22.05.2011

Zanders Irrtümer und Entstellungen – in kleiner Auswahl

Analyse von: Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland, 2007.

„Solche Dinge gibt es auf Schritt und Tritt, und es ist nützlich, wenn sich die Anthroposophen kümmern um das Wurmstichige dessen, was hinter dem steht, was so oft der Anthroposophie entgegengehalten wird. – Aber gehen wir weiter.“
(Rudolf Steiner, 9.9.1910, GA 123, 173, Hinweis bei Peter Selg [o]).

Mehr grundsätzlich siehe einen weiteren Beitrag mit den Themen: Zanders Selbstwidersprüche und monomane Fehldeutungen | Zanders eigenes Problem | Geist-Erkenntnis | Plagiate oder notwendiges Anknüpfen? | Machtstreit? | Christologie.


Inhalt
Übersicht: Was man auf dieser Seite erfährt.
7. Theosophie [545-780]
Unterwerfung und Überbietung | Visionen | Details und Quellen | Lese„erfahrung“.
7.4. Der „Erkenntnispfad“ „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ [580-615]
Einwände | Verhaltensregeln | Traumdeutung | kein Vorbild | Devotion.
7.5. „Aus der Akasha-Chronik“ [615-648]
Atlantis und Scott-Elliot.
7.8. Theosophische Erkenntnistheorie [676-681]
Erleben des Denkens | Meditationserfahrung | Annie Besant | Beweisender Weg | Geheim-Wissenschaft.
9. Wissenschaft [859-957]
Religion | Wissenschafts-Faszination.
12. Architektur [1063-1180]
Formenreservoir | „Johannesbau“ | Freimaurerei | Schmid-Curtius | Hochschätzung | Sophie Stinde.
13. Eurythmie [1181-1235]
Einstiegshilfe.
14. Politik [1239-1356]
Siehe: Zanders gewaltsame Umdeutung der Dreigliederungsidee.
16. Medizin [1455-1578]
Unsystematisch | Bestehen | Ita Wegman | Ideenbildungen | Herz | Naturheilbewegung | Mysterien | Fazit.


Übersicht

Auf dieser Seite erfährt der Leser, wie Zander

  • im Kapitel Theosophie

    • sich in Bezug auf den „Wissenschaftsanspruch“ der „Theosophie“ in die Dialektik von methodologischer Unterwerfung und Überbietungsanspruch verirrt.
    •  die Forschungsergebnisse aus der Akasha-Chronik für Visionen hält, die „durch die Erfahrbarkeit ihrer Anschauungen“ legitimiert seien.
    • parallel in „Die Biografie“ in einem Satz kurzerhand beurteilt, Steiner habe sich an einer „systematischen Grundlegung der Meditation“ versucht, indem er die Stufen von Imagination, Inspiration und Intution „einführte“.
    • Steiner ein „beträchtliches Bildungswissen“ bescheinigt, das er in die Theosophie „eingeflochten“ habe, um es nachträglich als übersinnliche Erkenntnis zu „begründen“.
    • oft ratlos vor der Frage nach Steiners „Quellen“ steht, nur um dann doch irgendwo bei Steiner eine „für den Historiker lebensrettende Ehrlichkeit“ zu finden, indem ein Verweis auf andere Schriften natürlich ein Plagiat beweise.
    • Steiner unterstellt, er habe die „Leseerfahrung“ theosophischer Literatur als eigenes Erlebnis „übersinnlicher Welten“ gedeutet, und hinter seiner wiederholten „Semantik“ des inneren Erlebens stehe eine Hochschätzung des „lebensphilosophischen Denkens“.
    • Steiner in peinlichen Umdeutungen unterstellt, er stigmatisiere die „Selbsteinweihung“ und andere „autonome“, „eigenständige“ Kritiker seiner „Psychotechniken“, während Steiner in dem Zitat sagt, man solle nicht bequem auf eine solche Selbsteinweihung warten! Seltene Hinweise auf Probleme sollen massive Schwierigkeiten vermuten lassen usw.
    • absolutes Unverständnis für die moralische Schulung beweist („Wiederholung ethischer Handlungsanweisungen“).
    • Steiners Hinweis auf zunehmend mehr bewusste Phasen im Schlafleben zur „Traumdeutung“ und einem Versuch einer De-Säkularisierung macht.
    • in dem Buch „Wie erlangt man...?“ eine eklektisch-additive Sammlung ohne klare Quelle sieht.
    • den Hinweis auf die notwendige Entwicklung der Ehrfurcht als Forderung nach Devotion gegenüber dem Lehrer umdeutet.
    • glaubt, Steiner bei der Beschreibung atlantischer Luftfahrzeuge ein klares Plagiat bei Scott-Elliot und eine tagesaktuelle Umsetzung der Luftfahrt-Fortschritte nachweisen zu können, während A.-K. Dehmelt die nur bei Steiner zu findende Intuitions-Ebene aufzeigt und auch Steiner selbst die unterschiedlichen Ebenen benennt.
    • stolz eine theosophische Subtext-Erkenntnistheorie „aufdeckt“, die aber natürlich nicht systematisch sei, was an der „Inadäquanz“ zwischen „erlebtem Denken“ (für Zander ein leerer, unverstandener Begriff) und philosophischer Theorie liegen könne.
    • kurzerhand eigene Meditations-Erfahrungen Steiners in Frage stellt, obwohl nicht nur im Lebensgang, sondern auch im Briefwechsel mit Marie von Sivers wiederholt von diesen die Rede ist.
    • einerseits behauptet, von der „ehrfürchtigen Vermittlung theosophischer Klassiker“ bis zu „Behauptungen“ Steiners, er habe nur die Ergebnisse eigenen forschenden Schauens geschildert, sei ein langer Weg gewesen; andererseits behauptet, Steiner habe theosophische Einflüsse schon nach wenigen Jahren „abgestritten“!
    • nicht einmal den Widerspruch zu der selbst zitierten Anerkennung Steiners durch Besant bemerkt: „Er kennt den östlichen Weg nicht, und kann ihn, natürlich, nicht lehren. Er lehrt den christlichen und rosenkreuzerischen Weg“.
    • auf Steiners Worte, dass das geisteswissenschaftliche Denken in sich schon ein beweisender Weg ist, nur verständnislos reagieren, indem er sich beschwert, dass geisteswissenschaftliche Erkenntnisse den Schulungsweg voraussetzen, und geradezu behauptet, Steiner hätte einen naturwissenschaftlichen Weg geleugnet.
    • Steiners Worte über das Sich-Richten der Seele nach dem Geist lächerlich macht als „sicheren Ankerplatz“ des „inneren Erlebens“, was nach Zander natürlich automatisch subjektiv sei.

  • im Kapitel Wissenschaft

    • die Theosophie, also automatisch auch die Anthroposophie (die ja nur ein Ableger ist), als Religion ansieht.
    • Steiner eine lebenslange „Faszination“ für die Naturwissenschaft unterstellt, um daraus Steiners Anspruch zu erklären, der natürlich nicht haltbar sei.

  • im Kapitel Architektur

    • behauptet, das zweite Goetheanum sei aus dem „Formenreservoir“ der umgebenden „Mitgliederbauten“ entstanden.
    • das erste Goetheanum konsequent „Johannesbau“ nennt, um es in die Nähe der Johannes-Freimaurerei zu rücken.
    • Steiner unterstellt, er habe durch die Umbenennung eben von dieser Freimaurerei ablenken wollen, während Steiner gerade jedes Missverständnis vermeiden wollte, denn die Anthroposophie hatte mit der Freimaurerei nichts zu tun.
    • letztlich nur zu einem Satz kommen kann wie: „Daß von der kultischen Verwendungsabsicht des Johannesbaus so wenig bekanntgeworden ist, spricht nicht gegen sie.
    • behauptet, der Architekt Schmid-Curtius habe beansprucht, für die Planung verantwortlich zu sein, während im angegebenen Zitat davon nirgendwo die Rede ist.
    • die Entlassung von Schmid-Curtius, nachdem dieser Steiners Anweisungen entgegengehandelt hatte („selbstständiges Handeln“), natürlich letzterem zur Last legt („wie Steiner mit seinen Mitarbeiten umspringen konnte“).
    • geflissentlich übersieht, dass Steiner sich niemals mit fremden Federn schmücken wollte, sondern die Leistungen jedes Einzelnen hochschätzte und gewissenhaft darauf bedacht war, dass diese auch genannt werden.
    • seinerseits den Beitrag von Menschen missachtet, etwa den von Sophie Stinde, von der Steiner ausdrücklich sagte: „Für München war sie die Seele unseres ganzen Wirkens“.

  • im Kapitel Eurythmie

    • ein Zitat von Steiner so entstellt, dass die Eurythmie angeblich als „Einstiegshilfe in Anthroposophie“ diente, während Steiner sich gegen eine solche Unwahrhaftigkeit gerade wehrte!

  • im Kapitel Politik

    • Steiners Dreigliederungsidee in unzähligen Fällen wirklich gewaltsam umdeutet.

  • im Kapitel Medizin

    •  behauptet, Steiners Vorträge könnten Anthroposophen bis heute „ganz unsystematisch“ erscheinen, während seine Quelle Lindenberg in Wirklichkeit sagt: „aus einer lebendigen inneren Anschauung, scheinbar ganz unsystematisch“.
    • behauptet, Steiner habe mit Bezug auf Koliskos Arbeiten gesagt, sie könnten „bestehen vor den gegenwärtigen klinischen Anforderungen“, während Steiner sich in dem Zitat (unabhängig von Kolisko!) gegen solchen oberflächlichen Ehrgeiz gerade verwahrte!
    • sich in Bezug auf das Verhältnis von Rudolf Steiner und Ita Wegman in wild-erotischen Spekulationen ergeht – ganz im Glauben, durch genügende Wiederholung der Geschmacklosigkeiten würden daraus „Tatsachen“.
    • behauptet, Wegman habe eigene Meditationen geben dürfen, während sie als Sektionsleiterin gewisse Meditationen nur weitergeben durfte.
    • kurzerhand sämtlichen anthroposophischen Heilmitteln die Eigenständigkeit abspricht und sogar in Bezug auf das Mistelpräparat Steiner ein Plagiat zulasten der eigenen Mitarbeiter vorwirft.
    • wie der Arzt Peter Selg belegt, nicht eine einzige von Steiners Ideenbildungen auch nur in annähernd wiedererkennbarer Weise zur Darstellung bringen kann.
    • sogar die von ihm belächelte, tatsächlich aber sehr moderne Sichtweise, das Herz sei keine Pumpe, als Plagiat bei Karl Schmid deutet („wie Rudolf Steiner selbst zugab“), während der Quellenhinweis das Gegenteil besagt.
    • Steiner auch unterstellt, er habe zugegeben, sein medizinisches Denken an der Naturheilbewegung kennengelernt zu haben, während in dem Quellenhinweis auch davon überhaupt nicht die Rede ist!
    • Steiner unterstellt, er habe im Zusammenhang mit dem Arlesheimer Institut gesagt, hier „enthüllen sich die Mysterien“, während diese Worte in vollkommen anderem Zusammenhang gesprochen wurden!
    • also, wie Selg resümiert, allein schon im Medizin-Kapitel wirklich unzählige Vorurteile, Verdrehungen, bewusste Entstellungen usw. einbaut, deren Richtigstellung ein nahezu grenzenloses und sinnloses Unterfangen ist.

