20.11.2010

Intuition und Ich-Erfahrung? Der Unterschied zwischen Renatus Ziegler und Mieke Mosmuller

Gedanken zur Urteilsbildung, auch im Hinblick auf zwei Rezensionen von "Das Tor zur geistigen Welt".


Inhalt
Das Problem
Wovon ist die Rede? Vom Erleben jenseits ähnlicher Worte
Tote Erkenntnis – trotz aktueller Gewahrwerdung


Das Problem

In ihrem Buch „Das Tor zur geistigen Welt“ beschreibt Mieke Mosmuller eindrücklich das Wesen des reinen, lebendigen Denkens. Es wird in diesem Buch sehr deutlich, auf welche Realität sie hinweist. Dass sie auf eine Realität hinweist, wird sehr deutlich und auch wie diese Realität „beschaffen“ ist. Diese Realität zu verwirklichen, ist dann die große Aufgabe, vor der jeder Mensch steht, der sich nicht nur damit begnügen will, zu verstehen, wovon Mieke Mosmuller spricht. Das Verständnis wiederum kann auch nur ein relatives sein, denn es bewegt sich notwendigerweise auf der Verstandesebene, wie vertieft und inhaltsvoll es auch geworden sein mag. Verstanden werden muss aber auch, dass es sich bei diesem reinen Denken um das reale Tor zur geistigen Welt – oder man kann auch sagen: zur eigentlichen Anthroposophie – handelt.

Dies also ist die Herausforderung: Zu verstehen und zu erkennen, dass hier der Schlüssel zur Anthroposophie liegt und dass man Anthroposophie erst dann verwirklichen wird, wenn man diesen Schlüssel, dieses Tor verwirklicht. Man kann sich zwar auch „Anthroposoph“ nennen, wenn man sich mit den Erkenntnissen Rudolf Steiners beschäftigt und sie möglicherweise sogar weiter ausarbeitet, z.B. in der goetheanistischen Forschung. Aber man sollte sich darüber klar sein, dass man hierbei das gewöhnliche Denken nicht verlässt. Selbst da, wo man vom intellektuellen Denken loskommt und versucht, mehr „die Phänomene sprechen zu lassen“, ist das Denken in entscheidender Hinsicht doch noch immer dasselbe, auch wenn es mehr oder weniger „von sich losgekommen“ ist. Das Tor zur Anthroposophie ist gerade dort zu finden, wo das Denken zunächst mit aller Kraft zu sich findet, wo man das Denken selbst verstärkt, immer mehr. Nur dann wird schließlich der Ausnahmezustand möglich, wo das Denken sich selbst anschauen lernt. Dies ist nur möglich, wenn das Denken eine so starke Kraft geworden ist, dass es eine Realität geworden ist.

In diesem umwälzenden Ereignis liegt die Essenz der „Philosophie der Freiheit“ – die Essenz ihres ersten Teiles. Und diese ungeheure Essenz, die gerade durch die Philosophie der Freiheit erreicht werden kann, indem man sie mit aller Kraft und Energie innerlich mit-tut, ist etwas ganz anderes als das, was z.B. Renatus Ziegler in seinem Buch „Intuition und Ich-Erfahrung“ beschreibt.

Ziegler hat auch Erfahrungen mit dem Denken, er spricht sogar auch von einer aktuellen Erfahrbarkeit des Denkens in der Intuition, aber es ist wirklich etwas ganz anderes, wovon er spricht. Entscheidend ist ja nicht der äußere Eindruck des scheinbar Gleichen („aktuelle Erfahrbarkeit des aktuellen Denkens“), sondern entscheidend ist, von welcher Realität Mieke Mosmuller einerseits und Renatus Ziegler andererseits sprechen. Die Realitäten sind so verschieden, wie die Worte ähnlich sein können.

Wovon ist die Rede? Vom Erleben jenseits ähnlicher Worte

Ziegler geht sehr akkurat, exakt und genau vor. Er verwendet scharfe Begriffe, klärt sie in Definitionen, führt seine Erkenntnis Schritt für Schritt weiter, gibt für das, was auf das Vorangegangene aufbaut, wiederum exakte Bezeichnungen und Definitionen usw. – Das macht es möglich, seine Schritte in der gleichen exakten Weise nachzuvollziehen. Wohin aber kommt Ziegler auf diesem Wege?

