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Mittsommernacht

von Manfred Kyber, aus: Das Manfred Kyber Buch. Rowohlt, 1979. Siehe auch www.manfredkyber.de.


Die hellblaue Dämmerung der Mittsommernacht hatte sich über Wald und Wiesen gebreitet, und die Fledermäuse waren fleißig umhergeflattert und hatten es überall gemeldet, daß heute zur Sonnenwende die Elfen im Elfenring tanzen wür­den. Und als die Nacht tiefblau geworden war und die Sterne über ihr hingen wie goldene Ampeln, da traten die Elfen in den Elfenring und faßten sich bei den Händen. Sie trugen Schleier von Spinnweb, und in ihren hängenden Haaren saßen Leuchtkäfer und bildeten smaragdene Diademe im Elfenhaar, wie sie kein Goldschmied der Welt hätte schmieden können. Die Leuchtkäfer aber taten das ganz ohne Mühe und aus lau­ter Gefälligkeit. Viele Tiere des Waldes, welche die Fleder­mäuse eingeladen hatten, waren gekommen, um zuzusehen, denn der Tanz der Elfen in der Mittsommernacht ist etwas ganz Besonderes. Die Welt harrt ja auf Erlösung, und zu jeder Sonnenwende fragt sie, ob es die große Sonnenwende ist und ob es Tag wird um Balders Bahre. 

Es waren seltene Gäste unter den Tieren, und ein Einhorn und ein Bär wurden besonders bestaunt, die in grauen Zeiten hier im Walde gelebt hatten und nun im Geisterlande wohn­ten. Aber heute waren sie gekommen, denn in der Mittsom­mernacht verschwistern sich alle Welten, alle Geheimnisse von Gottes Schöpfung reden und werden sichtbar dem, der hören und sehen kann. Die Menschen können das nicht mehr, seit Balder von Loki getötet wurde, und seitdem sind die Menschen böse geworden zu den Tieren und zu den Märchen­wesen. Aber es wird eine Wacht gehalten an Balders Bahre, und einmal wird er erwachen im Morgenlicht zur Sonnen­wende, und darauf wartet die Welt.

Die Fledermäuse hatten sich, erschöpft von den vielen Einla­dungen, an den Ästen der Bäume aufgehängt, mit dem Kopf nach unten, so daß sie bequem zuschauen konnten. Auf der Spitze einer Tanne aber hockte ein Rabenrat von drei Raben, der immer „krah“ sagte, und darum war er sehr beliebt, denn man hielt das stets für eine Zustimmung. Die Rabenräte, die nur „krah“ sagen, sind ja auch anderswo eine sehr geschätzte Einrichtung. Die Pilze waren geradezu zahllos erschienen, denn die Pilze sind neugierig und erscheinen bei allen solchen Festlichkeiten, obwohl es ihnen große Mühe macht, auf ihren kurzen Beinen heranzuwackeln. Sie stören eigentlich sehr, denn alle müssen darauf achten, sie nicht zu treten, weil sie so viele sind und einer kleiner ist als der andere.

„Du frierst doch nicht?“ fragte eine Elfe einen alten Stein, der nahe am Elfenring stand und sich den Moosrock sorgsam en­ger zog.
„Nein, vielen Dank, ich friere nicht“, sagte der alte Stein, „wenn man viele tausend Jahre die Nebel der Erde um sich herum gehabt hat, friert man nicht mehr so leicht. Auch schaf­fen wir uns ja, wenn wir älter werden, die warmen Moos­röcke an. Aber es krabbelt so sonderbar auf meinem Rücken - und auf meinem Kopf, darum zog ich mir den Moosrock und die Moosmütze fester.“
Die Elfe guckte hin. Auf dem Kopf des alten Steines saß ein Igelkind und schnullte an der Pfote. „Es ist bloß ein Igelkind“, sagte die Elfe, „tu die Pfote aus dem Mund, Kleiner.“
„Die Feier im Elfenring beginnt!“ rief die Elfenkönigin und schwang eine blaue Glockenblume als Zepter.
„Krah“, krächzte der Rabenrat beifällig und putzte sich die Federn.
Das Igelkind sah die Elfenkönigin an. Sie gefiel ihm über alle Maßen, und es beschloß, sich bald mit ihr bekannt zu ma­chen.