7. Theosophie [545-780]

Über den „Wissenschaftsanspruch“ der Theosophie – für Zander zugleich gleichbedeutend mit der Anthroposophie – sagt er:

[7:] Ein weiteres Charakteristikum der Theosophie war ihr Wissenschaftsanspruch (Kap. 9), vermittels dessen sie hermeneutische Gewissheit durch empirisches Wissen zu ersetzen suchte, um sich als ‹moderne› Weltanschauung im Sinne naturwissenschaftlicher Verfahren und ihrer objektivierbaren Ergebnisse zu etablieren. Die Theosophie beanspruchte, den Mehrwert einer ‹objektiven› ‹übersinnlichen› Dimension dem naturwissenschaftlichen Materialismus entgegenzusetzen und ihn so überbieten zu können. Im Rahmen dieser Dialektik von Unterwerfung unter die naturwissenschaftliche Methodologie bei gleichzeitigem Anspruch auf inhaltliche Überbietung sind die entscheidenden wissenschaftstheoretischen Fragen zu stellen: nach dem Verhältnis zur religiös imprägnierten ‹romantischen› Naturphilosophie und zum religiösen Empirismus des Spiritismus.

[499:] Steiners Berichte über die Kosmogenese oder die Erdentwicklung aus der „Akasha-Chronik“ etwa sind Visionen [...], die durch die Erfahrbarkeit ihrer Anschauung legitimiert sind und die ihre Wissensgehalte als Bilder oder Ereignisgeschichten präsentieren.


Zander hat keine Ahnung, wie der Geistesforscher seine aus der Intuition heraus gewonnenen Erkenntnisse zuletzt in Imaginationen umbildet, um sie in Worte fassen zu können. Für diesen zentralen Aspekt, die Stufen der Geist-Erkenntnis, hat Zander in „Die Biografie“ nur folgende Worte übrig:

[B-249:] Darin [„Die Stufen der höheren Erkenntnis“] versuchte er sich an einer systematischen Grundlegung der Meditation, indem er die Stufen von Imagination, Inspiration und Intuition neu einführte – natürlich nur als erste der „höheren“ Stufen.

 

[549:] Steiner brachte aus seiner vortheosophischen Phase ein beträchtliches naturwissenschaftliches und historisches Bildungswissen mit, das er in seine Theosophie eingeflochten hat. Die nachträgliche Begründung dieses Bildungswissens als „übersinnliche“ Erkenntnis ist in der historiographischen Analyse zu rekontextualisieren.

[563f:] Im Januar 1904 begann Steiner in seiner inzwischen mit der „Gnosis“ vereinigten Zeitschrift „Luzifer“ eine vierteilige Artikelserie „Von der Aura des Menschen“. Sie dokumentiert einen weiteren Rezeptionsschub der theosophischen Anthropologie. [...] Nachgerade plötzlich sprudelten bei Steiner Details über die Aura, von der bis dato nicht die Rede war. [...] Bei vielen Schriften Steiners, in denen sich zu anderen „okkulten“ Bereichen analoge Detailbeschreibungen finden, steht man ratlos vor der Frage, wo die Quellen derartig minutiöser Schilderungen liegen. Steiners Antwort lautete schon in diesen Monaten, er „werde nie über irgend etwas Geistiges sprechen, das ich nicht unmittelbar aus geistiger Erfahrung kenne. Das ist mein Leitstern“, und sie wird mit den Jahren immer bestimmter lauten, er habe diese Informationen „höheren Welten“ entnommen respektive sie in der „Akasha-Chronik“ gelesen. In den frühen Schriften war Steiner jedoch von einer für den Historiker lebensrettenden Ehrlichkeit. „Ich mache“, schrieb er im Anschluß an die zitierte Passage, „zur Vergleichung mit meinen Angaben auf die Schrift C.W. Leadbeaters: ‚Man visible and invisible’ aufmerksam, die 1902 in London, Theosophical Publishing Society, erschienen ist.“ (34,117).


Der „weitere Rezeptionsschub“ wird von Zander nicht weiter begründet. Auch für andere detaillierte Schilderungen kann er keine „Quellen“ finden. Steiners eigenen Worten vertraut er nicht. Stattdessen verweist er auf Steiners eigenen Verweis auf eine Leadbeater-Schrift. Dabei machen die Worte „zur Vergleichung mit meinen Angaben“ bereits sehr deutlich, dass es sich trotz Leadbeater um eigene Beobachtungen der menschlichen Aura handeln muss. Der endgültige Beweis aber liegt in den unmittelbar vorausgehenden Worten Steiners, die Zander unterschlägt und die von noch viel größerer Ehrlichkeit zeugen:

Ich möchte ausdrücklich bemerken, daß ich mich gerne korrigieren lasse von anderen Forschern. Die Beobachtungen auf diesem Felde sind natürlich unsicher. Und diese Unsicherheit läßt sich gar nicht vergleichen mit der, die schon auf dem physischen Felde möglich ist, obwohl doch auch diese – Forscher wissen es – eine sehr große ist.

 
Dann versteigt Zander sich zu den folgenden Abenteuerlichkeiten:

[572:] Er fühlte sich zu diesem Zeitpunkt bereits stark genug, um seine Eigenständigkeit als „Forscher“ in „übersinnlichen“ Angelegenheiten gegenüber den theosophischen Vorgaben herauszustreichen: „Der Verfasser dieses Buches schildert nichts, wovon er nicht Zeugnis ablegen kann durch Erfahrung ... Nur in diesem Sinne Selbsterlebtes soll dargestellt werden.“ (GA 9,12) Steiner leugnete so zu einem sehr frühen Zeitpunkt, mitten in der laufenden Anverwandlung theosophischer Vorstellungen, seine theosophischen Abhängigkeiten; welche eigenen „Erlebnisse“ darin aufgegangen sein könnten, ist wohl nicht mehr zu klären. Angesichts der schon dargelegten manifesten Rezeption theosophischern Literatur kann man dies in der Außenperspektive als bewusste Verschleierung lesen. Dies ist zwar im Rahmen seiner Stellung als Leiter und damit Lehrer in der deutschen Sektion machtpolitisch plausibel, dürfte aber unterschlagen, daß die theosophische Literatur Steiner eine Lese„erfahrung“ machen ließ, die er als eigenes Erlebnis „übersinnlicher Welten“ deuten konnte. Diese Begründung der theosophischen Tradition durch ein subjektives Erlebnis war kein Ausrutscher, wie Steiner kurz darauf imperativisch einschärfte: „Solche Wahrheiten müssen erlebt werden. Theosophie hat nur in diesem Sinn einen Wert.“ Diese Äußerungen fügen sich in eine weit verbreitete Semantik des „Lebens“ und „Erlebens“ in Steiners Werk ein, hinter dem wohl seine Hochschätzung des lebensphilosophischen Denkens stand, das er schon vor 1900 schätzte und in der theosophischen Phase ein Widerlager gegen die Relativierungsbedrohung des Historismus bildete.


Zander gibt also zu, dass der Anteil eigener Erlebnisse unklar bleibt.
Steiners eigenen Worten vertraut er natürlich nicht – und schließlich unterstellt er ihm sogar, die Leseerfahrung als Erlebnis übersinnlicher Welten zu erklären. Zander fällt zwar die Wichtigkeit des Erlebens im ganzen Werk Steiners auf, aber auch diese bleibt für ihn unverstanden, und so kann er nur hilflos „Erleben“ und „Leben“ zusammenwerfen und dies dann mit dem „lebensphilosophischen Denken“ parallelisieren, das Steiner angeblich geschätzt haben soll.

Zander entgeht grundlegend und zweifelsfrei Eigenständiges wie die Bewusstseinsseele – siehe dazu ausführlich Jörg Ewertowski: Der bestrittene geschichtliche Sinn. Anthroposophie, Weihnachten 2007. [o]

7.4. Der „Erkenntnispfad“ „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ [580-615]

In einem Abschnitt „Kritik an Steiners Autorität (1909)“ bezieht er sich auf das Kapitel „Die Erkenntnis höherer Welten“ in der „Geheimwissenschaft“. Sehr konfus und mit massiv willkürlichen Deutungen äußert Zander dort gleich zu Beginn:

