24.01.2023

Die Perspektive der Liebe

Gedanken über das Wesentliche.


Inhalt
Eine kurze Einführung
Die Realität der Endlichkeit
Gegenläufige Entwicklungen
Die kumulierte Lieblosigkeit
Wann wenden wir uns nicht mehr ab?
Der Missbrauch der Urteile
Der lange Weg vor uns
Das Mysterium des Einzelnen


Eine kurze Einführung

In diesem Aufsatz geht es um die Tragik dessen, was wir täglich versäumen. Im Hintergrund wird die Zensur meiner Bücher stehen – aber man wird den notwendigen Zusammenhang von beidem nach und nach sehr tief verstehen.

Wir leben in einer Zeit, in der das (äußere) Leben rast. Jeder ist damit beschäftigt, sämtliche Anforderungen dessen tagtäglich zu bewältigen, und immer mehr Menschen brechen unter der Last zusammen. Man muss sich nur die rasant steigenden Zahlen der sogenannten ,Tafeln’ ansehen. Menschen fallen durch das Raster, und es interessiert nicht, denn es gibt keinerlei In-Frage-Stellen des herrschenden, angeblich ,alternativlosen’ Turbokapitalismus mit all seinen Rohheiten, Anonymitäten, Sachzwängen, kalten und unmenschlichen Folgen.

Die derzeitige Inflation kommt nur noch hinzu. Ein Pack Papier zum Beispiel, der vor nicht langer Zeit teilweise noch 2,99 Euro im Angebot gekostet hatte, ist heute nur noch für sieben Euro zu haben. Und noch immer hält man fest an Konkurrenz statt Kooperation. Blind und mit Scheuklappen hofft man, dass die Katastrophen ausbleiben, auf die man doch zu galoppiert.

Drei Jahre Corona und der Krieg in der Ukraine muss gar nicht erst angeführt werden – schon mit den Katastrophen, die diesen Planeten betreffen, könnte klarwerden, dass die bisherige Art, zu leben, bis in das gesellschaftliche Konstrukt hin (Konkurrenz, Kapitalismus, Egoismus) an sein Ende gekommen ist. Man will es nicht anerkennen, man will es nicht hören, aber die Tatsachen sprechen für sich – auch wenn man die Zahlen der Tafeln, die Obdachlosen, die jährlich weiter klaffende Schere zwischen Arm und Reich, dies alles nicht sehen will.

Die Realität der Endlichkeit

Die Welt ist aber endlich. Und auch der eigene Leib, das eigene Leben ist endlich – auch für jeden, der von der Wiederverkörperung als einer Tatsache ausgeht. Die Einzigartigkeit des Lebens ist unhintergehbar.

Früher haben solche Gedanken, indem man in sie eintauchte, eine Demut aufblühen lassen. Eine Weisheit auch. Eine Weisheit, die man vor allem an alten Menschen sah – die verstanden hatten, zu leben, immer tiefer, und die darüber weise wurden … und gütig.

Und – jeder Mensch hätte unmittelbar Zugang zu einem verstehenden Empfinden dieser Qualitäten, wenn er es nur schaffen würde, innerlich einmal still zu werden. Zu einem Ruhepunkt zu kommen. Stillstehen zu bleiben. Aber wer vermag dies? Wer vermag es noch? Das Hamsterrad dreht sich ja immer weiter. Das Handy ruft. Man wollte auch noch eine neue Folge Netflix gucken – oder sich sonstwie ablenken. Es gibt hundert Gründe, nicht zur Ruhe zu kommen … und nicht einmal mehr zu wissen, wie das geht.

Aber erst in der Ruhe wird der Wahnsinn des anderen ganzen Treibens erlebbar. Es geht nicht um das rationale Wissen, dass alles Mögliche ,Wahnsinn’ sei. Es gibt ein nihilistisches Kokettieren mit dem Gedanken, der Vorstellung, der Überzeugung, dass ,die Welt ja sowieso untergehe’. Nichts ist moralisch so pervers wie ein solcher Gedanke, der noch meint, die eigenen Hände in Unschuld waschen zu können – und sich subtil befriedigt zurückzulehnen, mit einem ähnlichen angenehmen Schauer, wie man auch Weltuntergangs-Fiktionen in Filmen sieht. Wie angenehm, dass man nicht selbst schuld ist!

