Eigene Bücher chron

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Bücher schreiben

Holger Niederhausen: Bücher schreiben. Ein tief (über-)persönliches Vermächtnis. Books on Demand, 2023. Paperback, 132 Seiten, 12,99 Euro. ISBN 978-3-7578-1167-9. 

► Wichtiger Hinweis: Wer meinen würde, ich schriebe nur 'Mädchen-Bücher', der irrte essenziell - diese Mädchen sind Botinnen des immer verschütteteren Wesens der menschlichen Seele überhaupt.

Erschienen am 24. Juni 2023.              > Bestellen: Books on Demand | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen <

Inhalt


Zum Künstler muss man geboren sein, heißt es. Jeder Mensch ist ein Künstler, sagte Beuys. Wie aber schreibt man ein Buch ... oder schreiben sie sich vielleicht sogar von selbst? Wann ist ein Buch ein gutes Buch? In diesem finden sich auf solche und andere Fragen berührend essenzielle, zugleich tief persönliche und weit mehr als nur persönliche Antworten.

Über dieses Buch


Beuys, der zu seinem hundertsten Geburtstag 2021 wieder viel in aller Munde war, prägte das Wort ,Jeder Mensch ist ein Künstler’. Und doch fällt Kunst nicht vom Himmel – und Begabung erst recht nicht, sie ist schlicht Gnade, und sei es etwas in einem früheren Leben Errungenes.

Kunst hat viele, heilige Voraussetzungen. Und doch bin ich weit entfernt davon, das Wort von Beuys zu bestreiten, denn ich empfinde diesen Künstler als einen wahrhaften Bruder im Geiste – im Geiste eines tiefen Christentums. Wie christlich Beuys war, das haben die wenigsten verstanden – und ist nur vor dem Hintergrund der Anthroposophie überhaupt zu verstehen.

In diesem Buch blicke ich aus einem ebenfalls tiefen, spirituellen Ringen heraus, in dem ich die letzten drei Jahrzehnte gelebt habe, auf die Frage: Was führt eigentlich zu dem Mysterium guter, berührender Bücher? Und mit einem zugleich sehr tief autobiografischen Blick versuche ich zu beschreiben, was die inneren Voraussetzungen für kostbare Bücher sind. Es wird dann von selbst deutlich werden, was man sich davon erringen kann – und was eine Gabe sein muss.

In tieferem Sinne behält Beuys uneingeschränkt Recht – denn nicht jeder muss auf demselben Gebiet ein Künstler sein, kann es auch gar nicht. Und letztlich ist es die größte Kunst, immer mehr Mensch zu werden. Das heilige Geheimnis der ,sozialen Plastik’, von der Beuys sprach, ist im Grunde nur eine andere Formulierung für dieses Mysterium – von dem letztlich auch alle meine inzwischen so vielen Bücher handeln. Denn bereits jede Begegnung zweier Menschen mit all ihren zarten Nuancen enthält dieses Heiligtum der ,sozialen Plastik’ – und die Liebenden sind sowieso die größten und zärtlichsten Plastiker überhaupt...

Dieses Buch gibt keine schnellen Hinweise und Rezepte, denn alles Rezeptartige ist bereits Teil jener Dekadenz, die nur auf Konsum und Ergebnisse aus ist. Es wird aber jene Menschen beschenken können, die aufrichtig dem Geheimnis wertvoller Bücher und ihrer Entstehung nachspüren wollen – sei es, dass sie auch selbst die Sehnsucht haben, ein bestimmtes Buch zu schreiben, oder ganz unabhängig davon.

Leseprobe 1


Man kann natürlich jederzeit mit dem Schreiben beginnen. Ob man jedoch auf diese Weise ein gutes Buch zustande bringen wird, ist mehr als fraglich. Wenn in einem nicht bereits etwas lebt, wird man gar nichts Nennenswertes zustande bringen.

Jedes Buch, ob gut oder nicht, kann letztlich nur dasjenige widerspiegeln, was in der eigenen Seele auf irgendeine Weise lebt – und sei es erweckt von der Phantasie. Bloß schreiben kann man natürlich tausend Dinge. Man kann der Phantasie freien Lauf lassen und Eintausend-Seiten-Romane schreiben. Das ist wirklich nicht so schwer. Ob es allerdings etwas ist, was auch nur einem anderen Menschen tiefer etwas bedeuten kann und wird, bleibt die große Frage. Aber möglicherweise sind manche Menschen bereits befriedigt, wenn sie von sich sagen können, einen solchen Roman geschrieben zu haben. Für solche Menschen habe ich aber dieses Buch nicht geschrieben.

Wenn man aber erkennt, dass die menschliche Seele zu mehr bestimmt ist, als nur irgendwelche Tausend-Seiten-Romane zu schreiben oder auch zu lesen, sondern dass es wirklich auch um die heilige Frage der Qualität eines Buches geht – dann werden die zuvor von mir berührten Fragen wichtig. Dann muss man sich im Grunde sagen: Ich kann erst dann Autor werden, wenn ich in meiner eigenen Seele etwas trage, was ich als kostbar empfinde – auch für andere Menschen, also nicht nur meine eigene Person als solche.