„Pfui“, sagte die Elfenkönigin, „wer ist denn das?“
„Pfui“, riefen die Elfen, „mit dem wollten wir nicht tanzen.“ „Den haben wir auch gar nicht eingeladen“, meinten die Fledermäuse und raschelten erbost mit den Flughäuten.
„Das ist der Zauberer Zitterzipfel“, sagte ein Eichhörnchen, „ich kenne ihn, denn ich werfe ihm manchmal Tannenzapfen auf den Kopf.“

Auf der grünen Wiese saß der Zauberer Zitterzipfel, ein lan­ges, dürres, gelbes Scheusal mit einem hohen, lächerlichen Hut, und rührte mit dem Kochlöffel in einer Suppenschüssel.
„Zitterzipfel“, fragte die Elfenkönigin, „Zitterzipfel, was ist das für ein alberner Hut, den du auf dem Kopf hast?“
„Das ist der Hokuspokushut meiner Wissenschaft, und er ist bei den Menschen sehr geschätzt“, sagte der zauberer Zitterzipfel.
 „Zitterzipfel“, fragte die Elfenkönigin, „Zitterzipfel, was ist das für eine eklige Suppe, in der du rührst?“
„Das ist meine Giftsuppe, die ich immer rühre, und sie ist bei den Menschen sehr beliebt“, sagte der Zauberer Zitterzipfel.
„Zitterzipfel“, sagte die Elfenkönigin, „wir sind hier nicht bei den Menschen, und wir machen uns gar nichts aus dem Ho­kuspokus deiner Wissenschaft und aus deiner ekligen Suppe.“
„Immer wenn Sonnenwende gefeiert wird, kommt irgend solch ein Zauberer Zitterzipfel, wackelt mit seinem Hokus­pokushut und rührt seine Giftsuppe dazu“, murrten die Tiere, „Zitterzipfel soll machen, daß er fortkommt. Hier geht es an­ständig zu, wir sind hier nicht unter Menschen.“
„Zitterzipfel“, sagte die Elfenkönigin, „du hörst, daß du hier nicht beliebt bist. Wir haben dich auch nicht eingeladen. Mach, daß du fortkommst.“
Aber der Zauberer Zitterzipfel blieb sitzen. Er wackelte mit dem Hokuspokushut seiner Wissenschaft und rührte emsig in seiner Giftsuppe herum. Die Zitterzipfels sind überaus zähe Leute. Es ist ihnen ganz gleich, ob man sie eingeladen hat oder nicht. Sie kommen überall hin und rühren ihre Giftsuppen.
Der Bär brummte, und das Einhorn bewegte sein Horn be­denklich hin und her. 

„Wir wollen uns nicht um Zitterzipfel kümmern“, rief die Elfenkönigin, „mag er seine giftige Suppe rühren, wo er will. Kommt, wir wollen den Elfenring schließen und den Elfen­reigen tanzen! Wer will heute mein König sein für eine blaue Mittsommernacht?“
Alle schwiegen, denn das war eine große Ehre, und es wagte sich niemand zu melden. Bloß dem Igelkind schien nun der richtige Augenblick gekommen, um sich mit der Elfenkönigin bekannt zu machen.
„Ich will dein König sein!“ rief es und sah die Elfenkönigin aus seinen schlauen Äuglein liebevoll an.
Die Elfenkönigin schaute auf das Igelkind und lachte.
„Tu die Pfote aus dem Mund, Kleiner“, sagte sie.

„Dich werde ich gleich in meine Giftsuppe stopfen“, sagte der Zauberer Zitterzipfel und streckte den dürren, langen Arm nach dem Igelkind aus, „solche Versuche sind die vornehmste Beschäftigung der Zitterzipfels, und davon haben sie ihre große Hokuspokuswissenschaft.“
„Untersteh dich!“ riefen die Elfen und stellten sich vor das Igelkind.
„Fort mit dem Zitterzipfel!“ befahl die Elfenkönigin.
In demselben Augenblick stürzten sich der Bär und das Ein­horn auf den Zauberer Zitterzipfel. Das Einhorn stieß ihn mit dem Horn vor den Bauch, daß er umfiel und die Giftsuppe verschüttete, und der Bär ohrfeigte ihn und drückte ihm mit den Tatzen den Hokuspokushut ein. Und als der hohe Hut in sich zusammenfiel, da sah man es deutlich, daß er eigentlich bloß eine künstlich aufgeblasene Zipfelmütze war, und das erlebt man bei allen Hokuspokushüten, wenn man sie bloß richtig anfaßt. Darum soll man das immer eifrig tun, denn wir haben viel zu viele aufgeblasene Zipfelmützen in der Welt. 

