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Das Kellermännchen

von Manfred Kyber, aus: Das Manfred Kyber Buch. Rowohlt, 1979. Siehe auch www.manfredkyber.de.


Zwischen zwölf und ein Uhr nachts wird alles lebendig, von dem die dummen Menschen glauben, daß es überhaupt nicht lebendig werden kann. Aber alle die vielen Dinge, die sonst immer so steif und still daliegen, als könnten sie kaum „guten Tag- sagen, die werden dann lebendig. - Und sie kümmern sich sehr wenig darum, ob die dummen Menschen daran glauben oder nicht. 

Und so wurde es auch in dem kleinen alten Städtchen leben­dig, als die Uhr vom Kirchturm Unserer Lieben Frau mit zwölf dumpfen schweren Schlägen Mitternacht verkündete. Die Pflastersteine unterhielten sich mit den Grashalmen, die zwischen ihnen wuchsen, und fragten sie, wie lange sie noch zu bleiben gedächten. Und die Giebel und Erker der Häuser in den engen, winkligen Gassen nickten einander zu, und die Laternen beschwerten sich über den Wind, und daß sie er­kältet wären, weil er so rücksichtslos mit ihnen umgesprun­gen sei.

Auch im alten Weinkeller des kleinen alten Städtchens wurde es lebendig. Die vielen, vielen Fässer, die dort nebeneinander standen, große und kleine, die gähnten und reckten und streckten sich, und wenn mal eins das andere dabei anstieß, dann sagte es: „Oh, bitte entschuldigen Sie tausendmal! Denn die Fässer sind sehr höflich und wissen sich zu beneh­men. Dann stellten sie sich alle aufrecht hin auf ihre dicken einen Beinchen - die Fässer haben nämlich kleine Bein­chen, wenn die dummen Menschen das auch nicht wissen - und sie verneigten sich alle voreinander und nickten und grüßten nach allen Seiten. Und wie sie sich so begrüßten und „wie geht es?“ fragten und „haben Sie wohl geruht?“ – da kroch ein kleines komisches Männchen aus einer Mauerspalte und rieb sich verschlafen die Äuglein. Das war das Keller­männchen, und das sah aus, als ob es ganz und gar gedörrt und vertrocknet wäre, und hatte ein fahles, runzliges Gesicht und eine rote Nase dazu, und das kam alles vom vielen Wein­trinken. Denn das Männlein trank schrecklich viel Wein, und man wußte gar nicht, wo all der viele Wein Platz haben konnte, den es so hinunterschluckte, als wäre es gar nichts und als hätte es nur einmal genippt. Und war das Männlein greu­lich anzusehen, so war sein Gewand ganz wunderschön und seltsam. Einen gar fümehmen Dreispitz trug es auf dem Kopfe und hatte Schnallenschuhe an und einen langen Rock mit Spitzen und Goldstickerei, so wie man's vor vielen hundert Jahren trug. An der Seite hing ihm ein Degen in güldener Scheide und mit einem gar kunstvoll geschmiedeten Knauf. Nur arg verstaubt und verblichen war all die wunderliche Pracht, und das ist ja auch nicht anders zu erwarten, wenn jemand nur immer so in einer Mauerspalte lebt.

Wie nun das Männlein gravitätisch und mit gespreizten Schritten, das Händchen auf den Degenknauf gestützt, durch die alten Kellerräume hindurchschritt, da grüßten die Fässer alle und verne­igten sich ehrerbietig. Denn das Kellermännchen ist die höchste Respektsperson in einem Keller und hat aufzupassen, daß alles in Ordnung ist. Und wenn etwas nicht in Ordnung ist, dann schimpft es und trinkt Wein dazu, und wenn alles Ordnung ist, dann sagt es gar nichts und trinkt auch Wein dazu. Denn es ist eben eine Respektsperson. Weil nun das Männlein eine Respektsperson war, so grüßte es auch niemand wieder und tat überhaupt sehr hochmütig und herab­lassend. Nur wenn es an dem alten grauen Kater vorbeikam, der jede Nacht im Keller schlief, da blieb es stehen, schob den gen graziös nach hinten, nahm den fümehmen Dreispitz vom Kopfe und machte eine tiefe, höfische Verbeugung. Das tat es deswegen, weil der Kater ihm einmal bei einer Mei­nungsverschiedenheit eine solche Ohrfeige gegeben hatte, daß es mit all seiner vielhundertjährigen Pracht auf den Boden ge­fallen war. Denn der Kater war, wie alle Kater, ein großer Philosoph und hielt nichts von derartig windigem Keller­spuk, wie er sich ausdrückte. „Alle Hochachtung vor Dero Pfoten“, sagte sich das Männchen seitdem, und darum die­nerte und knickste es so untertänig vor dem alten grauen Herrn. Der Kater aber kümmerte sich wenig um den kleinen komischen Kerl, er schnurrte höchstens etwas gnädig, strich sich den kriegerischen Bart und murmelte was von nächtlicher Ruhestörung und unnützem Gesindel.

