2025
Die Nacht des Heiligen
Gedanken zur furchtbaren Wahrheit unserer Zeit und der ,modernen’ Seele.
,Alle Jahre wieder...’ schreibe ich zur Weihnachtszeit einen Aufsatz, aber es gibt keine ,ewige Wiederkehr des Gleichen’, auch nicht des Wunderbaren, des Tröstenden, des Segnenden.
Alle Jahre wieder ... ereignet sich nur das immer leerere, immer furchtbarere Ritual. Es beginnt mit dem Erscheinen von Schokoladen-Weihnachtsmännern Ende Oktober (oder noch früher?) in den Regalen der Supermärkte ... und es endet nach dem Vorweihnachtsstress im zwanghaften Versuch von ,Familienharmonie’. Die ,Familie’ ,kommt zusammen’, weil man ja nun einmal ,Familie’ ist – und weil ,Weihnachten’ ist. Gutes Essen, rituelles Beisammensein, der Versuch, irgendein ,Fest der Liebe’ zu begehen, ohne sich die Schädel einzuschlagen...
Millionen Menschen stöhnen über den Geschenkezwang, über den Zwang dieses Rituals überhaupt, über die Sinnlosigkeit, aber ... das ,Müssen’ – und Millionen atmen erleichtert auf, wenn ,es vorbei ist’. Dann noch zu Sylvester ,die Sau rauslassen’, und es ist wieder einmal geschafft. Ein weiteres Jahr ist ,’rum’...
Nichts zeigt so sehr wie diese kurze Skizze, wie grenzenlos wir mittlerweile in einer grenzenlosen Leere angekommen sind. Oh ja – das übrige Jahr können wir hervorragend füllen mit all unseren selbstbezogenen Illusionen, Träumen und Wirklichkeiten; mit unseren ,Hobbys’, Schrullen, Selfies, Madeira-Urlauben und Konsum- und Genuss-Jagden. Wir können uns hervorragend betäuben darüber, dass ,alle Jahre wieder’ das Ende dieser seltsamen, angeblichen Sinnhaftigkeiten näher rückt – der Tod. Aber – bis dahin ,ist noch Zeit’, und bis dahin nimmt man noch ,alles mit, was man kriegen kann’, denn: ,man gönnt sich ja sonst nichts’!
Und weiter dreht sich das Rad der Floskeln, der fremdbestimmten Psychoreflexe, des konditionierten ,Genuss’-Modus, der sich selbst reproduzierenden Sinnlosigkeiten, die aber ganz anders etikettiert und ,geframed’ werden, nämlich als ,Spaß’, ,Fun’ etc., wunderbar zu studieren an der großen Mehrzahl von Werbespots. Oder auch Ratgeberliteratur wie ,Du bist es dir wert’ oder ,Wie ich schneller reich werde’ und so weiter und so fort.
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Alle Jahre wieder steigt die Sinnlosigkeit weiter an, während in strenger Parallelität dazu das menschliche Bewusstsein die Qualität und Realität des ,Heiligen’ verliert. Was soll noch ,heilig’ sein, wenn man ... es vor allem selbst ist? Jedes ,Selfie’ beweist es, ebenso aber auch jede Egoisierung der Gesellschaft Tag für Tag.
Man mag ,die Politik’ dafür verantwortlich machen – die Regierung Merz hat ,Hartz IV’ wieder eingeführt (es nur nicht wieder so genannt), propagiert jetzt die sogenannte ,Frühstart-Rente’ schon bei Kindern, weil die staatliche Gemeinschaft nicht in der Lage ist, eine lebenssichernde Rente zu gewährleisten, sondern nun schon Kinder ,selbst vorsorgen’ sollen, während man sich zugleich gegen jede steuerliche Antastung des immer weiter wachsenden Reichtums der Reichen sträubt, obwohl klar ist, dass dem irgendwo ein Anwachsen der Armut entsprechen muss...
Man mag die Werbebotschaften verantwortlich machen – die fortwährend den Selbstbezug befeuern, ,feiern’ und ,pushen’ (nach dem Motto ,hab Fun wie wir...’ oder ,kauf kein Kack’ und Millionen anderer Varianten).
