2026
MISSING LINK – Die zweifache Katastrophe
Der Verlust der Seele, auch in der Anthroposophie, und der fehlende Diskurs des Femininen.
Inhalt
Die zweifache Katastrophe
Das vergessene Fühlen
Unverständnis und Abwehr
Das eigentliche Problem
Der unabdingbare Durchgangspunkt
Was ist die heutige Wirklichkeit? – Der Verrat des Femininen
Der Widerstand gegen die Erkenntnis
Das Zärtliche – ein bei Steiner völlig fehlender Begriff
„Ein Mann mit einem Frauenherzen!“
Das heilige Resümee
Der fehlende Diskurs des Femininen
Die zweifache Katastrophe
Ich kenne einen wunderbaren jungen Mann, der Grundschullehrer werden wollte und nach wenigen Semestern am Studium völlig verzweifelte und es abbrach. Statt zu erfahren, wie er Kindern die Liebe zur Musik und die ersten Schritte in die deutsche Schrift-Sprache beibringen könne, wurde er erschlagen mit Vorlesungen und Seminaren, die künftige Germanisten ausbilden und die auf akademischem Niveau die Geschichte des Instituts ,Schule’ referieren...
Radikaler und brutaler kann man das Ziel nicht verfehlen. In einem einschlägigen Artikel zum Thema heißt es in exakt gleichem Sinne: ,Schule ist im Lehramtsstudium ganz weit weg.’
Ein anderer Mensch, den ich einen guten Freund nennen möchte, schrieb mir, als er in der Schweiz vor einer Generation die Grundschullehrer-Ausbildung machte, sei diese noch eine sehr vielfältige und kreative Ausbildung gewesen, in der der Mensch noch im Zentrum stand – sowohl der junge Student wie auch die SchülerInnen, die später von ihm unterrichtet werden sollten.
Ich kenne andere junge Menschen, für die der Zugang zur Anthroposophie etwas absolut Erlösendes hätte – aber dieser Zugang ist verbarrikadiert. Da ist keinerlei Ansatzpunkt. Auch hier ist die Anthroposophie ... ganz weit weg. Sollte dies nur an den jungen Menschen liegen? Wohl kaum.
In Kreisen der Christengemeinschaft wiederum gilt es bereits als ,geflügeltes Wort’, dass junge Menschen spätestens wenn sie die Konfirmation hinter sich haben, wegbleiben, ,aber später, wenn sie eigene Kinder haben, kommen sie oft wieder...’ Hier wird sich nostalgisch schöngeredet, dass mit dem eigenen Elternwerden doch wieder ,Fragen nach dem Geist’ voll aufbrechen würden – und dass dann natürlich auch wieder die Christengemeinschaft genau das sei, was man gesucht habe!
Aber schon heute stehen immer mehr Kinder und Jugendliche in der Sonntagshandlung vor dem Altar und fragen sich, was sie hier eigentlich sollen... Sie zappeln, gucken um sich, denken an anderes – da ist kein Brücke mehr. Ganz abgesehen von den Blicken der Gemeinde im Rücken, lauter alte Leute und andere Erwachsene... Und die Handlung selbst ... Gewänder, Sprache...! Da ist von einem ,Gottesgeist’ die Rede – und man weiß nichts damit anzufangen. Wäre, wie in der Menschenweihehandlung, von ,Vater und Sohn’ die Rede, wüsste man es noch weniger. Man geht wieder nach Hause, hat es wieder einmal ,über sich ergehen lassen’ und empfindet letztlich ... einen Fremdkörper.
Zufall? Oder besteht hier ein innerer Zusammenhang?
Das vergessene Fühlen
Jenem Freund schrieb ich:
Mir geht es um die heilige Kraft des Fühlens, und in meinen Büchern versuche ich, das Kostbare, Unverzichtbare der Kraft und des Wesens der Unschuld immer wieder neu und anders und tiefer erlebbar zu machen, die der Gegenimpuls wäre zu einem immer stärkeren Sich-Verlieren des Selbst in einer ,Selbstverklebtheit’ sowie im Kopf.
Man erkennt in den letzteren Tendenzen, die die gesamte ,Moderne’ dominieren, unschwer jene Kräfte, die Steiner luziferisch und ahrimanisch nannte, aber ich bin sehr entschieden weggekommen von all diesen männlich-maskulinen Bezeichnungen, weil ich auch dies für einen verhängnisvollen Irrweg halte.
