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Wintermädchen

Holger Niederhausen: Wintermädchen. Roman. Books on Demand, 2018. Paperback, 204 Seiten, 9,90 Euro. ISBN 978-3-7481-6648-1.


Erschienen am 13. November 2018.              > Bestellen: Books on Demand | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen < [noch keine]

Inhalt


Ein Großvater und eine Enkelin und eine innige Beziehung zwischen beiden. Doch dann wird diese Beziehung auf die Probe gestellt, als er für die älter werdende Lilian immer mehr empfindet...

Ein berührender Roman, der der tabuisierten Liebe eines alten Mannes zu seiner eigenen Enkelin ihre ganze Würde wiedergibt. Und ein Roman über die unerschütterliche Zuneigung eines Mädchens zu seinem Großvater.

Über dieses Buch


Die Schriftstellerin George Sand (1804-1876) bekannte einmal, dass manch eine Liebe ihr Leben zur Qual gemacht und sie in eine Verzweiflung gestürzt habe, die dem Wahnsinn nahe war. Und sie gestand, dass sie stets das Gefühl hatte, dass „eine Schicksalsfügung, eine instinktive Suche nach dem Ideal am Werke war, die mich dazu trieb, das Unvollkommene zu verlassen um dessentwillen, das der Vollkommenheit näher kam.“

Die Hauptperson dieses Romans ist ein alt gewordener Mann, der ein normales, gutes, glückliches Leben führt, in dem es die kleine Familie seiner Tochter gibt – zwei kleine Enkel, ein Mädchen und etwas später ihren kleineren Bruder. Das Schicksal will es, dass sich das Mädchen und der Großvater von Anfang an besser verstehen. Er versucht sein Bestes, aber er kann diese Tatsache nicht ändern.

Je mehr das Mädchen aber heranwächst, desto mehr offenbart es ein ganz außergewöhnliches, berührendes Wesen. Großvater und Enkelin führen tiefe, ja existenzielle Gespräche miteinander, sie bedeuten einander viel. Und das Mädchen wird außerdem immer schöner. Dieses Letztere überfällt ihn gleichsam völlig unerwartet, schließlich aber mit einer solchen Stärke, dass er sich dem nicht entziehen kann. Aber dies ist nur die eine Seite. Auf der anderen hilft er seiner Enkelin in tiefer Weise, sich selbst zu finden, ihren eigenen Weg zu gehen – und sie fühlt sich von niemandem sonst so verstanden...

Die ganze Situation muss schließlich in eine Tragik münden, als seine Empfindungen für das Mädchen von dessen Eltern bemerkt werden. Die Beziehung bricht völlig – aber das Wunder geschieht: das Mädchen bricht sie als Einzige nicht ab. Und dennoch wird das, was er für sie empfindet, für ihn selbst immer schmerzhafter...

Dieser Roman macht die tiefe Tragik einer Liebe erlebbar, die trotz allem voller Aufrichtigkeit ist – und die in eine Beziehung einschlägt, die bereits vorher von tiefer Zuneigung geprägt war. Der Leser erlebt eine außergewöhnliche Beziehung zwischen einem alten Mann und einem Mädchen, die nun aber vor eine Zerreißprobe gestellt wird... Doch trotz allem gibt die Wahrhaftigkeit der beiden Hauptpersonen der ganzen Frage ihre Unschuld zurück. Immer tiefer erlebbar wird, dass es nur einen einzigen Menschen gibt, der über sie  urteilen kann: das Mädchen...

Leseprobe 1


Er mochte das kleine Mädchen von Anfang an. Lilian war etwas Besonderes. Das begann schon mit dem Namen. Er hatte sich über die Wahl ihrer Eltern zuerst gewundert, fand sie anfangs befremdlich, später gewöhnte er sich daran – und noch später lernte er den Namen lieben. Lilian – mit langem I, nicht englisch ausgesprochen, zumindest nicht vorne. Sehr viele sprachen ihn falsch aus, entweder so oder so, aber die Eltern sprachen ihn vorne lang und hinten mehr oder weniger englisch – und das war also seit der Geburt ihr Name. Lilie – aber mit englischer Endung.

