27.03.2021

,Dünnes Eis’ und ,schwüle Träume’?

Über das Missverstehen meiner Bücher und Cover.


Inhalt
Die Vorwürfe
Das Mädchen – zutiefst umkämpfte Gestalt
Von dem Heiligen
Von dem Zärtlichen
Menschheitszukunft und Augenhöhe
Gleichberechtigtes Gegenüber?
Zu meinen Covern
Vom Wesen der Phantasie
Vom Wesen der Erotik
Ein Cover als Stein des Anstoßes
Missbrauch
Unterstellungen
Die Perversion der Begriffe


Die Vorwürfe

Eine Waldorfmutter von zwei Mädchen schrieb mir, nachdem sie seit Jahren von meinen Büchern nie wirklich Kenntnis genommen hatte, nun auf einmal, sie habe sich ,mal’ einige meiner Bücher ,angesehen’. Was ich schreibe, erscheine ihr ,wirklich problematisch’. Wer das lesen solle – ,Mädchen? Wohl kaum. Männer? Dann aber welche, die moralisch auf höchst dünnem Eis unterwegs sind.’ Als Mutter zweier Mädchen finde sie ,sowohl die Cover, als auch die Inhaltsangaben höchst fragwürdig’. Und wenn es um ,reine’ Liebe gehe, ,was sollen dann Mädchenunterhosen’ auf dem Cover? Oder ,reihenweise Mädchendarstellungen aus voyeuristischer Perspektive, also ohne Kopf, ohne Gesicht, ohne eigenen Blick’? Dies habe mit ,Selbstermächtigung und Freiheit von jungen Menschen absolut gar nichts zu tun’, sondern nur mit ,den schwülen Fantasien von Männern, die sich nicht an Frauen auf Augenhöhe heran trauen’ und lieber von ,Wesen’ träumen würden, denen sie den ,Retter’ spielen könnten, ,um sie gleichzeitig für ihr verirrtes Gefühlsleben zu missbrauchen’. Sie sei ,entsetzt’.

Ich antwortete ihr:

[...] bedauere ich, wie schnell und äußerlich Du Deine Urteile formst. Vorurteile dieser Art habe ich in dem Fortsetzungsroman ,Nur Maja’ und ,Majas Magie’ ausführlichst behandelt – aber auch in ,Unmöglich, sagten sie’. Selbstverständlich ist das Eis moralisch dünn – aber wer beurteilt, ob es trägt? Dünn war das Eis auch bei der Ehebrecherin in Johannes 8 – die meisten wollten sie steinigen.
Das Cover, was Du so extrem fragwürdig findest, habe ich tatsächlich gewählt, um das Eis so dünn wie möglich zu machen. Wer darüber urteilen kann, ist jedoch nur das Mädchen selbst. Dafür müsstest Du den Roman aber einmal lesen – was Du wahrscheinlich nicht tun wirst. Nur nach Covern abzuurteilen, ist keine Kunst. Den Missbrauchsvorwurf mit der Gießkanne auszustreuen auch nicht. Ich nehme an, das kann jeder absolut fantastisch.
Ich will Dir auch Deinen Voyeurismus-Begriff nicht nehmen. Aber als Waldorfmutter solltest Du wissen, wie wesentlich die Phantasie ist – man gibt auch einem Mädchen nicht Barbiepuppen in die Hand, sondern Waldorfpuppen mit Knopfaugen. Warum soll ich schon auf dem Cover individuelle Mädchen zeigen, mit ganz bestimmtem Gesicht, die die Vorstellung des Lesers bereits absolut festlegen? Das kann ich gar nicht, weil sie dem Mädchen in dem Roman niemals ähneln würden.
Dort, wo das Gesicht ganz fehlt, geht es entweder wirklich um das noch ganz überindividuelle Wesen des Mädchens oder aber tatsächlich um Mädchen-Opfer, aber selbst das scheinst Du überhaupt nicht zu berücksichtigen, weil Du offenbar gern alles in einen Topf werfen möchtest, um maximal ,entsetzt’ sein zu können.
Ich bin entsetzt über Deine schnellen, ganz äußerlichen Urteile. Aber ich kann sie verstehen. Auf moralisch dünnem Eis bleibt man gern eisern auf der ganz, ganz sicheren Seite. Tu das. Ich weiß, dass man sich dann in der Regel wohler fühlt und moralisch ,gerechtfertigt’. Aber das taten die Pharisäer auch.

Daraufhin schrieb sie nur noch scharf einen Zweizeiler: ,Oh, ich spreche nicht aus Vorurteilen, sondern aus der Perspektive des Missbrauchsopfers. Mir brauchst Du nichts zu erzählen. Und jede Ehebrecherin ist mir eine Freundin. Ihr Recht ist ein anderes als das der Männer, denen es nach Kindern gelüstet.’

Ich konnte ihr nur noch einmal das Folgende antworten:

Meine Bücher sind Zeugnisse gegen jede Art von Missbrauch – aber zugleich auch gegen jede Art von Vorurteil, wo es um das Gegenteil von Missbrauch geht. Mit ist klar, dass Missbrauchsopfer hier hoch empfindlich sind. Aber undifferenzierte Rundumschläge sind auch Schläge und damit auch Missbrauch – und sie bleiben Vorurteil, weil sie das Individuelle gar nicht mehr sehen wollen. Das zeigt schon Dein Wort von „Männern, denen es nach Kindern gelüstet“. Es ist eben alles unter der Brille des Missbrauchs gesehen – konkret lesen muss man dann natürlich gar nicht mehr, es reicht ja, das Urteil gefällt zu haben. Jedes Mädchen ist dann ein „Kind“, jeden Mann, der ein Mädchen zu lieben beginnt, „gelüstet es“ – und weitere Zwischentöne gibt es dann nicht mehr. Eine Welt, in der es nur Missbrauch gibt – oder aber ganz dickes Eis ohne jede Möglichkeit, dass es zwischen einem Mädchen und einem Mann vielleicht noch etwas anderes geben kann als Missbrauch.
Das Recht eines Mannes, den es nicht „nach Kindern gelüstet“, ist ein anderes als das des Missbrauchstäters. Er hat ein Recht auf das Urteil des Mädchens – und nicht auf das Urteil derer, die missbraucht wurden und deshalb oft nur noch verurteilen können, egal um was es eigentlich geht...

Das Mädchen – zutiefst umkämpfte Gestalt

Es ist seltsam, dass ich nur Minuten vor der E-Mail dieser Mutter auf meinen Seiten endlich folgenden Hinweis einfügte: Wer meinen würde, ich schriebe nur ,Mädchen-Bücher’, der irrte essenziell – diese Mädchen sind Botinnen des immer verschütteteren Wesens der menschlichen Seele überhaupt.

