03.05.2026

Die BSW-Grundwertekommission – männlich?!

Über die Blindheit gegenüber den weiblichen Qualitäten, auch beim BSW. 

 
Das BSW hat die Zusammensetzung seiner Grundwerte-Kommission bekanntgegeben. Neben Sahra Wagenknecht sind es dreizehn weitere Personen, bis auf eine einzige Frau (Daniela Dahn) alles Männer... Ich schrieb dem Bündnis daraufhin folgende Zeilen. 

Lieber Fabio De Masi, liebe Amira Mohamed Ali, 
lieber Oliver Ruhnert, liebe Sahra Wagenknecht,

von dreizehn Personen ... EINE Frau? Insbesondere als ich auf das Foto blickte, war ich schockiert. 

Eine Grundwertekommission aus Männern... Heißt das, dass das Weibliche für die Grundwerte unserer Zukunft so unglaublich wenig Bedeutung hat und so unglaublich wenig zu sagen hätte? 

Haben Sie zum Beispiel den Film "Heldin" gesehen? Warum nicht eine Pflegerin mit diesem Wesen? Man kann das, was nötig ist, in großartiger Analyse und Kritik vortragen - aber was Leonie Benesch in diesem Film verkörpert, geht weit darüber hinaus und geht viel tiefer: Sie verkörpert unmittelbar Herz und Seele. Und ich bin überzeugt, dass es DAS ist, was unserem Land am meisten fehlt. 

Immer mehr geht alles in die Konfrontation, in das Wissen und Besserwissen, in Analyse und Kritik. Der Kopf, der bloße Intellekt, das Männliche - sie feiern ihren Triumphe. Und all die Pflegerinnen und unendlich viele andere weibliche Menschen fallen durch das Raster, werden nicht gehört, nicht gesehen – weil sie sich schlechter oder einfach nur stiller artikulieren ... oder auch gar nicht. In unserer Kultur wird das Herz nicht mehr gehört, und es hat keinen Platz zum Mitgestalten, Mitbestimmen. Es ist eine Quantité negligeable, wird allenfalls noch belächelt. 

Ist es nicht seltsam, dass schon vor über zweihundert Jahren große Geister wie Schiller oder Novalis um die tiefe Bedeutung des Weiblichen wussten ... und dies in einer Besetzung einer Grundwerte(!)-Kommission heute sicher in tiefster Weise verwirklicht hätten, indem mindestens (!) die Hälfte ihrer Mitglieder weiblich gewesen wäre und dies in keiner Weise aus intellektuell-paritätischen Gründen...?

Ich erlebe es auch bereits als mit der Qualität des Weiblichen zusammenhängend, überhaupt den außerordentlich authentischen Mut zu haben, etwa zu bekennen, dass Goethe wesentlich zur eigenen Politisierung beigetragen hat, wie Sahra das tut. Diese Authentizität ist weiblich – ebenso wie die Wahrhaftigkeit, mit der sie nun schon seit Jahrzehnten im Bundestag spricht und den Finger in reale Wunden legt, anders, als ich es bei irgendeinem anderen Menschen wahrgenommen habe. Es ist eine innere Bedingungslosigkeit und auch deren Art, die in allerbestem Sinne weiblich ist. 

Auf andere (!) Weise hatten diese Bedingungslosigkeit die männlichen Geister des Deutschen Idealismus. Ich erlaube mir den Hinweis, dass Fichte noch viel stärker als Goethe seiner Zeit voraus war und die scharfe Kritik an den bestehenden Verhältnissen in seinem ,Geschlossenen Handelsstaat’ (1800) lange vor Marx sämtliche Grundsätze des Kommunismus vertrat: gerechte Besitzverhältnisse, gerechtes Einkommen, keine Konkurrenz, sondern ein aus der Vernunft heraus als Zusammenhang (Oikos) geplantes und eingerichtetes gemeinsames Wirtschaften zur Hervorbringung alles dessen, was die Menschen brauchen – ohne dass es eine Kommandowirtschaft ist, bei voller Bewahrung der menschlichen Freiheit. Fichte ist absolut zukünftig! 

Was er als ,geschlossen’ hinstellt, ist heute die Eine Welt. Allein schon aufgrund der Computertechnik ist heute jedes Land auf globale Stoffströme angewiesen, das bedeutet, der ,geschlossene Handelsstaat’ IST heute die ganze Welt. Man kann die Dinge nur noch global betrachten. Aber das ändert nichts an dem, was Fichte als Grundsätze formuliert, WIE sie zu betrachten und zu gestalten sind – nämlich unmittelbar menschlich und vernünftig und bedingungslos gerecht. Fichte hat den Kapitalismus schon im Jahre 1800 in allen Einzelheiten in bestürzend aktuellen Abschnitten beschrieben – und dessen Unhaltbarkeit so deutlich gemacht wie keiner vor ihm und wenige nach ihm. 

Unglaublich viele junge Menschen tragen die Essenz dessen, was Fichte damals beschrieb, heute unmittelbar in ihrem Gefühl – ganz besonders viele Mädchen und junge Frauen. In einer Grundwertekommission müssten auch sie vertreten sein – auch in der Qualität: Das aufrichtige, unmittelbar menschliche Fühlen als Wahrheitsorgan. Wie einfach hätte man zwei junge Studentinnen der Sozialen Arbeit, eine angehende Erzieherin, eine junge Krankenpflegerin oder einfach eine junge Mutter und sogar ein noch gar nicht ,erwachsenes’ Mädchen berufen können – die genau das verkörpern, was heute so fehlt. Keinen herausragenden Intellekt, kein herausragendes ,Kämpfertum’, aber ein herausragendes HERZ. Hat man inzwischen so wenig Mut...? Sich dazu zu bekennen, dass das nicht weniger wert ist, sondern ganz gewiss noch mehr? 

Oder ist unsere politische Debattenkultur dahin gelangt, dies nicht einmal mehr zu sehen – und zu spüren?

Mit herzlichen (!) Grüßen,
Holger Niederhausen