Hingabe

Holger Niederhausen: Hingabe. Roman. Books on Demand, 2018. Paperback, 340 Seiten, 12,90 Euro. ISBN 978-3-7460-2432-5.


Erschienen am 15. Februar 2018.              > Bestellen: BoD | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen < [noch keine]

Inhalt


Die vierzehnjährige Rahel ist ein tief frommes Mädchen. Der Tag ihrer Konfirmation lässt dann aber unerwartet Fragen in ihr aufbrechen. Als sie sich nach einem Schicksalsschlag, der sie mit heftigen Schuldgefühlen belastet, fast selbst das Leben nimmt, rettet sie nur eine junge Frau, die aber selbst nicht die geringste Wärme zu besitzen scheint. Unauflöslich ist daraufhin ihre Sehnsucht, gerade zu Kira eine Brücke zu finden...

Erschütternde Katharsis - über das Buch


Dieses Buch wirft den Leser in zwei Extreme
– so stark, wie es wohl nur wenige andere Bücher vermögen.

Das Mädchen Rahel besitzt einen Seelenreichtum, der in der heutigen Zeit seinesgleichen suchen würde. Wir leben in einer Zeit, in der die Seelen immer verzweifelter nach „Eindrücken“ suchen, in der sie kaum einmal ohne einen Tag mit Filmen, Kino, Unterhaltung oder hunderte von Blicken auf und Minuten am Handy oder PC auskommen. Abhängig ist die Seele, völlig abhängig von diesen äußeren Eindrücken.

Rahel dagegen besitzt etwas ganz anderes: sie ist fromm, sie ist gläubig. Und in ihrer Seele ist es kein Kirchenchristentum – es ist bis in die Tiefen ernstgemeint und ernst empfunden. Mit dieser Tiefe ihrer eigenen Seele bleibt es unausweichlich, dass sie an das äußerlich zu findende Christentum anstößt – und schließlich in Zweifel gerät, die auch Selbstzweifel werden, nicht zuletzt, weil sie ihrer eigenen Tiefe und Wahrhaftigkeit völlig unbewusst ist. Man wird an ihren Gedanken und Empfindungen nicht Anteil nehmen können, ohne selbst tief berührt zu werden.

Dann aber trifft sie ein Schicksalsschlag – und auf den Wegen der Verzweiflung wird sie zu einer jungen Frau geführt, die wie eine weitere Fügung in ihr Leben tritt ... und das vollkommene Gegenteil von ihr zu sein scheint. Kira hat offenbar keinerlei Empfindungen, jedenfalls keine Wärme, nur das Gegenteil... Was sie jedoch in den Momenten größter Verzweiflung mit dieser jungen Frau erlebt hat, reicht Rahel, um eine unauslöschliche Sehnsucht zu spüren, gerade zu ihr eine Brücke zu finden.

Doch was sie auch versucht – alle leisen Hoffnungen zerschlagen sich immer wieder, und Kira bleibt letztlich unerreichbar. Schließlich tritt die ganze Tragik der jungen Frau offen zutage...

Kann man das Mädchen Rahel als eine tief gesegnete Seele bezeichnen – auch wenn ihr dies gar nicht bewusst wird –, so ist Kira eine der vielen verlorenen Seelen unserer Zeit, und dies in stärkstem Ausmaß. Und was geschieht nun, wenn diese zwei so zutiefst gegensätzlichen Menschen zusammentreffen? Kann die tiefe Liebe von Rahel die verlorene Seele von Kira retten? Oder wird Kira nach und nach alle Hoffnung auslöschen, zertreten? Ist es überhaupt Liebe? Oder nur die naive Illusion, Kira retten zu können? Wird Rahel von ihr gar mit in den Untergang gerissen?

Die Griechen kannten früher das heilige Reich der Katharsis. Tiefste Empfindungen und Gemütsbewegungen, und sei es im Mitanschauen-Müssen tragischster Geschehnisse, lösten in der Seele ein Geschehen aus, das in sich tief läuternd war. Die Seele erlebte tief Wesentliches, was ihren eigenen Alltag weit überstieg – und wurde so in die Sphäre des Wesentlichen geführt.