Das und nichts anderes ist der tiefste Grund, warum in meinen Büchern die Gestalt des Mädchens immer wieder zentral ist – und warum sich in meinen Romanen immer wieder Jungen oder Männer in ein solches Mädchen verlieben. Eben nicht in jedes, sondern in ein solches...

Der ganze Missbrauchsdiskurs deckelt das Thema und richtet es brutal nur noch auf eine einzige Weise aus – mit der dann ebenso brutal alles andere ,abgebügelt’ werden kann: als ,bekanntermaßen pervers’. Man muss dann nur noch ,irritiert’ und ,entsetzt’ sein, und fertig ist das Thema. Nur merkt man dabei nicht, dass man hier ebenso nur konditioniert wurde – und andere konditioniert.

Was nicht gesehen wird, was man nicht wahrhaben will, ist, dass das Thema ,Mann und Mädchen’ auch eine völlig andere Dimension haben kann – eine völlig andere. Dass nämlich das Mädchen die Seele gerade in einen heiligen Bereich hineinführen kann – in einen so heiligen Bereich, dass all die selbstgerechten Warner und ,Entsetzten’ überhaupt keine Ahnung davon haben. Alle die, die meinen, wem es um das ,Heilige’ oder ,Moralische’ gehe, der lasse ein Mädchen eben ,in Ruhe’ und fertig – all diese haben keinerlei Vorstellung, dass es um weit mehr geht als das gewöhnliche ,Gutmenschentum’, dem sie sich ja so problemlos und unhinterfragt anschließen.

Das Wesen des Mädchens kann die Seele in unendlicher Weise vertiefen, heiligen, läutern – in wirklich unendlicher Weise. Nicht umsonst kann man über diese heilige Gestalt des Mädchens ungezählte Bücher schreiben, ohne dass sie sich je erschöpfen würde. Nur von außen vermeint man irrigerweise, ,das Thema’ würde sich ,ja nur wiederholen’ – aber wieder hat man keine Ahnung, bemüht sich nicht einmal um ein tiefergehendes Urteil ... und beweist damit gerade seine absolute Ferne vom Wesen des Mädchens...

Es ist normal, dass die moderne Seele glaubt, sie bedürfe der Läuterung und Vertiefung nicht mehr – oder sie fände diese ja auf anderen Wegen, jeder hat ja seine persönliche Spiritualität, seine Anthroposophie, sein Yoga, sein was auch immer – und so vermeint jeder, auf dem richtigen Weg zu sein. Ich will diese Wege niemandem nehmen – aber die Verurteilung meiner Bücher beweist mir, dass man nicht auf dem richtigen Weg ist. Denn intolerant und rein äußerlich unterliegt man den Vorurteilen schon an der ersten Wegkreuzung... Und man begreift nicht einmal, wie hartherzig, oberflächlich und blind man ist und urteilt. Aber man hält sich für verantwortungsvoll, moralisch und gerechtfertigt – o ja, dies ist sehr, sehr einfach...

Es ist einfach wegen des vielfachen Missbrauchs von Mädchen. Dieser ist eine Tatsache – und es ist auch eine Tatsache, dass die meisten Mädchen von den meisten Männern gar nichts wissen wollen, also tatsächlich einfach nur ,in Ruhe gelassen’ werden wollen. Aber von den meisten Mädchen handeln meine Romane ohnehin nicht – sondern von der Gestalt des Mädchens ... so, wie es auch die Märchen tun, die man ebenso wenig einfach eins zu eins in die Realität übertragen könnte. Märchen sind tiefe Lebenswahrheiten, aber nur, wenn man sie nicht hochmütig einfach so in den Alltag hineinnimmt. Die Seele muss jeglicher Heiligtümer überhaupt erst würdig werden – oder es bleiben ,Perlen vor die Säue’, und man selbst bleibt sauhaft und begreift nicht das Geringste...

Von dem Heiligen

In meinen Büchern geht es um etwas sehr Heiliges – um das heilige Wesen der Seele überhaupt. Immer wieder. Und die Mädchen meiner Romane sind die Repräsentantinnen, die Botinnen dieses Heiligen. Das wird man natürlich nur bemerken (können), wenn man sie wirklich liest. An einem bloßen Rückentext, der notwendigerweise nur aus zwei, drei, vier Sätzen bestehen kann, sogleich seine gewöhnlichen und reflexhaften Urteile zu bilden, mag naheliegen, ist aber einfach nur tief traurig – und auch billig. Die heutige Seele ,scannt’ ohnehin nur immer mehr alles bloß nach seinem naheliegendsten Inhalt ab und hastet dann weiter, vereint immer nur mit ihren längst feststehenden Urteilen und mit immer weniger Herz. Gerade das wollen meine Bücher ändern, aufbrechen, völlig beenden. Wenn man sie jedoch gar nicht liest, bleibt das Leben einfach und ist scheinbar alles klar positioniert.

Ein Mann, der von einem Mädchen ,was will’ oder sich auch nur in ein solches, besonderes Mädchen verliebt, ist dann ganz klar und offensichtlich ,einer’, der sich nicht ,an Frauen auf Augenhöhe herantraut’ und lieber noch ein unerwachsenes, leicht beeinflussbares Wesen ,für sein verirrtes Gefühlsleben missbraucht’. So leicht kann man es sich heute mit den Urteilen machen – und ein mächtiges Tabu bereits im Kopf bewirkt, dass man sich felsenfest auf der Seite der Wahrheit wähnen kann. Denn wie sollte es auch anders sein – es kann ja nur so sein!

Was man nicht bemerkt, ist die perverse Unterstellung, jeder Mann, der sich in ein Mädchen verlieben würde, hätte ein ,verirrtes Gefühlsleben’ oder könnte je ein Mädchen, in welcher Weise auch immer, missbrauchen. Dieser Gedanke ist pervers, brutal und zutiefst lieblos – aber er wird ohne weiteres gehätschelt und kultiviert, ja millionenfach reproduziert. Wenn er jedoch wahr wäre, dann könnten wir sämtliche Märchen in den Abfalleimer der Geschichte entsorgen, in denen Mädchen so erschütternd berührend dargestellt werden, dass sich auch ein Mann nur in sie verlieben kann – und Gleiches gilt für sämtliche Poesie des Abendlandes und der ganzen Welt, in denen Mädchen und ihr Wesen besungen wird – nicht etwa von Jungen, sondern von Männern!

Keiner von diesen hat ein ,verirrtes Gefühlsleben’ oder würde ein Mädchen je missbrauchen. Man versteht das Mysterium des Mädchens einfach nicht mehr, weil sich noch viel machtvoller als die Märchenwelt und auch die Poesie von Jahrhunderten ein Dogma erwiesen hat, das all dies mit einem Schlag vernichtet: das Mädchen ist nun nur noch ,bloßes Kind’ und jede Annäherung an ein Mädchen oder jede Liebe gegenüber einem Mädchen, die sich nicht bloß korrekt und aseptisch auf ein ,Kind’ bezieht, ist von Übel, missbräuchlich, übergriffig und zu verurteilen.

