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Tip-Tip-Tipsel

von Manfred Kyber, aus: Das Manfred Kyber Buch. Rowohlt, 1979. Siehe auch www.manfredkyber.de.


Der Regen rann an der grauen Mauer entlang und fiel in dicken, schweren Tropfen auf das Fenstersims, tip-tip, tip-tip, tip-tip. Der Maler in seiner Werkstatt hatte den Kopf in die Hand gestützt und schaute müde auf ein großes Bild, das vor ihm auf der Staffelei stand - es war eine graue, trübe Land­schaft, ohne Farben und ohne Freude, genauso grau wie der Alltag draußen und der immer rinnende Regen an den Fen­stern, tip-tip, tip-tip, tip-tip. 

Diese Landschaft ist wie mein Leben, dachte der Maler, so grau, so öde und so farblos ist wohl ein jedes Dasein in der Werkstatt. Man müßte Liebe haben, Macht oder Geld. „Tip-tip, tip-tip“, sagte der Regen und rann in dicken, schweren Tropfen auf das Fenstersims.

„Tip-tip, tip-tip. Tip-Tip-Tipsel“, sagte es plötzlich, und vor dem Maler saß ein kleines, zierliches Geschöpfchen in einem nassen grauen Regenmantel und sah ihn sehr vergnügt und freundlich an.
„Tip-Tip-Tipsel“, sagte das kleine Geschöpf noch einmal,, gleichsam um sich vorzustellen, „ich heiße Tip-Tip-Tipsel.“
„Das freut mich sehr“, sagte der Maler höflich, „aber Tip-Tip­Tipsel ist ein etwas sonderbarer Name. Immerhin bin ich dankbar für die Gesellschaft, ich fühlte mich gerade sehr einsam und verlassen.“
„Das geht allen so, die in einer wirklichen Werkstatt schaffen“, sagte Tip-Tip-Tipsel, „mein Name ist aber gar nicht so sonder­bar. Er kommt einfach davon her, daß ich sehr nahe mit den Regentropfen verwandt bin. Die sagen den ganzen Tag tip-tip, tip-tip, tip-tip, und darum heiße ich Tip-Tip-Tipsel.“ 

„Ich möchte gewiß niemand zu nahe treten, aber ich finde es, sehr langweilig, immer bloß tip-tip, tip-tip, tip-tip zu hören. Das ist genauso grau und so langweilig und so öde wie das ganze Leben.“
„Das kommt ganz auf die Auffassung an“, meinte Tip-Tip-Tipsel, „du weißt eben noch nicht, warum es in jeder wirk­lichen Werkstatt die grauen Regentage geben muß.“
„Nein, das weiß ich wahrhaftig nicht“, sagte der Maler und ärgerte sich, „ich kann mir nun wohl auch denken, warum du Tip-Tip-Tipsel heißt und mit den Regentropfen verwandt bist, denn du hast genauso ein nasses und graues Kleid an wie sie, aber es paßt gar nicht zu dir, denn du hast ein feines Gesicht und zierliche Glieder und siehst eigentlich sehr hübsch aus.“
„Du wirst schon sehen, wie gut das zu mir paßt und wie nötig die grauen Regentage für die wirkliche Werkstatt sind“, sagte Tip-Tip-Tipsel und lachte.
Dabei wiegte er sich auf der Staffelei hin und her und be­guckte sich das Bild des Malers von oben herab. Tip-Tip-Tip­sel konnte sich das leisten, er war kaum größer als eine Hand und so leicht wie die Regentropfen. 

„Das ist ein schönes Bild, das du gemalt hast“, meinte Tip­Tip-Tipsel, „aber es ist sicher noch nicht fertig, mir scheint, es fehlt noch etwas daran.“
„Das Bild ist fertig“, sagte der Maler mürrisch, „aber du hast doch recht, es fehlt wirklich etwas daran, vielleicht sogar sehr viel. Das Bild ist so grau und so öde wie das Leben, und da fehlt vieles daran, Liebe, Macht und Geld, wer weiß, was alles. So ist es unerträglich.“
„Ich will dir sagen, was daran fehlt“, meinte Tip-Tip-Tipsel, „es fehlt eine Brücke auf dem Bilde.“
„Eine Brücke?“ fragte der Maler erstaunt, „ich wüßte nicht, wozu hier eine Brücke stehen sollte. Es ist eine Stadt mit engen Gassen und Toren, in denen man sich müde herum­drückt, es ist keine Weite darin und es ist kein Fluß, auf dem man fortschwimmen könnte. Was soll da eine Brücke?“
„Ein Fluß ist gar nicht nötig“, sagte Tip-Tip-Tipsel, „wir brau­chen auch nicht fortzuschwimmen, es ist doch ganz nett und heimlich in den engen Gassen und Toren, und es läßt sich gut darin eine wirkliche Werkstatt aufschlagen. Aber eine Brücke muß das Bild trotzdem haben, und zwar eine Brücke in die Luft hinein, in den Himmel und in die Ferne.“