Aber diese Seelenhaltung, die selbst noch den Weltuntergang als ,Tatsache’ behandelt, über die man geradezu Smalltalk führen kann, die man regelrecht teilen kann, liken, mit Smileys verzieren – eine solche Seelenhaltung ist der Zustand der Abgetrenntheit selbst. Diese Seelen sind so unverbunden mit dem tieferen Wesen der Seele, wie es nur möglich ist. Schlimmer wäre nur noch, täglich zu dem fortschreitenden ,Untergang’ beizutragen – und selbst dies tun viele, die sich um die Folgen ihres Tuns für den ganzen Planeten und die übrige Menschheit überhaupt nicht ,scheren’.

Aber all dies könnte jederzeit geschehen, wenn die Seele nur einmal zur Ruhe käme – und die wirkliche Tatsache der Endlichkeit, der Zeitlichkeit wirklich an sich heranließe … anstatt sie mit schnellem Materialismus und ebenso schneller Netflix-Ablenkung beiseite zu wischen. Eintauchen in ein echtes Erleben. Aufrichtigkeit. Wahrhaftigkeit. Einen anderen Weg, wieder mit allem, auch dem eigenen Wesen, in Verbindung zu kommen, gibt es nicht.

Und erst dann würde auch dasjenige wachsen, was die Tiefe solcher Seelen dann ausmacht und mehr und mehr offenbart: Weisheit… Güte… Solche Seelen leben wirklich. Andere hasten und rennen dem Leben hinterher und meinen, sie würden leben, wenn sie ein paar tausend Follower oder vielleicht eine Villa haben und mit einem Cocktail am sterilen Pool liegen. Für sie muss der Zeitpunkt erst noch kommen, wo das Erleben der eigenen Endlichkeit unzählige Dinge wie Staub und Stroh erscheinen lässt – und für viele Seelen kommt dieser Moment auch nie. Sie bringen ihr Leben in Leere dahin – und wissen es noch nicht einmal! Völlig abgetrennt…

Gegenläufige Entwicklungen

Aber das ist es, was wir versäumen. Damit beginnt es. Und ich meine nicht das enge private Feld, in dem viele dann doch meinen, sie würden wesentlich genug sein. Die Katastrophe ist mitten um uns – wir leben darin. Der Kapitalismus, der zunehmende Hass, die galoppierende Selbstgerechtigkeit, sich aufschaukelnde Verschwörungstheorien und Cancel-Kultur … es ist doch offensichtlich, dass der Wahnsinn geradezu von Tag zu Tag zunimmt. Es sind einfach die Symptome einer ertrinkenden Kultur – wie auch ein Ertrinkender wild um sich schlägt und nur noch Chaos verbreitet. Die Stille, die Ruhe ist ferner denn je. Und mit ihr das Wesentliche, wie auch die Weisheit, die Güte.

Das menschliche und menschheitliche Bewusstsein ist in einer doppelten Entwicklung begriffen. Auf der einen Seite wächst das Bewusstsein der einen Menschheit – und damit einhergehend die Verurteilung jeglicher Diskriminierung. Auf der anderen Seite wachsen Entfremdung, Hasskräfte, Aggressionen. Und es ist von großer Bedeutung, diesen Doppelimpuls zu verstehen, erst einmal aber aufrichtig zu empfinden.

Im menschlichen Bewusstsein ringt sich also etwas ans Licht und bricht sich Bahn, das das Andere nicht mehr als fremd, jedenfalls nicht mehr als weniger wert betrachten will als das Eigene, und sei es noch so subtil. Es ist ein tiefer Impuls der Gleichheit. Auf der anderen Seite sind die Dissoziationsprozesse – die Trennungs-, Spaltungs-, Entfremdungsprozesse – inzwischen so weit fortgeschritten, verbunden mit Weltanschauungen, in denen Rücksicht und Moral immer weniger Bedeutung haben, dass hier geradezu das Gegenteil geschieht: absoluter Selbstbezug, alles andere ist egal (,nach mir die Sintflut’, oder: ,Wer mir im Weg steht, ist selbst schuld’).

