2025
2026 ... das Jahr des Mädchens
Noch einmal...
Inhalt
Ein Rückblick
Katastrophen in nur acht Jahren
Der Verlust des Wärme-Geheimnisses
Die Ideologie des ,Selbst’
Von der verlorenen Hingabe – das Mädchen
Das Geheimnis der Unschuld
Ein Rückblick
2018, vor nunmehr acht Jahren, schrieb ich schon einmal von einem ,Jahr des Mädchens’, in dem ich zwölf Bücher veröffentlichte – jeden Monat eines. Damals schrieb ich:
Das offenbare Geheimnis unserer Zeit ist der Mangel an Liebe. Man braucht nur die Augen zu öffnen und irgendwohin schauen, egal wohin. Die Weltereignisse spiegeln einen unfassbaren Mangel an Liebe, überall. Auf dem Vormarsch sind Konflikte, nationale Egoismen, Visionslosigkeit. Seelentod. Diese Dinge sind offenbar, für jeden zu spüren, der es möchte und sich nicht völlig verschließt.
Nicht offenbar dagegen ist die Frage, woher dies kommt. Nicht offenbar ist das Geheimnis des Menschen. Nicht offenbar ist das Geheimnis des Bösen. Und das vierte Geheimnis ist, woher die Liebe wieder kommen könnte.
Im Grunde ist die Zeit der Diskussionen vorbei. Man kann noch ewig weiterdiskutieren – aber es ist fruchtlos, fruchtlos wie eine tote Ähre an einem Halm. Der tote Intellekt hat seine Fruchtlosigkeit bewiesen. Er gebärt nur noch Vakuum.
Raumsonden erforschen das Weltall bis zum Saturn. Auf der Erde ist die Frage des radioaktiven Atommülls ungelöst, und die Suche nach einem Endlager hat in Deutschland wieder ganz neu begonnen. In der Natur sterben sogar die Insekten allmählich aus. Die Klimakatastrophe ist kaum noch zu verhindern, aber der Wille dazu scheitert an den nationalen Egoismen. Der Abgasskandal offenbart das kriminelle Potenzial der Autoindustrie und die Willfährigkeit der Politik. Wir quälen und morden Tiere, um Fleisch zu essen. Wir sehen dem Morden in Kriegen weltweit zu. Wir sehen der Umverteilung zu, in der die Reichen immer reicher werden. Der Verkauf der Ware ,Arbeitskraft’ wird immer prekärer. Eine Wohnung zu haben, wird immer teurer. Alles wird zur Ware. Unser gesamtes Finanz- und Wirtschaftssystem ist eine Katastrophe, das, wenn man es Kindern erklären würde, mit Recht nur fassungslose ,Warum’-Fragen finden würde. Der Egoismus regiert die Welt – und die Menschen haben diese Welt so gestaltet. Und der tote Intellekt kann das fein säuberlich und verlogen begründen.
Vor einhundert Jahren ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Es hätte ein Neuanfang sein können, nachdem sich in einem schrecklichen Grauen die Staaten aufeinander geworfen und Millionen Menschen sich gegenseitig umgebracht hatten. Stattdessen kam die Weimarer Republik und dann der Nationalsozialismus. Dann kam der Kalte Krieg. Dann kam die Geopolitik. Nirgendwo ein Aufatmen. Ja, die Freiheit hat sich auch entwickelt – aber sie ist von allen Seiten umzingelt, von eben jenen Entwicklungen, die oben genannt wurden, und auch das ist nur die Spitze des Eisberges.
Es ist völlig offensichtlich, dass die gesamte Frage der Zukunft der Menschheit eine Bewusstseinsfrage ist. Und immer offensichtlicher wird, dass der sterbende Intellekt das eigentliche Problem ist. Aber nicht nur der Intellekt stirbt, sondern auch die Seele selbst ist vom Sterben bedroht. Zu lange hat dieser immer hohlere Intellekt das Feld dominiert. Jetzt zeigen sich seine Früchte: eine wachsende Sterilität des ganzen Lebens, einschließlich des Seelenlebens.
Es kann keine Zukunft geben, wenn die Seele nicht ihr eigenes Wesen wiederfindet. Die entscheidende Zukunftsfrage ist eine seelische – eine Seelenfrage. Ohne die Seele des Menschen würde auch die Zukunft seelenlos sein. Er muss sie also wiederfinden – und zwar jetzt.
