11.01.2018

Der Weg des Mädchens

Holger Niederhausen: Der Kreis der Hüterinnen. Roman. Books on Demand, 2018. Paperback, 408 Seiten, 15,90 Euro. | Bestellen bei BoD oder Amazon.


Soeben erschienen:

Die fünfzehnjährige Liane fühlt sich sehr allein mit ihrer aufrichtigen Sehnsucht nach einer besseren Welt. Da erfährt sie von einer Gruppe anderer Mädchen, die mit dieser Sehnsucht ernst machen.

Sie schließt sich ihnen an – und erlebt etwas, was sie nie für möglich gehalten hätte. Immer tiefer versteht sie, was der Name bedeutet: der Kreis der Hüterinnen...

Leseprobe

Die Landschaft zog an ihren Augen vorüber. Es war die Landschaft des Spätherbstes. Nichts Anziehendes war jetzt mehr draußen zu sehen, nichts, was den Blick festhielt, durch Farbe, durch Schönheit. Und doch sah sie gern hinaus. Sie mochte es, irgendwohin zu fahren. Und die Landschaft war immer viel friedlicher als die übrige Welt, also auch viel schöner, zu welcher Jahreszeit auch immer.

Jetzt aber zogen auch Gedanken in ihr vorüber. Verschiedenste Gedanken. Der Konflikt mit ihrem Vater. Die Missbilligung, mit der er sie dann auch heute wieder verabschiedet hatte. Weh tat das, sehr, sehr weh... Aber auch seine Bemerkungen vom Montag. Ja, sie war schlank. Und ihr Vater konnte denken, dass sie dünn war. Vielleicht hatte sie sogar abgenommen, seit sie nichts Tierisches mehr aß. Trotzdem fanden die Jungen sie schön. Viel zu sehr. Es gab zu viele Jungen, bei denen sie das merkte. Und es gab keinen Jungen, zu dem sie sich hingezogen fühlte...

Jungen waren zu grob... Jungen aßen Fleisch. Jungen machten blöde Witze. Sie waren hässlich – innerlich, und nicht nur innerlich. Ein paar Reihen weiter vorne saßen auch zwei solche Jungen. Auch sie unterhielten sich viel zu laut, lachten zu laut, sprachen nur über Gewöhnliches. Warum waren Jungen so? Aber – die Mädchen waren oft auch nicht viel besser...

Sie holte die Zeitung wieder aus ihrem Rucksack. Wie oft hatte sie sich den Bericht schon angeschaut! Ein Satz ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie las ihn wiederum. ,Sie sagen, sie tun es für die ganze Menschheit.’ Es war dieser Satz, der sie nicht mehr losgelassen hatte. Und dann das Foto. Man sah sie nur klein – aber seit sie das Foto gesehen hatte, wusste sie, dass sie niemand anderen suchte. Sie war sich absolut sicher. Dieser eine Satz und das Foto. Sie wäre um die halbe Welt gefahren, um ihnen zu begegnen...

Sie steckte die Zeitung behutsam wieder in das vordere Fach ihres Rucksackes. Die Jungen drei Reihen vor ihr alberten immer noch miteinander herum. Einsam blickte sie wieder auf die Landschaft. Kannte irgendeiner dieser Menschen im Zug dieses Gefühl der Einsamkeit? Es war so ein Ziehen im Inneren, ein trauriges, einsames Ziehen... Allein war man ... allein mit diesem Ziehen und mit der Landschaft da draußen.

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