Es ist nun wichtig, zu beachten, dass das positive Bewusstsein vor allem von äußerst privilegierten Teilen der Gesellschaft vertreten, teilweise aber auch regelrecht ,zelebriert’ wird. Denn auch der Kampf (!) um das Gendern, das Inklusive, das Nicht-Diskriminierende kann natürlich sehr stark zur Selbstidentifikation geraten – zu einem Sinngehalt, anhand dessen man sich selbst zum personifizierten Guten stilisieren kann. Aber es ist leicht, jemandem ,Sexismus’ oder ,Rassismus’ oder ,Nichtinklusionismus’ vorzuwerfen, wenn  man – ich spitze es zu – Helikoptereltern hat und gerade mit Bafög Sozialwissenschaften studiert, während die Kritisierten um einen Mindestlohn kämpfen müssen und zu den zahllosen ,Working Poor’ gehören.

Kurz gesagt: Wo immer ein nicht-diskriminierender Ansatz vor allem ein bloßes (sehr selbstgerechtes) Kopf-Konzept ist, ohne mit einer tiefen inneren Liebe einherzugehen, da bewegt es sich selbst in die Grauzone, ist keineswegs licht und edel, sondern nicht weniger finster als der ,Rassist’ von nebenan, nur eben anders. Vielleicht schimpft auch dieser nur über die ganzen blöden Ausländer, versteht sich mit einigen von ihnen aber bestens – und der ,politisch Korrekte’ wähnt sich als moralische Elite, aber die ganzen ,Rassisten’ sind ja auch für ihn gar keine wirklichen Menschen mehr, und so diskriminiert auch er unendlich aggressiv, nur muss (und darf) er sich das nicht eingestehen.

Die kumulierte Lieblosigkeit

Jeden Tag, an dem der Kapitalismus sich fortsetzt, wird es schwieriger werden. Allein schon die unaufhaltsam steigenden Mieten. Nicht nur Menschen werden immer verzweifelter, sondern auch Städte veröden. Die immer weiter sich öffnende Arm-Reich-Schere ist der Gipfel der Unmenschlichkeit auf einem Planeten, die vom Weltall aus wie ein leuchtender Diamant erstrahlt, in unendlicher Schönheit – und der ein Ort der Liebe sein sollte.

Jeder Mensch spürt die Sehnsucht nach Nähe, nach Wärme, nach Harmonie, in jeder Seele lebt tief verborgen ein heiliges Wissen, dass dies das tiefste Wesen, die tiefste Bestimmung der Menschheit ist. Ein tiefes Wissen, dass wir etwas Unnennbares versäumen ... Tag für Tag. Indem wir es zulassen, dass die Welt immer abstrakter, anonymer, unmenschlicher wird. Indem wir schon Sechs- oder Achtjährigen Smartphones in die Hand drücken. Indem schon in den Schulen nicht Liebe waltet, sondern abstrakte Wissensvermittlung. Indem wir Krankenhäuser Konzernen mit Profitzielen überlassen und für die alten Menschen, die auch wir einst sein werden, die Minuten gezählt sind, in denen kurz einmal eine ,Pflegekraft’ vorbeischaut, und wenn wir noch atmen, auch schon wieder geht...

Spüren wir langsam, welche Katastrophen und menschliche Höllen wir uns längst bereitet haben – ohne dass ein Ende dieser Entwicklung auch nur abzusehen ist? Wir haben hundert Fernsehprogramme, aber in der Einsamkeit der Kliniken lebt oft nicht einmal mehr ein einziges Lächeln... Wie auch, wenn jeder ständig überfordert ist? Wenn es seit Jahrzehnten bereits nicht mehr um das Heilen geht – sondern nur noch um das Symptomfrei-Kriegen? Wenn man Menschen noch halbkrank aus den Krankenhäusern schmeißt, weil die nächste Hüft-OP mehr Geld bringt? Wenn der Druck auf alles und alle gigantisch wird – und es niemandem mehr gut geht? Wenn jeder allmählich die unendliche Sinnlosigkeit des Ganzen erfasst ... und dennoch viel zu viele nach wie vor von ,alternativlos’ sprechen, meistens natürlich die, die nach wie vor von dem System profitieren – oder in anderer Weise längst jedes kreative und wahrhaft menschliche Denken von sich geworfen haben? Wie lange soll es noch so gehen?