„Ich wüßte nicht, wie man eine Brücke in die Luft bauen könnte“, sagte der Maler, „könnte man das, ich hätte es schon lange versucht, um aus diesen engen Gassen und Toren und aus dem gräßlichen Regengrau des Alltags herauszukommen.“
„Siehst du“, sagte Tip-Tip-Tipsel, „jetzt bist du ganz umsonst ärgerlich. Eine Brücke in die Luft kann man nicht bauen mit­ten aus der Sonnenlandschaft heraus, auch nicht von goldenen Thronen und aus den Geldpalästen. Man kann sie eben nur bauen aus dem grauen Regentag heraus, aus der wirklichen Werkstatt des Lebens, und da sitzt du doch mitten darin. Paß einmal auf.“ 

Als Tip-Tip-Tipsel das gesagt hatte, fiel ein Sonnenstrahl durch die Wolken, und mitten im Alltagsgrau der Werkstatt stand auf einmal ein Regenbogen und leuchtete in sieben Farben. Er stand gerade vor Tip-Tip-Tipsel und dem Maler, und sein anderes Ende führte weit hinaus, in den Himmel, in die Ferne, und verlor sich irgendwo, wo man ihn gar nicht mehr sehen konnte. Der Sonnenstrahl war auch auf Tip-Tip­Tipsel gefallen und hatte auch ihn in sieben leuchtende Farben getaucht, und nun sah er wunderschön aus und gar nicht mehr grau und naß. Aber man konnte es nun wohl verstehen warum er den Regentropfen so nahe verwandt und so naß und grau sein mußte. Denn nur dadurch konnte sich der Sonnenstrahl in all seinen sieben Farben in ihm spiegeln.

„Das ist die Brücke in die Luft, in den Himmel und in die Ferne, und sie baut sich nur aus der wirklichen Werkstatt des Lebens und aus dem Regengrau des Alltags auf. Nur da können sich alle die sieben Farben spiegeln“, sagte Tip-Ti Tipsel, „und nun wollen wir beide aus den engen Gassen und Toren hinaus in das Tal der Träume gehen. Die Brücke der sieben Farben führt auch noch viel weiter, durch allerlei wundersame Gefilde, bis weit hinaus in das kristallene Land. Doch das ist für dich heute noch zu weit, dazu wird es Zeit für dich sein, wenn deine Sterbeglocke läutet. Aber in das Tal der Träume können wir ganz bequem wandern. Du brauchst nur auf die Brücke der sieben Farben zu springen, und in einem Augenblick sind wir drüben im Tal der Träume. Im Tal der Träume aber kannst du alles wünschen, was du nur willst. Da gibt es tausend Möglichkeiten, und du brauchst sie nur zu denken, schon sind sie da und stehen vor dir. Gib mir die Hand und komm mit auf die Brücke der sieben Farben und in das Tal der Träume.“

Da gab der Maler Tip-Tip-Tipsel seine Hand, und wie er getan hatte, kam es ihm vor, als wäre er ebenso klein und zierlich geworden wie Tip-Tip-Tipsel, und in einem Nu stand er oben auf der Brücke der sieben Farben und glitt mit Tip­Tip-Tipsel zusammen so schnell auf den lichten Strahlen da­hin, als habe er gar keine Beine mehr und als rutsche er ganz von selbst, wohin er nur wolle. Und ehe er sich's versah, waren sie beide auf einer weiten grünen Wiese, in einem tiefen Tal.