[593f:] Dabei handelt es sich um eine nicht gerade systematisierte, aber immerhin sortierte Zusammenstellung von Schulungsanweisungen [...]. Wieweit er einzelne Teile seiner Übungen 1909 nachjustierte, kann an dieser Stelle auf sich beruhen bleiben, da es hier nicht um eine Geschichte von Steiners psychoinvasiven Methoden geht. Von Interesse sind allerdings die Veränderungen, die die Probleme des Schulungsweges als Teil der Vereinsstruktur der Theosophischen Gesellschaft betreffen, und die sind bemerkenswert.
Einleitend dokumentierte Steiner ein Phänomen, das sonst außerhalb polemischer Angriffe kaum greifbar ist: Kritik an seinen Psychotechniken (GA 13,299–307). Steiner nannte keinen Namen und ließ den Leser im Unklaren, ob die Anfragen aus dem inneren Kreis der Theosophie oder von außen kamen, aber er enthüllte Akzeptanzprobleme, verkleidet in einen normativen Text über gutes oder schlechtes Verhalten des Schülers. Zu den kleineren Beanstandungen gehörte die Kritik an der Veröffentlichung der Schulungsregeln, also an der Verletzung der Schweigepflicht (ebd., 303). Praktisch alle anderen Monita drehten sich um die autoritäre Rolle des esoterischen Lehrers und offenbar um die Forderung nach mehr Eigenständigkeit für die Schüler. Schon in der Eingangspassage konzedierte Steiner, dass es „Fälle von Selbsteinweihung“ gebe (ebd., 300), und die waren im Schulungsweg nicht vorgesehen. Das Argument dieser Autonomen lautete wohl, es gebe die „Leitung von geistigen Mächte, in deren Führung solle man nicht eingreifen“ (ebd., 301), was im Umkehrschluss heißen konnte, dass Steiner die Schranken des „esoterischen“ Erlaubten überschritten habe [???]. Steiner wehrte sich, indem er diese Form der Selbständigkeit stigmatisiert und zu viel Eigenständigkeit mit Passivität infiziert sah. Diese Fälle
„sollten aber nicht zu dem Glauben verführen, dass es das einzig richtige sei, eine solche Selbsteinweihung abzuwarten und nichts zu tun, um die Einweihung durch regelrechte Schulung herbeizuführen“. (ebd.)
1913 legt Steiner nochmals nach und depotenzierte diese „Art von Selbst-Erweckung“ (so 1910) zu einer „Art von unwillkürlicher Selbst-Erweckung“, also zu einer ohnmächtigen Erkenntnis, die Steiner schon lange etwa mit Spiritismus assoziiert hatte und in der Theosophie überwunden glaubte.
Sodann fürchtete man [...] „einen Einfluß auf das verborgenste Heiligtum der Seele“ (GA 13,302). [...] Dahinter wiederum stand wohl nicht nur die Angst, Steiner könne diese Einblicke besitzen, sondern durch die Veröffentlichung der Schulungsanweisungen einem Missbrauch vorbeugen (ebd., 303). [???, H.N.]. Schließlich nannte er kryptisch „Mittel“, „die sich dem Bewusstsein des Schülers entziehen“ (ebd.); ob damit Drogen oder suggestive Methoden gemeint sind, bleibt im Dunkeln. Angesichts der seltenen Hinweise auf Probleme im Umgang mit dem theosophischen Lehrgut kann man vermuten, daß die Schwierigkeiten mit der autoritären Struktur der Wissensvermittlung massiv waren [??? H.N.]. Ob oder wieweit die Vorwürfe zutrafen, ist hingegen nicht klar.


Jörg Ewertowski schreibt dazu [o]:

Jeder, der den Originaltext aber auch nur einmal unbefangen gelesen hat, wird sofort erkennen, dass hier noch nicht einmal eine gewaltsame Deutung vorliegt, sondern ein völlig illusionärer Zweittext konstruiert wird [...]. Entweder ist sie [Zanders Methode] das Ergebnis drastischer Selbsttäuschung oder sie ist von der Absicht zur Täuschung getragen. [...] Mit keinem wissenschaftlich bekannten Gegenstand hätte so verfahren werden können, nur mit einem so zuverlässig unbekannten und vorurteilsbelasteten wie der Anthroposophie konnte eine solche Arbeit zur Habilitation führen.


Und in der Tat sind Zanders Umdeutungen so krass,
dass man ihre lügenhafte Gewalt kaum fassen kann. Steiner schreibt:

Die Mittel der Einweihung führen den Menschen aus dem gewöhnlichen Zustande des Tagesbewußtseins in eine solche Seelentätigkeit hinein, durch welche er sich geistiger Beobachtungswerkzeuge bedient. Diese Werkzeuge sind wie Keime vorher in der Seele vorhanden. Diese Keime müssen entwickelt werden. – Nun kann der Fall eintreten, daß ein Mensch in einem bestimmten Zeitpunkte seiner Lebenslaufbahn ohne besondere Vorbereitung in seiner Seele die Entdeckung macht, es haben sich solche höhere Werkzeuge in ihm entwickelt. Es ist dann eine Art von unwillkürlicher Selbsterweckung eingetreten. [...] – Solche Fälle von Selbsteinweihung gibt es. Sie sollten aber nicht zu dem Glauben verführen, daß es das einzig Richtige sei, eine solche Selbsteinweihung abzuwarten und nichts zu tun, um die Einweihung durch regelrechte Schulung herbeizuführen. Von der Selbsteinweihung braucht hier nicht gesprochen zu werden, da sie eben ohne Beobachtung irgendwelcher Regeln eintreten kann. Dargestellt aber soll werden, wie man durch Schulung die in der Seele keimhaft ruhenden Wahrnehmungsorgane entwickeln kann.
Menschen, welche keinen besonderen Antrieb in sich verspüren, für ihre Entwickelung selbst etwas zu tun, werden leicht sagen: das Menschenleben steht in der Leitung von geistigen Mächten, in deren Führung soll man nicht eingreifen; man soll ruhig des Augenblickes harren, in dem jene Mächte es für richtig halten, der Seele eine andere Welt zu erschließen. Es wird wohl auch von solchen Menschen wie eine Art von Vermessenheit empfunden, oder als eine unberechtigte Begierde, in die Weisheit der geistigen Führung einzugreifen. Persönlichkeiten, welche so denken, werden erst dann zu einer anderen Meinung geführt, wenn [...] sie sich sagen: Jene weise Führung hat mir gewisse Fähigkeiten gegeben; sie hat mir diese nicht verliehen, auf daß ich sie unbenützt lasse, sondern damit ich sie gebrauche. Die Weisheit der Führung besteht darin, daß sie in mich die Keime gelegt hat zu einem höheren Bewußtseinszustande. Ich verstehe diese Führung nur, wenn ich es als Pflicht empfinde, daß alles dem Menschen offenbar werde, was durch seine Geisteskräfte offenbar werden kann. Wenn ein solcher Gedanke einen genügend starken Eindruck auf die Seele gemacht hat, dann werden die obigen Bedenken gegen eine Schulung in bezug auf einen höheren Bewußtseinszustand schwinden.
Es kann aber allerdings noch ein anderes Bedenken geben, das sich gegen eine solche Schulung erhebt. Man kann sich sagen: „Die Entwickelung innerer Seelenfähigkeiten greift in das verborgenste Heiligtum des Menschen ein. Sie schließt in sich eine gewisse Umwandlung des ganzen menschlichen Wesens. Die Mittel zu solcher Umwandlung kann man sich naturgemäß nicht selber ersinnen. Denn wie man in eine höhere Welt kommt, kann doch nur derjenige wissen, welcher den Weg in diese als sein eigenes Erlebnis kennt. Wenn man sich an eine solche Persönlichkeit wendet, so gestattet man derselben einen Einfluß auf das verborgenste Heiligtum der Seele.“ – Wer so denkt, dem könnte es selbst keine besondere Beruhigung gewähren, wenn ihm die Mittel zur Herbeiführung eines höheren Bewußtseinszustandes in einem Buche dargeboten würden. Denn es kommt ja nicht darauf an, ob man etwas mündlich mitgeteilt erhält oder ob eine Persönlichkeit, welche die Kenntnis dieser Mittel hat, diese in einem Buche darstellt und ein anderer sie daraus erfährt.
Es gibt nun solche Persönlichkeiten, welche die Kenntnis der Regeln für die Entwickelung der geistigen Wahrnehmungsorgane besitzen und welche die Ansicht vertreten, daß man diese Regeln einem Buche nicht anvertrauen dürfe. Solche Personen betrachten zumeist auch die Mitteilung gewisser Wahrheiten, welche sich auf die geistige Welt beziehen, als unstatthaft. Doch muß diese Anschauung gegenüber dem gegenwärtigen Zeitalter der Menschheitsentwickelung in gewisser Beziehung als veraltet bezeichnet werden. Richtig ist, daß man mit der Mitteilung der entsprechenden Regeln nur bis zu einem gewissen Punkte gehen kann. Doch führt das Mitgeteilte so weit, daß derjenige, welcher dieses auf seine Seele anwendet, in der Erkenntnisentwickelung dazu gelangt, daß er den weiteren Weg dann finden kann. [...]
Die hier zu besprechende Schulung gibt demjenigen, welcher den Willen zu seiner höheren Entwickelung hat, die Mittel an die Hand, die Umwandlung seiner Seele vorzunehmen. Ein bedenklicher Eingriff in das Wesen des Schülers wäre nur dann vorhanden, wenn der Lehrer diese Umwandlung durch Mittel vornähme, die sich dem Bewußtsein des Schülers entziehen. Solcher Mittel bedient sich aber keine richtige Anweisung der Geistesentwickelung in unserem Zeitalter.


Zander will alles als Abhängigkeiten und Plagiat erklären, doch auch an anderer Stelle scheitert er schlicht, wie etwa bei den von Steiner angegebenen, den „Nebenübungen“ verwandten Übungen zur Entwicklung der zwölfblättrigen Lotusblume – nicht ohne sich auch hier mit peinlichen Fragen und absurden Bemerkungen zu disqualifizieren:

[588:] Bei der Betrachtung der zwölfblättrigen Lotusblume folgten weitere Verhaltensregeln. Wieder sollen am Beispiel des Werdens und Vergehens hellseherische „Sinne“ entwickelt werden (GA 10, 127), und zwar durch [...]
Genauere Quellen lassen sich nicht ermitteln, aber auch diese Liste könnte aus einem Meditations- oder Erziehungskompendium stammen. Warum Steiner ein solches Interesse an der Wiederholung ethischer Handlungsanweisungen entwickelte, ist nicht ganz deutlich. [>165]
[>165] [...] Aber hier könnte auch Druck von außen eine Rolle gespielt haben, vermutete man doch, „die Theosophische Gesellschaft habe keinen Moralkodex“ (GA 34,618).


Die moralische Ebene des Schulungsweges muss Zander undeutlich bleiben, denn für ihn handelt es sich ja schon seitens des Lehrers um ein hoch-autoritäres System. Die eigene Engsicht bleibt unübersteigbar...

Eine Seite später folgt die nächste krasse Fehldeutung:

[589:] In einem weiteren Kapitel bot Steiner seine Traumdeutung [>170]. Sie lief auf das Ziel hinaus, Traum- und Wachbewußtsein gleichermaßen zugänglich zu machen und „die erwachte höhere Seele auch in das Tagesbewußtsein herüberzunehmen“ (GA 10,177).
[>170] Steiner gehört zu den Versuchen, die neuzeitliche Säkularisierung des Traums [...] zum materialistischen Unterbewußstsein zurückzunehmen [...]. Bei Steiner war der Traum wieder das Fenster in ein Jenseits.