Mit aller Weisheit des Homo sapiens, die aber letztlich fast immer nur alte, weise Frauen hatten, manchmal auch Männer, haben wir es nicht geschafft, diese wunderbare Erde zu einem wunderbaren, einem tief menschlichen Ort zu machen – sondern wir haben sie immer weiter zerstört und unsere eigenen Gesellschaften immer weiter an einen fragilen Rand des Kollaps getrieben. Und wie Vogelstrauße glaubend, dass das meiste doch nach wie vor noch in Ordnung sei. Wie lange werden wir diese naive Blindheit noch weitertreiben?

Wann wenden wir uns nicht mehr ab?

Dies alles also ist heute Realität, und die überwältigende Aufgabe dieser Menschheit ist es, die Kräfte der Liebe zur Verwirklichung zu bringen – als etwas zutiefst Not-wendiges zu begreifen, zu erkennen und zu er-greifen ... in Demut, in Weisheit, in tiefem Reifen ... eines wirklichen, werdenden Menschentums. Die Kräfte der Liebe zur Verwirklichung zu bringen – gegenüber dem Planeten, gegenüber jeder einzelnen seiner Schönheiten, seiner Wesen, seiner Geschöpfe; gegenüber dem Mitmenschen, allein schon, weil er Mitmensch ist. Gegenüber dem Leben selbst, in all seiner Kostbarkeit.

Wir als Menschheit wissen nicht, was die Liebe ist – oder wissen es, aber wenden uns ab. Jede Seele weiß es tief innerlich. Aber das gesamte Leben geht in eine andere Richtung. Der Kapitalismus ist diametral auf etwas ganz Anderes gerichtet. Und die Lieblosigkeit, ja die Gleichgültigkeit, ist tagtäglich eine Tatsache – wir müssen nur an das Leid der Tiere denken, die in der ,Massentierhaltung’ (auch ,Fleischproduktion’ genannt!) ihr kurzes, unendlich trauriges Leben fristen. Nur der ewige Gedanke der ,Alternativlosigkeit’ unserer Gesellschaftsform treibt uns immer wieder in die Illusion hinein, es wäre doch alles schon ziemlich ,human’, auch unter den Menschen. Aber auch hier Gleichgültigkeit, Abstraktion, klaffende Arm-Reich-Schere, bloßes Verwalten der Missstände, Anonymität, Zunehmen der Hasskräfte.

Auf der anderen Seite dann Flucht in den Konsum, materiell und virtuell, ein Versinken im Überangebot, das aber auch genutzt wird: Krimis, Filme, Serien, Shoppen, Fitnessstudio, Essen gehen, Reisen (natürlich im Flieger!), Fernsehen, Games – ein bisschen wie das Orchester auf der Titanic. Jeder bezeichnet dies dann als seinen persönlichen Lebensentwurf, als sein persönliches Glück oder wie auch immer.

Das also ist der Stand der Menschheit und des menschlichen Bewusstseins. Stand vor allem der nordwestlichen Menschheit – denn in vielen anderen Weltregionen ist die Arm-Reich-Schere noch viel extremer, sind die durch Materialismus und Kapitalismus, durch Egoismus, Gleichgültigkeit und vieles andere, damit Verbundene entstandenen Probleme noch viel gravierender.

Der Missbrauch der Urteile

Und inmitten all dieser Realität, das muss man sich einmal klarmachen, werden zarte Liebesverhältnisse zwischen einem Mann und einem Mädchen verurteilt! Und zwar bereits rein fiktiv, als Roman, als literarisches Werk, als eigenständige Kunstschöpfung. Nicht nur verurteilt, sondern unterdrückt – verweigert, zensiert, gesperrt, gelöscht. Zärtliche Verhältnisse zwei ProtagonistInnen, die füreinander ein tiefes Glück und eine tiefe Bereicherung bedeuten und niemandem etwas getan haben.

Die Liebe selbst wird hier unterdrückt – die Behutsamkeit, die Zärtlichkeit, das Vorsichtige, das gegenseitig Beschenkende, das buchstäblich heilige Ideal von etwas ganz Zukünftigem. Denn genau darum geht es.

