2017


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10.09.2017

Warum Mädchen-Bücher?

Von Seele und Geist.


Inhalt
Von der Sehnsucht nach dem Ideal
Der Geistesweg
Seelische Wandlung
Vom reinen Wesen des Ideals
Mensch und Mädchen
Das Geheimnis des Mädchens
Magischer Idealismus und Angst
Das Mädchen und die Geistes-Sonne


Von der Sehnsucht nach dem Ideal

Ich schreibe Bücher. Es sind nicht irgendwelche Bücher. Es steht in jedem von ihnen eine Art Vorwort, formuliert in sechs kurzen Sätzen:

Das Menschenwesen hat eine tiefe Sehnsucht nach dem Schönen, Wahren und Guten. Diese kann von vielem anderen verschüttet worden sein, aber sie ist da. Und seine andere Sehnsucht ist, auch die eigene Seele zu einer Trägerin dessen zu entwickeln, wonach sich das Menschenwesen so sehnt.
Diese zweifache Sehnsucht wollen meine Bücher berühren, wieder bewusst machen, und dazu beitragen, dass sie stark und lebendig werden kann. Was die Seele empfindet und wirklich erstrebt, das ist ihr Wesen. Der Mensch kann ihr Wesen in etwas unendlich Schönes verwandeln, wenn er beginnt, seiner tiefsten Sehnsucht wahrhaftig zu folgen...

Was die Seele empfindet und wirklich erstrebt, das ist ihr Wesen. Kann man diesen einen einzigen Satz einmal in seiner ganzen Tiefe und seinem ganzen Ernst begreifen? Was die Seele empfindet... Empfindet sie denn heute noch irgendetwas – irgendetwas wirklich?

Schon zu meinem ersten Buch „Die Wende“ schrieb eine der Anthroposophie ganz fernstehende Rezensentin:

Es ist eine eigentümliche Sprache, die [...] den Roman aber zu etwas ganz Besonderem macht; [...] das ethisch Tiefgefühlte, das spirituell Durchdrungene, all das ist selten geworden in heutiger Literatur, umso mehr in Jugendliteratur. [...] Allein die Überlegungen zur reinen Liebe, zart und tief, scheinen heute aus der Mode gekommen, und das ist in gewisser Weise schade, denn sie berühren, erschüttern auch in manchen Szenen, gehen dem Leser unter die Haut. [...]

Es gibt Bücher, in die muss man sich einlesen. Die Sprache ist nur deshalb „eigentümlich“, weil sie einen hineinnimmt, mitnimmt in das Reich der Seele, dieses so vernachlässigte, aber wunderbare Reich. Wir sind dies nicht mehr gewohnt, aber ... wenn man sich mitnehmen lässt, dann entdeckt man, dass man eigentlich im allertiefsten Sinne „nach Hause kommt“ – in eine Wirklichkeit, die so lange, lange vergessen wurde...

Die Seele ist eigentlich ein Heiligtum – aber die heutige Welt ist nicht so, dass sie zulassen würde, dass die Seele ein Heiligtum bleibt. Sie sollte ein solches Heiligtum bleiben, und sie könnte es auch – aber wir schänden es, dieses Heiligtum, weil wir gar nicht mehr wissen (und oft auch nicht mehr wissen wollen), dass es da ist...

Dennoch haben Fantasy-Filme Hochkonjunktur, und Menschen haben eine große Sehnsucht nach „Geschichten“, in denen es um den Kampf zwischen Gut und Böse geht, in klaren, tiefen Bildern, und in denen das Gute siegt. Es ist auch eine Sucht nach Unterhaltung, aber vor allem ist es doch eine Sehnsucht nach diesen Bildern.

Der Geistesweg

Von anthroposophischer Seite würde jetzt vielleicht gesagt werden: Dann schreibe Bücher, die auf die geistige Realität hinweisen. Stärke in den Menschen die Sehnsucht nach dem Geist – und zeige ihnen Wege, diesen Geist zu finden.

Wenn der Mensch ein geistiges Wesen ist, dann sollte er den Geist finden. Er sollte den Willen in das Denken hineinbringen, das reine Denken finden und dieses so kraftvoll machen, dass er im rein Geistigen erwacht – und auch das Geistige der Welt findet. Das Bewusstsein sollte in vollem Umfang erweckt werden – da liegt das wahre Menschentum und der Weg zu diesem.