Es handelt sich weder um Traumdeutung, noch um ein Fenster zum Jenseits! Steiner beschreibt äußerst konkret Vorgänge, die während des Schulungsweges eintreten und sich zuerst im Schlafzustand äußern:

Daß die Geburt dieses höheren Seelenwesens zunächst im tiefen Schlafe erfolgt, wird begreiflich erscheinen, wenn man bedenkt, daß der zarte, noch wenig widerstandsfähige Organismus bei einem etwaigen Erscheinen während des sinnlichen Alltagslebens durch die starken, harten Vorgänge dieses Lebens ja gar nicht zur Geltung kommen könnte. [...] Nun muß man sich auf dieser Stufe der Entwickelung klarwerden, daß man es ja zunächst mit einzelnen mehr oder weniger unzusammenhängenden geistigen Erlebnissen zu tun hat. Man muß sich daher hüten, sich aus ihnen irgendein abgeschlossenes oder auch nur zusammenhängendes Erkenntnisgebäude aufbauen zu wollen. [...] Das richtigste ist, über die einzelnen wirklichen Erlebnisse, die man hat, immer mehr und mehr zur Klarheit zu kommen und abzuwarten, bis sich neue ergeben in völlig ungezwungener Art, die sich wie von selbst mit den schon vorhandenen verbinden. – Es tritt da nämlich bei dem Geheimschüler durch die Kraft der geistigen Welt, in die er nun einmal gekommen ist, und bei Anwendung der entsprechenden Übungen eine immer mehr um sich greifende Erweiterung des Bewußtseins im tiefen Schlafe ein. Immer mehr Erlebnisse treten hervor aus der Bewußtlosigkeit und immer kleinere Strecken des Schlaflebens werden bewußtlos sein. So schließen sich dann die einzelnen Schlaferfahrungen eben immer mehr von selbst zusammen, ohne daß dieser wahre Zusammenschluß durch allerlei Kombinationen und Schlußfolgerungen gestört würde, die doch nur von dem an die Sinneswelt gewöhnten Verstande herrühren würden.
GA 10, S. 177f.


Letztlich kann Zander dem Werk „Wie erlangt man...?“ keine klaren Quellen zuweisen (außer i.w. die Proben innerhalb der Freimaurerei und der achtgliedrige Pfad). Das liest sich bei ihm dann so:

[607:] Per saldo läßt sich Steiners Schulungsweg mit der eklektischen Sammlung von Inhalten ohne klare Konzeption keinem Vorbild zuweisen. Als Gerüst könnte einer der theosophischen Schulungswege gedient haben, aber letztlich dominieren [...] die additiven Züge.


Sein wichtigster Angriffspunkt ist dann die folgende Entstellung:

[608:] Autorität tritt im Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer, zwischen dem Adepten und dem Eingeweihten als Forderung nach „Devotion“ auf.


Siehe hierzu ausführlich: Zanders gebrochenes Verhältnis zu Erkenntnis und Autorität. Eine Analyse.

7.5. „Aus der Akasha-Chronik“ [615-648]

Hier deutet Zander das recht bekannte Beispiel der Luftfahrzeuge der Atlantier:

[642:] Bis in welche Details Steiners Vertrauen in Scott-Elliots Schilderungen reichte und wie kreativ er damit umging, dokumentieren Beispiele zu technischen „Erfindungen“ in Atlantis.


Dass Steiner William Scott-Elliot gerade korrigiert und mit völlig anderer Ausrichtung weit über dessen Schrift „Atlantis nach okkulten Quellen“ (1896) hinausgeht, bezeichnet Zander also als „Vertrauen“ bei gleichzeitiger „Kreativität“...

Im Juli 1904 erschien in der Zeitschrift „Luzifer-Gnosis“ Steiners Aufsatz „Unsere atlantischen Vorfahren“, in dem es heißt:

So wurden die in geringer Höhe über dem Boden schwebenden Fahrzeuge der Atlantier fortbewegt. Diese Fahrzeuge fuhren in einer Höhe, die geringer war als die Höhe der Gebirge der atlantischen Zeit, und sie hatten Steuervorrichtungen, durch die sie sich über diese Gebirge erheben konnten. [...] Ihre Verwendbarkeit beruhte darauf, daß in dieser Zeit die Lufthülle [...] viel dichter war als gegenwärtig.
GA 11, 29f.

[645:] Diese pittoreske Schilderung läßt sich in der Sache fast identisch auch bei Scott-Eliott nachlesen [...]:
„Die Flughöhe belief sich nur auf einige 100 Fuß, so dass, wenn hohe Berge in der Fluglinie lagen, die Richtung gewechselt und der Berg umfahren werden musste, – die verdünntere Luft leistete nicht länger die nötige Stütze. Hügel von etwa 1000 Fuß Höhe waren das Höchste, was überfahren werden konnte.“


Die Angabe Steiners, dass die Berge überwindbar waren, führt Zander einfach darauf zurück, dass Ende 1903 den Brüdern Wright der erste Flug im Tragflächenflugzeug mit Höhen- und Seitenruder gelang.

Steiner weist selbst auf Scott-Elliots Schrift hin, sagt dann aber:

Hier sollen Mitteilungen gegeben werden über diese uralte Kultur, welche Ergänzungen bilden zu dem in jenem Buche Gesagten. Während dort mehr die Außenseite, die äußeren Vorgänge bei diesen unseren atlantischen Vorfahren geschildert werden, soll hier einiges verzeichnet werden über ihren seelischen Charakter und über die innere Natur der Verhältnisse, unter denen sie lebten.
GA 11, S. 24.

An anderer Stelle ergänzt er:

Die Akasha-Chronik ist zwar zu finden im Devachan, doch sie erstreckt sich herunter bis in die astrale Welt, so daß man in dieser oft Bilder der Akasha-Chronik wie eine Fata Morgana finden kann. Sie sind aber oft unzusammenhängend und unzuverlässig, und das ist wichtig zu beachten, wenn man Forschungen über die Vergangenheit anstellt. Ein Beispiel soll die Gefährlichkeit dieser Verwechslungen andeuten. Wenn wir bei der Erdenentwickelung durch die Angaben der Akasha-Chronik zurückgeführt werden bis zu jenen Zeiten, wo die Atlantis bestand, ehe die große Flut kam und sie wegspülte, können wir die Vorgänge in dieser alten Atlantis verfolgen. Dieselben haben sich später in anderer Form noch einmal wiederholt. Lange vor der christlichen Zeit haben sich Ereignisse abgespielt in Norddeutschland, in Mitteleuropa, ostwärts von der Atlantis, bevor das Christentum von Süden heraufgezogen ist, die eine Wiederholung der atlantischen Ereignisse sind. [...] Wenn jemand verfolgt die astralen Bilder der Akasha-Chronik, nicht die devachanischen Bilder, dann kann ihm eine Verwechslung mit diesen Wiederholungen der alten atlantischen Vorgänge passieren. Das ist wirklich der Fall gewesen in den Angaben von Scott-Elliot über Atlantis, die zwar durchaus stimmen, wenn man sie prüft in bezug auf die astralen Bilder, doch nicht mehr, wenn man sie anwendet auf die devachanischen der wirklichen Akasha-Chronik. Das mußte einmal gesagt werden. In dem Augenblick, wo man erkennt, wo die Quelle der Irrtümer ist, kann man leicht zur wahren Schätzung der Angaben kommen.
28.5.1907, GA 99, S. 45.


Scott-Elliot ergeht sich in Beschreibungen technischer Vorrichtungen und bleibt im übrigen in Bezug auf die Triebkraft sehr vage [zit. nach Dehmelt]:

Anfangs scheint persönliches Vril die Triebkraft geliefert zu haben ...; später aber wurde dieses durch eine Kraft ersetzt, welche, obgleich auf eine für uns unbekannte Weise erzeugt, nichtsdestoweniger durch bestimmte maschinelle Vorrichtungen arbeitete.


Anna-Katharina Dehmelt weist ausführlich auf den vollkommen anderen Zugang Rudolf Steiners hin [o]:

Außerdem dürfte dem Leser aufgefallen sein, wie stark Steiner gleich im ersten Satz betont, dass die Atlantis völlig verschieden von der heutigen Kultur war. Bei Scott-Elliot hatte ihn doch vieles an die eigene Gegenwart erinnert, angefangen von der republikanischen Staatsform über den Übergang von Elementar- zu Hochschulen bis hin zu detailliert beschriebenen Kolonisationen. Insbesondere aber dürfte dem damaligen Leser aufgefallen sein, dass Steiner einen völlig neuen Begriff einführt: „Der logische Verstand ... fehlte den ersten Atlantiern ganz. Dafür hatten sie ein hochentwickeltes Gedächtnis.“ Bei Scott-Elliot war nur ganz allgemein von „psychischen Fähigkeiten“ die Rede gewesen, die er, ebenso diffus, mit Bulwer-Lyttons „Vril“ und dem Keely-Motor in Verbindung brachte. [...]
Bei Scott-Elliot handelt es sich um recht zusammenhanglose Einzelheiten; bei Steiner kommt Zusammenhang in die Details, sie werden erklärbar als Erscheinungsformen einer Kultur, die auf das Gedächtnis gebaut ist. Gemeineigentum, Ahnenkult und Erbfolge der Atlantier werden ebenso verständlich wie die parallel zur zunehmenden Denkkraft zunehmende Gesetzes- und Regeltreue. Insbesondere aber kann Steiner die Beherrschung der Lebens- und Naturkräfte erhellen: „Mit dem Wesen der einen menschlichen Kraft hängen immer andere zusammen. Das Gedächtnis steht der tieferen Naturgrundlage des Menschen näher als die Verstandeskraft, und mit ihm im Zusammenhange waren andere Kräfte entwickelt, die auch noch denjenigen untergeordneter Naturwesen ähnlicher waren als die gegenwärtigen menschlichen Betriebskräfte. So konnten die Atlantier das beherrschen, was man Lebenskraft nennt.“ [...]
Rudolf Steiners Beitrag ist nicht auf Bildhaftigkeit, Detailreichtum und Sensation gerichtet, sondern auf Nachvollziehbarkeit, innere Stimmigkeit und Verständnis – das wird gerade im Vergleich mit Scott-Elliots Büchlein deutlich. Steiner schöpft aus einer anderen geistigen Sphäre als Scott-Elliot. Dessen Angaben entstammen der Imagination, sie sind in ihrer detailverliebten Zusammenhanglosigkeit geradezu ein Paradebeispiel für Imaginationen, hinter denen keine bewussten Inspirationen und Intuitionen stehen. Rudolf Steiners Beitrag kommt hingegen aus der Sphäre der Intuition.


Rudolf Steiner schließt an bereits vorliegende Imaginationen an, aber er tut dies unabhängig und gestaltet seine Imaginationen aus der Intuition, der Wesenserkenntnis der atlantischen Kultur, heraus als einen sich selbst tragenden Zusammenhang inspirativ aus. So werden seine Imaginationen durchsichtig für Inspiration und Intuition.

