Der Verlorene und das Mädchen

Holger Niederhausen: Der Verlorene und das Mädchen. Roman. Books on Demand, 2018. Paperback, 104 Seiten, 9,90 Euro. ISBN 978-3-7448-5634-8.


Erschienen am 8. März 2018.              > Bestellen: BoD | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen < [noch keine]

Inhalt


Ein Mann, eine der vielen verlorenen Seelen unserer Zeit, begegnet einem Mädchen, einer reinen Seele, und von da an plant er, besessen von dem Gedanken an sie, ein Verbrechen – um sie ganz und gar zu besitzen. Sein Plan gelingt ihm auch, und schnell lernt er die Lust an der Macht und der Begierde...

Aber da ist auch die Macht der Ohnmacht und Unschuld, und doch bringt diese alle Dämonen gegen sich auf. Was geschieht, wenn diese Mächte unverhüllt aufeinanderprallen?

Die Tragik der Dämonen - über das Buch


Weltweit verschwinden jährlich Kinder.
Weltweit vergehen sich Männer an Mädchen. In diesem Roman gewinnt diese Tragik eine neue Ebene. Man könnte mit Goethe vom Urphänomen sprechen. Was geschieht, wenn alles Beiwerk weggelassen wird, wegfällt, wenn sich die Phänomene ganz rein aussprechen? Wenn wie mit einem hellen Licht das Eigentliche beschienen wird?

Den Gegensatz dazu bilden all jene Romane, in denen es um das Sexualisierte als solches geht – man denke an Romane, die das Erotisch-Sexuelle grob und als Selbstzweck ausmalen, immer stärker, oder an Thriller, in denen Gewalt, Spannung und Horror den Selbstzweck bilden.

In diesem Roman dagegen geht es um das Urphänomen, in seiner Reinheit. Gefragt wird: Wie ist dies möglich? Es geht nicht um Unterhaltung – es geht um ein Eintauchen. Um das reale Eintauchen in die dramatische Begegnung zwischen ... dem Verlorenen und dem Mädchen. In keiner Weise geht es um künstliche Spannung oder gar ,Action’ – die eigentliche, die wahre Situation geht über jede solche Spannung weit hinaus. Hat man den Mut zu dieser Aufrichtigkeit? Zu einer höheren Wahrheit?

Das Zusammentreffen dieser zwei Seelen und Körper, dieser zwei Menschen, im Lichte eines Urphänomens, macht schließlich mehr und mehr erlebbar, was eigentlich am Wirken ist. Immer deutlicher wird dies. Und immer noch deutlicher. Bis es am Ende ganz offen zutage tritt.

Liebe, Begierde, Hass, Gewalt, Lust – auch Lust an dieser Gewalt. Aber dahinter stehen Dämonen. Und das offenbart sich. Und die Dämonen wüten gerade gegen das, was sie besiegen könnte. Und so entsteht Tragik. Und dieser ganze Kampf geschieht auf dem Schauplatz der Seele. Aber was kann dann der Ausgang sein, wenn ein Mädchen diese Dämonen gerade anstachelt? Wenn eine Seele in der Begegnung mit dem Mädchen gerade dämonisch zu werden beginnt? Das ist die Frage... Denn auf der anderen Seite bleibt das Mädchen ja Mädchen... Wenn es aber Dämonen aufruft, obwohl es Mädchen ist, ist ein furchtbares Wüten in der Seele die Folge. Und die hervorbrechenden Dämonen kämpfen um die Vorherrschaft...

Und dann stehen also Dämonen vor einem Mädchen – und wollen es unterwerfen... Und ist das eigene Gewissen erst einmal verletzt, scheint dies immer leichter zu sein. Es ist eine abschüssige Ebene, auf die die Seele unmittelbar gerät. Ein Weg ohne Wiederkehr? Wie liegen die Kräfteverhältnisse? Was ist Kraft überhaupt? Und welche Kräfte wirken wirklich?

Ein tragisches Geschehen mit völlig offenem Ausgang...

