Wie finden wir unsere wahre Sehnsucht ganz?

Die Aufgabe des Menschen – und auch jeder „linken Bewegung“

 

Es war Albert Einstein, der einmal sagte: „Wir können Probleme nicht mit demselben Denken lösen, das sie hervorgebracht hat.“

Was aber, wenn wir die Art unseres Denkens gar nicht bemerken? Wenn es gar nicht möglich ist, sein Denken so ohne weiteres zu verändern? Wenn die problematische Art des Denkens viel tiefer sitzt, als wir – denken... Wenn also unser Denken uns daran hindert, sein eigenes Problem voll zu erkennen?

 

Es gibt ein sehr schönes Wort von Wolfdietrich Schnurre:

Zeit gewinnen, indem man ein Düsenflugzeug besteigt? Und was gewinne ich, wenn ich mich auf eine Waldwiese lege? Doch offenbar ebenfalls Zeit.

Was tun wir aber in der Regel...? Jeder wird zugeben und für sich in Anspruch nehmen, dass er sich lieber auf eine Waldwiese legt, als in ein Flugzeug zu steigen. Aber tun wir es? Nicht nur die Waldwiese wartet auf uns – sondern die ganze Welt. Die Welt, wie sie sein könnte, wartet auf uns, weil wir ... gar nicht an sie denken.

Wie stellt sich die Frage, wenn wir den Widerspruch zwischen der Waldwiese und dem Flugzeug einmal im Denken selbst suchen? Können wir ihn dort finden?

Was ist im Denken das Gewohnte und was wäre das Außergewöhnliche? Was wäre das so Außergewöhnliche, dass wir es wirklich nicht sehen, weil wir eben immer nur in einer bestimmten Art denken?

Fortwährend strömen, ja fliegen unsere Gedanken hierhin und dorthin, auf gewohnten Bahnen. Wir kennen unsere Gedanken sehr genau; wir lieben sie; wir glauben, dass sie richtig und gut sind – im Gegensatz zu denen vieler anderer Menschen, die eben das Falsche denken und wollen...

Aber jetzt geht es nicht um den Vergleich mit dem Denken und Wollen anderer Menschen, sondern allein um uns selbst. Wie finden wir im Denken jenen Zustand, den wir sonst niemals einnehmen? Das normale Denken, das wir kennen, geht wie von selbst. Es ist eine Art „Flugzeug-Denken“, auch da, wo wir die besten Gedanken der Welt zu haben meinen.

Wie gelangen wir ... auf die Waldwiese? Dies ist nun nur ein Bild. Es geht gerade nicht darum, abzuschalten, nichts zu denken, die Dinge vorbeiziehen zu lassen usw. – darum geht es nicht. Um was aber dann? Was ist der wirkliche Unterschied zwischen unserem gewohnten Denken – und einem ganz anderen Denken?

                                                                                *

Wir können diesen Unterschied nicht finden, wenn wir im gewohnten Denken bleiben. Dort existiert er ja nicht. Wir werden ihn erst da finden, wo wir eine Grenze überschreiten. Der Unterschied, den wir suchen, kann nicht wiederum nur gedacht werden. Er muss erlebt werden.

            Nicht müde werden
                           sondern dem Wunder
                                         leise
                                                 wie einem Vogel
                                                              die Hand hinhalten.

Verweilen wir einmal bei diesen Worten von Christian Morgenstern. Lassen wir einmal für eine Minute nur diese Worte auf uns wirken...

                                                                                                                  *

Was haben wir erlebt? Hatten wir ein Erleben? Sind wir ratlos und „gefühlsneutral“ die Worte entlanggegangen, oder haben diese Worte uns in ein anderes Erleben hineingeführt, gleichsam eine Tür geöffnet?

Wir können auch andere Zitate und Worte der Weisheit auf uns wirken lassen. Jeder Mensch wird bei einem anderen Wort ein besonders deutliches Erleben haben.

Man kann allerdings solche Worte nicht hintereinanderweg lesen – dadurch würde man sich das wesentliche Erleben am gründlichsten und sichersten verbauen. Dieses Erleben kann nur da sein, wenn man es entstehen lässt. Dafür müssen die Worte wirken können. Wer sie einfach nur liest und darin etwas finden will, gleicht jenem berühmten Menschen, der das Wachstum der Pflanzen beschleunigen will, indem er an ihnen zieht. Was geschieht? Er hat die Pflanze tatsächlich in der Hand – aber sie ist tot.

