Der Tod und das Mädchen

Holger Niederhausen: Der Tod und das Mädchen. Books on Demand, 2015. Paperback, 232 Seiten, 9,90 Euro. ISBN 978-3-7392-1374-3.


Erschienen am 24. November 2015.              > Bestellen: BoD | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen < [noch keine]

Inhalt


Er wollte für immer in diese Augen schauen. „Mir kann aber keiner mehr helfen...“, sagte er mit tiefer, trauriger Müdigkeit. Auch ihre Augen wichen nicht von den seinen, noch immer sanft forschend, als sie erwiderte: „Doch. Es gibt immer Hilfe. Immer.“ „Wer sind Sie?“, fragte er wie im Traum. Noch immer sah das Mädchen ihn an. Dann sagte es: „Ich bin Ihre Hilfe...“

Christian Färber ist gerade erst vierundfünfzig, als er eine unheilbare Diagnose bekommt. Allenfalls wenige Monate bleiben ihm noch. In dieser Situation begegnet ihm eine junge Frau, die ihm fast wie ein Engel erscheint. Drei Wochen werden nun für ihn die wesentlichsten seines ganzen Lebens, weil ihre Frucht bis in die Ewigkeit reicht...

Leseprobe 1


Die Worte des Arztes ließen seine bisherige Welt völlig zerbrechen.
Es war, als wenn nach dem Wort ,Tumor’ die weiteren Sätze des Arztes wie in Watte gehüllt waren, nur noch wie aus einer durch Watte von ihm getrennten Welt zu ihm drangen.
Auf seine Nachfragen hatte ihm der Arzt erklärt, was eine Endosonografie, was eine Computertomografie war. Er hatte ihm erklärt, was die Diagnose eines Tumors bedeuten würde. Er hatte erfahren, dass Bauchspeicheldrüsenkrebs eine sehr seltene Erkrankung war, die aber zu den unheilbarsten Krankheiten überhaupt gehörte. Es käme ganz auf das Stadium an... Aber noch sei nichts sicher...
Wie im Traum hatte er den Arzt gebeten, alle folgenden Untersuchungen in seine Arbeitszeit zu legen. Er hatte sich vergewissert, dass der Arzt eine Schweigepflicht hatte und dass er es seiner Frau und seinen Kindern zunächst nicht sagen musste. Er hatte nicht gewusst, warum er so reagiert hatte, aber er hatte gefühlt, dass es richtig war – niemand außer ihm sollte es zunächst wissen...

Bestürzt hatte er die Praxis mit zwei neuen Terminen verlassen. Bestürzt, voller Unsicherheit und noch immer wie im Traum.
Was war das für eine Welt, die weiterlief, obwohl man eventuell an einer tödlichen Krankheit litt... Eventuell? Es hatte doch schon sehr bedenklich, sehr besorgt geklungen. Selbst schon die Möglichkeit fühlte sich schlimm an. Er trug eine Möglichkeit im Körper... Eine Möglichkeit, die entweder schon wirklich war – oder aber nicht. Aber er hatte doch immer wieder diese merkwürdigen Bauchschmerzen... Die Möglichkeit schien sich zu verdichten.
Und die Welt lief weiter, als wenn nichts geschehen wäre. Keiner achtete auf ihn, keiner sah ihm eine tödliche Krankheit an – und selbst wenn er auf der Stelle zusammenbrechen würde, würde die Welt weiterlaufen... Starben nicht täglich Menschen, wurden begraben, wurden nach und nach vergessen...
Man konnte also sterben. Und jeder starb irgendwann. Aber nun würde er vielleicht sehr bald sterben. Er hatte den Arzt auch gefragt, was ein Krebs dieser Art im späten Stadium schlimmstenfalls bedeuten würde. Und der Arzt hatte gesagt, schlimmstenfalls wenige Monate oder sogar nur Wochen...
Er war also fast schon ein Gestorbener, wenn dies stimmte. Er würde kein halbes Jahrhundert mehr erleben. Er würde vielleicht nicht einmal mehr ein halbes Jahr leben. Nicht einmal mehr bis zu seinem nächsten Geburtstag...
Ihm wurde, bevor er wieder bei dem Park ankam, so merkwürdig zumute, dass er das Gefühl hatte, ihm würde bald schwarz vor Augen. Fast erreichte er nicht die nächste Bank. Als er sich auf diese stützte, sich schließlich auf sie fallen ließ und versuchte, tief und ruhig einzuatmen, bemerkte er die Blicke einzelner vorbeigehender Menschen – aber niemand sprach ihn an, niemand fragte ihn, wie es ihm gehe...

