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Sex Offender

Holger Niederhausen: Sex Offender. Roman. Niederhausen Verlag, 2020. Paperback, 344 Seiten, 13,90 Euro. ISBN 978-3-7531-3710-0.

► Wichtiger Hinweis: Wer meinen würde, ich schriebe nur 'Mädchen-Bücher', der irrte essenziell - diese Mädchen sind Botinnen des immer verschütteteren Wesens der menschlichen Seele überhaupt.

Erschienen am 21. Dezember 2020.              > Bestellen: epubli | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen < [noch keine]

Inhalt


Der 37-jährige Steve Miller ist durch ein unmenschliches Strafrecht als Sexualtäter vorbestraft und gebrandmarkt und begegnet seitdem nur Vorurteilen. Da verliebt er sich in ein 15-jähriges Mädchen, das die vollkommene Unschuld zu verkörpern scheint. Aber die Welt kann diese Liebe nicht zulassen. Brutal bricht sie in die Beziehung der beiden Liebenden ein, um sie zu vernichten. Doch das Mädchen beginnt, sich zu wehren...

Siehe auch...


Vom Himmelsgeheimnis der Liebe. Der Zusammenhang der Heiligen Nächte mit einem Sexualstrafrecht-Roman.

Über dieses Buch


Das amerikanische Sexualstrafrecht ist das härteste und unmenschlichste der westlichen Welt. Nicht nur Mädchen sind sexuell entmündigt (das sogenannte ,Schutzalter’ liegt bei siebzehn oder gar achtzehn Jahren) – auch die ein Mädchen liebenden Männer werden zu langen Haftstrafen verurteilt und danach als ,Sexualstraftäter’ öffentlich einsehbar in einem nationalen Register geführt und die Nachbarschaft über ihre Anwesenheit informiert, so dass sie teilweise lebenslang moderne Parias sind.

In diesem Roman hat der 37-jährige Steve Miller dieses Schicksal, nachdem er mit neunzehn mit einem drei Jahre jüngeren Mädchen geschlafen hatte und dafür zu fünf Jahren Haft verurteilt worden war. Seitdem lebenslang ein Einzelgänger, begegnet er in einer New Yorker Straße, die ihn jeden Morgen mit ihrem besonderen Licht verzaubert, auf den Stufen eines Blumenladens einem Mädchen, in das er sich hilflos verliebt. Die fünfzehnjährige Faye erwidert seine Liebe auf zarte Weise. Doch als beide intim miteinander werden, bricht das Unheil über ihre Liebesbeziehung herein: Steve Miller wird erneut, diesmal als Wiederholungstäter, zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Er glaubt sein Leben zu Ende, zumal er im Gefängnis von Mithäftlingen brutal schikaniert wird, doch das Mädchen will das Urteil nicht zulassen und beginnt, sich auf ihre Art zu wehren. Damit nimmt der Roman eine unvorhergesehene Wende, denn es gelingt Faye, einen Anwalt ausfindig zu machen, der den Fall neu aufrollen lassen will. Ihr unbeirrbares Festhalten an der Liebesbeziehung weckt schließlich die Aufmerksamkeit eines ganzen Landes...

In großer Dichte konfrontiert der Roman den Leser immer wieder mit sämtlichen Gegenargumenten bezüglich einer Beziehung zwischen Mann und Mädchen – und mit allem, was dafür spricht. Ein Roman, der mit seiner geballten Kraft einen völlig neuen Blick auf die Frage des Sexualstrafrechts und des ,age of consent’ wirft – letztlich sogar völlig unabhängig von der Situation in den USA. Niemand, der den Roman lesend miterlebt haben wird, wird dieselben Positionen haben wie zuvor...

Leseprobe 1


Er hatte sein Frühstück hinter sich und machte sich auf den Weg. Wozu eigentlich? Weil man eben lebte? Weil in jedem Menschen sein Lebenstrieb steckte, der ihn noch im Gefängnis, im KZ, in der schlimmsten Leere immer wieder jeden Morgen aufstehen ließ? Oder für ein paar Sonnenstrahlen in der 42. Straße? Oder für ein Mädchen auf den Stufen, das einen doch auch nur verletzen konnte?

Er wusste es selbst nicht. Sicher für all dies zusammen – so traurig und trostlos das auch war. Ja, trostlos, fürwahr.