Aber ich denke nicht, dass dies der einzige Weg ist, der gegangen werden muss. Es muss auch eine unendliche Vertiefung der Seele geben. Natürlich – wer wahrhaft den Weg zum Geist findet, der wird auch seine Seele zu einem gleichsam leuchtenden Kristall machen. Er findet im Geistigen die wahrhafte Liebe und wird auch seine Seele zu einem Heiligtum der Liebe machen. Die Geistes-Sonne wird in die Seele, die zum Tempel geworden ist, hineinstrahlen, und die Seele wird leuchten wie das Licht, das sie er-leuchtet...

Aber – wer geht diesen Weg wirklich? Es ist vielleicht der Königsweg des Menschentums. Aber es gibt zahllose Menschen, die ihn zu gehen meinen, und die schon auf halbem Wege oder bereits ganz am Anfang scheitern und stehenbleiben. Was dann leuchtet, ist oft nicht die Liebe, sondern Luzifer. Man kann dann meinen, man sei großartig mit der Anthroposophie „verbunden“, kann sogar umfangreiche Webseiten aufbauen, in denen man die Wahrhaftigkeit erwähnt und vieles andere – und auf der anderen Seite in niederstem Spott und Seelenkälte steckenbleiben [so stammen etwa diese Webseiten von ein und demselben Menschen: o o].

Was ich damit zum Ausdruck bringen will, ist, dass der Weg zum Geist wahrhaft ungangbar ist (so wie die Gralsburg unnahbar ist), wenn nicht der vollkommene Ernst der Seele waltet, wenn nicht auch die Seele zu einem Heiligtum gemacht wird und mit Aufrichtigkeit wirklich durchdrungen, ja durchtränkt wird.

Der Geistesweg würde das wahre Wesen des Menschen leuchtend zur Offenbarung bringen – aber er wird nicht gegangen. Er wird sogar von nicht Wenigen geradezu verspottet, die ihn zu gehen meinen.

Mir ist inzwischen sehr deutlich geworden, dass die meisten Menschen den Weg zum Geist gar nicht finden können – den Weg vielleicht schon, aber nicht mehr als ganz wenige, allererste Schritte auf diesem –, weil sie bereits auf dem Weg der Verwandlung der Seele stehenbleiben und schon dort gelähmt niederfallen, unfähig zu weiteren Schritten, die sie bräuchten, um weitergehen zu können. Dazu kommen die ungezählten anderen Menschen, die den Weg zum Geist zunächst überhaupt nicht suchen und sich auch niemals für ihn interessieren würden, wenn nicht zuvor etwas anderes eintritt – eine ganz bestimmte Berührung ihrer Seele.

Seelische Wandlung

Meine Bücher sind nicht Bücher, die einen Geistesweg zeigen, aber es sind Bücher, die die Seele verwandeln können, wenn man sich auf sie einlässt. Das ist natürlich immer die Bedingung – überall. Jede Berührung verwandelt... Aber etwas kann noch so berührend sein – man muss sich auch berühren lassen. Sie, die Bücher, berühren gleichsam etwas in der Seele, aber der Leser muss auch den Mut haben, diese Stimme in der eigenen Seele, die dann antwortet, zu hören.

Ein immer wiederkehrendes Motiv in meinen Büchern ist das des reinherzigen Mädchens. Es braucht offenbar Mut, sich darauf einzulassen. Die einen denken, es sei ja „nur ein Roman“ und wollen ihre Zeit mit „Wichtigerem“ verbringen. Andere haben bereits im Kopf einen inneren Zensor, der ihnen verbietet, sich auf Bücher einzulassen, in denen es um junge Mädchen geht. So, wie die Greuel der Nazi-Zeit und auch des „Kommunismus“ den Seelen eine tief sitzende Furcht vor aufrichtig empfundenen Idealen eingeimpft haben, so haben die ans Licht gekommenen zahllosen Missbrauchsfälle und das gewachsene Bewusstsein bezüglich dieser Gefahr den Seelen eine tief sitzende Furcht eingeimpft, sich von einem Mädchen mit einer reinen Seele berühren zu lassen.

Tatsächlich liegen in dieser Berührung Licht und Dunkel nah beieinander – das Heiligste und das Abgründigste. Und doch geschah noch nie irgendeine innere Verwandlung ohne wahrhafte Berührung...