Leseprobe 1


Das Mädchen war eines jener reinen Gottesgeschöpfe,
deren Seele auch im vierzehnten Jahr ihres Erdenlebens noch so himmlisch war wie die eines Kindes. Einst war noch manche Seele so gewesen, doch in der Zeit, in der sie lebte, gab es solche Seelen nicht mehr. Möglicherweise war sie die letzte...

Es zeichnete solche Seelen aus, dass sie am allerwenigsten um ihre Einzigartigkeit wussten. Alle anderen sahen das Leuchten, das von einer solchen Seele ausging – und eine solche Seele war wie das Gewissen der ganzen Menschheit. Doch die Menschen hatten längst verlernt, auf ihr Gewissen zu hören, lieber brachten sie es zum Schweigen.

Die Menschen, die dem Mädchen begegneten, fühlten sich immer seltsam beschämt. Aber die Seele ihrer Zeit lebte längst in der Gewohnheit, diese Gefühle in ihr Gegenteil zu verwandeln. Und dann wunderte man sich nur noch über das Mädchen, über seine Naivität, seine schreiende Unschuld. Ja, die Unschuld des Mädchens schrie zum Himmel. Für die gewöhnlichen Seelen war dies ein skandalon, etwas, das im Grunde lächerlich war, eine himmelschreiende Albernheit, etwas aus der Zeit Gefallenes. Aber vielleicht schrie die Seele des Mädchens ja wirklich zum Himmel. Vielleicht rief sie fortwährend den Himmel an, flehend und fragend, warum sie die Einzige war, die noch da war...

So war auch das Mädchen eigentlich eine Verlorene. Sie war wie aus der Zeit gefallen, die Letzte ihrer Art. Und sie war die Einzige, die es nicht wusste, denn die Unschuld weiß nicht, dass sie ausstirbt, sie denkt daran nicht, es ist nicht die Richtung ihrer Gedanken. Nur alle anderen wissen es, denn sie haben ihre Unschuld längst verloren, und etwas in einem trauert ihr nach, das große Übrige aber spottet ihrer, um den Verlust nicht zu fühlen.

                                                                                                                             *

Der Verlorene war nicht anders als die anderen Menschen. Er war vielleicht nur ein klein wenig verlorener als sie – wie auch sie es in naher Zukunft sein würden. Man merkte nicht, was vorging. Und so merkte auch der Verlorene nicht, dass er verloren war – oder was es bedeutete, verloren zu sein.

Er ging jeden Tag zur Arbeit. Eine trostlose Arbeit war es. Er war eine Art Lagerhelfer. Regale einräumen, umräumen, ausräumen. Das war seine tägliche Arbeit, oder, vielmehr, oft nächtliche Arbeit. Man arbeitete in Schichten. Ihm war es mittlerweile fast egal, in welche Schicht man ihn einteilte, denn er war ja ein Verlorener.

Das änderte sich, als er das Mädchen sah. Der Verlorene sah das Mädchen rein zufällig, denn er hatte seinen Personalausweis verlängern müssen und darum einen kleinen Umweg zu seiner Schicht genommen. An diesem Tag kam er zehn Minuten zu spät und nahm den Ärger seines Vorarbeiters in Kauf. Nachdem er diesen hinuntergeschluckt hatte, hatte sich sein Hass auf das Leben nur um ein Winziges vermehrt, denn er war schon riesengroß. Das wesentliche Gefühl in seiner leeren Seele war aber an und seit diesem Morgen ein anderes.

Der Verlorene hatte das Mädchen gesehen, als sie neben ihn an dieselbe Ampel getreten war. Er hatte sie nur einmal von der Seite angeblickt. Als die Ampel dann auf Grün sprang, war er dem Mädchen hinterhergegangen. Etwas in ihm hatte ihn gezwungen. Den ganzen Weg bis zu ihrer Schule war er ihr gefolgt, hatte ihr blondes Haar und ihre zarte Gestalt gesehen, und als er sah, dass sie sich der Schule näherten, hatte er sie überholt und ihr, gedeckt von zahllosen weiteren Kindern und Jugendlichen, die auf den Schulhof einbogen, einmal in ihr Gesicht gesehen.