Die Perfidie dieses neuen Dogmas ist unmittelbar an einer Tatsache erkennbar – an der Tatsache, dass das Mädchen hierbei gar nicht gefragt oder gehört wird. Man hat das Urteil bereits selbst fertig in der Tasche! Wozu braucht es da noch die Meinung, die Ansicht, die Empfindung des Mädchens? Es braucht sie nicht mehr! Wir, die selbsternannten ,Beschützer’ des Mädchens, wir modernen Gutmenschen sind doch diejenigen, die als einzig Berechtigte hierüber urteilen können! Das Urteil des Mädchens könnte uns doch nur verwirren – hinfort damit!

Die wahre Tatsache aber ist, dass auch ein Mädchen sich von einem Mann geliebt fühlen kann – und diese Liebe auch erwidern kann. Dies bleibt eine Tatsache auch dann, wenn unter hundert bedauernswerten Missbrauchsfällen (weil Männer nicht liebesfähig sind, sondern nur begehren) nur eine Begegnung zwischen Mann und Mädchen existierte, die eine wirkliche Liebesbeziehung wäre – in welcher Form und Verwirklichung auch immer. Würde man nicht nur Mädchen schützen wollen, sondern jede Begegnung zwischen einem Mann und einem Mädchen kategorisch verhindern wollen, hätte man nichts anderes vor sich als Terror – und zwar auch dem Mädchen gegenüber. Und man würde damit gerade das Heiligste überhaupt verhindern.

Ja, ich wiederhole diesen Gedanken. Die Begegnung zwischen einem Mann und einem Mädchen kann zu dem Heiligsten gehören, was auf Erden überhaupt existiert. In Bezug auf das Mädchen ist das Unheiligste und das Heiligste möglich – der Missbrauch oder aber, auf der anderen Seite, etwas nahezu Unsagbares. Etwas, was sich nahezu unsagbar beidseitig, zwischen Mädchen und Mann abspielt, bereits rein seelisch – und was niemand je auch nur ansatzweise erfassen kann, der nicht bereit ist, seine ,Missbrauchs-Brille’ einmal völlig abzulegen. Völlig. Die Begegnung zwischen Mann und Mädchen kann ein absolutes Heiligtum werden, ja sein. Und das Mädchen kann dies ebenso empfinden. Wer das leugnet, beweist nur, wie tief er das Heilige bereits verloren hat – oder nicht wahrhaben will, wo es sich auch offenbart, vielleicht noch viel tiefer als bei ihm selbst...

Von dem Zärtlichen

Das Heilige der Begegnung zwischen Mann und Mädchen hat mit dem Mysterium der Zärtlichkeit zu tun. Denn wo der Missbrauch über die Empfindungen eines anderen Wesens blind und perfide hinweggeht, ist das Wesen der Zärtlichkeit gerade dasjenige, das überall wahrnimmt – behutsam, liebend, aufrichtig, voller Hingabe. Wird man sich bewusst, was eigentlich Zärtlichkeit ist, so kann man nur zu der heiligen Erkenntnis kommen, dass sie die Essenz der Liebe ist.

Jede Liebe ist in ihrem innersten Kern und Wesen Zärtlichkeit – denn sie ist das absolute Gegenteil von Selbstbezogenheit.

Es gibt auch eine andere ,Zärtlichkeit’, die sich nur als solche ausgibt und verkleidet, in Wirklichkeit aber nichts anderes als selbstbezogene, eigene Lust, eigenes Begehren und eigene Sehnsucht ist – und die gerade blind gegenüber dem Bedürfnis und sogar der Integrität des anderen Wesens ist und wird. Auch hier wieder liegen das Heiligste und das Unheilige nah beieinander, Licht und Schatten unglaublich nah beieinander. Aber diese Zärtlichkeit ist hier und jetzt nicht gemeint. Man sollte den Mut haben, sich einmal ganz auf das reine, wahre, aufrichtige wirkliche Wesen von Zärtlichkeit zu besinnen – und es für zutiefst möglich halten, dass eine Begegnung zwischen Mann und Mädchen auch diese Qualität haben kann. Und dann steht man vor etwas wirklich kaum Beschreibbaren.

Denn dann wird diese Begegnung zwischen Mann und Mädchen noch unendlich zärtlicher sein, als es die Begegnung zwischen Mann und Frau je sein könnte. Nicht, dass Mann und Frau nicht auch unendlich zärtlich zueinander sein könnten – aber es ist einfach nicht dasselbe. Und das hat gerade mit der Tatsache zu tun, dass Missbrauch möglich ist. Wäre er nicht möglich, wäre es überall ,dasselbe’. Er ist aber möglich – und das macht die Begegnung zwischen Mann und Mädchen auch auf der anderen Seite zu etwas Einzigartigem. Nicht nur der Missbrauch kann bei einem Mädchen weiter gehen als bei einer Frau – auch die heilige, nicht mehr auszusprechende Qualität. Vielleicht steht man hier erst wirklich vor der Wahrheit des Satzes, dass da, ,wo viel Licht ist, auch viel Schatten ist’. Scheut man ein Mysterium, weil es dort Schatten geben könnte? Dann würde man auch das Licht selbst scheuen ... denn auch das gibt es gerade dort...

Erst wenn man diese Tatsache begreifen würde, würde man verstehen, was das Mysterium der Begegnung zwischen Mann und Mädchen ist. Selbst jedes Wort zuviel würde dieses Mysterium nur profanisieren und schlicht nicht erfassen können. Die heiligsten Wirklichkeiten lassen sich nicht aussprechen.

Tatsache ist, dass die männliche Seele gegenüber nichts und niemandem je so zärtlich, so behutsam, so ,nicht-männlich’, wenn man so will, werden kann wie gegenüber einem Mädchen... Damit ist das tiefste Wandlungsgeschehen deutlich gemacht – welches einfach eine Realität ist.

Menschheitszukunft und Augenhöhe

Wer hier demgegenüber nur davon spricht, Beziehungen zwischen einem Mann und einem Mädchen oder jedwede Annäherung eines Mannes an ein Mädchen hätten ,mit der Selbstermächtigung und Freiheit von jungen Menschen absolut gar nichts zu tun’ oder basierten nur auf ,den schwülen Fantasien von Männern, die sich nicht an Frauen auf Augenhöhe heran trauen’, der hat schlicht die Dimension dieser ganzen Frage nicht begriffen.

