, an dem man erkennen darf, wie es um die eigene Seele bestellt ist – ob sie noch Leben in sich hat, und wenn ja, wieviel... Der Moment, in dem die Prinzessin erwacht.

Aber nun sind wir schon viel, viel weiter als das. Uns geht es jetzt bereits um das heilige Geheimnis, das zwischen Unschuld und Mitleid webt. Aber auch das werden wir lebendig empfinden und mit dieser lebendigen Empfindung verstehen, wenn wir uns diesen heiligsten Moment vorstellen, ganz und gar real, lebendig, innig, wesentlich, aber nun auf einer höheren Stufe. Nicht bloß das Erwachen am Morgen, das bereits ein allerheiligstes ist und das man nie verstehen wird, wenn man es nicht so versteht und erlebt. Aber jetzt ein noch höheres Erwachen, ein zweites, und nun wird es wirklich über-heilig.

Und die Unschuld ... wird Mitleid...

7. März

Mitleid... Das heilige Herz der Krone... Das Mitleid wird aus der Unschuld geboren, weil es gerade die Unschuld ist, die sich in das andere Wesen hineinversetzen kann.

Die Unschuld ist zu grenzenloser Hingabe fähig, weil sie nichts hat, woran sie selbstisch haften muss. Sie braucht nicht an sich denken, sie muss und will nicht sich fühlen, sie braucht nichts für sich wollen. Und gerade das ist Unschuld – dieses tiefe, heilige Fehlen des schlimmen, alles hässlich und armselig machenden Selbstbezuges. Der Unschuld fehlt er einfach! Er fehlt, er ist nicht da, er ist einfach nicht da... Und deswegen ist gerade das Andere da: die liebevolle, sanfte, fortwährende Hingabe an das Andere, von dem sie gar nicht getrennt ist, die unschuldige Seele, sondern mit dem sie gerade innig verbunden ist.

Heute müssen sich die Seelen so unglaublich anstrengen, um noch ansatzweise bei irgendetwas einen leisen Anklang von Mitleid zu empfinden. Sie müssen sich anstrengen! Wie weit ist es mit der Seele bereits gekommen, wenn sie sich anstrengen muss, um überhaupt noch bei irgendetwas Mitleid zu haben? – Die unschuldige Seele muss sich nicht anstrengen. Sie müsste sich anstrengen, bei irgendetwas kein Mitleid zu haben. Aber so sehr sie sich auch anstrengen würde – es wäre ihr gar nicht möglich...

8. März

Das Mitleid entspringt nicht einem abstrakten „Sich-Hineinversetzen“. Es entspringt auch nicht einem abstrakten Wissen, dass der oder das Andere auch ein Wesen ist. Sondern es entspringt unmittelbar aus dem Herzen, ohne Vermittlung. Die unschuldige Seele muss nicht erst eine „Verbindung“ zu diesem Anderen aufbauen – sie hat sie schon, von Anfang an. Die unschuldige Seele ist nie ohne Verbindung zum Anderen.

Deswegen ist es für die unschuldige Seele so schwierig, sich vorzustellen, wie man kein Mitleid haben kann. Aber das ist ja bei allen Tugenden so. Die unschuldige Seele kann es sich nicht vorstellen, wie das, was aus ihrer eigenen Unschuld fortwährend lebendig hervorströmt – und das sind alle Tugenden –, bei einer anderen Seele nicht lebendig da sein kann. Beim Mitleid ist es aber besonders schlimm, dies zu bemerken, denn da steht die unschuldige Seele erschüttert vor der Tatsache, wenn es nicht da ist. Und warum? Weil hier wirklich das Gute unmittelbar betroffen ist – und nicht nur betroffen, sondern es wird sichtbar, sein Fehlen, das Fehlen des Guten in Bezug auf den Anderen, das Andere, überhaupt andere Wesen.

Jemand muss nicht „tugendhaft“ sein, er kann eine ganz gewöhnliche, mehr oder wenige hässliche Seele haben, die kein heiliges Leben in sich trägt – es ist erst einmal seine Sache. Es ist sein eigenes, trauriges Versäumnis, wenn er sich um seine Seele nicht kümmert, sondern sie geradezu sterben lässt. Man kann ihn nicht daran hindern, wenn er nicht begreift, was er ihr antut. Aber das tut er zunächst nur sich selbst an. Aber im Falle des Mitleids wird es unsäglich schmerzlich und erschütternd offenbar, wie tot die Seele wirklich ist. Denn da offenbart sie es in ihrem Verhältnis zum Anderen – das kein Verhältnis ist, sondern ein absolutes Fehlen von einem Verhältnis, also ein Nichts, eine Leere, ein erschütterndes Fehlen von etwas, was da sein sollte, unbedingt, so notwendig wie die Luft zum Atmen...

9. März

Eigentlich betreffen alle Tugenden das Gute – immer geht es um das Gute, immer. Es geht um die Sehnsucht der Seele nach dem Guten, ihre Liebe zum Guten, ihr Leben im Guten. Keine Tugend ist etwas anderes. Es ist immer dieses. Wenn die Liebe zum Guten nicht das Lebensblut der Seele ist, sie durchströmend wie das andere Blut den lebendigen Leib, dann lebt sie nicht wirklich. Ihr Leben ist genau dieses und kein anderes. Die Seele hat nur ein wirkliches Leben, und dieses Leben betrifft das Gute, dieses wunderbare Geheimnis des Guten und dieser Liebe zu ihm. Die Liebe zum Guten ist das Leben der Seele – und das Fehlen dieser Liebe zum Guten, die um sich greifende Indifferenz, Lauheit, der wachsende Egoismus und Selbstbezug, das ist das Sterben der Seele.

Man kann nicht zwei Herren dienen. Entweder wird man den einen lieben und den anderen verachten, oder man wird dem anderen anhangen und den einen vergessen. Entweder die Seele hat diese zarte, reine, aufrichtige, unschuldige Liebe zum Guten – oder sie hat nur „Liebe“ zu sich selbst. Dann aber wird die andere, die wahre Liebe immer weniger werden und sterben. Und die Seele wird hässlich werden und selbst auch sterben. Die Selbstliebe der Seele ist gleichzeitig ihr Tod.

Aber im fehlenden Mitleid nun wird dieser Tod sichtbar. Und die Seele merkt ihn sogar selbst. Da endlich merkt sie ihn! Ich glaube, es gibt keine Seele, die an dem Mangel ihres Mitleids nicht irgendwie auch selbst merkt, wie es um sie steht... Aber selbst das ist der Seele meistens egal! Sie ist schon so sehr gestorben, dass sie nicht mehr zurück kann... Sie will gar nicht mehr leben. Sie weiß gar nicht mehr, was das ist. Sie ist schon tot, obwohl sie noch nicht völlig tot ist. Eigentlich ist sie schon völlig tot. Sie lebt nur noch in ihrem eigenen Tod, ihrer Selbstliebe. Tote Seelen, die den Tod als Leben betrachten und doch genau wissen, dass es kein Leben ist – und dennoch den Tod nicht mehr verlassen können, sondern immer nur noch mehr sterben, im Tod versinken...

10. März

Wenn man sieht, wie die Seelen sterben, überfällt einen selbst für sie ein unendliches Mitleid. Dabei sind sie es doch, die mit ihrer Gleichgültigkeit und ihrem Selbstbezug alles zerstören – alles, was Schönheit und Sinn, alles, was Wert, Leben und Dasein hat. Alles, was uns umgibt, die wunderschöne Natur, die wunderbare Schöpfung, noch die kleinste Spinne und den Grashalm am Wegesrand. Zuerst wird dies alles der Seele egal, weil sie blind ist. Und dann zerstört sie es, weil es „einfach so ist“, weil die Zerstörung ihren Gang, ihren Lauf nimmt und die Seelen längst in Gleichgültigkeit versunken sind. Weil sie kein Mitleid haben. Weil sie, bevor sie das Wunderbare, das Wunderschöne vernichten, längst schon sich selbst vernichtet haben. Und auch die Seele war einmal, einst, ganz früher, wunderbar und wunderschön... Sie war es, als sie noch das Mitleid kannte...

Es ist schwer, Mitleid mit jemandem zu haben, der alles zerstört, weil ihm egal ist, was mit der Natur und der Welt passiert – Hauptsache, sein Kühlschrank ist voll, Hauptsache, sein Urlaub ist gesichert, Hauptsache, ihm geht es gut. Dass aber seine Seele leer ist, dass ihr Leben überhaupt nicht gesichert ist und dass es ihr absolut nicht gut geht, weil sie mitten im Sterben liegt ... das interessiert ihn nicht! Er lebt in jenem Teil der Seele, der in Hässlichkeit lebt und der die ganze übrige Seele, die unschuldige Schwester, umbringt. Jede Seele, die sich in ihrem hässlichen Selbstbezug auslebt, hat Blut an ihren Fingern – das Blut ihres eigenen Wesens, ihres eigentlichen, ihres wahren, ihres unschuldigen Teils. Von diesem hat sie sich entfernt, und nun bringt sie ihn um, wie die eigene Schwester.

O, ihr Seelen, habt doch Mitleid! Wenn nicht mit der übrigen Welt, so doch mit jenem wahrhaft unschuldigen, reinen, wunderschönen Teil eurer selbst, den ihr fortwährend tötet, mordet, umbringt! Merkt ihr denn nicht, wie ihr euch damit selbst tötet und umbringt? Habt doch Mitleid...!

Achtsamkeit


11. März

Die zweite Tugend der Krone ist die Achtsamkeit. Ach! Die Menschen wissen gar nicht mehr von der Heiligkeit all dieser Dinge. Sie wissen nicht mehr von der Heiligkeit der Seele – und was alles in ihr liegt, wenn es denn geheiligt würde.

Aber diese Heiligkeit muss empfunden werden. Wenn die Fähigkeit, zu empfinden, so abgestorben ist, dass man nicht mehr empfindend dahin ahnen kann, nicht mehr ahnend dahin empfinden kann, wie heilig all diese Dinge sein könnten, die Seele selbst ... dann ist alles verloren. Die Seele muss wieder spüren, was sie ist. Sie kann empfinden! Sie ist etwas rein Innerliches – sie ist ein Innenwesen. Wenn sie allein nur ein einziges Wort verstehen würde, ganz und gar. Dieses Wort heißt ... „innig“. Sie müsste es in tiefster Zartheit verstehen! Was heißt denn das – dieses wunderbare Wort? Was heißt es denn? Innig... Die Seele müsste selbst ganz innig werden, ganz, ganz innig. Ganz einhüllen müsste sie sich in ihre heilige, ihre reine Fähigkeit, zu empfinden. Nur ganz, ganz innerlich. Die Außenwelt vergessend. Sich nur besinnend auf das, was sie da hat: diese heilige, heilige Empfindungsfähigkeit. Und dann diese ganz, ganz zart sprechen lassen...

Alle Härte kommt daher, dass die Seele sich selbst vergisst, denn dieses unendlich Zarte ist ihr heiliges Wesen: empfinden zu können. In unendlicher Weichheit, Zartheit, Feinheit, noch wie die leichteste Feder, wie ein Hauch. Empfinden wie ein Hauch... Aber dies in voller Tiefe. Unendlich zart – und doch unendlich tief und intensiv. Das gerade ist die Sanftheit, dieses unendlich Heilige...

Die Seele findet sich erst wahrhaft wieder, wenn sie sich wirklich wie zu einer Feder machen kann, einer Daunenfeder, eine so unendlich weiche, leichte Daunenfeder. Wenn sie alles so fühlen kann, wie wenn man mit einer solchen hauchzarten Feder über die Dinge streicht... Streicheln muss man. Die Seele selbst muss wie ein Streicheln werden. Dann wird sie ihre eigene Wirklichkeit gewahr. Erst dann...

12. März

Ich spreche von einer unendlichen Aufmerksamkeit – und, ja, mehr als das. Zuwendung... Von einer heiligen Zuwendung zu den Dingen und zu allem spreche ich.

Es würde nicht nützen, wenn man dies nur lesen würde. Die Seele würde gar nicht in Wirklichkeit verstehen, was ich meine, wenn sie es nicht selbst täte. Sie muss diese innere Bewegung selbst zu machen versuchen. Es ist eine innere Handlung. Und auch eine Haltung, aber mehr noch eine wirkliche Handlung, ein inneres Tun.

Und am liebsten möchte man schweigen, um es zu erklären. Man möchte es fortwährend real vormachen. Aber das ginge nur, wenn man einander gegenüberstünde, wenn man beisammen wäre – und selbst dann müsste man noch immer erklären, beschreiben, wie das eigentlich geht, wie es möglich ist, wie man es macht. Denn die Seele macht es nicht deshalb nicht, weil sie nicht will – sondern weil sie es gar nicht mehr kann!

Und so ist Achtsamkeit eine völlige Verwandlung, im Vergleich zu dem, was die Seele sonst die ganze Zeit tut – und nicht nur tut, sondern ist. Es ist eine Seins-Frage. Achtsamkeit ist nicht nur ein Tun. Es ist ein Sich-in-einen-völlig-anderen-Zustand-Bringen. Das ganze Sein der Seele wird ein völlig anderes. Alles, was sie tut, wird anders. Ihr Blick wird anders, aber sie bleibt nicht dieselbe, sondern die Verwandlung ihres Blickes wird eine vollkommene Verwandlung ihres ganzen Seins, ihres Zustandes. Die Tugenden ergießen ihr Wesen in die Seele und verändern sie wie Zauberinnen. Nichts bleibt, wie es war...

13. März

Heute will ich von dem schreiben, was ich „Blick“ nannte. Und vorher nannte ich es „Zuwendung“.

Ist ein Blick nicht immer Zuwendung? Einerseits ja – aber diese Zuwendung kann auch Böses im Sinn haben. Der „objektive“, der distanzierte Blick macht etwas und macht jemanden zum Objekt. Es gibt den gehässigen Blick, den verachtenden Blick, den abschätzenden Blick. Es gibt Blicke mit Hintergedanken, mit unguten Absichten. Die Frage ist immer: was verbirgt sich hinter einem Blick, hinter dem Blicken?

Und in all diesen Fällen bleibt der Blickende bei sich. Er ist es, der das Andere und den Anderen zum Objekt macht. Er und sein Blicken. Sein Blicken ist nicht unschuldig und nicht gut – es ist voller Selbstbezug und unguter Absichten. Die entsprechende Seele benutzt das, was sie anblickt. Es ist kein Miteinander, keine unschuldige, zarte Begegnung, sondern es ist ein Benutztwerden, eine Unterwerfung, eine Degradierung.

Das sollte man einmal sehr tief und deutlich fühlen. Was die Art und das Wesen des Blickes und des Blickens ist, die man fortwährend zu einer Wirklichkeit macht. Wie blickt man? Wie ist es mit dem Selbstbezug? Und was tut man den Dingen und Wesen mit seinem Blick an?

Die meisten werden denken, sie haben keine unguten Absichten. Aber haben sie dann gute Absichten? Oder haben sie nur die alles wie einen Mehltau überziehende Gleichgültigkeit? Und wie ist es dann? Mit dieser Gleichgültigkeit... Wie ist es dann?

14. März

Ich musste gestern mit dieser Frage aufhören, denn es ist wichtig, solche Fragen wirklich zu fühlen und in Ruhe zu beantworten – selbst. Man muss sich Zeit lassen – und alles wirklich erfahren, in seiner Wirklichkeit. Es muss zur Erfahrung werden, sonst bleibt es ein Nichts. Und die Seele bleibt bewusstlos, wesenlos, unverwandelt, bleibt, wie sie ist, und weiß nicht einmal, wie sie ist. Sie muss all diese Dinge wirklich innerlich erfahren. Die Erfahrung muss eine Realität werden, und dadurch wird die Seele eine völlig andere.

Denn dann werden ihr nicht nur Dinge und Wirklichkeiten bewusst, sondern sie selbst gewinnt Bewusstsein. Aber das ist etwas, was mit nichts anderem vergleichbar ist. Eine gewöhnliche Seele kann tausend gewöhnliche Dinge machen – sie bleibt immer, was sie ist. Aber nun das, was ich beschrieben habe: Wenn sie zu einer Erfahrung kommt... Wenn sie eine wirkliche, innere Erfahrung macht...

Hier entsteht Bewusstsein. Aber die Seele gewinnt nicht einfach Bewusstsein, das Bewusstsein kommt zu ihr. Es ist wie ein Licht, mit dem die Seele sich auf einmal durchdringt, weil sie von diesem Licht durchdrungen wird. Es wird ihr geschenkt. Auf einmal ist dieses Licht mit dabei, dieses Bewusstseinslicht. Bei allem. Bei jedem Blick, auch bei dem Blick auf sich selbst. Auf einmal ist immer dieses Licht mit dabei. Es ist ein Wunder.

Man kann dann sagen, die Seele sei sich ihrer selbst bewusst geworden, aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Dieses Licht wird ihr fortwährend geschenkt. So wie auch die Atmung, so wie auch das Leben. Es wird geschenkt. Und wirklich fortwährend. Und dieses Licht ist auch Leben. Es ist eine Art höheres Leben, ein Leben jenseits des Physisch-Sinnlichen. Es ist Licht, das sich in die Seele ergießt...

15. März

Und nun wieder der Blick, das Blicken... Die Frage ist: Wie blickt man? Was lebt in dem Blick? Was lebt in der Seele, wenn sie blickt? Welches Leben ist in ihr, wenn ihr Blick in die Welt geht, auf das andere zu? Was ist das Sein und Leben der Seele in diesem Moment, in diesem Tun? Und was ist dadurch das Leben und das Wesen ihres Blicks, ihres Blickens?

Man kann nicht einfach „blicken“. In dem Blick lebt immer das, was die Seele ist. Und wenn in dem Blick nichts Besonderes lebt, dann liegt das auch an der Seele – dann lebt in ihr nichts Besonderes, vielleicht gar nichts...

Warum sind die meisten Blicke so gleichgültig? Weil die Seele gleichgültig ist. Aber das bedeutet, in ihr lebt nichts, ein Nichts. Gleichgültigkeit ist ein Nichts. Es ist seelisches Nichts. Wenn es hoch kommt, ist es schlichter Selbstbezug. Andernfalls ist es seelischer Tod. Aber schon der Selbstbezug ist ja schleichender Tod. Gleichgültigkeit ist entweder die Hässlichkeit der Seele – oder aber ihr Tod. Bevor die Seele stirbt, wird sie hässlich, und dieses Hässlichwerden ist bereits ihr Sterben.

Die Seele kann dann sagen: Ich habe es nicht anders gelernt. Oder: Zu mir sind auch alle gleichgültig. Und anderes. Das kann man alles verstehen. Es sind Selbstentschuldigungen. Aber sie helfen der Seele nicht – jedenfalls nicht darin, anders zu werden. Ist es denn so ein Trost, zu sagen: Es sind die anderen, die mich umgebracht haben? Ist es wirklich so ein Trost? Es mag sein, dass es ein Trost ist, aber dennoch ist die Seele dann selbstverliebt in ihre eigene Tragik und nicht bereit, daran etwas zu ändern, weil sie ihr Unglück mehr liebt als ihr Glück, für das sie jederzeit etwas tun könnte, wenn sie nur wollte.

Das Einzige, was sie tun müsste, wäre, ihr Glück mehr zu lieben als ihr Unglück; die Liebe mehr als den Hass; die Hingabe mehr als die Vorwürfe; das innere Tun und Tätigwerden mehr als die Faulheit; die Wandlung mehr als die Erstarrung; das Leben mehr als den Tod...

16. März

Der Blick, das Blicken ... ist entweder Tod oder Leben. Wie ist ein Blicken, das das Leben in sich aufgenommen hat? Ein unendliches, aber zugleich unendlich zartes, sanftes, lebendiges Leben, ganz ebenso wie die kleinsten Blattspitzen, die sich im Wunder des Frühlings leise und zärtlich in die Wirklichkeit schieben...

Wenn man sich in diese Blättchen hineinversetzen könnte ... wenn man mit dem heiligen Empfinden der Seele sich hineinversetzen könnte in diese feinsten Blattspitzen, die gleichsam aus einer Welt der völligen Unsichtbarkeit in die Sichtbarkeit treten, sich von dem einen Reich kommend zart in das andere Reich hineinschmiegen... Wenn man das empfinden könnte! Wie genau dies wirklich geschieht...

Und mit der Achtsamkeit ist es genauso. Wirklich genauso. Denn die Aufmerksamkeit ist zartes Licht, lichte Zartheit, die sich von dem Reich der Unsichtbarkeit, der lebendigen Seele, ausgehend in das Reich der sinnlich vor einem sich entfaltenden Welt hineinschmiegt, dabei diese Welt sanft wie eine Daunenfeder streichelnd. Das ist der heilige Blick. Es ist Zärtlichkeit, die ganz Blick geworden ist. Das ist Achtsamkeit.

