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Schlafittchen

von Manfred Kyber, aus: Das Manfred Kyber Buch. Rowohlt, 1979. Siehe auch www.manfredkyber.de.


Bevor ich sage, wer Schlafittchen war, muß ich erst etwas von der Gletscherfrau erzählen. Die Gletscherfrau wohnte hoch oben in den Bergen auf einem Gletscher und war ganz aus Eis. Nur auf dem Kopf hatte sie ein bißchen Schnee, da, wo andre Leute die Haare haben. Das konnte nicht anders sein, denn sonst hätte sie nicht immer oben auf dem Gletscher leben können. Die Gletscherfrau war sehr alt und sehr dick und­ groß, denn jedes Jahr fror sie etwas dazu, und so war sie all mählich sehr umfangreich geworden. Dazu aß sie auch jeden Tag Kräutereis, das sie ganz vorzüglich zu bereiten verstand. Sie konnte das so schön machen, daß sie Köchin bei der Eis­königin geworden war, und das will gewiß viel heißen, denn die Eiskönigin, die tief unten im blauen Gletschereis lebte, hatte eine Krone auf dem Kopf und war eine sehr anspruchs­volle Person. Es ist vielleicht nicht ganz richtig, wenn ich sage, daß die Gletscherfrau Köchin bei der Eiskönigin war, aber wie soll man das anders sagen? Kochen tat sie natürlich nicht richtig, denn heiße Sachen konnten die kalten Leute gar nicht vertragen, sondern nur Kräutereis. Wenn die Gletscher­frau oder die Eiskönigin, zum Beispiel, eine Tasse heißen Tee getrunken hätten, so wäre ihnen der ganze Magen weggeschwommen. Kräutereis aber aßen sie jeden Tag, und sie froren immer fester dadurch und wurden dick und gesund da bei. Die Leute sind eben verschieden. 

Es war dies aber durchaus nicht die einzige Tätigkeit, welch­e die Gletscherfrau hatte, sie war eine sehr rührige alte Dame und war den ganzen Tag über beschäftigt. Sie fegte und putzte den Gletscher, und außerdem guckte sie eifrig nach, ob sich nicht irgendwo in den Gletscherspalten ein Eiskind bildete, so ein kleines Geschöpf, das einmal in vielen Jahren eine Gletscherfrau oder ein Gletschermann werden könnte. Meist wurden diese Eiskinder aber Gletscherfrauen, denn die Arbeiten auf dem Gletscher sind durchaus hausfraulicher Natur. Es war das so, daß sich erst einmal ein paar kleine Arme und Beine bildeten, grade aus dem blauen Eise heraus, und dann ein Kopf mit zwei runden und noch ein bißchen dummen Augen. Das sah sehr spaßhaft aus, und man kann es wohl ­verstehen, daß es der Gletscherfrau viel Freude machte, dabei zuzusehen. Sie war auch sehr kinderlieb. Wenn nun solch ein Eiskind mit den kleinen Armen und Beinen und den runden, ein bißchen dummen Augen einigermaßen fertig war, dann brach es die Gletscherfrau aus dem Eise heraus und stellte es auf die Füße, so daß es laufen konnte. Erst tunkte sie es noch einmal in Gletscherwasser und putzte es tüchtig mit einem Schneetuch ab. Dann war das Eiskind fertig und konnte wach­sen. Mittags fütterte die Gletscherfrau alle die vielen kleinen Eiskinder mit Kräutereis, und sie paßte auch sehr auf, daß keines von ihnen zuviel in die Sonne ging, damit es nicht zu schmelzen anfing, denn das wäre schade um alle die Mühe gewesen.

So hatte die Gletscherfrau schon viele, viele kleine Eiskinder abgebrochen, getunkt, geputzt und gefüttert, so daß der Glet­scher geradezu von ihnen wimmelte. Das jüngste und kleinste der vielen Eiskinder aber hieß Schlafittchen. Selbstverständlich weiß ich auch, wie alle die anderen hießen, aber es hat keinen Sinn, daß ich es sage, und wir haben auch keine Zeit dazu, denn diese Geschichte ist die Geschichte von Schlafittchen, und das kommt daher, weil Schlafittchen etwas ganz Großes erlebte und die anderen Eiskinder nichts erlebten, sondern bloß umherliefen und weiterfroren. Warum, weiß ich nicht, und das ist auch ganz einerlei.

