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Feuerbahn

Holger Niederhausen: Feuerbahn. Das Mädchen, das die Liebe lehrte. Roman. Niederhausen Verlag, 2020. Paperback, 376 Seiten, 13,90 Euro. ISBN 978-3-7502-9958-0.


Erschienen am 30. März 2020.              > Bestellen: epubli | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen < [noch keine]

Inhalt


Ein Mann und ein Mädchen begegnen sich – wie von Engeln geführt. Der Mann liebt die knapp fünfzehnjährige Tyra in jeder Hinsicht. Diese aber erscheint selbst wie ein Engel. Von ihren Pflegeeltern und der Schule weggelaufen, sieht sie nur eine Aufgabe für sich: die Liebe in die Welt zu tragen. Sie braucht seine Hilfe. Aber ihr Wahrnehmungsvermögen stößt das gesamte Weltbild des Mannes um. Und dann ereignet sich ein erstes, nahezu unfassbares Wunder...

Über dieses Buch


Dieses erschütternde Buch wird den Leser auf vielfache Weise an seine Grenzen führen – und darüber hinaus.

Da ist die Begegnung zwischen dem Mann und dem Mädchen. Der Mann, Torben, ist zweiundvierzig, Tyra ist erst vierzehn, wenn auch fast fünfzehn. Ein Tabu in unserer Zeit. Dennoch wird sehr deutlich, dass diese Begegnung von Engeln geführt wurde – wovon vor allem Tyra fest überzeugt ist. Torben verliebt sich in das wunderschöne Mädchen auf den ersten Blick, umfassend und in jeder Hinsicht.

Damit wird auch die Frage des Verhältnisses von Liebe und Begehren, sowie von Leib und Seele, zu einem Kernthema des gesamten Romans – und entfaltet sich in einer seelischen Tiefe und zarten Komplexität, die ihresgleichen sucht.

Dramatisch wird dies, als die Frage in Gestalt des sich einschaltenden Jugendamtes tatsächlich an das Tabu unserer Zeit stößt. Für Tyra ist völlig klar, dass sie bei keinen anderen Pflegeeltern mehr leben will, damit aber würde ihrer beider zärtliches Verhältnis für den Mann zum schweren Straftatbestand. Tyra wehrt sich verzweifelt gegen die gnadenlose Gesetzeslage und zeigt erschütternd, dass Liebe im Gesetz überhaupt nicht vorgesehen ist und dass es keinerlei Ausnahmen für die Ausnahmen kennt, mithin an diesen selbst zum Verbrechen wird. Die entscheidende Begegnung mit der Mitarbeiterin des Jugendamtes erweist sich als die wahre Vergewaltigung des Mädchens und seines eigenen Willens.

Dabei stehen sich die begehrende Liebe des Mannes und die nicht begehrende Liebe des Mädchens zunächst tatsächlich ebenfalls gegenüber. Denn Tyras ganzes Wesen ist darauf gerichtet, einen umfassenden Liebesimpuls in die Welt zu tragen. Und dann wird sogar noch deutlich, dass sie Heilfähigkeiten hat – und dies mit Hilfe von Christus. Damit ist zunächst der größtmögliche Gegensatz eröffnet. Doch die Liebe des Mannes ist, obwohl begehrend, zugleich auch sehr rein. Und Tyra liebt ihn – der ihre einzige Hilfe ist und sie auch als erster und einziger wirklich versteht – ebenfalls von ganzem Herzen und kommt auch ihm entgegen. So kann über diese gegenseitige Liebe eigentlich kein menschliches Wesen urteilen – und doch geschieht dies.

Radikal ist Tyra auch in ihrem Erleben von Schule – der sie entfliehen musste, weil sie es nicht mehr aushielt, dass dort von Liebe niemals die Rede ist, ja dass die Schule die Liebe geradezu abtötet und somit nichts zur Zukunft beiträgt, nur zur Zerstörung. Für das selbst so grenzenlos liebende Mädchen Tyra und ihre übersinnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten ist klar, dass die Welt nur noch durch radikale Erkenntnisse und Schritte der Seele gerettet werden kann.

Dies betrifft auch das Verhältnis von Kopf und Herz, von Fühlen und Denken, das Tyra immer wieder erschütternder und wahrer in Worte fassen kann als jeder andere, der es nicht wagt, so tief in die Realität einzutauchen. Den zunächst sehr im Kopf lebenden Torben führt Tyra immer mehr zu den Geheimnissen des Herzens, von dem aus ihre tiefen Empfindungen und übersinnlichen Wahrnehmungen erst als glaubhaft und schließlich auch als wahr erkannt werden können.

So rüttelt das Buch und seine Protagonistin an vielen Tabus und Irrlauben gleichzeitig: es gebe zwischen Himmel und Erde nur das Sichtbare und nicht auch Naturwesen, Engel, den gegenwärtigen Christus, echte Wunder und Schicksalsbegegnungen; der angeblichen Unmöglichkeit eines Liebesverhältnisses zwischen Mann und Mädchen; der angeblichen Unmöglichkeit eines zärtlichen Ausgleichs zwischen Begehren und Liebe; dem angeblichen Sinn von Schule und der angeblichen Überlegenheit des Kopfes und der angeblichen Unsicherheit des Herzens in allen Erkenntnisdingen; und schließlich dem Irrglauben, dass in der Welt überhaupt irgendetwas anderes wesentlich sein und die Katastrophen verhindern könne als die Liebe. All diese Dogmen werden in diesem Buch umgestoßen von ... einem Mädchen.