Letztlich aber ist jedes individuelle Bewusstsein für sein eigenes Sein und Wesen verantwortlich. Nichts kann dies ändern. Selbstverständlich beladen sich Merz und seine ,Parteischergen’, selbstverständlich beladen sich die Werbespotmacher und -macherinnen, die etwas ,vermarkten’ wollen und darum das Konsum-Selbst pushen und ansprechen müssen (ganz nach der Markt-Logik) nicht zu beziffernde Schuld auf sich, weil sie Entwicklungen stärken, fördern, vorantreiben ... aber niemand ist gezwungen, diesen regelrechten Wahn-Sinn mitzumachen. Auch wenn der Zwang gigantisch ist.
Das Individuum ist sich selbst das Heiligste. Diese Entwicklung ist der Ursprung. Das hat nicht Merz angestoßen, nicht die Werbeindustrie, nicht sonst wer. Es ist vielmehr umgekehrt. Die furchtbare Ideologie des Kapitalismus konnte nur entstehen, weil das Ego längst ,am Start war’ – wer sonst hätte sie ,erfinden’ sollen? Die Werbebotschaften wiederum funktionieren nur innerhalb der Logik des vorgegebenen Systems – was sollen sie sonst tun? Und wenn es keinen ,Selbst-Gott’ gäbe, was könnte die Werbeindustrie ausrichten? Rein gar nichts... Es gibt ihn aber – –.
Die Selbst-Vergottung der menschlichen Bewusstseine ist der Ursprung. Sie kann historisch sehr genau verfolgt werden. Sie hat zu tun mit dem Aufkommen des immer klareren Bewusstseins, das andererseits auch die buchstäbliche ,Aufklärung’ brachte; die Befreiung von alten Dogmen, von ,Mythen’ und anderem mehr – aber eben auch neue Gefangenschaften und neue Dogmen. Denn mit der Ratio kam der Intellekt, und dieser hatte plötzlich kein Herz mehr, aber all diese schleichenden Entwicklung bemerkte man nicht. Man bemerkte sie sehr wohl, aber verstand in der Regel nicht die großen Zusammenhänge.
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Das Bewusstsein wurde plötzlich wach, man entdeckte buchstäblich die Welt – und gleichzeitig begann der Kolonialismus, denn Träger dieses neuen Bewusstseins war zunächst einmal ... der weiße, patriarchale Mann. Die Frau an seiner Seite wiederum begann, sich ihrer Unterdrückung stärker und stärker bewusst zu werden – und ihres Eigenwesens. Man(n) spielte das herunter, reduzierte die Frau auf ihre ,Gebärmutter’, da sie sich ansonsten ja nicht so ,hysterisch’ benehmen würde...
All dies kann die große Entwicklung nur in groben Schnitten anreißen. Aber es ist immer dasselbe Bild. Das Zeitalter der Entdeckungen und Empfindungen mündete in die Entdeckung der Elektrizität – die die Industrielle Revolution und dann den Kapitalismus überhaupt erst möglich machte. Seltsamerweise nahm mit der Zahl der hohen Schornsteine in den Städten auch die Armut zu – Charles Dickens schilderte sie eindrücklich. Er schilderte aber auch das Bewusstsein der Ausbeuter, geradezu für Jahrhunderte zur Person geworden in Ebenezer Scrooge in der ... ,Weihnachtsgeschichte’ (A Christmas Carol). Warum dort? Weil damals die Botschaft der Heiligen Nacht noch lebte, weil dies damals noch eine Realität war, diese Botschaft der Weihe-, der geweihten Nacht...
Weil diese Nacht bei ihrem Anbrechen noch alles überleuchtete ... mit einem grenzenlosen Bewusstsein, was eigentlich in den Seelen leben und sanft herrschen sollte – nämlich nicht der Ego-Kult, sondern ... ?