7.8. Theosophische Erkenntnistheorie [676-681]

Zander stellt intelligent fest:

[676:] Steiners theosophische Schriften besitzen unterhalb aller Konkretionen und aller detailverliebten Erzählungen einen Subtext: eine theosophische Erkenntnistheorie. [>496]
[>496] Ein systematischer epistemologischer Diskurs fehlt bei Steiner. Die Gründe dafür liegen möglicherweise in der Inadäquanz dessen, was Steiner ein Erlebnis (hier: „erlebtes Denken“ [GA 21,137] nennt einerseits und der philosophischen Theorie andererseits. Steiner bemühte sich, die ihn überzeugende Wirkung des theosophischen Erlebnisses mit einem philosophischen Überbau zu sichern, aber nur nachträglich und ohne intensive Reflexionen. Diese Schnittstelle ist der Lebensphilosophie des 19. Jahrhunderts als Problem natürlich gut bekannt, doch bezieht sich Steiner nicht auf die einschlägigen Debatten.


Wäre es nicht zu vermuten, dass hinter Schilderungen übersinnlicher Tatsachen auch eine Erkenntnistheorie steht? Bei Zander wird es zum Vorwurf, weil er alles im Lichte von „Dogmatik“, „Indoktrination“ usw. liest. Hätte Steiner keine Erkenntnistheorie, würde er ihm dies aber um so mehr vorwerfen... Im übrigen hat Steiner die Grundlagen seiner Geisteswissenschaft ausführlich beschrieben. Wenn man jedoch wie Zander die „Philosophie der Freiheit“ nicht einmal ansatzweise versteht und die Wege zur übersinnlichen Erkenntnis von vornherein als „elitär“ usw. zurückweist, kann man ganz ungeniert weiter seine eigenen Vorurteile und Suggestionen entfalten – detailverliebt.

Zander hat keinerlei Ahnung von dem, worauf Rudolf Steiner hinweist, wenn er vom Erleben des Denkens spricht. Zanders Denken ist so schwach, dass es seine eigenen Widersprüche nicht bemerkt. Hier ist keineswegs von einem „theosophischen Erlebnis“ die Rede, sondern vom reinen Denken! In diesem liegt die Brücke von der bloßen Philosophie zur Geistesforschung. Für etwas, was unmittelbare Erfahrung ist, braucht man keine „Reflexionen“ und noch weniger einen „nachträglichen Überbau“!

In dem Zitat [GA 21, 137f] schreibt Steiner unter Bezug auf eine Schrift Gideon Spickers, der ganz real mit den Erkenntnisgrenzen rang:

Für das erlebte Denken schwindet die Undurchdringlichkeit der Wand; dieses erlebte Denken findet ein Licht, um die „von keinem Lichtstrahl“ des nur verstandmäßigen Denkens „erhellte Finsternis“ schauend zu erhellen; und der „bodenlose Abgrund“ ist ein solcher nur für das Reich des Sinnenseins; wer an diesem Abgrund nicht stehen bleibt, sondern das Wagnis unternimmt, mit dem Denken auch dann weiter zu schreiten, wenn dieses ablegen muß, was ihm die Sinneswelt eingefügt hat, der findet in „dem bodenlosen Abgrund“ die geistige Wirklichkeit.


Zander behauptet Steiners Unselbständigkeit, indem er dessen eigene meditative Erfahrungen in Abrede stellt:

[705:] Andererseits gibt es eine bemerkenswerte Leerstelle. Es fehlen Indizien, daß Steiner selbst meditiert hätte. In den Memoiren aus seinem engeren Umfeld, etwa Marie von Sivers’, sind mir jedenfalls keine Belege dafür bekanntgeworden. Die Meditationen, die er an seine Schüler gab, hatten zwar theosophische Wurzeln, waren aber, nach allem, was augenblicklich historisch ermittelbar ist, Produkte eines selbsternannten Lehrers ohne praktische Erfahrung.


Dazu Günter Röschert [o]:

Im XXII. Kapitel berichtet er über seinen Weg zur Meditation und über deren Intensivierung ab dem 35. Lebensjahr (1896). Darauf geht Zander, dem diese Fundstellen nicht entgangen sein können, nicht ein. Bis in seine letzten Lebensjahre kommt Steiner auf seine frühen Meditationserfahrungen, z.B. an Goethes Märchen oder an Ernst Haeckels Evolutionslehre zurück. Im Briefwechsel mit Marie von Sivers, die Zander ungalant als Steiners „Geliebte“ bezeichnet, ist wiederholt von Meditationserfahrungen die Rede.


Zander weiter:

[678:] Der Weg von der ehrfürchtigen Vermittlung theosophischer Klassiker in den ersten Jahren nach 1902 bis zu den Behauptungen in seiner Autobiographie, er habe nur „die Ergebnisse meines eigenen forschenden Schauens“ präsentiert (GA 28,294), war lang und kulminierte erstmals im Rahmen der Ablösung von der Theosophischen Gesellschaft.

[B-170:] Er unternahm den Spagat, sich die Theosophie als Schüler anzueignen und zugleich als Lehrer zu wirken. [...] Derweil verehrte er eine Lehrerin über sich fast grenzenlos [...]: Annie Besant.


Zander behauptet also, Steiner hätte sich ab 1902 die Theosophie nur angelesen und hätte Besant „fast grenzenlos“ verehrt, und ist blind für den Widerspruch zu der (von ihm zitierten) Tatsache, dass sogar Besant 1907 auf Steiners vollkommen eigenen Weg hinweist.

 [B-199:] Besant sah die Unterschiede klar, wie sie Hübbe-Schleiden [... Anfang Juni 1907] schrieb: „Dr. Steiners okkulte Ausbildung unterscheidet sich sehr von unserer. Er kennt den östlichen Weg nicht, und kann ihn, natürlich, nicht lehren. Er lehrt den christlichen und rosenkreuzerischen Weg [...].“


Und auch seine ganz eigenen Widersprüche bemerkt er nicht:

[225:] Steiner begann schon wenige Jahre nach seiner endgültigen theosophischen Konversion nach 1900, unterschiedslos jegliche theosophische Prägungen abzustreiten.


Zander kann nur verständnislos auf Worte wie diese hinweisen:

Man lernt erkennen, daß für die naturwissenschaftliche Darstellung das „Beweisen“ etwas ist, was an diese gewissermaßen von außen herangebracht wird. Im geisteswissenschaftlichen Denken liegt aber die Betätigung, welche die Seele beim naturwissenschaftlichen Denken auf den Beweis wendet, schon in dem Suchen nach den Tatsachen. Man [Zander zitiert: „Mann“, H.N.] kann diese nicht finden, wenn nicht der Weg zu ihnen schon ein beweisender ist. Wer diesen Weg wirklich durchschreitet, hat auch schon das Beweisende erlebt; es kann nichts durch einen von außen hinzugefügten Beweis geleistet werden.
GA 13, 40f.


Zander kommentiert:

[680:] Der Weg zur Erkenntnis war damit an die Absolvierung des Schulungsweges geknüpft. Einen eigenständigen Weg der Naturwissenschaften gab es nicht.


So trivial wie peinlich! Natürlich gab es einen eigenständigen Weg der Naturwissenschaften für deren Gebiet. Steiner erwähnt ihn ja gerade. Aber es gab eben auch einen eigenständigen Weg der Geisteswissenschaft. Wie Zander hier reagiert, ist ungefähr so, als wenn man entrüstet schimpfen würde: „Der Weg zur Erkenntnis war also an eine naturwissenschaftliche Ausbildung geknüpft!“

Und auch diese Worte Steiners kann er nicht stehenlassen:

Geheimwissenschaft ist Wissenschaft von dem, was sich insoferne im „Geheimen“ abspielt, als es nicht draußen in der Natur wahrgenommen wird, sondern da, wohin die Seele sich orientiert, wenn sie ihr Inneres nach dem Geiste richtet.
„Geheimwissenschaft“ ist Gegensatz von „Naturwissenschaft“.
GA 13, 11.


Zander kommentiert:

[681:] Wieder war das Erleben im „Inneren“ der Seele der sichere Ankerplatz der Erkenntnis. Und dann folgte ein neuer Absatz, bestehend aus einem einzigen Satz, der Stakkato seiner Worte zu einem indikativischen Skelett kristallisiert und Steiners hochtheosophisches Programm des Monismus von Natur- und Geisteswissenschaft mit einem kratzenden Federstrich eliminierte: [...]. Steiner hatte damit seine Epistemologie umkodiert: von objektiver Erkenntnis auf subjektives Erleben.


Auf diesem Niveau 1.800 Seiten lang „Wissenschaft“ zu treiben, ist schon eine Leistung!

9. Wissenschaft [859-957]

Schon im einführenden Kapitel „Historiographie“ sieht Zander die Anthroposophie als Religion:

[44:] Sah die Gründergeneration der Theosophie in den 1870er Jahren die Nähe und die Überschneidungen zur Religion noch relativ deutlich, hat Rudolf Steiner eine Gegenposition bezogen [...]. Da in der Theosophie allerdings klassische Bereiche der Religionsphänomenologie, etwa Gott / das Göttliche, die Welt und ihre Entstehung oder Anthropologie und Soteriologie zentrale Themen sind, wird sie in der Außenwahrnehmung vielfach als Religion eingestuft. Dies geschieht meines Erachtens zu Recht, da der Grund für Steiners Distanz [...] in seinem Anspruch auf die Überbietung partieller Sinndeutungen durch eine monistische „Weltanschauung“ liegt. Er verstand die Theosophie mithin als eine Form „höherer“ Religion und [...] wollte mithin Religion in Theosophie aufheben. Der Streit geht dann um die Frage, ob die Theosophie auf dieser Metaebene etwas anderes [...] als Religion geworden sei. Ich meine nicht, aber Theosophen und namentlich Steiner sind da ganz anderer Auffassung.


Zugleich darf Steiner „fasziniert“ von der Wissenschaft sein – auch damit braucht Zander ihm keine wissenschaftliche Methode zugestehen:

[859:] Steiner war von der Naturwissenschaft – im Singular, wie er immer sagte – fasziniert: von ihren Entdeckungen, ihren Erklärungsmöglichkeiten, ihren Erfolgen in der technischen Umsetzung. ‹Die Wissenschaft hatte die Methode ausgearbeitet, mit all den wunderbaren Werkzeugen, welche die neuere Zeit geschaffen hat, das Physische zu erforschen. [...]› (GA 53,31) Dieses Zitat aus dem Jahr 1904 steht exemplarisch für den Prinzipal eines schwärmerischen Grundgefühls, das ihn von frühester Jugend bis an sein Lebensende begleitet hat.
Noch 1921 wollte der [es muss heißen „er“, H.N.] „durchaus festgehalten“ wissen, „daß der Ursprung und die Quelle der Anthroposophie in naturwissenschaftlichen Erwägungen liegt“ (GA 342,173).