17. März

Achtsamkeit ist nicht „reines Gewahrsein“, wie so viele denken. Natürlich kann man dieses „Gewahrsein“ üben, und natürlich ist auch dies Licht. Aber was würde es nützen, wenn wir nur dieses Licht hätten? Nichts. Es würde nur einem neuen, höheren Selbstbezug dienen. Man würde denken, eine hohe „Stufe“ erreicht zu haben, und den Dingen trotzdem wieder irgendwie unbeteiligt gegenüberstehen – oder auch sich einbilden, mit ihnen ganz „verbunden“ zu sein. Oder auch sich einbilden, selbst das Licht zu sein. Das ist man aber nicht, auch wenn man es sich einbildet, weil es ja in einem ist und sogar ganz mit einem verbunden zu sein scheint, ja sogar, von einem ausgehend. Aber das ist es nur, weil es sich schenkt. So sehr, dass man sogar dies glauben kann. Erleuchtet zu sein, obwohl man nur er-leuchtet ist, durchdrungen vom Licht...

Aber das Licht schenkt sich, weil es noch viel tiefer erkannt werden möchte. Es möchte erkannt werden als noch viel mehr als nur „Licht“. Denn auch die Sonne ist nicht nur Licht, und auch das Licht der Sonne ist nicht nur dies. Die Sonne beleuchtet die Blumen nicht nur, das Licht kommt zu den Blumen nicht nur, um sie zu beleuchten – sondern es liebt die Blumen, und weil es sie liebt, schenkt es ihnen das Leben. Das Licht der Sonne ist mehr als nur Licht. Es ist Licht, Leben und Liebe...

Und Achtsamkeit ist weit, weit mehr als nur „Gewahrsein“. Es ist inneres, tiefstes, zartestes Leben der Seele, und es ist sich schenkendes Leben. Es ist heiligste Zuwendung. Zuwendung ist das Sich-Schenken selbst. Durchdrungen von Licht. Lichtvolle Zuwendung, sich zuwendendes Leuchten. Achtsamkeit. Zärtliche Liebe im heiligen Kleid des Lichtes, des Bewusstseins. Das ist Achtsamkeit.

Liebe


18. März

Und was ist nun die dritte Tugend der Krone und die letzte der zwölf Tugenden überhaupt? Es ist die Liebe selbst.

Die Liebe ist die Vollendung aller Tugenden. Und zugleich ist sie aber auch ihr Ursprung. Sie ist die wahre Sonne. Ohne die Liebe gäbe es keine einzige Tugend – und gäbe es überhaupt nichts. Nichts gäbe es ohne die Liebe. Und wie keine einzige Tugend ohne sie existieren würde, so kann auch keine einzige Tugend ohne die Liebe verwirklicht werden. Denn um jede der Tugenden in der Seele lebendig werden zu lassen und zu hüten, muss die Seele sie zuvor ... lieben. Alles, worum die Seele sich bemüht, liebt sie. Und je inniger sie lernt zu lieben, um so tiefer wird sie sich mit dem heiligen Wesen der Tugenden verbinden. Unendlich wird sie sie lieben lernen, sich nach ihnen sehnen, sie wie ihr eigen Fleisch und Blut betrachten – ihr zutiefst Eigenes, das Heilige, was ihr eigener, wahrer, heiliger Kern sein sollte. Dem wird die Seele nachstreben – in heißer Liebe zu den Tugenden, die eben das Geheimnis der Seele selbst sind.

Die Liebe ist Ursprung und Vollendung zugleich. Das ist ihr Geheimnis. Und die Seele ist dasjenige Wesen im Kosmos, das sich mit den Tugenden verbinden darf. Dem es vergönnt und geschenkt ist, in heißer Sehnsucht nach den Tugenden zu entbrennen, um sie zu suchen, nach ihnen zu streben, sich mit ihnen zu verbinden, sich mit ihnen zu erfüllen, sich durch sie zu heiligen. Zu heiligen und zu heilen, denn die Tugenden erfüllen die Seele auch im Sinne der Erfüllung. Die Tugenden sind die Erfüllung der Seele. Sie machen die Seele vollkommen, so, wie sie sein soll. Aber die Seele darf dies selbst ersehnen!

So sehr hat die Liebe die Seele geliebt, dass sie sich selbst der Seele geschenkt hat. Nun darf die Seele auch lieben. Und sie darf dasjenige lieben, was sie selbst vollkommen machen wird: die Tugenden – von denen die Seele so sehr fühlt, dass sie ihr Eigenes sind; dass nichts teurer, heiliger, kostbarer ist, als sich mit ihnen zu erfüllen.

19. März

Die Tugenden sind die heilige, unschuldige, erste Liebe der Seele. O, wie heilig ist die erste Liebe! Aber lange, bevor die Seele sich zum ersten Mal in einen anderen Menschen verliebt, so rein, so tief, so unschuldig, wie sie es beim ersten Mal tut ... lange vorher liebt die Seele bereits die Tugenden, auch wenn sie es noch nicht weiß, weil sie sogar von sich selbst noch fast nichts weiß.

Schon das Kind liebt die Tugenden. Es liebt die Gerechtigkeit, die Aufrichtigkeit, die Treue, die Wahrheit. Ein Kind ist durchdrungen von Tugenden. Sie umhüllen es, leiten es und erfüllen noch ganz seine Seele. Später dann kommt es zu einem Bruch, zu einer gewissen Trennung. Es ist, wie wenn die erste große Liebe der Seele auseinandergeht, zerbricht, wie wenn die Geliebten sich wieder trennen würden. Das ist eine Tragik. Denn ohne die reine Geliebte, ohne die Tugenden, wird die Seele hässlich...

Und doch lassen die Tugenden, die heiligen Geliebten der Seele, es zu, dass die Seele sie verlässt. Sie sind so rein und unschuldig, dass sie die Seele dennoch lieben, auch wenn sie von ihr verlassen werden. Wie die treueste Geliebte harren sie aus und warten und hoffen, bis die Seele zu ihnen zurückkehren wird. Sie verlassen die Seele nie – aber die Seele verlässt sie. Und so warten sie, treu bis in den Tod...

Und das große, heilige Geheimnis ist, dass die Seele ihre erste große Liebe dennoch immer im Herzen behält. Und das meine ich wörtlich. Denn ich sagte: Die Tugenden verlassen die Seele nie. Auch das meine ich wörtlich. Die Seele hat sie immer in ihrem Herzen – aber sie vergisst und verlässt sogar ihr eigenes Herz. Die Seele ist nicht nur den Tugenden gegenüber untreu, sondern sogar sich selbst gegenüber. Die Tugenden sind der Seele treu, aber sie selbst ist sich nicht treu.

20. März

Aber warum schreibe ich dies alles, wo es doch um die Liebe geht? Weil all dies durchdrungen ist von Liebe. Denn wie viel Liebe muss dazu gehören, die Seele gehen zu lassen, obwohl sie mit unendlicher Liebe geliebt wird? Wie viel Liebe muss dazugehören, sich verlassen zu lassen, obwohl es so klar, so deutlich, so unwiderruflich ist, dass beides zusammengehört – die Geliebte und der Geliebte, die Tugenden und die Seele? Unendliche Liebe ist es, sich verlassen zu lassen und ... zu warten.

Und jede leise Stimme der Seele, in der sie ihr Gewissen fühlt, in der sie auch eine leise, reine, heilige Sehnsucht fühlt, und sei sie nur so leicht wie ein Hauch – all dies ist der leise, zarte, reine, unschuldige Ruf der Tugenden, der Geliebten. Die Seele hat keine Sehnsucht ohne die Tugenden – die Geliebte ruft immer schon vorher das Geliebte, die Seele. Und es ist ihr Ruf, der sich in der Seele als Sehnsucht nach der Geliebten widerspiegelt. Die Seele denkt, sie hat Sehnsucht, fühlt sie auch, aber es ist der Ruf der Geliebten, den sie fühlt. Und sie fühlt ihn im Herzen, weil die Geliebte dort ist!

Und noch einmal sage ich: Wie viel Liebe gehört dazu, so einsam zu warten, so geduldig, so treu, nur hoffend, dass die Seele eines Tages begreifen wird, wer ihre wahre, ihre tiefste Liebe ist... Eine menschliche Geliebte kann treu sein. Die Tugenden aber sind übermenschlich treu, sie sind unfassbar treu, sie warten bis in die Ewigkeit – und sie kommen aus der Ewigkeit.

21. März

Die Seele hat die Gnade bekommen, die Liebe lernen zu dürfen. Sie besitzt sie von Anfang an, als Geschenk, und darf sie dennoch lernen. Denn sie wird von ihr getrennt, trennt sich durch trennende Einflüsse von ihr ... um sie wiederfinden zu dürfen. Ob sie es aber auch tut, liegt an ihr...

Die Liebe ist die höchste aller Tugenden – und alle anderen entspringen auch aus ihr. Anfang und Ende ... alle Tugenden münden auch in die Liebe. Und alle Tugenden sind eine Offenbarung der Liebe. Die Liebe ist die Quelle, ist der Fluss und das Meer. Sie ist in jedem Moment sie selbst und doch immer in anderer Gestalt.

Nehmen wir die Unschuld, von der ich so oft sagte, dass sie wie eine Quelle ist. Was ist die Unschuld? Spüren wir es doch nur! In der Verwirklichung der Unschuld wird die Seele selbst klar wie eine Quelle, durchsichtig wie ein flüssiger Diamant – und was geschieht dann? Die Liebe selbst kann sie ohne alle Hindernisse erfüllen, durchdringen, aus ihrem Herzen überfließen... Die Seele ist nicht deshalb unschuldig, weil sie wie ein Tor nichts von dem begreift, was um sie herum vorgeht, sondern weil sie bei allem, was um sie herum vorgeht, sofort etwas empfindet; weil sofort und unmittelbar der heiligen Unschuld alle übrigen Schwestern zu Hilfe eilen und die Seele, erfüllt von Unschuld, mit allen Tugenden anwesend ist und so, unschuldig und reich erfüllt von den Schwestern, denkt, fühlt und handelt.

Das ist Unschuld – aber darum ist die verwirklichte Unschuld zugleich auch die reinste Liebe. Jede Tugend ist Liebe, in jeweils anderer Gestalt. Und alle Tugenden zusammen sind die vollkommene Liebe, die Erfüllung der Seele mit reiner Liebe, ohne Rest. Und die Seele verwirklicht die Tugenden gerade dann, wenn sie die Unschuld wiederfindet – denn dann kann nichts und niemand mehr sie daran hindern...

22. März

Die Liebe ist zugleich das Gute. Und alle Tugenden, die aus der Liebe entspringen, sind zugleich wiederum Liebe zum Guten. Die Seele, die die Tugenden liebt und ihnen nachstrebt, liebt das Gute und erfüllt sich mit Liebe zum Guten.

Was aber ist dann der Unterschied zwischen der Liebe und dem Guten? Es gibt keinen. Die Liebe ist das Gute. Und das Gute ist die Liebe. Nichts ist gut, wenn es nicht die Liebe in sich trägt. Man kann sagen, dass auch das Böse seinen Sinn hat und von daher gut ist. Aber es ist nicht gut, es dient dem Guten nur.

Die Liebe wiederum kann auch das lieben, was sie nicht ist. Im Grunde liebt sie unendlich viel von dem, was sie nicht ist – denn wie lieblos ist alles! Die Liebe kann sogar das Böse lieben – nicht, selbst das Böse zu tun, sondern das Böse aus Mitleid um dessen Gefallensein und in tiefer Hoffnung auf seine Rettung. Und nicht nur Hoffnung, sondern sogar Willen. Die Liebe will das Böse retten. Gerade das ist ihre Liebe...

Und so ist die Liebe der gute Wille – in seiner tiefsten Tiefe. In einem heiligen Brennen. Es ist der Wille, der nichts anderes will als das Gute, das Beste, das Allerbeste. Liebe ist Flamme, Feuer, heiliges Feuer. Liebe ist Hingabe aller guten Kräfte, bewusst, wirklich dies wollend. Liebe ist wie ein Komet, der das Gute bringt, weil er es selbst ist...

23. März

So, wie ein Feuer nicht fragt, ob es weniger brennen soll, und so, wie ein Komet nicht fragt, ob er langsamer fliegen soll, fragt auch die Liebe sich nicht, ob sie sich verringern soll. Die Liebe denkt nie an sich – denn dann wäre sie nicht die Liebe. Selbst in ihrem Brennen ist sie nicht selbstbezogen. Dieses Brennen, was ich meine, hat nicht mit äußerer Heftigkeit zu tun, sondern es ist eine rein innere Qualität. Die Bedingungslosigkeit der Liebe liegt innen, in ihrem Wesen, nicht außen.

Außen kann die Liebe sehr wohl sehr, sehr sanft sein – wie ja überhaupt die Liebe niemals überwältigen will, denn auch dann wäre sie nicht die Liebe. Aber das heißt, heiße, tiefe Bedingungslosigkeit verträgt sich sehr wohl mit tiefer Sanftheit und zärtlicher Hingabe. Nicht die äußere Wucht kennzeichnet die Liebe, im Gegenteil, sondern die innerste Unschuld.

Die Liebe weiß, dass sie überwältigen könnte – und tut es gerade nicht. Denn sie weiß, was Überwältigen ist, weil sie immer vom Anderen her denkt, empfindet und handelt. Die Liebe ist die Verwirklichung der Umstülpung, einer heiligen Alchemie zwischen Innen und Außen, zwischen Du und Ich, zwischen Fremd und Eigen. Für die Liebe ist das Andere das Eigenste und das Eigene ist ihr gerade fremd. Deshalb wird in der Liebe der Eigenwille zum sanften Willen, der sich dem Anderen hingibt.

Die Liebe bestimmt nie, sondern sie lässt sich bestimmen. Das Wohl des Anderen ist ihr Ziel, und diesem Ziel folgt sie. Es ist, wie wenn sie von außen gelenkt würde, aus dem Umkreis, nämlich dem, was mit dem Anderen zu tun hat. Aber genau das will sie, genau das ist ihr Eigenwille. Sie strömt diesen Eigenwillen nach außen, und von außen strömt ihr Eigenwille ihr dasjenige zurück, was das Gute ist.

24. März

Und so ist die Liebe der wahre Fischerkönig. Sie wirft ihre Netze aus, und übervoll zieht sie sie wieder ein, lässt sich von dem, was sie „gefangen“ hat, darüber belehren, was sie tun soll, weil sie nun weiß, was das Gute ist, wessen das Geliebte bedarf.

Die Liebe öffnet ihre Augen und sieht, was sie tun kann. Und noch bevor die eine Hand von der anderen weiß, tut sie es... Das ist die Liebe. Sie ist so lebendig wie quellendes Wasser. Ebensowenig, wie ein Feuer sich zurückhält, hält sich auch eine Quelle zurück. Sie sprudelt! So auch die Liebe. Unerschöpflich ist sie nicht auf sich bedacht. Die Hingabe ist ihr Wesen, aber noch mehr – unermüdlich forscht sie, was sie tun kann in ihrer Hingabe. Wie wenn das Feuer forschen würde, wem es leuchten, wen es wärmen kann, das Wasser, wem es fließen, wen es laben kann. Mit Hingabe forscht die Liebe, wie sie sich hingeben kann – dem, was sie liebt.

Aber die Liebe zieht keine Grenzen. Wohl kann sie mehr und weniger lieben, weil alles auch mehr oder weniger liebenswert ist. Aber sie kann nicht nicht lieben – denn dann würde sie sich selbst verleugnen. Und so sieht sie überall das Liebenswerte und richtet sich darauf. Und sucht und forscht, was sie tun kann, und dann tut sie es, mit Hingabe. Die Liebe ist ein Feuer, und dieses Feuer ist unerschöpflich.

Die Liebe ist die allerheiligste Kraft im Kosmos, und alles geht aus ihr hervor. Sie aber ist es selbst, in ihr offenbart sich der Ursprung und die ewige Vollendung. Die Liebe ist das Höchste. Und sie ist nur begreifbar, indem man sich von ihr entzünden lässt. Gleiches kann nur von Gleichem erkannt werden. Die Liebe muss einen erfüllen. Dann erkennt die Liebe in einem, was die Liebe ist... Erfüllt von ihr wird man ihr gleich und begreift...

25. März

Und nun ist Palmsonntag, und das ist der Beginn der Karwoche. Der vom Volk bejubelte Einzug von Jesus in Jerusalem! Und dennoch ist es der Beginn. Denn wie wankelmütig ist dieses Volk. Schon wenige Tage später wird es diese furchtbaren, furchtbaren Worte rufen: „Kreuzige, kreuzige“ ... nicht wissend, was es tut.

Bei Matthäus aber sind es die Kinder, die im Tempel „Hosanna dem Sohn Davids!“ rufen – und die Hohepriester und Schriftgelehrten werden darüber ärgerlich. Kein größerer Gegensatz ist denkbar: die Kinder mit ihrem unverfälschten Herzen, die sehen, wie Christus die Menschen heilt, und unmittelbar spüren, was dies bedeutet, und auf der anderen Seite die Schriftgelehrten mit ihren verhärteten Herzen, die ebenfalls alles sehen, aber nichts davon empfinden, sondern nur Hass in sich finden können. Was für eine Tragik!

Eifersüchtig sind sie, diese Schriftgelehrten, tief eifersüchtig darauf, dass hier ein reiner Mensch steht, einer, der die unendliche Fülle der göttlichen Liebe in sich trägt, der eins ist mit dem göttlichen Wesen dieser Liebe – ja!, sie stehen vor dem allerhöchsten Gotteswesen selbst, aber sie sehen nur den Menschen, und sie sind eifersüchtig! Weil sie nie so sein werden wie er. Weil sie nie ein so reines, liebendes Herz haben werden; weil sie die Liebe niemals kennen werden, und weil ihr innerstes Herz dennoch weiß, dass dies das einzige Ziel ist und dass sie gerade dieses verfehlen. Christus zeigt ihnen, was sie verfehlen – und dafür hassen sie ihn; in Wirklichkeit hassen sie sich, aber das müssen sie sofort nach außen wenden, gegen das Wesen der Liebe. Welch eine Tragik...

26. März

Und Christus selbst? Er treibt am nächsten Tag die Händler aus dem Tempel – die auch nicht wissen, was sie tun und was sie tun sollten.

Und die Frage ist: Wissen wir es denn? Wie sehr sind wir denn heute Volk und Händler? O, wie bequem ist es, den Blick nach außen zu richten, sogar in die Vergangenheit, auf eine ferne „Geschichte“, wo irgendetwas passierte, was mit uns heute „gar nichts“ zu tun hat. O, wie blind bist du, der du dies glaubst! Und wie faul, wie hässlich in deinem Inneren!

Diese „Geschichte“, wie sehr sich inzwischen auch schon die Jahre zwischen uns und sie geschoben haben, hat mit uns alles zu tun – so unendlich, wie man es sich nur vorstellen kann. Was sich zwischen uns und sie geschoben hat, sind nicht nur Jahre, die überhaupt keine Rolle spielen würden, sondern es ist die unermessliche Lauheit und Trägheit der Herzen! Denn dieses Wesen, das da den äußeren Tempel reinigt, ist uns überhaupt nicht fern, ist uns sogar unendlich nahe – nur wir, die geradezu durchsetzt sind von Lauheit und Trägheit des ganzen inneren Wesens, gehen darüber hinweg, als ob es nicht so wäre! O, wie furchtbar ist dieses Versäumnis!

Christus treibt die Händler aus dem Tempel. Und genau das ist es, was auch wir tun sollten. Alles, alles aus dem inneren Heiligtum unseres Tempels, unseres Herzens hinausweisen und austreiben, was nicht dorthinein gehört. Und wie viel ist das! Die Reinigung des Tempels, die tiefe, tiefe Heiligung unseres wirklichen Heiligtums. Das heilige Herz... Das ist die Botschaft. Taucht eure Herzen ein in die Heiligkeit, derer sie bedürfen...

27. März

Der Kardienstag – hier treffen das Gute und das Böse ganz und gar aufeinander. Am Tag des Mars – denn noch die Franzosen kennen den Marstag, mardi.

Die Hohepriester fragen Christus im Tempel nach seiner Vollmacht. Er aber antwortet ihnen mit der Frage nach der Taufe des Johannes, worauf sie verstummen. Und dann spricht Christus viele Gleichnisse aus. Und er zeigt den Schriftgelehrten, dass die Zöllner und die Dirnen eher in das Gottesreich gelangen werden als jene, weil sie Johannes geglaubt haben.

Ein weiteres Gleichnis ist das von den Weingärtnern, die sich dem Besitzer des Weinberges widersetzen und sogar seinen Sohn töten. Dann das Gleichnis von dem Hochzeitsmahl, zu dem niemand kommen will und deren ankündigende Diener sogar umgebracht werden – worauf der König einfache Gäste von der Straße holt.

