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Das Tagewerk vor Sonnenaufgang

von Manfred Kyber, aus: Das Manfred Kyber Buch. Rowohlt, 1979. Siehe auch www.manfredkyber.de.


Es waren eine Schmiede und ein Schmied. Der Schmied aber war ein besonderer Schmied, denn sein Tagewerk lag vor Sonnenaufgang. Das ist ein sehr hartes Tagewerk. Man wird müde und traurig dabei. Man wird still und geduldig dabei. Es gehört viel Kraft dazu. Denn man lebt einsam und schmie­det in der Dämmerung. 

Jetzt war es Nacht, und der Schmied war nicht in seiner Schmiede. Der Feuergeist in der Esse schlief. Nur sein Atem glomm unter der Asche und streute dazwischen einen sprü­henden Funken in die Finsternis. Aber der Funke erlosch bald. Nur ein schwacher Lichtschein blieb und hastete suchend und irrend durch das Dunkel der Schmiede.

Der Blasebalg ließ seinen großen Magen in lauter griesgrämi­gen Falten hängen. Er sah aus wie ein dicker Herr, der plötz­lich abgemagert ist. Man hätte darüber lachen können, aber in der Schmiede war niemand, der zu lachen verstand.
Der Amboß drehte seinen dicken Kopf mit der spitzen Schnauze langsam nach allen Seiten und sah sich das alte Eisen an, das heute geschmiedet werden sollte. Es war nicht viel. Nur einige Stücke. Sie lagen in einer Ecke und waren be­schmutzt und verstaubt, wie Leute, die eine weite und be­schwerliche Wanderung hinter sich haben.

Der Amboß ärgerte sich. „Was für ein hergelaufenes Gesindel hier zusammenkommt! Ein Glück, daß es zuerst in die Esse muß, ehe es mir auf den blanken Kopf gelegt wird. Es wäre sonst zu unappetitlich. Danke bestens. Unsereiner ist sauber.“
Der Amboß rümpfte verächtlich die große Schnauze und kehrte dem alten Eisen den Rücken zu. Der Amboß war ein Dickkopf. Er dachte nicht daran, daß er ja auch aus Eisen war und daß das alte Eisen, das so weit gewandert war, auch so blank würde, wenn es der Feuergeist erfassen und der Ham­mer schmieden würde. Er dachte, es gäbe bloß blankes Eisen und schmutziges und bestaubtes - von vornherein - und da­bei bliebe es. Er war eben ein Dickkopf, und er wußte auch nicht, wie mühsam sein Meister dies alte Eisen gesammelt hatte, um es umzuschmieden in der Dämmerung.

Das alte Eisen fühlte sich sehr erleichtert, als der Amboß ihm den Rücken gekehrt hatte und es seine abweisenden Blicke nicht mehr fühlte. Es hatte sie deutlich gefühlt, trotzdem es so bestaubt und so beschmutzt war. Nun begann es, sich flü­sternd zu unterhalten.
Es waren Stücke, die dem Alter nach sehr verschieden waren. Es waren ganz alte dabei, die eigentlich in die Raritätenkam­mer gehörten. Es waren auch ganz junge darunter, die nur wenige Jahre auf der Welt waren. Aber in ihrer Erscheinung waren sie sich alle ganz gleich.

„Sie sind so verrostet“, sagte eine Kette teilnahmsvoll zu einem alten Schwert, „das ist eine sehr schlimme Krankheit. Sie fühlen sich gewiß nicht wohl?“
Das Schwert seufzte knarrend zwischen Griff und Klinge.
„Es ist ein altes Leiden“, sagte es, „ich habe es schon viele hundert Jahre. Es sind Blutflecke. Ich habe schreckliche Dinge gesehn auf meinem Lebensweg. Ich ging durch viele Hände. Einer erschlug den andern mit mir. Einer nahm mich dem andern fort, um wieder andre zu erschlagen. Alles Blut und alle Tränen haben sich in mich hineingefressen. Ich habe we­nig Ruhe gehabt. Ich bin in Blut gewatet, und der, der das meiste Blut vergossen, läutete die Glocken mit denselben Hän­den und nannte das seinen Sieg.“
„Ich bin nur wenige Jahre alt“, sagte ein junger Säbel, aber ich habe ganz dasselbe erlebt.“ 

