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Mädchenkarma

Holger Niederhausen: Mädchenkarma. Roman. Books on Demand, 2019. Paperback, 298 Seiten, 12,90 Euro. ISBN 978-3-7494-6490-6.


Erschienen am 2. Dezember 2019.              > Bestellen: Books on Demand | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen < [noch keine]

Inhalt


Die schüchterne fünfzehnjährige Clara begegnet auf einem Ferienlager der zwei Jahre älteren Dora und schließt sich eng an diese an. In ihren Gesprächen offenbart sich oft ihre Gegensätzlichkeit – so über die Frage nach dem Karma, nach Christus oder nach Claras Schüchternheit –, dennoch gewinnt Dora das tiefsinnige Mädchen sehr schnell lieb. Dann werden all diese Fragen überraschend, ja dramatisch konkret, als Clara sich hoffnungslos in einen fünf Jahre älteren Helfer verliebt.

Über dieses Buch


Auf berührende und tief fesselnde Weise führt dieses Buch den Leser mitten in die Frage des Karma hinein: Gibt es Karma – und was ist das? Welchen Sinn hat es, wenn man sich dessen überhaupt nicht bewusst ist? Worum geht es überhaupt – um Leid, Vergeltung, Ausgleich? Und Christus? Dazu kommen tiefe Fragen nach Mut und Schüchternheit, Emanzipation und Aufrichtigkeit, Oberflächlichkeit und Tiefe, nach Coolness, Ernst, Verantwortlichkeit, Achtsamkeit, Liebe, Treue, Hingabe und Vertrauen.

Ausgangspunkt ist eine Schicksalsbegegnung zweier Mädchen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Da ist die siebzehnjährige Dora, die die Idee des Karma als hartherzige, unmenschliche Vorstellung rundweg ablehnt und die auch sonst sehr selbstständig und frei denkend ihren eigenen Weg geht. Und auf der anderen Seite die schüchterne, fünfzehnjährige Clara, die zu so Vielem tiefsinnige, berührende Gedanken hat – sogar zu dem wahren Wesen der Schüchternheit selbst, die sie keineswegs nur als Schwäche empfindet.  

Auf einem Ferienlager der Christengemeinschaft schließt sich Clara eng an die ältere Dora an, was dieser zuerst gar nicht recht ist, doch sehr bald lernt sie das jüngere Mädchen nicht nur liebgewinnen, sondern erlebt auch immer mehr die Tiefe seines Wesens.

Als das Gespräch auf das Karma kommt, findet Dora in Clara eine gewissenhafte Wahrheitssucherin und eine leidenschaftliche Anhängerin der Überzeugung, dass es Schicksalsbegegnungen gibt. Ganz unerwartet aber werden diese Fragen sehr konkret, ja dramatisch, als die schüchterne Clara sich hoffnungslos in den fünf Jahre älteren Helfer Christoph verliebt.

Zunächst versucht Dora, ihrem Schützling Mut zu machen. Als aber Claras schüchterner Versuch, Christoph nach einem Spaziergang zu fragen, eklatant scheitert, bemüht sich Dora, das Mädchen davon abzuhalten, sich illusionäre Hoffnungen zu machen. Doch immer mehr ist Clara davon überzeugt, dass die Begegnung mit Christoph ihr bestimmt sei... Mit aller Aufrichtigkeit setzt sich das schüchterne Mädchen der Frage nach dem Schicksal aus, was alle Beteiligten auf verschiedene Weise an ihre Grenzen bringt.

Leseprobe 1


Dora schaute wieder über den See.

„Guck mal da“, flüsterte sie auf einmal.

Sie folgte Doras Arm und sah einen einsamen Reiher quer über den Himmel ziehen. Sie folgten ihm mit ihren Blicken, bis er ganz verschwunden war.
Nach einer Weile begann Dora dann und sagte:

„Nicht an all diese Vorstellungen. Ich glaube schon, dass da etwas ist – aber ich sehe es mehr als eine allgemeine Energie. Es geht nichts verloren, verstehst du? Dieselbe Energie ist auch in alledem hier.“ Sie breitete nun ihrerseits ihren Arm in die Weite. „Und wenn etwas stirbt, fließt die Energie weiter, verwandelt sich, nimmt eine andere Form an. Letztlich ist wirklich alles eins...“

Die Art, wie sie dies sagte, verzauberte Clara. Es konnte keinen geeigneteren Ort geben, um ihre Worte zu unterstreichen und deren Wahrheit zu bezeugen. Als die Worte verklungen waren, lebte auch ihre Energie weiter, vermischte sich mit dem Glitzern der Wellen, dem leichten Lufthauch, der sie umschmeichelte, der Stille dieses Ortes...