Von da an gab es in seiner Seele nur noch eines: das Mädchen. Das Mädchen, den Hass, der schon immer da gewesen war, und ein Gefühl, das aus diesem beiden zusammenfloss und das er bis dahin so nie gekannt hatte: Begierde.

...

Leseprobe 2


Der Verlorene hielt vor dem Ferienhäuschen. Es lag so einsam, dass schon dies in ihm von neuem eine wahre Freude auslöste. Es war dies aber die Freude über die Ungestörtheit seiner finsteren Pläne, eigentlich nichts anderes als eine Lust an der Lust, Freude über die Leichtigkeit, mit der diese erreicht werden konnte.

Der Schlüssel lag wie besprochen in dem Versteck, wo ihn die schon älteren Besitzer hinterlegt hatten. Im Gegenzug hatte er ihnen den Gesamtbetrag bereits im Voraus überwiesen. Es war alles so einfach gewesen...

Er öffnete den Kofferraum – und genoss den verängstigten Blick des Mädchens. Er nahm sie aus ihrem Gefängnis heraus, und sie wehrte sich nicht. Ihr Leib war recht schwer, aber er war es gewohnt, schwer zu tragen. Für einen Menschen war ihr Leib doch wiederum leicht, und noch nie hatte er einen Menschen so gern getragen. Wieder durchrieselte den Verlorenen dieser Machtkitzel, oder auch noch etwas anderes. Etwas, das von dem Leib des Mädchens unmittelbar auf seinen Leib überzugehen schien. Ihr zarter, wehrloser Leib erregte ihn unsäglich...

Im Haus warf der Verlorene sie auf das Sofa. Dann entfernte er das Klebeband von ihrem Mund. Er tat es fast vorsichtig...

Das Mädchen sah ihn verängstigt an – nein, nicht verängstigt, wirklich voller Angst. Es konnte nicht einmal sprechen – oder wagte es nicht.

„Wenn du schreist, bringe ich dich um“, sagte der Verlorene in genussvoller kalter Ruhe und zückte ein großes Klappmesser, klappte es auf und schwenkte es ein paar Mal vor sich.

„Ich – ich schreie ja nicht – –“, erwiderte das Mädchen wie ein fast zu Tode gehetztes Wild.

Die Angst des Mädchens berührte den Verlorenen – aber noch mehr erregte sie ihn. Er weidete sich an ihr – und das ließ die Berührung schnell wieder vergehen. Der Verlorene sank noch immer...

„Gut“, sagte der Verlorene zufrieden und grinste.

Er hatte keine Eile. Breitbeinig stand er im Wohnzimmer, hatte sich wieder zwei Schritte von ihr entfernt und betrachtete sie in all ihrer Angst und wehrlosen Schönheit.

„Warum“, wagte das verängstigte Mädchen stockend die fast unfassbare Frage hervorzubringen, „haben Sie – warum bin ich – warum bin ich – hier?“

Der Verlorene lächelte. Das Glück seiner finsteren Seele nahm zu. Sie war genau, wie er es sich vorgestellt hatte. Ganz genau so...

„Weil ich es so will“, grinste der Verlorene und fand Gefallen an dem unausgesetzten Sich-Weiden an dieser Angst und Machtlosigkeit.

Das Mädchen schien nicht zu verstehen. Und doch war die Antwort eindeutig. Aber wie konnte ein unschuldiges Herz eine solche Antwort verstehen?

„Was...“, wagte das Mädchen stockend, „was wollen Sie von mir...?“

Wieder grinste der Verlorene. Was für eine naive Frage! Er würde nach und nach alles von ihr wollen. Dass sie das nicht wusste! Oder tat sie nur so naiv – weil sie Angst hatte?

„Das weißt du doch sehr genau...“, wagte der Verlorene versuchsweise.

Mit unverminderter Angst sah das Mädchen ihn an.

„Nein...“, flüsterte es.

„Was ,nein’?“, fragte der Verlorene herausfordernd.

Wusste sie es wirklich nicht – oder bat sie bereits darum, dass es nicht geschah?

„Was wollen Sie denn?“, flüsterte das Mädchen.

„Ich hab schon alles“, sagte der Verlorene kühl. „Dich.“

...