Man sollte und darf es nicht auf einen Begriff ,herunterbrechen’, denn heute ist alles zur Floskel geworden. Was wissen die Menschen heute schon noch von der Liebe? Wissen sie davon überhaupt noch etwas, lebt noch eine Ahnung in den Herzen? In Zeiten der ,Dating-Apps’, in denen selbst der ,Traumpartner’ zum Konsumartikel geworden ist? In denen man wie in einem ,Selbst-Bedienungsladen’ andere Individuen ,durch-scrollen’ kann, um sich die (sexuell etc.) ,interessantesten’ ,mal etwas näher anzusehen’? Was weiß man heute noch von Liebe? Auf dem Thron sitzt das Selbst...
Aber nicht nur die Liebe sollte nach der Botschaft der Heiligen Nacht in den Seelen leben, sondern das Heilige selbst.
Das eigentliche Geschenk der Heiligen Nacht war zunächst dies – ein Bringen des Bewusstseins des Heiligen. Das Bewusstsein des Wunders, das Bewusstsein der Hingabe, das Bewusstsein des Mysteriums ... des Heiligen.
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Und dies hat die Menschheit und hat die einzelne Seele heute radikal verloren. Wir können heute nicht mehr von der Heiligen Nacht sprechen – wir können nur noch von der ,Nacht des Heiligen’ sprechen, im Sinne eines völligen Verlustes. So, wie der Mensch in der Nacht im Schlaf das Bewusstsein verliert, so hat er insgesamt das Bewusstsein des Heiligen verloren – er ist buchstäblich eingeschlafen. Nicht es – er!
Denn das Wort ,es’ wäre zu einfach, zu bequem. Es geht nicht darum, dass ,etwas’ einschläft, es geht darum, dass jemand (nämlich der Mensch) dieses ,etwas’ nicht gehütet hat.
Die Evangelien sind voll von Gleichnissen in Bezug auf dieses Hüten und dieses Nicht-Hüten – aber wen interessiert heute schon noch das ,Evangelium’ oder das ,Buch der Bücher’? Wie viele Millionen Menschen haben nicht einmal in ihrem Leben eine einzige Zeile in diesem Buch gelesen? Wie viele Menschen lesen heute überhaupt noch Bücher? Allenfalls noch am Bildschirm...?
Das Heilige zieht sich zurück, wo sich das Selbst dick und mächtig selbst auf den Thron setzt... Wo die innere Ignoranz und Arroganz zunimmt und längst sämtliche Dämme hinweggespült hat, die es noch begrenzen konnten.
Die Kirche hat grenzenlose Schuld auf sich geladen, weil sie bereits wenige Jahrhunderte nach Christi Tod und Auferstehung der Versuchung erlag, Staatsreligion zu werden – und dann immer weiter dem Macht-Impuls, dem Impuls äußerer Macht, Pracht und äußeren Glanzes zu folgen, obwohl man damals noch wissen konnte, wessen Impuls man dabei folgte. Dennoch ,glaubte’ man, alles ,für das Lob Gottes’ zu tun ... und hatte doch diesen Impuls unrettbar mit den Impulsen jener Mächte amalgamiert, die Rudolf Steiner die ,luziferischen’ und die ,ahrimanischen’ nannte.
Ahriman – der Impuls der Macht, der Unterdrückung, der Angst, der Herrschaft. Luzifer – der Impuls der eigenen Grandiosität, der Selbstvergottung. Schon früh hatten aufrichtige Seelen das Bewusstsein, dass Christus selbst in dieser Kirche keinen Platz mehr finden würde...
Deshalb ist das Wegbrechen der Religiosität mit dem aufkommenden Rationalismus nur allzuverständlich – nach Kreuzzügen, Hexenprozessen, der Drohkulisse von ,Fegefeuer’ und ,Hölle’, überhaupt des demütigenden, niederwerfenden ,Sündenbewusstseins’ – was sollte ein ,aufgeklärtes’ Bewusstsein mit all diesem Schund?
