Und erlöse uns von dem Coolen

Holger Niederhausen: Und erlöse uns von dem Coolen. Books on Demand, 2018. Paperback, 132 Seiten, 9,90 Euro. ISBN 978-3-7528-0517-8.


Erschienen am 13. Juni 2018.              > Bestellen: Books on Demand | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen < [noch keine]

Inhalt


Das ,Coole’ ist heute ein subtiler Zwang. Das Gegenwort ,uncool’ besagt eigentlich alles. Aber mit diesem Zwang, der sich so positiv tarnt, geht etwas Unendliches verloren. Auch wenn die Seele es zunächst nicht merkt – es geht um Unterwerfung. Aber wer soll unterworfen werden? Und wer ist die unterwerfende Macht?

Dieses Buch taucht ein in einen grandiosen, völlig unerkannten Kampf. Es ist der wahre Kampf unserer Zeit.

Über dieses Buch


Dieses Buch dringt tiefer zu dem wahren Wesen des ,Coolen’ vor, als es hundert Sachbücher jemals könnten – es führt im Miterleben in absolute Wirklichkeiten hinein. In einer grandiosen Radikalität macht es Schritt für Schritt unaufhaltsam klar, was es mit diesem Impuls auf sich hat und wie mit ihm sogar etwas ganz und gar Positives in ein schlimmes Gegenteil geführt wird. Geschrieben für alle Altersstufen, wendet es sich doch vor allem an die jungen Menschen selbst – und tut dies in den letzten beiden Kapiteln ganz direkt, hier dann sogar getrennt Jungen und Mädchen ansprechend.

In ungeheurer Konsequenz entzieht es dem Phänomen der Coolheit seinen verbergenden Schleier – und hält so letztlich der Welt überhaupt ihre entscheidenden Verlogenheiten oder Blindheiten vor, wobei die Dimension der Frage viel größer ist, als man anfänglich auch nur ahnt. Jedoch will das Buch an keiner Stelle belehren, sondern immer nur wecken. Um ein Erwecken des reinen Teiles der Seele und der Sehnsucht nach diesem geht es diesem Buch – und dass es einen solchen gibt, wird immer und immer klarer. Erweckt wird aber vor allem auch die wachsende Erkenntnis und ein zunehmendes Erleben jener Macht, die das Gift der Coolness und all dessen, was damit zusammenhängt, in die Seele träufelt. Was in so zusammenfassenden Worten absurd und weltfremd klingen könnte, erweist sich beim Lesen als eigentliche Realität.

Mögen sich an diesem Buch die Geister scheiden, weil das in ihm beschriebene Gift vielfach längst zu tief gedrungen ist – es ist ein Meilenstein in seiner Erkenntnis...

Leseprobe 1


Wer setzt eigentlich die ,Standards’? Standards sind Richtlinien, nach denen sich alle richten – deswegen gerade heißen sie Richtlinien: Menschen sollen sich danach richten – und sie tun es. Zum Beispiel in der Mode. Etwas ist auf einmal ,Mode’ und ,modern’ – und alle richten sich danach, wollen es haben, auch haben...

Das ist ein ganz wesentlicher Punkt: dieses ,auch’. ,Ich will das auch haben...’

Warum ist das so? Warum gibt es so etwas wie Massenphänomene? Unglaubliche Wogen von Massenbewegungen, wo jeder Einzelne etwas haben will, was auch alle anderen haben wollen? Den neuesten Harry-Potter-Roman? Das neueste iPhone? ,Die Tribute von Panem’ gucken, den neuesten Dies, das neueste Das... Woher kommt das?

Es ist eine Sogwirkung. Man kann sich dem Sog eines solchen Massen-Hypes kaum entziehen. Denn was würde es bedeuten, wenn man es täte? Alle anderen würden den Film trotzdem gucken, den Roman trotzdem lesen, das neueste iPhone trotzdem kaufen und besitzen. Alle anderen hätten es – und nur man selbst nicht. Man selbst wäre ausgestoßen. Man wäre buchstäblich ,out’, außen vor, würde nicht dazugehören, wäre ein Dummchen, ein armer Kerl, bemitleidenswert, weil er dieses Eine, dem der ganze Hype gilt, nicht kennt, nicht hat, nichts davon weiß... Man würde sich vorkommen wie ein Aussätziger, ein Obdachloser, ausgespien und zurückgelassen von der Masse, die ohne einen weiterzieht, die ohne einen ein schönes Leben hat...