„Das ist das Tal der Träume, sagte Tip-Tip-Tipsel, „und nun kannst du dir wünschen, was du nur willst. Du brauchst es nur zu sagen, dann wächst es ganz einfach aus dieser Wiese heraus. Ist das nicht eine feine Einrichtung?“
„Dann will ich mir wünschen, was ich im Leben immer wollte und niemals fand“, sagte der Maler.
„Das kannst du hier alles haben“, sagte Tip-Tip-Tipsel, „aber du wirst schon sehen, daß das alles ein bißchen anders aus­sieht, wenn man über die Brücke der sieben Farben gegangen ist und es vom Tal der Träume aus betrachtet.“
„Ich habe Liebe gesucht und habe sie nicht gefunden“, sagte der Maler, „ich will sie mir jetzt wünschen. Ich habe die Werk­statt und das ewige Regengrau des Lebens allzu satt.“ 

Da öffnete sich die grüne Wiese, und mitten aus ihr heraus wuchs eine Insel, von blauem Wasser umspült, und auf der Insel war ein kleiner Marmortempel in einem Rosengarten, und auf die Insel führte ein Steg von Rosenranken hinüber. Vom Gestade des Rosenufers aber winkten drei wunderschöne Frauen, eine mit schwarzem Haar, eine mit blondem Haar und eine mit rotem Haar.

Und als der Maler den Rosensteg überschritten und das Ro­senufer betreten hatte, da küßten ihn die drei schönen Frauen und führten ihn mitten in den Rosengarten und in den Mar­mortempel hinein. Die Nacht sank über sie nieder mit ihren dunklen Schleiern, und in der warmen Sommerluft sangen die leisen Lieder lockender Lauten. Die Rosen dufteten, und an das Gestade des Rosenufers schlugen die Wellen des Was­sers gleichmäßig, wie ein Wiegengesang, und warfen Perlen und schimmernde Muscheln an den Strand.

Der Maler wußte nicht mehr, wie lange er im Rosengarten und im Marmortempel verweilt hatte. Aber einmal schien es ihm, als sei es Morgen geworden. Die Rosen dufteten nicht mehr so wie in der blauen Sommernacht, die Saiten der lockenden Lauten klangen ein wenig verstimmt, und die schö­nen Frauen sprachen von Dingen, die nicht mehr Priesterin­nendienst im Marmortempel der Liebe waren. Und je mehr die schönen Frauen redeten, um so welker erschienen die Ro­sen und um so zerrissener klangen die Saiten der Lauten, bis sie ganz verstummten.
„Ich sehne mich nach meiner Werkstatt“, sagte der Maler, „mir ist, als habe ich noch vieles zu schaffen.
„Sei nicht albern, Kleiner“, meinte die Frau mit den schwar­zen Haaren, „komm, küsse mich und laß die dummen Ge­danken fahren. Man muß nicht denken, wenn man liebt.“
„Du wirst doch nicht in eine Werkstatt gehen und dir die Hände schmutzig machen“, rief die Frau mit den blonden Haaren. „Wie kann man sich nach einer Werkstatt sehnen, wenn man im Tempel der Liebe ist?“
„Wenn du schon schaffen willst“, sagte die Frau mit den roten Haaren, „so sammle die Perlen am Strande und fasse sie zu einem Diadem.“
Und die drei schönen Frauen banden den Maler mit Rosenketten und wollten ihn nicht mehr fortlassen aus dem Marmortempel der Liebe und vom Gestade des Rosenufers. Eine Rosenranke nach der anderen flochten sie ihm um Hände und Füße, und dabei sprachen sie unaufhörlich.
Dem Maler schien es, als hätten die drei schönen Frauen gelbe Gänseschnäbel bekommen, und als er das zu sehen meinte, wünschte er sich weit fort vom Gestade des Rosenufers, und eine Sehnsucht, zu schaffen, überkam ihn, wie seit langem nicht.
Kaum aber hatte er das gewünscht, so versank die ganze Insel mit dem Rosengarten und dem marmornen Tempel der Liebe. 