Als es ihm schließlich wieder besser ging, war er ein gezeichneter Mensch. Er war von einer Möglichkeit gezeichnet, die bald Gewissheit werden würde, wenn es sich um eine Realität handelte – worauf alle Bilder hindeuteten.
Seine bisherige Welt war zerbrochen. Vielleicht würde er in wenigen Monaten oder sogar Wochen sterben. Vielleicht würde er operiert werden. Vielleicht würde man Chemotherapien machen. Vielleicht würde er nach und nach starke und dann sehr starke Schmerzen bekommen. Vielleicht würde er dagegen Schmerzmittel bekommen. Schließlich an Schläuche angeschlossen werden...
Noch einmal wurde ihm fast schwarz vor Augen. Er wollte das alles nicht. Er wollte weder sterben, noch eine Tortur durchmachen, die einen retten sollte... Dass das oft gar nicht half, einem allenfalls ein paar Jahre schenkte, dass auch das oft nichts anderes als ein Sterben auf Raten war, das wusste selbst er – sogar ganz ohne Apothekenzeitschriften, die einem ohnehin nicht helfen konnten. Man konnte sein Leben lang solche Zeitschriften lesen – und dann trotzdem innerhalb von Wochen sterben müssen...

...

Leseprobe 2


Völlig zerschlagen ging er durch den Park. Erstaunt sah er das Mädchen am Rand sitzen, bis ihm einfiel, dass diese Untersuchungen ja während der Arbeitszeit stattgefunden hatten. Nun hatte er eine Krankschreibung in der Tasche; seiner Frau gegenüber würde er es als Urlaub darstellen und hätte dann noch eine Frist von zwei, drei Wochen, bis er alles offenbaren musste...
Er setzte sich auf die Bank, und zum ersten Mal zog wieder so etwas wie eine Erinnerung an das Gefühl des Glücks in ihn ein, als er sie so dasitzen sah. Mochte in seinem Körper der Krebs seine Metastasen ausstreuen – er fühlte noch etwas anderes sich ausbreiten, und das war diese unendliche Wehmut...

Schließlich sah er mit Wehmut, wie das Mädchen sich auch diesmal wieder erhob, um nach Hause zu gehen. Wieder begegneten sich ihre Blicke, wieder war er darauf gefasst, ihr ,Auf Wiedersehen’ zu hören, um es wehmütig zu erwidern, als er verwundert sah, wie sie ihn erstaunt bemerkte, kurz zögerte und dann mit leiser Unsicherheit zu ihm ging.
„Darf ich mich kurz zu Ihnen setzen?“, fragte sie.
Er war erschüttert über diese Frage und brachte fast nicht einmal ein ,Ja’ heraus...
Als sie sich neben ihn gesetzt hatte, war er selbst so befangen, dass er fast nicht wusste, wie er sich überhaupt bewegen sollte... Dieses Mädchen strahlte solch eine Jugend aus, solch eine Natürlichkeit, solch eine Anmut – und alles, was sie hatte, hatte er nicht. Ihre ganze Natürlichkeit machte ihn ganz und gar unnatürlich befangen...
„Ich...“, sagte sie zögernd und sah ihn dabei für einen kurzen Moment ganz offen an, dann blickte sie wieder vor sich hinunter, „ich habe von Ihnen geträumt...“
Was geschah hier? Er war völlig unfähig zu jedem Wort, zu jeder Frage.
Nun traf ihn wieder ihr Blick, der Blick dieser leuchtend kastanienbraunen Augen, die geschaffenen waren für das Glück und die Freude, die umrahmt waren von diesen sanft und anmutig sich rundenden Augenbrauen, die aber nun nicht freudig, sondern ernst schauten, während sie jetzt die Worte hinzufügte:
„Ich habe geträumt, dass Sie Hilfe brauchen...“

