Vom Blick des Mädchens

Holger Niederhausen: Vom Blick des Mädchens. Books on Demand, 2018. Paperback, 84 Seiten, 7,90 Euro. ISBN 978-3-7481-0260-1.


Erschienen am 30. November 2018.              > Bestellen: Books on Demand | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen < [noch keine]

Inhalt


Ist es möglich, sich eine grenzenlose Unschuld vorzustellen? Und nicht nur dies ... sondern ihr auch wirklich zu begegnen? Einer absoluten Aufrichtigkeit? Einem zutiefst reinen Herzen? Und was wäre, wenn wir ihm begegneten? Könnte unser eigenes Herz diese Unschuld überhaupt fassen? Sich von ihr berühren lassen? Was würde geschehen, wenn wir von ihm getroffen würden? Von dem Blick des Mädchens...

Über dieses Buch


Die Welt lebt inmitten von Katastrophen – aber der größten Katastrophe ist sie sich kaum oder gar nicht bewusst: einem unbeschreiblichen Verlust von Seele. Und dies betrifft jeden einzelnen Menschen – ausnahmslos. Das, was die Seele verloren hat, kann sie nicht mehr empfinden – aber sie verliert gerade die Empfindungsfähigkeit selbst. Und wieviel sie auch zu haben meint – sie kann nicht mehr empfinden, wieviel sie verloren hat oder vielleicht sogar nie hatte.

Mit dem, was die Seele gegenwärtig noch besitzt, ist die Welt nicht mehr zu retten – dafür sind die Herausforderungen längst zu groß geworden. Die Seele muss einer schlimmen Wahrheit ins Auge blicken: ihrem Selbstbezug. Es gibt aber ein Wesen, das an der Welt tiefsten Anteil nimmt – und es wird von allen übrigen Seelen zutiefst alleingelassen. Vollkommen allein – und dies, obwohl es, wann immer man ihm begegnen würde, das Herz bis ins Innerste rühren würde.

In diesem Büchlein wird der Leser zu einer immer tieferen Begegnung mit diesem Wesen geführt. Auf einem gleichsam heiligen Weg lernt die Seele das Wesen der Unschuld immer realer kennen. Und was sie selbst verloren hat, kann leise wieder beginnen, sich ihr zu schenken, wenn sie sich auf dieses andere Wesen einzulassen vermag. Wenn sie bereit ist, das Berührende dieses anderen Wesens wirklich zu empfinden, ihm nicht auszuweichen. Wenn sie bereit ist, das Wesen des Mädchens zu ertragen – und seinen Blick...

Leseprobe 1


Wir sehen unsere eigene Sehnsucht nicht – und wir verleugnen sie auch. Es gehört zu der modernen Erziehung der Seelen, sich zu verleugnen. Denn die Seele selbst wird in unserer Zeit ebenfalls verleugnet. ,Psyche’ darf sie sich noch nennen, um die ,Psyche’ kümmert man sich. Sie darf auch krank sein, dann war man nicht ,stark genug’, den Anforderungen des Lebens nicht ganz ,gewachsen’. Das darf sein, es gibt Menschen, die sich dann um einen kümmern, die Gesellschaft ist ja nicht herzlos, sie ist im Gegenteil gut organisiert und darauf vorbereitet. Aber dass unsere Gesellschaft selbst krank sein könnte – sehr, sehr krank –, wer wagt das offen auszusprechen?

Die tiefste Krankheit ist es, die je denkbar war. Es ist die Krankheit, von der etwa die Bücher von Michael Ende handeln: ,Momo’ und ,Die unendliche Geschichte’. Es ist die Krankheit vom Verleugnen der Seele – und vom Verleugnen des Zartesten, was die Seele überhaupt hat: der Sehnsucht...

Eine Zeit, die die Sehnsucht zu leugnen beginnt, hat in demselben Moment begonnen, den Todeskeim in sich aufzunehmen – und dieser Keim wird sich von da an unaufhaltsam ausbreiten, weil ja dasjenige zu leugnen begonnen wurde, was das Leben selbst ist. Die Sehnsucht ist es, die das Leben der Seele ist. In ihr liegt das heilige Geheimnis verborgen. Das Geheimnis dessen, was noch alles werden kann. Was die Seele noch werden kann. Der Mensch noch werden kann. Das menschliche Miteinander noch werden kann. Was die Welt noch werden kann. Ein heiliger Ort. Ein Ort, wie ihn jetzt zunächst nur die Sehnsucht kennt – aber sie kennt ihn...

Es gehört zu der modernen Marter der Seele, zu ihrer Konditionierung in einer furchtbaren ,Gehirnwäsche’, dann, wenn sie von solchen Worten berührt zu werden ,droht’, sogleich dasjenige zu denken, was sie dann denken soll, weil die moderne Kultur es ihr beigebracht hat. Sie soll denken: fruchtloser Idealismus, sinnlose Phantasterei und Träumerei, die nicht geeignet ist, das Leben zu bestehen und den Anforderungen gewachsen zu sein. Sie ist nur geeignet, lebensuntauglich zu werden, entweder ein Träumer oder krank von den Verhältnissen. Und beide sind gleich lebensuntauglich – der Träumer und der Kranke, der Idealist und der Depressive.