„Ich habe andere Siege gesehen“, sagte ein alter rostiger Rie­gel. „Ich sah Menschen, die gesiegt hatten über sich und die Welt mit ihren Gedanken. Ich verschloß die Türe, hinter der man sie einsperrte. Sie saßen und verkamen in ihrem Kerker. Aber ihre Gedanken gingen durch die Kerkertüre an mir vor­bei und gingen hinaus in alle Straßen.“
„Ich bin weit jünger als Sie“, sagte ein anderer Riegel, aber ich habe dasselbe tun müssen und habe dasselbe gesehen.“ 

Der Feuergeist in der Esse atmete stärker, und der erste Schein der Morgendämmerung zog über das alte Eisen. Es wurde sehr verlegen und bedrückt, denn nun traten die vielen Flecke noch deutlicher hervor als im Licht des Feuergeistes, der in der engen Esse mühsam atmet. Das alte Eisen sah traurig auf sei­nen beschmutzten Körper und redete wirr und klagend durch­einander.

„Ich hab' einen Mörder halten müssen“, jammerte die Kette, war in seiner letzten Nacht. Neben ihm saß ein Mann im Talar und hatte ein Buch in der Hand, auf dem ein goldenes Kreuz draufstand.“

„Ich habe im Schlachthaus arbeiten müssen“, sagte ein langes Messer, „ich habe Tausenden von Geschöpfen ins entsetzte Auge gesehn, ehe es erlosch. Ich habe tausend Tierseelen um­herirren gesehn in einem Hause voll Blut und Grauen. Dabei war ein Stück von mir früher eine Perle im Rosenkranz eines alten stillen Mannes. Es war in Indien, und der alte stille Mann fegte den Weg vor sich mit schwachen Armen, um kein Geschöpf zu treten. Er nannte den Wurm seinen Bruder und bat ihn um den Segen seiner Götter. Er sprach von der Kette der Dinge. Er zeichnete das Hakenkreuz in den Sand und fin­gerte ergeben seinen Rosenkranz, wenn der Wind es ver­wehte. Die fremden Priester aus Europa höhnten den Glau­ben des alten Mannes.“
„Wir haben jetzt Europa und seine Kultur“, sagte der Säbel grimmig und schüttelte eine alberne goldene Troddel ab, die an ihm hing.

„Wir müssen durch viele Formen wandeln“, sagte das Messer, „das weiß ich von dem alten Mann in Indien. Nur weiß ich nicht, in welche wir kommen sollen.“
„In diesen Formen können wir nicht bleiben!“ riefen alle durcheinander. „Wir sind schmutzig und voller Flecken. Wir wollen umgeschmiedet werden. Wir wollen zum Feuergeist und um eine andere Form bitten. Aber wir wollen nicht war­ten, bis die Sonne aufgeht. Wir wollen nicht, daß die Sonne uns so findet. Dann bescheint sie unseren Schmutz und unsere Flecken. Aber der Schmied wird nicht so bald kommen. Er schläft gewiß noch.“

Da flog ein Funke aus der Esse mitten in das alte Eisen hin­ein.
„Der Schmied schläft nicht. Er wird gleich kommen“, zischte der Funke, „es ist ein besonderer Schmied. Sein Tagewerk ist vor Sonnenaufgang.“
Dann erlosch der Funke. 

Die Tür tat sich auf, und der Schmied kam herein. Es war ein ernster stiller Mann mit traurigen Augen. Das kam von sei­nem Tagewerk. Er trat den Blasebalg, daß er alle seine Magen­falten aufklappte und ganz dick anschwoll. Der Feuergeist er­wachte in der engen Esse, und der Schmied hielt all das alte Eisen ins Feuer. Dann hob er es aus der Feuertaufe und legte es auf den Amboß.

„Was wird aus uns werden - welche Form - welche Form?“ fragte das alte Eisen, und das Messer dachte an den armen alten Mann in Indien.

Der Schmied schlug zu. Die Funken stoben.
Er schmiedete nur eine Form, die letzte aller Formen. Er schmiedete die Seele des Eisens. Es war sein Tagewerk.
Als es fertig war, stand eine glänzende Pflugschar auf der tau­feuchten Erde vor der Schmiede. Da ging die Sonne auf.
Es ist leider nur ein Märchen...