Eines Tages spielten die Eiskinder miteinander und warfen sich mit Schneebällen. Die Schneebälle flogen hin und her, und nachher liefen sie auf dem Gletscher immer weiter und sprangen über die Spalten, es sah sehr lustig aus. Denn es ist nicht so, daß die Schneebälle keine lebendigen Geschöpfe sind, sondern sie bekommen, wenn sie nur auf die Erde geworfen werden, sofort Augen, Mund und Nase und sehr viele kleine Beine, auf denen sie schrecklich schnell weiterlaufen, so daß es aussieht, als wenn sie rollten. Aber das ist nicht wahr, sie laufen auf den kleinen Beinen, und man kann sich denken, wie schnell das geht, denn sie haben die Beine überall, auf allen Seiten, oben und unten, auf der ganzen Schneekugel, und diese Kugel ist für sie der Kopf und der Leib zugleich. Ich muß das einmal sagen, weil darüber viele falsche Vorstellun­gen in Umlauf sind. Die Schneebälle sind meistens sehr frech, was leider wahr ist, und der kleinste war der frechste von allen.

„Tante Kühlkopf“, sagte der kleine Schneeball zur Gletscher­frau, „weißt du was? Ich werde eine Lawine werden und die Welt in Schrecken setzen.“
Es ist nicht wahr, daß die Gletscherfrau Tante Kühlkopf hieß, das sagte der Schneeball bloß, weil er frech war.
„Du hast den Größenwahn, Kleiner“, sagte die Gletscherfrau, „halte den Mund.“
„Tante Eisbein“, sagte der Schneeball, „ich habe neulich über den Gletscherrand geguckt, es ist eine grüne Wiese unten, dort blühen Alpenrosen, und die Sonne scheint darauf.“
Es ist auch nicht wahr, daß die Gletscherfrau Tante Eisbein hieß, das sagte der Schneeball bloß, weil er frech war.
„Sonne, Wiese und Alpenrosen sind schreckliche Vorstellun­gen für unsereinen“, sagte die Gletscherfrau, „halte den Mund“.
Mit diesen Worten ging die Gletscherfrau nach unten in die Tiefe des Gletschers auf einer schönen Eistreppe, um der Eis­königin ihr Kräutereis zum Mittag zu bringen. 

In Schlafittchens Seele aber war etwas Sonderbares vorge­gangen, als es den Schneeball von der Wiese, der Sonne und den Alpenrosen sprechen hörte. Schlafittchens Seele war zwar eine kleine Eisseele, aber sie war um einige Grade wärmer als die der anderen Eiskinder, und das kommt auch auf einem Gletscher vor. So überkam Schlafittchens kleine Seele eine große Sehnsucht nach den Alpenrosen, und es kletterte auf seinen dünnen Beinen über den ganzen Gletscher, und am Ende rutschte es richtig auf die grüne Wiese hinunter mitten unter die blühenden Alpenrosen. Es war sehr schön dort, und, die Alpenrosen steckten die Köpfe zusammen und wunderten sich über das kleine Eiskind, das auf einmal in ihre blühende Welt gekommen war. Es war aber viel zu heiß darin für Schla­fittchen, und ehe sie sich's versahen, war Schlafittchen aufgetaut, und nur eine Pfütze war von ihm übriggeblieben, sonst gar nichts.