Dann die Fangfrage der Pharisäer nach der kaiserlichen Steuer – und die Antwort von Christus, Gott zu geben, was Gottes ist. Dann die Frage nach dem wichtigsten Gebot – und die Antwort von Christus: die Liebe Gottes und die Liebe zum Nächsten. All das weisen sie aber ab! Christus sagt ausdrücklich, man soll Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit seinem ganzen Denken. Aber niemand, niemand nimmt diese Worte ernst, denn niemand weiß, was die Liebe ist – und niemand lässt sie in sich zu... Zulassen müsste man diese unendliche, innige, wundersame, einzigartige, reine Liebe – einfach nur zulassen...

Und Christus offenbart das ganze Heuchlertum der Schriftgelehrten und Pharisäer. Er sagt: Ihr siebt die Mücke aus und verschluckt das Kamel. Und sie sind wie getünchte Gräber, außen schön anzusehen, innen aber voller Unreinheit. Danach geht Christus auf den Ölberg und spricht dort die Worte der Ölberg-Apokalypse. Viele schlimme Dinge werden geschehen. „Und weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird die Liebe bei vielen erkalten.“ O, wie wahr ist das!

Und dann folgen noch die beiden Gleichnisse von den törichten und klugen Jungfrauen und von den anvertrauten Talenten. Und dann die Scheidung der Geister bei der Rückkehr des Menschensohnes und all seiner Engel. Und die Guten werden fragen: Herr, wann haben wir dich aufgenommen? Und er wird sagen: Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

All dies geschieht in ungeheurer Dramatik an einem einzigen Tag. Und hinter den Schriftgelehrten stehen die Dämonen, und in ihren Herzen herrschen sie und wüten – und Christus offenbart ihr wahres Gesicht. Apokalypse – das ist Offenbarung. Überall Dämonen, überall Dunkles in den Herzen, und Christus ist einfach nur da, und schon sein Dasein offenbart das, was bei den Anderen nicht da ist...

28. März

Und nach diesem Tag, dem Kardienstag, halten die Hohepriester am nächsten Tag Rat, wie sie ihn, den Messias, töten können. Und sie beschließen, ihn mit List in ihre Gewalt zu bringen, noch vor dem Passahfest.

Und wieder der größte Gegensatz dazu: Christus selbst ist an diesem Tag im Hause Simons, eines Aussätzigen. Zu ihm aber kommt eine Frau mit kostbarem Salböl und sie gießt dieses über sein Haupt. Die Männer aber, die Jünger, werden darüber unwillig, weil man das Öl hätte verkaufen können. Jesus aber verteidigt sie – und Judas geht zu den Hohepriestern...

Die Männer denken an das Geld, das äußere Geld, selbst wenn sie es den Armen geben wollten. Die Frau aber weiß in ihrem Herzen, was noch unendlich viel wichtiger ist. Auch sie tut eine äußere Handlung, aber diese ist getragen von Liebe zu Christus.

Liebe zu Christus, Liebe zu diesem Wesen, innige Liebe des Herzens zu diesem Wesen – das ist das Eine, was Not tut. So, wie Maria, die eine Schwester des Lazarus, zu den Füßen von Christus saß, um ihm zuzuhören, nur das... Ach! Wie unendlich wenig haben die Jünger verstanden...

Wenn man dieses Eine mit dem Herzen miterleben würde – nur diesen einen Moment. Man hätte in demselben Moment den ganzen Sinn des Christentums verstanden. Nur dieser eine Moment: Die Frau kommt mit dem kostbaren Öl zu Christus, und über seinem Haupt gießt sie es aus, in ihrem ganzen Herzen wissend, warum sie dies tut. Was für eine heilige Liebe liegt in diesem Tun! Bis in alle Ewigkeit ist dieses Bild in der Welten-Erinnerung aufgeschrieben. Die Männer verstehen es nicht, aber das Herz und die Seele der Frau wenden sich innig liebend dem Christus-Wesen zu. Die treue Liebe eines menschlichen Herzens salbt das Wesen der göttlichen Liebe – wenn man diese Tat wirklich begreifen würde, müsste sie einen zu Tränen rühren...

29. März

Der Donnerstag ist dann der Tag des Abendmahles und der Gefangennahme in der darauffolgenden Nacht.

Im Abendmahl verbindet Christus sein Wesen mit Brot und Wein. Seitdem sind diese beiden heilig. Das Brot, gewonnen aus dem Korn des Feldes, und der Wein, gewonnen aus der Frucht des Weinstockes. Beides sind Früchte der Sonne, reifend durch die Liebe des Sonnenwesens selbst. Christus ist dieses Wesen – er ist das Brot des Lebens, er ist der wahre Weinstock. Mit den heiligen Worten des Abendmahles beginnt die Heiligung der Erde, die sich dann später durch ihn bis in die Tiefe fortsetzen wird.

O, wie wenig wird heute das heilige Mahl noch ernst genommen! Müsste man nicht vor jedem Stück Brot im Herzen ein heiliges Beben empfinden, sich in heißer Liebe sagend: du bist auch von dem, was der Herr geheiligt hat? Aber wie wenig sind die Herzen heute noch zu dieser Innigkeit, dieser Treue, dieser Hingabe, dieser unendlichen Sehnsucht nach ihm fähig?

Jene beiden, die nach Emmaus gingen, erkannten den Auferstandenen, als er sie wieder verlassen hatte – und woran erkannten sie ihn? Sie sagten: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete“, aber sie erkannten ihr eigenes Herz nicht. Erst, als er mit ihnen in Emmaus das Brot brach, da erkannten sie, was ihr Herz schon vorher erkannt hatte...

Seit dem Abend dieses letzten Abendmahls ist um das Brot etwas Heiliges – und man muss dies bis in die Tiefe ernstnehmen. Denn die Seele kann wirklich alles leugnen und ignorieren. Gerade darin besteht ihre Lauheit. Sie vergisst selbst das Heiligste vollkommen – und kann leben, wie wenn sie unter tausend Grabsteinen verschüttet läge, während in der eigentlichen Wirklichkeit das zarte Sonnenlicht fortwährend Bande der Liebe webt...

30. März

Aber dieses Wesen der Liebe wird in der Nacht zum Karfreitag im Garten Gethsemane gefangengenommen. Der Hohepriester Kaiphas und der ganze Hohe Rat verurteilen ihn. Dann wird er vor Pilatus geführt, den römischen Statthalter. Jesus aber antwortet auf keine einzige Frage. Pilatus aber weiß sogar, dass die Juden ihn nur aus Neid ausgeliefert hatten. Und dann bittet ihn sogar noch seine Frau wegen eines Traumes, Jesus freizulassen. Das Volk aber, überredet von den Hohepriestern und Ältesten, fordert die Freilassung eines Verbrechers...

Pilatus, der keine Schuld an ihm findet, wäscht sich vor den Augen des Volkes seine Hände in Wasser, und sagt, dass er am Blut Jesu unschuldig sein werde. Dann liefert er ihn zur Kreuzigung aus. Und die Soldaten, die ihn abführen, hängen ihm einen purpurnen Mantel um, setzen ihm eine Dornenkrone auf und verspotten, bespeien und schlagen ihn, sie tun dies alles mit dem Wesen der Liebe...

Dies alles – dies alles kann man nur begreifen, wenn man es empfinden kann. Was hier geschieht, ist unfassbar – aber nur das wirkliche Herz kann dies begreifen. Alles andere ist längst viel zu tot, abgestorben, vernichtet, in seiner Fähigkeit irgendetwas zu begreifen. Der einzige Lebenspol, der die Wirklichkeit spüren kann, liegt im Herzen... Und dieses Herz, es muss den überall sich ergießenden Seelentod spüren, dieses lähmende Nichts, diese Totheit, diesen absoluten Verlust von allen reinen, zarten, aufrichtigen, lebendigen Empfindungen; diesen Verlust des zarten Lebendigseins des Herzens selbst, der eigentlichen Seele. Da ist nichts! Überall ist es tot. – Und angesichts dieses Todes, überall, angesichts dieses Todes muss das Herz diese tiefe, leidvolle, entbehrende Sehnsucht nach Leben empfinden. Nach dem zarten Leben der Seele, das überall nicht mehr da ist. Unsägliche Sehnsucht, und überall ... nicht da...

Und dann ist da dieses Wesen, diese eine, Einzige, und da ist dieses Leben, und es ist da, weil dieses Wesen dieses Leben selbst ist, das heilige Geheimnis dieses heiligen Lebens, das die Seele sucht und inniger liebt als alles andere. Die Seele sehnt sich nach etwas unendlich Zartem, unendlich Lebendigem, zart, frühlingshaft, wie in den Knospen, das heilige Prinzip des Lebens, die unbeschreibliche Kraft des zarten, unerschöpflichen Lebens, etwas wirklich Unbeschreibliches, weil es in seinem Geheimnis gespürt werden muss. Aber in diesem Wesen, diesem göttlichen Wesen, ist dieses Unbeschreibliche da, denn er ist dieses Unbeschreibliche. Aber das Herz darf nicht vergessen, dies zu empfinden, zu erkennen; die wirkliche Empfindung ist die Erkenntnis, aber sie ist nur da, wenn sie gegenwärtig ist.

Und wenn sie da ist, diese unbeschreibliche, seelenerschütternde, bestürzende Erkenntnis; wenn die Seele nichts inniger will, als diesem Wesen nahe zu sein, sich gleichsam in seinem Leben sanft zu wärmen, das eigene wunde Herz in diesem heiligen, heilenden, tröstenden, sanft leuchtenden und wärmenden Leben innig zu bergen ... wenn die Seele dieses ganz und gar unbeschreibliche Wunder empfinden kann – dann erkennt sie erst wirklich, was hier, am Karfreitag geschieht.

Es ist der erschütterndste Moment der gesamten Weltgeschichte. Das nicht zu begreifende Wesen der Liebe, dem man sich überhaupt nur mit dem Herzen wirklich nähern kann – es wird verspottet, es wird bespuckt... Für das Herz ist dies gänzlich unfassbar, es fühlt sich geradezu zerrissen, in ein namenloses, wahnsinniges Leid hineingetrieben; denn was hier geschieht, ist Wahnsinn, es ist eine Wider-Logik, die das Herz geradezu zermalmt, nicht zu begreifen, rasende Furchtbarkeit... Und dann ... wird dieses unbeschreibliche Wesen, das die Rettung des Herzens ist – gekreuzigt!

Es wird gekreuzigt. Der Mensch, mit dem das wahre Leben ganz eins geworden ist, wird gekreuzigt – von den toten Seelen, die nichts begreifen und die ihre eigene Rettung, ihren eigenen Heiland, das Heilende überhaupt, ans Kreuz schlagen.

Und Jesus stirbt. Und die Sonne verfinstert sich. Und es ist Karfreitag. Unfassbarer Karfreitag. Finsternis auf Erden. Finsternis in den Seelen. Finsternis...

31. März

Karsamstag. Die Jünger trauern. Sie sind entsetzt und können es nicht fassen. Die Frauen trauern auch und weinen. Niemand weiß, was jetzt passieren soll. Der Sabbat wird der Tag des Todes. Das völlig Unvorstellbare ist geschehen. Und Petrus hat Christus sogar noch verleugnet. Wie kommt er nun damit zurecht? Auf diesen Fels soll die Kirche gebaut werden? Aber welche Kirche? Es ist doch alles verloren...
Die Frauen weinen. Aber die Erde, auf die ihre Tränen tropfen, frohlockt, denn sie durfte schon Leib und Blut Christi aufnehmen. Das Blut vom Kreuz, den Leib im Grab. Und die Erde weiß, dass dies kein Tod ist, sondern eine Erlösung. Die Erde frohlockt, denn sie durfte den Beginn der Erlösung als erste schmecken. Das heilige, heilende Blut Christi – es schenkt sich der Erde und schenkt ihr den ersten Beginn, von einem ersterbenden Planeten zu einer Sonne zu werden. Zu einem Lebensquell. Beginn einer kosmischen Wandlung, begonnen mit dem Blut von Golgatha.

Und die nächsten Begnadeten sind die Toten. Sie, die nichts mehr hoffen durften, seit Anbeginn der Zeiten; sie, die Verlorenen, die Vergangenen, die Vergessenen, die Schattenseelen, die wirklich Toten – zu ihnen kommt der Herr als erstes. Er, der Todüberwinder, der Todbesieger, er, der nicht dem Gesetz des Todes unterliegt, sondern dem der Tod selbst unterliegen muss. Er, der in das schwarze Nichts des Todes sein flammendes Liebe-Wesen wirft und von nun an mit den Toten ist, auf dass sie nicht mehr Tote, sondern Lebende sind. Er, der von nun an jede Seele am Tor des Todes erwarten wird, sie in tiefer Liebe aufnehmend, empfangend, in ihrer wahren Heimat, die Er ist...

Das ist der Karsamstag. Für die Toten ist es bereits Ostern. Hölle, deine Pforten sind überwunden! Tod, wo ist dein Stachel? Christus, der Herr, ist überall, sogar im Tod. Es gibt keinen Ort, nirgendwo, wo nicht sein erlösendes Wesen auch sein kann. Christus der Pantokrator, der Allherrscher – er, der durch Liebe herrscht. Er, der die Liebe überall hinträgt. Der Heiland der Liebe.

Die Jünger trauern, die Frauen weinen, aber nur für die Lebenden ist Karsamstag. Die Toten haben längst das Licht geschaut – und der Tod ist längst überwunden. Karsamstag...

Ostern


1. April

Christus ist auferstanden! Der Heiland, der Retter, die Weltenliebe. Sie ist auferstanden. Am Ostermorgen, noch in der Frühe, tritt sie aus dem Grab – und die Welt empfängt den Weltensonnenstrom...

Und ein einzelner Mensch sieht ihn zuerst, eine Frau. Es ist Maria Magdalena. Johannes erzählt es ausführlich. Sie kommt noch im Dunkeln zum Grab und findet es offen. Da läuft sie zurück und erzählt es Simon Petrus und Johannes, und sie laufen zum Grab und sehen es ebenfalls leer, dann kehren sie wieder zurück. Maria aber bleibt bei dem Grab – und weint. Und als sie so weinte, beugte sie sich in das Grab hinein – und da sieht sie zwei Engel. Und sie sitzen zu Häupten und zu Füßen da, wo der Leichnam lag, und sie fragen Maria, warum sie weine (denn es gibt keinen Grund, aber das versteht Maria noch nicht). Maria aber sagt: „Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“

Kann man diese Worte der Weinenden empfinden? Welch eine unendliche Liebe und Treue! Aber nun: „Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist.“ Und auch er fragt sie, warum sie weint und wen sie suche. Sie aber meint, es sei der Gärtner, und sie bittet ihn, wenn er ihn weggetragen habe, ihr zu sagen, wo er ihn hingelegt habe. Da nennt Jesus sie bei ihrem Namen – und sie erkennt ihn...

Die einstige Sünderin erkennt das Welten-Liebe-Wesen, das nun in seinem Auferstehungsleib erscheint. Ein reiner, heiliger, nicht-fleischlicher Leib, auch wenn er so erscheinen kann. Er ist aber voller Leben, heilendes, heiliges Leben. Nur deshalb ist Maria so verwirrt, und ihr nächster Gedanke ist, es sei der Gärtner. Welcher Gärtner? Gibt es dort einen Gärtner? Aber ein Gärtner ist immer ein Hüter der Lebenskräfte. Das ist das Wesentliche. Sie denkt, es ist „der Gärtner“. Es ist aber das Leben selbst, die lebendige Liebe, die vor ihr steht.

Und warum zeigt sich die Liebe wohl zuerst einer Frau – und nicht irgendeiner, sondern dieser Frau? Weil diese Frau ihn, Christus Jesus, offenbar am allermeisten liebte. Weil sie es war, die schon im Dunkeln zum Grab kommt; weil sie es war, die die beiden Jünger holt und von neuem bleibt, als diese wieder weggehen. Weil sie es war, die weint, die um ihn weint...

Johannes ist der Jünger, den Jesus liebte – aber Maria ist die Jüngerin, die ihn liebte, mehr als alle anderen. Und so ist sie die Erste, die ihn sehen darf, weil er sich ihr als erster zeigt.

Wer aber liebt die Liebe so, wie sie alles liebt? Wer erkennt die Liebe aus Liebe zu ihr? Wer ist wie Maria? Christus ist auferstanden! Es ist Ostern! Die Liebe lebt – und sie durchdringt alles mit ihrem Leben...

2. April

Niemand versteht das Wesen der Liebe, der in seinem Herzen eng oder heuchlerisch ist. Im siebten Kapitel des Lukasevangeliums sagt Christus, dass alles Volk, einschließlich der Zöllner, Johannes dem Täufer geglaubt habe und sich taufen ließ – nicht aber die Pharisäer und Schriftgelehrten. Und dann beweist er ihnen ihr Heuchlertum und ihre Hartherzigkeit: „Denn Johannes der Täufer ist gekommen und aß kein Brot und trank keinen Wein; und ihr sagt: Er ist von einem Dämon besessen. Der Menschensohn ist gekommen, isst und trinkt; und ihr sagt: Siehe, dieser Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder!“ Die, die nicht umkehren, sondern sich schon für „gut“ halten, sind die mit den härtesten Herzen!

Und nun schließt sich direkt die Begegnung von Jesus und Maria Magdalena an, die bei Lukas nur „eine Sünderin“ genannt wird. Ein Pharisäer bittet Jesus nämlich, mit ihm zu essen, und Jesus tut es. Dieser Pharisäer heißt auch Simon, und es scheint fast die gleiche Geschichte zu sein, wie sie Matthäus für den Karmittwoch erzählt, und doch ist dort Simon ein Aussätziger und die Jünger sind mit dabei – hier ist es aber ein Pharisäer, und Jesus ist mit ihm allein. Und nun kommt die Frau mit einem Alabastergefäß mit Salböl, und jetzt zeigt sich, dass es wirklich zwei völlig unterschiedliche Geschehnisse sind.

Denn sie gießt das kostbare Öl nicht auf sein Haupt, sondern sie tritt von hinten an Jesus heran und weint und beginnt, seine Füße mit ihren Tränen zu netzen und mit ihren Haaren zu trocknen, und sie küsst seine Füße und salbt sie mit dem kostbaren Öl... Mit ihrem ganzen Wesen erkennt sie, dass dies der Heiland ist, der Heilende, die heilende Liebe...

Der Pharisäer aber spricht bei sich selbst: Wenn er ein Prophet wäre, wüsste er, was das für eine Frau ist. Christus aber antwortet ihm mit einem Gleichnis. Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner, einer schuldete fünfzig, einer fünfhundert Silbergroschen. Da sie nicht bezahlen konnten, schenkte er es beiden. Und er fragt Simon: Wer von ihnen wird ihn mehr lieben?

Und als Simon ihm antwortet, fährt Jesus fort, dass Simon ihm kein Wasser für seine Füße gab, diese Frau sie aber mit ihren eigenen Tränen netzte, mit ihrem Mund küsste, mit Salböl salbte. „Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.“

Und das ist Ostern! Die Liebe strömt in die Welt und sie möchte heilen. Aber die Menschen müssen sich auch heilen lassen wollen. Sie müssen die Weltenliebe lieben, wie diese Sünderin sie geliebt hat. Und deshalb frage ich wieder: Wer ist wie Maria? Wer liebt wie Maria?

Und Christus macht sehr deutlich, wie jeder, jeder Mensch krank ist, krank an Sünden, an verlorener Unschuld und Reinheit. Denn ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Jeder ist ein Schuldner – jeder schuldet Gott fünfzig oder mehr Silbergroschen. Es gibt vor Gott keine Un-schuld, weil jeder seine Unschuld längst verloren hat. Das verstehen die Menschen so wenig! Sie verstehen nicht, wie sie längst Schuldner sind – längst, längst, längst. Sie verstehen nicht, dass wir alle Schuldner sind. Jeder Einzelne. Es kommt nicht darauf an, ob mehr oder weniger, sondern nur dass. Zwischen Simon und Maria besteht kein prinzipieller Unterschied. Der Unterschied ist nur, dass Simon seine Schuld nicht begreift, und dass er Maria deshalb verachtet – während sie liebt. Und deshalb vergibt Christus gerade ihr alle Schuld, gerade ihr!
Das ist das Geheimnis der Liebe – in beide Richtungen. Und deshalb ist dies Ostern, gerade dies.

Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibt in Gott und Gott in ihm...

Christus ist auferstanden!