Der Zauberer Zitterzipfel zitterte am ganzen Leibe vor Wut. Aber er setzte sich wieder auf die grüne Wiese vor dem Elfen­ring und blieb dort sitzen. Die Zipfelmütze blies er wieder sehr kunstvoll auf und stopfte den Kochlöffel in die Suppen­schüssel. Bloß die Giftsuppe war ausgeronnen, und das tat ihm sehr leid. Er spuckte aber mit Überzeugung in die Schüssel, um das wieder zu ersetzen. Die Zitterzipfels sind überaus zähe Leute. Man kann sie vor den Bauch stoßen, wie oft man will, und man kann ihnen den hohen Hokuspokushut ihrer Wissenschaft eintreiben, sie bleiben sitzen und spucken und rühren weiter in ihrer ekligen Giftsuppe. Sie werden wohl. erst verschwinden, wenn die große Sonnenwende kommt und Balder erwacht.

„Der Bär soll mein König sein!“ rief die Elfenkönigin, „für die Ohrfeigen, die er Zitterzipfel gegeben hat, und weil er ihm seinen albernen Hut vom Kopfe schlug. Der Bär soll mein König sein für diese blaue Mittsommernacht!“
„Krah“, sagte der Rabenrat und schlug begeistert mit den Flügeln, und alle Pilze schrien: „Hoch!“
Der Bär lächelte, daß seine Mundwinkel bis an die Ohren reichten.
„Viel Ehre, viel Ehre“, murmelte er, „darauf habe ich nicht gerechnet, ich war ja eigentlich nur hierhergekommen, um mich ein wenig zu zerstreuen.“
„Komm zu mir, Meister Petz!“ sagte die Elfenkönigin. Da trottete der Bär zur Elfenkönigin und setzte sich neben sie, und sie krönte ihn mit einer kleinen, goldenen Krone zu ihrem König für eine blaue Mittsommernacht. Das Krönlein war so klein, daß es beinahe im Fell des Bären verschwand.
,.Es wird schon halten in deinem dicken Pelz, Meister Petz“, sagte die Elfenkönigin und küßte den Bären mitten auf die Schnauze.
Der Bär beschnupperte sie voller Zärtlichkeit und flüsterte ihr Schmeicheleien ins Ohr, denn die hört auch eine Elfenkönigin gerne, und die versteht auch ein Bär in der Mittsommernacht zu sagen.

Da flammte ein Wetterleuchten auf in der Ferne, in grünen und blauen Flammen.
„Nun schlingt den Elfenreigen im Elfenring!“, rief die Elfen­königin und schwang ihr Glockenblumenzepter.
Die Elfen faßten sich bei den Händen und schlossen den Elfenring. Mit den funkelnden Diademen von Leuchtkäfern im hängenden Haar und im Wetterleuchten der grünen und blauen Flammen tanzten sie beim fernen Donnergrollen und sangen das uralte Elfenlied dazu:

„Sonnenwendesommernacht –
Habt auf seltne Wunder acht.
Silbern west im Mondenschein
Elfenring und Elfenreihn.
Aus vergeßner Modergruft
Blüht's hervor im Rosenduft,
Funkelt hier und leuchtet dort,
Grauer Zeiten goldner Hort.
Edelsteine, hell und klar,
Opferschalen am Altar,
Königskronen aus Kristall,
Blanke Waffen von Walhall.
Und die Sehnsucht bangt und fragt,
Ob's um Balders Bahre tagt.
Sonnenwendesegen spricht
Tief im Grund und hoch im Licht.
Tu uns dein Geheimnis kund,
Hoch im Licht und tief im Grund.
Habt auf seltne Wunder acht -
Sonnenwendesommernacht.“

Da lohte ein blendender Blitz auf, der Donner dröhnte, als ob Himmel und Erde bebten, der Waldgrund im Elfenring wurde klar wie grünes Glas, und aus ihm leuchtete der heilige Hort aus dem Jugendland der Welt hervor, mit schimmernden Schalen von Edelsteinen und den blanken Waffen von Wal­hall.
Die Elfen verstummten, die Tiere neigten sich, und das Ein­horn kniete nieder vor dem leuchtenden Hort.
„Vor abertausend Jahren habe ich diesen Schatz gesehen“, sagte es, „ich sah, wie sie die schimmernden Schalen füllten am; Altar, und ich sah, wie sie diese Königskronen trugen und die blanken Waffen von Walhall. Balder starb, und die heiligen. Horte versanken. Aber nun wird es wieder Licht werden um Balders Bahre.“ 