Was die ProtagonistInnen meiner Romane verwirklichen, ist etwas, was sich in dieser Tiefe und Aufrichtigkeit fast nirgendwo sonst findet. Und nur deshalb können sie diese Begegnungen auch als ein solches Glück erleben. Aber man verurteilt es unbesehen und ungelesen, allenfalls vielleicht durch ein grobes Querlesen, während das Urteil längst feststeht. Regieren tut aber die Angst. Angst davor, auch nur irgendwo zu Missbrauch beizutragen. Wie pervers (lat. = völlig ver-kehrt) dies ist, offenbart sich in der Tatsache, dass es um Begegnungen und Beziehungen geht, die in ihrer ganzen Qualität das Gegenteil jeglichen Missbrauches offenbaren.

Würde man die Mädchen meiner Romane auch nur ansatzweise ernst nehmen, würde man begreifen, dass es ein brutaler Missbrauch ihrer verletzlichen Autonomie ist, sie nur wie ein Objekt zu behandeln – ein abstraktes Spiegelbild der so zahlreichen Mädchen, die Opfer werden. Dieses Mädchen wird Opfer, wenn man seine Geschichte unterdrückt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf – das Glück eines Mädchens gerade durch die Begegnung mit einem Mann, der so ganz anders ist als das Narrativ. Und wenn man fortwährend nur das Missbrauchs-Narrativ reproduziert, ist diese pauschale Einseitigkeit eine ungeheure Lüge. Man bringt selbst fiktive Mädchen zum Verstummen, die eine ganz andere Geschichte zu erzählen haben!

Auch das ist Missbrauch – aber man fühlt sich dabei sogar noch wunderbar berechtigt. Man konzentriert sich auf das Narrativ, unterdrückt Geschichten und kann sich als höchst verantwortungsvoll empfinden, während man ganz konkrete Mädchen für die eigenen Zwecke missbraucht – nämlich die Zementierung des Dogmas, dass eine Begegnung und Beziehung zwischen Mädchen und Mann nur schädlich sein könne. Die Mädchen meiner Romane erzählen von dem völligen Gegenteil – aber gleichgültig und verlogen bringt man sie zum Verstummen...

Sie interessieren nicht – sondern sind nur Objekt für die Zementierung der eigenen Pauschalüberzeugung. Das Glück des Mädchens ist gleichgültig – denn das Narrativ hat immer recht. Lieblosigkeit ohne Erbarmen.

Der lange Weg vor uns

Das menschliche Bewusstsein hat noch einen langen Weg zu gehen, bis es begreift. Derzeit auf dem Vormarsch sind bloßer Pragmatismus und Mechanismus, bloße Verwaltung der Missstände, Etablierung mächtiger Narrative – und das Individuelle, das Liebevolle, das sich Zeit nehmende, das Weisheitsvolle und Gütige, das alles ist auf dem Rückzug, im Schwinden begriffen, oft allein schon deshalb, weil es an die Wand gedrückt wird ... genau wie jene Romane, die vom Glück eines Mädchens erzählen, das sie bei jenem Menschen findet, den das Narrativ als ,falsch’ definiert hat, obwohl das Mädchen alles Recht hat, sein Glück selbst zu definieren. Aber diese zarte Autonomie lässt man ihm nicht. Man weiß es ,besser’ – abstrakt und gefühllos weiß man es angeblich besser. Immer.

Die Seele hat noch einen weiten, heiligen Weg vor sich, um dahin zu kommen, Verständnis für das Schicksal und innere Leben des anderen Menschen zu haben, Achtung vor diesem inneren Leben und seinen Empfindungen, auch wenn die eigenen dazu zunächst wenig Zugang finden, weil die Tür durch ein falsches (weil pauschales) Narrativ versperrt ist. Denn man versteht ja weder das Mädchen noch den Mann – man ist irritiert davon, dass offenbar noch mehr existiert als nur das Narrativ. Aber die Wahrheit könnte einen frei machen! Befreien von dem pauschalen Blick, den pauschalen Urteilen – frei für das Eigentliche, das immer individuell ist. Was denn auch sonst?

Meine Romane wollen nicht die ungezählten Fälle ganz anders gelagerter Begegnungen leugnen, in denen Mädchen Opfer werden. Aber sie wollen auch selbst ein Recht auf Existenz haben, wie ihre Protagonistinnen ein Recht auf Existenz haben – als berührende Gegenbeispiele des allgemeinen Narrativs, wie auch die Männer dieser Romane solche tiefen Gegenbeispiele sind. Es sind Ausnahmen. Aber die ganze Zukunft ist heute Ausnahme. Und doch lebt sie zart bereits heute und hofft nichts weiter, als aufblühen zu dürfen.