In den ersten Jahren war Lilian ein Wirbelwind. Immer lachend, immer laufend, so schien es. Kurz nach ihrer Einschulung mit sechs Jahren hatte er ihr einen kleinen Drachen geschenkt. Er hatte ihr gezeigt, wie er in die Luft gebracht werden konnte – und danach hatte sie es verstanden. Sie waren alle zusammen zu einem kleinen Berg in der Nähe gefahren, dort wehte es genug, und dann war die kleine Lilian mit dem Drachen herumgelaufen, dass man es nicht glauben konnte. Vom Nachmittag bis zum Abend, drei Stunden lang. Dann war sie so müde, dass sie in den Armen ihres Papas einschlief, während sie die fünf Minuten zum Auto zurückliefen. Aber bis dahin hatte sie keine Pause gemacht. Ihre Mutter hatte immer wieder besorgt gefragt, aber die Kleine hatte lachend abgelehnt. Nur einmal war sie kurz zum Trinken gekommen.

Später half er ihr bei den Schulaufgaben. Mathematik war nicht ihre Stärke. Also übte er mit ihr das Einmaleins, half ihr, das Bruchrechnen zu verstehen, brachte ihr die Geometrie bei – und fragte sich manchmal, was die Lehrer in der Schule machten. Aber in den anderen Fächern war Lilian immer eine der Besten. Sie malte neben ihre Hausaufgaben zwei Jahre lang kleine Blumen, manchmal den ganzen Rand voll, und die Lehrer ließen es zu.

In diesen ersten Jahren lernten alle Kinder in der Grundschule Blockflöte. Jedes Jahr sah er sie dann einmal bei einem kleinen Klassenkonzert – und dann auch zu Weihnachten in ihrer Familie, und manchmal spielte sie auch ihm etwas vor. Und obwohl sie so ein Windfang war, war sie beim Flötenspiel auf einmal immer ganz andächtig. Ihm fiel das von Anfang an auf. Sie schien aus der ganzen Klasse herauszustechen – mit einigen wenigen anderen Kindern. Später, als sich alle an das Flötenspiel gewöhnt hatten, fiel es nicht mehr so auf, aber wenn man genauer hinsah, sah man es noch immer.

Dass sie so bewegungsfreudig war, kam ihm sehr zugute. So konnte er mit ihr lange Wanderungen durch Wald und Feld, durch Feld und Flur, über Stock und Stein machen. Dies war sein Element. Er hatte immer Förster werden wollen – doch das Leben hatte ihm einen anderen Beruf aufgezwungen. Das alles war nun schon lange her – und jetzt war er frei, zu tun und zu lassen, was er wollte.

Ursprünglich hatte er gehofft, dass sie auch seine Angelleidenschaft teilen würde. Aber als er sie das erste Mal zu seinem Lieblingssee mitgenommen hatte und sie das erste Mal gesehen hatte, wie er einen Fisch fing und tötete – eigentlich nur mit einem Schlag betäubte, um ihn dann auszunehmen –, war sie so entsetzt, dass man so etwas tat, dass er mit ihr nie wieder angeln ging und ihr zuliebe das Angeln ganz aufgab. Noch Monate später kam sie immer wieder darauf zurück und befragte ihn sorgfältig, ob er wirklich nie wieder einen Fisch getötet habe.

Als sie vier Jahre alt war, hatte sie ein kleines Brüderchen bekommen. Der kleine Martin lag ihm nicht weniger am Herzen. Vielleicht träumte er davon, mit ihm eines Tages möglicherweise angeln gehen zu können, wenn es für Lilian längst kein Problem mehr wäre. Zunächst jedoch war der Junge überhaupt viel zu klein für fast alles – nur nicht für das Herumtollen, wenn er bei ihnen zuhause war.

Es hatte sich so gefügt, dass sie in ihrer Kleinstadt nur zwei Straßen weit auseinander wohnten. Er hatte seiner Tochter die Eigentumswohnung überlassen, nachdem sie hier als Fremdsprachensekretärin für ein örtliches Softwareunternehmen eine Arbeit gefunden hatte, für das sie im internationalen Vertrieb tätig war. Manchmal musste sie auch reisen – aber zum Glück sehr selten. Ihren Mann hatte sie beim Tanzen kennengelernt. Er mochte seinen Schwiegersohn eigentlich recht gern, auch wenn er mit ihm nicht zum Angeln gegangen wäre – dafür war er ihm zu ,spießig’.