Der Zauberer Zitterzipfel war verschwunden. Er hatte sich in Dunst aufgelöst und mit ihm der Hokuspokus seiner Wissen­schaft. Die Zitterzipfels sind überaus zähe Leute. Sie kommen überall hin, wo man sie nicht eingeladen hat, und wenn man sie auch vor den Bauch stößt und ihnen den Hokuspokushut vom Kopfe schlägt, daß er zur Zipfelmütze wird - sie bleiben ruhig sitzen und rühren weiter in ihrer Giftsuppe. Aber die schimmernden Opferschalen aus dem Jugendland der Welt und die blanken Waffen von Walhall können sie nicht er­tragen. Dann lösen sie sich in Dunst auf, denn daraus sind sie geboren samt ihrer ganzen Hokuspokuswissenschaft.

Oben auf dem Gipfel des grünen Hügels aber stand Frau Freya. Sie breitete die Arme weit in die Mittsommernacht, und ihr zu Füßen saßen ihre wundervollen Katzen und schau­ten mit smaragdnen Augen auf den leuchtenden Hort aus dem Jugendland der Welt.
Die Elfenkönigin senkte ihr Zepter der blauen Glockenblume.
„Nun ist die große Sonnenwende gekommen“, sagte sie, „wir alle können erlöst werden, und die Menschen werden wieder zurückgerufen in das Jugendland der Welt, zur Geschwister­schaft mit den Tieren und Märchenwesen, zum Garten, - einmal war. Aber wer wird uns helfen, wer wird die Opfer­schalen füllen und die Waffen von Walhall wieder aufneh­men?“
„Es gibt noch Menschen, die Lichtwaffen tragen“, sagte Bär. „Heute bin ich ja nur im Urlaub hierhergekommen, mich ein wenig zu zerstreuen. Aber sonst geleite ich eine Menschenseele, die Lichtwaffen führt, und helfe sie betreuen mit meinen Tatzen. Ich will gehen, um ihr von dieser Mitt­sommernacht zu erzählen und ihr zu sagen, daß sie nicht mehr so allein steht und daß die große Sonnenwende gekom­men ist.­“
Und der Bär küßte die Elfenkönigin und verschwand im Walde. Auch die anderen Tiere wandten sich langsam ab und wanderten hinaus in den Wald, um es überall zu erzählen, daß der heilige Hort aus dem Jugendland der Welt wieder emporgetaucht sei und daß es wieder Licht werde um Balders Bahre. Auch der Rabenrat sagte „krah“ und löste sich auf. Der Morgen graute, die Leuchtkäfer erloschen im Elfenhaar, die Elfen schwebten in den grünen Tannengrund hinaus, und leise verklang ihr Lied in der Ferne:

„Habt auf seltne Wunder acht -
Sonnenwendesommernacht.“

Frau Freya aber stieg vom Hügel herab mit ihren Katzen. Sie stellte sich vor den heiligen Hort und wartete auf die Sonne. Dem Igelkind gefiel Frau Freya über alle Maßen, und es be­schloß, sich bald mit ihr bekannt zu machen.
„Nun kommt, die ihr berufen seid“, rief Frau Freya, „füllt wieder die Opferschalen und tragt die Waffen von Wal­hall!­“
„Das will ich gern besorgen“, sagte das Igelkind und sah Frau Freya aus seinen schlauen Äuglein liebevoll an. Frau Freya neigte sich tief zum Igelkind hinab.
„Tu die Pfote aus dem Mund, Kleiner“, sagte sie. 

Da ging die Sonne auf, und Frau Freyas Katzen schnurrten. Die Sonne durchlichtete den alten, heiligen Hort aus dem Jugendland der Welt mit ihren vergotteten Strahlen, und die Sonnenkräfte füllten die schimmernden Schalen von Edelstein und weihten die blanken Waffen von Walhall. Denn die Zeit der großen Sonnenwende ist gekommen, und es wird wieder Licht werden um Balders Bahre.
Aber erst wird ein Gewitter heraufziehen, um die Welt zu reinigen, mit Blitz und Donner, daß Himmel und Erde be­ben!