Der Maler stand wieder neben Tip-Tip-Tipsel im Tal der Träume, und über die große grüne Wiese wanderten wackelnd und schnatternd drei weiße Gänse, eine hinter der anderen.
„War es schön?“ fragte Tip-Tip-Tipsel.
„Ja, es war ganz schön“, sagte der Maler etwas gedehnt und schaute den drei weißen Gänsen nach, „aber auf die Daus schien es mir doch nicht das Richtige zu sein. Die blauen Sommernächte sind so reizvoll im Rosengarten, mit den leisen Liedern lockender Lauten, aber es dürfte kein Morgen grauen über dem Tempel der Liebe.“
„Es gibt keine Liebe, über der niemals ein Morgen graut“, sagte Tip-Tip-Tipsel, „oder sie muß etwas von der großen Liebe in sich haben, die alle Menschen und Tiere umfaßt, und die gedeiht nur in der wirklichen Werkstatt des Lebens. Die andere aber bleibt am besten ein Ausflug ins Tal der Träume, denn wenn du sie auf der Erde suchst, so kannst du sie nicht wieder so bequem hinwegwünschen wie hier. Doch das war ja nicht alles, was du dir gewünscht hast. Du wolltest noch die Macht kennenlernen, als du einsam in deiner Werkstatt saßest und die Regentropfen an deinem Fenster herabrannen, tip-­tip, tip-tip.“
„Ja, Ehre und Macht hätte ich wohl gerne einmal kennen­gelernt“, sagte der Maler. 

Kaum hatte er das gesagt, so wuchs aus der Wiese ein pracht­voller Palast hervor, zuerst erschienen die Turmspitzen, dann die Söller und Erker und schließlich der ganze große Park des Kaiserschlosses in China. Und in einem Augenblick saß der Maler mitten auf dem goldenen Thron, in einem gelben Ge­wande, das mit lauter Gold und Edelsteinen besetzt war, mit einer Krone auf dem Kopf und mit einem Zepter in der Hand. Um ihn herum aber standen lauter fette Mandarine, die aus­sahen wie dicke gelbe Zitronen mit Zöpfen hintendran, und der Maler bemerkte mit Schrecken, daß er selbst einen langen Zopf trug, der ihm überaus unbequem war.

Die dicken gelben Zitronen mit Beinen warfen sich vor ihm auf den Bauch, machten Kotau und beteten seinen Zopf an. Denn dieser war für sie das Sinnbild der Macht.
„Bitte, hört doch auf, vor mir auf dem Bauch zu liegen“, sagte der Maler, „ich finde das unbeschreiblich langweilig und albern. Erzählt mir lieber etwas Lustiges und Unterhalten­des.“
Da standen die fetten Mandarine mit den Zöpfen auf und sagten: „Nenne uns diejenigen, denen wir den Kopf abschla­gen können. Das ist lustig und das ist unterhaltend. Sssit - Kopf ab!“
„Es ist nichts Lustiges und nichts Unterhaltendes, einem Men­schen den Kopf abschlagen zu lassen“, sagte der Maler, „ihr solltet euch schämen, wenn ihr nichts Besseres versteht.“
„Für uns ist das aber sehr lustig und unterhaltend, wenn wir jemand den Kopf abschlagen können“, sagten die dicken Zi­tronen mit Zöpfen und Beinen, „das ist Sieg und Ehre und Macht.“
„Ist es denn auch für die lustig und unterhaltend, denen ihr den Kopf abschlagt?“ fragte der Maler.
„Darauf haben uns die, denen wir den Kopf abgeschlagen haben, keine Antwort gegeben“, sagten die Mandarine, „wie kannst du denn überhaupt so etwas fragen, wozu trägst du denn einen Zopf und sitzt auf einem goldenen Throne? Du bist doch der Herrscher aller deiner Untertanen. Sage uns nur, wem wir den Kopf abschlagen dürfen, wir wollen das mit Ver­gnügen tun. Sssit- Kopf ab!“ 

Und alle fielen auf den Bauch vor ihm und machten Kotau. Da riß der Maler seinen Zopf ab und warf ihn mit der Krone den fetten Mandarinen vor die Füße.
„Ich will euren Zopf nicht tragen und will eure Krone nicht haben“, sagte er, „schlagt euch selber den Kopf ab, ihr dicken, dummen Zitronen!“
Da machten die fetten Mandarine nicht mehr Kotau vor ihm sie standen auf und waren sehr böse, denn so hatten sie das Kopfabschlagen nicht gemeint.
„Revolution, Revolution“, schrien sie, „wenn du den Zopf nicht trägst, darfst du auch keine Macht mehr haben. Wir werden dir selber den Kopf abschlagen. Paß du nur auf! Sssit Kopf ab!“
Jetzt ist es aber die höchste Zeit, daß ich hier herauskomme dachte der Maler, und kaum hatte er das gedacht, da versank der ganze Kaiserpalast mit all seinen spitzen Türmen, mit seinen Erkern und Söllern, mit dem großen Park und dem goldenen Thron und mit allen fetten Mandarinen. Der Maler aber stand wieder neben Tip-Tip-Tipsel, und auf der großen grünen Wiese kollerten ein paar dicke gelbe Zitronen mit Zöpfen und Beinen und schrien: „Sssit - Kopf ab.“ 