3. April

Ostern ist wie eine Naturgewalt. Es ist das Geheimnis der Macht der Liebe. Diese Liebe ist nicht Natur, sie ist eine Macht, die aus einer heiligen Sphäre in die Natur ... einschlägt. Sie überwindet die Naturgesetze. Welche Macht könnte größer sein als die, die selbst den Tod überwindet? Wenn der Tod überwunden werden kann, kann alles überwunden werden – und so ist es auch. Genau das ist die Liebe. Es heißt auch, dass der riesige Stein vor dem Grab am frühen Ostermorgen mit der Gewalt eines Erdbebens fortgerollt wurde. Dies aber war die Geistgewalt der reinen Auferstehungs-Liebes-Kraft, die am Karsamstag bereits den Tod überwunden hatte. Nun wird auch die physisch-feste, tote Substanz des Steins mühelos hinweggefegt – und es bricht wie Sonnenstrahlen aus dem Grab hervor.

Und zugleich, vollkommen zugleich, ist diese Liebe das Zarteste, was im Universum überhaupt existiert. Im ganzen Evangelium gibt es keine zartere Szene als diese, wo Maria den auferstandenen Christus erkennt und wo dieser sagt, sie möge ihn nicht anrühren... Noli me tangere. Aber das gerade ist das Geheimnis dieser auferstandenen Kraft – sie soll ganz und gar mit dem Herzen empfunden, erfahren, begriffen werden. Nicht, wie es dann Thomas, der Zweifler tut, dem der Herr es sehr wohl erlaubt, seiner Finger an die Stellen der einstigen Wunden zu legen, woraufhin selbst Thomas glaubt und begreift. Sondern mit dem Herzen. Und Maria, die Liebende, ist auserwählt, ihn ohne jede Berührung zu erkennen, denn das Erkennende ist immer das Herz – immer.

„Rühr mich nicht an“ – das bedeutet: berühre mich nicht mit deinen äußeren Händen. Berühre mich mit deinem Herzen, und siehe – fühlst du nicht längst, wie du berührt wirst?

Die Berührung des Christus zu fühlen – das ist ihn erkennen. Jede Erkenntnis von Christus ist die Erkenntnis des Berührtwerdens von ihm. Der Mensch, die Seele, das Herz werden von Christus immer schon berührt, bevor es uns bewusst wird. Was uns dann bewusst wird, ist das, was längst geschehen ist, weil es immerfort geschieht: die Berührung, das Umfangenwerden von Christus. Jede Erkenntnis ist immer nur nachträglich – selbst wenn sie gegenwärtig ist. Denn Christus umfängt uns längst, bevor wir es erkennen.

Siehe – das ist Ostern. Das Umfangenwerden von Christus. Die ganze Welt ist seit diesem Ostergeschehen von ihm umfangen. Und sie wird es immer mehr...

4. April

Christus ist auferstanden... Und so, wie dieses Geschehen des Ostermorgens der Weltenwendeaugenblick ist, jener Moment, der der ganzen Welt eine unendlich neue Wende und Wandlung gibt, so ist es die andere, unendliche Wende und Wandlung, dieses Geschehen zu erkennen und die Gegenwart des Christuswesens zu empfinden. Denn da, in diesem, setzt sich die Auferstehung fort. Was real und tatsächlich geschehen ist, soll von dem lebendigen, realen Herzen empfunden werden, weil dort das Geschehen weitergeht.

Die Auferstehung ist kein historisches Ereignis. Sie ist nicht bloß historisch. Sie ist immer gegenwärtig. Am Ostermorgen ist die Auferstehung in die Welt gekommen – und seitdem ist sie dort, sich ausbreitend und zugleich wartend, wartend und hoffend auf Menschenherzen. Die Menschenherzen sind die Orte, wo die Auferstehung hinströmen will, denn dort strömt sie erst wahrhaft hin, wenn die Herzen es zulassen, und das bedeutet: wenn sie es selbst empfinden...

Empfinden bedeutet Zulassen, weil Empfinden immer Hingabe ist, dieses Empfinden, das ich jetzt meine. Man kann Christus nicht empfinden, ohne sich hinzugeben. Die Hingabe wird dieses Empfinden von Christus.

Das Christuswesen möchte im Herzen des Menschen Wohnung finden, aber dafür muss das Herz ihm Wohnung geben. Und dafür muss es die Hin-Gabe lernen. Die Sehnsucht, überhaupt geben zu können. Was für eine Tragik ist es, dass das Herz überhaupt nicht mehr geben kann, dass es dies ganz verlernt hat! Es muss es wieder er-lernen. Die einfachsten Dinge muss das Herz wieder lernen. So etwas Einfaches und Wunderschönes wie Hingabe...

Und mit diesem Ur-Einfachen, der Hingabe, öffnet das Herz eine Tür, öffnet es sich – und das heilig-heilende, sanfte Christus-Wesen, eine unsäglich zarte Kraft, die aber ein Wesen ist, kann eintreten...

5. April

Christus ist auferstanden... Aber die Welten-Liebe, die die ganze Welt erschaffen hat, die gewaltiger ist als alle Naturgewalt, die erst durch sie ihr Dasein hat, ist gegenüber dem Menschen so zart wie nur vorstellbar. Noli me tangere...

Christus will nicht überwältigen, und er tut es auch nicht. Und deshalb ist gerade seine Zartheit, seine Sanftheit so unendlich überwältigend... Es gibt im ganzen Kosmos nichts, was zarter und sanfter ist. Selbst die weichesten Kirschenblüten oder Daunenfedern sind nicht so sanft wie er. Selbst die zarten Pflanzensprossen, die mit ihrer Zartheit noch den härtesten Asphalt durchbrechen, sind nicht so zart wie das lebendige Wesen der Liebe. Denn Kirschenblüten, Daunenfedern und Pflanzenspitzentriebe haben noch immer etwas Physisches, auch wenn sie bis an die Grenze des Unphysischen, des rein Lebendigen, Zarten, vordringen, fast selbst übersinnlich-ätherisch werden. Das aber, wovon ich jetzt spreche, ist rein ätherisch, über-sinnlich, es erschüttert mit seiner Zartheit nicht den Tastsinn, sondern die Seele.

Auch die Seele hat eine Art Tastsinn, auch sie spürt ein Berührtwerden, ein Umfangenwerden, ein Durchwobenwerden. Und dies ist noch unendlich viel erschütternder als das tiefste Tasterlebnis des Leibes.

Und zugleich hat das Christuswesen auch mit dem Geheimnis des Physischen zu tun, sein Geheimnis dringt bis in das Physische – aber selbst dies auf über-sinnliche Weise. Es ist das unendliche Geheimnis der Heiligung des Leibes. Eine unbegreifliche, über-sinnliche Heilung des Leibes. Die Welten-Liebe ist zugleich der Welten-Arzt. Sie heilt, indem sie durchgeistigt. Das Christuswesen durchdringt alles mit seinem Wesen – und dieses Wesen ist heiliger Art. Und so wird alles geheilt und geheiligt, dies ist ein und dasselbe.

Die heilende Oster-Liebes-Kraft strömt und webt in der Welt und wartet auf das Geheiltwerdenwollen der Herzen ... um dann bis tief in den Leib hinein heilen zu können.

6. April

Es ist unmöglich, das Oster-Wesen mit einer Haltung zu empfinden, die heute die fast allein herrschende geworden ist: Die innerlich sich zurücklehnende Seele. Die sich fragt: „Was bringt mir das? Wie lange dauert das? Was kostet das?“ Eine solche Seele ist absolut unfähig, das Christuswesen zu fühlen. Denn ihre Gedanken und ihre Gefühllosigkeit vertreiben dieses Wesen geradezu. Das Kennzeichen dieser Haltung ist gerade die Totheit der Gefühle, das Abwesendsein des wirklichen Empfindens.

Das wahre Wesen der heiligen Fähigkeit des Empfindens ist das Wesen des Zarten und Sanften selbst. Empfindung ist Sanftheit. Sanftes Sich-Hingeben und sanft-zärtliches Hinspüren zu dem, was empfunden werden will...

Und jede „Konsumhaltung“ und jede Art von Selbstbezogenheit verrammelt dieses heilige Geheimnis mit eisenharten Mauern und Panzertüren. Man kann nicht cool und lau und passiv sein und erwarten, die heilige Fähigkeit des Empfindens zu behalten – sondern man verliert sie in demselben Moment. Man wird ein Verräter und Mörder seines eigenen wahren Herzens. In dem Moment, wo man den Genuss seiner „Coolheit“ und dieser bequemen Konsumhaltung gewinnt, verliert man das Kostbarste, was man bis dahin hatte – die heilige Unschuld reiner Empfindungsfähigkeit.

Ein einziges kann sie wieder erretten. Ein einziges kann das Herz das sonst für immer Verlorene wiederfinden lassen: Das Herz muss sich selbst wiederfinden. Und das Herz lebt nicht in Selbstbezug, sondern gerade in Hingabe. Das Herz muss also eine heilige, aufrichtig empfundene Sehnsucht nach Hingabefähigkeit in sich finden. Diese Sehnsucht ist zugleich die Sehnsucht des Herzens nach seinem verlorenen eigenen wahren Wesen.

Sehnsucht nach Hingabe. Aber die Hingabe hat dann auch ein Ziel. Sehnsucht danach, sich dem heilenden Wesen wieder hingeben zu können. Sehnsucht nach der heilenden Weltenliebe, die man noch nicht kennt und doch im innersten des Herzens so sehr kennt und darum um so aufrichtiger sucht...

7. April

Man kennt die Weltenliebe im Innersten des Herzens deshalb so sehr, weil man sie selbst verraten hat. Jeder Mensch weiß, was er aus seinem Herzen ausgeschlossen und verbannt hat. Die Weltenliebe ist uns seit dem Welten-Ostermorgen so nah, dass kein Herz verleugnen kann, dass es diese Liebe einlassen könnte, wenn es nur wollte. Wir mögen es in unserem Bewusstsein abstreiten, aber unser Herz weiß, dass es die Weltenliebe fortwährend abwehrt um sie nicht einlassen zu müssen. Wir sind nur deshalb so liebesarm, weil wir unsere Herzen verschließen. Auch wenn wir die Weltenliebe nicht in unserem Herzen haben, kennen wir sie unendlich gut, denn wir versperren ihr gerade die Tür! Man weiß sehr genau, wem man die Tür zuhält...

Und zugleich kann man die Sehnsucht danach kennen, die Tür wieder öffnen  zu lernen. Denn das Zusperren ist eine Gewohnheit geworden, und mehr noch, etwas, was wir gar nicht mehr anders können. Es ist, wie wenn die Tür im Zugesperrtsein verrostet wäre, aber das sind wir selbst. Wir sind die verrostete Tür und das Zuhalten, es ist unser eigenes Wesen geworden. Wir sind Zusperrende geworden – und in uns kann eine Sehnsucht erwachen, dass wir wieder andere werden mögen.

Und der erste Schritt dazu ist diese Sehnsucht selbst. Sie ist bereits eine zarte Verwandlung. Denn auch wenn wir noch Zusperrende sind, so ist doch die Sehnsucht bereits etwas von dem, was wir verloren haben – denn Sehnsucht ist neue, zarte Hingabe...

Indem wir uns danach sehnen, uns wieder hingeben zu können, beginnen wir schon, uns wieder hingeben zu können. Und deswegen ist Sehnsucht der Weg zu ihm, der Weltenliebe. Machen wir nur unsere Sehnsucht so groß, wie es nur möglich ist! Christus ist auferstanden – aber unsere Sehnsucht muss auch auferstehen, um ihn zu finden...

8. April

Und der Auferstandene ist bei den Jüngern. Kann man sich das vorstellen? Welche Freude, welche Unvorstellbarkeit dies ist, dass er da ist, wirklich da? O, die Lauheit der Herzen, die sich dies nicht vorstellen können – ja, sich nicht einmal Mühe geben! O, die Lauheit der Seelen, an denen dies alles vorbeizieht, während sie ihr Leben dahinbringen, sinnlos, während sie meinen, es hätte Sinn. Sie vertun ihr kostbares Leben und gehen an dem Wichtigsten vorbei, an dem Allerwichtigsten. Nur wegen der Lauheit...

Ach, wenn die Seele einen einzigen Augenblick Ostern fühlen könnte! Schon dieser Augenblick würde sie ja verwandeln. Aber dann auch zu spüren: Ostern ist. Es ist nicht nur ein Tag, nicht nur zwei. Aber, o Trägheit der Seele! Schon ist der Ostersonntag vorbei, und schon ist sie wieder in den Alltag gefallen. Aber war sie wenigstens einen Tag österlich gestimmt, von österlichem Leben erfüllt? Wenigstens eine Stunde? Eine heilige Stunde dieser heiligen Freude?

Aber es ist nicht nur eine Stunde. Es ist Ostern – der Auferstandene ist da, er ist da! Ach, wie sehr setzt die Seele alles voraus, wie wenig kann sie treu sein, wie wenig weiß sie überhaupt noch, was Treue überhaupt wäre!

Treue, indem man das Geliebte gar nicht mehr liebt? Indem man sich daran gewöhnt hat? Kann das jemals Treue sein? Es ist Verrat – Verrat an der Liebe, die nicht mehr lebendig ist, sondern zu Boden gesunken, in eine Gewohnheit, die gerade Tod ist. Tod der Liebe, Tod der Treue gegenüber der Liebe. Man hat die Liebe sterben lassen. Mag man noch meinen, sie zu empfinden, aber sie ist ja bereits ganz ohne Freude, ganz ohne Leuchten, ganz ohne wirkliches Leben. Die Seele hat sich keine Mühe gegeben, sie lebendig zu halten, ihr Leben zu geben. Sie hat es zugelassen, dass die Gewohnheit die Liebe erschlägt...

9. April

Ostern... Das ist die Tatsache der Auferstehung, und es ist die Gegenwart des Auferstandenen. Und dies – dass er da ist, dieses Einzigartige, es dauert nicht einen Tag, es dauert jetzt vierzig Tage. Und doch hängt alles davon ab, überhaupt den Moment des Ostermorgens empfinden zu können. Was ist Ostern? Kann das Herz dies in sich einlassen? Ein wirkliches Erleben? Hat es den Mut, überhaupt wirklich etwas zu erleben? Hat es den Mut, die tödliche Lauheit von sich zu werfen? Mut...?

Um etwas zu erleben, braucht man Hingabe. Denn ohne Hingabe erlebt man höchstens sich, und die Hingabe ist gerade die Bewegung der Seele, von sich loszukommen. Ohne Hingabe erlebt man nur sich, und nur mit Hingabe erlebt man anderes – und dem gibt man sich gerade hin...

Hingabe hat man aber nur, wenn man diese Hingabe will, man muss sie wollen, es ist eine innere Bewegung und Kraftentfaltung – die Entfaltung des Willens, der sich aber gerade hingibt. Hingabe ist die Entfaltung des sich hingebenden Willens, aktiv. Das Wort heißt so, wie es auch wirklich ist: Hin-Gabe. Geben ist eine Aktivität. Und obwohl die Hingabe gerade das Aufhören aller eigenen Aktivität nach außen hin ist, ist sie nicht passiv, sondern etwas sehr Entschlossenes. Man gibt auch die eigene Aktivität nach innen hin auf, man denkt nicht mehr an sich, sondern der Wille, diese ur-innere Kraft, richtet sich auf etwas Anderes. Umfassend, bedingungslos und ganz bewusst. Er gibt sich dem Sich-Richten auf dieses Andere völlig hin. Und es ist keine scharfe Konzentration, kein scharfes Fokussieren, sondern auch hier Hingabe. Hingabe ist etwas viel Zärtlicheres, Demütigeres als Konzentration. Konzentration ist noch immer viel zu selbstbezogen, viel zu sehr bei sich. Hingabe ist wirklich auch ein Sich-Schenken. Man braucht das Wort nur ehrlich zu nehmen – jeder weiß, was damit gemeint ist. Hingabe...

Und wie ist es nun mit der Freude? Es ist Ostern! Vierzig Tage lang ist der Auferstandene wirklich da... Wie ist es nun mit der Freude? Mit der Hingabe...? Mit dem Mut... Wie ist es damit? Hat man den Mut?

10. April

Freude kann man nicht herbeizwingen. Man kann sich nur schämen, wenn man sie nicht hat. Die Scham kann man auch nicht herbeizwingen – wenn man sie auch nicht hat, dann ist so gut wie alles verloren. Dann sollte man verzweifelt danach suchen, ob man noch irgendwo doch irgendeine Sehnsucht empfindet – und ihr dann nachlauschen...

Und ganz ähnlich ist es mit der Freude, wenn sie nicht in voller Tiefe da ist. Das, was da ist, sollte man so sanft, so rein, so aufrichtig wie möglich spüren – und dann versuchen, dieses zarte, kostbare Heiligtum zu vertiefen...

Alle Gefühle, alle reinen, heiligen Empfindungen vertiefen sich, wenn man sie zart und sanft versucht zu vertiefen, vertieft zu empfinden. Bei diesem Versuch geht es um nichts anderes als darum, zu einer tiefen Aufrichtigkeit zu kommen. Das Durchdringen der Empfindungen mit Sanftheit ist gerade die wahre Konzentration im Fühlen. Denn die Sanftheit ist sozusagen das heilige Herz des Fühlens. Kommt man zu ihr und durchdringt das Empfinden mit ihr, so kommt man zum Wesen des Fühlens und lässt alles andere hinter sich. Das Eintauchen in das Sanftwerden ist das Hinter-sich-Lassen des Gewöhnlichen, des Lauen, des Nicht-wirklich-Fühlens. Im Eintauchen in das Sanfte wird das Fühlen etwas Wirkliches – aber es wird zugleich etwas Heiliges. Das Fühlen findet seine heilige Wirklichkeit...

Und so auch mit der Freude. Hat man etwas von der heiligen österlichen Freude, so möge man sie in das Geheimnis der Sanftheit tauchen und ihr nun weiter nachlauschen, Freude und Sanftheit gemeinsam fortwährend leise mit heiligem Leben durchdringend. Es geht um das heilige, leise, sanfte Tätigsein der Seele. Freude ist eine Bewegung der Seele, Sanftheit auch, und auch das Durchdringen der einen Empfindung mit der anderen. Man kann zärtlich wissen, was man da tut...

11. April

Das einzig Wichtige ist immer, es selbst zu tun. Manches, was man zu beschreiben versucht, klingt schwierig – aber es ist es gar nicht. Aber es hat alles keinen Sinn, wenn man es nicht selbst versucht. Und so ist das einzig Wichtige, dies zu tun.

Die Osterfreude ist reines Leben, für Leib und Seele. Die Tatsache der Auferstehung sendet diese Freude in Leib und Seele des Menschen – und auch in alle Natur. Aber es ist Christus selbst, der dies tut. Von ihm selbst geht wie von einer Sonne etwas aus, was die Herzen unmittelbar freudig stimmt, lebendig, und dies beides ist eins: das Leben und die Freude. Die Freude ist Leben, und das Leben ist Freude. Es geht nicht um eine Osterbotschaft, sondern um die Osterrealität. Und diese Realität ist das Christuswesen – und von ihm geht das Heilende aus, und es verwandelt sich in Leben, in Freude, bis in den Atem hinein, bis in das Blut hinein.

Die Osterfreude ist eine Freude, die mit nichts anderem vergleichbar ist. Schon andere Freude kann den ganzen Leib ergreifen. Aber das Ostergeschehen führt zu einer Freude, die mit einer heiligen Begnadung zu tun hat, reinstes Geschenk und reinstes Leben, überhaupt in allem reines, heiliges Leben. Die Osterfreude ist ein heiliges Leben, eine Heilung und Belebung der Seele und sogar des Leibes, wie beide, Seele und Leib, es sonst nicht kennen.

Eine heilige, gnadenvolle Erfüllung zieht ein in Blut und Atem, und dies gerade ist die Freude. Sie webt im Blut, webt im Atem. Christus ist da! Er ist auferstanden! Dies und die Freude ist eins... Und dies alles geht von ihm aus...

Und was ist der Sinn all dieses unbeholfenen Beschreibens? Dass die Seele etwas davon fühlt – und dass sie sich im heiligen Empfinden dieser Freude, wie leise auch immer sie zunächst sei, hingeben kann... Dass sie gerade das lernen kann – sich hinzugeben, auf den zärtlichen Flügeln dieser Freude...

Das Osterwunder, die österliche Freude – Urbild zärtlicher Seelen-Regung überhaupt...

12. April

Welche Farbe ist es, die dieser österlichen Freude entspricht? Dieser Freude, die unmittelbar da ist, die aus dem tiefsten Herzen kommt und dort ein ganz neues Leben erweckt?

Ist das ein helles Rot, ein Orangerot, wie wenn das Blut selbst sich zärtlich mit leuchtendem Sonnengold durchdrungen hat. Freudiges Rot, österliches Rot, die Freude selbst als Farbe!