Und genau das ist unser Denken. Es will immer (schnell) etwas „in der Hand haben“, aber was „in der Hand“ gehabt werden kann, ist immer nur das Tote. Der Vergleich ist voll und ganz real. Das hier gemeinte Erleben ist ein Prozess, es ist ganz real ein Wachstum. Bis in die Sprache hinein können wir dies erkennen: Ein wirkliches Er-leben hat mit einem Lebensprozess zu tun und braucht daher seine Zeit – ein Zeitmaß, das nicht verkürzt und nicht beschleunigt werden kann.

Wenn wir aber wirklich spüren, wie uns jene Worte von Christian Morgenstern – oder aber ganz andere Worte – in ein Erleben hineinführen, das sich von unserem gewöhnlichen Alltagserleben deutlich unterscheidet, dann haben wir die Grenze überschritten, von der oben gesprochen worden war. Nun aber kommt es darauf an, diese Grenze zu erleben – den Unterschied zu erleben. Es kommt darauf an, dieses andere Erleben nicht nur zu „haben“ (für den Moment), sondern sich seiner Art wirklich bewusst zu werden.

Was ist das für ein Erleben? Wohin nehmen uns diese Worte mit? Was empfinden wir in ihrer Sphäre eigentlich? Warum berühren sie uns auf so deutliche und bestimmte Weise? Was bedeutet das: sie berühren uns? Wo berühren sie uns? Was wird von ihnen berührt?

All diese Fragen führen uns wiederum über die Grenze – wenn es nur gelingt, sie nicht einfach abstrakt zu lesen, sondern sie wirklich selbst zu erleben. Auch dies muss wieder ein reales (und insofern immer auch existentielles) Geschehen sein, bleiben...

Wenn wir diese Erfahrung machen können, so erleben wir auch unmittelbar, was diese Grenze ist und wohin wir geführt werden, wenn wir sie überschreiten. Wir gelangen in eine neue, tiefere Wirklichkeit. Wir kommen sowohl unserem eigenen Wesen näher, als auch dem Wesen der übrigen Welt um uns.

Viele Menschen haben Angst vor solchen Gedanken, weil sie befürchten, jetzt gehe es um halt- und wesenlose Spiritualität, um abgehobene, nicht nachprüfbare, irreale und nutzlose Esoterik, aber so ist es nicht. Wir brauchen nur unser eigenes Erleben ernst zu nehmen, und wir werden mit diesem immer in der Wirklichkeit bleiben! Wir dürfen nur vor dem, was wir selbst erleben, keine Angst haben – mehr wird gar nicht gefordert.

 

Diese Angst vor dem eigenen Erleben ist aber da, sehr verbreitet. Und sie hat unmittelbar mit der Tatsache zu tun, dass dieses Erleben eben etwas Reales ist. Gerade darin liegt ja der Unterschied: Das normale, gewöhnliche Alltagsdenken, das „von selbst geht“, ist in dieser Weise eben nichts Reales, es ist aufgrund der Abstraktheit und Wesenlosigkeit der Gedanken etwas ganz und gar Nicht-Reales.

Man muss vor den gewöhnlichen Alltagsgedanken keine Angst haben – selbst die völlige Zerstörung der Welt könnte man denken, ohne Angst davor haben zu müssen, denn Gedanken allein haben nichts mit der menschlichen Wirklichkeit zu tun.

Das Reich der Wirklichkeit wird erst betreten, wo ein Erleben da ist. Erst wo ein Mensch innerlich ein seelisch-geistiges Erleben hat, kommt er in eine Verbindung mit der Wirklichkeit.

Hier liegt die Ursache für alles Schreckliche in der Welt: Wir können unendlich viel denken, fühlen und tun, ohne mit der Wirklichkeit in Verbindung zu sein. Unsere Taten haben dann Folgen in der Wirklichkeit – aber wir erleben es nicht...

Wann also würden wir erst in der Wirklichkeit stehen?

Erst dann, wenn wir unser Denken zu einem realen Organ für die Wirklichkeit machen könnten – zu einem reinen, erlebenden Spiegel der Wirklichkeit. Dies sind gleich zwei ungeheure Voraussetzungen. Das Erleben erfordert, wie wir mehr und mehr empfinden können, eine außergewöhnliche innere Aktivität. Und – es müsste auch noch rein sein.