Du weißt ja, wie entscheidend für mich die Gestalt des Mädchens ist. Dieses kommt bei Steiner nirgendwo vor – dafür sind alle Imaginationen, nicht nur bei Steiner, männlich tingiert, von Ahriman und Luzifer über sämtliche Erzengel bis hin zum Vater- und Sohnesgott (und Heiligen Geist).
Ich habe mich inzwischen schweren Herzens auch von der Christengemeinschaft gelöst, weil ich in diesen Wortlauten, die sich fortwährend nur auf das Männliche beziehen, keine Zukunft mehr sehen kann. Neuanfänge sind auch nicht in Sicht. Aber es ist in meinen Augen eine wirkliche Sackgasse, auch nur von einem ,väterlichen Urgrund’ zu sprechen.
Vielleicht war und ist der Urgrund der Liebe zutiefst feminin – aber wir können dies bis heute nicht einmal ansatzweise denken! Und das ist für mich eine traurige Bankrotterklärung aller bisherigen Ansätze. Das alles hat mich gewissermaßen das Mädchen gelehrt...
Und ich verstehe schon deshalb sehr gut, warum der Strom der Kirchenaustritte, aber auch der Verlust des Christlichen nicht aufhört – das ist mit ein Grund, abgesehen natürlich von der furchtbaren Macht der Gegenmächte.
,Der Christus’ existiert einfach nicht! Wenn wir es nicht schaffen, den ,Allbeherrscher’ (Pantokrator) und die Gestalt des unschuldigen Mädchens zusammenzudenken, werden wir uns dem Christuswesen meiner Überzeugung nach nicht nähern können. Meine Bücher versuchen so gesehen, auch erlebbar zu machen, wie wenig das Mädchen vom Urgrund überhaupt getrennt werden kann – und von der Zukunft. Wenn die Zukunft nicht in eine neue Unschuld führt, wird es sie nicht mehr geben.
Der Weg des reinen Denkens ist tatsächlich ein geistig-,männlicher’, der Weg eines reinen Fühlens ist ein seelisch-,weiblicher’. Steiner beschreibt die Heiligung auch des Fühlens vor allem über dieses reine Denken. Es gibt aber auch eine Heiligung auch des Denkens vor allem über ein reines Fühlen. Das ist gewissermaßen der Weg der Unschuld (des Mädchens). Andere würden sagen, das sei nicht ,zeitgemäß’, ja nicht einmal mehr gangbar. Ich sage, es ist notwendig und zukünftig.
Wenn wir das wirklich ,Feminine’ nicht hinzunehmen; wenn wir immer nur von ,Schulung’ und ,Ringen’, nicht aber von unschuldigem Eintauchen und einer unschuldigen (nicht angestrengt-gewollten!) Hingabe sprechen und noch vielen anderen Dingen mehr, bleiben auch die geistigen Wege zu einseitig. Wir brauchen neben den ,michaelischen’ Ansätzen die Gesten und Wesenszüge des Mädchens! Anders wird es alles nicht gehen.
Unverständnis und Abwehr
Die Kluft steckt wirklich überall. Selbstverständlich lösen auch diese Gedanken Abwehr aus. Denn ist die Anthroposophie nicht geradezu vollkommen? Wäre sie nicht die Lösung für alles?
Vielleicht wäre sie es. Sie ist es aber nicht – denn die Wirklichkeit sieht anders aus. Steiner spricht davon, dass die Anthroposophie Seelenbedürfnis des Menschen wäre – aber ganz offenkundig ist sie dies nicht! Und das liegt nicht nur an ,den Menschen’, sondern auch an der Anthroposophie selbst. Denn Steiner hat allzusehr das ,Geistwesen’ Mensch in den Mittelpunkt gestellt. Damals wäre das vielleicht noch gegangen. Heute fehlt längst das Verbindende ... das Missing Link.
Rudolf Steiner hat die Seele zu sehr vernachlässigt. Jetzt ist dieser Punkt zur Kluft geworden. Die Menschen werden nicht mehr erreicht, denn heute geht es nicht um den Geist, heute geht es längst um die Seele – hier wäre anzuknüpfen, bevor man überhaupt von ,Geist’ sprechen könnte!