Leseprobe 1


Aber wir waren bei der Schule, und an diesem Punkt war unser Gespräch angelangt.

„Diese Fächer und ihre Inhalte haben alle keinen Sinn!“, sagte sie schlicht und doch klagend bis ins Innerste.

„Wie meinst du das?“, fragte ich, noch ganz unbedarft.

„Welchen Sinn erkennst du denn? Sag es mir doch!“, klagte sie bittend.

Und das war eine weitere Seite von ihr – man sehe es mir nach, dass ich noch immer in die Beschreibung ihres Wesens eintauche, und erinnere sich an die Wichtigkeit dessen. Man darf diese Dinge einfach nicht überlesen wie Groschenhefte oder Bundesligatabellen, aber man wird es tun, wenn man nicht schon jetzt, gleich zu Beginn, begreifen kann, wie sie all dies sagte, und wenn man sich nicht herablassen kann, nein, im Gegenteil, wenn man sich nicht aufschwingen kann, dies alles auch zu empfinden.

Denn Tyra war keine Nachrichtensendung und keine Quizshow. Aber mit diesem Bewusstsein, mit dem wir all diesen täglichen Schund konsumieren, konsumieren wir alles. Dabei ginge es einmal um das reale, nein, radikale Gegenteil. Ich glaube, Nelson Mandela hat einmal gesagt, wir haben Angst, uns einmal schön und mutig zu sehen, wie wir wirklich sind. Im Allerinnersten. Das gilt genau jetzt. So müsste man lesen. Springend in einen Abgrund – und die Flügel ausbreitend, um ... Tyra zu verstehen. Denn, ich sage es deutlich, Tyra war mehr Mensch als jeder andere. Und gerade dies will nun heute niemand mehr hören. O, wie groß ist die Abneigung dagegen geworden, jemanden höher zu stellen als sich selbst! Lieber hält sich noch der Stammtisch-Spießer für den größten aller Menschen. Solche Stammtisch-Seelen haben wir heute aber alle! Und keiner traut sich, Mandelas Wort wahrzumachen. Die eigene Schönheit und der eigene Mut würden sich aber da zuerst offenbaren, wo man ihre Schönheit und ihren Mut als noch weit größer bedingungslos anerkennen und überhaupt erkennen würde: Tyras...

Man will heute niemanden mehr in den Himmel heben, nicht einmal Engel, selbst dann nicht, wenn sie vom Himmel kommen. Und man sieht nicht, wie sehr man die eigene Armseligkeit und Mittelmäßigkeit in den Himmel hebt. Hochmut kommt vor dem Fall. Die hochmütige Seele empfindet es bereits als ,Großmut’, überhaupt irgendetwas neben sich oder in absoluten Ausnahmefällen auch über sich anzuerkennen. Der dabei empfundene ,Großmut’ garantiert ihr aber zugleich, dass im Grunde ja doch nichts über ihr steht.

Mit hoch erhobener Nase sieht man die nicht mehr, die mit edlem Herzen und himmlischer Seele neben einem laufen, in Wirklichkeit aber unendlich weit vor einem wandeln, ohne dass man ihnen überhaupt folgen will. Man bleibt lieber auf seinem Schlammweg innerer Stammtische. Die Lotusblume blüht mitten im Schlamm, aber sie wird gar nicht gesehen, denn sie ist von einer anderen Welt, und man sähe nur mit dem Herzen gut...

Die andere Seite von Tyra also war, dass sie immer bereit war, jemandem zuzuhören und ihre sichersten Überzeugungen zu ändern, wenn jemand etwas vorgebracht hätte, was einen anderen Blick möglich gemacht hätte. Eigentlich immer aber erwies sich, dass die Anderen blind waren, nicht sie.

...

Leseprobe 2


Wir wanderten langsam wieder zurück, als der Nachmittag sich neigte. Zwei Brötchen hatten wir mitgenommen, und das hatte uns gereicht. Wenn man inhaltsschwerste Erlebnisse hat, kommt man manchmal mit fast nichts aus. Gedankenschwer und schweigsam fuhren wir wieder zurück.

Wir aßen in der Stadt in einer Pizzeria zu Abend – ein wenig wie ein Liebespaar, das ausging, und das machte Tyra auch etwas befangen, mich übrigens auch, weil einige andere Gäste ein wenig schauten, die wohl bemerkten, dass wir nicht gerade Vater und Tochter waren. Dennoch genoss ich jede Sekunde mit diesem zauberhaften Mädchen. Und sie genoss die Geborgenheit, die sie nie erfahren hatte, jedenfalls die ganzen letzten Jahre nicht, ebenfalls – und so vielleicht sogar ihre Befangenheit...

