Die Marssöhne

aus: Irene Johanson: Jeder Mensch birgt sein Geheimnis. Ogham, 1991.


Zwei römische Christen waren nach Irland gekommen, um dort die Menschen zum Christentum zu bekehren. Als sie einmal mit ihren Pferden durch einen Wald ritten, begegneten sie dort einem irischen Mädchen. Sie hielten an und fragten das Mädchen nach dem Weg zum Kloster. Aber sie konnte ihre Sprache nicht verstehen. Da stiegen sie ab und versuchten sich in Irisch verständlich zu machen. 

„Wo kommt ihr denn her?“ fragte sie.
„Wir kommen von Rom im Süden Europas. Wir sind Christen und wollen euch hier im Norden von unserem Gott erzählen. Mein Bruder heißt Martin, und ich heiße Markus. Unsere Eltern haben uns nach dem Kriegsgott Mars genannt. Wir streiten nicht um äuße­ren Besitz und Ruhm. Wir kämpfen für unseren Gott, für Christus.“
„Bei uns braucht ihr nicht für ihn zu kämpfen. Wir kennen ihn schon seit den Tagen der Urmutter Brigida. Er ist der Herr der Elemente und lebt zwischen uns Menschen und zwischen den Wesen der Natur.“
„Mädchen, du bist schön und klug“, sagte Martin, „aber von Christus weißt du nichts. Der Herr der Elemente, den ihr verehrt, das ist ein heidnischer Gott. Ihr zieht ihm nur einen christlichen Mantel an.“
„Ich will mich nicht streiten“, sagte das Mädchen. „Aber Mars ist auch kein christlicher Gott. Und ihr scheint mir Marssöhne zu sein, Martin und Markus.“
„Du gefällst uns, Mädchen“, sagte Markus. „Laß dich taufen und komme mit uns. Du kannst uns in diesem uns fremden Land die Wege zeigen. Du sollst es gut haben. Wir tun alles für dich.“
„Christus ist ein Gott des Friedens“, sagte das Mädchen. „Sein Schwert ist keine äußere Waffe. Er wollte, daß jeder Mensch sich selbst bezwingt und mit den anderen Menschen geistige Kämpfe austrägt. Er gibt das Schwert des Wortes. An euren Gürteln seh‘ ich Schwerter, die Blut vergießen. Ich gehe nicht mit euch.“
„Das Blutvergießen wirst du nicht verhindern können. Leb wohl, du Schöne.“ 

So sprachen Martin und Markus und ritten davon. Das Mädchen ahnte Schlimmes. Ihre Ahnung erfüllte sich. Es kamen christliche Missionare aus dem römischen Reich und bekämpften die keltischen Christen mit Waffengewalt.

Eines Abends kamen Martin und Markus zu einer merkwürdigen Hütte. Die sah aus wie ein großer Bienenkorb, war aber aus Steinen gebaut. Sie schauten hinein. Da lud sie ein alter Mann ein, näher zu kommen. Sie bückten sich, um durch die niedrige Pforte einzutre­ten. Sie ließen sich nieder, aßen mit dem Mann in der Zelle ein einfaches Mahl und erzählten ihm davon, warum sie nach Irland gekommen seien.
Der alte Ire sagte freund­lich: „Christus braucht Menschen, die sich für ihn einsetzen. Er bemerkt euren mutigen Willen, und eines Tages werdet ihr auch seinen Willen bemerken.“
Die beiden Brüder stutzten. So anerkennend hatte noch nie ein irischer Christ zu ihnen gesprochen. Bisher waren sie immer gleich in Streit oder mindestens in Wortgefechte mit ihnen geraten.
„Glaubst du nicht wie deine Landsleute, daß wir die falschen und ihr die rechten Christen seid?“ fragten sie den Alten.
„Wer will das wissen?“ erwiderte der Alte. „Wenn Christus in eine Seele einziehen will, fragt er bestimmt nicht vorher, ob sie dem römischen oder keltischen Christentum angehört. Wenn Christus zwischen den Worten der Menschen lebt, die ein Gespräch miteinander führen, ist er einfach da, ob es die Menschen merken oder nicht. Sie merken nur, daß ihr Herz brennt oder daß ihnen das Wasser in die Augen tritt oder daß die Luft reiner ist oder daß sie sich auf sicherem Boden fühlen. Der Herr der Elemente lebt auch zwischen Tränenwasser und Herzensfeuer.“ 

Martin und Markus lauschten auf seine Worte.
„Der weiß, wovon er spricht“, sagte Markus zu Martin, „wissen wir eigentlich auch, wofür wir kämpfen? Hast du Christus schon einmal erlebt?“
Martin schüttelte den Kopf und sagte leise: „Ich glaube an ihn, so wie es die Kirche lehrt.“
„Wer ist die Kirche?“ fragte Markus weiter.
Martin schwieg. Mit seinen Ohren hörte er die Worte, die gesprochen wurden, aber mit seiner Seele verstand er gar nichts. Er war ohne Gedanken und Worte, ganz leer in seinem Inneren. Da sah er auf einmal die Menschen vor sich, die er gewaltsam zu seiner Religion hatte bekehren wollen. Wie war er mit ihnen umgegangen!
„Das hast du mir getan“, hörte er es sagen. Sie zogen im Geiste an ihm vorüber. Der Mönch, dem er das falsche Gebetsbuch verbrannte. Der Knecht, der sich aus Angst vor ihm taufen ließ, die Frau, die er dafür bezahlte, daß sie ihrem heidnischen Glauben abschwor und all die vielen anderen. Aus jedem sprach es: „Das hast du mir getan.“
Er starrte lange vor sich hin. Dann hob er den Kopf und sagte: „Markus, ich habe Christus erlebt, wie es so still war. Es muß alles anders werden.“
Markus schaute seinen Bruder an. Was war mit ihm? Er schaute den alten Mann ratlos an. Er wußte nicht, was hier vorging. Alle schienen ratlos zu sein. 

Da sprach der Alte:
„Es kommt eine Zeit, da wird jeder den Christus so erleben, wie dieser selbst sich von ihm erleben läßt, dem einen wird er der Schmerzensmann sein, dem anderen der Herr der Elemente, dem einen der Tröster, dem anderen der Bruder, dem einen das Wesen der Gnade oder das Wesen des Vertrauens, dem anderen der wahre Mensch. In unendlich vielfacher Weise läßt er sich von den Menschen erleben, aber immer als der, der uns etwas zu sagen hat, zu uns spricht und der uns Menschen liebt, so, wie wir sind. Seine Kirche werden die sein, die ihn erleben. Bis dahin wird es noch Lehrer geben und Streit um die rechte Lehre, den rechten Glauben, Ihr, Markus und Martin, kamt aus dem Süden, wo Christus als Mensch gelebt hat und in das Menschensein eingezogen ist. Wir Menschen hier im Norden haben erlebt, wie er in die Erde und ihre Elemente eingegangen ist. Sein Blut floß in die Erde. Sein Blut verwandelt auch den Menschen. Es verwandelt euren kriegerischen Sinn in Selbstbeherrschung.“

Da erkannten die beiden Marssöhne Markus und Martin, wie wahr die Worte des alten Iren waren. Den Frieden, den sie jetzt in dieser kleinen Steinzelle erlebten, den wollten sie von nun an in der Welt verbreiten. Friedenskräfte inmitten einer kriegerischen Welt.