„War es schön?“ fragte Tip-Tip-Tipsel.
„Nein, es war nicht schön“, sagte der Maler, „ich mag durchaus keinen Zopf tragen, und dicke gelbe Zitronen mit Zöpfen und Beinen sind keine passende Gesellschaft für einen anständigen Menschen. Es ist auch nicht schön, vor dem einen ­Kotau zu machen und dem anderen den Kopf abzuschlagen, das ist eine scheußliche Methode und nicht nach meinem ­Geschmack.“ 

„Es ist nur gut, daß du das im Tal der Träume erlebt hast und nicht auf der Erde“, sagte Tip-Tip-Tipsel, „auf der Erde hättest du deinen Zopf nicht so bald wegwerfen können und wärest nicht mit so heiler Haut davongekommen. Die Macht, die an den Zöpfen hängt, ist auch keine sehr sichere Sache, sie ist ein bißchen vergänglich. Die Macht, die im Schaffen und in der Werkstatt des Lebens liegt, ist sehr viel dauerhafter. Die lebt noch weiter, wenn den dicken gelben Zitronen schon lange die Köpfe abgeschlagen sind. Aber hattest du dir nicht auch Geld gewünscht? Das kannst du auch noch kennenlernen im Tal der Träume.“
„Eigentlich habe ich genug gesehen“, sagte der Maler, „und ich sehne mich zurück in meine Werkstatt. Aber schließlich könnte ich gerade die Werkstatt sehr schön gestalten, wenn ich viel Geld hätte.“ 

Kaum hatte er das gesagt, da wuchs aus der grünen Wiese eine große Stadt hervor, mit Fabriken und rauchenden Schloten, und der Maler saß auf einer gewaltigen Geldkiste in einem herrlichen Hause. Um ihn herum aber standen lauter Lakaien und warteten auf seine Befehle. Sie standen ganz steif und still da, und wenn er etwas von ihnen haben wollte, mußte er ihnen erst ein Goldstück in den Mund werfen. Sonst rühr­ten sie sich überhaupt nicht. Der Mund eines jeden Lakaien aber war sehr groß und klappte immer auf und zu, so daß sie alle aussahen wie riesige Sparbüchsen, die nach einem gleichen Muster in der Fabrik gefertigt und aufgestellt waren.
Das war ja einigermaßen langweilig, aber der Maler meinte, daß es doch ganz schön wäre, so reich zu sein, und er dachte sich eine Menge Dinge aus, die er gerne kaufen wollte. Doch immer, wenn er nach etwas fragte, war es schon da, und es wurde ihm gleich gebracht, sobald er nur einem Lakaien ein Goldstück in das Sparkassenmaul steckte. So kam der Maler um die ganze Freude. 