Die Kirche selbst hat in ihrem Wahn vom ,Lob des allmächtigen Gottes’ die Wirklichkeit des Christusimpulses mit aller Macht vernichtet. Und die Ratio, der sich aufgeklärt dünkende Intellekt, versetzte ihr dann den Todesstoß. So gingen Kirche und Rationalismus Hand in Hand in ihrem ... Mord-Werk.
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Der moderne Ego-Kult ist also nur ein Erbe der katholischen Kirche. Er hat die Vorzeichen einfach bloß umgedreht. Die katholische Kirche verkündete jahrhundertelang: ,Du bist nichts, Gott ist alles’ – und jetzt verkündet das ,moderne’ Selbst: ,Ich bin alles, Gott ist nichts’.
Die Kirche hatte alles Heilige auf Gott projiziert – dem modernen Selbst ist nichts mehr heilig ... nur es selbst. Und indem es schon diesen Begriff gar nicht mehr verwendet, wird dies nur noch felsenfester unausweichlich. Denn ohne Begriff kann man etwas nicht mehr erkennen. Das Selbst hat sich selbst vergottet, und indem es nun Begriffe wie ,Gott’, ,heilig’ und so weiter abschafft, ausrottet, macht es seine Selbstvergottung vollkommen unsichtbar. Jeder betet sich selbst an, aber es gilt als Normalität ... und wird überhaupt nicht mehr bemerkt.
Wir leben in einer völligen Nacht des Heiligen – man könnte sie auch ,die Nacht des Grauens’ nennen. Wo nichts mehr heilig ist, beginnt das Grauen.
Bis dahin, dass das Grauen immer mehr zum eigentlichen Lebensinhalt wird. Wie sonst sollte man es erklären, dass in den Videotheken die Regale mit Horrorfilmen, mit ,body torture’, mit Verstümmelungen etc. überquellen? Was liegt hier vor? Es ist die absolute Sinnlosigkeit eines Bewusstseins, das nur noch in immer stärkeren ,Kicks’ überhaupt irgendeinen ,Sinn’ sieht. Das sich ,über die Runden’ ,pusht’, weil es keinen Sinn mehr hat. Am Ende ist es nur noch das lustvolle Erschauern angesichts von Leid und Sadismus. Die Welt ist längst zum Kino geworden.
Vielleicht ist man noch nicht selbst der Gaffer an der Autobahn, der ,Live-Mitschnitte’ von sterbenden Menschen nach einem Unfall dreht, während der Notarztwagen nicht zur Unfallstelle kommt, weil man schlicht keine Rettungsgasse mehr bildet. Vielleicht ist man selbst noch nicht jener, der andere anblafft, weil etwas nicht sofort ,funktioniert’, wie der Selbst-Gott es verlangt. Aber all dies breitet sich unaufhaltsam aus wie das Nichts in Michael Endes ,Unendlicher Geschichte’.
Ende war ein Weit-Seher, er beschrieb, was damals erst in den Anfängen war. Und ja, die Seelen stürzen auch in eine Nacht der Phantasie, auch diese heilige Kraft geht ihnen völlig verloren...
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Und dann ist es noch eine dritte Kraft, die verletzlichste von allen – die Kraft der Unschuld. Ihre Verletzlichkeit wird selbst daran sichtbar, dass wohl nahezu niemand meinen würde, dass es überhaupt eine ,Kraft’ sei. Assoziiert man die Unschuld doch eher mit ,Ohnmacht’. Ist sie vielleicht deshalb so verpönt? Wahrscheinlich – nein, absolut sicher.
Denn in einem Zeitalter der Selbstvergottung, in einem Zeitalter der Coolness, in einem Zeitalter der Selbstoptimierung, der Konkurrenz und der ständigen Beschleunigung, wo das Gestrige heute schon überholt ist ... wer wollte da noch unschuldig sein?
Man würde sich ja ... lächerlich machen, man wäre uncool, man wäre von gestern, man wäre jeder Konkurrenz hoffnungslos unterlegen, käme mit jeder Beschleunigung nicht mit, würde rechts und links überholt werden ... wer will sich das antun? Die Betonung liegt auf ,sich’ – –.