Und es ist nicht nur die Freude, die bis in den Leib hinein Leben spendet – es ist zugleich umgekehrt das Leben, das von Christus ausgeht, das bis in den Leib hinein Freude spendet. Die Seele spürt das Lebenserneuerungswunder – und bis in Blut und Atem hinein wird sie von einer unsäglichen, tiefen Freude durchwoben.

Dies muss man begreifen! Dieses heilige Geheimnis der Auferstehung. Seelenbegnadung und -heilung, Leibesheilung und -begnadung. Die Auferstehung, der auferstandene Christus und das, was von ihm ausgeht, begnadend, heilend, durchdringt alles, Natur, Leib, Seele. Nichts bleibt unberührt, das Leben hat den Tod besiegt, und es ist zu spüren! Denn dieses Leben, dieses heilende Leben, der Heiland, der Lebendige – er schenkt sich selbst. Wie könnte dies nicht unendlich zu spüren sein – und wie könnten dann Leib und Seele nicht mit unmittelbarer Freude antworten?

Und doch ist dies alles  zugleich auch ein allerzärtlichstes Geschehen. Bewusst schenkt es sich nur dem, der sich diesem Wunder mit sanftem, hingebungsvollem Bewusstsein zuwendet. Nur dem, der auch eine heilige Dankbarkeit, eine heilige Sehnsucht, die heilige Fähigkeit der Hingabe kennt. Eine solche Seele aber kann das Osterwunder immer tiefer empfinden. Werden ihre eigenen Regungen tief und heilig genug, kann sie von dem unbeschreiblichen Wunder der Ostergnade geradezu überwältigt werden – weil sie es will.

13. April

Ich frage mich: Wie wenig empfindet die Seele überhaupt, wenn sie vom Osterwunder nicht überwältigt wird? Dass Christus selbst nicht überwältigt, ist klar – sonst wären alle Menschen Christen. Aber – nichts anderes auf der ganzen Welt ist so unbeschreiblich einzigartig, so weltenverändernd, so alles, wirklich alles verändernd, wie die Auferstehung am Ostermorgen. Wenn dies nicht empfunden wird, als ein unbeschreibliches Wunder, als etwas wirklich nicht zu Beschreibendes ... dann kann die Seele eigentlich nichts mehr empfinden.

Und genau dies ist ihre Lauheit, eigentlich ihr Tod. Sie empfindet alles Mögliche, aber nicht das Allerwesentlichste. Sie empfindet alles Mögliche, was mit ihrem persönlichen Leben zu tun hat, weil sie so selbstbezogen ist, aber sie merkt nicht, dass sie von dem einzig Wesentlichen längst abgeschnitten ist, weil sie nichts davon fühlt oder auch nur fühlen will! Sie hat sich selbst abgeschnitten, egoistisch und ignorant, lau und gelähmt, satt und selbstbezogen. Unglaublich, wie dies möglich ist!

Man spürt das Wesentliche deshalb nicht, weil man es eben bereits nicht mehr spürt. Deswegen stört es einen auch gar nicht, dass man es nicht spürt. Statt das Osterwunder der Gegenwart des auferstandenen Christus zu spüren, spürt man einen Kinofilm, ein leckeres Essen, ein weiches Sofa und den Kaugummi im Mund! Welch eine Tragik, welch ein Tod der Seele!

Gibt es daraus überhaupt einen Rückweg, einen Ausweg? Oder stürzt die Seele immer mehr in ihrer Selbstsucht zusammen, wie ein Kartenhaus, immer mehr leer bis ins Innerste? Wann wird die Sehnsucht wieder spürbar? Wann fühlt die Seele, wie sehr sie ihr eigenes Wesen verraten hat? Wann? Wenn sie völlig verzweifelt am Boden liegt, weil sie niemanden hat – weil sie die ganze Zeit nur das Leere, Wesenlose getan und gespürt hat? Wann wird sie diesen Endpunkt der Leere spüren? Wenn es längst zu spät ist, weil sie das Empfinden der eigentlich wichtigen Empfindungen längst völlig verlernt hat? O, wann, Seele – wann wirst du umkehren?

14. April

Christus ist auferstanden! Und sein machtvoller Lebens-Gnaden-Strom, der aber nur ganz zärtlich bis in das Bewusstsein der Seele herantritt, nur so zärtlich wie eine sanfte Liebkosung, wird für die hingebende Seele zu dem unbeschreiblichsten Ereignis einer zärtlichen Freude, die im Atem webt, im Blutpuls lebt. Und wenn sie am Altar das österliche, junge, helle Rot sieht, dann jubelt die Seele, indem sie in dieser freudig-einzigartigen Stimmung erkennt, wie sehr diese Farbe ihr eigenes inneres Leben offenbart...

Das österliche Rot am Altar ist nicht mehr einfach nur Rot – es ist ganz aufgenommen worden in die Ostersphäre, das Ostergeschehen, das Leben des Oster-Christus-Wesens, um seine Farbe zu werden – seine Farbe und die Farbe der Seele, die die Auferstehungs-Gegenwart Wesens empfindet.

Und das alles ist Ostern! Man kann es nicht immer wieder mit neuen Worten sagen – aber das ist auch gar nicht nötig. Nötig ist nur, dies wahrzumachen. Eines ist Not – wie sehr gilt dieses eine, wahre Wort immer wieder!

Die Seele verzettelt sich und lässt ihre Kräfte in Wesenloses und Unwichtiges zerfließen. Sie verliert sich selbst, zugleich mit ihren Kräften. Sie tut dies und das, aber nicht das Wichtige. Wie heilend wäre es, sich auf eines zu besinnen, sich wirklich zu konzentrieren, sich zu zentrieren, im Sinne der Hingabe...

Aber es ist nicht zu spät. Und es ist auch im nächsten Jahr wieder Ostern. Aber was wird sich bis dahin auf unserer Erde verändert haben? Und wie wird sich die eigene Seele verändert haben? Und wie viel Zeit bleibt ihr noch in ihrem Leben? Denn das Leben ist kürzer, als sie denkt. Und sie hätte unendlich viel mehr Möglichkeiten, als sie denkt. Sich dem Christus zu nähern, ist das Wichtigste, das Herz all dieser Möglichkeiten. Sich ihm zu nähern. Denn er hat sich ihr längst zutiefst genähert, mit was für einer unglaublichen Tat, mit was für einer heiligen Liebe...!

15. April

Die Seele kann ohne Christus nicht sein. Und das ist ebenfalls Ostern – dass sie dies begreift. Nicht mit dem Kopf, nicht einmal so sehr mit dem Herzen, sondern unmittelbar; im unmittelbaren Erleben als Seele. Sie kann sich in diesem Erleben wirklich real Christus nahe fühlen, seine Anwesenheit spüren, sein Wesen.

Die Seele muss aufhören, sich mit ihrem Leib zu identifizieren und sich nur über diesen nach außen zu wenden – ja, sich überhaupt nur nach außen zu wenden. Sie muss sich ganz nach innen wenden. Aber auch dies nicht mit dem „Außenblick“, sondern mit ihrem eigenen Wesen. Was ist dieses Wesen? Es ist eben nicht dieser rationale, kühle „Punkt“, der wie das Denk- und scheinbar auch Bewusstseinszentrum im Kopf ruht und thront, unbeteiligt, gelangweilt, nüchtern, alles abschätzend, alles beurteilend, selbst ganz lieblos – der tote Punkt unseres Bewusstseins. Hier stirbt der Mensch wirklich, hier stirbt die Seele – im Kopf! Aber das ist sie nicht. Das ist nicht die Seele – da bringt sie sich nur um. Aber wo ist sie dann?

Sie muss ihre Heimat wirklich im Herzen findet. Aber nicht als Kopf im Herzen, kopfig und sich krampfhaft bemühend, ein wenig Herz zu finden, sondern Herz im Herzen. Sie muss spüren, was sie selbst wirklich ist. Sie ist Seele – nicht Kopf! Sie ist Seele! Und schon das Wort sagt doch eigentlich alles. Wenn man hört „seelisch“, „seelenvoll“, „beseelt“ – dann weiß man doch unmittelbar, was damit gemeint ist? Wenn etwas Seele hat, dann ist es gerade nicht kopfig, sondern das volle, volle Gegenteil. Seele ist die Fülle. Die wirkliche Fülle. Ein Segenstrom, ein Lichtstrom, Seele ist Empfindung – heilige, tiefe Fülle des Empfindens.

Und in diesem reinen Reich des Empfindens kann die Seele den Christus finden. Nicht der Kopf findet Christus, er kann ihn gar nicht finden, sondern das Herz. Das Herz als Wahrnehmungsorgan der Seele. Aber die Seele nimmt ihn unmittelbar wahr – sie ist selbst wie ein Herz. Man sagt auch „ein Herz und eine Seele“. In Wirklichkeit ist das fast das Gleiche. Die Seele ist nur da Seele, wo sie heilig, rein, seelisch ... empfindet. Wo sie nicht empfindet – was soll sie dann sein? Aber wenn sie wirklich eintaucht in das heilige Empfinden, in ihr eigenes Sein, dann findet sie nicht nur sich, sondern dann kann sie auch unmittelbar den Christus finden, denn er ist bei ihr. Und dieses Erleben ist zugleich Ostern – nichts anderes.

16. April

Nun kommen die Leute, die sagen: Aber die Seele ist doch nicht nur Fühlen – sie ist auch Denken und Wollen. Das weiß ich selber. Aber diese Leute reden nur über die Seele. Sie wissen gar nicht, was die Seele selbst ist. Um die Seele selbst zu finden, um sich selbst zu finden, als Seele, muss man das wirkliche Empfinden kennenlernen – als Empfinden. Und wer dies nicht kann, der findet auch nicht die Seele.

Solange man über die Seele nur spricht, findet man auch nur den Kopf. Der Kopf ist aber nicht die Seele. Er ist Kopf und sollte sich nicht mehr darauf einbilden, als ihm gut tut. Ihm tut nichts gut – das meiste macht er falsch. Der Kopf ist der Hort des Hochmuts und damit ein Einfallstor für die Sünde. Aber die Sünde hat ja einen Namen: Gegenmacht. Teufel. Natürlich kann man hochmütig sein – aber dann verbündet man sich mit ihm. Und man verliert alles, was einem heilig sein sollte, weil es eines ganz anderen Bundes bedürfte. Man verliert sogar die Fähigkeit, etwas Heiliges zu empfinden, selbst. Der Hochmut nimmt einem alles. Und der Kopf tut dies auch, wenn er mit Hochmut angefüllt ist, was er meistens ist. Außerdem ist er mit Tod angefüllt – Hochmut und Tod, wahrhafte Brüder im Geiste, trotz aller Gegensätze.

Solange die Menschen nicht begreifen, dass sie auf den Schwingen von Hochmut und Tod daherkommen, reden sie mir nicht von Seele! Sie können sie ja gar nicht finden! Sie müssten erst aus ihrem Kopf heraus und dann noch alles Tote und Hochmütige hinter sich lassen. Dann erst könnte man anfangen, über die Seele zu sprechen. Aber dann bräuchte man auch nicht mehr zu sprechen, denn dann würde man selbst erleben. Nicht nur die Seele, sondern sich als Seele. Und wieder würde man ganz nahe bei Christus sein und er bei einem...

17. April

Es gibt auch ein heiliges Denken, aber es hat keinen Sinn, davon zu reden, bevor man nicht das heilige, reine, wirkliche Fühlen gefunden hat. Denn das Fühlen ist die Seele der Seele. Es ist Herz, Auge und Tastorgan der Seele in einem. Das Denken ist nur dann heilig, wenn es dem Fühlen folgt. Es ist nur dann heilig, wenn es selbst mit dem Fühlen vereint ist – und wenn es das nicht mehr ist, wird es unheilig.

Das Fühlen, das ich meine, ist wiederum mit dem heiligen guten Willen vereint – es ist nicht ohne Willen, sondern mit ihm. Und in diesem zarten, sanften guten Willen lebt das Gute. Der gute Wille weiß, was das Gute ist – und insofern ist er Denken, aber wieder rein dienendes Denken. Das Fühlen weiß auch, was das Gute ist, und insofern ist es wiederum Denken – denkendes Fühlen, denkendes Wollen.

Die Seele, die in ihrem Empfinden erwacht, ist gerade erfüllt von heiligem, zartem Bewusstsein – gerade das ist ihr Erwachen. Aber es bleibt Empfindung, das wahre, heilige Sein der Seele. Man kann auch sagen, das heilige Leben der Seele, denn die Empfindung ist von Augenblick zu Augenblick ihr Leben. Sie lebt nur da, wo sie empfindet.

Was ist nun die Seele? Das wahre Sein der Seele? Man kann sagen: Es ist ihr guter Wille, versetzt in das Herz. Es ist ein heiliges, moralisches Sein, das einfach beginnt, zu leuchten, zu sein. Und dieses Sein geht aus von der Empfindung – denn diese Empfindung ist das Wahrnehmungsorgan für die Welt, und in der Welt gibt es Gut und Böse, und die Empfindung reagiert darauf. Sie empfindet es – und liebt die Schönheit, hat Mitleid mit dem Hilfebedürftigen, fühlt eine Abscheu vor herzlosen Taten und unendlich viel anderes. Die Seele lebt nur, wo sie dies alles empfindet, und zwar tief und aufrichtig. Ist ihr Empfinden blass und oberflächlich, ist es auch ihr Leben. Die meisten Seelen leben gleichsam nur „asthmatisch“, nicht wirklich.

Und wieder – wer ist denn der Heiler, der Seelenarzt? Christus! Aber das alles versteht man erst nach und nach...

18. April

Die Seele findet sich, wenn sie das äußere Leben für einen Moment mal verlieren kann. Sie muss sich einmal auf sich selbst besinnen – wie soll sie sich denn sonst finden? Und dann, wenn sie die äußere Welt mal äußere Welt sein lässt und ruhen lässt und sich ganz mit sich allein befindet, dann muss sie wirklich auch noch die Art vergessen, wie sie sich normaler¬weise verhält, nämlich dumpf und empfindungsarm im Kopf zu wohnen. Alle tun das! Aber jetzt, in diesem Moment, muss es ganz, ganz, ganz aufhören. Nicht nur die Welt muss die Seele hinter sich lassen, sondern auch ihre eigene Art, die nämlich gar nicht ihre Art ist, sondern nur das, was sie sich angewöhnt hat.

Die Seele hat sich abgewöhnt, wirklich sie selbst zu sein – sie ist es nicht mehr. Sie hat sich selbst entfremdet, und wirklich auch: sich entseelt. Die Seele hat sich entseelt! Und dieses Beseelte wiederzufinden – wie schwer wird dies den Seelen! Dabei wäre es gar nicht so schwer. Eigentlich müsste die Seele nur den Mut haben, zuzugeben, dass sie in Wirklichkeit viel seelischer ist, als sie immer tut. Sie müsste nur den Mut haben, endlich einmal Seele zu sein!

Sie müsste nur zugeben, dass in ihr, in ihrer wahren Tiefe, unglaublich viel guter Wille wohnt. Zugeben, dass in ihrer wahren Tiefe, die sie vielleicht gar nicht mehr kennt, die aber dennoch mehr sie selbst ist als sie selbst (im übrigen) – dass also in dieser wahren Tiefe ein geradezu unglaublicher guter Wille wohnt, und alles übrige loslassend und sich nur auf diesen unglaublichen Willen besinnend, aber als reines Erleben ... würde die Seele endlich, endlich ihr wahres Wesen finden lassen.

19. April

Der Mensch ist dasjenige Wesen, was einen guten Willen nicht nur haben kann, sondern hat. Aber die Seele vergisst das. Und dann kommt etwas anderes hinein – und dann wird es, wird sie, unmenschlich. Weil sie selbst Seele verliert. Weil sie sich verliert. Das ist der einzige Grund. Würde sie sich selbst nicht verlieren, würde sie auch das Gute nicht verlieren – und würde auch Christus nicht verlieren.

Und wenn die Seele wenigstens einmal anfängt, sich auf sich selbst und ihr wahres Wesen zu besinnen, so wird ihr all dies, werden ihr diese ganzen Zusammenhänge auch nach und nach klar werden. Sie muss nur anfangen!

Der gute Wille ist das eigentliche Geheimnis des Menschen – was denn sonst? Aber welche Kunst ist es, sich einmal in aller sanfter Ausschließlichkeit darauf zu besinnen! Wie sehr vermeiden es die Seelen – um sich selbst zu vermeiden!

Wieder fehlt also der Mut. Was ist das also für ein Mut? Der Mut, wirklich man selbst zu sein – als Seele. Und das ist gleichbedeutend mit dem Mut, gut zu sein – denn die Seele ist gut! Die wahre Seele ist gut. Und so setzt sich die Seele zusammen aus diesem wahren Teil und einem übrigen, der sie davon abhält, sich zu diesem wahren Teil zu bekennen. Aus einem wahren Teil und einem Widerstand dagegen. So ist es wirklich. Es gibt diesen unglaublich reinen, aufrichtigen Teil, der ihr wahres Wesen ist, und dann gibt es einen Teil darumherum, der schon nicht mehr ihr wahres Wesen ist und wo die Gegenmacht Macht bekommen hat. In dem wahren Teil leben die Engel, aber sie haben gar keine Macht über die Seele, brauchen sie auch nicht, sondern die Seele will bei ihnen sein, und sie sind bei der Seele, und das ist ihr wahres Wesen – dieser gute Teil, der mit den Engeln ganz vereint ist, denn wo sollen die Engel sonst sein, wenn nicht da, wo das Gute ist. Es ist aber mitten in der Seele!

20. April

Und dieser andere Teil ist nicht die Seele, sondern das, was aus der Seele geworden ist – eine Abschattung, ein Schatten ihrer selbst. Nicht gut, nicht böse, sondern dazwischen, aber so eben lau und doch ziemlich selbstsüchtig. Die Gegenmacht hat die Herrschaft – nicht auffällig, denn das wäre wirklich böse, aber unauffällig, eben genauso, wie sie es macht. Heimliche, raffinierte Selbstbezogenheit – gut genug, um sich auch für andere zu interessieren und vor allem auch, um ihr Interesse zu bekommen, aber doch völlig vergessen, was ihr eigenes Wesen wirklich ist.

Die wahre Seele ist kein Mischmasch. Dieses Mischmasch entsteht nur, weil die Gegenmacht eine Trübung hineinbringt – das, was man Egoismus nennt, überhaupt Selbstbezug, den Bezug auf sich selbst. So wird jede Seele egoistisch, selbst wenn sie nicht so wird wie das, was man normalerweise „egoistisch“ nennt. Sie steht dennoch ganz im Zentrum, und sie hat ihr wahres Wesen dennoch längst verloren. Denn dieses wahre Wesen hat nichts davon. Es ist völlig anders. Und wie ist es dann?

Es ist wie ein sanftes Licht, was nicht auf sich selbst schaut und sich selbst durchaus ziemlich wichtig findet und sich auch immer wieder um sich selbst kümmert – sondern dieses sanfte Licht leuchtet einfach. Was denn sonst? Das sanfte Licht braucht nicht sich selbst zu beleuchten, wozu denn? Es ist für andere da. Es schenkt sich selbst, das ist sein Wesen. Warum sollte es sich selbst beleuchten, wozu sollte das gut sein? Es ist sinnlos, und die Seele fühlt unmittelbar, wie schlimm und geradezu ekelhaft dies wäre. Hier fühlt die Seele auf einmal das Wesen des Egoismus – bei sich selbst aber nicht...

Und Ostern, das Geheimnis von Ostern, bedeutet, ganz und gar zu erleben, was dies heißt.

21. April

Das Auge ist auch nicht dafür da, sich selbst anzuschauen und stolz auf sein Augesein zu sein und das Leben für sich zu genießen und nicht mehr für den übrigen Leib zu gucken. Die Nase ist nicht dafür da, sich selbst zu beriechen. Die Sonne scheint auch nicht für sich selbst, sondern für andere! Für alles andere.

Aber die Seele möchte nicht mehr wie ein Licht sein, was sie ihrem Wesen nach ist, sondern sie möchte so sein, wie wenn die Sonne für sich leuchten würde, was schon in der Vorstellung furchtbar ist, weil wir dann alle kaum existieren würden. Aber die Seele möchte so sein! Denn sie hat die Dunkelheit bereits in sich aufgenommen, und so ist sie selbstbezogen geworden. Sie ist nicht mehr, was sie eigentlich ist, sondern sie ist sich fremd geworden – und wandelt auf Abwegen. Und diese Abwege und Abgründe sät sie in die Welt hinein... Sie sät, was sie geerntet hat, nämlich das Böse, als Abwesenheit des Guten. Sie sät den Mangel, der sich in ihr selbst eingenistet hat. Die Seele sät Finsternis, weil sie ihr eigenes Licht vergessen hat.