Tod, Mitleid, Tragik, Hass, heftige Verzweiflung, heiligste Liebe, vergebliche Hoffnungen – und vielleicht auch Erlösung, oder aber völliger Untergang ... die Seele, die all dies miterlebt, steigt am Ende wie mit Feuer geglüht und getauft wie das geläuterte Erz auch selbst geläutert aus diesem heiligen Feuersturm tiefer Empfindungen wieder an das gewöhnlichere Licht des Alltags.

Abgrundtief ist dies getrennt vom sogenannten „Kitsch“, der auf das bloß Sentimentale zielt. Das, was mit der Katharsis zu tun hat, geht viel, viel tiefer, und es berührt die Sphäre des Ewigen.

Die moderne Seele kennt tiefere Empfindungen fast nicht mehr. In diesem Roman wird sie ihnen begegnen – und eben nicht nur das. Sie wird im Lesen auch selbst wieder von tiefen Empfindungen ergriffen werden. Und gerade dies ist die Katharsis und führt zu ihr. Wenn die Seele auch nur ein wenig in der Lage ist, mit Rahel mitzuleben, innerlich, empfindend, dann werden dem Leser mehr als einmal ganz real die Tränen auf die Buchseiten tropfen... Dies aber ist etwas Heiliges, denn in diesen Tränen liegt das Heiligste, was existiert...

Leseprobe 1


Sie betrat den hinteren Gebäudeteil. Dieser schien wesentlich älter zu sein, vielleicht weil er weniger gepflegt wurde. Er war auch deutlich dunkler. So wirkte er ein wenig vergessen, wodurch sich hier sogar die Heiligkeit wieder etwas verlor. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass in diesem Teil des Gebäudes das so vertraute Zimmer von Schwester Sieglinde lag. Das Zimmer war eigentlich eine kleine Wohnung mit Toilette und winziger Küchenzeile. Sie hatte sich, als sie etwas kleiner war, immer gewundert, wie man darin leben konnte – und es sich zugleich selbst innig gewünscht. Und eigentlich tat sie das immer noch. Es strahlte eine so unbeschreibliche Gemütlichkeit, Einfachheit und Schlichtheit aus. Hier hatte sie immer wieder unmittelbar erlebt, dass, wer für Gott lebte, nicht viel brauchte – eigentlich fast gar nichts. Ihr Herz liebte dieses Zimmer.

Nun hatte sie es erreicht und stand davor. Sie klopfte. Auch wenn sie schon so oft hier gewesen war, war sie noch jedes Mal ein wenig aufgeregt, wenn sie so vor dieser Tür stand. Sie liebte Schwester Sieglinde, aber sie bewunderte sie auch. Für sie war sie eine dieser heiligen Frauen – durch ihr ganzes Leben, von dem sie viel zu wenig wusste, und durch ihr hohes Alter.

„Ja?“

Freudig trat sie ein.

„Rahel!“

Schwester Sieglinde saß in ihrem altmodischen Stuhl, in dem sie fast immer saß.

„Wolltest du nicht erst nächsten Mittwoch kommen?“

Bevor sie antworten konnte, musste sie erst einer anderen Sorge folgen:

„Habe ich Sie geweckt, Schwester Sieglinde? Haben Sie geschlafen?“

Die alte Frau lächelte auf ihre stille Weise.

„Ich habe nur ein wenig vor mich hingenickt. Ein kleiner Nachmittagsschlaf. Mach dir keine Sorgen, mein Kind. Aber was führt dich hierher?“

Sie schämte sich auf einmal. Obwohl sie es nur unbewusst fühlte, schämte sie sich, weil sie nicht im Mittelpunkt stehen wollte – und weil ihr Herz allein schon durch die Frage fühlte, es könne vielleicht eine vermessene Eitelkeit sein... Auch das Blümlein wollte zuerst versorgt werden.