Wir stehen letztlich vor der Frage der Bestimmung oder des tiefsten Wesens der menschlichen Seele überhaupt. Man kann diese Frage nicht groß genug denken – und wer kein heiliges, spirituelles Menschenbild hat, wird hier von vornherein versagen. Aber die oben genannte Mutter hatte ein solches, daran liegt es also nicht. Es liegt an dem Dogma. Aber die heilige Frage der Menschheitszukunft kümmert sich nicht um Dogmen – sie steht da und man kann ihr nicht ausweichen, man kann allenfalls scheitern und in eine Entwicklung hineingeraten, an der das Menschenwesen selbst scheitert. Wir sehen die Tendenzen dazu überall. Die Menschheit kann auch scheitern.

Ich habe kurz zuvor anzudeuten versucht, dass die Beziehung zwischen einem Mann und einem Mädchen etwas Unendliches umfassen kann – was auf Seiten des Mannes eine allertiefste Verwandlung bedeutet, was aber auch das Mädchen selbst in allertiefster Weise beschenkt. Es geht um das Mysterium der Liebe und der Zärtlichkeit überhaupt, in seiner tiefsten Dimension.

Wer dieses Mysterium leugnet, der kann auch gleich Mutterschaft und Elternschaft überhaupt abschaffen – denn auch da könnte man mit gleichem Recht sagen: Das hat mit der Selbstermächtigung und Freiheit von jungen Menschen gar nichts zu tun und basiert nur auf den ,schwülen Fantasien von Erwachsenen, die sich nicht an ihresgleichen herantrauen’. Hier würde man wohl unmittelbar begreifen, dass solche Formulierungen eine reine Perversion gegenüber zärtlichster Elternliebe, dem tiefen Mysterium der Beziehung zwischen Mutter (oder Vater) und Kind wären! Und doch gibt es haufenweise missbräuchlicher Eltern-Kind-Beziehungen, auch da, wo die Mutter (oder der Vater) es überhaupt nicht merken, weil – sie sind doch Eltern!

Aber in ihrem Kern ist die Beziehung zwischen Eltern und Kind etwas absolut Heiliges, auch wenn nur das Ideal dies ganz und gar wahrmachen könnte. Aber warum kann man nicht erkennen, dass dasselbe, wirklich dasselbe auch für die Beziehung zwischen Mann und Mädchen gilt? Weil es hier plötzlich auch um das leise Erotische geht? Aber das gilt doch für beide Seiten! Auch das Mädchen kann diese Qualität als etwas absolut Heiliges und Kostbares empfinden – und der Mann kann in zärtlicher Weise alles, was damit zu tun hat, so sehr beschränken, wie es dem Punkt entspricht, an dem das Mädchen steht, nicht er... Dasselbe gilt für eine liebende Mutter und ihr Kind...

Gleichberechtigtes Gegenüber?

Die heilige Beziehung zwischen Mann und Mädchen lebt gerade von der Tatsache, dass beide nicht gleich ,mächtig’ sind – dasselbe gilt auch für die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Hier sind es sogar zwei, die sich zudem gegen das noch viel kleinere Kind zusammentun – und es jederzeit mit ihren Standpunkten überwältigen können und dies auch tun. Dass man diesen Gedanken auch wiederum abwehrt, hat damit zu tun, dass die Eltern ,natürlich’ zum Wohl des Kindes handeln. Aber tun sie das wirklich immer? Einfacherweise sind sie ja die einzigen, die das beurteilen ... und so sind nicht wenige Familien blind für das, was wirklich das Beste für das Kind wäre (man denke an das berühmte Gedicht von Khalil Ghibran: ,Eure Kinder sind nicht eure Kinder’).

Ein Mädchen ist jedoch kein bloßes ,Kind’ mehr – obwohl es durch das Dogma dazu gemacht und gestempelt wird. Ein Mädchen ist genau ein Wesen zwischen ,Kind’ und ,Erwachsenem’, es ist weder Kind noch Frau. Es ist eben Mädchen – und die Tatsache, dass es aber zum bloßen Kind gestempelt wird, so dass man seine zarte Jugend gerade wegdefiniert, zeigt am eklatantesten, dass das Dogma selbst einen Machtanspruch hat. Es beansprucht, Mädchen zu ,schützen’ – aber sie werden gerade auf die Weise geschützt, dass man sie wieder zu ,Kindern’ macht, obwohl sie das gar nicht mehr sind.

Ein Mädchen hat mehr Freiheit und Bewusstsein als ein Kind. Es hat damit auch weit mehr Macht als ein Kind gegenüber seinen zwei Eltern. In Wirklichkeit ist ein Mädchen gegenüber einem Mann, der sich von ihm angezogen fühlt und es liebt, geradezu allmächtig. Und in Wirklichkeit sind das auch Kinder gegenüber ihren Eltern. Der ganze ,Machtdiskurs’ ist also verlogen und absolut falsch, wenn man diese andere Seite nicht sieht. Ja, ein Mädchen kann von einem nicht-liebenden Mann jederzeit missbraucht werden. Aber auch: nein – Liebe ist absolut unfähig, je zu missbrauchen. Gerade das ist die Definition von Liebe. Es gibt auch Pseudoliebe – aber wie gesagt auch massenhaft und millionenfach unter Eltern. Da sagt man nichts. Ich aber spreche von wirklicher Liebe – und von dem wirklichen Mysterium der Begegnung zwischen Mann und Mädchen.

In einer Beziehung, in der das Mädchen die Seele des Mannes zutiefst verwandelt, ist das Mädchen allmächtig – und wird von dem Mann nur Zärtlichkeit erfahren, niemals etwas anderes. Und es wird sich unendlich beschenkt fühlen, was ebenfalls der Wirklichkeit entsprechen wird. Hier geht es auch überhaupt nicht um ,Gleich-berechtigung’, weil die Liebe das Gleichberechtigte stets zutiefst voraussetzt – aber weit, weit darüber hinausgeht.

Die ganze Rede von ,gleicher Augenhöhe’ dagegen ist zutiefst pervers, denn der Mann hat nun einmal eine größere ,Augenhöhe’ als das Mädchen – und dennoch blickt er, wenn er das Mädchen liebt, zu ihm auf ... weil Liebende dies immer tun: zueinander aufblicken. Das Mädchen blickt zu dem Mann sowieso auf – aber der Mann tut dasselbe. Und diese heilige Tatsache der Liebe wird von all jenen geleugnet, die ihre Brille einfach nicht abnehmen können.

Die Rede von ,gleicher Augenhöhe’ ist aber auch dem Mädchen gegenüber pervers, denn es ist eine brutale Leugnung seiner ,Selbstermächtigung’ und ,Freiheit’. Gerade diese Argumentationsfigur nämlich spricht es dem Mädchen ab, bereits so reif und seelisch gewachsen zu sein, eine Beziehung zu einem Mann auch selbst wünschen und als schön, erfüllend, glücklich machend usw. erleben zu dürfen. Und sich gerade in einer solchen Beziehung zutiefst frei zu fühlen. – Indem man also die Missbrauchsbrille niemals abnimmt, definiert man nicht nur jeden Mann, der ein Mädchen liebt, zum potenziellen ,Missbraucher’ um, sondern man definiert auch jedes Mädchen wieder zum ,Kind’ zurück und nimmt damit auch dem Mädchen die Freiheit, selbst zu entscheiden, welche Beziehung es als Glück erlebt.