Und so vergewaltigt man auch das unschuldige Schneewittchen. Das ,Christkind’, dieses unschuldigste von allen, hatte man ja schon lange zu Grabe getragen. Aber Schneewittchen durfte selbst in teuren Hollywood-Filmen doch immer noch Symbol und Realbild von Unschuld sein. Aber auch an Schneewittchen gingen die Jahre nicht spurlos vorüber. Irgendwann war diese Unschuld nicht mehr wirklich ,zugkräftig’ an der Kinokasse, oder jedenfalls meinten die ,Macher’ der ,Blockbuster’-Filme, dass es an der Zeit wäre, diese Unschuld ein wenig ,aufzupeppen’ ... denn wer ,tickte’ noch so, dass er die reine Unschuld ,gut finden’ würde? Außerdem – wann würde man beginnen, sich in die Nesseln zu setzen, weil feministische ,Shitstorms’ jeden Kinoerfolg zunichtemachen würden...?
Und so musste in der diesjährigen Disney-Verfilmung von ,Schneewittchen’, die im März in die Kinos kam, Schneewittchen auf einmal eine ,Revoluzzerin’ sein. Für das ,moderne’ Bewusstsein war dies ein absoluter Aufstieg von der ,Unschuld vom Lande’ zu einer ,zeitgemäßen weiblichen Identität’, und die Macher konnten sich auf die Fahne schreiben, Schneewittchen ,gerettet’ zu haben. In Wirklichkeit haben sie sie wie die böse Königin vergiftet. Denn die reine Unschuld war schon damals (zu Zeiten der Brüder Grimm) nicht mehr ,zeitgemäß’, sie war schon damals ein Ideal.
Aber den Todesstoß versetzte ihr die Auffassung (der Irr-Glaube, das Dogma), es sei nur ein Ideal des Patriarchats gewesen. In Wirklichkeit war der Feminismus – der das neue Dogma in die Welt setzte – einfach nur ebenso wenig wie das Patriarchat bereit, noch weiter auf ,irgendeine Unschuld’ Rücksicht zu nehmen. Man wollte den Weg der Selbstvergottung auch betreten – wie der Mann es ja jahrhundertelang bereits vorgemacht hatte.
Der Feminismus musste Schneewittchen verraten, weil man ,keine Lust mehr hatte’. Die Unschuld war ,out’ – nicht, weil sie eine Lüge war, sondern weil man jetzt schlichtweg darauf setzte, das Patriarchat zu kopieren.
Und wer das nicht glaubt, muss sich nur umsehen. Kein Geschlecht unterdrückt mehr das andere (weitgehend), man unterdrückt nur noch gemeinsam ... die Unschuld.
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Und so musste im Juni noch ein anderer Film in die Kinos kommen. Hier starb auch Aschenputtel. Denn ,The Ugly Steepsister’ ist ein Body-Horror-Film, in dem die Stiefschwester alles daran setzt, den Prinzen selbst zu bekommen – und sich mit allen Mitteln verstümmelt, um hinterher schöner zu sein als ihre wahrhaft schöne Schwester...
Letztendlich ist dieser Film auch eine Kritik an der modernen ,Selbstoptimierung’, aber er bedient gleichzeitig die Lust am Morbiden und Brutalen und treibt sie selbst weiter voran. Zwar geht es um gesellschaftliche Zwänge, aber es geht eben auch darum, dass man ihnen gehorcht – und vor allem geht es um die Lust des Zuschauers an solchen Bildern.
Die Unschuld zählt nicht mehr, es zählt das ,Skurrile’, das ,Spezielle’, es zählt die Lust am Hinschauen, der innere ,Kick’. Während wahre Unschuld zwar wunderschön wäre – auch wunderschön zu sehen –, aber sie würde doch immer daran erinnern, dass die eigene Seele ... so hässlich ist wie die Stiefschwester.