Und meine eigenen Bücher, Gedanken? Jener Freund schrieb mir als Antwort auf meinen ersten Brief, in Bezug auf das Maskuline und Feminine in der Weltentwicklung empfinde er nicht diese ,Dringlichkeit’, wie er sie immer in meinen Gedanken und Büchern dazu wahrnehme. Bei Steiner habe er stets ein sehr harmonisches Gefühl, bei meinen Ausführungen dagegen sei sein Gefühl mehr zwiegespalten, und es kämen auch ablehnende Gefühle hoch.
In meiner Antwort schrieb ich ihm dann:
Ich kann deine zwiespältigen Gefühle meinen Gedanken und Büchern gegenüber gut verstehen.
Steiner stellt letztlich freilassend einen ganzen Kosmos der Geisterkenntnis zur Verfügung. Das ist schon in sich völlig harmonisch, sozusagen die geistige Welt selbst. Jeder kann sich dem in dem Maße annähern, wie er möchte, und es ist eigentlich immer erfüllend.
Ich dagegen hatte schon immer etwas von einem – oft eindringlichen – ,Prediger’, was ja unmittelbar Antipathien (ablehnende Gefühle) wecken kann, wenn man sich belehrt, aufgefordert, in eine bestimmte Richtung gedrängt oder noch anderes fühlt.
Hinzu kommt, dass meine Gedanken und Bücher mehr die Seele betreffen, noch vor der Sphäre des Geistes, und auch das liegt sehr nahe an dem, wo man vielleicht lieber ,seine Ruhe haben’ will, sich ,nicht reinreden lassen’ will, was einen scheinbar auch ,nicht mehr freilässt’ und so weiter und so fort...
Hinzu kommt, dass es (jedenfalls vermeintlich?) vielleicht viel zu ,speziell’ ist, von daher vielleicht auch schnell viel zu ,einseitig’ etc. – was ja im ungeheuerlichen Reich des Geistes fast nicht vorkommen kann.
Und dann ist da ja auch die Gestalt des Mädchens, die ja auch wieder merkwürdig einseitig vorkommen kann, ist doch das Mädchen noch nicht einmal ,Frau’, geschweige denn ,der ganze Mensch’...
Und nicht zuletzt ist da die unverkennbare (Vor-)Liebe des Autors für diese Gestalt des Mädchens, nicht nur gewöhnungsbedürftig, sondern vielleicht sogar unmittelbar störend – –.
Und so hat man einen ganzen, mehr als großen ,Strauß’ von Aspekten, die Gefühle der Abwehr, des nicht Harmonischen, nicht Stimmigen usw. auslösen können.
Das eigentliche Problem
Und dann versuchte ich, zu beschreiben, was eigentlich heute die Situation der ,modernen’ Seele ist – und die Tragik nicht nur der ,Hochschulen’, sondern auch der Anthroposophie. Ich gebe diese weiteren Gedanken hier unverändert wieder. Ich fuhr fort:
Dessen ungeachtet kann ich hier dennoch nur ein ganz anderes Erleben haben.
Das Harmonie-Erleben ist auch sehr subjektiv. Es gibt vermutlich unzählige Menschen, die etwa Novalis nicht als harmonisch erleben würden, sondern als ,völlig überspannt’, die seinen magischen Idealismus nicht nur als ,weltfremd’ bezeichnen würden, sondern fast schon als ,übergriffig’ und so weiter.
Aber damit nähern wir uns ja längst wieder der Frage nach dem Zustand der heutigen Seele(n).
Steiner verweist mit seiner Anthroposophie auf die Notwendigkeit, zum Geist zu finden, und er verweist auf den Verlust des Geistes.
Ich verweise auf den ungeheuren Verlust an Seele – und das sind zwei ganz unterschiedliche Gebiete.
Implizit hat natürlich auch Steiner ständig darauf verwiesen, wo er vom ,Intellekt’ sprach, von der ,Abschaffung der Seele’ durch die heutige Psychologie und so weiter.
Aber ich tauche in diese Frage sozusagen ganz und gar ein, denn um diese Frage geht es heute.
Es geht um eine ganze heilig-unheilige ,Diagnostik’ der heutigen Seele! Etwa 99 % der ,modernen’ Seelen interessieren sich nicht die Bohne für Rudolf Steiner oder eine Spiritualisierung des Denkens – und dies, obwohl Steiner behauptet hat, die Anthroposophie treffe auf ein Seelenbedürfnis!!!