Zu meinen Covern

Die genannte Mutter warf mir vor, die Cover meiner Bücher zeigten ,reihenweise Mädchendarstellungen aus voyeuristischer Perspektive, also ohne Kopf, ohne Gesicht, ohne eigenen Blick’. Erstaunlich ist hier bereits, dass sie sich genau jene Cover herausgepickt hat, wo irgendeines dieser Kriterien zutrifft – während ich sehr oft auch die Rückmeldung bekomme, dass meine Cover wunderschön sind. Aber für den ganz speziellen Blick also sind mehrere Cover nun angeblich ,voyeuristisch’.

Warum führt man dasselbe Argument nicht auch gleich für die Cover mit der Schlüsselblume, der Apfelblüte oder etwa dem zeichnenden Mädchen an, das ja auch ,beobachtet wird’, anstatt ,selbstermächtigt’ und ,frei’ den ,Blick zu erwidern’ (auf Augenhöhe?). Was ist eigentlich ,Voyeurismus’? Es ist einseitige Beobachtung, die zudem das Beobachtete auf eine Art Objektstatus reduziert. Wenn man einmal vom sexuellen Aspekt absieht, handelt es sich auch laut Wikipedia um ,das heimliche Beobachten einer unwissenden Person, im weiteren Sinn jegliche Form der Lust am Betrachten’.

Die Schlüsselerkenntnis, die wir hier gewinnen, ist, dass die Antwort auf die Frage, ob Voyeurismus vorliegt oder nicht, im Betrachter selbst liegt. Man kann sich einmal fragen, ob jeder Mensch, der gerne auf der Erde ist, weil er sich von Schönheit umgeben fühlt, ein Voyeur ist. Hat er nicht ,Lust am Betrachten’? Oder – jeder Fernsehzuschauer? Sind wir nicht alle Voyeure? Aber es gibt einen weltenweiten Unterschied zwischen Lust und Liebe. Denn Voyeurismus hat tatsächlich mit Lust zu tun – aber Lust ist immer selbstbezogen, gerade deswegen kann sie das andere ja zum Objekt reduzieren. Es geht ihr nur um die Lust des Betrachtens, das Betrachtete selbst ist eigentlich nichts weiter wert, als dass es eben Objekt der lustvollen Betrachtung ist.

Meine Cover wollen wie meine Bücher selbst etwas völlig anderes. Aber sie sind offen gegenüber dem bloßen Voyeurismus – auch das Mädchen selbst kann dem ja nicht entgehen. Wer ein Mädchen missbrauchen will – und sei es rein voyeuristisch, kann das tun, das Mädchen kann sich dagegen kaum wehren. Jedoch kann gerade diese Wehrlosigkeit zu etwas völlig anderem ,erziehen’, nämlich zu dem zutiefst nicht voyeuristischen Blick. Und dieser Blick wäre dann ein zärtlicher. Ein behutsamer. Ein liebender. Einer, der sich in demselben Maße, wie er blickt, auch zurücknimmt, aus tiefster Achtung vor dem Erblickten. Aus heiliger Liebe gegenüber dem Erblickten. Aus dem innersten Wesen der Zärtlichkeit selbst heraus.

Wer meine Cover nicht so ,er-blicken’ kann, der hat sie noch nicht ansatzweise verstanden und empfunden – er blickt selbst noch nicht richtig. Oder aber, er beansprucht diesen Blick nur für sich selbst, nicht aber für den, der diese Cover mit tiefster Liebe gestaltet hat.

Vom Wesen der Phantasie

Ein Weiteres ist die heilige Essenz der Phantasie, was ich oben bereits angedeutet hatte.

Wie sehr nimmt man sich eigentlich das Recht aus, mir meine Cover vorzuschreiben, wenn man fordert, wo immer sie ein Mädchen zeigen, müsse dieses den Betrachter auch selbst anblicken, möglichst noch emanzipiert, selbstermächtigt und ,auf Augenhöhe’? Merkt man nicht, wie sehr man hier eine Gedankendiktatur beansprucht, die nichts Abweichendes mehr zulassen kann? Und wie man von seiner ,Missbrauchsbrille’ überhaupt nicht mehr loskommt, denn anders wäre es ja gar nicht zu erklären, dass man Cover in Grund und Boden verdammt, die man aufgrund ihrer bloßen Ästhetik auch selbst als wunderschön erkennen müsste?

Weder will ich auf meinen Covern Barbiepuppen zeigen, noch individuelle Mädchen, die sich im Kopf des Betrachtenden festsetzen würden und ohnehin niemals den Mädchen meiner Romane entsprechen könnten – allein schon deshalb nicht, weil Literatur immer notwendig macht, dass die lesende Seele miterlebt. Und sogar in ihrer eigenen Phantasie ergänzt, was nicht beschrieben wird. Jede Festlegung ist eben auch dies – eine Festlegung. Meine Cover sollen nicht festlegen, sie sollen zart etwas anklingen lassen ... um eine zarte, allgemeine Stimmung aufzurufen, in der man dann beginnen kann, wirklich einzutauchen – und das Buch in die Hand zu nehmen. Wer meine Cover kritisiert, ohne dies zu tun, der hat also absolut nicht verstanden.

Und ich wiederhole es auch noch einmal: Auf einem Cover, wo der Kopf des Mädchens nicht wirklich zu sehen ist, geht es gar nicht um ein individuelles Mädchen, sondern wirklich um das über-individuelle Mädchen, wenn man so will (,Der Weg des Mädchens’), bei vier weiteren Covern geht es tatsächlich um die Tatsache, dass Mädchen auch Opfer werden können – sodass der angebliche ,Objektblick’ etwas sehr Berechtigtes in Bezug auf die Covergestaltung hat. Und viel mehr Cover bleiben dann gar nicht mehr übrig – etwa jenes von ,Der Kreis der Hüterinnen’, das von schräg-hinten die zarte Gesichtssilhouette eines andächtigen Mädchens zeigt? Wenn man das Berührende dieses Anblickes nicht empfinden könnte, bräuchte man meine Bücher dringender denn je!

Welche Begierde hat man denn, ein solches Mädchen unbedingt von vorne sehen zu wollen, selbst auch blickend – kann man die Zwischentöne, das Zarte, das noch nicht sich Offenbarende, das Geheimnisvolle, das Leise, das noch Unberührte und Unerblickte ... das alles nicht gelten lassen? Aber gerade dies ist die heilige Essenz. Und es ist die Essenz meiner Bücher. Weil es um die Zärtlichkeit gerade geht. Es muss nicht immer alles frontal, auf Augenhöhe, selbstermächtigt blickend und auch sonstwie vorgeschrieben sein – es geht um das zarte Übrige, und hier beginnt die Zartheit eigentlich erst.