Zunächst können wir gar nicht anders, als in alles, was wir denken, fühlen und wollen, unser Eigenes hineinzumischen. Auch das ist ein vollkommen ungesehener blinder Fleck unserer seelischen Realität. Überall mischen wir unsere eigenen Vorurteile, unsere persönlichen Sympathien, unsere Vorlieben, Wünsche etc. hinein – und wir merken es nicht, weil es so selbstverständlich, so eigen, so von uns geliebt ist. Wir alle lieben unsere Vorurteile innig – wie könnten wir sie also überhaupt bemerken? Wir halten sie ja gerade für die Wahrheit, die objektive Wirklichkeit!

Was aber von uns gefordert wird, wenn wir in der wahren Wirklichkeit stehen wollen, das ist eine völlige Reinheit des Erlebens, eine Vorurteilslosigkeit in jeder Hinsicht, ein vollkommenes Heraushalten alles Eigenen.

Wie diese Reinheit erlangt werden kann, kann man kaum weiter „erklären“ oder beibringen – worauf es ankommt, muss wiederum innerlich erlebt werden. Jeder kennt den Anfang, jeder weiß, was Vor-Urteile und persönliche Sympathien usw. sind. Es kommt nur darauf an, sich all dessen bewusst zu werden, immer tiefer, auf immer mehr Ebenen – und daran zu arbeiten, sich davon zu befreien, sein Erleben also einerseits tiefer, andererseits immer reiner zu machen.

Das muss man wollen. Wenn man es nicht will, will man es eben nicht... Es gibt viele Menschen, die sagen: Es gibt sowieso keine objektive Wirklichkeit. Sie merken nur nicht, dass auch das ein schnell gefälltes, subjektives Vor-Urteil ist! Ein bequemes noch dazu... Und es gibt noch viel mehr Menschen, die sich gar nicht auf den hier gemeinten Weg machen wollen, weil eben jeder Mensch seine Vorurteile usw. liebt. Warum sollte man sie aufgeben?

Man soll es nicht. Entweder man will es, oder man will es nicht. Hier ist nichts anderes gesagt, als dass man erst dann die Wirklichkeit finden wird, wenn die Liebe zu dieser Wirklichkeit, wenn der Wille, sie zu erreichen, größer ist als die Liebe zu sich selbst (den eigenen Vorurteilen, Sympathien usw.).

Wer sich aber auf diesen Weg begibt, wird immer mehr erleben, dass er auf diesem Weg auch sich selbst näherkommt und auch sein eigenes Wesen erst wahrhaft zu finden beginnt. Die Liebe zu den eigenen Vorurteilen, Sympathien, Wünschen usw. ist bequem – und sie ist ungeheuer stark. Sie bindet aber gerade an das, was man in Wirklichkeit nicht ist. Die „eigenen“ Vorurteile, die eigenen Sympathien entfremden jeden einzelnen Menschen gerade von dem, der er/sie in Wahrheit ist.

Wenn wir uns in das Wesen des Vor-Urteils vertiefen, können wir erleben, wie sehr uns ein solches falsche, zu frühe, vor-gefasste Urteil von der Wirklichkeit trennt und entfernt. Dann aber können wir doch auch erleben, wie es uns von unserem eigenen wahren Wesen trennt und entfernt – denn der Mensch ist erst da wahrhaft Mensch, wo er in der vollen Wirklichkeit zu leben vermag. Er kann dies – und wo er darum ringt, wird er immer mehr Mensch, erreicht er seine wahre Fähigkeit...

                                                                                                                  *

Es ist nun eine sehr seltsame Tragik, dass wir als Menschen einerseits in alles unser allzu Eigenes hineinmischen – aber auf der anderen Seite unsere tiefste und wahrste Sehnsucht so wenig ernst nehmen, ja überhaupt erleben.

 

Beides können wir nur ändern, wenn wir lernen, immer tiefer zu erleben.

Unsere tiefste Sehnsucht hat einen mächtigen Widersacher, und dieser ist gerade das abstrakte, gewöhnliche Denken – auch dort, wo wir es schon teilweise überwunden haben oder zu haben glauben!