Das heißt, man muss mitmachen. So fühlt es sich jedenfalls an. Wenn nicht, hat man mit Spott zu rechnen und mit diesem starken Gefühl der Entbehrung, der sinnlosen Entbehrung, während alle anderen das haben, was man nicht hat, das kennen, was man nicht kennt.

Das ist sozialer Druck – so wirkt er. Man könnte auch sagen Kollektivzwang. Was die ganze Gruppe hat, muss auch der Einzelne haben. Die Tatsache, dass man es als Einzelner nicht hat, ist schon schlimm genug. Wenn nun auch noch die Gruppe anfängt, weiteren Druck auf einen auszuüben, zum Beispiel, weil sie einen belächelt oder verspottet, weil man es eben nicht hat, dann wird es unerträglich. Es wird sozusagen zum Mobbing...

Aber wie gesagt, dies ist gar nicht nötig – man fühlt sich ja schon so, ohne alles weitere, ausgestoßen. Man kann nicht mitreden. Die anderen reden aber darüber. Man gehört also nicht dazu. Ob die anderen einen dies darüber hinaus noch spüren lassen oder nicht. Man fühlt sich so – und kann nichts tun. Und in einem regt sich die unendliche Sehnsucht, dasselbe auch zu haben und zu kennen – und man ruht nicht eher, als bis man es auch hat und kennt und wieder dazugehört.

Wer setzt die Standards? Diese Frage ist für den Einzelnen zunächst unwesentlich. Tatsache ist, dass sie gesetzt werden – und dass man nur noch zusehen kann, wie sie erfüllt werden, wie sie ihre Wirkung ausüben, ihre Sogwirkung... Alle werden von den Standards angesaugt, weil es immer schon vorher bereits viele sind. Ein Hype entsteht. Aber man bemerkt ihn erst, wenn er schon entstanden ist. Es ist eine Woge, bei der alle mitmachen, und würden nicht alle mitmachen, wäre es gar keine Woge. Aber wie kommt es, dass alle mitmachen?

Meistens ist es die Neugier. Es reichen einige Wenige, die aber zu denjenigen gehören, die Standards setzen. Die heimlichen Anführer der Klasse zum Beispiel. Die, die man auch sonst immer cool findet. Wenn sie sich für etwas interessieren und von etwas erzählen und etwas haben – dann interessiert man sich auch dafür. Und wenn drei, vier Freunde von etwas erzählen, dann ist die Sache gelaufen, dann will man es definitiv auch kennen – und so macht es die Runde. Es breitet sich gleichsam in Wellenbewegungen aus. Ein Stein, der in einen See geworfen wurde, kann gar nicht anders, als nach und nach den ganzen See in einer sich ausbreitenden Welle in Bewegung zu setzen.

Dieses Bild von der Welle, die durch einen einzelnen Stein in Bewegung gesetzt wurde, trifft es wirklich sehr gut. Jeder wird dann in Bewegung gesetzt, wenn die ihm nahen Menschen ebenfalls in Bewegung gesetzt wurden. Vielleicht interessiert mich der heimliche Anführer der Klasse gar nicht, aber spätestens wenn mein Freund oder meine Freundin das Buch, den Film, die Sache ebenfalls ,cool’ findet, bin auch ich angespitzt und fange an, mich von der Sogwirkung erfassen zu lassen, mich ihr nicht mehr entziehen zu können.

Und wenn die vom Stein erzeugte Welle am Ende nur ganz schwach ist, bedeutet das, dass selbst die Letzten, die sich für das Buch, den Film gar nicht mehr wirklich interessieren, zumindest noch mitkriegen, dass es ihn gibt und wovon er ungefähr handelt – selbst sie können sich dem Ganzen nicht völlig entziehen, es schwappt sogar bis zu ihnen noch...

Aber nun ist jeder, der sich für diese eine Sache so interessiert, dass er der Meinung ist, dass man sie gelesen, gesehen haben muss, dass man sie kennen muss, ein neuer Stein, ein neuer Wellenauslöser. Auch er bringt seine Umgebung dazu, das Gleiche zu denken, zu fühlen, zu wollen: Man muss das kennen... Ich muss es kennen, du musst es kennen, jeder muss es kennen. Sogwirkung, Massenwirkung, unentrinnbar...

...

Leseprobe 2


Warum ist dies, speziell für Jungen, so anziehend? Warum läuft man den Spezialeffekten und Kämpfen, den Superhelden und krassen Actionfilmen derart hinterher? Wer setzt hier die Standards? Warum ist das so ,angesagt’? Welche Gehirnwäsche findet hier statt? Oder ist es gar keine?