„Ist es dir dann ganz egal, dass es dich dann nicht mehr gibt?“, fragte sie zögernd.

„Mich persönlich? Das betrifft doch alles – warum sollte der Mensch die große Ausnahme sein? Und trotzdem geht nichts verloren. Meine Gedanken, meine Gefühle, alles lebt irgendwie weiter – nur nicht in mir.“

„Und die Hass-Gedanken von den Menschen?“

„Die werden zum Beispiel zu einem Gewitter, dann regnet es, und dann ist alles wieder wie neugeboren.“

Sie dachte darüber nach.

„Also in deiner Anschauung fehlt das Karma – aber auch die Seele... Sie geht wieder verloren...“

„So, wie sie ist, ja. Sie verwandelt sich – wird vielleicht das Glitzern da...“

Das war ihr nicht tröstlich. Was hatte alles für einen Sinn, wenn es nur ein ewiges Werden und Vergehen war?

„Das gefällt dir nicht, oder?“, fragte Dora. „Du willst lieber das Karma und alles, nicht wahr?“

Sie schwieg. Dora sagte:

„Mir ist das alles zu kompliziert. Zu erzieherisch. Zu hartherzig. Bei mir geht nur die Energie nicht verloren. Bei diesem Karma geht keine Schuld je verloren, wird auch nicht verziehen und nichts. Das ist wie bei Sisyphus. Immer wieder den Stein den Berg hoch – und kurz vor dem Ziel dann ... ups! Pech gehabt...“

„Du glaubst nicht, dass es besser wird? Herr Reuter sagte, dass wir längst ein Menschheitsbewusstsein haben, weil uns die Kinder in Afrika längst nicht mehr egal sind.“

„Das mag sein. Trotzdem finde ich es ... zu unmenschlich. Das Karma lässt nichts durchgehen. So wie die Gesellschaft. Es fehlt das Verzeihen. Sogar Kinder können schon verzeihen – die vielleicht sogar am meisten. Das Karma verzeiht nie. Das ist übrigens ein schöner Filmtitel: ,Das Karma verzeiht nie’...“
Sie hatte die letzten Worte melodramatisch ausgesprochen.

„Für mich“, fuhr sie fort, „ist diese Idee irgendwo so krank wie unsere ganze Gesellschaft. Sie ist im Grunde ein Spiegel unserer Gesellschaft. Genauso leistungsorientiert. Wer nicht leistet, fällt durch – und wer leistet, manchmal auch, ein kleiner Schnitzer reicht schon, und: weg vom Fenster!“

Sie war völlig verwirrt. Wieder gab es diesen Bruch mit der Umgebung. Das Glitzern des Sees war noch immer wunderschön, aber sie waren herausgefallen. Hatte sie sich also wieder geirrt? Sah sie es noch immer viel zu ,romantisch’? Hatte sich auch Herr Reuter geirrt?

„Du kannst diese Dinge ja alle denken, Clara. Ich will dich auch von nichts abbringen. Nur für mich sind sie nichts... Ich will mich auf die Gegenwart konzentrieren und keinem Karma hinterherlaufen, keine Flecken ausbessern und nichts. Ich will keine Prüfung ablegen, keine Leistungsnoten, keine Beurteilung, weder vor noch nach dem Tod. Mir ist es auch egal, ob ich nach dem Tod Teil dieses Glitzerns dort werde oder Teil einer Made oder Mücke – aber ich will keinen Rucksack mit Riesenschulden auf den Rücken kriegen, von deren Grund ich überhaupt nichts weiß. [...]
Aber im Ernst. Was soll das? Kann man nicht einfach so gut handeln, wie man es schafft – und was man nicht schafft, macht man das nächste Mal besser, ohne dass jemand alles aufgeschrieben hat? Und was man gut macht, hat man einfach gut gemacht, ohne dass man gleich eine Belohnung erwarten darf oder sogar erwartet?“

„So ist es ja vielleicht auch gar nicht gemeint...“

„Wie denn dann? Wie ist es denn dann ,gemeint’? Man kann sich natürlich auch alles schönreden.“

...

Leseprobe 2


Etwas in ihr hatte gehofft, dass Christoph noch dastünde, als sie wieder herauskam, aber er war nicht mehr da. Später sah sie ihn am Frühstückstisch – auch wiederum weit entfernt, obgleich er öfter zu ihr hinsah, aber sie zwang sich, nicht zu ihm zu sehen. Ihre Augen wanderten gegen ihren Willen in seine Richtung, aber immer, wenn er schaute, waren sie wieder ganz bei sich. Sonst aber war da nur Leere und Leid...