Und sich nicht etwa verzweifelt nach Liebe sehnt, sondern den Weg der ,Emanzipation’ von solchen ,passiven’ Sehnsüchten gewählt hat und sich nimmt, was sie ,braucht’ und was sie nur kriegen kann. Dem sich selbst vergottenden Selbst geht es um ,Selbstermächtigung’. Das Glück kommt nicht zu einem, man muss es sich nehmen. Sich nehmen kann man aber nur das Konsumierbare – und genau damit wird das Glück dann auch verwechselt. Unbewusst weiß auch jeder, dass das Glück nicht ,kontrollierbar’ ist, und dennoch huldigt jeder der Ersatzreligion – genannt Konsum und ,Fun’. Was schon mit dem ,Tatort’ beginnt und mit dem Latte Macchiato nicht endet...
Nur die Unschuld findet das Glück in sich selbst, denn sie verzichtet radikal auf jede Anbetung dieses vergiftenden Selbst – sie hält sich heilig frei von diesem schleichenden Gift, das alle Seelen ergriffen hat und das sich ,modernes Selbstbewusstsein’ nennt, aber weder modern noch das wahre Selbst ist. Die Moderne hat dieses falsche Selbst nur auf die Spitze getrieben. Aber es ist uralt – zeigt es sich doch zum Beispiel bereits in Herodes und seinem ,Kindermord’. Auch hier sahen wir bereits die ... Selbstvergottung und die Ermordung der Unschuld.
In Wirklichkeit ist das moderne Selbst ebenfalls ein Herodes. Und es hat Spaß dabei. Und oft genug wähnt es sich sogar glücklich. Denn was geht über einen Latte Macchiato? Mit guten Freunden? Die, wie man selbst, im nächsten Moment bereits an ihrem Handy hängen...? Aber kann man nicht wunderbar auch gemeinsam am Handy ,abhängen’? Die Selbstvergottung hat nur ihr Gesicht gewandelt. Während Herodes ganz dem Ahriman-Impuls folgte, ist das moderne Selbst mehr ,Luzifer-Fan’. Am Prinzip jedoch hat sich nichts geändert. Es geht um die Ermordung der Unschuld.
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Seit Jahren schreibe ich gleichsam heilige Lehrbücher der Unschuld. Sie werden kaum gelesen. Denn sie sind in unserer Zeit von vornherein abseitig. Und sie werden noch abseitiger, wenn sich erwachsene Männer (!) in unschuldige Mädchen verlieben. Der Missbrauchsdiskurs hat hier ganze Arbeit geleistet.
Man nimmt nicht wahr, dass eine Begegnung von Mann und Mädchen zutiefst unschuldig sein kann, selbst wenn es um eine umfassende Anziehung geht. Man ist immer schon Gefangener der Dogmen. Und hinzu kommt – als treibende Kraft –, dass man selbst ja auch gar nicht unschuldig werden möchte. Oder wenn überhaupt, dann fein vom innerlich herrschenden Selbst dosiert und nach eigenem Gutdünken... Und vor allem ohne Mädchen!
Das Dogma herrscht – und zwar in den Köpfen. Ein Mann, der sich für ein Mädchen ,interessiert’, interessiert sich nicht etwa für die Unschuld, sondern für etwas ganz anderes... Und ein Mädchen ist in der Begegnung mit einem Mann immer schon potenzielles Opfer, niemals abgrundtiefe Lehrerin. Denn man selbst möchte ebenfalls nicht be- oder gar gelehrt werden! Da ist der Missbrauchsdiskurs ein willkommenes Mittel, sich ganz davon ,abzugrenzen’ ... und nebenbei sehr bequem das Mädchen zu ,entsorgen’. Wie man es ja auch mit Schneewittchen gemacht hat.
Nur ist die Dramatik ja real. Die Entsorgung von Schneewittchen entspricht ganz dem Kanzler Merz, dem Ukraine-Krieg, dem Trump-Regime, dem alle Grenzen sprengenden Kapitalismus, der Gleichgültigkeit gegenüber der ökologischen, sozialen und innerseelischen Katastrophe. Der Mörder von Schneewittchen ist man aber immer selbst.