„Ich habe Ihnen hier eine kleine Blume mitgebracht...“

„Eine kleine Blume? Zeig einmal her, Mädchen.“

Sie trat ganz heran, und ihr Herz empfand eine unschuldige Ehrfurcht vor der heiligen Gottesdienerin. Mit der Zuneigung, die diese Ehrfurcht begleitete, zeigte sie ihr das Blümchen.

„Eine kleine Traubenhyazinthe! Wie lieb von dir, Rahel! Tust du sie wieder in mein Väschen?“

„Ja, das mache ich!“, sagte sie voller Zuneigung und ging zu dem kleinen Schreibtisch, auf dem eine knapp fingerhohe Vase stand. Wo auch immer die alte Diakonisse dieses Väschen herhatte – es passte wunderbar für die kleinen Blumen, die sie ihr immer mitbrachte. Sie ging zum Wasserhahn und füllte das Väschen vorsichtig mit Wasser. Dann stellte sie es mit der kleinen Blume wieder auf den Tisch.

„Schön...“, sagte Schwester Sieglinde.

Sie war froh gewesen, etwas Zeit gewonnen zu haben, aber nun musste sie wohl oder übel davon sprechen, was sie in ihrem Herzen trug...

„Schwester Sieglinde...?“, begann sie zögernd.

„Ja, Rahel?“

Ermutigt von der lieben Stimme der alten Frau, fasste sie sich nun ein Herz.

„Ich möchte zur Konfirmation mein Haar flechten. Ich möchte einen geflochtenen Ring. Es soll schön aussehen! Wunderschön... Aber – aber ich kann es nicht! Ich habe schon alle Mädchen aus meiner Klasse gefragt – aber niemand konnte mir helfen. Wissen Sie nicht vielleicht irgendjemanden, der es mir Sonntag ganz früh machen kann? Wenn Sie mir nicht helfen können, weiß ich nicht mehr weiter!“

Sie hatte ihr ganzes Herz ausgeschüttet – und wieder hing sie mit all ihren Empfindungen an diesem Vorhaben, diesem innigen Wunsch...

„Ob ich jemanden kenne?“, erwiderte die alte Diakonisse.

„Ja...“, sagte sie voller Hoffnung – und doch kroch im nächsten Moment angesichts dieser Gegenfrage bereits die Angst herauf, dass auch sie nicht würde helfen können.

„Ich kann es selbst, mein Kind. Ich habe früher den Mädchen immer die Haare geflochten. Gerade auch zur Konfirmation...“

Ihr Herz schien einen Moment auszusetzen.

„Ist das wahr?“, fragte sie ungläubig und glücklich zugleich. Und als müsste sie jede Unsicherheit ausschließen, zeigte sie an ihrem eigenen Haar, wie sie es meinte: „So einen Ring, hier einmal herum?“

Schwester Sieglinde lachte voll gerührter Güte:

„Ja, Mädchen, genau so. Wie du es willst...“

Auf einmal wogte aus ihrem Herzen ein unendliches Glück herauf, das ihre ganze Brust zu erfüllen schien. Eine ungeheure Liebe zu dieser alten Frau erfasste sie, und ein brennender Kloß saß plötzlich in ihrer Kehle...

„Aber Rahel...“

Sie atmete einmal heftig ein, um nicht weinen zu müssen. Aber die unbeschreibliche Dankbarkeit blieb.

„Du bist so ein liebes Mädchen...“, sagte die alte Frau.

Sie wusste nicht, wohin mit ihren Gefühlen. Hilflos blieb sie einfach stehen...

„Willst du dich nicht setzen, Rahel...“

...

Leseprobe 2


„Hallo, Kira...“

Kira sagte nichts – drehte sich auch nicht zu ihr. Nach einer Weile sagte sie nur kühl:

„Wo warst du denn gestern?“

Sie war völlig verwirrt und hilflos.

„Gestern?“, fragte sie, noch immer schaudernd unter dem abweisenden Empfang.

Sie hatte sofort erklären wollen, wo sie gestern gewesen war und was geschehen war, aber Kira war schneller gewesen.