Man bekämpft das Dunkle nicht, indem man es verleugnet, verdrängt oder abwehrt. Der einzige Weg ist der der manichäischen Verwandlung – das Geheimnis von Parzival, „mitten hindurch“. In der Weltliteratur ist es immer wieder das Mädchen gewesen, das noch die dunkelsten Kräfte heilen konnte. Wenn man eine Kulturgeschichte der Läuterung schreiben wollte, käme den Mädchen ein zentrales Kapitel zu. Für seine unreinen Gedanken ist ein Mensch immer selbst verantwortlich – aber ein Mädchen mit einer reinen Seele kann auch einer unreinen Seele ein Licht schenken, an das sie vielleicht nie geglaubt hätte... So ist das Mädchen selbst ein zutiefst manichäisches Wesen. Das ist das Geheimnis meiner Bücher.

Es ist eigentlich eine Unwahrhaftigkeit, zu glauben, das alles ginge einen nichts an – man sei selbst bereits wesentlich weiter, als „Mädchen-Bücher“ lesen zu sollen. Natürlich „soll“ niemand etwas. Aber man wird die Erfahrung, wie tief einen die Begegnung mit einem Mädchen vielleicht verwandeln kann, nur machen können, wenn man ... sich eben darauf einlässt. So ist es wie gesagt mit allem. Bei einem Roman braucht man eigentlich keine Angst zu haben, eine unsichtbare Grenze zu überschreiten. Da kann man sich von dem Wesen eines Mädchens so tief berühren lassen, wie es einem nur möglich ist – wenn es einem überhaupt möglich ist. Das sollte es aber. Denn eine der heiligsten Gaben der menschlichen Seele ist die der Empathie. Wenn man nicht mehr fühlen kann, was das Heilige einer sehr reinen Seele ist, kann man das Heilige überhaupt nicht mehr fühlen...

So sind meine Bücher ein Weg, ein heute fast vergessenes Licht wieder zu finden: das Licht der Mädchen. Es ist heute fast vergessen – das heißt, ich spreche nicht von gewöhnlichen Mädchen auf der Straße, sondern von einem idealischen Geheimnis. Aber selbst der Mut zu diesem Idealischen, zu einem Bekenntnis gegenüber dem Leuchtenden eines solchen Ideals, geht heute verloren. Ohne diesen Mut ist der Mensch aber kein Mensch mehr.

Vom reinen Wesen des Ideals

Man sagt dann etwa: Das Ideal erdrückt die Wirklichkeit. Du siehst ja den realen Menschen gar nicht mehr, wenn du dir fortwährend deine „Mädchen-Ideale“ machst. Aber das Gegenteil ist wahr. Nur ist dieser Zusammenhang sehr schwer begreiflich zu machen – insbesondere ist er jenen Menschen schlichtweg nicht begreiflich zu machen, die, verblendet von Vorurteilen, ihn gar nicht begreifen wollen. Andererseits wäre das wirkliche Verstehen so einfach...

Einengen und Unterdrücken können immer nur Ideale, die der Umwelt aufgepresst werden sollen. Das gerade war und ist das Furchtbare der Diktaturen aller Zeiten und aller Art. Und deshalb besteht diese große Furcht vor Idealen – auch bei denen, die sich dies gar nicht eingestehen. Aber auf der anderen Seite würde ein Ideal jeden Sinn verlieren, wenn es nicht einmal existieren dürfte. Nicht darauf kommt es an, dass ein Ideal der Umwelt übergestülpt wird, sondern darauf, dass es hell leuchtend, innig und aufrichtig im Herzen getragen wird. Auch die Freiheit ist ein Ideal – und sie ist es dann, wenn es immer auch die Freiheit des Anderen ist. Wenn aber dieses Ideal im Herzen getragen wird, dann können es auch alle anderen Ideale, ohne dass man jemals einem Menschen das im Herzen getragene Ideal aufdrängen wollen würde.

Eine tiefe Liebe zum Heiligen bedeutet nicht, dass man von anderen Menschen erwartet, sie müssten heilig sein. Eine tiefe Liebe zu einem Mädchen mit einer reinen Seele bedeutet nicht, dass man von irgendeinem Mädchen erwarten würde, es müsste eine reine Seele haben. Das würde schließlich bedeuten, von jedem Menschen zu erwarten, er möge in höchstem Maße liebenswert sein. So etwas wäre schlicht unsinnig und in höchstem Maße selbstbezogen und egoistisch.