Das Kellermännchen aber stelzte weiter auf seinen dürren Beinchen und guckte ganz giftig nach rechts und nach links, ob auch alles in Ordnung wäre und so wie es sich geziemt für einen Keller, der in der guten alten Zeit erbaut worden war, wo man noch auf Sitte hielt und Schnallenschuhe und einen Dreispitz trug und einen güldenen Degen. Es war aber alles in Ordnung. Nur zwei Flaschen, die etwas leichten, jungen Wein im Magen hatten, die wollten sich totlachen über das komische Männchen, aber das sah es gar nicht, und das war ein rechtes Glück, denn es hätte den naseweisen Flaschen ohne Gnade den Kopf abgeschlagen. Und das wäre doch sehr schade gewesen, wenn es auch nur ein ganz leichter Wein war, den sie im Magen hatten. Das Kellermännchen schritt weiter bis ans Ende des Kellers, und dort setzte es sich in einer Ecke nieder, holte einen gewaltigen silbernen Humpen hervor und begann ganz erschrecklich zu trinken. Es gluckste nur ein paar­mal ganz leise, dann war der Humpen leer, und so ging es weiter, und man wußte gar nicht, wo all der viele Wein Platz haben konnte, den das Männlein hinunterschluckte.

Am anderen Ende des Kellers aber begannen die Fässer sich zu unterhalten, und eins fragte das andere, ob es denn gar nichts Neues gäbe. Doch es gab nichts Neues, und die Fässer beklagten sich darüber, denn wenn man den ganzen Tag stilliegt und nachts nur eine Stunde Zeit hat, lebendig zu sein, dann will man sich etwas zu sagen haben und will etwas von der Welt hören, die draußen über den Kellerfenstern liegt.

„Ja, ja“, sagte ein großes dickes Faß, das ganz besonders alt war, „die Welt ist recht langweilig heutzutage, und es passiert gar nichts mehr, was so ein echtes, rechtes Weinfaß auch nur im entferntesten interessieren könnte. Zu meiner Zeit, als ich noch jung war, da gab es doch immer mal einen Krieg oder eine Pestilenz oder sonst etwas Ähnliches, was sich gut er­zählen läßt im Keller um Mitternacht. Ich habe sogar noch den Tatzelwurm erlebt, wie er vor den Mauern der Stadt herumkroch und Feuer spuckte aus Rachen und Nüstern.“

„Ach bitte, erzählen Sie“, sagten ein paar junge Fässer, „das muß ja furchtbar interessant gewesen sein!“

„Ja, es war sehr interessant und gar greulich und schauerlich dazu. Tag und Nacht läuteten die Glocken von der Kirche Unserer Lieben Frau, die Bürger standen auf den Mauern und Zinnen und hielten Wacht mit Zittern und Zagen, denn es ist ein ganz erschrecklich Ding um solch einen Tatzelwurm. Der Herr Tatzelwurm nämlich speisen alles mit Haut und Haaren, und so hat niemand in die Stadt hineingekonnt und niemand heraus, und es war eine böse Hungersnot ausgebro­chen, so daß allen Leuten die Kleider am Leibe hingen, als wären sie gar nicht für sie gemacht. Und da das alles doch gar nicht schön war und auch nicht so weitergehen konnte, so be­schloß der hochwohlweise Rat mit dem alten Bürgermeister an der Spitze, eine große Tat zu tun. Sie stellten sich alle der Reihe nach auf der Stadtmauer auf, und der Herr Bürgermeister sagte: „Wohledler und viellieber Herr Tatzelwurm, wollet Ihr Euch nicht von den Mauern unserer Stadt hinweg­bemühen, dieweil wir nicht gesonnen sind, uns von Euch ver­speisen zu lassen?“ Der Tatzelwurm aber nieste lauter Feuer aus der Nase heraus und sagte: „Nein!“ - Da wurde der Herr Bürgermeister sehr traurig und mit ihm der ganze hohe Rat, und sie kletterten wieder von der Stadtmauer herab und gin­gen auf den Marktplatz und sagten, sie hätten eine große Tat getan, aber es hätte nichts geholfen. Da weinten alle Leute, wenigstens die, die noch nicht verhungert waren, und die Glocken läuteten von der Kirche Unserer Lieben Frau, und der Tatzelwurm kroch um die Mauer herum, so daß auch nicht mal ein Zwieback hereinkommen konnte. Aber wie der hoch­wohlweise Rat all den vielen Jammer sah und dazu den Tat­zelwurm draußen Feuer niesen hörte, da beschloß er noch einmal, eine große Tat zu tun und gar erschrecklich nachzud­enken. Da stiegen alle die edlen Herren in diesen Keller hinab und dachten erschrecklich nach und tranken Wein dazu, aber es ist ihnen nichts eingefallen.“ - Wie das alte Faß so weit erzählt hatte, da sagte es: „Jetzt muß ich mich etwas er­holen.“ Und zog sich ein Spinngewebe übers Gesicht. Da schwiegen alle Fässer ringsherum und warteten in großer Spannung, wie es weitergehen würde.