Siehe hierzu ausführlich: Zander über den Wissenschaftsbegriff Rudolf Steiners. Eine Widerlegung. sowie Thomas Meyer: Helmut Zander und sein dilettantischer Wissenschaftsbegriff. Der Europäer, Oktober 2007. [o]

12. Architektur [1063-1180]

Auch dieses Kapitel ist voll von erstaunlichen Behauptungen:

[1063:] Aus dem architektonischen Formenreservoir der ihn umgebenden „Kolonie“ von Mitgliederbauten (Abschn. 12.5) entstand nach dem Brand des Johannesbaus 1922 die Architektur des noch stehenden und die anthroposophische Architektur bis heute normativ prägenden Goetheanum (Abschn. 12.6).


Roland Halfen vom Archiv in Dornach schreibt [o]:

Falsch und irreführend. Nach dem Brand des Goetheanum, d.h. 1923 gab es kein einziges unabhängig von Steiner entworfenes bzw. realisiertes Gebäude in der „Kolonie der Mitgliederbauten“, das einen Einfluß auf die Gestaltung des Modells hätte nehmen können, und Zander bleibt dementsprechend auch jeglichen Beleg für seine These in Abschn. 12.6. schuldig. Steiner selbst hat hinsichtlich der konkreten Anknüpfungspunkte für einen zweiten Goetheanumbau explizit und eindeutig auf den „Eckenstil“ des Eurythmie-Anbaus des Hauses Brodbeck hingewiesen (31. Dezember 1923, GA 260, S. 216) und dies entspricht auch dem anschaulichen Befund. Der tiefere Grund für diese These Zanders wird erst auf  S. 1064 genannt.


In „Die Biografie“ korrigiert Zander sich übrigens stillschweigend und schreibt dort sehr anders:

[B-423:] Doch nach dem Brand dauerte es länger als ein Jahr, ehe Steiner zu einer neuen Konzeption des Goetheanum fand. Er nahm sich Zeit für eine Innovation.


Dann entlarvt Halfen Zanders Motiv, bei der Benennung „Johannesbau“ zu bleiben: Zanders Hauptthese ist, das Goetheanum sei wie die „Vorläufer-Bauten“ letztlich für Freimaurer-Kulte (Johannes-Freimaurerei) gebaut worden, und Steiner habe den Namen nur verändert, um davon abzulenken. Noch in „Die Biografie“ schreibt Zander unter Hinweis auf die Thronsessel (S. 321): „In ihnen hätte er als Meister vom Stuhl gesessen und mit seinem Hammerschlag die Zeremonie gelenkt [...]“

Halfen jedoch weist darauf hin, dass der Name „Johannesbau“ von Anfang an zusammenhing

[...] mit der Figur des Johannes Thomasius aus Steiners Mysteriendramen, für deren Aufführung der Münchner und der Dornacher Bau allen bekannten Äußerungen Steiners zufolge gebaut wurde.


Zander behauptet schon in einem englischen Aufsatz den angeblichen Zusammenhang mit der Freimaurerei [zit. nach Halfen]:

When Steiner renamed the Johannesbau in 1918, he wanted to divert away from this connection, as he had already admitted indirectly in 1917.


Was hat Steiner 1917 „indirekt zugegeben”? Hier sieht man wieder, wie Zander bedenkenlos angebliche Quellen nennt, die in Wirklichkeit das Gegenteil aussagen! Er zitiert Steiner: „...eine große Anzahl von Menschen [denkt] bei dem Namen „Johannesbau“ an die Johannes-Freimaurerei“. Der Kontext [!] bleibt schwer zugänglich, da die Stelle in der GA noch nicht veröffentlicht ist. Es handelt sich um die 5. ordentliche Generalversammlung des Johannesbauvereins am 21.10.1917. Steiner verweist eindeutig auf die Notwendigkeit der Umbenennung durch die Verwechslungsgefahr! Er sagt:

Schwierigkeiten sind verbunden damit, dass wir den Namen „Johannesbau“ ändern, Schwierigkeiten sind damit verbunden, dass wir ihn behalten [...] weil es in der nächsten Zeit unter Umständen sehr wichtig sein kann, wirklich auch vor der Öffentlichkeit einen Namen, der keine Missverständnisse hervorruft, zu haben. [...] vor allen Dingen – es denken eine große Anzahl von Menschen bei dem Namen „Johannesbau“ an die Johannes-Freimaurerei. Und dass wir uns von der Johannes-Freimaurerei unterscheiden, dass wir nichts mit ihr zu tun haben, das [...] kann etwas sein, was für die nächste Zeit, gerade auch für die jetzigen Verhältnisse, eine große Bedeutung hat. [...] Da können sich natürlich manche Schwierigkeiten ergeben, wenn immer wieder und wiederum das Missverständnis obwaltet, dass hier irgend ein Ableger der „Johannes-Maurerei“ auf diesem Dornacher Hügel sich aufgebaut hat, was nach der ganzen Natur und Sache unserer Bewegung eben nicht der Fall ist.
Rudolf Steiner, 21.10.1917.


Letztlich kann sich Zander nur zu einer Formulierung wie dieser retten:

[1149:] Daß von der kultischen Verwendungsabsicht des Johannesbaus so wenig bekanntgeworden ist, spricht nicht gegen sie.


Zander weiter:

[1066] Der Architekt Schmid-Curtius beanspruchte ebenfalls, aufgrund von vagen Angaben Steiners für die Planung verantwortlich zu sein; vgl. Kemper: Der Bau, 187. Die Frage der Rolle einzelner Theosophen für die Planung ist wohl nicht mehr zu klären.


Halfen kommentiert [o]:

Von einem „Anspruch auf die Planungsverantwortung aufgrund von vagen Angaben Steiners“ ist an der angegebenen Stelle und auch sonst nirgendwo die Rede. Es geht dort vielmehr um die Entstehung und Entwicklung des Doppelkreis-Grundrisses ab 1908. Die Herausgeber referieren eine Erinnerung von Alexander Strakosch (Lebenswege mit Rudolf Steiner, S. 141), welcher zufolge der Ingenieur im Sommer 1911 nach der Gründung des Johannesbauvereins Dr. Steiner um erste konkrete Hinweise für den Grundriß des geplanten Johannesbaus bat und daraufhin eine elementares geometrisches Konzept mit der Aufgabe erhielt, die konkreten Proportionsverhältnisse selbst auszuarbeiten. Schmidt-Curtius wird dagegen nur mit einer Notiz zitiert, in welcher er berichtet, daß die Elementarangabe Steiners zum Grundriß „auf ihn überkommen“ sei, und Steiner ihm später den Abstand der beiden Kreismittelpunkte mit 21 m angegeben hat.
Die dort wiedergegebenen Äußerungen sind wichtige Fakten für die Frage der Zusammenarbeit Steiners mit seinen Kollegen im Kontext der Bauplanung, und es ist eigenartig, warum Zander auch hier wiederum nur oberflächlich und noch einmal sachlich falsch referiert, um unmittelbar dann summarisch zu behaupten, die „Rolle einzelner Theosophen für die Planung“ sei „wohl nicht mehr zu klären“. Vor dem Hintergrund seines angeblichen Anliegens (S. 1065), das Verhältnis zwischen Steiner und seinen Mitarbeitern besser als bisherige Studien darzustellen, verwundern diese Mängel.


Als Rudolf Steiner Schmid-Curtius entlässt, weil er entgegen Steiners Anweisungen die Außenarchitrave hohl arbeiten ließ, ist für Zander dies ein Vorgehen gegen „selbstständiges Handeln“ und dokumentiere, „wie Steiner mit seinen Mitarbeiten umspringen konnte.“ [1100]

Zander will Steiner nachweisen, dass er Leistungen von Mitarbeitern als seine ausgegeben habe – und benutzt so diese Mitarbeiter wie Schachfiguren für seinen Zweck, Steiner zu „demontieren“.

Wie sehr jedoch Rudolf Steiner die Leistungen jedes einzelnen Mitarbeiters achtete und auch genannt wissen wollte, zeigt wiederum seine Ansprache auf der o.g. Generalversammlung:

Was ich sagen will, verehrte Freunde, das ist nicht irgendwie so aufzufassen, als wollte ich die Berichte der verehrten Vorsitzenden irgendwie ergänzen oder lückenhaft finden, sondern ich möchte nur eine Anregung geben über etwas, was mir aufgefallen ist schon seit langer Zeit. Wer bekannt ist mit der späteren Forschung, die angestellt wird über dasjenige, was auf solchen Gebieten geschehen ist, wie z. B. unser Bau ist, der weiß, wie groß die Schwierigkeiten sind für die späteren Analysten, wie groß die Schwierigkeiten sind, manches herauszubekommen, die Historie richtig zu stellen. Ich betone z. B., dass man heute noch nicht mit vollständiger Gewissenhaftigkeit angeben kann, wann Raphael von Florenz nach Rom gezogen ist. In solchen Dingen kann man aber der Zukunft ein wenig zu Hilfe kommen, und das würde nur auch gewissermaßen die Objektivität erfordern.
Ich möchte die Anregung geben, dass in den Berichten, die so in unseren Generalversammlungen gegeben werden, und die doch die Grundlage für die Geschichte der Baubewegung werden, wirklich verzeichnet werden neben der Bewegung der Geldmittel, neben anderen Dingen, auch verzeichnet werden die Namen unserer treuen Mitarbeiter, und wirklich im einzelnen. Wer weiß, wie unendlich viel Arbeitskraft hineingeflossen ist in die ganze Bauarbeit, der wird es eigentlich als etwas Selbstverständliches betrachten, dass in den Berichten in erster Linie all die treuen Mitarbeiter, auch mit Bezeichnung ihrer Arbeit usw. auftauchen.
Es wird vielleicht dies auch sonst gerade unter den gegenwärtigen Verhältnissen von außerordentlicher Bedeutung und Wichtigkeit sein, ganz abgesehen davon, daß – wie ich meine – die objektive Berichterstattung die Dankesschuld dadurch abzutragen hat an diejenigen, die eben eine wirklich nicht hoch genug zu schätzende, gar nicht zu bemessende Fülle und Summe von Arbeit zur Fertigstellung der Gruppe und unseres Baues geleistet haben. Wenn z.B. betont worden ist, wie an der Gruppe gearbeitet worden ist, so möchte ich durchaus hervorheben, dass man dabei z.B. auch ins Auge zu fassen hat, dass diese Gruppe ohne die treue Mitarbeiterschaft derjenigen, die eben ihre Arbeitskraft der Sache widmen, nicht hätte zustande kommen können, absolut nicht hätte zustande kommen können, und unter den gegenwärtigen Zeitverhältnissen am allerwenigsten, wenn Sie bedenken, wieviel ich verhindert bin, hier an Ort und Stelle zu sein, und wie viel hat gearbeitet werden müssen, ohne dass ich irgendwie dabei habe sein können.“
Rudolf Steiner, 21.10.1917.