In der 42. sah er wieder die Strahlen, die sonst niemand sah, zu sehen schien. Sie schienen sich heute geradezu trotzig in die 42. hineingestohlen zu haben, als würden sie sagen: Wir sind so schön, wie du uns siehst. Und das Leben ist so sinnlos, wie du es erkannt hast. Und wir scheinen trotzdem – allein schon, um den Gegensatz hervorzuheben, selbst wenn ihn niemand sieht außer dir.

Er ließ es mit sich geschehen, nahm auch das hin – und sah wieder von weitem das Mädchen. Und hier, an diesem Punkt, ging es über seine Kräfte. Dies konnte er nicht hinnehmen. Hier saß ein Schmerz, ein echter Schmerz. Auf den Stufen saß er...

Er ging ohne Gruß vorüber. Das heißt, er wollte es, obwohl er bereits gesehen hatte, dass das Mädchen ihn gesehen hatte und etwas sagen wollte. Gerade als er vorübergehen wollte, kurz bevor er direkt neben ihr war, sagte sie, nein, brach es sanft aus ihr heraus:

„Ich habe es gestern nicht so gemeint. Bitte verzeihen Sie...“

Seine Füße gingen noch ein, zwei Schritte weiter, dann konnten sie nicht mehr – wegen ihrer Worte.

Er wandte sich zu ihr um.

„Ist schon gut.“

Das Mädchen sah ihn zweifelnd an.

„Ich habe Sie glaube ich sehr verletzt...“

Woher nahmen diese jungen Mädchen nur ihre Menschenkenntnis – und vor allem ihre himmelschreiende Aufrichtigkeit?

„Es ist kein Problem.“

„Ich würde mich gern entschuldigen...“

„Danke.“

„Wie kann ich das tun?“

„Was meinst du?“

„Wie kann ich mich entschuldigen?“

„Das hast du doch gerade getan!“

„Nein, ich meine richtig.“

Die Mutter kam heraus, mit einer Palette. Er grüßte – und auch sie grüßte geschäftig, packte dann die Palette auf eine Auslage und fragte schließlich verwundert ihre Tochter:

„Kennt ihr euch?“

„Nein, nur vom Sehen. Er geht hier immer morgens lang...“

„Ach so...“

Die Mutter musterte ihn mit einem Blick, der ihm einen Moment zu lang schien, dann ging sie wieder in den Laden, weil sie noch mehr zu tun hatte.

„Also dann...“, sagte er und wandte sich zum Gehen.

„Nein, warten Sie“, sagte das Mädchen und sprang auf.

Zum ersten Mal sah er sie stehend. Sie war nicht groß, aber auch nicht klein. Sie hatte schöne braune Haare, eine sehr weibliche, mädchenhafte Figur und wunderschöne Augen – Augen, die bei jedem öffentlichen Keuschheitsgelöbnis alle andere Mädchen in den Schatten gestellt hätten.

„Ich meine es ernst“, sagte sie nun. „Ich möchte mich bei Ihnen irgendwie entschuldigen...“

„Das hast du bereits getan“, wiederholte er.

„Ja, aber es ist nicht so wie vorher.“

„Wie vorher?“

„Ja – bevor ich das gesagt habe.“

„Wieso, wie war es denn vorher?“

„Schön“, sagte das Mädchen und schien etwas zu erröten. „Ich meine – Sie haben gegrüßt und waren nicht böse, und ich hab nichts Blödes gesagt und –“

„Ist schon gut“, stoppte er sie. „Ist doch alles in Ordnung jetzt.“

Noch einmal musterte ihn das Mädchen. Dann schien es über seinen eigenen Schatten zu springen.

Kann ich mich mit irgendwas entschuldigen?“, fragte sie unbeirrt, sogar unter der Gefahr, von ihm verletzt zu werden. „Ich meine – würden Sie es irgendwie zulassen...?“

...

Leseprobe 2


Zu Hause schaltete er zu den Nachrichten den Fernseher an. Die unvermeidlichen internationalen Schlagzeilen. Die Sportergebnisse. Dann Weiteres vom Inland.