Zwei kleine Mäuse aber, die auch gehört hatten, daß das alte Faß etwas erzählte, und die sich nur nicht hingetraut hatten, weil der Kater dazwischen lag, die fanden, daß es jetzt doch gar zu interessant würde, wo dem hochwohlweisen Rat nichts einfiele. Und so beschlossen sie, es näher zu hören. Sie faßten sich ein Herz, strichen ihre grauen Röcklein mit den Pfoten recht sauber und glatt, traten vor das Kellermännchen hin und sagten: „Ach, entschuldigen Sie, essen Seine Hochwohlgeboren der Herr Kater Mäuse?“ - Das Männchen sah von seinem Humpen auf, schluckte noch eine furchtbare Menge Wein hin­unter und sagte nachsichtig und herablassend: „Seine Hoch­wohlgeboren sind lange über das Alter hinaus und essen nur noch ganz besonders präparierte und exzellente Sachen, aber keine gemeinen Mäuse mehr. Ihr könnt also ruhig vorbei­gehen, denn euresgleichen sehen Seine Hochwohlgeboren gar nicht.“ Da bedankten sich die Mäuse vielmals und dienerten und knicksten, und dann huschten sie schleunigst und ängst­lich an Seiner Hochwohlgeboren vorbei, denn man konnte nicht wissen, ob es wirklich sicher war, da doch auch alte Her­ren zuweilen ein jugendliches Gelüste bekommen. Der Kater aber hatte nur ein überlegenes Lächeln für sie, und so kamen die Mäuse ungefährdet bei dem großen Fasse an.

Das war aber eingeschlafen und dachte gar nicht daran, weiter­zuerzählen, wie es denn geworden war, nachdem dem hoch­wohlweisen Rat trotz seines erschrecklichen Nachdenkens nichts einfiel. Die nebenstehenden Fässer stießen es leise an und baten, doch weiterzuerzählen, und auch die Mäuse waren ganz entsetzt, daß sie nichts mehr hören sollten, wo sie doch eben deswegen den gefährlichen Weg gewagt hatten an den Pfoten Seiner Hochwohlgeboren vorbei. Und die eine Maus sprang auf das alte Faß und klopfte ihm schonend auf den Ma­gen, während die andere sich gar erdreistete, ihm das Spinn­gewebe vom Gesicht zu ziehen. Das alte dicke Faß aber wachte nicht auf, sondern schlief beharrlich weiter, und das tat es wohl deswegen, weil es ganz besonders alt war, und dagegen läßt sich natürlich nichts machen. Da stützten die kleinen Mäuse den Kopf in die Pfötchen und begannen bitterlich zu weinen, und auch alle die Fässer bedauerten lebhaft und allerse­its, daß die Geschichte nicht weitererzählt wurde, denn es warr doch gar zu interessant gewesen, von dem Tatzelwurm zu hören, der Feuer nieste und „Nein“ gesagt hatte, und von dem hochwohlweisen Rat, der zwei große Taten getan und so viel Wein getrunken hatte und dem doch nichts eingefallen war.