Diese tiefste Sehnsucht muss erlebt werden – aber das gewöhnliche Denken erlebt gerade nicht, selbst da nicht, wo es dies glaubt! Das hier gemeinte Erleben ist nur möglich, wenn wir selbst mit unserem ganzen Wesen voll dabei sind. Den Schritt zu diesem Anwesendsein spüren wir auch in solchen Zitat-Worten, die uns tief berühren, denn solche Worte rufen gerade unseren ganzen Menschen auf... Es geht nicht darum, dass das Denken von einigen Gefühlen begleitet ist, die ebenfalls wieder „von selbst“ auftreten, auch wenn wir sie noch so sehr als unser Eigenes empfinden. Es geht darum, dass wir im Denken selbst zu einem realen Erleben und Empfinden kommen, in dem wir voll anwesend sind.

Nicht nur das Fühlen dürfen wir als „etwas Reales“ erleben, wir müssen auch im Denken selbst zur Realität kommen – und dafür muss das Denken seine Abstraktheit verlieren. Wir selbst als Denkender müssen immer mehr ganz dabei sein! Das Denken darf nicht „wie von selbst“ gehen, es muss immer mehr gewollt sein, von Gedanke zu Gedanke – und erlebt werden. Dann wird es allmählich lebendig. Dann werden wir merken, wie in noch ganz anderer Weise als bisher unser Denken wirklich das unsrige wird, weil wir anfangen, es wirklich mit unserem Wesen zu durchdringen!

Man kann sagen: Das Fühlen ist bisher zu sehr das unsrige – hier erleben wir viel zu wenig unsere Subjektivität. Und das Denken ist bisher noch gar nicht wirklich das unsrige – hier erleben wir viel zu wenig unsere Abstraktheit.

Wenn es um unsere tiefste Sehnsucht geht – müssten wir diese nicht auch am tiefsten erleben? Müsste sie nicht all unser anderes Erleben überstrahlen? Stärker sein als irgendein anderes Erleben, welches auch immer? Wie kommt es dann aber, dass wir diese tiefste Sehnsucht gewöhnlich überhaupt nicht erleben? Oder allenfalls dunkel und verborgen irgendwo im Untergrund unserer Seele?

Allein dies kann uns bereits darauf hinweisen, wie schwach oder auch abstrakt unser Erleben ist. Selbst da, wo wir meinen, wir hätten es bereits mit dieser Sehnsucht zu tun, denken und fühlen wir doch immer wieder sehr abstrakt. Denn was ist diese tiefste Sehnsucht?

Die tiefste Sehnsucht des Menschen kann nur das Menschliche sein. In seinem vollen Umfang ist das Menschliche das Großartigste und Unerschöpflichste, was existiert.

Haben wir eine Vorstellung von der hier gemeinten Realität? Und wenn wir eine solche anfänglich haben: Können wir erleben, wie wenig ernst wir diese unsere tiefste Sehnsucht nehmen? Wie sehr wir sie immer wieder verdrängen, um nicht zu sehr leiden zu müssen? Wie sehr wir sie aber auch immer wieder abstrakt empfinden und behandeln?

                                                                                                                  *

Nehmen wir nur einmal die politische Ebene. Wie oft, wie schnell, wie leicht geraten wir in Diskussionen und Debatten! Nicht nur mit typischen Vertretern der abstrakten Programme, sondern unter uns – unter jenen Menschen, die glauben, sie würden die Sehnsucht nach einer menschlichen Welt am stärksten empfinden. Was aber ist die Realität, wenn man diskutiert? Man befindet sich in der Abstraktion, man befindet sich an einem winzigen Punkt, und auch diesen reißt man noch heraus aus der eigentlichen Wirklichkeit,  um die es geht.

Selbstverständlich kann man über alles diskutieren, über die richtigen Ansätze, über Gott und die Welt, über das gute Leben, über die Waldwiese – aber man verliert die Realität all dessen in einer solchen Diskussion unter seinen Händen. Die Diskussion selbst ist schon der Verlust.

Sehnen wir uns etwa nach einer Börsentransaktionssteuer oder nach mehr Kaufkraft, nach einem makroökonomischen Gleichgewicht, nach Eurobonds oder nach irgendetwas dergleichen?

Nein, das tun wir nicht – wir sehnen uns nach einer menschlichen Welt. Und die große, große Gefahr oder vielmehr die Wirklichkeit ist, dass wir dies immer wieder selbst nicht tief genug erleben – und zugleich andere Menschen (gerade die, denen wir gegenübertreten) nicht tief genug erleben lassen.

Wir verlieren uns in Sachdiskussionen um die richtigen „Ansätze“ – und alles, was wir fordern, mag auch noch richtig sein! –, und wir verschütten damit, ob wir es wollen oder nicht, die Wahrheit und die Realität  unserer eigenen Sehnsucht.