Und so kann sie nie, nie, nie Ostern begreifen. Denn Ostern ist das volle Gegenteil dessen. Ostern ist Hervorbrechen des Lichts, aus dem dunklen Grab, aus der Grabeskammer; der Felsen kann nicht bleiben, er wird fortgestoßen, das Licht bricht wie eine Naturkraft aus dem Grab hervor, und das reine Leben tritt aus dem Grab heraus – Leben, das eins ist mit Licht und mit Liebe. Liebe, Leben und Licht. Drei-Einigkeit, alles eines. Das muss man sich vorstellen, empfinden, erleben! Man muss es wirklich, wirklich erleben. Dann versteht man Christus, dann erkennt man ihn, dann weiß man, was das heilige Wesen ist – und dann versteht man Ostern. Dieses heiligste aller Feste, dieses Wunder, dieses Einzigartige.

Christus ist auferstanden! Die Liebe selbst ist es, die Liebe, das Leben und das Licht. Ostern, der heilige, unendlich unbeschreibliche Ostermorgen...

22. April

Die modernen Seelen schätzen die Empfindung gering – je moderner, desto geringer. Aber sie wissen gar nicht mehr, was sie geringschätzen und was sie verloren haben. Denn sie haben es verloren. Sie schätzen gering, was sie verloren haben – und glauben, sie brauchen es nicht mehr. Sie glauben sogar, es sei ,modern’, dies nicht mehr zu haben. Dies, was sie doch erst zu Menschen macht! Und die sogenannte Modernität besteht aus der Entmenschlichung. Die Moderne ist die Flucht des Menschen vor sich selbst. Die Moderne ist der Sieg der Gegenmächte über den Menschen. Sie treiben ihn weg von der wahren, heiligen Tiefe der Menschlichkeit. Sie treiben ihn weg vom Empfinden und entreißen ihm dieses heilige Licht...

Ja! Empfindung ist das heilige Licht der Seele. Denn nur, wo etwas empfunden wird, wird es in seinem Wert erkannt, mit dem ganzen eigenen Wesen. Die Empfindung ist das heilige Auge und das heilige Herz der Seele. Licht des Herzens, heilige Hand, Berührung...

Ohne die Empfindung kann die Seele auch Christus nicht finden. Wie sollte dies denn geschehen? Die Empfindung aber ist das Auge der Seele. Sie spürt: Er ist da... Sie spürt seine zarte, reine Anwesenheit, die liebende Gnade seiner Gegenwart – und was diese bedeutet. Sie empfindet ihn, das tiefst-heilige Wesen, und sie empfindet die Bedeutung dessen, denn was geschieht? Die Gegenwart dieses Wesens ist etwas absolut Unfassbares. Es gibt nichts, was die Empfindungen ihm gegenüber, die ja von seinem Wesen und seiner Gegenwart verursacht werden, übertreffen könnte. Jenseits des Heiligsten gibt es nichts mehr...

Es ist, wie wenn die Empfindung an ihr höchstes Ziel käme: dies ist das heilige Ziel deines Empfindens, o Seele, Anfang und Ende – und gleichsam in unfassbarer Zärtlichkeit überwältigt sinkt die Seele nieder, sich überwältigen lassend, gleichsam blind werdend, geblendet von dem, was ihr Auge wahrnimmt, ein Übermaß an zärtlicher Empfindung, ein nicht mehr zu Beschreibendes...

23. April

Wenn wir etwas längst verloren Geglaubtes wiederfinden, was uns sehr wichtig war, empfinden wir ein tief dankbares Glücksgefühl, eine heilige Erleichterung, die eigentlich in tiefer Dankbarkeit besteht. Zumindest für einen Moment. Ganz kurz wenigstens erleben wir, was heilige, tiefe, ja hilflose Dankbarkeit bedeutet...

Es ist eigentlich das, was wir Gnade nennen. Die Seele kennt nicht mehr die Gnade, überhaupt nicht mehr, weil sie in einer gnadenlosen Welt lebt, die sie selbst gestaltet. Gnadenlos ist die Seele – und kennt die Gnade nicht mehr, weil die Momente, sie kennenzulernen so selten geworden sind wie ein Sandkorn in einem sterilen Labor. Die Seelen haben die Gnade aus ihren Leben ausgerottet. Aber es ist ihre Schuld, ihre vielleicht allergrößte Schuld. Sich selbst in die Einsamkeit zu reißen – und die Gnade nicht mehr zu sehen. Denn sie ist nicht verschwunden, wir haben uns nur von ihr abgewandt. Nicht die Gnade ist fort – wir sind fort. Wir haben unsere Augen fest verschlossen und gehen unseren eigenen gnaden-losen Weg, fort von ihr, aber wir sind es, die gehen, nicht sie... Sie folgt uns sogar noch...

Kann man sich dieses Schlimme vorstellen? Dass die Seelen, nachdem sie von der Gnade abgetrennt wurden, sich noch immer weiter abtrennen? Wie in einem eigensinnigen Schmerz, der aber eine Art Wahnsinn ist? Ein allmähliches Lieben des Unterganges? Weil die Seele bereits so hart, so tot, so leer, so sinnlos geworden ist, dass sie nun ... ihresgleichen sucht? Noch mehr Härte, noch mehr Tod, noch mehr Leere, noch mehr Sinnlosigkeit...?

Wie weit soll dies noch gehen? Wo ist der Punkt der Umkehr? Wann begreift die Seele, dass sie – der verlorene Sohn ist? Denkt sie etwa, sie wurde verstoßen? Nein, sie ist selbst gegangen. Aber wofür? Für den Tod? Für die Leere? Die Sinnlosigkeit? Für Härte, Schmerz und Hässlichkeit? Für die Moderne?

24. April

Und dann heißt es, Gott habe der Seele Verstand gegeben. Aber wofür? Das weiß die Seele nicht mehr, denn sie benutzt ihren Verstand nur noch für das Verderben oder für ihre Selbstsucht, was aber ebenfalls ein Verderben ist. Die Seele weiß nicht mehr, wofür sie den Verstand geschenkt bekommen hat. Sie weiß nicht mehr was das eigentlich ist. Sie benutzt ihn, wie wenn sie einen heiligsten Kelch geschenkt bekommen hat – und achtlos billiges Gesöff die Kehle hinunterstürzt. So verhält sie sich!

Unheilig gegenüber Gott, unheilig gegenüber ihren eigenen, von Gott geschenkten Gaben. Eine Verräterin, von Anfang bis Ende. Zu nichts imstande außer dem hässlichen Verrat. Eine Hure. Ja, die Seele ist wirklich eine Hure geworden. Sie hat sich an die Gegenmacht verkauft. Und nun folgt sie ihr ohne Scham, gehorcht ihr – und meint, nur sich selbst zu gehorchen, in ihrem schmutzigen Verrat, in ihrem gottlosen Tun.

Sie wirft alles über Bord, was sie je hatte, ihre ganze Schönheit, ihren ganzen inneren Reichtum, der ihre Schönheit war, und bietet sich schamlos in ihrer Hässlichkeit dar, in ihrer Leere, in ihrer vulgären Selbstbezogenheit. Hässlich bis zum Tod und blind für ihr eigenes Verlorensein, gar noch stolz auf diesen Totentanz.

Und so stürzt sie fort von der Schönheit, von dem Heiligen, von allem, wonach sie sich jemals wirklich sehnen könnte – und merkt es noch nicht einmal. Sie weiß nicht, was sie tut. Soll man da von Verstand reden? Die Seele versteht sich selbst nicht mehr. Das ist ihr Verstand – längst erobert und unterworfen von der Gegenmacht, die die Seele nicht verführen will, sondern verführt hat, schon längst, mit allergrößtem Erfolg. Verlorene Hure, sich gefallend in ihrem Verlorensein und nicht die geringste Sehnsucht nach einer Umkehr empfindend. Empfindend! Sie empfindet nichts – das gerade ist ihr Unglück...

25. April

Der Verstand kann die Wahrheit nicht mehr erfassen, denn er weiß gar nicht mehr, was Wahrheit ist. Seine Wahrheiten sind tot – aber die Wahrheit ist etwas Lebendiges, das Lebendigste überhaupt, ja, das Leben selbst! Das kann der tote Verstand weder begreifen, noch hat er noch einen letzten Rest von Sehnsucht danach. Denn selbst für die Sehnsucht bräuchte er ja ... Empfindung! Da er aber so stolz auf seine Empfindungslosigkeit geworden ist, sie mit Füßen aus seinem Haus – dem toten Schädel, dem Totenschädel – getreten hat, so ist er nun dort allein, wie er es wollte. Allein und verloren, gestorben an seinem eigenen Stolz und Verrat, an seiner Nichtigkeit und Schlechtigkeit.

Aber er wollte es nicht anders! Anders könnte es nur werden, wenn er dieses eine Einzige tun würde, was er so wenig will: eine Umkehr... Dafür bräuchte er eine Sehnsucht. Die aber hat er nicht. Denn die Sehnsucht würde im Empfinden leben. Die Empfindung aber verachtet er und hat sie ausgestoßen. So muss er mit den Folgen seiner eigenen Tat leben. Der Verstand hat es verstanden, sich selbst zu ruinieren, bis zum Tod. Tot ist er, Tod trägt er in sich, Tod verbreitet er um sich. Siehe – das ist der Verstand!

Und er kann sich gegen diese Worte wehren, das ist ja ein Leichtes. Letztlich interessieren sie ihn auch überhaupt nicht, denn solange er noch auf seinen Hochmut bauen kann, kann er alles abweisen, was er belächeln kann, als nichtswürdig, als idiotisch, als bloßes Gewäsch. Oh ja, der Verstand ist ein Meister des Verleugnens, der Lüge, der Selbstlüge. Er mauert sich so richtig ein in sein Gefängnis, er zimmert immer weiter an seinem eigenen Grab, in dem er längst liegt. Und trotzdem wähnt er sich auf dem hohen Thron, doch sein hohes Ross besteht einzig und allein aus dem Grinsen der Gegenmacht – es ist auf weniger als Luft gebaut!

O, wenn die Seele doch nur wüsste, was ihr Verstand ist! Der Verstand ist selbst der Lügner, die Lügenmacht, ihr grinsendes Gelächter! Und die Hure Seele hat sich ihr angeboten und sie eindringen lassen...

26. April

Eine treue Seele, eine Gott treue und keusche Seele hätte dies niemals zugelassen. Sie hätte bereits beim Herannahen der Gegenmacht gefühlt, was ihr Hässliches, Verworfenes naht. Und sie hätte sich mit all ihrem Sein dagegen gewehrt, diesem Falschen und Ekelhaften ihr Wesen zuzuwenden, sie hätte sich abgewandt. Keuschheit und Treue wären ihr heiliger Schutz gewesen und geblieben.

Und so ist es noch immer! Nichts anderes kann die Gegenmacht auch nur erkennen, als dasjenige in der Seele, was keusch und treu ist. Und diese heilige Macht, dieses Wunder, das Leuchten und Strömen dieser Kräfte – was ist denn diese Realität? Was ist denn Keuschheit, was Treue? Kann man sie begreifen? Es sind lebendige Mächte, die mitten in der Empfindung leben – untrennbar verbunden mit dem Willen, einer heilig-unerschütterlichen Hinwendung zum Guten, zum Wahren, zum Reinen, zum Schönen.

Der Wille ist treu – und die Keuschheit ist das heilige Weben dieses Willens in der Empfindung. Aber all das ist eine Seele – sie gibt diesen heiligen Mächten Wohnung, sie ist es, die ihren Willen heilig mit dem Guten in Verbindung hält, die sich in Keuschheit dem Zugriff der Gegenmacht verhüllt und verwehrt.

Das ist auch ein heiliges Noli-me-tangere. Die Seele braucht keine Gewalt, um der Gegenmacht zu wehren. Sie braucht nur die reine Zartheit ihrer keuschen Bewegung, sich verhüllend, sanft und aufrichtig sprechend: Rühr mich nicht an... Dieses Eine, diese großartige Abwehr voller Anmut, diese gleichsam aus einer Ewigkeit kommende, schlichteste Bewegung – sie ist gleichzeitig der vollständigste Bann für die Gegenmacht. Nichts, absolut nichts kann die Gegenmacht dagegen ausrichten. Die heilige, aufrichtige Keuschheit ist bis in alle Ewigkeit und absolut unüberwindlich. Sie ist der heilige Wille der Seele, sie ist das heilige Empfinden der Seele. Absoluter Schutz...

27. April

Wie aber sollte die Seele je glauben, sie könnte etwas von der Gnade erfahren, wenn sie selbst nicht im Heiligen lebt?

Ja, sie kann sagen: Kommt denn die Gnade nicht gerade zu den Sündern? Sollte die Gnade nicht gerade dies tun? Ja – das Wesen der Gnade tut dies. Es kommt zu den Sündern – aber die Sünder nehmen es nicht auf, und, ja, was kann dieses Wesen dann noch tun? Es tut alles, was es kann – und hat alles getan, was es kann. Übervoll hat sich die Gnade auf die Erde ergossen – und ist um uns, sie ist wirklich um uns, überall.

Aber erleben dürfen die Gnade nur diejenigen, die selbst auch umkehren. Denn dieses Allerheiligste – es wirft sich nicht wie Perlen vor die Säue. O, wie sehr! Wie sehr geht die Perle den Säuen sogar noch hinterher, wie sehr umhegt sie sie, umwirbt sie, bittet sie geradezu ... ein Winziges zu tun, um sich umzuwenden und sie zu erblicken, sie zu erkennen, sie in ihrem wahren Wesen zu empfinden! Wie sehr tut die Gnade das! Aber die Säue tun es nicht, sie wenden sich nicht um, sie erblicken sie nicht, sie empfinden sie nicht – sie suhlen sich im Schlamm.

Mehr kann die Gnade nicht tun. Wirklich nicht. Mehr können nur die Menschen tun. Die Menschen müssten etwas tun. Sie müssten sich umwenden. Sie müssten sich nach der Gnade zu sehnen beginnen. Dies wäre bereits ihre Umkehr, der Anfang. Aber wenn sie es nicht tun? Kann man sie denn zwingen? Kann man sie dazu zwingen, eine Sehnsucht zu bekommen? Nein, man kann es nicht. Man kann sie aus ihrem Elend nicht erretten, wenn sie sich nicht selbst erretten – oder zumindest erretten lassen wollten. Sie wollen es nicht... Sie treten die Gnade noch immer vor die Tür...

28. April

Aber der Schlüssel in diesem allen, in dieser unvorstellbaren Tragik, ist die Empfindung. Was für eine Tragik, wenn die Seele Empfindung bräuchte, um eine Sehnsucht zu empfinden – und diese Empfindung gar nicht mehr hat, weil sie zu all dem gehört, was die Seele vor die Tür tritt? Was, wenn sie ihre eigene Rettung abwehrt, und nicht nur die Rettung, sondern sogar schon das, was die Rettung empfinden könnte? Wenn die Seele nicht nur ihre Rettung verspottet, sondern sogar das in sich selbst, was dazu fähig wäre, die Rettung als Rettung zu erkennen?

Aber das ist es eben, was die Seele tut. Sie wirft ihre eigenen Perlen vor die Säue, den Gegenmächten zum Fraß vor, und so, beraubt ihrer Perlen, erkennt sie nicht die eine, die große, die alles umfassende Perle... Um das große Heilige zu erkennen, hätte sie das kleine, eigene Heilige bewahren und hüten müssen. Das Geheimnis der anvertrauten Talente. Warum sind die Talente einem anvertraut? Um einst denjenigen zu erkennen, der sie einem anvertraut hat. Das ist ihr ganzes Geheimnis. Und dass die Talente gehütet werden sollten – und dass Hüten bedeutet, sie zu entwickeln.

Hüten ist überhaupt eine allerheiligste Tat, eine tiefste Verantwortung. Hüten bedeutet einen heiligsten Dienst, einen Gottesdienst. Aber auch all dies könnte die Seele nur empfinden – oder sie begreift nicht das Geringste. Die Seele bräuchte eine heilige Hingabe an die Erkenntnis, die heilige Erkenntnis, die Erkenntnis all der Geheimnisse der Perlen. Das ganze Erkennen müsste ein Heiligtum werden. Aber der Schlüssel zu diesem unbeschreiblichen Heiligtum ist das Empfinden. Die Empfindung ist selbst ein Heiligtum – und sie kann das Heilige erkennen. Ist sie nicht da, so könnte das Heilige einen allerprächtigsten Dom um sie herumbauen – die Seele würde es gar nicht merken!

Und die Gnade, die allgegenwärtige, sie ist noch unendlich viel mehr als dieser allerprächtigste Dom – und die Seele merkt es noch immer nicht!

29. April

Man macht sich keine Vorstellung von dem, was Ostern bedeutet. Aber es bedeutet etwas Allesumfassendes. Und je mehr man die Einzelheiten begreift, desto mehr begreift man überhaupt.
Wenn wir uns vorstellen, wir wären der Staub auf einem Schmetterlingsflügel. Kann man sich vorstellen, dass dieser Staub sich ungeheuer groß vorkäme und so täte, als gäbe es den Schmetterling gar nicht? Oder dass er ihn tatsächlich vergessen würde und meinen würde, er, der Staub, wäre das Einzige, was existiert und zählt und wichtig und großartig ist? Ja? Kann man sich so etwas vorstellen? Es ist absurd und lächerlich, man schämt sich wirklich.

Und wenn man ein Blatt an einem Zweig wäre... Und der Zweig gehört zu einem Ast, und der Ast gehört zu einem Baum. Würde wirklich das Blatt meinen, dass es etwas ungeheuer Wichtiges und Selbständiges wäre? Würde es tun, was es will, und vergessen, wie es ihm ohne den Baum ergehen würde? Würde es so tun, als gäbe es den Baum gar nicht? Würde es ein sinnloses und lotterhaftes Leben führen und behaupten und selbstgefällig in die Welt hinausposaunen, den Baum gäbe es überhaupt nicht – und dies sogar selbst glauben?

Und würde eine Weintraube sich in ihrer Eigensucht sonnen, statt in der wirklichen Sonne zu wachsen und zu reifen? Würde sie sinnlose Dinge tun, anstatt zu einer Traube, einer Frucht zu werden? Würde sie eine zerknitterte, hässliche Rosine bleiben oder werden und sich dabei sogar noch großartig vorkommen und behaupten und verbreiten und selbst glauben, es gebe den Weinstock nicht? Wie groß muss die Blindheit und Unverschämtheit da wohl sein?

30. April

Wir leben in einer Welt, wo genau dieses Unvorstellbare passiert. Nicht der Staub auf dem Schmetterlingsflügel, nicht das Blatt am Zweig, nicht die Traube am Weinstock – aber der Mensch! Die Seele – sie hat diesen unvorstellbaren Zustand, dass sie nichts, wirklich nichts mehr weiß, nichts mehr erlebt und auch gar nichts mehr wissen will von dem, was die eigentliche, die wirkliche Realität ist.

Und dann löst sich der Staub vom Flügel, das Blatt vom Zweig, die Traube vom Weinstock – und wird zunichte. Aber die Seele merkt dies gar nicht. Sie merkt ihre eigene Nichtigkeit nicht, sondern es ist, als ob sie sich nun erst recht zur Allwichtigkeit aufbläst, wie ein Schmutzbeutel, in dem nur heiße Luft ist. Und mit ihrer Nichtigkeit geschieht noch etwas. Obwohl sie es bei sich nicht merkt, vernichtet sie alles andere. Daran könnte man die in ihr nun lebenden Kräfte eigentlich erkennen. Die hässliche Rosine, das vertrocknete Blatt, wird zur Vernichterin von allem, was sie umgibt.

So ist der Mensch, so ist die Seele – und will es nicht wahrhaben. Es ist aber wahr. Sie ist bloße Verbraucherin, Zerstörerin, und weil sich auch die eigene Seele zerstört, so interessiert sie dies alles immer weniger. Es ist ihr egal, was sie anrichtet. Die Seele stirbt, die Empfindung stirbt, das Interesse an allem übrigen stirbt, und selbst dies ist der Seele egal, es ist eine umfassende Gleichgültigkeit. Die Seele lässt sich treiben, in einem Meer von gleichgültigem Selbstbezug, genannt Selbstsucht. Und am Ende wird selbst dies noch gleichgültig. Irgendwann ist dann alles egal. Aber vorher geht alles durch die Spitze dieses Eisberges – ein völliges Vergessen und Verlieren der Wirklichkeit und ein Erleben eines ungeheuren Selbstbezuges, eines riesenhaften Egoismus, der genau dies ist, selbst wenn er als solcher gar nicht wahrgenommen und ganz umdefiniert wird.

Das Blatt ist längst abgefallen, die Traube eingetrocknet, der Staub hält sich selbst für einzigartig und das Einzige...