Es ist eigentlich sehr seltsam, dass Büchern, die den Leser in gewisser Weise in ein berührendes Ideal eintauchen lassen, der Vorwurf gemacht wird, sie wollten die Welt – oder zumindest die Mädchen – „normieren“. Das Gegenteil ist der Fall. Natürlich – wir haben eine lange Geschichte hinter uns, in der versucht wurde, „Ideale“ mit allen Mitteln „festzuschreiben“ und zu erwarteten Rollenmustern werden zu lassen. Aber es dürfte klar sein, dass in diesem Sinne ein idealistisches Buch längst ein Anachronismus geworden ist – dafür braucht man sich den Buchmarkt nur einmal kurz anzuschauen. Es besteht also eher die ganz eindeutige Situation, dass man für ein entsprechendes Ideal nur noch mit einem Kopfschütteln bedacht wird, wenn nicht Schlimmeres.

Der Vorwurf der „Normierung“ fiele sofort in sich zusammen, wenn derjenige, der so (vor)(ver)urteilt, den inneren Prozess einmal mitmachen würde, der in einem solchen Buch möglich wäre. Denn es geht ja gerade um die Begegnung mit einer reineren Seele, als es die eigene ist. Es geht zum Beispiel darum, dass ein solches Mädchen jeden Menschen viel mehr so sein lassen würde, wie er ist, als wir alle es tun (bzw. eben nicht tun). Nicht darum geht es, die übrigen Mädchen an dieses Ideal zu erinnern – sondern sich selbst davon berühren zu lassen. Das ist der wahre Unterschied zwischen einem Ideal und einer Rollenzuschreibung: Die Rolle wird teilnahmslos anderen zugeschrieben, das Ideal soll die individuelle Seele berühren. Eine Rolle ist Diktatur. Ein wahrhaftiges Ideal ist jedes Mal ... Begegnung, Berührung, Wandlung.

Wenn man einem Mädchen mit reiner Seele in einem Roman begegnet ist, fängt man nicht an, von allen Mädchen reine Seelen zu erwarten – sondern man fängt an, an die Umgebung immer weniger Erwartungen zu haben, weil etwas von der Liebe dieser reinen Seele auf die eigene Seele übergegangen ist. Nicht eingebildete Liebe, sondern wahre Liebe...

Für den Autor ist klar, dass die Mädchen die wahren Verwandlerinnen des Menschengeschlechts sind – dennoch bleibt es eine Mutfrage, sich dies einzugestehen. Denn wer will sich von einem Mädchen etwas lehren lassen? Damit fängt es schon an: mit dem eigenen Hochmut und der eigenen Selbstüberzeugtheit. Sehr verwandt damit ist ein tiefer, meist ganz unbewusster Unwille, wirklich grundlegend ein anderer Mensch zu werden. Dafür lieben die meisten Seelen sich selbst viel zu sehr. Und dann zerrt man liebend gern alle Vorurteile an sich heran, die einen davor beschützen können: dass es sich eben doch nur um ein anachronistisches Modell handelt etc. etc. etc. Ein reinherziges Mädchen gern zu haben, ist leicht – aber in der eigenen Seele auch nur einen Schritt in seine Richtung zu gehen, das will man dann lieber doch nicht...

Das ist es, was ich immer wieder zum Ausdruck zu bringen versuche: Es verschwindet das Bewusstsein davon, was das Heilige, das Leuchtende, seinem Wesen nach überhaupt ist – und es verschwindet die aufrichtige Sehnsucht danach. Ich lasse mich für meine „Mädchen-Bücher“ gerne verspotten, wenn sie nur dazu beitragen, dass für manche Menschen dieses Heilige dadurch doch wieder sichtbar wird. Das wahre Wesen der Mädchen ist Trägerin dieses Heiligen...

Mensch und Mädchen

Es bleibt dann noch ein einziger Vorwurf übrig, und dieser ist: Du fixierst dennoch die Mädchen und auch die Leser auf dieses Bild: das Mädchen mit der reinen Seele. Wir leben aber im Zeitalter der Bewusstseinsseele. Das Mädchen ist auch ein Mensch und will Mensch werden. Du betonst das Mädchen. Der wahre Mensch ist aber als Geistwesen völlig jenseits von weiblich oder männlich. Du fixiert den Blick auf das Weibliche – und dann noch auf das Mädchen. Das ist gleichsam anti-geistig. Du verhinderst die geistige Entwicklung geradezu.

Nun – wenn man diesen Vorwurf aufrichtig meint, möge man ihn mir und meinen Büchern machen. Nur gestehe ich diese Aufrichtigkeit nur jenen Menschen zu, die mit ebensoviel Aufrichtigkeit nach einer Verwandlung ihrer Seele hin zu einer Reinheit streben. Sonst ist ein solcher Vorwurf leicht gemacht und besagt nicht das Geringste. Denn was ich betone, ist nicht so sehr das Mädchen an sich, sondern dass es als Mädchen ein Geheimnis in seiner Seele trägt. Wenn man von diesem Geheimnis gar nicht Kenntnis nehmen zu müssen meint, kann man natürlich alles verurteilen. Man sieht ja gar nicht, was sich einem offenbart. Wenn sich dieses Geheimnis einem aber offenbaren würde, würde man mir nicht den Vorwurf der Fixierung machen, denn man würde auf einmal selbst begreifen, was ein Mädchen eigentlich ist...

