Der Schneemann

von Manfred Kyber, aus: Das Manfred Kyber Buch. Rowohlt, 1979. Siehe auch www.manfredkyber.de.


Es war einmal ein Schneemann, der stand mitten im tiefver­schneiten Walde und war ganz aus Schnee. Er hatte keine Beine und Augen aus Kohle und sonst nichts, und das ist wenig. Aber dafür war er kalt, furchtbar kalt. Das sagte auch der alte griesgrämige Eiszapfen von ihm, der in der Nähe hing und noch viel kälter war.

„Sie sind kalt!“ sagte er vorwurfsvoll zum Schneemann. Der war gekränkt. „Sie sind ja auch kalt“, antwortete er.
„Ja, das ist etwas ganz anderes“, sagte der Eiszapfen über­legen.
Der Schneemann war so beleidigt, daß er fortgegangen wäre, wenn er Beine gehabt hätte. Er hatte aber keine Beine und blieb also stehen, doch nahm er sich vor, mit dem unliebenswürdigen Eiszapfen nicht mehr zu sprechen. Der Eiszapfen hatte unterdessen was anderes ent­deckt, was seinen Tadel reizte: ein Wiesel lief über den Weg und huschte mit eiligem Gruß an den beiden vorbei.
„Sie sind zu lang, viel zu lang!“ rief der Eiszapfen hinter ihm her, „wenn ich so lang wäre wie Sie, ginge ich nicht auf die Straße!“
„Sie sind doch auch lang“, knurrte das Wiesel verletzt und er­staunt.
„Das ist etwas ganz anderes!“ sagte der Eiszapfen mit unver­schämter Sicherheit und knackte dabei ordentlich vor lauter Frost. 

Der Schneemann war empört über diese Art, mit Leuten um­zugehen, und wandte sich, soweit ihm das möglich war, vom Eiszapfen ab. Da lachte was hoch über ihm in den Zweigen einer alten schneeverhangenen Tanne, und wie er hinaufsah, saß ein wunderschönes weißes, weiches Schnee-Elfchen oben und schüttelte die langen hängenden Haare, daß tausend kleine Schneesternchen herabfielen und dem armen Schnee­mann gerade auf den Kopf. Das Schnee-Elfchen lachte noch lauter und lustiger, dem Schneemann aber wurde ganz selt­sam zumut, und er wußte gar nicht, was er sagen sollte, und da sagte er schließlich: „Ich weiß nicht, was das ist...“
„Das ist etwas ganz anderes“, höhnte der Eiszapfen neben ihm.
Aber dem Schneemann war so seltsam zumute, daß er gar nicht mehr auf den Eiszapfen hörte, sondern immer hoch über sich auf den Tannenbaum sah, in dessen Krone sich das weiße Schnee-Elfchen wiegte und die langen hängenden Haare schüt­telte, daß tausend kleine Schneesternchen herabfielen. 

Der Schneemann wollte unbedingt etwas sagen über das eine, von dem er nicht wußte, was es war, und von dem der Eis­zapfen sagte, daß es etwas ganz anderes wäre. Er dachte schrecklich lange darüber nach, so daß ihm die Kohlenaugen ordentlich herausstanden vor lauter Gedanken, und schließ­lich wußte er, was er sagen wollte, und da sagte er:
„Schnee-Elfchen im silbernen Mondenschein, du sollst meine Herzallerliebste sein!“
Dann sagte er nichts mehr, denn er hatte das Gefühl, daß nun das Schnee-Elfchen etwas sagen müsse, und das war ja auch nicht unrichtig.

Das Schnee-Elfchen sagte aber nichts, sondern lachte so laut und lustig, daß die alte Tanne, die doch sonst gewiß nicht für Bewegung war, mißmutig und erstaunt die Zweige schüttelte und sogar vernehmlich knarrte. Da wurde es dem armen, kalten Schneemann so brennend heiß ums Herz, daß er anfing, vor lauter brennender Hitze zu schmel­zen, und das war nicht schön. Zuerst schmolz der Kopf, und das ist das Unangenehmste - später geht's ja leichter. Das Schnee-Elfchen aber saß ruhig hoch oben in der weißen Tan­nenkrone und wiegte sich und lachte und schüttelte die lan­gen hängenden Haare, daß tausend kleine Schneesternchen herabfielen. Der arme Schneemann schmolz immer weiter und wurde immer kleiner und armseliger, und das kam alles von dem brennenden Herzen. Und das ist so weitergegangen, und der Schneemann war schon fast kein Schneemann mehr, da ist der Heilige Abend gekommen, und die Englein haben die goldnen und silbernen Sterne am Himmel geputzt, damit sie schön glänzen in der Heiligen Nacht. 

Und da ist etwas Wunderbares geschehen: Wie das Schnee­-Elfchen den Sternenglanz der Heiligen Nacht gesehen hat, da ist ihm so seltsam zumute geworden, und da hat's mal auf den Schneemann heruntergesehen, der unten stand und schmolz und eigentlich schon ziemlich zerschmolzen war. Da ist's dem Schnee-Elfchen so brennend heiß ums Herz geworden, daß es heruntergerutscht ist vom hohen Tann und den Schneemann auf den Mund geküßt hat, soviel noch davon übrig war. Und wie die beiden brennenden Herzen zusammen waren, da sind sie alle beide so schnell geschmolzen, daß sich sogar der Eis­zapfen darüber wunderte, so ekelhaft und unverständlich ihm die ganze Sache auch war.
So sind nur die beiden brennenden Herzen nachgeblieben, und die hat die Schneekönigin geholt und in ihren Kristall­palast gebracht, und da ist's wunderschön, und der ist ewig und schmilzt auch nicht. Und zu alledem läuteten die Glocken der Heiligen Nacht.

Als aber die Glocken läuteten, ist das Wiesel wieder heraus­gekommen, weil es so gerne das Glockenläuten hört, und da hat's gesehen, daß die beiden weg waren. „Die beiden sind ja weg“, sagte es, „das ist wohl der Weih­nachtszauber gewesen.
„Ach, das war ja etwas ganz anderes!“ sagte der Eiszapfen rücksichtslos, und das Wiesel verzog sich empört in seine Be­hausung.

Auf die Stelle aber, wo die beiden geschmolzen waren, fielen tausend und abertausend kleine weiße, weiche Flocken, so daß niemand mehr was von ihnen sehn und sagen konnte. - Nur der Eiszapfen hing noch genauso da, wie er zuerst gehangen hatte, und der wird auch niemals an einem brennenden Her­zen schmelzen und auch gewiß nicht in den Kristallpalast der Schneekönigin kommen - denn der ist eben etwas ganz anderes!