Der Kopf hatte Jahrhunderte lang Zeit, zu beweisen, dass er dem Menschheitsgeschehen Seele einhauchen könne. Die Zeit des Deutschen Idealismus ist eine der leuchtenden Ausnahmen. Aber gerade hier wurden Geist und Seele nicht ohne das Herz geboren. Man wird an so edlen Geistern wie Schiller oder Novalis sicher unmittelbar empfinden können, wie sehr in ihnen das Herz sprach. Nach Jahrhunderten der Kopf-Herrschaft, die heute ihren immer nüchterneren, seelenloseren Höhepunkt erreicht, ist deutlich, dass der tote Intellekt nur in die Seelenlosigkeit führen kann. Was notwendig ist, um diese Katastrophe zu verhindern, ist eine Herrschaft des Herzens.
Das aber wird nur möglich sein, wenn in den Seelen die Herzenskräfte wieder aufblühen werden. In einem von Männern dominierten Zeitalter und System werden sie dies nicht können. Nur heimlich, in Zwischenräumen, so, wie das ,Unkraut’ den Asphalt sprengt und zwischen allen Ritzen wächst. Aber mit diesem Aufblühen der Herzenskräfte muss jetzt ein heiliger Ernst gemacht werden. Denn sonst wird es irgendwann zu spät sein. Die Möglichkeiten schließen sich. Der Intellekt hat mit den unfassbaren Möglichkeiten der Technik längst die Bahn für völlig seelenlose Systeme geebnet. Das Technokratische ist weiterhin ungebremst auf dem Vormarsch. Dieser Intellekt kann nur in toten Regeln, Verfahren und Mechanismen denken, und dies wird sich immer weiter ausweiten. Jetzt aber kann die Seele noch gerettet werden. Nur muss sie den unfassbaren Ernst der Lage voll begreifen.
Katastrophen in nur acht Jahren
Dies schrieb ich 2018! Hat sich seitdem irgendetwas geändert? Nicht zum Besseren...
Aber was ist in diesen wenigen Jahren geschehen! Corona kam – mit der Quasi-Impfflicht und der erschütternden Ausgrenzung sogenannter ,Nicht-Geimpfter’, dem einsamen Sterben von Menschen, die nicht einmal ein letztes Mal von ihren Angehörigen besucht werden durften, einer bleibenden tiefen Spaltung der Gesellschaft (2020/21). Der Ukraine-Krieg begann – und wurde statt eines möglichen Friedensschlusses unter Verlust der überwiegend russischen Ostukraine bis heute weitergetrieben (2022-25). Nach dem Attentat der Hamas begann Israel den Gaza-Krieg und zerstörte den Gaza-Streifen dabei völlig, tötete dabei über einhunderttausend Menschen, überwiegend Zivilisten (2023-25).
Der Ukraine-Krieg und die radikale Abkopplung von russischem Gas zugunsten katastrophaler Fracking-Technik und Fossilenergie der arabischen Halbinsel ließ die Gas-, aber auch Lebensmittelpreise explodieren. Zusammen mit den ungehemmt steigenden Mieten drückte dies immer mehr Menschen an den Rand der Gesellschaft und oft sogar unter die Armutsgrenze. Der Aufstieg der AfD setzte sich fort, und schon bald hatte sie bei Umfragen 20 % (2023). Die Zahl rechtsextremer Straf- und Gewalttaten stieg erneut auf Zahlen wie zuletzt zur ,Flüchtlingskrise’ 2015/16 (2024).
Die Zahl der Menschen ohne konfessionelle Region überwiegt in Deutschland zum ersten Mal die der evangelischen und katholischen Kirchenmitglieder (2024). Trump trat seine zweite Amtszeit an und gebärdet sich noch wahnsinniger, während in Deutschland die AfD in Umfragen inzwischen stärkste Partei ist, die offizielle Politik vor einem unmittelbar bevorstehenden ,Krieg gegen Russland’ warnt, und die Bevölkerung multimedial auf ,Kriegstüchtigkeit’ konditioniert wird (2025).
2018 hatte man naiv meinen können, schlimmer könne es eigentlich nicht mehr werden – aber es kam schlimmer. Und wenn der Intellekt weiter herrscht, ist selbst dies nur der Anfang. Ego-Einsamkeit, Wahn-Sinn und eine furchtbare Agonie des Kapitalismus sind auf dem Vormarsch. Und die kriegerische Vokabel ,Vormarsch’ entspricht der inneren Logik dieser Entwicklung, deren Quelle schlicht niemand stoppt. Es ist der Intellekt selbst und eine in diesem selbst sich ausbreitende immer größere innere Leere. Die sprichwörtliche ,gute Laune’ auf der Titanic, nun nur auf die ganze Welt übertragen...