Zu der aufrichtigen Liebe zur Unschuld gehört bereits eine auch selbst innerlich sehr unschuldige Seele. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Zu einer aufrichtigen Liebe zur Unschuld gehört ebensoviel Mut, wie ihn die 12-jährige Mascha besaß, die nach Putins Angriff auf die Ukraine ein Antikriegsbild malte, woraufhin ihr Vater verhaftet wurde und später beide aus Russland flohen (siehe hier ab 9:22 min). Viel einfacher ist es, dem modernen Gott zu huldigen, der soviel Spaß verspricht und so viel Bequemlichkeit und so viel ,Dazugehören’ ... auch wenn man dafür eben die ,Bilder malen’ muss, die von einem erwartet werden.
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Die Unschuld und das Heilige gehen gemeinsam verloren – und mit ihnen die Kraft der Hingabe, die wahre Phantasie und die wahre Seele überhaupt.
Die ,Nacht des Heiligen’ ist ein absolut umfassender Verlust, er erstreckt sich auf die ganze Seele. So mancher Mensch hat noch Ideale, aber er sieht sie inzwischen in einem weitgehend materialistischen oder agnostischen (keine tieferen Fragen mehr stellenden, weil ihre Antwort auch gar nicht mehr erhoffenden), zutiefst pragmatischen ,Koordinatensystem’. Das ,Mysterium’ hat ausgedient. Man ist bewusstseinsmäßig ,darüber hinweg’, darüber ,hinausgewachsen’. Auch hier wieder ... gottähnlicher Hochmut. In Wirklichkeit will man sich nur selbst spüren und nicht die Ohnmacht ertragen, gewisse ,Hoffnungen’ oder ,Glaubensregungen’ (etwa an das illusionäre ,Gute’) zu haben, die allzu leicht enttäuscht werden könnten.
In Wirklichkeit ist der moderne Pragmatismus eine gewaltige Schmerz-Vermeidungs-Maschinerie. Man erträgt den Schmerz der Ohnmacht nicht mehr. Überhaupt das Leiden. Pragmatisch hat man einige Ideale (etwa Vegetariertum), einige gute Vorsätze – und schon ist die moralisch korrekte Marschroute erledigt. Aber mit dieser pragmatischen ,Herangehensweise’ betrügt man sich nur selbst.
Denn die Tiefe bleibt einem verborgen. Auch die Tiefe der Unschuld. Da, wo es zu sehr schmerzen würde, würde man es zulassen... Also tut man es nicht. Und schon sitzen auch die besseren Seelen im bequemen Sessel des modernen ,Selbst’ und verfolgen eine moralisch korrekte Agenda, obwohl auch sie das Schneewittchen in sich getötet haben.
Doch woran geht diese Welt zugrunde? Genau daran. Nicht direkt an den besseren Seelen – aber am kollektiven Mord an der Unschuld und an dem Heiligen ... und auch die besseren Seelen können ihre Hände hier nicht ,in Unschuld waschen’, im Gegenteil, auch sie haben Blut an den Fingern.
Vor acht Jahren sprach ich schon einmal von einem ,Jahr des Mädchens’ und veröffentlichte in jedem einzelnen Monat ein Buch, darunter ,Der Kreis der Hüterinnen’, ,Hingabe’, ,Und erlöse uns von dem Coolen’ und ,Vom Blick des Mädchens’. Auch im nächsten Jahr werde ich zwölf Bücher veröffentlichen, die um das heilige Geheimnis des Mädchens und der Unschuld kreisen werden – und um ihren furchtbaren Verrat.
Möge die Heilige Nacht noch manche Seele erreichen, aber viel wichtiger noch ... möge die Sehnsucht nach dem heute so abgrundtief Verlorenen in den Seelen wieder aufkeimen. Mögen die ,modernen’ Seelen eines Tages die Unschuld zumindest wieder so weit in ihre Herzen lassen, dass sie von neuem beginnen können, aufrichtige, echte, verletzliche Sehnsucht zu empfinden...
Dies wäre ein heiliger Beginn. Das Geschehen einer neuen, zarten Geburt. Der Beginn einer neuen heiligen Nacht nach der furchtbaren Nacht des Heiligen...