Liebesbriefe einer reinen Seele

Holger Niederhausen: Liebesbriefe einer reinen Seele. Books on Demand, 2015. Paperback, 84 Seiten, 7,90 Euro. ISBN 978-3-7386-4902-4.


Erschienen am 28. September 2015.              > Bestellen: BoD | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen < [noch keine]

Inhalt


Haben auch die Reichen und Mächtigen noch ein Herz, das berührt werden kann? Juliane, ein siebzehnjähriges Mädchen, ist fest davon überzeugt und wendet sich in Briefen voller Liebe an jene, die sie ihre Brüder nennt.

Diese Briefe sind das Zeugnis einer tiefen, reinen Hoffnung auf eine Welt, in der das Wort Brüderlichkeit einst seinen ganzen heiligen Klang und seine volle, wunderbare Bedeutung entfalten wird...



Leseprobe 1


Liebe Brüder!


Bitte probiert es, was ich zu beschreiben versuche. Bitte haltet mich nicht einfach nur für ein naives Mädchen, sondern versucht es trotzdem. Selbst wenn Ihr mich für naiv haltet, versucht es trotzdem! Wenigstens einmal... Ein einziges Mal... Ich verspreche Euch: Wenn ihr auch nur ein einziges Mal von Herzen helft, wo jemand Hilfe braucht, ein ganz fremder Mensch, dann werdet Ihr selbst erleben, wie unbeschreiblich schön dies ist. Anders als alles, was man bis dahin gekannt hat. Aber es muss wirklich aus tiefstem Herzen sein, wenigstens ein einziges Mal...

Aber ... vielleicht lernt man, all dies zu lieben und auch ein einziges Mal wirklich von ganzem Herzen etwas für jemanden ganz Fremden zu tun, nur auf andere Art. Ich musste gerade daran denken, dass man vielleicht alle Dinge liebhaben muss, ja sogar alle Augenblicke.
Ich erschrecke oft davor, wie Menschen etwas tun. So achtlos... So, als ob es nur eine lästige Pflicht ist – oder nicht mal das!
Es ist vielleicht ein etwas ekliges Beispiel für Sie, aber ich finde, man kann selbst den Müll lieben. Wenn ich sehe, wie meine Eltern etwas wegwerfen, werde ich immer traurig. Es  ist wirklich so achtlos, sogar mit Abneigung... Wenn ich Gemüse geschält habe, macht es mich immer traurig, dass ich überhaupt etwas wegwerfen muss, was die Müllberge erst einmal vergrößert. Es gibt doch irgendwo auch Kompostmüll. Wir haben in unserem Haus leider keinen... Aber dann sehe ich diese Möhren- und diese Gurkenstreifen, diese Zwiebelschalen, und ich denke mir: Danke, dass ihr für die Möhren, die Gurke, die Zwiebel da wart; es tut mir leid, dass ich euch jetzt wegwerfen muss. Und mit Liebe tue ich sie in den Abfalleimer. Es ist wie ein Abschied – ja, ist es auch! Selbst den Abfalleimer würde ich anders nennen wollen! Kann man ihn denn nicht wirklich anders nennen? Abschiedseimer... Trennungseimer...
Es tut mir wirklich auch weh, in den Plastikmülleimer die Verpackungen noch hineinzustopfen, wenn er eigentlich schon voll ist. Meine Eltern machen das. Aber es kommt mir wie richtige Gewalt vor. Wenn die Verpackungen bis oben darin liegen, bringe ich alles hinunter – und auch das mit Liebe, mit diesem Gefühl: Danke, dass ihr für mich da wart; und es tut mir leid, dass ich überhaupt Müll machen muss...

Aber diese Liebe habe ich auch bei allem anderen, ich will gar nicht irgendetwas tun ohne dies. Es ist eine Aufmerksamkeit, nein, wirklich eine Zuneigung zu allem. Wenn ich zum Beispiel im Supermarkt an der Kasse bezahlen muss, dann suche ich auch das Geld mit diesem Gefühl heraus: den Schein, die Münzen. Ich nehme sie nicht einfach, sondern es ist, wie wenn man selbst zu den Münzen noch freundlich ist. Nicht nur freundlich, sondern ... ja, sanft. Liebevoll eben...
Wenn ich es für Sie so beschreibe, schäme ich mich fast, darüber zu reden, weil ich finde, dass es so selbstverständlich sein sollte. Versuchen Sie es doch nur einmal, liebe Brüder! Ich glaube, das Leben wird erst dadurch wirklich schön... Ich kann es mir ohne diese ‚Sanftheit’ und wirkliche Zuneigung gegenüber allem gar nicht wirklich vorstellen...
Wenn ich andere Menschen beobachte, erschrecke ich oft, und ich frage mich: Wie fühlen sie eigentlich das Leben? Wie fühlt man sich, wenn man gegenüber nichts wirklich etwas fühlt?