1. Mai

Wie kann es einen sogenannten „Tag der Arbeit“ geben – und die Menschen haben nichts Besseres zu tun als zu faulenzen und sich vielleicht noch zu betrinken? Offenbart dies nicht ganz und gar die Verlorenheit der Seele? Diese Sinnlosigkeit, der sich in ihr breitmacht? Den Egoismus, der aber nichts anderes als Nichtigkeit ist? Was tut die Seele denn dann an diesem Tag? Sie ruht einen Tag lang aus von ihrer üblichen Vernichtung – wenn sie nicht auch an diesem Tag Auto fährt, Plastik konsumiert, Abfälle in die Natur wirft und, und, und...

Kann man einen Tag der Arbeit feiern, wenn die Arbeit überhaupt längst etwas derart Unheiliges geworden ist, wie es der Fall ist? Man kann nur feiern, wenn etwas noch heilig ist, sonst wird es eine Lüge. Eine neue Nichtigkeit. Sinnloses Schauspiel ohne Boden, ohne Hintergrund, nur noch Kulisse. Ach, wenn die Seele wenigstens ihre eigene Leerheit bemerken würde! Aber das tut sie nicht. Sie hangelt sich von Tag zu Tag, ohne die Leere zu bemerken. Sie feiert den 1. Mai, ohne zu merken, dass es längst keine Feier mehr ist, sondern ein Totentanz. Wie der Genuss eines lüsternen alten Greises, der längst im Grabe liegt, es aber nur noch nicht weiß. O wie hässlich ist sie, diese Sinnlosigkeit!

Arbeit als Heiliges, als eine heilige Realität, wäre Liebe. Die Seele würde lieben, was sie tut, weil sie tief den Sinn dieses Tuns, dieses Arbeitens erlebt – und zugleich diejenigen liebt, denen diese Arbeit dient: anderen Menschen. Das Empfinden der Seele wäre so wie bei einem Gottesdienst. Heiliges Tun mit heiligem Sinn... Heilige Erfüllung durch diesen tiefen, leuchtenden Sinn dieses Tuns, dieses Arbeitens, dieses Dienens, dieses Liebens...! Ja! Wie kann man dies nur beschreiben? Einen Zustand, der heute so radikal verloren ist wie überhaupt der Friede auf Erden? Einen Zustand, in dem Arbeiten und Lieben eins ist? Einen Zustand, in dem die Arbeit geliebt wird, weil sie selbst Liebe ist? Dienendes, liebendes Tätigsein für Andere? Freudiges Sich-Hingeben an ein Tun, das ein Arbeiten für Andere ist? Und ein unerschütterliches Wissen, dass die gegenseitige Hingabe, das Füreinander-Arbeiten und Füreinander-Dasein, das Einander-Helfen, dass dies alles der Sinn ist, weil es die Liebe ist – und der Sinn gerade in einem heiligen, fortwährenden Wachsen der Liebe liegt, der Liebe und, sich dieses allerheiligsten Geheimnisses bewusst zu werden!

Wenn man am „Tag der Arbeit“ also nicht arbeitet, dann nur im Sinne des heiligen Sonntag, der eine heilige Aufgabe hat: das Sich-Versenken in Gott, mit Gott, das Sich-Bewusstswerden der heiligsten Dinge und Tatsachen. Der Sonntag sollte eine Art Gebet sein – und das ist auch möglich, wenn man durch die Natur wandelt. Es geht um eine heilige Taufe. In Gott, mit Gott und heiliges Sich-Weihen für eine neue Woche – anbrechend wie ein weiterer Ostermorgen, ein stetig sich wandelndes und heilig wachsendes Mysterium, heilig-aufregend wie die erste Liebe, fern jeder Gewohnheit und allem Gewöhnlichen, immer ferner...

2. Mai

Ach, wenn die Seelen so leben könnten! So leben, so arbeiten – und so von der Arbeit ruhen, um sich neu zu „taufen“. Was ist denn das Wesen einer Feier? Eine Feier ist eine Heiligung – und je tiefer man in das Heilige eintauchen kann, um so wirklicher ist eine Feier. Alles andere wäre nur ihre Abwesenheit, ihre Verleugnung, ihre bloße Behauptung.

Und mit diesem heiligen Geist der Feier, der zugleich der wahre Geist der Taufe und der Weihe ist, würde man unmittelbar verstehen und erleben, fühlen und begreifen, was Christus, was Ostern für eine Bedeutung hat – und was es für ein Geschehen, ein Tun ist; was die Tat des Christuswesens ist. Man würde die Realität begreifen. Ostern hat gerade deshalb eine Bedeutung, weil es eine fortwährende Realität ist. Und Christus ist der Handelnde, er ist es, der das Geschehen in die Welt strömen lässt. Er, der Handelnde, der Heilig-Heilende, er ist in Wirklichkeit die Realität, in der wir leben, weben und sind. Christus ist die Realität. Anders kann man es gar nicht sagen. Und das, dieses Einzig-Große, dies müsste begriffen werden? Und eine Seele, die sich mit dem heiligen Feier- und Feuer-Geist tauft, würde es  unmittelbar erleben. Es ist ein und dasselbe. Die heilige Taufe ist das heilige Begreifen...

Aber auch umgekehrt: Schon der leiseste Beginn eines heiligen Begreifens wäre  zugleich der Beginn einer heiligen Taufe. Und wenn die Seele etwas davon erlebt, würde sie zugleich erleben, dass ihre wahre Sehnsucht nie etwas anderes war als dies. Heilige Taufe. Heiliges Begreifen. Heilige Feier. Lichtes-Liebe-Sinn...

3. Mai

Christus als die heilige Realität. Aber wie begreift man etwas Heiliges? Man muss sein eigenes Begreifen heilig machen, so heilig wie möglich. Wenn man Christus begreifen will, muss man sich in seinen Gedanken und Empfindungen und sogar mit seinem ganzen Willen zu seinem Liebesgeist und Heileswesen erheben! Nur wenn man dies kann, es zumindest mit tiefer Aufrichtigkeit versucht, kann man hoffen, etwas von seinem wahren Wesen zu begreifen. Wie denn sonst?

Heilig müsste man empfinden, dass hier etwas viel, viel Größeres da ist, als man es selbst ist, mit seiner kleinen Seele. Man müsste den größtmöglichen Begriff von etwas Heiligem überhaupt in sich aufleben lassen. Und dann könnte man anfangen – anfangen, zu begreifen...

Wie Christus das Leben ist. Nicht nur bringt, sondern weil er es bringt, auch dessen Quelle ist: das Leben selbst. Begreifen, wie alles Leben an ein Ende gekommen wäre, wenn nicht er gekommen wäre: das Leben. Begreifen, wie schon viel zu lange der Tod auf Erden gewirkt hatte, die Erde verhärtend, die Leiber verhärtend, die Seelen verhärtend. Begreifen, wie materieller Leib und sinnliche Erde den Gegenmächten zu verdanken sind, die den Tod bringen. Und wie dieser Leib und diese Erde den Gegenmächten verfallen waren, die sie immer weiter hinabgerissen hätten – in die Erstarrung. Und wie dies einen Höhepunkt fand, als er auf die Erde kam, um durch seinen Tod das Leben zu bringen. Begreifen, wie dies alles nicht zufällig dort geschah, wo ein ganzes Volk seit Menschheitsgedenken auf den Erlöser gewartet hatte; wo am tiefsten Punkt der Erde das Tote Meer lag und wo sein Kreuz dann an einer Stätte aufgerichtet wurde, die Schädelstätte hieß...

Man begreift Christus nicht, wenn man nicht begreift, dass man vor einem Wunder steht, als Christus am Kreuz hängt und von seiner Stirn und aus seinen Händen und Füßen und aus seiner Seite das Blut des Erlösers zur Erde tropft, sich schenkend und die Erde erlösend, wie aus einem Wundstarrkrampf, erlösend wie Tropfen reinsten Lichts – und so wurden sie von allen Engeln auch gesehen, jeder einzelne Tropfen Blut: Tropfen von Licht. Von einem Licht reinster Liebe – und reinsten, erlösenden Lebens. Christus hat die Welt gerettet. Und in Bezug auf den Weltenleib bedeutete diese eine Errettung vor der völligen Erstarrung, eine Rettung durch neues Leben, sein Leben, und es begann mit seinem Blut.

Die ganze Erde wurde am Karfreitag mit seinem Blut neu getauft – vom Tod in das Leben hinein. Eine Rettung der Liebe. Ein unbeschreibliches Wunder. Das Blut Christi – ein unendliches Mysterium. Sonnenleben strömt ein in das Grab der Erde...

4. Mai

Ein Leben reicht nicht, das Christusmysterium zu fassen. Und ein Leben reicht nicht, allein dieses Mysterium zu fassen: dass mit dem Tod von Christus auf Golgatha die Erde, die ein Leichnam war, begann, eine Sonne zu werden. Dass der sterbende Staub mit diesem Moment begann, lebende Materie zu werden, etwas übersinnlich Leuchtendes im Kosmos. Das Geheimnis der Leiblichkeit, getauft in das Leben, ein ewiges Leben...

Aber das ist nicht das Einzige! Denn der Mensch hat eine Seele. Und das göttliche, heilige, heilende Leben des Gotteswesens ergießt sein Heil nun auch in das Seelenreich. Wie umströmt, durchströmt, überströmt muss man dieses Reich nun empfinden – durchdrungen, durchlebt und durchheiligt von ihm, dem Leben selbst, auch im Seelischen.

Wie begreift man den Heiland der Seele? Ach, wenn man zunächst den Tod begriffe! Im Leib ist der Tod alles, was mit Erstarrung, Verhärtung zu tun hat, mit Absterben, mit dem Entweichen und Schwinden des Lebens. Und in der Seele? Da ist es ganz genauso! Aber was in ihr erstarrt, verhärtet, entweicht und schwindet, das ist heiliges, zartes seelisches Leben. Es schwindet alles, was eigentlich, von Anbeginn an, das heilige Leben der Seele sein sollte. Aber was, wenn man sich darunter nicht einmal mehr etwas vorstellen kann?

So ist es heute das Schwierigste, überhaupt wieder zu beschreiben, was eigentlich das zarte, heilige Leben der Seele sein kann! Ein Leben, dessen zarte Realität alles übertrifft, was jemals Gnade, Glück, Erfüllung, Liebe genannt werden konnte. Ein Leben, das erst wahrhaft all dies ist und wird. Was die Seele also finden kann und wovon ich hier in meinem Tagebuch immer wieder versuche zu sprechen, das ist das Leben. Das wirkliche und ein zutiefst heiliges Leben. Und nun muss man nur noch wissen, dass dieses in allem, worin es besteht und was sein Wesen und seine Substanz ist, dem Christuswesen zu verdanken ist, denn es kommt aus seinem Leben und er ist die Quelle, der Ursprung, wie die Sonne, wenn auch nur ein Strahl in die Seele dringt und hier das Leben erweckt...

Heiligstes Leben, so wie am Ostermorgen der Auferstandene vor Maria Magdalena: Rühr mich nicht an... Ich bin das Leben, das Zarteste und zugleich das Lebendigste, das reine, reinste Leben. Aber finde mich in dir, da wirst du mich wahrhaft finden...

Christus ist in seinem heiligen Leben, seinem heiligen Schenken, Retten und Begnaden der Seele noch näher als ihr eigenes Herz. Es gibt kein Hindernis zwischen ihm und der Seele – es sei denn, sie selbst... Rühr mich nicht an, aber lass dich von mir anrühren... Lass dich von meinem Leben durchdringen... Ich will in dir Wohnung nehmen, wenn du es nur zulässt... Und dann begreife, wer ich dir bin. Ich bin das Leben, das Licht, die Sonne. Für den Leib. Für die Seele... Leuchte, denn auch du bist zum Leuchten bestimmt. Und ich schenke dir das Heiligste, das Licht selbst. Das wahre Leben. Lebe! Entfalte dieses heilige Leben...

5. Mai

Entfalte dieses heilige Leben, das ein Licht im Kosmos ist. Dieses Noli-me-tangere-Leben, das zugleich das hellstrahlende Licht ist, das aus dem Grab hervorbricht, das auch aus dem Grab der Seele hervorbrechen will. Neues Leben. Das Wesen der Zartheit. Das innerste Geheimnis heiligen Liebeswebens... So zart wie ein Spinnennetz am taufrischen Morgen, so zart wie die Morgenröte – und zugleich so unbesieglich und unüberwindbar wie das Leben selbst.

Und nun bricht diese Lebenssonne auch für das Geistwesen des Menschen hervor. Leib, Seele und Geist. Und überall Christus als Heiland, als Heiler, als Leben und als Sonne. Christus! Heiligstes Leben des Leibes, heiligste Liebe der Seele, heiligstes Licht des Geistes. Und doch überall alles in einem, ungetrennt und dreieinig, immer. Leben, Liebe, Licht...

So, wie die Seele in eine unbeschreiblich zarte Liebe hineingetauft wird, so wird der Geist in ein unbeschreiblich reines Licht hineingetauft. Das Geistwesen soll immer mehr einzigartig werden, das Geheimnis des Ich... Dieses heilige Geheimnis des Ich ist zugleich das Geheimnis des Christus. Das Christuswesen schenkt den Menschen ihr wahres Ich. Dieses heilige Ich besteht aus seinen Buchstaben: Iesus Christus. Und zugleich ist es das Geheimnis der Fische: der Fisch als Symbol Christi, der Fisch, ichthys. Ich...

Und zugleich hat das Sternbild der Fische mit den Füßen zu tun, und also auch mit der Fußwaschung, und also auch mit dem Dienen. Christus – Ich – Liebe – Hingabe. Das alles ist ein großes Geheimnis.

Das Ich erfährt sein wahres Geheimnis, seine wahre Heiligkeit, wenn es in Christus getauft wird. Dies ist nicht die todesmodernde Taufe des Egoismus, sondern die lichtstrahlende Taufe des Einander-Dienens, weil man den anderen als Bruder und Schwester erlebt. Das Ich ist kein Widerspruch zur Liebe, sondern ihre Voraussetzung. Nicht das Ich hängt mit dem Egoismus zusammen, sondern die völlige Erstarrung des Ich in seinem Verfallensein an die Gegenmächte. Das Ich wird von Christus zu seinem wahren Wesen erhoben, indem zugleich Christus in die Seelentiefen einzieht, den Egoismus heilend, den Tod überwindend, die Liebe schenkend.

Alles ist Saat. Und Christus ist der Sämann. Zu den Gesandten Gottes sind wir bestimmt.

Himmelfahrt


6. Mai

Die Begeisterung kann nicht immer auf einem Höhepunkt sein. Sonst wäre es kein Höhepunkt. Aber es gibt den Triumph der Wellen, und es gibt das weite, mächtige, darunterliegende Meer. Auch wenn das Meer keine Wellen schlägt, ist es doch viel größer als die aufschäumende Welle.

Was ist also das Wichtige? Dass man überhaupt ein Meer wird. Denn die Welle allein, die auf dem Strand als Schaum endet, nützt nichts. Die Begeisterung darf keine Eintagsfliege sein, keine bloße Schaumkrone, sie muss etwas haben, aus dem sie entspringt. Und immer wieder neu entspringen kann.

Heilige Begeisterung ist wie der Jubelflug der Lerche. Aber auch die Lerche kann nicht immer höher. Sie kann mit ihrem kleinen Körper einen ungeheuren Jubel erklingen lassen, eine ganze, ganze Weile. Aber irgendwann sitzt sie auch wieder auf dem Boden – und trotzdem schlägt ihr kleines Herz für den großen Himmel, aufgeregt pochend. Und das hört nie auf! Das kleine Lerchenherz pocht immer in aufgeregter Liebe zum Himmel. Und es ist dieses pochende Herz mit seiner Liebe, das das Meer ist, aus dem dann auch der heilige Jubel aufsteigen kann.

Die Lerche jubelt auch, wenn sie am Boden ist. Ihre Liebe zum Himmel hört nie auf. Aber wenn sie sich selbst in den Himmel emporschwingt, dann lässt sie den Jubel auch erklingen! Es ist der offenbarte Jubel. – Und so hört auch das Meer nie auf, Meer zu sein, ein heiliges Wesen voller Tiefe. In den aufschäumenden Wellen offenbart es sich nur. Meer ist es aber immer...

7. Mai

Wenn man sich also fragt: Wo hole ich meine Begeisterung her? Dann soll man nicht fragen, wie man etwas aus dem Nichts herbeizerren kann, denn das kann man nicht. Das kann niemand. Sondern man soll sich fragen: Wie kann ich mein Inneres zum Meer machen? Das ist die entscheidende Frage! Die Lerche fragt auch nicht, wie sie fliegen kann. Die Frage ist nur, wo sie ein schlagendes Herz herbekommt. Das hat ihr aber Gott schon geschenkt. Wenn sie aber ein Herz hat, dann steigt sie auch jubelnd auf, denn der Himmel ist ihr Element, und der Jubel ist ihr Element. Ihr Herz ist dafür geschaffen, zu jubeln...

Wenn das Meer erst einmal da ist, wird es auch Wellen schlagen, denn es müsste sich selbst zwingen, es nicht zu tun. Ein Meer ist nicht dazu geschaffen, still dazuliegen. Die Frage ist also: Wie kann das Innere ein Meer werden?

Aber was ist denn dieses Innere? Die Seele! Ja – wie wird die Seele ein Meer? Wäre das nicht die erste Frage, die sich die Seele stellen müsste? Denn ihre Bestimmung ist es niemals, nur ein dünnes Bächlein zu sein oder gar zu vertrocknen, in ihrem Leben zu versiegen... Aber auch ist es nicht ihre Bestimmung, ein stockender See, ein übelriechender Pfuhl oder ein schlammig-schmutziger Strom zu werden. Und doch kann man dies alles heute sehen!

Wer, o wer, kümmert sich heute um seine Seele? Und warum läuft immer wieder alles auf diesen Punkt zu? Weil es eben diese Seele ist, um die es geht – und weil sie entweder einen heiligen Weg gehen kann und ihr Wesen dann erst wahrhaft entfaltet, oder aber irgendeinen Weg geht, auf dem sie verlottert, verwahrlost und dahinsiecht und stirbt, ohne es zu merken, weil der sinnliche Leib und ihre ganz ans Sinnliche geketteten Regungen ihr noch immer irgendein Leben vorgaukeln. Aber der von Stromstößen durchzuckte Froschschenkel lebt auch nicht mehr...

8. Mai

Das Meer der Seele kann nur eine einzige Quelle haben. Die Seele muss Tiefe gewinnen – Tiefe und Weite. Eine Pfütze kann sich weit oberflächlich ausdehnen, es bleibt eine Pfütze. Wie aber gewinnt die Seele Tiefe?

Was ist denn das Gegenteil von Oberflächlichkeit? Es ist Tiefe! Wie aber gewinnt die Seele diese? Sie muss zuerst aufhören, die Oberflächlichkeit zu lieben – und beginnen, die Tiefe zu lieben. Wenn man etwas liebt, was man noch nicht hat, nennt man das auch Sehnsucht. Die Seele braucht vor allem anderen die Sehnsucht nach Tiefe...

Dabei kann man der Seele nun nicht mehr weiter helfen. Diese muss sie ganz alleine finden. Aber ich sage es noch einmal: Sie muss zuerst aufhören die Oberflächlichkeit zu lieben. Sie muss lernen, wirklich lernen, an der Oberflächlichkeit zu leiden. Und das ist mehr. Wenn man aufhört, etwas zu lieben, leidet man noch nicht daran. Aber vielleicht gehört es gerade auch zu der Oberflächlichkeit der Seele, dass sie nicht mehr leiden kann? Vielleicht ist es Teil dieser Oberflächlichkeit, sie angeblich nicht mehr zu lieben, aber dennoch absolut nicht an ihr zu leiden. Vielleicht ist die ganze moderne Indifferenz der Seele ein großer, großer Teil dieser Oberflächlichkeit...

Beginne also, Seele, an deiner Oberflächlichkeit zu leiden! Beginne wahrhaft zu leiden, und du wirst wahrhaft das Meer finden...

9. Mai

Und der auferstandene Christus verschwand den Jüngern wieder, verschwand ihnen in die Himmel. Wahrlich – wie die Lerche! Würde man nicht einen Jubelgesang erwarten?

Aber die Jünger, die allein zurückblieben, stürzten in neues Leid. Und wahrlich, auch so wird ein Meer gegraben. Denn nach tiefstem Leid über das Unfassbare strömte zehn Tage später der Tröster in ihre Seelen! Ein Meer von heiligem Geist. Meerestief hatten ihr Leid und ihre Sehnsucht ihre Seelen gemacht – und nun strömte ein, was dieses Meer füllen konnte! Der Heilige Geist, der Tröster, der Geist der Wahrheit – wie Christus gesagt hatte! Aber kein Meer ohne Leid, Christus musste also gehen, und auch das hatte er ihnen gesagt.