Sein eigener Sohn hielt ihn dagegen wahrscheinlich für zu spießig. Nachprüfen konnte er es nicht mehr. Er war vor vielen Jahren nach Südamerika ausgewandert und hatte nie mehr von sich hören lassen. Über verschiedene Wege hatte er immer wieder gehört, dass er noch am Leben war, aber selbst diese Wege hatten sich seit einigen Jahren verlaufen.

An sonstigen gesellschaftlichen Bezügen hatte er vor allem noch seine wöchentliche Skatrunde am Sonntagabend. Das war seine zweite Leidenschaft – oder die einzige, die ihm noch blieb, als das Angeln aufgegeben war. Die Wanderungen in der Natur waren keine Leidenschaft, diese liebte er. Sie waren ganz außer Konkurrenz.

So konzentrierte sich sein Leben auf seine kleine übriggebliebene Familie, die Natur und seine Skatfreunde. Seine Frau war schon vor Jahren gestorben – mit fünfundfünfzig war sie bei einem Autounfall ohne eigene Schuld ums Leben gekommen. Er hatte um sie getrauert – und sich auch schuldig gefühlt, weil er sich in den letzten Jahren nicht mehr wirklich um sie gekümmert hatte. Als die Kinder groß waren, hatten sie sich bereits auseinandergelebt. Trotzdem war sie ihm treu gewesen. Er hätte es verstanden, wenn sie einen anderen Mann gesucht und gefunden hätte – aber das hatte sie nicht. Das ließ ihn noch jahrelang Schuld empfinden. Nun aber war auch dies im Grunde nur noch Erinnerung.

Lilian war fünf Jahre nach ihrem Tod geboren worden. Seltsam, dass er dann für ein so kleines Kind eine seiner beiden einzigen Leidenschaften aufgegeben hatte, während er dies für seine Frau nie getan hatte oder hätte. Sie hasste das Angeln, fand es langweilig, kam nie mit. Lilian hatte es nicht gehasst – sie hatte aber Mitleid mit dem Fisch gehabt...

...

Leseprobe 2


Die Wochen nach dem Jahreswechsel gaben ihm einen Vorgeschmack auf das, was ihn noch erwarten würde. Er kam nach wie vor oft zu ihnen und versuchte sein Bestes – aber es war nicht gut genug. Es war nicht gut genug, um das Leben weiterzuführen – und auch nicht gut genug für sie, seine Tochter und ihren Mann.

Eines Tages kamen die Dinge zur Sprache. Er fand zu seinem Enkel Martin keinen rechten Zugang. Er versuchte, ihn zu Spielen zu überreden, zu Wanderungen, sogar Lilian versuchte es noch immer, aber es war meist vergeblich. Und er musste sich eingestehen, dass er es nicht ernsthaft genug versuchte – es wäre unwahrhaftig gewesen, sich dies nicht einzugestehen. Er empfand für den Jungen auch nicht dasselbe wie für Lilian.

Und er, der Junge, hatte sich vom Lesen darauf verlagert, sich ein Handy zu wünschen. Ständig lag er seinen Eltern im Ohr, dass alle in seiner Klasse schon ein Handy hätten, sogar schon ein Tablet und anderer Dinge mehr. Schließlich waren sie so verzweifelt, dass sie ihm vorwarfen, er würde sich nicht genug um den Jungen kümmern, was mit Sicherheit auch eine Wahrheit war.

Als er eines Nachmittags Lilians Federmäppchen vorbeibrachte, das sie bei ihm vergessen hatte und am nächsten Tag sicherlich brauchen würde, traf er seine Tochter zufällig gerade allein zu Hause an.