Ja, es ist wahr, ein Mädchen ist auch ein in einem weiblichen Leib sich inkarnierendes Geistwesen. Trotzdem geht es darum, dass es noch viel mehr offenbart als nur das. Und das ist das Geheimnis. Der Mensch macht in seiner Inkarnation den Abstieg in die Schuld, einschließlich des Profanen, Gewöhnlichen, Oberflächlichen. Man kann in dieser Hinsicht sagen: Der Mensch wird immer weniger Mensch, je mehr er sich inkarniert. Wir wissen, dass auch der Aufstieg wieder möglich ist und dass die Entwicklung ein Ringen ist. Dennoch inkarniert sich beim Abstieg aus der geistigen Welt immer ein gewissermaßen unendlich guter Wille – und verliert sich dann doch wieder, wird verschüttet bis zu einem kleinen Fünkchen, das umgeben ist von so unglaublich viel Selbstbezug. Es ist einfach ein Faktum, dass uns ein Mädchen mit einem reinen Herzen an etwas erinnert, was uns wesenhaft verlorengegangen ist. Es ist unbeschreiblicher Teil seines Wesens, aber nicht mehr unseres Wesens. Was in seinem Wesen leuchtet, ist bei uns zu einem armseligen Dahinglimmen verkommen.

Man kann dann auf all das hinweisen, was man einem solchen Mädchen „voraushat“, aber das sollte man lieber lassen, denn auf einen solchen „Wettstreit“ kommt es ja nicht im Geringsten an. Das Aller-Einzige, worauf es ankommt, ist, sich von seinem Wesen berühren zu lassen. Das ist wirklich alles. Und erst wenn dies geschieht, versteht man, warum dies so wichtig ist...

Und man kann noch so sehr darauf hinweisen, dass dieses Wesentliche auch Jungen haben können und natürlich Kinder überhaupt, Babys. Natürlich, das ist alles wahr. Das Geheimnis der Unschuld kann man überall finden. Dennoch wird man es nie in der Form finden, in der es nur die Mädchen offenbaren – jene Mädchen, deren Wesen unschuldig ist. Für diese Mädchen gilt, was ich vor wenigen Tagen in einem anderen Aufsatz schrieb: Das Mädchen ist in seinem Wesen viel freier von den Gegenkräften als der Junge. Man könnte es empfinden, wie wenn selbst ein Junge mit reiner Seele die Gegenkräfte bis auf Handbreite an sich herankommen lassen müsste, während sie einem Mädchen mit reiner Seele auf Armeslängen fernbleiben müssten...

Man kann den Geistesweg auch nicht betreten, wenn man sich mit Gewalt die Augen vor wesenhaften Unterschieden verschließt. Wenn es diesen Unterschied nicht gäbe, müsste die gesamte Weltliteratur einschließlich der großen Welt der Märchen umgeschrieben werden. Es zeugt von einer ganz anderen erfolgreichen Wirkung einer neuen Geistesdiktatur, wenn man blind wird für diesen Unterschied. Der Mensch in seinem Geistwesen ist frei von männlich-weiblich, das Mädchen ist es nicht – es offenbart gerade das Wesen des Weiblichen. Sich von beiden Geheimnissen berühren zu lassen, das ist das ganze Geheimnis. Vielleicht sucht sich manche reine Seele gerade den Körper eines Mädchens – oder vielleicht hat manche reine Seele im Körper eines Mädchens noch viel mehr die Möglichkeit, ihr Wesen wahrhaft zu offenbaren...

Wie auch immer – Verwandlung ist nur möglich, wenn man sich berühren lässt. Kant sagte einst: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Man möchte hinzufügen: Habe den Mut, dich von dem ganzen Wesen eines Mädchens mit einer reinen Seele berühren zu lassen...

Das Geheimnis des Mädchens

Ein kleines Kind ist immer unschuldig. Ein Mädchen, je älter es wird, verliert seine Unschuld genau wie ein Junge – bis auf manche Mädchen, die ein unschuldiges Wesen bewahren. Warum tun sie das? Weil es wirklich ihr Wesen ist und über ihr bloßes Mädchensein hinausgeht, sehr wohl aber auch mit ihrem Mädchensein zu tun hat. Hier verbindet sich das Geheimnis der Individualität mit dem Geheimnis des Mädchens...