Und wenn ich zu dieser Erkenntnis gekommen bin, kann ich mich fragen: Was macht denn ein Buch zu etwas Kostbarem? Welche Bücher zum Beispiel waren für mich kostbar – und warum...?

Und dann kann ich vielleicht entdecken, dass von diesem oder jenem Buch ein besonderes Leuchten ausging – und ich kann mich fragen, was genau es war oder ist, was dieses Leuchten ausmacht. Und vielleicht war es nur ein besonderer Schreibstil. Vielleicht hatte es aber auch mit dem Inhalt zu tun – und dann kann ich erneut fragen: Was genau ist es... Warum ist mir gerade dieses Buch so ans Herz gewachsen, so kostbar? Vielleicht findet man auf diese Fragen nicht unbedingt Antworten – aber es erwacht allmählich ein neues Empfinden ... ein neuer, zarter innerer Sinn für bestimmte Qualitäten. Und allmählich wird man den Antworten auf diese Fragen leise näherkommen – und jener zarte innere Sinn wird weiter wachsen und sich ausbilden.

Und so wird man immer mehr verstehen können, dass die Seele sich selbst erst in Entwicklung bringen muss, um auch selbst innerlich Qualitäten auszubilden, die ein Buch überhaupt erst – in tieferem Sinne – wertvoll machen können.

Man könnte auch sagen: Eine wachsende Liebe zur inneren Entwicklung selbst ist die wahre, die tragende Bedingung für jedes gute Buch.

...

Leseprobe 2


Über die Idee eines Buches zu schreiben, ist fast überflüssig – denn kein Mensch wird sich für das Schreiben von Büchern interessieren, der nicht zumindest eine Idee hätte, was er schreiben könnte oder wollen würde.

Dennoch ist darüber Einiges zu sagen, in diesem Fall eher Mutmachendes. Denn: Mehr als eine Idee braucht es auch gar nicht. Alles Wertvolle – und auch das nicht Wertvolle – beginnt mit einer Idee. Und sie enthält bereits alles, auch wenn es nicht so scheint.

Natürlich besteht die größte Schwierigkeit für jemanden, der noch nie ein Buch geschrieben hat, aber vielleicht auch für manch anderen, in der Frage: Aber wie? Wie wird aus dieser Idee nun ein Buch? Diese Idee kann vielleicht nur eine Vorstellung sein – oder eine zentrale Szene, oder aber auch nur das Thema selbst, einfach nur das. Man weiß, dass es ,das Zeug’ zu einem Buch hat, aber das ist es nicht. Es ist kein Baum, es ist nur der Baum-Same...

                                                                                                                                     *

Die Frage ist: Was tut man mit einem Baumsamen? Man pflanzt ihn ein – in gute Erde. Und dann wächst er ... fast ... von selbst, wenn man ihn hütet und gut pflegt. Aber es kann auch sein, dass er eingeht – wenn er selbst zu schwach war, kann man dies gar nicht verhindern.

Auch eine Idee hat ein inneres Leben. Natürlich nicht von selbst, sondern nur durch das, was in der Beziehung zwischen Idee und Seele geschieht. Warum haben manche Ideen ein Leben in der Seele? Weil sie vielleicht eine noch unerklärliche Faszination ausüben. Weil sie vielleicht innig mit den Idealen zu tun haben, die die Seele in sich trägt. Weil sie vielleicht mit einem Feld zu tun haben, dem sich die Seele in diesem Leben verbinden möchte – und es unerkannt bereits getan hat. Oder vielleicht, weil etwas ein Thema ist, dem schon immer die Leidenschaft der Seele gehört hat.

Immer also ist es das, was die Seele mit dieser Idee verbindet. Dies gibt einer Idee ihr wahres Leben. Selbst die heiligste oder tiefste Idee ... kann in einer Seele nur das Leben finden, was sie in ihr findet. Bleibt die Seele angesichts dieser Idee tot, so bleibt auch die Idee in dieser Seele tot. Und so muss man sagen: Die Seele selbst ist die Erde, in die der Same der Idee versenkt wird, um entweder zu wachsen ... oder früher oder später wieder zu verdorren, allenfalls kümmerlich aufzukeimen...

Es genügt also nicht, eine Idee zu haben. Sondern, was notwendig ist, ist, dass man für diese Idee brennt. Notwendig ist eine – ich möchte wieder sagen: heilige – Leidenschaft der Seele für ihre Idee, die ihr so sehr am Herzen liegt. Und jetzt wird auch wiederum, einmal mehr, deutlich, warum es nicht reicht, nur eine ,gute Idee’ zu haben, die man gerne einmal ,ausarbeiten’ möchte oder so etwas. Das mag letztlich für ein Buch reichen – aber es reicht nicht für ein gutes Buch. Gute Bücher entstehen nur aufgrund der heiligen, der tiefen Leidenschaft derjenigen Seelen, die sie geschrieben haben. Gute Bücher entstehen nur durch Seelen, die brannten...