Zu Hause tranken wir in der Küche noch einen Tee. Tyra war wieder still und in sich gekehrt. Schließlich aber sagte sie:

„Die Liebe, Torben – die Liebe erkennt die Schönheit. Es ist immer die Liebe, die alles erkennt. Aber was ist, wenn die Liebe fehlt? Dann ist nichts da, was die Schönheit erkennen kann – und dann bedeutet sie einem nichts, denn man sieht sie gar nicht. Und dann macht man alles kaputt, denn auf einmal ist einem das Geld wichtiger, oder der Genuss, oder der Spaß... Und man sieht nicht, was man kaputtmacht, denn man liebt es ja nicht, also hat man keine Augen... Denn ... man sieht ja nur mit dem Herzen gut, eigentlich nur überhaupt...“

„Aber kann es nicht auch umgekehrt sein, Tyra? Ich habe mich in dich verliebt, weil du so schön bist – du weißt, dass ich es längst auch innerlich meine. Zuerst war deine Schönheit – und dann erst meine Liebe. Du hast sie erweckt. Und ist es nicht immer so?“

„Nein, Torben. Meistens ist es umgekehrt. Ohne Liebe sieht man nichts. Ja, du hast wohl auch Recht. Wenn man sich verliebt, sieht man einmal eine Schönheit, die einen überwältigt. Aber sonst sieht man sie nicht. Man sieht sie nur bei einem Menschen – nicht bei den anderen, nicht bei den Tieren, nicht bei den Pflanzen, nicht bei den Steinen... Der Mensch ist blind geworden. Er öffnet seine Augen bei einem anderen Menschen, aber alles andere bleibt ihm egal...“

„Du bringst mir das Sehen bei, Tyra...“

„Ja...“, sagte sie weich, verletzlich. „Das ist es, was ich tun will... Ich will das Sehen beibringen. Die Liebe. Die Liebe ist das Sehen, Torben.“

Wir schwiegen eine kleine Weile.

„Es gab vor einiger Zeit“, begann sie dann leise wieder, „einen Film, ,Unsere Erde 2’. Ich habe den ersten Teil leider nicht gesehen. Aber es waren meisterhafte Naturaufnahmen, aus allen Gegenden unserer Erde. Ich gehe fast nie ins Kino, aber diesen Film wollte ich sehen. Torben – kaum etwas hat mich trauriger und glücklicher zugleich gemacht. Es war ein Erlebnis, das ich fast nicht aushalten konnte. Neben mir, vor und hinter mir saßen Menschen, die über die Aufnahmen staunten, manche lachten auch an ein paar Stellen, weil man es lustig finden kann, wenn eine Hummel durch einen Regentropfen fast umgewirbelt wird oder Bären sich an einem Baum kratzen – was der Film auch noch mit entsprechender Musik untermalt hat. Aber mein Erleben war ein völlig anderes. Ich kann das niemandem erzählen, Torben! Niemandem außer dir. Ich habe ... immer wieder zwischendurch geweint, still vor mich hin, weil die wunderbare Schönheit wehtut! Sie ist manchmal so unfassbar über-schön, du kannst es dir nicht vorstellen. Ein Zebrafohlen, das sich durch einen reißenden Fluss kämpft – und es schafft! Das so mächtige Schmelzen des Eises im arktischen Frühling. Eine Pottwalfamilie – schlafende Pottwale, senkrecht im Wasser schwebend! Winzige, grünschillernde Kolibris. Millionenschwärme großer Eintagsfliegen, groß wie Schmetterlinge, die nur alle drei Jahre an einem Fluss in Ungarn schlüpfen und auf Hochzeitsflug schwärmen. Glühwürmchen, die ganze Höhlen erhellen. Und unzählige andere Wunder, Torben! Und gleichzeitig ist all diese Schönheit so bedroht – man weiß doch, dass sie tagtäglich zerstört wird, all das, was man in dem Film sieht! Man weiß es. Aber selbst wenn man es nicht wüsste, müsste man weinen – vor Schönheit! Vor endloser Schönheit... Ich fasse es einfach nicht...“

Tyra war schon wieder den Tränen nahe. Aber sie bekämpfte sie tapfer und atmete dann einmal ruhig aus, sah mich dann hilflos an.

„Wie kann unsere Erde so schön sein, Torben – und den Menschen dennoch so egal? Wie geht das?“

Ich hatte keine Antwort für diesen Engel... Ich schämte mich sogar selbst vor ihr, denn ich war keinen Deut besser, höchstens seit etwa zwölf Stunden.
„Ich weiß es nicht, Tyra. Die Menschen haben ihr Herz verloren. Es ist, wie du sagst...“

Verzweifelt barg Tyra ihr Gesicht in einer Hand, den Ellenbogen auf den kleinen Tisch gestützt, und atmete noch einmal ratlos aus. Diese hilflose Geste hatte ich bei ihr noch nie gesehen.

„Verstehst du jetzt“, fragte sie leise unter ihrer Hand hervor, „dass eine Tyra gar nicht reicht...?“

„Ja...“, gestand ich.

...