Das tut sie schlicht nicht mehr. Warum nicht? Weil die Krankheit der Seele extrem (!) weit fortgeschritten ist.
Die Anthroposophie wird sozusagen ,am gestreckten Arm’ vertrocknen, weil sie immer mehr nahezu niemanden mehr interessieren wird – wie auch zum Beispiel das Christentum.
Extrem viele Seelen sind bereits derart weit davon entfernt, dass sie nicht einmal mehr Ansatzpunkte finden würden, wo sie anknüpfen könnten – weil sie entweder schlicht keinerlei Lust haben, keinerlei Bedarf oder keinerlei Fähigkeiten mehr.
Der unabdingbare Durchgangspunkt
Nun kann man sich, wenn ich davon spreche, dass meine Bücher von der Seele und insbesondere von der Unschuld der Seele handeln, natürlich fragen, warum ich nicht zu dem Schluss komme, dass meine Bücher der heutigen Seele erst recht völlig fremd sind.
Doch, das sind sie...
Dennoch könnte die moderne Seele zu ihnen eher wieder einen Zugang finden als zu Rudolf Steiner. Denn sie handeln in gewisser Weise eben ganz unmittelbar von ihrer Krankheit – und zugleich aber auch von deren Heilung.
Um es deutlich zu sagen, halte ich die Sphäre der Unschuld für den unabdingbaren Durchgangspunkt, für die aller-allermeisten Seelen, um wirklich zum Geist gelangen zu können – mit mehr als nur den allerersten Schritten. Aber mehr noch. Es ist in keiner Weise in Sicht, dass die Menschheit zum Geist (zurück-)findet. Wenn sie aber nicht zur Seele zurückfindet, dann ist sie verloren. Und mit Seele meine ich erneut auch die Sphäre der Unschuld. Sie muss sich nicht gerade darin ,taufen’ – wie das ,Mädchen’ –, aber sie darf sie nicht völlig verlieren (was sie gerade rasant tut!), sondern muss zu einer Wieder-Verbindung (re-ligio) finden.
Was möglich wäre – und zwar weitaus leichter, als eine Verbindung zur Anthroposophie zu finden!
Aber in der Realität verliert sich die Seele immer mehr. Und das ist das, was mein Empfinden der ,Dringlichkeit’ ist.
Steiner steht auf dem Standpunkt, dass die Überwindung der ,Schuld’ (Selbstbezug, Luzifer/Ahriman) nur durch den Weg zum Geist möglich ist, denn schon in der Welt der Begriffe lebt Wahrheit, nicht mehr das bloß Eigene (Meinung, Ansicht, Deutung etc.). Aber selbst Steiner verwies auf die ,Nebenübungen’ (so etwa die Unbefangenheit), also eine Schulung der Seele, ohne die man zu einem selbstlosen Denken nie kommen wird.
Trotzdem geht bei Steiner alles um den Geist, vor diesem überwältigenden Hauptaspekt rückt die Seele sehr in den Hintergrund – ihre einzige Aufgabe ist letztlich, ,den Geist zu finden’...
Kann man sich nicht vorstellen, dass unzählige Seelen davon abgeschreckt werden? Weil es um die Seele letztlich ja gar nicht zu gehen scheint? Was sollen sie dann mit Rudolf Steiner oder der ,Anthroposophie’? Längst ist die ,geistige Welt’ für die meisten Seelen so ,abseitig’, dass Steiner für die heutige Zeit geradezu den zweiten Schritt vor dem ersten macht. Die Menschen haben den Anschluss verloren. Vor einem Jahrhundert konnten die Seelen sich noch unmittelbar für diese Anthroposophie interessieren – heute geht das für die allermeisten nicht mehr!
Was ist die heutige Wirklichkeit? – Der Verrat des Femininen
Und die Frage ist: Was ist eigentlich die heutige Wirklichkeit?
Das ist zum Beispiel, dass die Menschen sich verlieren – sich selbst, aber auch gegenseitig, den Mitmenschen.
Steiner beschrieb, wie heute unverhüllt das Ich dem Ich gegenübersteht – und davor regelrecht zurückschreckt. Das kann man geistig so beschreiben, aber 99 % der Menschen verstehen das nicht einmal, und selbst wenn sie es verstehen, ist ihnen eine solche Beschreibung gleichgültig. Denn sie enthält nichts Seelisches, rein gar nichts, sie ist rein geistig.