Hier kommen wir dem Begriff des ,Coolen’ wieder näher. Denn in all diesen Filmen gibt es gleich eine zweifache ,Coolheit’ – zum einen die ganzen Spezialeffekte, das, was passiert und was die Helden und Superhelden können, was sie ,drauf haben’. Und zum anderen, dass sie dann noch eben wirklich cool sind.

Mit anderen Worten: Man begeistert sich an der Unterhaltung, wenn die Autos fliegen, die Scheiben splittern, die Geschosse pfeifen und so weiter und so fort. Und man möchte dies alles auch können – sich schießend durch ein Gemetzel bewegen, mitten im Salto das Ziel treffen können, auf Flugzeugen herumturnen (außen!) und so weiter, quasi unverwundbar sein. Und man möchte so cool sein. Wenn Andere sich schon bei einem kleinen Fehler in einem Referat fast in die Hose machen, möchte man selbst mit coolster Mine und völlig ohne Herzklopfen mal eben die Welt retten. Das wär’ was...!

Das beschreibt ziemlich genau das Wesen von Coolness, zumindest im Actionbereich, aber auch ganz generell. Coolness bedeutet, nicht mit der Wimper zu zucken, wenn Andere sich in die Hosen machen ... oder zumindest Gefühlsregungen zeigen. Wo Andere einen trockenen Mund und ein etwas flaues Gefühl im Bauch bekommen, sagen können: ,Hä? Das mach ich doch ständig...’

Es ist sehr verständlich, dass einen dies anzieht. Denn wer vor etwas Angst hat, fühlt sich unzulänglich. Jeder hat auch schon einmal Erfahrungen gemacht, in denen er sich auf die eine oder andere Weise gedemütigt fühlte oder aber sogar ganz objektiv gedemütigt wurde. Situationen, in denen man sich schwach, wehrlos, hilflos fühlte. Solche Erfahrungen reichen, um in der Seele einen ganz starken Wunsch nach Stärke aufkommen zu lassen, vielleicht sogar nach Macht, vielleicht sogar Allmacht...

Die Seele schwört sich gleichsam: ,Das passiert mir nicht noch einmal.’ Oder: ,Das darf mir nicht noch mal passieren.’ Und sie bewundert diese Filmhelden, denen das natürlich nie passiert, weil sie es sind, die alle Gegner niedermachen, ohne mit der Wimper zu zucken. ,Ciao, Baby. Hättest du dich nur nicht mit mir angelegt...’ Der coole Held geht immer als Sieger vom Platz. Immer.

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Es ist sehr verständlich, dass insbesondere Jungen dies anzieht. Denn es sind ja fast immer männliche Helden – und das, was sie ausdrücken, gilt geradezu als Inbegriff des Männlichen. Der Held ist nur dann ein Held, wenn er ‚männlich’ ist – im Sinne von durch und durch cool.

,Männlich’ ist man dann, wenn einen nichts umhaut. Früher waren die Indianer das Ideal, die sogar noch am Marterpfahl keinerlei Schmerz zeigten, weil dies zu ihrem Stolz gehörte. Das ist sprichwörtlich geworden: ,Ein Indianer kennt keinen Schmerz.’ Damit versuchten Eltern manchmal, ihren kleinen Jungen das Weinen zu verkürzen, wenn sie hingefallen waren und sich wehgetan hatten. Schon da, schon so früh, beginnt also die Erziehung zur ,Schmerzlosigkeit’ und zur Coolness. Keine Regung zeigen. ,Du bist doch ein Junge!’ Sagt das nicht schon alles...?

Heute aber reicht nicht einmal der edle Stolz des Indianers. Heute muss der Superheld seine Gegner sogar noch mit einem spöttisch-coolen Spruch in die ewigen Jagdgründe schicken. Berühmt ist das ,Yippie-Ya-Yeah, Schweinebacke!’ von Bruce Willis in ,Stirb langsam’ – das seitdem ungezählte Nachahmung gefunden hat. Der Indianer hat seinen Feind noch gehasst, hat ihn mit Genugtuung skalpiert und in wilder Kriegslust den Skalp in die Höhe gehalten. Der heutige Held verspottet den Gegner nach getaner Arbeit mit einem müden Lächeln...

Nicht der Indianer ist der Inbegriff des Coolen, sondern jener Held, der selbst dann nicht mit der Wimper zucken würde, wenn ihm der Erdboden unter den Füßen schwinden würde. Vielleicht würde er hundert Meter in die Tiefe stürzen, sich dann an einer zufällig irgendwo hängenden Wurzel festhalten können und in lässigster Ironie die Worte fallen lassen: ,Da habe ich ja gerade noch mal Glück gehabt.’

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