Schlafittchen war das selbst sehr sonderbar vorgekommen, doch es ging so schnell, daß es nicht viel davon merkte, und das Sonderbarste war, daß es in der Pfütze weiter lebte, nur kam es sich jetzt den Alpenrosen und der grünen Wiese viel näher und verwandter vor. Es sah, wie die Alpen­rosen die Köpfe nach der Sonne und nach den Wolken empor­streckten, die über sie hinzogen, und Schlafittchen war es, als müsse es auch zu der Sonne und zu den Wolken hinaufgehen können. Und wie es das dachte, schien die Sonne immer stär­ker und stärker, und die Wolken kamen näher und näher, und ehe die Eidechse, die hinzugelaufen war, um sich Schla­fittchen in der Pfütze zu betrachten, Zeit fand, es zu beaugen­scheinigen, war Schlafittchen verdunstet, und eine Wolke hat­te es mit hinaufgenommen. Und in der Wolke zitterte das Sonnenlicht.

„Wo ist Schlafittchen?“ fragte die Gletscherfrau, als sie der Eiskönigin das Kräutereis gebracht hatte und die Treppe wie­der hinaufgestiegen war. Denn sie sah gleich, daß eines ihrer Eiskinder fehlte.
„Schlafittchen ist auf die grüne Wiese zu den Alpenrosen gegangen“, sagte der Schneeball.
„Siehst du“, sagte die Gletscherfrau, „warum hast du davon er­zählt? Das ist eine schreckliche Geschichte. Halte den Mund.“
Die Gletscherfrau machte sich sogleich auf die Eisfüße und begann Schlafittchen zu suchen, obwohl es ihr selbst erbärm­lich warm wurde auf der Alpenwiese. Aber aushalten konnte sie es schon eine Weile, sie war kein Eiskind mehr, sondern eine dicke, vergletscherte Person, und bei solchen Leuten dau­ert es eine ganze Weile, bis die Sonne sie auftauen kann.
„Wo ist Schlafittchen?“ fragte sie die Alpenrosen.
„Schlafittchen ist aufgetaut“, sagten die Alpenrosen und neig­ten die Köpfe, denn es tat ihnen sehr leid. „Schlafittchen ist eine Pfütze geworden.“
„Wo ist die Pfütze?“ fragte die Gletscherfrau, „ich werde sie schon wieder zusammenfrieren.“
„Die Pfütze war hier“, sagte die Eidechse und wies mit der kleinen grünen Hand auf eine leere Stelle, „aber nun ist sie nicht mehr da. Schlafittchen ist verdunstet, und eine Wolke hat Schlafittchen aufgenommen und ist über die Berge ge­zogen ins Sonnenlicht hinein.“ 

Da wurde die Gletscherfrau sehr traurig und ging eilig wieder zurück zu der Eiskönigin.
„Schlafittchen ist verlorengegangen“, rief sie. „Schlafittchen ist aufgetaut.“
„Friere es wieder zusammen“, meinte die Eiskönigin.
„Das kann ich nicht“, sagte die Gletscherfrau, „Schlafittchen ist verdunstet.“
Dabei weinte sie zwei große, heiße Tränen, und das ist sehr seltsam bei einer Gletscherfrau, die doch kalt und aus Eis ist und sich von nichts als von Kräutereis nährt. Die Tränen waren so heiß, daß sie zwei Löcher in die weiße Tischdecke der Eiskönigin brannten, denn diese Tischdecke war aus Schneekristallen gewoben und vertrug keine Tränen. Als die Eiskönigin die Gletscherfrau weinen sah, bekam sie ordentlich einen Knacks in ihrem Eisherzen, und ich glaube, wenn nicht dazwischen die kleinen Seelen aus der Gletscher­weit verschwinden würden, so würden alle die kalten Leute immer vergletschert bleiben. Es ist dies wohl auch ein Geheim­nis der Welt, die wir nicht begreifen.
„Nimm die Tischdecke“, sagte die Eiskönigin, „und friere die beiden Löcher wieder hübsch zusammen. Aber ich will hinauf­steigen und mit den Wolken reden, daß sie Schlafittchen wieder hergeben.“ 