Ist es so abseitig, wenn ich beschreibe, wie diese Welt nach wie vor von männlichen Denkmustern und Strukturen dominiert wird? Wenn ich behaupte, dass auch Computer, Bildschirme, Handys nur von Männern erfunden und derart verherrlicht werden konnten?
Wenn ich beschreibe, wie die männliche Seele sich (ihr wahres Wesen) seit langem verraten hat, um ein Opfer dessen zu werden, was Steiner ,Ahriman’ und ,Luzifer’ nennt, während die weibliche Seele diesem Verrat gefolgt ist, um sich erstens zu ,emanzipieren’ und zweitens an den Segnungen des Materialismus und Hyper-Individualismus (,Fun’, Konsum und Selfies) gleichberechtigt teilzuhaben?
Auch Steiner beschrieb, dass der Ich-Impuls immer stärker werden wird. Seine Lösungen waren: Einrichtungen, die dem Ich immer wieder die Richtung auf das Soziale geben könnten (soziale Dreigliederung) – und Geistesschulung. Letztlich war beides Geist, denn auch die Erkenntnis der Dreigliederung ist ja Geistesfrucht.
Alle seelischen Wege tauchen bei Steiner nur am Rande oder zwischen den Zeilen auf. ,Ehrfurcht’ wird immer wieder mal erwähnt – Ehrfurcht vor dem Kinde, Ehrfurcht vor der Wahrheit, eigentlich auch vor den geistigen Wesen. Aber immer wieder nur zwischen den Zeilen. Die Anthroposophie ist eben Geistesweg, nicht Seelenweg.
Und das bedeutet eine gewaltige Lücke. Diese Lücke ist jetzt längst aufgerissen. Und sie fällt auf die Anthroposophie zurück – sie ist kein Seelenbedürfnis mehr, war es schon damals nur für Wenige. Wie die Seele aber erreicht werden kann, das ist eine heute völlig offene Frage.
Der Widerstand gegen die Erkenntnis
Ich sage noch einmal: Diese Zeit erstickt in männlichen Denkformen und Strukturen. Das Feminine wurde völlig verraten, und niemand spricht davon! Selbst das wagt man ja nicht mehr!
Verdeckt wird diese Tatsache nur von der vermeintlichen anderen Tatsache, dass ja doch heute jeder machen könne, was er wolle! Wir leben ja eigentlich in der ,besten aller möglichen Welten’, die Freiheit ist ja Realität! Oder nicht? Und da die Frauen selbst nicht mehr feminin sein wollen – wozu dann überhaupt noch große Worte machen? Hat ,das Thema’ sich nicht längst erübrigt?
Aber damit hätte man eben genau diese eine gewaltige Tatsache verkannt: Die grenzenlose Dominanz des Männlichen und seiner Denk-, Gefühls- und Verhaltensformen. Und nur weil auch die Frauen sie übernommen haben, scheint alles in Ordnung. Die Hälfte der Menschheit ist doch weiblich – so what?!
Nun – Emanzipation und Feminismus sind sozusagen das Karma des Patriarchats ... und sein Erbe. Die Frauen haben einfach nur das getan, was der Mann immer schon gekonnt hatte: die wahre Seele zu verraten. Jetzt können es also beide! Chapeau!
Auch dein eigenes Wesen ist sanft und steht dem Femininen nahe. Gerade darum müsstest du mich verstehen können. Vielleicht willst du es aber auch gerade deswegen vom Geschlechtsbezogenen lösen – was in gewisser Weise ja auch notwendig ist! Aber eben nicht vorschnell.
Es ist wichtig, sehr wichtig, die menschheitsgeschichtliche Entwicklung voll in den Blick zu nehmen. Sonst erkennt man weder das Wesen des Patriarchats noch das der Emanzipation. Sehr leicht sieht man eben nur die Unterdrückung der Frau und nicht den Verrat des Mannes an seiner eigenen Seele – und sehr leicht sieht man die Emanzipation nur als grandiose Befreiung und nicht als zweiten Verrat – nun auch des weiblichen Geschlechts – an der eigenen Seele.