Es geht uns um eine wahrhaft menschliche Welt, aber im Erleben ist diese menschliche Welt nicht anwesend. Wir lassen nicht diese menschliche Welt in uns aufleben –, sondern wir bewegen uns gedanklich in Ansätzen, in Maßnahmen, Forderungen und Programmen.

Was würde es heißen, wenn wirklich diese tiefste Sehnsucht in uns aufleben würde, wenn wir sie in uns leben ließen? Wenn sie es wäre, die unsere Seele erfüllt – und ganz erfüllt?

Wie würden wir sprechen, wenn sie, die Sehnsucht, in uns leben dürfte? Welche Worte würden wir finden, welchen Klang würde unsere Stimme bekommen?

Würden wir nicht gleichsam zum Dichter, zur Sängerin werden, wenn wir wirklich in die Sphäre unserer Sehnsucht eintreten und sie nicht wieder verlassen, auch da nicht, wo wir zu sprechen beginnen? Würden wir nicht alle einzelnen „Maßnahmen“, „Ansätze“ usw. weit hinter uns lassen und von dem Zeugnis ablegen, was unsere eigentliche Sehnsucht ist?

Wir könnten dann immer noch auch von einzelnen Ansätzen sprechen, aber dies wäre nicht mehr der Schwerpunkt, wäre nicht mehr das Eigentliche, wäre ganz eindeutig nur der ganz äußerliche Weg zu dem Eigentlichen. Solche Ansätze würden dann auch nicht mehr als abstrakte Forderungen auftreten, und dies wäre auch gar nicht nötig, denn stattdessen stünde im Vordergrund das Eigentliche – und dieses selbst würde ohne alle Worte das Notwendige fordern...


Man braucht von der tiefsten Sehnsucht des Menschen nur wahrhaft zeugen – und die Sehnsucht selbst wird das ihre tun. Sie hat ihre eigene Sprache – sie spricht unmittelbar zu den Herzen der Menschen. Die Sehnsucht fordert keine Maßnahmen, sondern sie fordert den ganzen Menschen ... fordert ihn auf, ruft ihn auf, die Sehnsucht in seinem eigenen Herzen zu spüren, auf dass diese mit ihr zusammenklinge.

Der Zusammenklang entsteht immer, wo diese Sehnsucht wirklich erlebt wird, denn ihrem Wesen nach ist sie in jedem einzelnen Herzen dieselbe, auch wenn sie zugleich das Ureigenste ist...

Die Uneinigkeit entsteht nicht erst da, wo man sich über den „richtigen Weg“ zu streiten beginnt, sondern es ist eher umgekehrt: Über den richtigen Weg beginnt man sich da zu streiten, wo man die gemeinsame Sehnsucht nicht mehr teilen kann, weil weder der eine, noch der andere sie wahrhaft erlebt (und erleben lässt).

Ziehen wir uns auf die „Gründe“, die „Maßnahmen“, die Forderungen zurück, können wir wunderbar streiten – Oppositionen bilden, nicht nur gegen die, die „alles falsch machen“, sondern auch schon unter uns. Der abstrakte Intellekt kann immer nur entzweien. –

Wir sollen das Denken aber nicht „ausschalten“, wir sollen es gerade zur Realität machen, wir sollen es vertiefen, lebendig machen, wir sollen als ganzer Mensch voll darin anwesend sein.

 

Ganz und gar wahrhaftig sollen wir vor uns selbst die Frage beantworten: Was würde dies bedeuten? Bin ich als ganzer Mensch überhaupt irgendwo anwesend, wenn ich meine tiefste Sehnsucht real unterdrücke? Wenn sie nicht dasjenige ist, was ich auch am tiefsten erleben kann?

Wie aber würde ich dann sprechen, wenn ich in meiner tiefsten Sehnsucht anwesend bin und sie in mir, und ich mit ihr in meinem Denken – wie würde ich dann sprechen?

                                                                                *

Hier nun eröffnet sich der ewige Widerstreit zwischen denen, die dies wagen – und jenen, die davor zurückscheuen, auch wieder aus Angst, aus mangelndem Mut.