Ein weiteres Beispiel dafür, wie Zander mit Menschen umgeht, ist das folgende:

[1067:] Möglicherweise aus diesem Umfeld oder von Wiesberger (siehe Anm. 14) könnte auch Ohlenschlägers Behauptung, Stinde sei die „eifrigste Betreiberin des Bauansinnens“ für den Münchener Bau gewesen, stammen; dies ist zumindest übertrieben.


Halfen stellt richtig [o]:

Während Zander andere Bewertungen der Arbeit Stindes leichtfertig kritisiert, gibt er an dieser Stelle keinen Beleg für seine eigene Sichtweise und bleibt damit auf der Stufe bloßer Behauptungen. Sophie Stinde war Mitbegründerin und 1. Vorsitzende des Johannesbauvereins und ab 1913 des erweiterten Johannesbauvereins Dornach bis zu ihrem Tode im Jahre 1915. Rudolf Steiner betonte auf einer Generalversammlung der deutschen Sektion als Generalsekretär ausdrücklich, daß es sich bei dem Münchner Bau um eine Initiative der Münchner Mitglieder handele, nicht um ein offizielles Projekt der deutschen Sektion, und faßte in seiner Totenansprache am 18. November 1915 (GA 261, S. 151) über Sophie Stinde zusammen: „Für München war sie die Seele unseres ganzen Wirkens“.

13. Eurythmie [1181-1235]

Hier nur ein Beispiel für Zanders Entstellungen:

[1187:] Zugleich konnte Steiner die Eurythmie auch weit weniger ambitioniert beschreiben, nämlich pragmatisch als Einstiegshilfe in Anthroposophie:

Wenn die Leute zuerst Eurythmie sehen und nichts hören von Anthroposophie, da gefällt ihnen die Eurythmie. Dann vielleicht kommen sie später, und weil ihnen die Eurythmie gefallen hat und sie erfahren, daß hinter der Eurythmie die Anthroposophie steht, dann gefällt ihnen die Anthroposophie auch.
1.1.1924, GA 260, 278f.

Solche utilitaristischen Äußerungen machen deutlich, daß die Stellung der Eurythmie prekär war.


Weit entfernt von einer solchen Anbiederung, hat Steiner das genaue Gegenteil gesagt. Das Zitat ist nämlich wie folgt umrahmt:

Man wird nicht sagen: Bringen wir dorthin Eurythmie; [...] Wir müssen den Mut haben, solch ein Vorgehen verlogen zu finden. Erst wenn wir den Mut haben, solch ein Vorgehen verlogen zu finden, es innerlich verabscheuen, dann wird Anthroposophie ihren Weg durch die Welt finden.

16. Medizin [1455-1578]

Dies ist ebenfalls eine „erstaunliches Kapitel“, das der Arzt Peter Selg eingehend besprochen hat [o].

Schon auf der ersten Seite ist eine von Zanders Entstellungen die folgende:

[1455:] Schon Zeitgenossen attestierten Steiner, die medizinischen Vorträge gehörten zu seinen „schwerverständlichsten“ (GA 312,280), und bis heute können sie Anthroposophen als „ganz unsystematisch“ erscheinen[>1].
[>1] Lindenberg: Steiner (Biographie), II, 738.


Bei Lindenberg aber heißt es tatsächlich, zit. nach Selg [o]:

„In der Tat sprach Rudolf Steiner, nach der Einleitung, aus einer lebendigen inneren Anschauung, scheinbar ganz unsystematisch.“


Eine weitere:

[1468:] Steiner ließ jedenfalls Lili Kolisko 1923 demonstrativ vor Anthroposophen und Anthroposophen [sic!] über ihre Arbeiten referieren (GA 260, 212f.), letztlich weil er ihre empirische Qualität für ausreichend hielt: „Unsere Abhandlungen können bestehen vor den gegenwärtigen klinischen Anforderungen“ (ebd., 278).


Tatsächlich aber hatte Steiner dort - es ist die gleiche Stelle, die zuvor bei der Eurythmie angeführt wurde! - gesagt:

Wenn wir dasjenige, was auf unserem Boden medizinisch erwächst, so beschreiben, dass wir den Ehrgeiz haben: Unsere Abhandlungen können bestehen vor den gegenwärtigen klinischen Anforderungen – dann, dann werden wir niemals mit den Dingen, die wir eigentlich als Aufgabe haben, zu einem bestimmten Ziele kommen, denn dann werden die anderen Menschen sagen: Nun ja, das ist ein neues Mittel; wir haben auch schon andere neue Mittel gemacht.
1.1.1924, GA 260, 278,


In seinem Kapitel 16.6.2. Das Verhältnis zwischen Wegman und Steiner seit 1923 ergeht Zander sich in wilden und geschmacklosen Spekulationen:

[1533:] Die Verdichtung ihrer Beziehung zwischen 1921 und 1923 läßt sich nur schemenhaft erkennen und auch in äußeren Stationen nur bedingt nachvollziehen. [...] Eine wichtige Phase der Annäherung dürfte jedenfalls Steiners Reise nach Großbritannien im Sommer 1923 gewesen sein [...]. Wegman reiste Steiner etwa eine Woche nach seiner Abreise hinterher (I,144f). In Penmaenmawr dürften sich Steiner und Wegman Ende August sehr nahe gekommen sein, aber dies läßt sich nur in Äußerungen fassen, die emotionale Nähe in weltanschaulicher Terminologie verdecken: „Können wir nicht eine Mysterienmedizin begründen?“ [...]

[1534:] Das Verhältnis dürfte schon sehr bald nicht mehr zu verheimlichen gewesen sein, irgendwann muß Marie Steiner ihrem Mann Ehebruch vorgehalten haben[>381], und schon im Dezember waren die Konflikte auch für Außenstehende unübersehbar: „Wenn die Hetze gegen Frau Dr. Wegman so weitergeht“, habe Steiner am 22. Dezember zu Oskar Schmiedel gesagt, „wird sie zur Zersprengung der Gesellschaft führen. [...].“
[>381] Vgl. die verdeckte und nicht datierte Bemerkung bei Zeylmans: Wegman (Interview), 160: „Ich weiß nur, daß Marie von Sivers Ita Wegman moralisch verurteilte. Das war für Rudolf Steiner natürlich schwer auszuhalten“.

[1535:] Diese Ausnahmestellung gründete in einer großen Liebe, die im Sommer 1924 schwärmerische Züge annahm. Sie ist durch Liebesbriefe dokumentiert, die Steiner seiner Freundin schickte. „Meine liebe Ita“ oder „Mysa-Ita“ [...] pflegte er sie anzureden (I,199f.) [...] „Wirst Du mich jetzt immer lieben bleiben?“ (I,207), frug ihn Wegman, die lebenslang nur schlechtes Deutsch sprach, und Steiner versicherte ihr, „diese Liebe ruht auf dem unerschütterlichsten Fels. ... ich konnte zu keinem Menschen so stehen wie zu Dir“ [...]. Wie weit die Beziehung zwischen beiden letztlich ging, ist unklar, aber es könnte gut sein, daß die erotische Freundschaft nicht in sexuelle Liebe umgeschlagen ist [>394].
Die öffentliche Bearbeitung dieses Verhältnisses bedurfte, da freie Liebe nicht zu den lebensreformerischen Zielen unter Anthroposophen zählte, eines Überbaus, und der hieß in der theosophischen Tradition Karma. [...]
[>394] „[...] so weit ich das beurteilen kann, war Ita Wegman nicht Rudolf Steiners Geliebte. Sie hatten kein Liebesverhältnis im herkömmlichen Sinn.“ (ebd., 80).
[>396] Vermutlich war die karma-erotische Gemengelage noch komplizierter, weil im Mai 1924 Edith Maryon, zu der Steiner ebenfalls ein inniges Verhältnis hatte, gestorben war. [...]


Obwohl Zeylmans ausdrücklich festhält: „Sie hatten kein Liebesverhältnis im herkömmlichen Sinne“, geht der „Wissenschaftler“ Zander aggressiv auf ebendiese herkömmliche Deutung aus. Man braucht die Worte „Geliebte“, „Erotik“, „Ehebruch“ usw. nur oft genug erwähnen, um sie schließlich „plausibel“ werden zu lassen. Und so ist auch die „gnädige“ Vermutung „es könnte gut sein, daß die erotische Freundschaft nicht in sexuelle Liebe umgeschlagen ist“ nichts anderes als die vergiftete Feststellung, dass in jedem Fall aber eine erotische Freundschaft vorgelegen habe! Zanders Vorgehen ist derart infam, dass man es aufgrund der tiefen Missachtung vor Steiners „forum internum“ eigentlich ganz übergehen will. Ich führe es hier einzig und allein aus dem Grunde an, um Zanders Vorgehen wirklich umfänglich sichtbar zu machen.

Eine weitere Fehldeutung:

[1534:] Am 11. März erschien der erste und einzige Rundbrief für Ärzte. Er war von Steiner und Wegman unterzeichnet (GA 316, 229), und Steiner verkündete, dass Wegman nun „Meditationen“ gab (ebd., 224) – eine Auszeichnung, die Marie Steiner nie zuteil wurde.


Peter Selg schreibt dazu [o]:

Wie in einer bereits vor drei Jahren publizierten Monographie über die – von Rudolf Steiner stammende – „Wärme-Meditation“ eindeutig nachgewiesen wurde, ging es in dem Mediziner-Rundbrief von Steiner/Wegman um die weitere Verteilung dieser medizinischen Schulungs-Übung durch Wegman als Sektionsleiterin. Eigene Meditationen verfasste Ita Wegman – entgegen Helmut Zanders Behauptung – nie; eine entsprechende „Verkündigung“ durch Rudolf Steiner fand in der geschichtlichen Wirklichkeit niemals statt.


Und dann die krasse Behauptung:

[1568f:] Aber letztlich besitzen alle „anthroposophischen“ Heilmittel ihre Wurzeln in der außeranthroposophischen Praxis, nicht in Steiners Theorie. [...] Bei der Suche nach alternativmedizinischen Heilmitteln konnte man Glück haben und auf Arzneien stoßen, die auch außerhalb des anthroposophischen Erklärungshorizontes partiell Anerkennung fanden. Das wohl prominenteste Beispiel ist die Krebstherapie durch Mistelgabe, die auf Marie Ritter und / oder Adolf Hauser zurückgehen dürfte. [...]
Von spezifisch anthroposophischen Verfahren oder Mitteln kann man angesichts dieses Befundes nicht sprechen.