Nun könnte man sagen: Ja, aber wenn heute keiner keinen mehr unterdrückt, dann ist doch alles wunderbar in Ordnung? Eben nicht! Denn nun marschieren Mann und Frau vereint im Flussbett des reißenden Materialismus und rasant wachsenden Selbstbezuges, wovon die ,Selfies’ nur ein äußeres Symptom sind, der Konsum ein anderes.
Teilweise wächst aber das Soziale doch auch? Ja, teilweise, das sind zarte Pflänzchen, aber der reißende Strom geht in eine andere Richtung...
Das Zärtliche – ein bei Steiner völlig fehlender Begriff
Und vor dieser ungeheuren, riesigen Bedeutung der Seele mutet es zum Beispiel äußerst seltsam an, dass so ein Wort wie ,zärtlich’ oder ,Zärtlichkeit’ (!) in Steiners Lebenswerk von hunderttausend Seiten eigentlich nicht vorkommt – es kommt schlicht nicht vor! Wohl einmal in einer Handvoll Stellen, als Zitat oder in völlig untergeordneter Bedeutung, aber das war es. Es kommt nicht vor...!
Weit ausgreifend kann Steiner auf künftige Jahrtausende verweisen, in denen ein ,Zeitalter der Brüderlichkeit’ anbrechen wird, wo dann auch die menschliche Begegnung ein Kultus, ein bis ins Heilig-Religiöse gesteigertes Erleben sein werde. Er kann schon jetzt schildern, wie man lernen kann, das Bild des anderen Menschen in der eigenen Seele auferstehen zu lassen. Aber das sind alles gleichsam Anweisungen eines geistig Eingeweihten – aber das unmittelbare Reich der Seele wird bei Steiner nie betreten, immer nur ,vom Geiste aus’ und auch vom Geiste aus geschildert.
Steiner wäre auch nicht der große Geisteslehrer geworden, hätte er sich auf dieses Gebiet begeben, er musste es sozusagen außen vor lassen, um sich als geistige Autorität, als Geisteslehrer, behaupten zu können. Andererseits wäre er erst recht überhaupt nicht ernst genommen worden.
Aber gerade deswegen bleibt diese Leerstelle, die inzwischen zu einer ungeheuren Kluft geworden ist.
Allein schon das große Reich des Zärtlichen. Und wieviel hätte man über die Zärtlichkeit auch in geistiger Hinsicht sagen können! Über den Geist des Zärtlichen! Aber nichts davon bei Steiner. Denn das Zärtliche ist ein Mysterium des Seelischen. Und für den Weg zum Geist war es anscheinend irrelevant...
Aber für die Seele ist es nicht irrelevant, sondern absolut essentiell – und für die heutige Seele noch viel stärker als für die Seele vor hundert Jahren!
Und deswegen ist die Frage des Männlichen in unserer gesamten Kulturentwicklung und heutigen Gegenwart bis in sämtliche Strukturen und Denkmuster hinein, und die Frage des Femininen – das so gründlich verraten und verkauft wurde wie Schneewittchen! – ebenso essenziell, wenn man die Situation der Seele heute wirklich von innen heraus (und eigentlich auch: vom Geistigen aus) verstehen will.
„Ein Mann mit einem Frauenherzen!“
Es ist bezeichnend, dass Steiner einmal doch von Zärtlichkeit spricht – nämlich in einem Zitat aus einem Werk der von ihm sehr geschätzten Rosa Mayreder. Steiner selbst geht über das Zitat dann ganz hinweg, greift es überhaupt nicht weiter auf. Aber Rosa Mayreder lässt in einem Roman die junge Protagonistin folgende Worte sagen:
„Ein Mann mit einem Frauenherzen! Das ist das Höchste, das ist die Vollendung! Ein Mann, der alles hat, was Männer auszeichnet, alle Kraft, allen Willen, alles Wissen, und der zugleich voll Hingebung ist, voll Zärtlichkeit, voll gütiger Innigkeit, der alles versteht, weil er es in sich selbst erlebt, der nichts Fremdes, der keinen ungelösten Rest in seinem Herzen hat.“
Ein solches Zitat würde einen unglaublich tiefgründigen Ansatzpunkt bilden. Nur müsste man jetzt wieder heilig ausloten, was der Begriff ,Zärtlichkeit’ eigentlich für einen ganzen Kosmos umfasst... Und des Weiteren dürfte man nicht wieder vorschnell sagen: ,Ja, aber heute sind ja dank der Emanzipation auch immer mehr Männer immer zärtlicher – wir sind doch auf einem großartigen Weg?!’ Das ist auch alles irgendwo richtig, aber dies mit einem tiefsten Ernst voll in den Blick zu nehmen als zentrale Frage – darum ginge es gerade!