Im Grunde können also nur Phönix-Seelen gute Bücher schreiben. Der Phönix war jener Vogel des antiken Mythos, der verbrennt – und aus seiner eigenen Asche von neuem aufersteht. Und er soll wunderschön gewesen sein. Das ist ein unglaubliches Bild, denn es ist ein Realbild für die vor heiliger Leidenschaft brennende Seele – eine Seele, die in Hingabe alles hinschenkt ... und doch ihr Leben gerade dadurch erst wahrhaft gewinnt. Letztlich ist das Phönix-Schicksal das Erleben jedes wahren Autors.

Und umgekehrt gilt: Jede wirklich brennende Seele kommt auch an ihr Ziel... Zumindest mit einem Buch kann es gar nicht anders sein. Denn das Brennen selbst sorgt dafür. Die Flamme des Herzens ist gerade jener gute Boden, den der Same braucht, um wachsen zu können. Brennt das Herz also, so wird er wachsen...

Viele werden jene wunderbaren Worte von Saint-Exupéry kennen, der einmal schrieb: ,Wenn du ein Schiff bauen willst, beginne nicht damit, Holz zu sammeln, die Planken zu schneiden und Arbeit zu verteilen, sondern wecke im Herzen der Menschen die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer.’ Die Flamme des Herzens ist dasjenige, was selbst unmöglich scheinende Dinge in die Wirklichkeit holt. Und man kann sagen: Lasse dir die Idee deines Buches selbst zu einem Ideal werden, zu einem Stern – und es wird geschrieben werden...

Ein Buch besteht aus Papier, diesem zarten Material, das ebenso zarte, kostbare Gedanken tragen kann. Beim Umblättern können wir die Kostbarkeit dieses Materials empfinden. Für den, der gerade in eine Geschichte eintaucht, ist nichts so schön wie dieses Gefühl des Papiers in den Fingern, wenn man eine Seite umblättert, um mitzuerleben, wie es weitergeht. Dies macht bereits das physische Mysterium von Büchern aus. – Zugleich aber ist Papier dasjenige Material, was geradezu am leichtesten brennt. Man mache seine Seele so brennbar! Man lasse die eigene Seele so sehr von der Idee ergreifen, wie das Papier vom Feuer ergriffen wird – und umgekehrt: Man ergreife die Idee mit so viel Feuer, dass sie hell aufflammt – wie der Phönix. Das Feuer der Seele ist das Leben der Idee in der Seele...

Und zugleich geht das Bild und seine Wahrheit noch immer weiter: Nur, wer sein Leben für diese Idee hingibt, wird ihr zum Leben verhelfen. Damit ist die tiefe Hingabe der Seele für ,ihr’ Werk gemeint. Denn kein einziges gutes Buch kann halbherzig geschrieben werden. Entweder der Autor lebt mit ganzer Seele mit dem wachsenden Buch – das noch immer seine Idee ist, nun aber auch nach und nach einen Leib bekommt, sich buchstäblich verkörpert – mit, oder der Same wird noch immer verdorren oder einfach viel zu dürr das Licht der Welt erblicken.

Um jedes Baby muss man sich kümmern. Eine Idee, ein entstehendes Buch, ist im Grunde nicht weniger. Auch um sie muss man sich mit ganzem Herzen und ganzer Seele kümmern – sonst wird auch sie nicht größer werden. Oder sie wird früher oder später Spuren der Vernachlässigung zeigen, sei es physische, sei es emotionale, sei es geistige Vernachlässigung. Man hat für eine Idee ebenso viel Verantwortung, wie der Kleine Prinz für seine Rose hatte...

Es ist also ganz deutlich, dass man hier von tiefer Liebe sprechen muss. Gute Bücher entstehen nur, wenn der Autor das, was da gerade am Wachsen ist, zutiefst liebt. Es ist ein Liebesverhältnis – und es ist ein Verhältnis der Hingabe, der Aufopferung. Deswegen ist sogar auch das andere große, antike Bild wahr: das des Pelikans, der seine Jungen mit seinem eigenen Blut nährt... Solange man nicht dieses Geheimnis der Hingabe erleben kann – hat man noch nicht erlebt, was es wirklich heißt zu schreiben... Und für den Autor ist das heranwachsende Werk wirklich ein lebendiges Wesen – ein lebendiges Wesen...

Jetzt ist also vielleicht verständlich, dass es ,reicht’, eine Idee zu haben. Aber worauf es ankommt, ist, dass diese Idee eine Sphäre des Lebens findet, in der sie wirklich zum Leben kommen darf. Und das wird sie, wenn die Seele von Liebe erfüllt ist – von tiefer Liebe zu jener Idee, der sie ihre Zeit widmen wird, ihre Hingabe, ihre Leidenschaft, ihr inneres Leben...

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