Wenn man sich einen Tee gemacht hat – kann man ihn dann wirklich einfach so trinken? Ich nehme schon den Becher, wie soll ich sagen ... behutsam, sanft in die Hand, ich trinke vorsichtig und dankbar einen Schluck. Jeder Moment ist doch eigentlich etwas Besonderes, aber nicht nur der Moment, sondern das, womit man zu tun hat – der Becher, der Rand des Bechers, der heiße Tee, ja sogar dieser Schluck. Man kann alles nicht beachten – oder man kann alles so sehr beachten wie möglich; mit Zuneigung behandeln und mit Zuneigung tun. Man kann wirklich auch die Dinge lieben, wirklich lieben! Diesen einen Schluck Tee werde ich nur ein einziges Mal in meinem Leben trinken, aber jetzt ist er ganz für mich da. Warum sollte ich nicht auch ganz für ihn da sein, in diesem Moment ganz an ihn denken, voller Dankbarkeit?
Sanft ... liebevoll ... ich glaube, nur so lebt man wirklich mit den Dingen, begegnet ihnen wirklich. Auch der kleine Schluck ist etwas. Auch er lebt sozusagen. Ich kann ihm in diesem Moment begegnen oder auch nicht. Ich kann ihn beachten und lieben, in diesem einen einzigen Moment, wo er da ist, nur für mich ... oder ich kann ihn einfach herunterschlucken, nie beachtet, einfach nur geschluckt, wie ein Sklave, ein bedeutungsloses Etwas, ein Nichts.
So will ich nicht leben! Ich will noch das Kleinste, das für mich da ist, mit derselben Liebe beachten, wie es für mich da ist. Die Dinge dienen den Menschen immer ganz – und bleiben doch fast immer ganz unbeachtet. Gibt es einmal einen Menschen, der auch die Dinge ganz beachten und lieben kann?
Können wir in unserem Herzen fühlen, wie sehr uns die Dinge dienen? Ganz und gar dienen, sozusagen voller Liebe? Fühlt man dann nicht, wie sie hoffen, dass auch wir sie beachten? Ich glaube, dass es so ist. Ich glaube wirklich, dass die Dinge eine Sehnsucht danach haben, dass wir sie nicht wie tote Dinge behandeln und wie ein Nichts beachten. Aber ich kann es niemandem beweisen. Ich weiß nur, dass ich dies wirklich zu fühlen beginne, wenn ich selbst die Dinge zu beachten anfange. Wenn ich sie selbst als lebendige behandle, dann werden sie auch lebendig – und ich glaube, dass dies keine Täuschung ist. Man muss erst anfangen, die Dinge mit Liebe zu behandeln, dann zeigen sie sich einem, wie sie wirklich sind...

Aber, liebe Brüder, selbst wenn Ihr mir dies nicht glaubt, so glaubt mir bitte wenigstens, wie schön das Leben wird, wenn man dies trotzdem tut. Wie kann ein Moment schön sein, in dem man etwas nur ganz achtlos tut? Wie kann ein Leben schön sein, das aus achtlosen Momenten besteht? Und warum sollte ein Leben nur aus wenigen, wirklich besonderen Momenten bestehen, während der Rest mit achtlosen Augenblicken gefüllt ist? Wird es nicht um so schöner, je mehr jeder Moment ein besonderer wird? Kann man denn nicht wirklich jedem Ding gegenüber eine Art Freundlichkeit zu empfinden beginnen...

...

Leseprobe 2


Liebe Brüder!

Habt Ihr einmal mit Eurer Freundin, die Ihr liebtet, am Lagerfeuer gesessen, und da war der Geruch des Rauches, das Knistern der Flammen ..., und dann, als das Feuer allmählich ausging, habt Ihr unter dem Sternenhimmel geschlafen, eng aneinandergekuschelt?
Wenn man auch nur ein einziges Mal so unendlich glücklich war, können einem dann andere Menschen jemals egal sein? Fühlt man sich nicht für immer allen Menschen irgendwie verbunden? Kann man dann noch jemals jemanden unglücklich sehen?
Und auch, wenn man selbst einmal zutiefst unglücklich war – kann man dann einen anderen Menschen noch unglücklich sehen? Hat man nicht von da an immer Mitleid? Warum gibt es Menschen, die kein Mitleid haben? Ist es wirklich möglich, helfen zu können und nicht helfen zu wollen?