„Das ist ja das reine Warenhaus“, sagte er, „ich weiß nicht, was ich dann eigentlich hier noch suchen soll. Ich will wenig­stens ein bißchen spazierengehen und mir überlegen, was ich vielleicht mit dem vielen Gelde anfangen könnte.“
„Das Spazierengehen kostet ein Goldstück“, sagte der Lakai und sperrte sein Sparkassenmaul auf, als der Maler die Hand auf die Türklinke legte, um ins Freie zu gelangen.
„Ich habe zwar Goldstücke genug in der Kiste“, sagte der Ma­ler wütend, „aber es ist doch geradezu blödsinnig, daß ich für das Spazierengehen ein Goldstück bezahlen soll.“
Doch die Tür war nicht zu öffnen, und der Lakai stand davor und machte den Rachen überhaupt gar nicht mehr zu. Sein Kopf sah aus wie ein einziges großes Loch.
„Schön“, sagte der Maler, „wenn ich nicht spazierengehen, darf, ohne zu bezahlen, dann gehe ich nicht spazieren. Es fällt mir nicht ein, jemand dafür ein Goldstück in den Rachen zu werfen. Ich bin nicht verrückt. Wenn ich nicht spazierengehen darf, will ich eben arbeiten. Ich will in meine Werkstatt und schaffen.“
Da aber war es, als ob alle die steifen und stummen Lakaien plötzlich Leben bekämen. Sie rissen die Sparkassenmäuler entsetzlich weit auf und schrien: „Was? Arbeiten will er? Schaffen will er? Wer soll denn dann auf der Geldkiste sitzen und uns die Goldstücke in den Rachen werfen? Nein, das gibt es nicht, hinein mit ihm in die Geldkiste!“
Und die Lakaien ergriffen den Maler, sperrten ihn in die große Geldkiste, machten den Deckel zu und setzten sich sogar noch darauf.
Wenn ich doch bloß aus dieser scheußlichen Geldkiste wieder heraus wäre! dachte der Maler, und kaum hatte er das gedacht, so versank die Stadt mit den Fabriken und rauchenden Schloten, und das herrliche Haus mit den vielen Lakaien und der gewaltigen Geldkiste war verschwunden. Der Maler aber stand wieder neben Tip-Tip-Tipsel, und aus der großen, grünen Wiese guckte noch ein Kopf hervor, mit einem Maul wie eine Sparbüchse, und klappte die Kinnlade voller Erbosung auf und zu. 

„War es schön?“ fragte Tip-Tip-Tipsel.
„Es war entsetzlich“, sagte der Maler, „ich möchte wahrhaft nie wieder in einer Geldkiste eingesperrt sein. Es ist sehr dunkel darin, die Luft ist allzu schlecht, und es ist überhaupt ein recht enges Behältnis.“
„Ja, die Geldkiste darf eben nicht so groß sein, daß der ganze Mensch darin verschwindet“, sagte Tip-Tip-Tipsel, „auf der ­Erde wärest du auch nicht so bald wieder aus einer Geldkiste herausgekommen. Es ist nur gut, daß du das im Tal Träume erlebt hast, da konntest du dich gleich wieder wegwünschen. Aber wie denkst du nun über die regengrauen Tage und über deine einsame Werkstatt?“
„Davon wollte ich gerade sprechen“, sagte der Maler, „ich möchte am liebsten gleich wieder dorthin zurück.“
Und als der Maler das gesagt hatte, glitt er über die Brücke der sieben Farben mit Tip-Tip-Tipsel zusammen auf die Erde zu­rück und saß in einem Augenblick wieder vor seiner Staffelei und vor dem Bilde mit der grauen Landschaft. Dann gab ihm Tip-Tip-Tipsel die Hand, sagte freundlich „Auf Wiedersehen!“ und war verschwunden. 

Der Maler aber nahm Pinsel und Palette und malte mit schö­nen, leuchtenden Farben einen großen Regenbogen in die graue Landschaft hinein, und der schimmerte wie ein Edel­stein über den engen Gassen und Toren und über der Werk­statt des Lebens.

Tip-Tip-Tipsel ist noch oft zum Maler in seine Werkstatt ge­kommen, und sie sind beide noch oft zusammen auf der Brücke der sieben Farben in das Tal der Träume gewandert. Und der Maler malte noch viele farbenfrohe Bilder, und er malte das Tal der Träume in den Alltag des Daseins hinein. Er malte auch schöne Frauen mit Gänseschnäbeln, dicke, gelbe Zitronen mit Zöpfen und Beinen und Sparbüchsen mit ge­waltigen Mäulern. Die vielen Menschen, die diese Bilder sahen, lachten darüber und fanden sie sehr komisch. Sie merk­ten aber gar nicht, daß gerade diese Bilder sie alle selber vor­stellten.
Wie hätten sie das auch bemerken sollen? Sie schnattern in den Rosengärten, tragen ihre Zöpfe auf den Thronen oder sitzen eingesperrt in einer Geldkiste und sind niemals mit Tip-Tip-Tipsel auf der Brücke der sieben Farben aus der wirk­lichen Werkstatt des Lebens in das Tal der Träume ge­gangen.
Das ist die Geschichte von Tip-Tip-Tipsel.