Was wäre denn ein Mann ,mit einem Frauenherzen’? Würde es bereits reichen, wenn auch der Mann ,zärtlich’ ist, ja ,voll Zärtlichkeit’ – was meint hier und wie tief reicht hier das Wörtchen ,voll’? Und noch einmal: Was ist eigentlich Zärtlichkeit in ihrem ganzen Kosmos...? Und was ist eigentlich ein Frauenherz? Gibt es dieses Frauenherz einhundert Jahre später überhaupt noch? Wenn nicht: wo ist es hingegangen...?
Und in dieser Weise dürfte man dann vielleicht auch längst nicht mehr von männlichen Imaginationen wie ,Ahriman’ und ,Luzifer’ sprechen, jedenfalls nicht derart ausschließlich – sondern man müsste wieder anfangen, mit vollem Ernst, von Schneewittchen zu sprechen, von dem Impuls der bösen Hexe; von der Unschuld, vom Dämon des Selbstbezuges (Pechmarie), vom begleitenden Dämon der Konsumlust und von der Gestalt des Mädchens...
Nicht, um die Menschheit erneut mit bloßen Bildern ,einzulullen’, sondern gerade, um sie für die tägliche Realität vollkommen aufzuwecken. Denn das Märchen ,Schneewittchen’ ist unsere heutige Realität. Und das Mädchen als Hüterin der Unschuld ist unsere Zukunft. Wird aber das Mädchen ausgerottet, so wird es auch Steiners Zukunft nicht geben – denn ohne einen neuen Pfad zu der Sphäre der Unschuld zu finden, setzt die Menschheit ihren Weg in die Abgründe fort. Und ,der Geist schwebte über den Wassern’, aber die Wasser werden dann nur noch eine tote Lache sein.
Steiner beschreibt also den Weg zum Geist. Diesen können 99 % der heutigen Seelen nicht gehen, weil sie gar keinen Impuls dazu haben, jedenfalls nicht in Gestalt der Anthroposophie. Aber die heutigen Seelen brauchen dringend Wege, die wieder zur Sphäre der Unschuld und der Zärtlichkeit führen. Und nicht nur irgendwie halbherzig-instinktive Wege, die diese Sphäre auch ein wenig streifen – sondern vollbewusste Wege, die in jedem Moment erkennen, was auf dem Spiel steht.
Nämlich das Menschsein selbst. Und die gesamte Zukunft.
Das heilige Resümee
Soweit mein Brief an den Freund...
Ob meine Bücher Leser finden, ist nicht die entscheidende Frage in Bezug auf ein Urteil darüber, was sie enthalten.
Sie enthalten das Missing Link.
Natürlich kann man sich selbst auf dieses fehlende Bindeglied nicht einlassen, wenn man nicht will – die Freiheit des Menschen ist eine Tatsache.
Aber meine Bücher handeln vom Geheimnis der Seele – und um diese Seele geht es.
Wenn man keine Verbindung zu ihnen findet, so meist deshalb, weil man es ,viel zu abseitig’ oder ,zu extrem’ oder was auch immer findet – lauter Rationalisierungen, die bereits dem modernen ,Selbst’ entspringen, das aus gleichen Gründen auch die Anthroposophie links liegen lässt.
Steiner hat es versäumt, die heutige Realität wirklich zu benennen – oder er hat sie so extrem noch nicht vorhersehen können. Wie sollte er im Detail vorhersehen können, was das ,Internet’ ist, wie die ,Coolness’ und ein seelenloser Humor gigantisch ,gepusht’ werden würden und welche unbeschreibliche Sogwirkung die ,modernen’ Bildschirme auslösen?
Steiner sprach von ,Ahriman’ und ,Luzifer’, aber das reicht heute nicht mehr. Man muss die gigantische Leere des Intellekts und die gigantische Hypertrophierung des selbstbezüglichen (falschen) ,Ich’ in all ihren Ausmaßen und Phänomenen benennen. Man muss die Seelen ihre eigene heutige Wirklichkeit erleben lassen – in der Katastrophe eines Verlustes mit tausend Facetten.