Der Verlust des Wärme-Geheimnisses
Die Seele – die als übersinnliche Realität ja gar nicht mehr für existent gehalten wird – verliert schleichend, aber radikal ihre Wärmequalität, noch deutlicher: ihr Wärmewesen.
Wir kennen die furchtbaren Schützengräben und elend-inhumanen Schlachten schon aus dem Ersten Weltkrieg. Und doch gab es dort 1914 an der Front den ,Weihnachtsfrieden’, der bis hin zu Gesten der Verbrüderung ging. Ein 19-jähriger Engländer schrieb an seine Mutter aus dem Schützengraben [o]:
Der Boden im Schützengraben ist matschig, anderswo gefroren. Ich rauche eine Pfeife, die mir Prinzessin Mary geschenkt hat. [...] In der Pfeife ist deutscher Tabak. [...] Ja, von einem lebenden deutschen Soldaten aus seinem eigenen Schützengraben. Gestern trafen sich Briten und Deutsche zwischen den Schützengräben, tauschten Andenken aus und schüttelten sich die Hände. Ja, den ganzen Weihnachtstag, und während ich schreibe.
Die Substanz des Menschen letztlich zu Geschwistern vereinenden Christentums war noch lebendig! Wäre so etwas heute, nur einhundert Jahre später, auch nur ansatzweise noch denkbar? Niemals. Und bereits zu Weihnachten 1915 verhinderten die Befehlshaber durch Androhung von Kriegsgerichtsverfahren, dass dies ein weiteres Mal geschah...
Der Jude Franz Werfel wiederum, der vor den Nazis fliehen und von Frankreich aus zusammen mit seiner Frau sowie Heinrich Mann und dessen Frau zu Fuß die Pyrenäen überqueren musste, schrieb das folgende Gedicht:
Niemals wieder will ich
Eines Menschen Antlitz verlachen.
Niemals wieder will ich
Eines Menschen Wesen richten.
Wohl gibt es Kannibalen-Stirnen.
Wohl gibt es Kuppler-Augen
Wohl gibt es Vielfraß-Lippen.
Aber plötzlich
Aus der dumpfen Rede
Des leichthin Gerichteten,
Aus einem hilflosen Schulterzucken
Wehte mir zarter Lindenduft
Unserer fernen seligen Heimat,
Und ich bereute gerissenes Urteil.
Noch im schlammigsten Antlitz
Harret das Gott-Licht seiner Entfaltung.
Die gierigen Herzen greifen nach Kot –
Aber in jedem
Geborenen Menschen
Ist mir die Heimkunft des Heilands verheißen.
Wäre dies heute, nur wenige Jahrzehnte später, auch nur noch denkbar...?
Die Ideologie des ,Selbst’
Nur zweihundert Jahre sind seit der Epoche des Deutschen Idealismus (Schiller, Goethe, Novalis, Fichte, Hegel, Schelling) vergangen – und die Welt befindet sich seitdem im Klammergriff des Selbst. Der letztendlich narzisstische Selbst-Impuls hat die Seelen ergriffen, ohne dass das Selbst durch den Liebesimpuls von sich selbst abgelenkt würde.
Im Gegenteil. Der Kapitalismus treibt dieses Selbst immer weiter voran. Zeit ist Geld. Für kranke Menschen gibt es seit langem keine Krankenschwester mehr, die auch einmal an der Bettkante sitzen könnte... Nein, das ,Zeitbudget’ für die abstrakt so bezeichneten ,Pflegekräfte’ ist nach Minuten bemessen. Das Gleiche gilt für die ,Betreuungsschlüssel’ im Kindergarten. Und für die Rente hat heute auch der Einzelne selbst ,vorzusorgen’ – möglichst schon als Kind (,Frührente’ der Regierung Merz).
Wo wir auch hinschauen hält die Anonymisierung und Vereinzelung Einzug. Am Ende steht die absolute Einsamkeit – erschütternd symbolisiert in diesem Video, das vom Schicksal eines Esels handelt.
Es gibt heute aber keine Maria mehr, die dem armen Tier Trost spendet und den Impuls der Liebe auf der Welt verbreitet, weil sie die heilige Liebe in sich selbst trägt...
Vielmehr ist es bezeichnend, dass selbst dieser Werbespot unter dem Motto steht ,believe in yourself’ (#glaubandich). Es geht nicht mehr um den Glauben an die Liebe (Christus), sondern an sich selbst...! Vielleicht kann nichts den Wandel des Bewusstseins treffender kennzeichnen. Ein Kurzfilm, in dem es eigentlich um das Christus-Mysterium geht, wird durch den Titel ,um-geframed’ zur Selbst-Bezüglichkeit. Einst wird dieser heutige Paradigmenwechsel der sogenannten ,Moderne’ und Postmoderne als ,Selfic Turn’ in die Geschichtsbücher eingehen...