Es ist eigentlich traurig, dieses Geheimnis überhaupt beschreiben zu müssen – denn das zeigt gerade, wie sehr es verlorengegangen ist. Dabei weiß doch jeder, dass Männer mehr für den Kopf veranlagt sind, Frauen mehr für das Gefühl – und dass selbst bei dem Übergang vom Mädchen zur Frau ein „Schuldigwerden“ im Sinne eines Falles in den bewussten Intellekt stattfindet. Das idealische Wesen des Mädchens ist gerade – das reine Herz.

Man kann dieses Geheimnis nicht erklären – denn der Kopf kann es vielleicht registrieren, aber nur das eigene Herz kann es spüren. Das Geheimnis der Unschuld kann nur direkt zum anderen Herzen sprechen. Der Ich-Sinn des Menschen nimmt unmittelbar das Ich des anderen Menschen wahr. Aber das Herz nimmt unmittelbar das Herz und die Seele des anderen Menschen wahr – zumindest da, wo sich diese andere Seele nicht verstellt, und in tiefstem Sinne offen vor den Augen des Herzens liegt das Wesen des unschuldigen Mädchens.

Das schuldige eigene Seelenwesen könnte nach diesem unschuldigen Wesen des Mädchens nun ein Begehren haben – der unschuldige Teil auch der eigenen Seele kann von der reinen Mädchenseele nur berührt werden. Und selbst der schuldige, in den Selbstbezug gesunkene Teil der Seele kann eine bisher nicht gekannte, nicht gefühlte Sehnsucht bekommen. Das ist das Geheimnis des Mädchens, die erlösende Kraft seiner unschuldigen Seele...

Licht und Finsternis liegen in der Begegnung mit dem Mädchen dicht beieinander. Denn an dem abgrundtief Guten bäumt sich das Böse ganz besonders auf. Man könnte sagen: Es hat eine namenlose Begierde, dieses unbeschreibliche Leuchten zu sich herunterzuziehen. Doch zugleich ist es auch die unendliche Begierde, von ihm erlöst, emporgezogen zu werden... Das Mädchen würde dieses Letztere unbedingt tun – aber das Böse muss begreifen, dass es dies auch geschehen lassen muss. Der letzte Schritt liegt bei ihm. Das Böse muss selbst gut werden wollen, es muss eine letzte, wichtigste Entscheidung selbst treffen. Im Grunde ist es in der Begegnung mit dem Mädchen bereits erlöst – aber es muss dies dann auch abgrundtief wollen. Andernfalls fällt es wieder zurück in sein bisheriges Sein – und wird auch an dem Mädchen wieder schuldig...

Zwei Jahre nach der Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens sagte der Regisseur Roman Polanski: „I realise, if I have killed somebody, it wouldn't have had so much appeal to the press, you see? But… fucking, you see, and the young girls. Judges want to fuck young girls. Juries want to fuck young girls – everyone wants to fuck young girls!“ [o].

Das hat eine Wahrheit. Aber Polanski beschreibt den schuldigen, gefallenen Teil der Seele – und ereifert sich sogar darüber, dass seine verabscheuungswürdige Tat so viel „Presse“ gehabt hat. Er hat keinen Zugang zu dem eigentlichen Mysterium der Anziehung des Mädchens. Sonst hätte der reine Teil seiner Seele sich dieser Tat unendlich schämen müssen. Denn die unreine Seele erliegt dem „appeal“, der Anziehung in der Weise, dass sie die Unschuld des Mädchens schändet. Wenn aber sogar der unreine Teil der Seele seine Sehnsucht in tiefstem Sinne begreifen würde, würde er sich von dem Mädchen in ganz anderer Weise anziehen lassen – und dann würde das zutiefst Unschuldig-Weibliche des Mädchens die unreine Seele erlösen. Das ist dasjenige Wunder, das Goethe in allgemeiner Form die heilige Macht des „Ewig-Weiblichen“ nannte.

Es liegt in der Verantwortung der Seele selbst, was sie in dem Mädchen sieht. Und dies ist wirklich in tiefstem Sinne gemeint: was sie sieht. Denn sie sieht es...