Luzifer und Ahriman sind die Realität der Seele heute. Aber von zwei männlichen Imaginationen zu sprechen, ist völlig verfehlt – denn von 99 % der Seelen wird dies nur noch als belustigendes Phänomen aus dem Raritätenkabinett wahrgenommen. Als Schwachsinn!
Und zwar, weil Steiner mit femininen Imaginationen nichts zu tun haben wollte! Luzifer und Ahriman sind völlig überholte Imaginationen, die nichts mehr mit der realen Seelen-Wirklichkeit zu tun haben, wenn die Seele nicht begreift, dass die Gestalt des Schneewittchens ihr eigener Mythos ist...
Erkennt die Seele im vergifteten Mädchen nicht ihr eigenes Schicksal, dann kann sie auch Steiners Imaginationen nicht im Geringsten mehr ernst nehmen – mit Recht, wie auch?! Zuerst muss die Seele sich selbst erkennen. Dann, und nur dann, wird sie auch die Gegenmächte wirklich erkennen können.
Von dem Mädchen hat Steiner geschwiegen. Das Christentum überhaupt ebenfalls. Nur männliche Imaginationen ... die Seele ist menschheitlich im Männlichen regelrecht erstickt. Und heute steht sie da! Hypertroph. Im Selfie-Modus. Man könnte sagen: Breitbeinig fläzt sie sich auf ihrem Thron...
Aber was sich da fläzt, ist nicht mehr sie. Es ist ihr eigener Verrat. Sie hat das Schneewittchen vergiftet, um im Selbstgefühl schwelgen zu können – und im toten, unverbindlichen Intellekt.
Wer vom Schneewittchen nicht reden will, sollte von Luzifer und Ahriman schweigen – –.
Der fehlende Diskurs des Femininen
Und damit würde der Diskurs des Femininen überhaupt erst beginnen.
Denn dieser ist ja völlig unterdrückt, geradezu ausgelöscht worden. Wir haben ja heute nichts anderes als die Fortsetzung des Patriarchats mit anderen Mitteln.
Denn was anderes ist die Diskussion um neue ,Kriegstüchtigkeit’? Um das Zurückschneiden des Sozialstaates? Um die ungebrochene Anbetung des Kapitalismus? Die ,Exzellenz-Cluster’ an den Unis? Die Ausrottung von allem – überall –, was noch unmittelbar menschlich heißen könnte?
Was ist es anderes als ein ,Ins-Gesicht-Schlagen’ gegenüber allem, was je ,feminin’ hieß?
Das Weibliche wird also immer noch geschlagen. Nicht mehr in der Ehe, wo es inzwischen strafbar ist, aber (sondern) in aller Öffentlichkeit!
Und man sieht es nicht, weil man den Diskurs des Femininen begraben hat – und vorher ermordet.
Aber das Feminine muss auf ,seinen’ Diskurs nicht warten – es kann ihn selbst beginnen. Dies ist jene ,Selbstermächtigung’, von der immer geredet wird, allerdings stets mit maskulinem Vorzeichen, und sei es auf Seiten des Feminismus.
Wenn das Feminine sich selbst ermächtigt, ist dies nichts anderes, als wieder die eigene Stimme zu erheben – selbst wenn sie noch so sehr vom Geschrei der Moderne übertönt wird.
Zwangsläufig. Denn die Stimme des Femininen ist sanft. Sie ist weich. Sie ist nicht laut, eher leise. Sie ist unaufdringlich, berührend, aber jederzeit beiseite zu wischen. Jederzeit ins Gesicht zu schlagen.
Das Feminine kann sich nicht wehren. Vielleicht könnte es, aber es will gar nicht. Seine Grundgeste ist das Gegenteil. Es ist die Schutzlosigkeit, die Aufgabe jedes Schutzes.
Aber der Diskurs des Femininen hat noch nicht einmal begonnen. In meinen Büchern hat er aber begonnen – das Feminine selbst hat ihn begonnen... Das Mädchen – –.
Es hat zur Wirklichkeit heute grenzenlos viel zu sagen, grenzenlos viele Gedanken, Empfindungen, Willensregungen. Die man immer wieder überhören, übersehen, übergehen wird.
Aber es lässt sich nicht aufhalten. Und es ist die Wahrheit.