Unsere ganze Gesellschaft ist voyeuristisch und phantasielos geworden – meine Romane sind es gerade nicht.

Vom Wesen der Erotik

Die wirkliche Begegnung zwischen einem Mädchen und einem Mann ist von Zärtlichkeit und Geborgenheit geprägt. Da, wo dies nicht so ist und vom Mädchen auch nicht völlig so empfunden wird, liegt fast immer Missbrauch vor – aber von diesem spreche ich jetzt eben gerade nicht. Nicht von Übergriffen spreche ich, sondern von Begegnung, die von Anfang an behutsam, vorsichtig, tief achtsam und beidseitig ist.

Im Gegensatz zur Begegnung zwischen Eltern und Kindern ist die Begegnung zwischen Mann und Mädchen auch von zartem Eros geprägt – den auch das Mädchen als etwas Wunderschönes empfinden kann. Das Wesen des Eros ist heilig, denn es ist das Mysterium der Anziehung selbst. Platon hat diese heilige und läuternde Anziehung in seinem ,Gastmahl’ (Symposion) beschrieben. Dieses Geheimnis der Anziehung ist die Quelle jener Hingabe, die sich in Zärtlichkeit offenbart und Liebe ist. Sie ist auch Begehren, denn das Anziehende wird immer begehrt. Das unmittelbare Begehren ist jedoch zunächst der Wunsch nach zärtlicher Nähe – überhaupt nach Nähe des geliebten Wesens und zu dem geliebten Wesen. Die zarte Form des Begehrens ist nichts anderes als Sehnsucht. Die auf dem Geheimnis des Eros beruhende Liebe hat immer Sehnsucht nach der Anwesenheit des geliebten Wesens. Dessen Nähe wird als Glück erlebt, dessen Abwesenheit als Entbehrung. In jedem Zustand des Verliebtseins und der Liebe offenbaren sich diese zarten Realitäten.

Zuvor berührten wir bereits die Frage der ,Macht’. In der Liebe, im Zustand der Zärtlichkeit, überlässt das ,mächtigere’ Wesen dem ,schwächeren’ Wesen die Führung. Der Mann wird nichts tun, was das Mädchen nicht will – und mehr noch: Seine Liebe wird ihn noch kleinste Hinweise darauf erkennen lassen, wann er vielleicht doch zu sehr von seiner eigenen Sehnsucht ausging – und nicht auf die Bedürfnisse des Mädchens einging. Und mehr noch: Seine Liebe wird ihn sich regelmäßig hinterfragen lassen, ob er das Mädchen nicht vielleicht doch einengt (und ich wiederhole es: wie auf andere Weise auch zahllose Eltern!). Das mag ideal klingen – aber die Liebe selbst stellt ideale Ansprüche, gerade an sich selbst und um des geliebten Anderen willen. Wo sie es mit dieser Art zärtlichster Verantwortlichkeit nicht ernst nimmt, gerade gegenüber einem Mädchen, ist sie keine Liebe mehr.

Ganz grundsätzlich aber wird das Mädchen sehr schnell und sehr umfassend signalisieren und ausdrücken, ob es sich wohl fühlt oder nicht. Da, wo dies nicht der Fall ist, sollte man schnellstens die Bedürfnisse des Mädchens verstehen und diese bedingungslos zum eigenen Gesetz machen. Wo das Mädchen sich aber wohlfühlt und glücklich ist, da wird auch dies sehr offensichtlich sein.

Es gibt eine sehr heilige Erotik – und diese ist da gegeben, wo ein Mädchen mit einem Mann glücklich ist und genau jene Zärtlichkeiten bekommt, die es sich wünscht. Und zwar nicht von einem Jungen – denn der Eros einer solchen Beziehung ist ein ganz anderer. Es gibt Mädchen, die möchten einfach keine Beziehung zu einem Jungen, weil sie mit einem Mann viel glücklicher sind. Das können all jene nicht verstehen, die nur in den Schubladen des Dogmas denken können.

Ein Cover als Stein des Anstoßes

Mein Cover zu dem Roman ,Unmöglich, sagten sie’ hat schon manche Irritation ausgelöst. Warum zeigt dieses Cover etwas, was nur als ganz sexualisierte, eindeutige Abbildung empfunden werden zu können scheint?

Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, dass die ganze Art des Blickens nur im Betrachter liegt. Wenn man also von diesem Cover reflexartig entsetzt ist, sollte man sich zuallererst selbst fragen, wie man eigentlich blickt – und was für Konnotationen und Interpretationen im eigenen Geist dabei allein aufkommen.

Der Roman handelt von einer berührenden Annäherung zwischen einem Mann und einem Mädchen, wobei der Mann so vorsichtig wie nur möglich ist – und gerade dies ermöglicht dem Mädchen die Erwiderung, entgegen aller Vorurteile, die auch das Mädchen von seiner Umwelt aufgenommen hat. Der Mann liebt das Mädchen wirklich – und das Mädchen fühlt sich in den Gesprächen mit diesem bald wohler, geborgener und bereicherter als mit irgendeinem anderen Menschen. Es fühlt sich tief beschenkt – und dies wird es auch. Zunächst ganz unbemerkt, beginnt es, sich auch in den Mann zu verlieben, aber schließlich begreift es dies... Und dann macht es von sich aus den entscheidenden Schritt auf ihn zu... Der Roman ist ganz aus der Sicht des Mädchens geschrieben, und man begreift erlebend unmittelbar, wie stark die Vorurteile und Hindernisse sind, weil das Dogma zunächst immer nur eine Interpretation nahelegt, wenn ein Mann sich einem Mädchen auch nur nähert.

Dass in der Anziehung des Weiblichen, auch des Mädchens, immer das Geheimnis des Geschlechtlichen wirksam ist – dass also neben dem Individuellen immer auch das Geschlecht dieses Individuellen anzieht, ist eine Tatsache. Sie zu leugnen, hieße Verlogenheit. Allein schon deshalb habe ich dieses provokante Cover gewählt – es liegt darin aber eine Frage und kein Voyeurismus. Und die Frage lautet: Wenn es in der Begegnung zwischen einem Mann und einem Mädchen, und sei der Eros noch so zart, im geheimnisvollen Hintergrund immer auch um das Mysterium des Geschlechts geht – und vielleicht irgendwann auch sehr real um die zärtliche Annäherung auch auf dieser Ebene –, kann das Mädchen dann über diesen intimsten Bereich seines Leibes selbst bestimmen ... oder tut dies noch immer die Umwelt, das kollektive Dogma?