Es gab auch fast keine Möglichkeit mehr, Dora ihre Innenwelt zu beschreiben. Sie war so erschöpft, dass sie die Außenkontakte kaum noch aushielt, selbst Dora nicht. Es war ihr alles zu lebendig – und sie war eigentlich tot, irgendetwas in ihr wollte auch tot sein, brauchte Ruhe, wollte und konnte nicht mehr an diesem ewigen Leben teilnehmen...

Aber Dora bemühte sich rührend – und sie schämte sich ja auch fortwährend, darauf nicht mit ihrem ganzen Wesen eingehen zu können, so wie bisher die ganze Zeit. Schließlich wollte sie auch deshalb tot sein, weil sie sich vor sich selbst nur noch schämen konnte.

„Ich wollte, ich wäre tot, Dora. Dann hätte niemand mehr ein Problem mit mir – und ich auch nicht...“

„Clara, das ist doch Wahnsinn! Nur wegen dieser Geschichte? Du bist doch schon dabei, ihn zu vergessen. Das ist dann schon der richtige Weg. Mach weiter damit, und irgendwann bist du über den Berg.“

„Vielleicht will ich gar nicht über den Berg. Vielleicht will ich unter den Berg. Und unter die Erde.“

„Das glaube ich nicht. Dafür bist du ein zu wunderbares Mädchen.“

„Vielleicht gehören ja gerade die wunderbaren Mädchen unter die Erde.“

„Warum denkst du denn das?“

„Weil sie ja sowieso niemand haben will. Die Mädchen, die man hat, sind also anscheinend noch wunderbarer...“

„Jetzt redest du aber Unsinn. Nur weil Christoph dich nicht haben will? Ich habe dir doch gesagt – es gibt genug andere. Außerdem will ich dich sehr wohl unter den Lebenden haben!“

„Ja, du. Alle anderen aber nicht. Allen anderen wäre es doch egal. Ich muss ja nicht gerade hier sterben, um die Fahrt oder ihre ,eigentlichen Ziele’ nicht zu gefährden. Aber wenn ich direkt danach sterben würde, wäre es doch jedem anderen hier ganz egal!“

„Clara – jetzt hör doch bitte auf, so zu reden...“

„Vielleicht ist es einfach mein Karma, Dora.“

„Siehst du? Ich habe dir gesagt, dass das eine ganz schlimme Vorstellung ist.“

„Nicht die Vorstellung ist schlimm, Dora, sondern dass niemand daran glaubt. Würden Herr Reuter und Frau Westphal daran glauben, dann würden sie wissen, dass Christoph und ich uns begegnen mussten. Aber sie tun so, als könnte man das ganz allgemein irgendwie tun und als könnte man etwas, was viel stärker ist, einfach in einfache ,Freundschaft’ umändern, damit diese ,eigentlichen Fahrtziele’ nicht gefährdet werden! Ich habe also diese Ziele gefährdet. Das wird meine Erinnerung an meine letzte Fahrt sein. Dass ich die Ziele gefährdet habe, weil mein Karma so war, wie es nicht hätte sein dürfen. Ich bin Christoph begegnet, obwohl er noch – oder schon – eine Freundin hatte. Und das ist nicht meine Schuld, das ist die Schuld des Karmas. Dafür können selbst Herr Reuter und Frau Westphal nichts. Aber sie hätten erkennen können, dass mein Karma nicht unwichtiger ist als das von Christophs jetziger Freundin. Aber so ernst nehmen sie das nicht! Sie reden darüber, dass es sehr gut klingt, aber sie nehmen es nicht ernst, wenn es ernst wird. Sie reden dann nur ein ernstes Wörtchen mit einem, so dass man die ganze Schuld hat, wenn man das Karma ernster nimmt als sie. Dabei ist es so ernst!“

„Wow, Clara...“

„Ja, siehst du, Dora, das Karma ist schuld. Es lässt mich in eine Situation rennen, wo ich ihm begegne, Christoph, meine ich, und er hat eine Freundin, und er will von mir nichts wissen – aber eigentlich doch, denn das spüre ich, aber er hat eben diese andere Freundin, von der er mir nicht mal sagen will, was ihm an ihr oder an einem Mädchen überhaupt gefällt –, und alle lassen mich allein, außer du, aber alle anderen: Herr Reuter, Frau Westphal, Christoph, das Karma...“

„Und Christus.“

„Ja... Aber das weiß ich nicht. Nein... Er ist trotzdem da. Er tut nur nichts...“

„Na toll – das hilft dir also nichts.“

„Doch, dass er da ist, hilft mir.“

„Ach ja? Wenn du sogar sterben willst?“

...