,Wenige Stunden nach dem Tod der siebenjährigen Sarah hat Senator Pratt weitere Rückendeckung für seine Pläne bekommen, Sexualstraftäter härter zu bestrafen. Rund dreißig weitere Senatoren haben ihre Unterstützung zugesichert. Der Gesetzesentwurf sieht insbesondere eine weitere Erhöhung der Mindeststrafen –’

Er schaltete den Fernseher wieder aus. Welche Heuchelei! An welcher Schraube konnte man denn noch drehen? Es gab ja keine andere mehr! Man konnte nur noch die Mindeststrafen erhöhen – bis sie sich irgendwann mit den Höchststrafen deckten, weil dann selbst unschuldige Liebespaare beziehungsweise der ein, zwei Jahre zu alte Mann zehn, zwanzig Jahre Haft bekam. Die Heuchelei bestand darin, dass davon nichts in den Nachrichten kam. Dort kam nur einer dieser furchtbaren Sexualmorde – und dieser war Anlass, alle Strafen immer weiter hochzuschrauben – für Delikte, die man dem Volk gar nicht weiter erklärte. So, wie man den Menschen auch nicht unbedingt auf die Nase band, dass man die Todesstrafe immer freizügiger verhängte. Aber so ein Sexualmord musste als Legitimation für die Machenschaften der Senatoren herhalten – und die aufgeschreckte öffentliche Meinung segnete ab, was sie überhaupt nicht verstand: die letztlich faschistische Schreckensherrschaft der religiösen Rechten mit einem immer totalitäreren Strafrecht.

Sie trugen es auf dem Rücken dieser kleinen, ermordeten Mädchen aus. Noch im Tod wurden diese Mädchen benutzt. Es war so ekelhaft. Und dieser ,Gutmensch’ von Senator Pratt ließ sich als ,harte Hand’ und ,moraische Instanz’ des Landes feiern, während er Tausende opferte, die nur mit ihren Freundinnen geschlafen hatten – oder einer schönen Frau an die Brust gefasst hatten, dafür aber nicht Wochen oder Monate, sondern Jahre Haft bekamen. Und dann die absurden Strafen für ,Kinderpornografie’, also das erotische Bild einer wunderschönen Siebzehnjährigen. Zehn Jahre Haft für einmal Anschauen. Oft wurden vor Gericht die Bilder einfach addiert. Besaß man zwanzig Bilder, konnte man zu zweihundert Jahren Haft verurteilt werden.

Senator Pratt war jemand, der nichts anderes als faschistisches Gedankengut pflegte. Er meinte, mit harten Strafen das Verbrechen ausrotten zu können – falls er das überhaupt glaubte. In Wirklichkeit brachte er nur das halbe Land ins Gefängnis. Und es würde ihn nicht wundern, wenn so jemand sich blutjunge Mädchen für sein Privatvergnügen kaufte. Hässlich genug war seine Seele bereits. Sonntags die eigenen Töchter zu Keuschheitsgelöbnissen drängen – und abends heimlich Mädchen im gleichen Alter ,hart rannehmen’. Es ekelte ihn so an. Und selbst wenn Senator Pratt dies nicht tat, unterstützte er doch eine solche Doppelmoral. Denn er warf mit faschistoiden Strafen um sich, tat aber nichts gegen die Allgegenwart des Sexismus, mit der unzählige ,normale’ Männer ihre Frauen vergewaltigten oder ,hart rannahmen’, was dieselbe animalische Stufe war, und er tat auch nichts gegen die animalische Sprache.

Härte, Instrumentalisierung unschuldig ermordeter Kinder, Doppelmoral, Scheinheiligkeit, Altes Testament, Puritanismus, faschistisches ,Durchgreifen’ – wohin steuerte diese Welt?

Er dachte an das kleine Mädchen. Sieben Jahre war sie alt gewesen. Nur sieben Jahre alt geworden. Er stellte sich ihre schreckliche Hilflosigkeit vor, ihre Angst, ihre Machtlosigkeit – und wie sie sterben musste, weil eine perverse Seele es so wollte. Und das Mitleid mit diesem einen Mädchen, das Nichtverstehen einer solchen Tat, brannte in seiner Seele.

Erst nach mehreren Minuten verließ er das Mädchen wieder – und wechselte auf die Seite von Senator Pratt. Und hier spürte er nichts mehr von Mitleid. Senator Pratt litt nicht mit dem Mädchen – er kannte das nicht. Er benutzte das Mädchen. Man spürte es, man sah es, man hörte es. Es bedeutete ihm nichts, das Mädchen, es war nur ein Hebel – nichts weiter.

Senator Pratt kannte nur die Macht, das Reiten auf den Empfindungen der öffentlichen Meinung. Es war fast eine Art schwarze Magie. Ein finsterer Instinkt für den richtigen Moment, um den faschistischen Staat weiter in die Wirklichkeit hineinzuschrauben – stehend auf der Leiche eines kleinen Mädchens, das die Möglichkeit dazu gab.

...