Er kommt zu den Gesetzmäßigkeiten des Denkens. Er kommt zu den Gesetzmäßigkeiten der Inhalte des Denkens. Er kommt zu einer Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten des Denkens und der Inhalte des Denkens. Und er kommt dazu, diese Erkenntnis schließlich gegenwärtig zu haben – also während des Denkens zugleich die Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten des Denkens und seiner Inhalte, d.h. Begriffe, dabei zu haben. Also ein Denken, dass im Prozess zugleich seine eigenen Gesetzmäßigkeiten durchschaut, also sich selbst durchschaut, sich seiner selbst und seiner Gesetzmäßigkeiten bewusst ist. Dies nennt Ziegler Intuition (bzw. „intuitive Bewusstwerdung“). Indem er den gleichen Prozess dann auch für das Ich (statt dem Denken) durchläuft, kommt er zu einer Erkenntnis des Ich, das sich seiner Gesetzmäßigkeit bewusst ist – dies nennt er Ich-Intuition.

Ziegler hat also ganz konkrete, in dieser Hinsicht weitgehende Erfahrungen, die er wie erwähnt in sehr exakter Weise beschreibt.

Wenn man dies alles nun aber nachvollzieht, kommt man zu der Erkenntnis, dass es sich um etwas ganz anderes handelt als das, was Mieke Mosmuller beschreibt. Diese Erkenntnis wird man aber nur dann sicher haben können, wenn man zugleich zumindest ansatzweise auch das nachvollziehen kann, was Mieke Mosmuller beschreibt. Liest man nur darüber hinweg, wird man doch immer wieder leicht meinen können, sie und Ziegler „werden schon von dem Gleichen sprechen“. Diese Illusion kann sich um so leichter einstellen, als es ja eine gewichtige Frage ist, ob es überhaupt mehrere Arten der Intuition und Ich-Erfahrung geben kann? Denn Ziegler spricht nun einmal eindeutig davon, und Mieke Mosmuller spricht auch von Intuition.

Man wird hier schlicht und einfach nicht weiterkommen, wenn man an den Worten haftet und darauf vertraut, dass Menschen, die die gleichen Worte benutzen und vielleicht sogar ähnlich Erscheinendes beschreiben, auch das Gleiche meinen werden. Diesen Glauben muss man, wenn man zu Erkenntnis kommen will, ganz und gar loslassen. Wenn es einem mit der Erkenntnis ernst ist, darf man um Worte und Wortähnlichkeiten gar nichts geben, wirklich gar nichts. Es kommt nur auf eines an: Dass man hineinsteigt in das, was gesagt ist; dass man aus dem wirklichen Hineinsteigen versteht, was jeweils genau gemeint ist ,und dass man dieses dann genau so, wie es gemeint ist, nachvollzieht, innerlich nach-tut. Erst das, was der eine sagt – und dann das, was der andere sagt. Dann kommt man zu realen Erlebnissen, und dann kann man auch real unterscheiden – vorher nicht.

Renatus Ziegler spricht von Intuition und meint (versteht darunter) das gegenwärtige Bewusstsein der eigenen Gesetzmäßigkeit – also des Denkens und seiner Begriffe, aktuell während des Denkens.

Mieke Mosmuller spricht von einem zu einer Realität, einer Kraft gewordenen Denken, das so real geworden ist, dass es als Kraftwesen angeschaut werden kann, weil man dieser Realität auf einmal gegenüberstehen kann, obwohl man diese zugleich auch selbst ist.

Der Unterschied zu Ziegler liegt in der Kraftrealität dessen, was beschrieben wird – und in ihrer konkreten Anschauung. Mieke Mosmuller spricht überhaupt nicht von Gesetzmäßigkeiten des Denkens und seiner Inhalte, diese spielen bei ihr absolut keine Rolle. Während dies und die Gegenwärtigkeit dieser Gesetzmäßigkeiten für Zieglers Begriff der Intuition konstitutiv ist, dessen Inhalt ausmacht, weist Mieke Mosmuller auf etwas hin, was vollkommen ohne Gesetzmäßigkeiten auskommt. Damit aber muss doch ganz deutlich sein, dass sie von etwas Verschiedenem sprechen müssen. Was für Zieglers Begriff der Intuition konstitutiv ist, taucht bei Mieke Mosmuller überhaupt nicht auf. Zieglers Begriff der Intuition ist nicht Mosmullers Begriff der Intuition.

Mieke Mosmuller beschreibt ein Denken, das zu einer übersinnlichen Kraft geworden ist und dass sich selbst als diese Kraft anschaut. Also nicht ein gegenwärtiges Wissen eigener Gesetzmäßigkeiten, sondern ein gegenwärtiges Anschauen der eigenen zu einer realen Kraft gewordenen Realität.