Da brach es aus ihr heraus:

„Warum kümmerst du dich nicht auch mal um Martin? Er liegt mir ständig im Ohr, dass er ein Handy haben möchte. Das ist alles nur, weil er zu wenig unternimmt. Weil du zu wenig mit ihm unternimmst. Du bist ständig nur mit Lilian zusammen!“

„Susanne, das ist nicht meine Schuld. Ich frage ihn oft genug, ob er mitkommen möchte, ob er etwas spielen möchte. Sogar Lilian fragt ihn. Du weißt es – du bekommst es oft genug mit. Sag du ihm, dass er mitkommen soll! Ich habe keine Lust mehr.“

„Du hast keine Lust mehr? Du hattest noch nie Lust! Ja – du hast ihn gefragt. Aber Fragen ist nicht gleich Fragen. In Wirklichkeit ging es bei dir immer nur um Lilian! Lilian hier, Lilian da. Weißt du, dass auch ein Junge seinen Opa braucht?“

Er fühlte seinen Ärger aufsteigen.

„Jetzt bist du ungerecht, Susanne! Du weißt ganz genau, dass ich nicht einfach nur gefragt habe. Und du weißt auch ganz genau, dass Lilian nicht einfach nur gefragt hat. Lilian hat ihn sogar angebettelt – so muss man es wirklich sagen –, dass er etwas mit uns macht. Aber er wollte nicht. Dass muss man akzeptieren.“

„Dann hättest du dir etwas anderes einfallen lassen können. Wenn er eure Spaziergänge nicht mitmachen will – gibt es denn nichts anderes? Fällt dir nur das ein? Norbert fragt sich das auch.“

„Es ist nicht meine Aufgabe, ihn davon abzuhalten, sich ein Handy zu wünschen. Verbietet es ihm und fertig!“

„Aber eine Rundumbetreuung für Lilian – das ist deine Aufgabe, ja?“

„Das geht dich nichts an, Susanne. Ich habe Lilian nie gebeten, mich zu mögen. Sie hat es von sich aus getan. Und es waren ihre Fragen, die ich beantworten konnte. Sie war es, die mir ihr Vertrauen schenkte. Sie war es, die zu mir kam, weil sie es wollte – und bis heute. Zieh sie da nicht rein! Sie ist völlig unschuldig an allem – und überhaupt. Sie ist die Unschuldigste von allen!“

„Das habe ich auch nie abgestritten. Ich mache dir Vorwürfe!“

„Dann hör auch damit auf! Man kann niemanden zwingen, den Anderen zu mögen. Man kann auch niemanden zwingen, keine Handys zu mögen. Ich würde es gern – es ihm abgewöhnen, meine ich. Aber es ist nicht meine Aufgabe. Es ist auch nicht meine Aufgabe, euch zu entlasten, bloß weil ihr beide berufstätig seid. Ich habe es gern gemacht – und ja, ich gebe zu, dass ich zu Lilian immer eine bessere Beziehung hatte. Aber das lag an uns beiden. Ich habe Martin nie abgewehrt oder so etwas!“

„Aber du warst immer zu streng zu ihm! Er sollte dies, er sollte das, er sollte nicht zu faul sein, er sollte so sein wie Lilian – das war es doch!? Es ist kein Wunder, dass er dich nicht so mag wie sie.“

„Jetzt bist du wieder ungerecht! Ich hätte auch nichts sagen können. Dann hätte er es erst recht nicht gelernt. Aber denkst du etwa, ein Junge, der nicht auch mal anpacken möchte, hätte sich später ein Handy gewünscht? Er hätte es früher getan! Und ich sage es noch einmal: Du kannst niemanden zwingen, jemanden zu mögen. Mich nicht und Martin auch nicht. Es ist seine Sache. Und auch ein Großvater muss nicht alle gleich mögen. Sag ihm, er soll mitkommen, wenn wir etwas unternehmen – und ich bin für ihn genauso Großvater wie für Lilian. Mehr kann ich auch nicht tun!“

Seine Tochter atmete einmal tief ein und schluckte ihren Ärger herunter – sagte jedenfalls nichts weiter. Unbefriedigt gingen sie wieder auseinander...

Das war das Eine. Das Andere war, dass seine Tochter trotz allem Recht hatte mit seiner Vorliebe für Lilian. Und er hatte ihr verschwiegen, wie stark diese Vorliebe war. Er verschwieg es vor allen – sogar vor Lilian und fast sogar vor sich selbst.

...