Diese Zukunft wird aber nur kommen, wenn wir beginnen, das Einzelne ernst zu nehmen – überall. Den einzelnen Menschen, wo auch immer. Etwa im Krankenhaus, um Zeit für ihn zu haben und ihn nicht nur als ,Schenkelhalsfraktur’ zu sehen und die Pflegeminuten abzuhaken. Das einzelne Tier. Nur so werden wir erleben, was wir täglich tun und täglich versäumen – aufrichtig Auge in Auge mit dem anderen Wesen, sich berühren lassend ... und in diesen heiligen Augen-Blicken begreifend, um was es wirklich geht.

Und gerade das Wesen dieser heiligen Augen-Blicke, überhaupt dieses Blickens, in dem die Seele wieder Zugang zur heiligen Sphäre des Wesentlichen findet ... wird man in meinen Romanen finden. Es sind eben auch Mysterienbücher des Geheimnisses des Individuellen und seines Heiligtums. Gerade deswegen ist ihre Unterdrückung auf Grundlage eines pauschalen Narrativs so erschütternd – denn sie würden erleben lassen, wie sehr wir überall auf Katastrophen zugehen, weil wir genau dies nicht haben: den heiligen Blick für das Einzelne. Auch für das eigene Wesen immer weniger. Erst recht aber für das Wesen alles anderen.

Das Mysterium des Einzelnen

Würde man dieses Mysterium in sich mehr und mehr wahrmachen, so würde das Geheimnis der Liebe im Innersten der Seele aufzublühen beginnen.

Die Liebe kann nie mit Narrativen arbeiten, sie sieht immer das Einzelne. Die Liebe handelt auch nicht aus Angst, sondern aus Wahrhaftigkeit. Sie verschließt nicht die Augen vor den einen Tatsachen – aber sie sieht auch die anderen. Und dies ist auch die Substanz der Güte alter Menschen – Menschen, die wirklich noch wahrhaft alt zu werden verstanden. Güte reift still heran, wenn eine Seele in ihrem Leben viel gesehen und erlebt hat, und wenn sie immer tiefer das Einzelne versteht – und gleichzeitig das ganze Leben hindurch die Liebe zu diesem Einzelnen wachsen durfte. Das ist die still leuchtende Substanz der Güte.

Und nun kann man vielleicht auch verstehen, dass das wirklich Moralische in seinem Wesen nur aus Liebe bestehen kann – dass Moral im tiefsten Sinne und Liebe eigentlich eins sind. Man kann auch lieblos moralisch sein, aber dann ist man den Pharisäern verwandt. Einer derer, die diese Wahrheit tief erkannt haben, ist gerade Novalis. Dieser schrieb: ,Die Moral sagt schlechthin nichts Bestimmtes – Sie ist das Gewissen – eine bloße Richterin ohne Gesetz. Sie gebietet unmittelbar, aber immer einzeln.’

Die aufrichtige Begegnung zweier Menschen ist immer ein Mysterium. Jedes allgemeine, sich an Allgemeinem orientierende Urteil kann dieses Heilige einer einzigartigen Begegnung immer nur schänden. Jedes Urteil über das Einzelne und sein Geheimnis – erst recht da, wo dieses Einzelne selbst von Liebe geprägt ist – kann, wenn es wahrhaftig sein will, auch nur ein einzelnes sein. Und es wird um so wahrer sein, je mehr es auch selbst von Liebe geprägt ist.

Wer dagegen ein Liebesverhältnis zwischen einem Mädchen und einem Mann verurteilt, der gleicht einem Blinden, mit dem man ja auch nicht über die Farben sprechen kann. Und auch in der Nacht sind alle Katzen grau. Wer nicht bereit ist, die Augen für das Einzelne zu öffnen, der hat noch nicht den Blick der Liebe und der Wahrhaftigkeit. An diesem Mangel aber geht unsere Welt gerade zugrunde. Und wir haben nicht mehr viel Zeit, sie zu retten.