Tote Erkenntnis – trotz aktueller Gewahrwerdung

Was Mieke Mosmuller als Intuition beschreibt, ist das durch und durch reale, anschauende Gewahrwerden eines rein Geistigen. Was Ziegler beschreibt, erscheint wie eine Art Abdruck einer real-übersinnlichen Gewahrwerdung auf der Verstandesebene. Natürlich kann man auch auf dieser Ebene von „geistigen Vorgängen“ sprechen. Jede Erkenntnis (z.B.: „Das ist ein Baum“) ist in diesem Sinne geistig, zumal dann, wenn sie voll bewusst erfolgt. Und dennoch ist dieser Begriff von „geistig“ noch immer abstrakt – und er bleibt auch dann abstrakt, wenn man ihn auf das Denken selbst ausdehnt.

Wenn ich erkenne: „Das ist eine Rose“, habe ich das Wesen der Rose noch in keinster Weise erkannt. Auch dann nicht, wenn ich im Denken gewisse Gesetzmäßigkeiten zu erfassen meine. Ebenso wenig erfasse ich das Wesen des Denkens, wenn ich seine Gesetzmäßigkeiten zu erfassen meine („tätige Anschauung, aktive Zuwendung, gewollte Begegnung“). Denn diese Gesetzmäßigkeiten sind Ergebnisse des Verstandes. Das Einzige, was man sagen kann, ist, dass der Verstand etwas von der Art der Rose erfasst – eben das, was der Verstand erfassen kann. Er geht dann eben nicht nur auf die chemische Zusammensetzung der Rosenblätter aus, sondern auch auf die Fünfzahl, die Gesetzmäßigkeit der Anordnung usw. – Das alles ist aber immer noch nicht das Wesen der Rose. Es ist noch immer nur das, was der Verstand erfassen kann. Das Verstandesdenken ist aber nicht das Denken, nicht das reine Denken.

Ebensowenig erfasst der Verstand das Denken selbst, wenn er seine „Gesetzmäßigkeiten“ erfasst. Auch hier erfasst er nur das, was eben der Verstand erfassen kann. Er erfasst Gesetzmäßigkeiten. Aber er erfasst etwas Totes. Er erfasst tote Gesetzmäßigkeiten, und damit erfasst er auch das, was ihnen unterliegt, als Totes. – Selbst wenn er diese Gesetzmäßigkeiten dann in einem aktuellen Prozess gegenwärtig hat, ist dieser Prozess doch die Intuition einer Abstraktion, es ist eine tote Intuition. Man erfasst aktuell etwas Abstraktes – es wird durch die Aktualität nicht lebendiger. Das tote Denken ist seiner selbst aktuell gegenwärtig – darum handelt es sich, und darüber geht es nicht hinaus.

Wer aber die Philosophie der Freiheit mit Verstandesdenken und Verstandesbegriffen zu erfassen versucht, pervertiert ihr Wesen vollkommen, kann es einfach niemals erfassen.

Natürlich kann man sich fragen: Wie kann sich etwas Totes aktuell gegenwärtig sein? Aber das ist ganz einfach. Denn man kann sich ja auch fragen: Wie kann etwas Totes überhaupt auftreten? Auch hier darf man nicht an den Worten haften. Wenn Rudolf Steiner vom „toten Denken“ spricht, meint er das Denken in abstrakten Gedanken und Begriffen. Etwas physisch Totes bewegt sich nicht, es ist so leblos wie ein Stein. Das tote Denken bringt sehr wohl Gedanken, Definitionen, Begriffe hervor – aber diese sind genauso tot wie das tote Denken. Und genau das ist das Problem. Man muss über das tote Denken hinauskommen. Das tut man nicht, indem man die Gesetzmäßigkeiten des toten Denkens findet, deren es sich schließlich sogar aktuell bewusst werden kann.  Sondern es geht darum, dass das Denken lebendig wird, und das wird es nicht, indem es Gesetzmäßigkeiten und Definitionen formuliert, sondern indem es zur Kraft wird. In dieser Kraft gewinnt das Denken Leben.

Die Intuition, die sich dann ereignet, ist ein alles umwälzendes Geschehen. Und auch das, was dieses lebendig gewordene Denken erkennt, ist etwas vollkommen anderes als die gesetzmäßigen Objekte des toten Denkens, ist aufgenommen in das lebendige Reich des Geistes.

Hier beginnt die Anthroposophie.