Jeder soll also an sich selbst glauben, selbst der ärmste, geschundenste Esel... Es gibt keinen Erlöser mehr, auch nichts Erlösendes, kein Christus-, kein Marien-Impuls. Im Begleittext heißt es: ,Sometimes the smallest can carry the greatest light’ – aber im Film trug der Esel am Ende Maria, die wiederum längst das Jesuskind unter ihrem Herzen trug... Doch um die Mysterien der Hingabe, der gegenseitigen Hilfe und der Erlösung durch etwas anderes (die Liebe und das Wesen der Liebe) geht es nicht mehr, sondern jetzt heißt es nur noch: glaub’ an d i c h.
Das Selbst wird zur ultimativ letzten Instanz. Da ist niemand mehr sonst. Dies korrespondiert perfekt mit dem neoliberalen Dogma. Jeder ist ,seines Glückes Schmied’ – und wer durch’s Raster fällt ... Pech gehabt. Hat sich wohl nicht genug angestrengt... Es geht um Selbstoptimierung, um den sozialdarwinistischen ,Kampf ums Überleben’ und die vergiftete Botschaft: Auch du kannst es schaffen, wenn du nur genügend an dich glaubst...
Damit wird alles auf den Einzelnen abgewälzt. Sozialen Zusammenhalt gibt es nicht mehr. Eine Pflicht der Gemeinschaft, für alle zu sorgen (,einer für alle, alle für einen’ hieß es in Dumas’ Roman ,Die drei Musketiere’, aber auch bei den Schweizer Eidgenossen), wird obsolet. Strukturelle Gewalt, wie sie dem Kapitalismus eigen ist, wird unsichtbar, und die Frankfurter Schule und andere führende soziologische Strömungen, die diese Gewalt immer wieder schärfstens analysiert haben, haben ausgedient, es wird ihnen regelrecht ins Gesicht geschlagen – wie auch dem Einzelnen selbst. Denn wenn der arme Esel ,den Durchbruch’ eben nicht schafft – dann kann es wohl nur an ihm selbst gelegen haben...
Das sind eben die Tücken der Selbst-Ideologie, aber – – ,alles hat seine Kollateralschäden. Die Richtung stimmt.’ Ernsthaft?! Wir sind an einem Abgrund angekommen.
Von der verlorenen Hingabe – das Mädchen
Was völlig unter die Räder kommt, ja regelrecht ,geschreddert’ wird, ist alles, was nicht mit Stärke, Durchhaltevermögen, Selbstoptimierung und Selfie-Modus zu tun hat – sondern das Gegenteil ist.
Verletzlichkeit
Naivität (im besten Sinne)
Hingabe
Unschuld
Herzensreinheit
Dies aber ist die Quelle des wahrhaft Menschlichen.
Wo ,Solidarität’ nur aus rationalen Überlegungen heraus fließt, fließt sie bald gar nicht mehr. Wo Zusammenhalt nur noch die Forderung eines unangenehm sich zu Wort meldenden Gewissens ist, da wird diese Stimme früher oder später totgeschlagen, damit sie endlich ,die Klappe hält’. Das ,Selbst’, das den Thron schon fast völlig gewonnen hat, wird ihn sich nicht mehr streitig machen lassen.
Es geht nicht um ausgesprochene Kälte. Es geht um jene Kälte, die dem Selbstimpuls schlicht schon an sich eigen ist – weil er nicht mehr fähig ist, sich zu überlassen, sich auszuliefern, sich verletzlich zu machen, Macht und Machbarkeit einfach wieder fallenzulassen und als vergiftete Sackgasse zu erkennen, die nur in die totale Einsamkeit führen kann.
Das Selbst braucht die Kontrolle, weil es ein Fanatiker ist – es hat stets Angst vor sich selbst, es hat Angst vor allem, was ihm die Kontrolle nimmt, es hat Angst vor allem, was anders ist, als das klare Bewusstsein, in dem es die Kontrolle hat. Aber unbemerkt mauert es sich selbst ein in einen Spiegelsaal von lauter Spiegeln, in dem es mit sich selbst völlig allein ist. Denn wer soll noch zu ihm vordringen? Es lässt ja niemanden heran. Und es geht auch auf niemanden mehr wahrhaft zu, denn dazu müsste es einmal von sich lassen. Das will es nicht – und irgendwann kann es dies auch gar nicht mehr.