Magischer Idealismus und Angst

Sich von dem Wesen der Unschuld berühren zu lassen, ist kein rationaler Prozess, der Überlegung erfordern würde, es ist ein unmittelbares Geschehen – es ist unmittelbare Berührung des eigenen Wesens durch das heilig-unschuldige andere Wesen. Denken wir noch einmal an die Märchen. Das unschuldige Wesen des Mädchens hat keine Grenze. Und die gefallene eigene Seele braucht wirklich den Mut, wieder die Flügel auszubreiten. Die Seele braucht den Mut zum grenzenlosen Idealismus, zu einer grenzenlosen Liebe zu diesem Ideal. Denn nur diese grenzenlose Liebe kann das grenzenlose Wesen erfassen. Nur dann, wenn die Seele den Mut hat, alle Profanität und alle Gewöhnlichkeit fallenzulassen und gleichsam Novalis und seinem magischen Idealismus auf dem Fuße zu folgen, wird sie in der Lage sein, dasjenige, was das Mädchen in jedem Moment offenbart, wirklich zu sehen. Es ist heiligste Menschheitszukunft.

Die übrigen Seelen „sehen“ dies auch, und doch ist ihre Sehkraft zu schwach, ihr gefallener Wille zu schwach und zu unverwandelt, um es auch erlebend zu erkennen. In tiefstem Sinne ist dieses Erkennen immer ein Einswerden. Die heilige Wirklichkeit der Unschuld kann von der Seele nur in dem Maße wahrhaft erkannt werden, wie sie selbst im Erkennen unschuldig geworden ist. Dort, wo dieser alchymisch-mystische Prozess nicht geschieht, bleibt es immer nur eine Art „Registrieren“. Denn selbst der schuldigste Teil der Seele erkennt die Unschuld noch – aber nicht auf dieses Erkennen kommt es an, sondern auf das Verwandeltwerden. „Und sie erkannten einander...“ Es gibt keine Verwandlung ohne ein Einswerden – das Einswerden ist gerade die Verwandlung. Jede wahrhafte Berührung wirkt in dieser manichäischen Weise. Aber man muss sie zulassen.

Das Geheimnis des Mädchens ist sein Wesen...

Es kostet in unserer Zeit Mut, in der eigenen Seele unschuldig zu werden. Es kostet in unserer Zeit Mut, sich vom Wesen eines Mädchens berühren zu lassen. Und es kostet Mut, von dem berührenden Wesen der Mädchen auch nur zu schreiben. An jeder Stelle versuchen die Gegenkräfte, dies zu verhindern und der Seele Angst einzuimpfen. Angst davor, unschuldig zu werden. Angst davor, sich berühren zu lassen oder sich das Berührende einzugestehen. Angst davor, sogar das Selbstverständlichste auszusprechen.

Man kann mit der Angst vor und dem Hinweis auf das Dunkelste das Lichtvollste verhindern. Indem wir überall Terroristen vermuten, schaffen wir eine überwachte Welt, in der jeder jeden verdächtigt. Indem wir überall Missbrauch vermuten, schaffen wir eine Welt, in der noch das unschuldigste Mädchen nur distanziert wahrgenommen wird – wie jeder andere Mensch. Aus Angst vor dem Missbrauch (und dem entsprechenden Verdacht) missbraucht die Seele sich selbst, indem sie sich tiefere Gefühle verbietet. Dies zeigen alle Science-Fiction-Filme: Die Normierung der Welt in einheitliche, empfindungslose, überwachte Individuen. Hier liegt die wahre Normierung: in der Diktatur der Überwachung und des Verdachts.

Aber zwischen furchtbarem Missbrauch und flächendeckendem Verdacht geht auch das Wesen des Mädchens mitten-hindurch und weist durch sein Wesen auf eine Menschheitszukunft hin, in der es weder Missbrauch noch Gefühlsverbote gibt, weil die Seelen rein werden – und rein meint hier nicht „steril“ und „klinisch rein“, sondern im Gegenteil, es meint tiefste Empfindungen, die zugleich aber nie die Verbindung zur Unschuld verlieren.