Liebe Brüder, jetzt habe ich so lange versucht, zu beschreiben, wie man sich untereinander liebhaben kann, dass ich nur noch hoffen kann, dass Sie es fühlen konnten. Denn jetzt kann ich Sie nur fragen: Können Sie von Ihrem Reichtum nicht denen abgeben, die arm sind? Ich kann Sie dies nur ganz hilflos fragen...
Aber es gibt Menschen, die können sich nichts leisten – nicht einmal Eis essen gehen, keine neue Hose, keine Reparatur der Waschmaschine, schon gar keinen Urlaub...
Wahrscheinlich können Sie sich das gar nicht vorstellen. Aber es gibt ganz viele solche Familien. Menschen, die dann ein Leben lang so leben müssen: Immer Sorgen, Verzweiflung, nie einmal ein kleines Vergnügen...
Können Sie sich das vorstellen? Bitte, stellen Sie sich das einmal wirklich vor! Stellen Sie sich vor, dass diese armen, lieben Familien gleichzeitig mit Ihnen auf der Welt leben, sogar in der gleichen Stadt, vielleicht gar nicht weit weg, und sie haben nichts zum Leben, es reicht nur für das tägliche Sorgehaben, nie für ein wenig Freude oder auch nur die nötige Kleidung ... und Sie haben jeden Monat eintausend, zweitausend, dreitausend, vielleicht sogar noch mehr Euro, die Sie ausgeben können. Können Sie nicht spüren, was für ein Leben das ist, wenn man täglich nur Sorgen hat? Sorgen, Sparen, Verzichten, Sorgen... Kann man auf diese Weise gleichzeitig auf einer Welt leben und nicht Mitleid oder sogar Scham empfinden? Wie kann man, wenn man das weiß, in teure Restaurants gehen, teure Urlaube machen, auf unendlich viele andere Weisen viel Geld ausgeben – und nichts von seinem vielen Geld abgeben, um auch der anderen Familie zumindest ein ganz, ganz bescheidenes Glück zu ermöglichen? Können Sie das nicht tun, liebe Brüder?
Sie können doch Ihres Lebens und Ihres Luxus unmöglich glücklich sein, wenn Sie wissen, dass andere Familien so unendlich unglücklich und arm sind! Wie kann man es aushalten, reich zu sein und nicht zu teilen, wenn Andere arm sind?

Liebe Brüder! Was machen Sie mit Ihrem ganzen Reichtum? Gehen Sie jeden Tag essen? Feiern Sie teure Partys? Betreiben Sie teure Sportarten? Sind Sie dabei glücklich? Im Restaurant? Auf der Party? Beim Sport? Wofür geben Sie Ihr Geld noch aus? Und wobei sind Sie wirklich glücklich? Sind Sie jemals wirklich glücklich? Ich meine, tief von Herzen?
Ich meine nicht das Glück, das man vielleicht fühlt, wenn man an einem Pool liegt und von einem Diener Getränke bekommt – ist das Glück? Wie lange? Sondern ich meine das Glück, das man fühlt, wenn man mit dem geliebtesten Menschen aneinandergekuschelt unter dem Sternenhimmel liegt. Wann waren Sie zuletzt so glücklich? Wann erleben Sie diese Art von Glück? Und wie oft geben Sie viel Geld aus, ohne auch nur eine Spur von diesem Glück zu erleben?
Aber wissen Sie, wie unendlich glücklich andere Familien schon wären, wenn sie einmal zwanzig oder einhundert Euro geschenkt bekämen und zur Verfügung hätten? Haben Sie eine Ahnung, wie glücklich Sie Menschen schon mit so wenig Geld machen könnten?
Wissen Sie, wie glücklich es einen selbst macht, Andere glücklich zu machen? Versuchen Sie es einmal, liebe Brüder! Verzichten Sie einmal auf ein oberflächliches Vergnügen, das Sie sowieso nicht glücklich macht, oder Sie haben ja so viel Geld, dass Sie sowieso auf nichts verzichten müssen – und verschenken Sie zwanzig oder einhundert Euro an eine bedürftige Familie. Und dann erleben Sie die Dankbarkeit der Menschen ... und dann Ihr eigenes Glück! [...]

Liebe Brüder! Nichts macht glücklicher, als zu helfen. So helft doch... Ich, Eure Schwester, bitte Euch darum, von ganzem Herzen... Mit reinem Herzen bitte ich Euch um Euer Herz, liebe Brüder. Ich weiß, dass Ihr ein Herz habt! Fühlt es doch nur...

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