Das Mädchen kann es aber – –.
Das Mädchen besitzt kein Selbst, sondern eine Seele. Die Seele ist noch der reine Ursprung, das Selbst ist die abartige Reduktionsform der Seele. Jene Form, die den reinsten Teil vergiftet und begraben hat – das Schneewittchen. Übrig bleibt ... die böse Königin. Bei dem Mädchen existiert sie aber gar nicht. Das Selbst des Mädchen ist noch identisch mit der ganzen Seele, und diese ist rein...
Deswegen kann das Mädchen sich auch hingeben – denn nichts hindert seine Seele daran. Warum sollte es dies nicht tun? Das Mädchen kennt noch das heilige Geheimnis: Wo die Hingabe lebt, da gibt sich auch alles andere hin... Niemand kann die Natur, die Menschen, überhaupt alle Dinge und Wesen, so tief und innig wahrnehmen wie ein Mädchen...
Das Geheimnis der Unschuld
,Innigkeit’ – dies ist eines jener unübersetzbaren deutschen Worte, mit denen ein neoliberales, postmodernes Zeitalter des Selbst so grenzenlos wenig anfangen kann, weil ... es Hingabe erfordern würde. Hingabe und Unschuld, ein echtes Vergessen des selbstbezüglichen Selbst.
Innigkeit... Man denke an die Hingabe der jungen Maria gegenüber dem Verkündigungsengel: ,Mir geschehe, wie du es gesagt hast...’ Wo wäre eine solche Hingabe heute auch nur noch denkbar?
Maria aber ... war ein Mädchen. Man muss hier nicht nach den späteren Gemälden gehen, die sie stets schon als Erwachsene sehen, als junge Frau, wie lieblich auch immer. Nach den ältesten Legenden war Maria erst zwölf oder vierzehn Jahre alt. Sie war ein Mädchen.
Und dennoch können wir auch an die ganze Reife und Seelentiefe einer neunzehnjährigen Maria denken, wenn sie spricht: ,Mir geschehe...’. Es ist das Geheimnis der Unschuld, der buchstäblich reinen Seele – die uns dann in den Märchen wiederbegegnet: ,Weiß wie Schnee, rot wie Blut’ – Schneewittchen.
Das Geheimnis der Unschuld ist, dass sie das wahrhaft Heilende ist. Oder zumindest wäre, denn der Kranke muss sich auch heilen lassen wollen. Vielleicht liebt er ja stattdessen die Krankheit... Die Selbst-Ideologie ist genau dies: Eine sich selbst liebende Krankheit. Die Sackgasse führt nicht unbedingt zu Ebenezer Scrooge. Sie führt heute zu den Selfie-Monaden, die meinen, sie wären mit anderen Menschen zusammen, während sie in Wirklichkeit selbst in buntester Gesellschaft doch nur bitter-einsam sind ... und es irgendwann auch bemerken werden.
Das Mädchen ist in seiner ganzen Unschuld heute immer einsam – und zugleich doch nie. Denn allen anderen einsamen Seelen und überhaupt allen Seelen ist es nahe ... und gerade jene, die den Schmerz kennen, sind es auch ihr. Ein Mädchen wie Aschenputtel war zweifellos zutiefst einsam ... aber gleichzeitig waren selbst die Tiere ihre hilfreich-lieben Gefährten. All dies sind tiefe Urbilder – die wir aber überhaupt nur mit dem noch reinen Teil der Seele empfinden, verstehen und begreifen können.
Dieser Teil der Seele weiß um den grenzenlos kostbaren Wert der Unschuld und um den grenzenlosen Verlust, wo sie verlorengegangen ist. Aber sie mag noch so verloren, verschüttet, vergiftet, getötet und gemordet worden sein, es gibt einen Weg der Heilung ... und sogar das Mysterium der Auferstehung.
Es ist die Liebe. Und wenn es die Liebe zu dem Verlorenen ist, die sich zunächst als Sehnsucht offenbart. Als eine heilige, verzweifelte, aber tief aufrichtige ... Liebe zur Unschuld.
Dies aber ist das Mädchen. Wer sein Wesen lieben lernt, darf hoffen, der furchtbaren Sackgasse zu entkommen, die nach und nach alles zu verschlingen droht. Er darf hoffen, neuen, heiligen Boden zu betreten – Boden, auf dem eine Zukunft wieder denkbar wird; eine lichte, warme, liebevolle Zukunft, die möglicherweise einst ... ,Mädchenland’ heißen wird. Nach ihrer heiligen Begründerin...