Der Mut kann in zweierlei Hinsicht zu gering sein. Man kann zum einen nicht den Mut haben, in dieser Weise voll wahrhaftig zu sein, seine eigene Sehnsucht ernst zu nehmen und sie auch nach außen hin voll und ganz zu vertreten und zu offenbaren. Und man kann Angst vor dem Misserfolg haben, indem man sich sagt: So idealistisch ist ohnehin kaum jemand, es bringt nichts...

Wir erleben hier also die Angst vor der Wahrhaftigkeit selbst (vor dem Offenbaren der tiefsten Sehnsucht) – und die Angst vor ihrer Erfolglosigkeit.

Letztlich ist aber auch der Zweifel am Erfolg nichts anderes als die erste Angst – denn auch wenn man sich sagt, es „bringe nichts“, nimmt man seine eigene Sehnsucht nicht wirklich ernst, sei es aus Angst, sie zu offenbaren, sei es aus anderen Gründen. Noch nie hat die wahre Sehnsucht an irgendeinen Erfolg gedacht!

Das unterscheidet Idealisten und Pragmatiker:

Die einen erleben ganz real ein Ideal – die anderen denken in völlig anderen Kategorien, bewegen sich im Reich der Abstraktion.

Der reale Gegensatz ist nicht der zwischen Idealisten und Realisten, sondern der zwischen Idealisten und Pragmatikern, denn die Pragmatiker halten sich für Realisten, sie sind aber in Wirklichkeit Abstraktlinge, während die Idealisten – wenn sie wahre Idealisten sind –, ganz auf dem Boden der Realität stehen können.

Sie sind die wahren Realisten, denn nur sie verlieren das Ideal, das die wahrhaft menschliche Realität ist, nicht. Nur sie suchen nach Wegen, dieses Ideal auch in die äußerliche Realität hineinzutragen – die Pragmatiker haben es unter all ihrem abstrakten Erwägen und Agieren von Anfang an verloren.

Hier liegt die tiefere Wirklichkeit von Einsteins Worten. 

Wir können ganz andere Ansätze und Forderungen haben als die neoliberalen Politiker und Pragmatiker – unser Denken unterscheidet sich in seiner Art dennoch nicht von dem ihren, solange wir uns in diesen Ansätzen und Forderungen bewegen, mögen sie noch so richtig sein.

Wir kommen erst da zu jenem notwendigen, ganz anderen Denken, wo wir uns wirklich auf uns selbst besinnen. Auf unser Eigenstes, auf die wahre Sehnsucht des Menschen (die zugleich wirklich die Brücke zu jedem anderen Menschen schlagen kann). Erst in diesem anderen Denken, in dem wir selbst als ganzer Mensch anwesend sind, in dem auch unsere tiefste Sehnsucht anwesend ist, finden wir die „Lösungen der Probleme“. Erst in diesem Denken sind wir wahrhaftig – und erst hier sind dann auch alle Vorschläge nicht nur richtig, sondern wahr...

 

Haben wir also den Mut, uns zu besinnen! Haben wir den Mut, uns in unsere tiefste Sehnsucht auch wortwörtlich zu vertiefen und sie so tief zu erleben, wie sie ist! Und haben wir den Mut, dann von dieser Sehnsucht zu zeugen! Dann wird das, wovon wir sprechen, der vollste Realismus sein. Unvorbereitete Gemüter werden es für den reinen Idealismus halten und diesen mit Träumerei verwechseln. Es ist aber der reine Idealismus, der die Realität des Menschen ernst nimmt.

Dieser reale Idealismus wird nach und nach jedes menschliche Herz berühren – auch jene Herzen, die von der Unmenschlichkeit der heutigen Welt schon so angekränkelt sind, dass sie Idealismus mit Weltfremdheit verwechseln und nicht erleben, wie fremd sie ihrer eigenen Wirklichkeit und Sehnsucht geworden sind.

Das Herz des Menschen ist das Organ für seine tiefste Wirklichkeit. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, sagte der Fuchs zum Kleinen Prinzen. Tragen wir dieses Herz, tragen wir unseren ganzen Menschen hinauf in unser Denken – und unser Denken wird ein Zeuge des Menschlichen werden.

Der wahren Realität des Menschlichen kann sich auf Dauer nichts entgegenstellen. Es braucht aber genügend viele Menschen, die darauf vertrauen und von dieser tiefsten Sehnsucht zu zeugen vermögen... Es braucht ein Bündnis der Menschlichkeit. Ein solches Bündnis wird in den Herzen unzähliger Menschen Widerklang finden – und die Welt wird eine andere werden.