„Ja, gestern“, wiederholte sie betont. „Oder ist dir etwa entfallen, dass gestern auch ein Tag war – und dass du gestern nicht hier warst? War gestern ein Tag, der“, ihre Stimme änderte sich ins Luftig-Beliebige, „in deiner Zeitrechnung einfach nicht existiert? ,Gestern? Ja, was war gestern eigentlich. Hmm, ich weiß nicht... Gestern war ich eben nicht hier.’ Richtig – gestern warst du nicht hier! Ist dir das aufgefallen? Ja? Oder nicht? Mir ist es aufgefallen. Warum kommst du dann heute wieder? Dann hätt’st du auch gleich ganz wegbleiben können. Was soll dieses Hin und Her?“

Ihr unschuldiges Herz empfing die Schläge ohne jeden Schutz – ihr einziger Schutz war, dass sie nicht einmal verstand, wie ein anderes Herz so hart, so ungerecht und so kalt sein konnte...

„Aber Kira“, sagte sie erschüttert, bittend, „ich ... ich wollte gestern kommen... Ich wäre gekommen, wenn, wenn nicht...“

„Ja, wenn nicht etwas dazwischengekommen wäre, nicht wahr? Ich weiß. Es ist eben etwas dazwischengekommen. Ja, so was! So ein Pech auch! Wutsch – schon war es da. Dieses kleine ,Dazwischen’ – aber dadurch konntest du leider nicht kommen, nicht wahr? Ach, dieses böse, böse kleine ,Dazwischen’... Hat es dich doch tatsächlich gehindert! Aber dann lass es doch einfach! Du kannst meinetwegen Tausendmillionen ,Dazwischen’ haben. Aber komm nicht mehr her! Verstehst du?“, sie sah sie nun direkt an. „Du brauchst nicht mehr rumkletten! Hast du gehört? Hör auf, rumzukletten! Ich mag keine Kletten! Und ich mag dich nicht! Du hast deine Chance gehabt. Ab jetzt kommt mir auch immer etwas Wichtigeres dazwischen. Und das ist, dass ich dich nicht mehr sehen will!“

Kira sah sie feindselig an.

„Hast du nicht gehört? Ich will dich nicht mehr sehen!!“

Nun war sie so erschüttert, dass sie nicht mehr wusste, was sie tun sollte. Es war, wie wenn die Schläge der Worte alles in ihr weggeschlagen hätten – jeden klaren Gedanken, jedes Gefühl, jede Willensregung...

Wie wenn sie ein anderer Mensch wäre, drehte sie sich wie in Zeitlupe um. Es war, wie wenn jemand von außen ihren Leib führen würde. Es kam ihr so vor, als würde sie Kira noch immer ansehen, während ihr Leib sich schon umgedreht hatte, und als würden sich ihre Augen erst zuletzt umdrehen. Und dann setzte dieser Jemand, der ihren Leib führte, einen Schritt vor den anderen...

„Ja!“, rief Kira ihr hasserfüllt hinterher. „Genau! Hau einfach ab! Ganz genau! Hau ab!“

Und diese Worte ... es war, wie wenn sie in sie einschlugen, wie Brandbomben, die eine bereits zerstörte Stadt völlig vernichteten – dort aber auch wieder etwas entzündeten, ein Gefühl ... und in blinder Verzweiflung und blindem Schmerz, in nicht auszuhaltendem Schmerz begann sie zu laufen, zur Treppe, dort kamen die Tränen, und blind vor Tränen und vor Schmerz hastete sie, so schnell sie konnte, die Treppe hinunter, fiel einmal fast hin, fing sich in einer Schrecksekunde und stürzte weiter, hemmungslos weinend.

Weinend lief sie über die Lichtung, den Weg hinunter, bis ganz hinunter, bis sie nicht mehr konnte, bis ihre Lungen sie zwangen, langsamer zu werden, aber das Leid trieb sie immer weiter, bis sie endlich bei der Bushaltestelle war. Dort hörte das Leid nicht auf, denn dort standen Leute, und das neue Leid war, dass sie hier ihr unsägliches Leid nicht einmal zeigen durfte, dass sie es verbergen musste, in ihr einsames, einsames Herz...

...