Wie aber, wenn nicht diese Seelen krank wären, sondern unsere Welt? Wenn wir endlich erkennen würden, wie krank unsere Welt wirklich ist? Von Anfang bis Ende, unrettbar krank, nur noch von Grund auf zu erneuern? Und wie, wenn dieses ,von Grund auf’ bedeuten würde, zunächst einmal: von innen. Von ganz innen. Von der Seele her...

Was, wenn wir den Mut hätten, uns dies einzugestehen?

Und unsere Seele würde es sich in dem Moment eingestehen, in dem sie in der Lage wäre, in diesem einen einzigen Moment zu verweilen, der sie retten würde. Und dieser Moment würde aus dieser Welt bestehen, wie wir sie kennen, mit all ihren Einzelheiten, die wir kaum überschauen, obwohl wir sie alle kennen, wirklich alle, jede Einzelheit dieses modernen Lebens, einer Welt, die scheinbar gut funktioniert, die aber an allen Ecken und Enden wie ein furchtbares Geschwür auseinanderzubrechen droht, dieser Welt also ... und dann dem einen, reinen, unschuldigen Blick eines Mädchens, das mit entsetzten, mit unendlich erschütterten Augen auf diese selbe Welt blickt und dessen ganzes Herz in allertiefstem Leid ruft: Was tut ihr!?

...

Leseprobe 2


Nur dieser eine Augenblick würde die Seele retten. Ein einziger Augenblick würde reichen – aber es muss dieser Augenblick sein. Und er müsste erlebt werden. Mit dem Blick des Mädchens... Ein Blick, in dem auch sein ganzes Herz lebt, das Herz des Mädchens...

Aber wir haben weder den Blick des Mädchens, noch haben wir sein Herz. Wir können allenfalls für einen Moment fühlen, was das Mädchen fühlen mag, und auch dies nur im Ansatz – und dann fallen wir wieder in unsere eigene Seele zurück, die bereits so herz-los geworden ist, so gleichgültig, so gewöhnt an alles, so abgestumpft...

Wir wissen – wenn wir noch einen Rest an Empfindung haben –, was das Mädchen fühlt – reines Entsetzen, reine Erschütterung, ein tiefstes Nicht-fassen-Können –, wir verstehen es bis ins Letzte, wir verstehen das Mädchen, wir verstehen auch, warum es das fühlt – aber wir können es nicht mehr, wir können dies nicht mehr fühlen. Sogar dann nicht, wenn wir ganz und gar verstehen, warum wir dies fühlen sollten. Warum es richtig wäre, dies zu fühlen, so zu fühlen – so zu fühlen wie das Mädchen...

Wir verstehen das Mädchen ganz und gar. Wir sind von seinem reinen, zutiefst aufrichtigen Empfinden berührt, vielleicht sogar tief berührt – aber wir sind nicht das Mädchen. Wir sind kein Mädchen. Wir sind abgestumpfte Seelen. Die sich sogar noch dahinter verstecken, dass sie sich als ,vernünftig’, ,erwachsen’ und ,lebenstauglich’ bezeichnen, während sie all dies im gleichen Moment dann doch dem Mädchen absprechen müssen. Und zugleich berührt es uns und wissen wir, dass nicht wir, sondern das Mädchen das Allermenschlichste wahrmacht – mit seinem Entsetzen, mit seiner Fassungslosigkeit, mit seiner tiefen Erschütterung, der dann seine Tränen folgen werden, weil es nicht glauben kann, was es sieht...

Der Blick des Mädchens...

Wenn man in diesem einen, nur diesem einen Moment verweilen könnte...

Wenn man dies könnte, würde dieser eine Moment langsam, sanft, unendlich zart ... auf einen übergehen. Man würde sich leise, allmählich, mit ihm durchdringen. Er würde einen durchdringen. Dieser Moment selbst wäre es, der die Seele leise, sanft, allmählich verwandeln würde. Der Blick des Mädchens... Nicht, weil wir ihn haben. Sondern weil wir ihn in uns leben lassen. So lange, bis unsere Seele leise beginnt, auch mit diesem Blick zu blicken... So lange, bis dieser Blick sanft in uns übergeht, weil wir es nicht mehr anders wollen. Weil wir uns von ihm berühren lassen wollen – bis es unser Eigenes zu werden beginnen kann.

Die Seele berührt immer nur das, was mit ihrer tiefsten Sehnsucht zu tun hat. Dass der Blick des Mädchens unsere Seele bis ins Innerste berührt, zeigt, wie sehr sein Blick dem Innersten unserer Sehnsucht entspricht...

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