Ein mittelgroßes Faß aber, das sehr vernünftig aussah, weil es in einem Jahr mit einem unvergeßlichen Philosophen geboren war, dessen Namen es vergessen hatte, das stellte sich auf die Beinchen und sagte: „Es ist doch ganz unnütz, sich auf­zuregen und sich zu beunruhigen oder gar so exaltiert in die Pfoten zu schluchzen, wie es die beiden Mäuse tun. Wenn man nur etwas Philosophie im Leibe hat, dann ist die ganze Sache doch furchtbar einfach. Der Herr Tatzelwurm müssen sich schließlich doch hinwegbemüht haben oder haben sein Leben eines seligen oder unseligen Todes ausgeniest, denn sonst stünde unsere Stadt nicht mehr mit ihren Toren und Türmen und die Glocken läuteten nicht mehr von der Kirche Unserer Lieben Frau. Man muß nur Philosophie im Leibe haben, aber die habe eben nur ich.“

Da beruhigten sich die Fässer wieder, und nur eins, das ganz besonders frech war, wandte sich an das philosophische Faß und fragte: „Darum ist wohl Ihr Wein auch so greulich sauer, weil Sie gar so viel Philosophie im Magen liegen haben?“ Da wurde das philosophische Faß aber böse und stampfte mit den Beinchen auf, daß alle Reifen krachten, und schickte sich an, eine gräßliche Rede zu halten. Wie es aber gerade anfing und sagte: „Ich bin in dem Jahre geboren, in dem der unvergeß­liche Philosoph geboren wurde, dessen Namen ich vergessen habe...“, da geschah etwas Entsetzliches. Die Kellerlaterne raste plötzlich in wahnsinniger Verzückung durch die alten Gewölbe an den Fässern und an den Mäusen vorbei und an Seiner Hochwohlgeboren, dem Herrn Kater. In ihrer Brust aber brannte es lichterloh, und es war, als ob das Petroleum ihres Herzens aufgehen wolle in einer einzigen Flamme! Alles schwieg im stillen Grauen, nur das Kellermännchen sprang wütend auf, warf den silbernen Humpen beiseite und stürzte mit entblößtem Degen auf die arme Kellerlaterne zu.

„Sie haben die Zündholzschachtel geküßt in diesem sittsamen Keller, der noch in der guten alten Zeit erbaut worden ist“, schrie es wütend, „Sie müssen sterben.“

Die verliebte Kellerlaterne erlosch vor Schrecken und ver­wünschte ihr empfindliches Herzens-Petroleum, das Männlein aber zückte den Degen, um das gräßliche Vergehen zu ahn­den, das eine simple Laterne mit einer simplen Zündholz­schachtel begangen hatte in einem Keller, in dem der hoch­wohlweise Rat gesessen und ihm nichts eingefallen war. Wie aber das Kellermännchen eben zustoßen wollte und die La­terne angstvoll die kleinen Händchen über dem Petroleum­herzen faltete - da schlug es eins vom Kirchturm Unserer Lieben Frau. Das Männlein ließ den Degen sinken und ver­kroch sich fluchend in seiner Mauerspalte, die Laterne war ge­rettet, die Fässer knickten ihre Beinchen hübsch sorgfältig zu­sammen und legten sich wieder hin, und die Mäuse hüpften vorsichtig an Seiner Hochwohlgeboren vorbei und verschwan­den in ihren Löchern, wo ihnen die graue Frau Mama Speck­schwarten und geräucherten Schinken zurechtgestellt hatte. Der Kater aber, der wie alle Kater ein großer Philosoph war, strich sich den kriegerischen Bart, schnurrte behaglich und legte sich auf die andere Seite.

Auch draußen wurde es ruhig in den engen winkligen Gassen des alten Städtchens, und alles sah so aus, wie die dummen Menschen es immer sehen. Die Pflastersteine sprachen nicht mehr mit den Grashalmen, und die Erker und Giebel nickten einander nicht mehr zu und standen steif und still da, als ob sie nicht einmal „guten Tag“ sagen könnten. Die Mauern und Tore und Türme schliefen wieder und der Marktplatz mit der Kirche Unserer Lieben Frau - sie schliefen alle und träumten von dem, was sie einst gesehen hatten: von den Kriegen und von der Pestilenz, von dem Tatzelwurm, der Feuer nieste, und von dem hochwohlweisen Rat, der zwei große Taten getan und soviel Wein getrunken und so erschrecklich viel nach­gedacht hatte und dem doch nichts eingefallen war.