Da stieg die Eiskönigin hinauf in die Sternennacht, und die Sterne spiegelten sich in ihrem Diadem, und der Mond wob blasse Fäden um ihr blaues Königskleid. Die Eiskönigin aber breitete die Arme aus und rief die Wolken, daß sie alle kamen und sich über dem Gletscher zusammenballten. Es blitzte und donnerte in ihnen, es warf mit Hagel und Schnee und redete mit tausend Stimmen in der einsamen Bergeswelt.
„Wer von euch hat Schlafittchen in seinem Schoß?“ fragte die Eiskönigin, „Schlafittchen ist aufgetaut, und Schlafittchen ist verdunstet, und die Gletscherfrau weint Tränen um Schla­fittchen. Schlafittchen ist zu früh von hier fortgegangen, wir wollen es wiederhaben.“
„Wir geben sonst keiner Königin eine Seele wieder, nur weil sie es will“, sagten die Wolken, „aber weil die Gletscherfrau Tränen um Schlafittchen geweint hat, wollen wir ihr Schla­fittchen wiedergeben.“
Da warfen die Wolken kristallenen Hagel auf den Gletscher hinab, und aus den Hagelkristallen bildete sich eine Gestalt mit kleinen Armen und Beinen und runden Augen, und das war Schlafittchen. Die Gletscherfrau nahm es eilig in die Arme und fror es zusammen, sie tunkte es in Gletscherwasser und putzte es noch tüchtig ab. Und sie war sehr froh, Schlafittchen wiederzuhaben. 

Die Eiskönigin aber stieg die Treppen hinab, und der Schnee­ball folgte ihr und sagte: „Ich werde keine Lawine werden, sondern ich werde dich heiraten.“
„Halte den Mund“, sagte die Gletscherfrau. Die Eiskönigin lachte und nahm den Schneeball in die Hand. „Ich werde ihn als Reichsapfel benutzen“, sagte sie, „mein alter ist schon ein wenig verbraucht.“
„Nein, ich will heiraten“, sagte der Schneeball. Er wurde aber weder geheiratet noch konnte er als Reichsapfel benutzt wer­den, er war viel zu unruhig und rutschte auf seinen vielen Beinen so sehr in der Hand der Eiskönigin auf und ab, daß es sie kitzelte und sie den Schneeball wieder hinauswarf. Die Kö­nige und die Königinnen können es nämlich nicht vertragen, wenn ihre Reichsäpfel unruhig werden und ins Rutschen kommen. Das ist ihnen eine zu kitzlige Sache. Der Schneeball hätte besser sitzenbleiben sollen, es war sehr dumm von ihm, und er hätte ganz zufrieden sein können, denn beim Heiraten hätte er noch viel ruhiger dasitzen müssen. 

„Die Eiskönigin ist dumm“, sagte der Schneeball, „ich werde jetzt doch eine Lawine werden und auf die Wiese wandern, wo die Alpenrosen sind.“
„Dann wirst du auftauen und verdunsten wie Schlafittchen“, warnte die Gletscherfrau, „bleibe lieber da und halte den Mund.­“
„Dann wirst du gehen, wohin ich gegangen bin“, sagte Schla­fittchen, „ich habe so vieles erfahren an einem Tage. Es ist alles sehr wunderbar und gar nicht schlimm. Man war so, und man wird anders, aber man lebt immer, im Eis und in der Pfütze und in der Wolke, im Sonnenlicht und im Blitz und Donner. Es ist der Kreislauf des Lebens, und wir alle wandern ihn.“
„Das ist alles Unsinn“, sagte die Gletscherfrau, „iß Kräuter­eis und sieh, daß du wieder zu Kräften kommst. Friere tüch­tig zu und halte den Mund.“ 

Auf dem Gletscher und auch anderswo müssen alle die klei­nen Seelen, die etwas von den anderen Welten wissen, immer den Mund halten, und das ist nicht gut. Gut aber ist es, daß es solche kleinen Seelen gibt wie Schlafittchen, denn sonst würden die kalten Leute auf dem Gletscher und anderswo sich niemals aus Eis und Schnee heraussehnen, sie würden nur Kräutereis essen und niemals an die grüne Wiese mit den Alpenrosen denken und niemals an die Wolken hoch über der Erde im Sonnenlicht. Das aber müssen sie tun, denn einmal werden sie alle den Weg gehen, den Schlafittchen ging.