Wer beim Blicken auf dieses Cover keine zarteste Ehrfurcht empfindet, dessen Seele hat schon bei der ersten Prüfung versagt. Wenn aber diese Ehrfurcht da ist, dann kann man begreifen, wie dieses Cover gerade ein Zweifaches aussagt. Das eine ist die Tatsache, dass von diesem heiligen Bereich des Leibes gerade ein inniges Geheimnis der Anziehung ausgeht. Das andere aber ist die Tatsache, dass niemand anders über diesen wie über jeden anderen Teil seines Leibes bestimmen kann als das Mädchen. Aber dies scheint unserer Gesellschaft ebenso wenig klar zu sein, wie mancher Art von Männern.

Denn ein Mädchen ist frei darin, mit einem Mann all jene Zärtlichkeitserlebnisse haben zu dürfen, die es möchte. Und wenn Vertrauen, Geborgenheit und Glück groß genug sind, dann gibt es hier keine Grenze. Auch ein Mädchen hat eine Sexualität. Und wer dies leugnen würde, reduzierte es von neuem auf ein bloßes ,Kind’. – Der Titel des Romans lautet: ,Unmöglich, sagten sie’. Und genau das drückt das Cover aus. Es ist aber nicht unmöglich. Ein Mädchen darf auch über diesen Teil seines Körpers bestimmen – und manchmal tut es das in einer Weise, die das Dogma einfach umstößt.

Missbrauch

Dies immer wieder nicht zu begreifen, liegt einfach nur daran, dass in unserer Zeit der Missbrauch so eklatant zu überwiegen scheint. Das tut er auch – und zugleich fördert er die Angst vor Männern überhaupt, und zudem kann, wer die Definitionsmacht besitzt, selbst das zu ,Missbrauch’ erklären, was vom Mädchen selbst eindeutig nicht so gesehen wird. Dennoch: Der Missbrauch überwiegt.

Man kann sich jedoch auch einmal fragen, warum dies so ist. Und eine entscheidende Antwort lautet: Eine Kultur, die seit nunmehr rund zwei Jahrhunderten einen zunehmenden Materialismus kultiviert, kann gar nicht anders, als das Seelische und ganz besonders die heiligen Seelenkräfte brachliegen zu lassen, ja regelrecht zum Verdorren zu bringen. Angesichts der umfassenden Sexualisierung unserer Zeit ist es fast unvermeidlich, dass auch menschliche Beziehungen viel zu sehr sexualisiert werden. Und man muss sich ja nur einmal ,Germany’s Next Top Model’ ansehen, um zu realisieren, dass Mädchen hier vollkommen öffentlich dazu gebracht werden, sich bis auf die Haut auszuziehen.

Wo das Seelische aber in einer ganzen Kultur keine Rolle spielt, weil schon seine Existenz geleugnet wird (reduziert nur auf das sogenannte ,Psychische’), muss aber auch das Mysterium der Zärtlichkeit völlig verlorengehen. Wo aber dies geschieht und nur das Sexuelle übrigbleibt, als fortwährend anwesend, und sei es rein gedanklich, da kann es nur zu zahllosem Missbrauch kommen – gerade gegenüber Mädchen. Mit anderen Worten: Früher missbrauchte der Mann die weiblichen Wesen allein schon aufgrund des Patriarchats – heute geschieht dies allein schon aufgrund des überall dominierenden Materialismus.

Aber Missbrauch ist natürlich auch da möglich, wo man vermeintlich sehr seelisch oder auch spirituell ist. In einer weiteren Mail schrieb mir die genannte Mutter schließlich, sie kenne eine ganze Reihe von Mädchen, die ,ach so rein von ihrem Lehrer, ihrem Betreuer, ihrem Familienberater „geliebt“ wurden’. Hier führten also jeweils enge Obhutsverhältnisse dazu, dass Mädchen von einem Mann in eine geradezu ausweglose Double-bind-Situation gebracht wurden: Jene Männer, die im Leben des Mädchens eine zentrale Rolle hatten, wollten auf einmal mehr – und welches Mädchen will nicht zunächst geliebt werden? Und schon steht es vor einer unauflösbaren Weggabel ... und muss sich geradezu gezwungen fühlen, das Ansinnen nicht zu verweigern...

Mit gutem Grund hat der Gesetzgeber selbst die Altersgrenze der sexuellen Selbstbestimmung in solchen Obhuts- oder ,Abhängigkeitsverhältnissen’ höher gesetzt als da, wo diese nicht bestehen. Ein Mann, zu dem ein Mädchen in einem Abhängigkeitsverhältnis steht, müsste schon eine unglaubliche innere Schulung durchgemacht haben, um tiefgreifend und ohne Selbsttäuschungsmöglichkeiten erkennen zu können, ob einem Mädchen nicht schon die allerkleinste Annäherung in Wirklichkeit viel zu nahe tritt. Aber selbst, wenn das Mädchen Zeichen der Abwehr zeigt, gehen ja viele Männer über diese hinweg und reden sich ein, es sei ja verständlicherweise einfach nur ,schüchtern’, oder anderes.

Unterstellungen

Auf der anderen Seite können alle diese Missbräuche die wahrhaft behutsamen und von beiden Seiten gewollten Begegnungen nur unterminieren und diskreditieren – indem sie das Dogma zementieren, alle Begegnungen zwischen Mann und Mädchen seien missbräuchlich. Dies kann schon deshalb nicht sein, weil selbst der Gesetzgeber sogar sexuelle Begegnungen aller Art jedem Mädchen ab vierzehn Jahren freistellt, sofern der Mann keine Betreuungsperson ist. Er geht also mit Recht davon aus, dass in diesem Alter ein Mädchen da, wo kein Abhängigkeitsverhältnis besteht, grundsätzlich in der Lage ist, Nein zu sagen, wenn es etwas nicht möchte.

Es geht hier nicht darum, dass dies nicht selten selbst erwachsenen Frauen schwerfällt, sondern um das Prinzip, denn jede Einschränkung des Mädchens wäre umgekehrt eben auch eine Entmündigung. Anzumerken ist übrigens auch, dass nicht nur gewisse Männer Mädchen zu sexuellen Handlungen drängen, sondern auch Gleichaltrige – hier ist das Problem keineswegs weniger gravierend. Es ist ein Irrtum, dies weniger schlimm zu finden. Ist ,das erste Mal’ vom Mädchen nicht wirklich ganz gewollt gewesen, ist dies immer eine mehr oder weniger traumatische und prägende Erfahrung.