Fragend und um Antwort bittend schauten ihre Augen ihn unverwandt an, wanderten von einem zum anderen Auge, während er noch immer fassungslos vor dem stand, was hier gerade geschah – und nicht verstand, was geschah.
Schließlich fragte er, gleichsam stotternd und ohne alles Nachdenken:
„Wie ... können Sie das... Sie haben das ... wirklich geträumt?“
„Stimmt das?“, fragte das Mädchen vorsichtig. „Brauchen Sie Hilfe?“
Er wollte für immer in diese Augen schauen...
„Mir kann aber keiner mehr helfen...“, sagte er mit tiefer, trauriger Müdigkeit.
Auch ihre Augen wichen nicht von den seinen, noch immer sanft forschend, als sie erwiderte:
„Doch... Es gibt immer Hilfe... Immer...“
„Wer sind Sie...?“, fragte er wie im Traum.
Noch immer sah das Mädchen ihn an. Dann sagte es, noch immer mit ernsten Augen, aber sanft lächelndem Mund:
„Ich bin Ihre Hilfe...“

Es war, als wenn eine Woge des Staunens in seiner Brust zusammenschlug und sich sanft in jeden Winkel seines Leibes ergoss...
„Ich verstehe nicht...“, erwiderte er bestürzt.
„Ich bin Ihre Hilfe...“, wiederholte das Mädchen lächelnd.
„Wie ... meinen Sie das?“, brachte er hervor.
Sie sah ihn einfach nur lächelnd an.
Dann sagte sie:
„Ich meine gar nichts. Wie meinen Sie es?“
Er konnte nichts erwidern.
Als sie dies sah, sagte sie:
„Welche Hilfe wollen Sie? Was brauchen Sie? Was kann ich für Sie tun...“
Ihre Anmut drang bis in die Worte hinein – und die Worte drangen wie warme Sonnenstrahlen bis in sein Inneres...
Eine Woge tiefer Empfindungen rollte heran – die Wehmut war nicht aufzuhalten. Er spürte, wie sie ihm den Hals zuschnürte, wie seine Augen feucht wurden...
Er fasste sich und erwiderte mit belegter Stimme:
„Nein, das können Sie auch nicht...“
„Woher wissen Sie das?“
Ihre offenen, unschuldigen Augen sahen ihn unverwandt an, das Braun ihrer Augen war so unschuldig wie ein Reh...
„Ich weiß es einfach...“
Sagen Sie doch, was Sie brauchen... Was ich für Sie tun könnte... Sagen Sie es einfach...“
Noch einen Moment lang sah er einfach nur ihre Augen an. Dann atmete er einmal tief durch, und dann sagte er:
„Ich bräuchte es, dass Sie mit mir zwei Wochen lang wegfahren...“
Wehmut...
„Gut“, sagte das Mädchen, „das mache ich... Wohin wollen Sie?“
Er konnte ihre Antwort nicht mit seinen Gedanken erfassen. Er begriff den Sinn des Gesagten – aber mehr auch nicht.
Unverwandt sah er sie an, starrte sie an, weil er einfach nicht begriff...
Schließlich sagte sie lächelnd:
„Was gucken Sie denn so? Wollen Sie gar nirgendwohin?“
„Doch! Ich will irgendwohin. Aber wie können Sie einfach...“
„Ich kann es nun einmal. Soll ich oder soll ich nicht?“
Noch immer lag in ihren Worten keinerlei Ungeduld, nur reines, lächelndes Warten...