Das Mädchen und die Geistes-Sonne

Wie kann sich das Menschenwesen die Empfindungen verbieten wollen, wenn das heilige Wesen des Mädchens gerade offenbart, wie sehr alles Menschliche davon abhängt, dass die Seele tiefe Empfindungen hat? Gerade deshalb ist das Mädchen doch menschlicher als alle anderen Menschen! Es hat Empfindungen – tiefe, reiche, ungezählte Empfindungen. Und es hat sie in voller Unschuld... Und man kann dies unendlich oft wiederholen. Aber nur der magische Idealismus, der den Mut hat, ganz und gar zu sehen, was hier da ist, hat auch den Mut, zu erkennen, ganz und gar, dass hier das Wesen, das Zentrum des Menschlichen liegt. Und das Erkennen ist dann nicht ein unbewegt lassender kognitiver Akt, sondern der Prozess einer erschütternden Realisierung, ein moralischer Prozess, der zugleich die Erkenntnis des eigenen Abstandes von diesem Menschlichen mit sich bringt. Diese Erkenntnis ist fortwährend lebendig – und sie ist fortwährend innigst verbunden mit dem Gewissenswesen. Das Mädchen und die wahrhafte Erkenntnis seines Wesens ist verbunden mit einer Erweckung des umfassenden, realen Gewissenswesens des Menschen.

Man kann noch so sehr nach dem Geist und der Geistes-Sonne streben – die Frage ist, von welchem Geist und welcher Sonne wir eigentlich reden. Man kann lieblos den „Geist“ finden. Man kann den Geist finden und dann fortwährend von Liebe reden, aber auch dies in einer merkwürdig sterilen Weise, in der sich die Individualität in gewisser Weise verliert. Den Geist zu finden, ist vielleicht gar nicht so schwierig – aber worauf kommt es denn eigentlich an? Diese tiefste Frage kann eigentlich nur das Herz selbst stellen – und auch beantworten, immer wieder neu, sich vertiefend...

In der Welt des Geistes könnte einst eine allerheiligste Sonne gefunden werden. Aber es gibt ein Wesen, das das Wesen dieser Sonne so rein offenbart wie nichts sonst – und das ist das Mädchen. Seine reine Seele ist gerade der Ort, wo diese unbeschreibliche Sonne leuchtet und strahlt. Und so ist der Weg, sich vom Wesen des Mädchens berühren zu lassen, auch ein Weg zu diesem heiligen Welten-Mysterium. Und die innere Weigerung, sich von diesem Wesen des Mädchens tiefer berühren zu lassen, wäre zugleich ein Abweisen, ja Verleugnen des Heiligsten überhaupt – denn das Mädchen ist seine Trägerin.

Die wahre Unschuld des Mädchens ist immer zugleich unschuldigste Liebe zur Welt. Es sind die Kräfte der Liebe, des Vertrauens, der Hingabe, des zutiefst guten Willens, die die wahre Unschuld der Mädchenseele ausmachen. Das kann man verspotten, das kann man als bloßes „Ideal“ abtun – man kann aber auch lernen, es zu sehen. Im ersten Fall überliefert man seine Seele selbst jenen Gegenkräften, die nichts von alledem zur Geltung kommen lassen wollen. Im zweiten Fall betritt man einen Weg, auf dem man überhaupt erst lernt, das Wesen dieser heiligsten Licht-Kräfte zu begreifen – und ganz allmählich lernt, wie es möglich ist, ihnen treu zu werden. Das Mädchen ist auch die größte Lehrerin der Treue.

Liebe und Treue – im Seelischen und unbewusst, aber dennoch mit voller Kraft, ist das Mädchen die heilige Offenbarerin dieser Sonnen-Kräfte. Schiller schrieb: Was die Pflanze willenlos ist, sei du es wollend – das ist das Höchste. Wenn die Rose das Heilige der Pflanzenwelt symbolisiert, im Rosenkreuz aus der Unschuld der abgestorbenen niederen Seelenkräfte hervorblühend, so kann das Mädchen die Rose der Menschenwelt genannt werden. In ihm blühen die reinsten Himmelskräfte unschuldig und gar nicht notwendigerweise bewusst in seiner Seele. Hier ist die Sonne in erschütternder Reinheit anwesend. Die Frage ist: Haben wir auch nur den Mut, dies zu sehen?

Oder leugnen wir schon dies – um nicht die nächste Frage beantworten zu müssen: was dann eigentlich wir offenbaren... Das Mädchen offenbart ein Höchstes – und wir streiten schon um die Frage, ob es erlaubt ist, den Mut zu fassen, sich davon so tief wie möglich berühren zu lassen. Wir leben in einer Welt, die vorgibt, das Unschuldige zu schützen – die aber sein wahres Geheimnis überhaupt nicht kennt. Denn um es kennenzulernen, muss man sich berührbar machen, in tiefster Weise. Und man muss das Idealische wiederfinden – in heiligster und höchster Weise. Nur dann wird man auch dem Mädchen gerecht werden – denn dann erst wird man wirklich erleben, was sein Wesen ist...