Meine Bücher handeln in Ausnahmefällen auch von Opfer-Erfahrungen, fast immer jedoch von Liebesbeziehungen, die vom Mädchen eindeutig gewollt werden – und in denen letztlich das Mädchen auf zarte Weise die Führung hat, sei es angesichts der Liebe eines Jungen, sei es angesichts der Liebe eines Mannes. Und während jene Mutter gerade auf lauter Fälle in Betreuungsverhältnissen verweist, handeln meine Romane gerade immer wieder von solchen Begegnungen, die mit einer solchen Konstellation überhaupt nichts zu tun haben – und, mehr noch, wo der Junge, erst recht aber der Mann, sich fortwährend hinterfragen und im Grunde um die Liebe des Mädchens nur zart bitten können, eigentlich nur die Frage stellen können: Hältst du es irgendwie für möglich...?

Wer Liebesbeziehungen, die auf dieser Grundlage tatsächlich entstehen, in einen Topf wirft mit Konstellationen, in denen Mädchen ,ach so rein von ihrem Lehrer, ihrem Betreuer, ihrem Familienberater’ ,geliebt’ werden – der misst schon sehr aggressiv mit einerlei Maß, wo es längst darum ginge, nicht mehr zu übersehende Unterschiede ganz klar akzeptieren zu können und Unvergleichbares auch nicht zu vergleichen oder gar in einen Topf zu werfen.

Und wenn dieselbe Mutter nach diesem Exkurs zu jenen missbräuchlichen ,Liebes’-Übergriffen von Betreuungspersonen meint, mir ,wärmstens’ raten zu sollen, ,die Opferperspektive nicht zu relativieren’, wird die Unterstellung noch größer. Denn im Grunde sagt sie nichts anderes als: Wenn du einen romantischen Liebesroman schreibst, relativierst du die Tatsache von Missbrauch und Vergewaltigungen. Nein, das tue ich eben nicht. Ich schreibe sogar Bücher über Opfer-Erfahrungen! Aber während inzwischen eine absolute Flut von Missbrauchsliteratur existiert, behalte ich mir vor, zu beschreiben, und zwar in aller Tiefe, was gelingende und das Mädchen glücklich machende Erfahrungen zwischen Mann und Mädchen auszeichnet. Wer dies prinzipiell als ,Relativierung der Opferperspektive’ bezeichnen würde, der gliche fast schon einem brutalen Diktator, der selbstherrlich definieren will, dass alle Mädchen Opfer zu sein haben – und alle Männer Täter. Meine Romane machen erlebbar, dass dies nicht so ist.

Und sie wollen keinesfalls verschleiern, dass die meisten Männer gar nicht in der Lage sind, ein Mädchen glücklich zu machen – und auch nicht, dass die meisten Mädchen von irgendeinem Mann gar nichts wissen wollen. Sie beschreiben nur jene Schicksalskonstellationen, wo sehr wohl beides der Fall ist.

Die Perversion der Begriffe

Wir leben in einer Zeit, wo ohnehin das menschliche Denken immer mehr unter Beschuss steht. Einerseits existiert ein immer größerer Druck, seine Gedanken, Ansichten, Überzeugungen in vielerlei Hinsicht an eine Norm anzupassen (der sogenannte ,Mainstream’, auch ,political correctness’) – und auf der anderen Seite explodiert geradezu das Phänomen der ,Verschwörungstheorien’, der ,Querdenker’, der ,Reichsbürger’ etc. Mit der spirituellen Welterkenntnis der Anthroposophie kann man hier unschwer die Kräfte der beiden Gegenmächte erkennen – die eine will mit Zwang, Druck und Angst alles unter ihren alleinigen Bann bringen, die andere driftet ohne irgendeinen Realitätsbezug in ihre eigenen Parallelwelten ab.

Meine Absicht ist es keineswegs, es im Sinne bloßer Phantasterei so darzustellen, als würden die meisten oder auch nur viele Mädchen nur darauf warten, von einem Mann geliebt zu werden. Es ist aber sehr wohl meine Absicht, erlebbar zu machen, dass eine solche gegenseitige Liebe möglich ist – und ein unverlierbarer Teil der Wirklichkeit. Und erlebbar zu machen, was die Essenz solcher zärtlichen Beziehungen ist.

Die desolate Lage des heutigen Denkens jedoch führt dazu, dass immer mehr nur in Schwarz-Weiß-Figuren gedacht wird. Nach dem Motto: ,Bist du nicht für uns, bist du gegen uns’. Diesen diktatorischen Scheinargumentationen passe ich mich jedoch nicht an. Weder bin ich auf Seiten der Missbrauchsleugner, wenn ich gelingende Liebesbeziehungen zwischen Mädchen und Mann beschreibe, noch möchte ich durch meine Bücher die Tatsache vielfachen Missbrauchs verschleiern. Im Gegenteil. Meine Bücher sind Ausdruck einer tiefen Liebe zum Mädchen – egal in welcher Individualität. Jeder Missbrauchsfall ist einer zuviel. Dass ich so und nicht anders denke, würde unmittelbar klar werden, wenn man auch nur ein einziges meiner Bücher wirklich lesen würde. Sich jedoch an Covern und wenigzeiligen Inhaltsangaben abzuarbeiten und dabei nur die eigenen (Vor-)Urteile zu bestätigen, hilft hier nicht weiter. Damit ist man nur Teil jenes großen Stroms, der innerhalb von Sekunden urteilen will – oder aber zumindest nicht bereit ist, hinter die allerobersten Schichten zu blicken und dann Unterschiede zu erkennen, die einfach Tatsachen sind.

Würde ich auf diese Weise auf meine Cover und Inhaltsangaben blicken, würde ich zu den gleichen Schlüssen kommen. Sie sind aber nicht wahr.

Aber – gewisse Geister wollen unter dem Hinweis auf Missbrauch letztlich alle Beziehungen zwischen einem Mann und einem Mädchen in ein gewisses trübes Licht stellen, und damit dienen sie wirklich der Unwahrheit. Mit derselben Begründung müsste man Ideale ablehnen, weil sie in der Nazizeit gigantisch pervertiert wurden. Religion ablehnen, weil sie immer wieder gigantisch pervertiert wurde (Kreuzzüge, Inquisition, auch dort Missbrauchsfälle etc. etc.). Man müsste Novalis ablehnen – denn er hat ja ein Mädchen geliebt. Man müsste Lewis Carroll ablehnen (,Alice im Wunderland’), denn er hat sogar ein Kind geliebt. Und so könnte ich noch unzählige Beispiele anführen, die alle deutlich machen, dass jeglicher Versuch, Missbrauch auf eine absolute Weise zu vermeiden, selbst in den Tod führt. Und in Abwandlung eines anderen Wortes könnte man sagen: Auch im Krieg gegen den Missbrauch stirbt die Wahrheit zuerst...

Denn nicht die Beziehung zwischen Mann und Mädchen ist missbräuchlich – sondern nur der Missbrauch selbst. Es gibt aber Liebesverhältnisse, die davon frei sind. Die beide Seiten glücklich machen, in einer unendlich tiefen Weise. Und die diese Tatsache beweisen werden, solange es Männer und Mädchen geben wird.