Aber hatte er nicht auch gesagt: Ich bin bei euch, bis an das Ende der Welt? Doch die Jünger konnten das alles nicht verstehen. Gehört denn der Himmel bis zu den Wolken nicht mit zur Erde? Verlässt denn die Lerche die Erde, wenn sie hoch aufsteigt – so hoch, dass wir sie kaum noch mit dem Auge sehen? Oder spüren wir nicht, dass sie noch immer bei uns ist, hören wir nicht ihren jubelnden Gesang, der aus ihrer kleinen Kehle so laut hervorströmt, dass er unser Ohr begnadet, obwohl wir sie gar nicht mehr sehen?

Der Himmel der Lerche gehört noch immer zur Erde! Und selbst die Wolken gehören zur Erde. Die Erde ist mit den großen, klaren Augen der Sterne gesehen eine leuchtende Perle im Weltenall. Und was wir zunächst den ,Himmel’ nennen, ist nur diese hauchdünne, sonnendurchflutete, wunderzarte Haut, die diesen heiligen Planeten umgibt. Die Erde – eine kostbare, heilige Perle im Weltenall...

Und als sich die heilige Himmelfahrt ereignete, da hat Christus die Menschen nicht verlassen, auch seine Jünger nicht, sondern im Gegenteil – er hat sich für immer mit den Menschen und der ganzen Erde verbunden. Er ist der Geist der Erde geworden. Die Erde ist sein Leib geworden. Die ganze Erde! Er ist eine heiligste Macht, die sich mit der ganzen heiligen Erde verband – heilig, weil er sie zu seinem Leib wählte.

Die Himmelfahrt ist ein heiligstes Kommunionsgeschehen! Eine Hochzeit. Der Christusgeist heiratet den Erdenleib. Es ist eine neue Inkarnation. Eine Vereinigung. Die Durchchristung der Erde und ihrer ganzen, zarten Himmelshaut, das Geheimnis der Atmosphäre. Überall ist er nun! ,Aus Kraut und Stein und Meer und Licht schimmert sein kindlich Angesicht’, singt Novalis – auch er eine Lerche!

Himmelfahrt! Himmelfahrt ist Erdenhochzeit. Ist Christi tiefste Erden-Menschen-Liebes-Treue... O, dass wir alle Lerchen würden, um in jubelnder Liebe zu ihm in den Himmel aufzusteigen, der in heiligster Verbindung zur Erde gehört!

10. Mai

Heilige Himmelfahrt! O, wenn wir doch nur lernen würden, in heiligen Begriffen zu denken. In Begriffen der Hochzeit. Nur noch so – nicht mehr anders. Begriffe der Liebe und der allertiefsten Treue. Christus jedenfalls – Christus kann man nur so erfassen, nur so. In Begriffen der Hochzeit. Für Christus ist alles Braut. Er wartet nur darauf, dass sie sich schmückt. Aber er wartet. Er ist die Gnade – aber die Seele muss sich bereit machen, und der Beginn dieses Sich-Bereitmachens ist überhaupt eine Sehnsucht. Ohne Sehnsucht gibt es keine Hochzeit – nicht einmal eine Verlobung! Nicht einmal eine Bekanntschaft...

Wir müssen völlig neu denken lernen. Und die Seele muss lernen, zu spüren, was sie eigentlich wirklich will. Sie ist doch fortwährend nur an der Oberfläche. Bevor sie irgendeine Tiefe gewinnen kann, muss sie ihre eigene Tiefe finden, wie flach diese zunächst auch sein mag. Sie muss wissen, was sie will, sie muss spüren, was sie sucht – sie muss lernen, ihre leise Sehnsucht zu hören. Lernen! Denn die Sehnsucht spricht leise, und auch Christus wartet leise, nicht laut, heilig und sanft, nicht drängend...
Alles ist Saat. Und die erste Unzufriedenheit mit der eigenen, leise gespürten Oberflächlichkeit ist bereits die Saat für eine wachsende Sehnsucht nach etwas anderem. Für eine wachsende Unzufriedenheit, die dann keimt zu einem wachsenden Leiden, das dann aufkeimt zu einer aufrichtigen Sehnsucht, die dann weiterwächst, dem Licht entgegen...

Himmelfahrt ist eine Hochzeit Christi mit der ganzen Erde. Es ist aber auch ein ewiges Treueversprechen gegenüber jeder einzelnen Seele. Wie er es sagte: Ich bin bei euch, bis an der Welt Ende. Er ist es. ,Er ist der Stern, er ist die Sonn’. Er ist des ewgen Lebens Bronn’, und zwar vereint mit der Erde. Ihm können die Keime der Seele entgegenwachsen, ihn suchen sie ja, ihn das Licht, die Wärme, das unbeschreibliche Alles... Nichts anderes, sondern dieses Eine, was mit seinem Wesen zu tun hat. Überall schimmert sein Angesicht, überall sucht die heilige Stimme der Sehnsucht nach ihm...

11. Mai

Und wie wird die Seele ein Meer... Unterhalb der Wellen ist das Meer ruhig, vielleicht strömend, aber ruhig, und doch mächtig, denn es hat Tiefe. Sehnsucht nach Tiefe. Ein heiliges, langsames Wachsenlassen der Seele – in die Tiefe. Die Tiefe kann genausowenig erzwungen werden wie jedes andere Wachstum. Die Pflanze wächst in ihrem eigenen, unendlich zarten Tempo, das Leben heißt. Und auch die Seele wächst nur in dem Rhythmus ihres eigenen Lebens in die Tiefe, wenn sie diese Tiefe ersehnt und auch erstrebt. Von selbst kommt sie nicht. Das Wesentliche ist Sehnsucht nach ihr – und ein tiefer, wachsender, heiliger Ernst.

Der heilige Ernst ist wie das Tastorgan der Seele in die Tiefe. Er ist wie die Wurzeln der Pflanze. Sie wachsen in die heiligen Erdentiefen. Der Ernst wächst in die heiligen Seelentiefen und macht sie zu einer Realität.

Der Ernst ist wahrlich etwas Heiliges! Und er ist kein Widerspruch zur Freude, nur zur Oberflächlichkeit. Kein Widerspruch zur Freude? Ja – aber wie soll man dies erklären? Die Worte bekommen ihre Grenzen, manches kann man nur erleben. Und man muss wirklich anfangen, diese Stimmungen der Seele selbst zu erleben. Dann findet man auch selbst die Antworten, auch auf alle scheinbaren Widersprüche.

Der Ernst ist etwas Heiliges – und das Heilige ist nie ein Widerspruch zu einer heiligen Freude. Denn dann müsste es ja traurig machen, was unmöglich ist. Es gibt also einen Ernst, der, sich auf das Heilige beziehend und selbst heilig seiend, zugleich von einer unbeschreiblichen, heiligen Freude durchzogen ist. Um sich dies wirklich vorstellen zu können, wenn man es nicht allein erleben kann, müsste man sich nur vorstellen, wie sich der Ernst der Wurzeln, die zart und gewissenhaft in die Erdentiefen dringen, vereint mit dem Jubeln der Lerche und ihren heilig schlagenden Herzen... Wenn man beides zusammen erleben kann, dann hat man heiligen Ernst, der zugleich heilige Freude ist.

Und mit all diesen heiligen Empfindungen, ihnen immer wieder nachsinnend, ihnen nachspürend, sie zu den eigenen machend ... findet man das Meer...

12. Mai

Die Himmelfahrt ist eine große, große Hochzeit. Der Christus-Geist vereint sich mit der ganzen Erde, von den Höhen ihrer leuchtenden Atmosphäre bis zu den Tiefen der Erde. Ein unvorstellbares Geschehen! Die Erdentiefen jubeln nicht wie die kleine Lerche, nicht in derselben Weise, aber ihr ernst-heiliges Empfangen des Christus ist nicht weniger durchdrungen von einer Freude, für die einfach alle Worte fehlen, denn die menschliche Sprache hat keine Worte, um Freude, Ernst und heiliges Geschehen bis ins Unendliche zu steigern und erst dann auszudrücken!

Aber man kann sich vorstellen, dass seit diesen heiligen Geschehnissen die ganze Erde nicht umsonst blüht; dass sich auch nicht mehr un-christlich blüht, sondern dass seitdem alles Blühen gerade in dieser Zeit ein allertiefster Jubel ist. Himmelfahrt! Erdenhochzeit! In unbeschreiblichem Jubel strömt sich auch die Natur in heiligster Blütenschönheit aus. Und man darf niemals denken, das wäre etwas Oberflächliches, einfach nur Freudig-Leichtes. O, das zarte Wunder der Blütenblätter ist so leicht wie ein Schmetterlingsflügel! Aber was ist der Ursprung dieses wunderbaren Schönheitswebens? Es sind die Erdentiefen!

Ohne die tiefen Wurzeln, die im Erdreich ernst-mütterliche Kraft sammeln, ohne diesen Ernst der Erdentiefen würde nichts blühen können. Oder es wäre wirklich oberflächlich, hätte keinen Gehalt, keine Essenz, kein Wesen. Aber so ist das Blühen des Frühlings nicht! Es ist voller Essenz, voll heiliger Tiefe, die die Seele von Schönheitsschwere taumeln lässt. Heilige Tiefe ist der Quell dieser unbeschreiblichen Schönheit. Und erst aus der Tiefe heraus ist das Wunder der ätherisch zarten Kirschblüten und all der anderen blühenden Schönheit möglich und zu verstehen. Dieses ganze heilige Blühen ist die Essenz einer unsagbaren Tiefe. Die Natur ist von ungeheurem Ernst – nur deshalb kann sie auch von dieser ungeheuren Freude sein, die zu Himmelfahrt hervorbricht!

O, wenn die Seele diese Zusammenhänge verstünde! Sie würde sich nie wieder vor dem Ernst fürchten, der selbst ein Wunder ist. Eine Gnade. Ein Heiligtum. Nein – sie würde sich von da an nur noch vor der Oberflächlichkeit fürchten. Diese fliehend – und den Ernst findend. Und mit ihm die Freude. In all ihrer Tiefe. Denn unversehens wird die Seele ein Meer...

13. Mai

Christus ist bei einem. Und bei allem. Und wenn man dies begriffe...

Nur dieses eine. Denn wozu mehr? Wozu mehr, bevor man dieses eine begriffen hätte, staunend, taumelnd, fast ungläubig, es nicht fassen könnend, sanft erschlagen vor Glück, in einem Zustand des zartesten Erkennens des Allerunvorstellbarsten und Allerbeglückendsten – seiner Gegenwart und seines Wesens...

Und aber wie sollte man beschreiben, warum dies so ist, so unbeschreiblich? Wie kann man denn Christus beschreiben? Man kann es gar nicht, ohne dass es eine bloße Beschreibung wird – und was würde das dann noch nutzen? Es würde sich vor ihn stellen, wie so vieles andere. Man würde dann gerade nicht wissen, wie sein Wesen ist, denn man hätte nicht das Erleben, nur die Beschreibung, aber die Beschreibung ist nichts, und sein Wesen ist nur berührt, wenn man es dann auch erleben würde. Aber wie – wie dann, wie kann man, was kann man tun...?

Alles stellt sich vor Christus, und dann steht es da, zwischen seinem Wesen und der Seele; und die Seelen haben es selbst dorthin gestellt, zwischen sich und sein Wesen, um es nicht zu erkennen, und warum nicht – aus Angst vor der Gnade. Aus Eigensinn, der die Gnade weder kennt noch will, aber zugleich größte Angst vor ihr hat. Angst vor dem Überwältigenden, was aber das einzige Nicht-Überwältigende auf dieser Welt ist. Reinstes Glück, reinster Friede, reinste Freude – und reinstes Heil. Heilung, Heilendes, Heiliges. Gnade also, das Höchste überhaupt, das Unvorstellbarste überhaupt. Und davor haben die Seelen Angst! Warum!?

14. Mai

Ach! Wieder komme ich dazu, die Seele zu beklagen. All die Seelen, die gleichsam Hals über Kopf weglaufen, die am Rennen und Fortstürzen sind, in jedem Moment, ohne es zu wissen. Wovor laufen sie weg? Vor sich selbst. Vor ihrer eigenen Sehnsucht. Aber vor allem: vor Christus. Sie laufen wirklich weg. Immer, immer laufen sie in die andere Richtung. Hinein in ihren Eigensinn, in die Gottferne, in die Oberflächlichkeit, in der Gewöhnliche, in das Einfach-so-Weiterleben, als ob es Christus nicht gäbe. Und dieses Leben ist es dann, mit dem sie Christus tatsächlich verleugnen. Denn keine Seele könnte weiterleben wie bisher, wenn sie ihn nicht verleugnen würde. Aber wenn sie ihn nicht einmal kennt oder kennen will?

Petrus verleugnete Christus dreimal, bevor der Hahn krähte, und weinte danach bitterlich. Er wusste, dass er es getan hatte... Und heute weiß es die Seele kaum, weil sie gar nicht weiß, wer Christus ist, weil sie sein Wesen überhaupt nicht kennt, und weil sie auch ihr Wesen überhaupt nicht kennt, sondern im Grunde betäubt, blind und dumpf taumelnd wie in einem Tiefschlaf weniger lebt, als bloß irgendwie existiert. Dieses Fortstürzen von Augenblick zu Augenblick in Gottesferne und Oberfläche kann man nicht Leben nennen, auch wenn die dahintaumelnde Seele noch so sehr meint, sie würde mitten im vollen Leben stehen. Sie steht vielleicht in einem schlickigen Sumpf dessen, was sie ,Leben’ nennt, was aber nicht das ist, was das Leben der Seele wirklich wäre.

Die Seelen stürzen sich in den Sumpf der Sinne; in das ganz materielle und äußerliche, äußere Leben, finden hier eine ,Fülle’ – und vergessen ganz, ja, begreifen überhaupt nicht, nicht einmal ansatzweise, was sie selbst eigentlich sind, sein könnten, sein sollten. Sie vergessen und sind blind und taub dafür, dass sie inmitten dieser scheinbaren ,Fülle’ selbst in eine Leere geraten. Sich selbst leeren sie aus, werden leer und nichtig, gehen den völlig falschen Weg, dahinstürzend, sinnlos, ja, wirklich verloren. Verloren in Blindheit. Verloren in Nichtbegreifen, in sinnlosem Sich-Verlieren...

15. Mai

Aber wenn man nun einen Moment innehielte... Das Innehalten wäre vielleicht das Erste. Man würde sich noch gar nicht verändern, aber zumindest schon einmal innehalten. Wäre das möglich? Könnte die Seele innehalten, wenn sie gar nicht weiß, dass sie fortwährend davonstürzt und wegläuft?

Vielleicht weiß sie es gar nicht, nicht bewusst – und weiß aber dennoch, trotzdem, wie das ist, dieses Innehalten. Irgendetwas in der Seele weiß dennoch, dass sie wegläuft. Und dieser Teil in ihr ist es auch, der stehenbleiben will, der nicht weglaufen will, der auch nicht will, dass der übrige Teil wegläuft. Dieser Teil ist es auch, der weiß, wie man innehalten könnte – denn er möchte es die ganze Zeit. Er selbst tut es sogar die ganze Zeit – aber er sehnt sich danach, dass auch der übrige Teil ... begreift. Es gibt also etwas in der Seele, was sehr genau weiß, wie sie innehalten könnte. Aber der Teil, der fortwährend wegläuft, scheint es nicht zu wissen – und will es auch nicht wissen.

So scheint es. Aber ist es so? Es muss wohl so sein. Und doch leidet die Seele daran – selbst da, wo sie es gar nicht weiß. Kann das sein? Ja, das kann sein. Sie läuft ja auch vor ihrer eigenen Erkenntnis ihres Wesens und ihres Tuns weg. Sie will davon nichts wissen, um nicht an ihrem Tun leiden zu müssen oder sich ändern zu müssen, aber weglaufen tut sie trotzdem. Und natürlich bedeutet dies ein Leiden – denn wer möchte wahrhaft vor sich selbst weglaufen? Jede Seele möchte wahrhaft sie selbst sein, ihr wahres Wesen offenbaren – aber keine Seele tut es, weil keine weiß, was ihr wahres Wesen ist, sondern stets etwas anderes meint, etwas, was nicht ihr wahres Wesen ist. Und ein Teil in ihr weiß dies auch. Dieser Teil ist ihr wahres Wesen...

16. Mai

Aber von diesem heiligen Teil in ihr strömt das Wissen fortwährend auch leise in den anderen. Wie dumpf die Seele auch dahinlebt – das leise Mysterium der Selbsterkenntnis durchwebt diese Schattenwelt und möchte sie mit Licht durchziehen. Es durchwebt auch das gröbste Sinnesleben und möchte es leise Auflösen, für den heiligen Blick hinter den Schleier. Und deswegen – weil selbst in der größten Flucht, der größten Gottesferne und der größten Oberflächlichkeit etwas von dem Anderen lebt, etwas von dem anderen Ufer, was mitgegangen ist –, eben deswegen weiß die Seele in ihrem Innersten, auch im Innersten dieses flüchtenden, gottesfernen, oberflächlichen Teils, was das Innehalten ist. Denn das, was mitgegangen ist, gibt ihr dieses Wissen, erinnert sie daran, sie gleichsam sanft berührend, aber von innen, immer daseiend...

Was kann man noch darüber sagen? Das Ganze ist ein Wunder, es ist schlicht ein Wunder. Aber es ist so zart, so leise, so heilig-behutsam, dass die Seele es normalerweise gar nicht merkt. Dass ihr nichts davon bewusst wird. Nichts außer vielleicht ein leises Leiden, ein leisestes, eine ganz leise Lebensfrage, eben ein winzig-sanftes, nicht in Worte zu fassendes Leiden, eine unnennbare, nicht fassbare, wie ein Regenbogen sich dem Fassbarwerden entziehende, heilig-leise Sehnsucht...

Aber diese – diese kann irgendwann, an irgendeinem Punkt, in irgendeinem Augenblick, doch bewusst werden. Zumindest sie. Und dann – wenn das geschieht –, dann kann die Seele irgendwann doch innehalten. Denn der Zwiespalt ist zu weit geworden. Irgendwann kommt es soweit, dass zu viel in der Seele nicht mehr einfach nur immer weiterstürzen möchte; dass zu vieles in der Seele an etwas leidet, was sie gar nicht beschreiben kann, aber doch leidet, und weil dies eine Art heilig-leise, hilflose Ratlosigkeit gibt, beginnt die Seele allmählich innezuhalten. O, welch heiliger Prozess! Welch heilige, rettende Handlung... Noch immer fast unbewusst und doch schon an der Grenze zu einem Neuen, auch neuen Bewusstsein. Noch immer fast unbewusst und doch schon eine neue Handlung, ein Innehalten. Ein Wunder...

17. Mai

Und dann müsste, könnte dieses Innehalten eine ganze Weile dauern. Eine ganze, ganze Weile... Ach, wie glücklich ist schon dieses Innehalten! Wie erlösend. Allmählich, ganz allmählich. Wie wenn das innere Anhalten erst langsam nachfolgen würde, mit Verzögerung, obwohl es ja schon ein innerlicher Vorgang ist! Aber er hat ja auch mit der äußeren Welt zu tun. Innehalten kann man nur, wenn man es wirklich tut, auch äußerlich. Man muss wirklich anhalten. Nicht mehr all das tun, was man bis dahin getan hat, sondern innehalten. Und was gehört noch dazu? Sich besinnen. Das Innehalten ist die Voraussetzung für das Sich-Besinnen, das dann noch ein heiliger zweiter Schritt dabei ist.

Das Innehalten ist schon das leise, heilige Bewusstsein, dass etwas nicht richtig ist, nicht stimmt, dass man innehalten muss. Es ist also bereits dieser heilig-leise Strom des erkennenden Lichtes, dieser sanfte Lichtfaden, der die Seele durchzieht. Und zunächst führt dieses zum Innehalten, das ist der erste Schritt der Seele, schon die erste heilig-wunderbare Handlung. Innehalten...

Aber dann geht dieses weiter, es setzt sich fort, es entfaltet sich, wie die Blätter einer Pflanze. Das Innehalten – es kann ja nicht nur Innehalten bleiben, aus ihm entsteht ja etwas, da ist ja noch etwas. Da ist ja noch etwas, das jetzt hinzukommen kann. Es ist eben jenes Heilige, was die Seele erst tun kann, wenn sie innehält – und niemals, solange sie nicht innehalten würde... Das Innehalten ist dasjenige, wodurch sich allmählich eine heilige Stille in die Seele einsenkt, wo auch sie sich in eine heilige Stille hineinsenken kann. Und wenn dieses erste Heilige eingetreten ist, gleichsam wie eine Vorbereitung, und trotzdem auch selbst schon heilig, dann kann in diese Stille noch etwas anderes eintreten, und das ist eben das zweite Neue. Der heilig-behutsam-leise Strom der Selbstbesinnung.