Nach dem anthroposophischen Arzt Peter Selg [o] widerspricht das Mistelbeispiel allen historischen Befunden, auch die anderen Aussagen belegt Zander nicht.

Peter Selg resümiert [o]:

Obwohl er keine einzige von Rudolf Steiners medizinischen Ideenbildungen wirklich als solche thematisieren und in annähernd wiedererkennbarer Weise zur Darstellung bringen konnte, postuliert Zander in seiner Arbeit im großen Stil – und unter Umgehung inhaltlicher Herleitungen und Begründungen –, Steiner habe erfolgreich versucht, „esoterische Traditionen zu beerben“ und eine Vielzahl von „Deutungsmustern“ anderer Autoren „übernommen“ (S. 1561). Dem „Wissenstand seiner Jugend und der Anschaulichkeit der älteren medizinischen Deutungsmodelle“ bis an sein Lebensende verhaftet (S. 1562), sei Steiner über Haeckel – den er zeitlebens als „wissenschaftliche Autorität“ verehrt habe – und seine goetheanistische Prägung nie hinausgekommen, habe jedoch in geschickter Weise vermocht, populärwissenschaftliche Denkformen des 19. Jahrhunderts im theosophischen Milieu und unter Verwischung seiner (bis heute, so Zander, unaufgedeckten) Quellen wiederzubeleben. Helmut Zander versuchte sich an Rudolf Steiners medizinischen Vortragskursen vor Ärzten, fand in ihnen jedoch nur einen „amorphen Bestand“ (S. 1494) „divergierender Konzepte“ (S. 1498), einen „freien kombinatorischen Umgang [Steiners] mit Systemvorstellungen“ (S. 1514) und „Modellen“ anderer Autoren.


Selg weiter [o]:

Um zu belegen, dass Rudolf Steiner veralteten wissenschaftlichen Auffassungen nachhing und moderne Entwicklungen ignorierte oder verwarf, führte Zander Steiners Sicht, das Herz sei keine „Pumpe“, sondern ein „Stauapparat“, an (in durchgängiger Verkürzung und Verfremdung des tragenden ideellen Gehaltes, aber vielleicht ohne Wissen darum, wie realiter „modern“ Rudolf Steiners hämodynamische Gesichtspunkte nach neuesten naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten sind); diese „Idee“ des „Stauapparats“ habe Rudolf Steiner, so Zander, von dem österreichischen Arzt Karl Schmid „übernommen“ – wie von ihm selbst eingeräumt worden sei. Um Rudolf Steiners entsprechendes Geständnis quellentextlich zu belegen („wie Rudolf Steiner selbst zugab“), führte Helmut Zander einen Seitenverweis auf eine Fragenbeantwortung nach dem öffentlichen medizinischen Vortrag Rudolf Steiners vom 16.11.1923 in Den Haag an (GA 319, S. 134), in der Rudolf Steiner (wie auch in dem vorausgegangenen Vortrag) weder über das Herz, noch über die genannte Thematik sprach. Tatsächlich hatte Rudolf Steiner am 17.11.1910 in 22 Berlin und am 21.3.1920 in Dornach im Kontext umfangreicher Ausführungen zur menschlichen Herztätigkeit auf die Arbeit von Schmid hingewiesen, die einen Aspekt des hämodynamischen Problems unter mechanischen Gesichtspunkten wenigstens anfänglich thematisiere:

„Es ist nicht sehr viel noch in dieser Abhandlung enthalten, aber man muss sich sagen, dass wenigstens da einmal jemand aus seiner medizinischen Praxis heraus bemerkt hat, dass man es nicht zu tun hat mit einem Herzen als mit einer gewöhnlichen Pumpe, sondern mit dem Herzen als einem Stauapparat.“
(GA 312, S. 37).

Vom Eingeständnis einer „Übernahme“ der Schmid’schen Idee („wie Rudolf Steiner selbst zugab“), war in dem Vortragstext keine Rede – und wie hätte Rudolf Steiner auch von ihr sprechen können? Kennt man den Umfang und die anthropologischen Implikationen und Konsequenzen von Rudolf Steiners hochdifferenzierter und komplexer Herzlehre – wie sie bereits 1910 und in weiter ausgeführter Weise 1920 vorlag und von ihm in eindrucksvoller Weise thematisiert wurde – sowie den Artikel von Karl Schmid aus dem Jahre 1891, so kann von einer „kontextuellen“ Übernahme von Ideen schwerlich die Rede sein.


Rudolf Steiner, so Zander weiter, habe die salutogenetische (und nicht primär pathogenetische) Orientierung seines medizinischen Denkens an der zeitgenössischen Naturheilbewegung „kennen gelernt“ – und habe dies 1909 selbst „dokumentiert“.

Bei der vermerkten Stelle jedoch charakterisiert Steiner die Naturheilkunde kritisch und sagt im weiteren nur:

Dann haben aber auch weite Kreise Zutrauen gefunden zu dem, was man Naturheilkunde nennt, die vielfach eine andere Auffassung über Krankheit und Gesundheit hat und nicht nur das empfiehlt, was auf den kranken Menschen Bezug hat, sondern auch das, was als richtig gehalten wird für den gesunden Menschen, damit er sich stark und kräftig erhält. Alles ist gefärbt von dieser oder jener Seite, von der schulmedizinischen oder von der mehr der Naturheilkunde zuneigenden Richtung.
14.1.1909, GA 57, 189f.


Selg dazu [o]:

Studiert man Rudolf Steiners differenziertes Denken über den Leib des Menschen in Physiologie und Pathologie und wird man gewahr, wie intensiv sich Rudolf Steiner schon zur Zeit seiner goetheanistischen Naturstudien in den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts mit entsprechenden Fragestellungen auseinandersetzte, so erscheint die Behauptung hochgradig naiv bis maligne, Steiner habe die populäre Naturheilbewegung des beginnenden 20. Jahrhunderts für die Gewinnung anthropologischer Grundkategorien benötigt. Helmut Zander mag das in seiner grenzenlosen Steiner-Verkennung tatsächlich für möglich halten; den „dokumentarischen“ Textnachweis aber blieb er auch hier schuldig – und arbeitete mit Scheinbelegen.


In Zusammenhang mit der Begründung des Klinisch-therapeutischen Instituts in Arlesheim sagt Zander:

[1548:] Steiner hat die Konzeption des Hauses esoterisch aufgeladen und geglaubt, hier „enthüllen sich die Mysterien“ (GA 319, 242).


In dem Londoner Vortrag ist aber von dem Institut überhaupt nicht die Rede!

Da kommt man dazu, zu studieren, wie der Mensch in der Embryonalzeit hereintritt aus der geistigen Welt in die physische Welt, und da findet man, daß eine besondere Relation besteht zwischen den Kräften, die im Phosphor oder in Phosphorverbindungen vorhanden sind, und denjenigen Kräften, die im Uterus vorhanden sind und im Uterus sich entgegenstellen der Embryonalentwickelung. Wären diese Kräfte im Uterus nicht vorhanden, so würde einfach bei jedem Menschen Rachitis eintreten. Der Uterus ist zu gleicher Zeit ein fortwährender Arzt gegen die Rachitis, indem er Kräfte in sich enthält, die im Organismus von derselben Art sind wie die Kräfte, die in der äußeren Natur in der Mineralsubstanz Phosphor oder in Phosphorverbindungen vorhanden sind. – So enthüllen sich die Mysterien, so dass, wenn man nun dem Menschen, der rachitisch geworden ist, eine Phosphorbehandlung angedeihen lässt, man die mangelnde Phosphorwirkung des Uterus in der Außenwelt nach der Geburt nachholt.
29.8.1924, GA 319, 242.


Selg resümiert am Ende [o]:

Es ist ein nahezu grenzenloses – und sinnloses – Unterfangen, die unzähligen Vorurteile und verzerrten Urteilsformen, die Vereinfachungen und Verdrehungen, bewussten Entstellungen, Verfremdungen und Fälschungen, die methodischen Grundprobleme, defizienten Voraussetzungen und haarsträubenden Folgerungen auch nur des medizinischen Kapitels von Helmut Zanders Buch richtigzustellen (von Rudolf Steiners wertschätzender und positiv unterstützender Arbeitsbeziehung zu Ärzten und Heilkundigen – wie Felix Peipers und Marie Ritter – bis hin zur Person und Relation mit Ita Wegman) – all das von Zander absichtlich bizarr Beschriebene, aber auch all das von ihm bewusst nicht Beschriebene, all die nicht berücksichtigten und sachlich weiterführenden Entwicklungen – auch all die Schriften der Sekundärliteratur, die von ihm außer Acht gelassen wurden. [...]
Niemals erhob Rudolf Steiner und niemals erhoben anthroposophische Mediziner den Anspruch, vollkommen neue und bisher gänzlich unbekannte Natursubstanzen gefunden und den Schöpfungsprozess auf eine neue Stufe gehoben zu haben; wohl aber war mit der geisteswissenschaftlich erweiterten Medizin anthroposophischer Ausrichtung von Anfang an die Intention verbunden, Diagnostik und Therapie in den Bereich der individuellen menschlichen Erkenntnis- und Urteilsfähigkeit hereinzuholen bzw. auf der Basis einer vertieften Erkenntnisarbeit in nachvollziehbarer Rationalität neu zu begründen. Hier lag ihr geschichtlicher Ausgangspunkt und ihre Differenz zur naturheilkundlichen, homöopathischen und allopathischen Bewegung – wie Helmut Zander sehr wohl bekannt ist. 


Ein sinnloses Unterfangen, wirklich - insbesondere in Bezug auf Zander selbst.
Er wird seine Meinung nicht ändern, seine Entstellungen nicht zugeben. Für alle anderen ist es wichtig, dass diese Entstellungen aufgedeckt werden, denn sie ziehen einen dichten Schleier über die Persönlichkeit Rudolf Steiners und das Wesen der Anthroposophie. Ich wiederhole hier noch einmal das eingangs angeführte Zitat:

„Solche Dinge gibt es auf Schritt und Tritt, und es ist nützlich, wenn sich die Anthroposophen kümmern um das Wurmstichige dessen, was hinter dem steht, was so oft der Anthroposophie entgegengehalten wird. – Aber gehen wir weiter.“
(Rudolf Steiner, 9.9.1910, GA 123, 173, Hinweis bei Peter Selg [o]).