2026
Michael ist Dynamis und Anthroposophia heißt jetzt ,Hertha’
Ein Erfahrungsbericht.
Leicht verändert erschienen: Anthroposophia heißt jetzt Hertha. die Drei 4/2026, S. 106-109.
Aufgrund der Rezension von Roman Herzog in ,Die Drei’ 3/2026 habe ich mir das Büchlein ,Über das Ich. Im Gespräch mit dem Zeitgeist’ besorgt und gelesen. Darin stellte Steffen Hartmann einem geistigen Wesen – dessen Antworten von Verena Staël von Holstein ,übersetzt’ wurden –, Fragen zum menschlichen Ich. Bevor Hartmann ihr das erste Mal begegnete, versuchte er bereits in Finnland, mit jenen Wesen in Kontakt zu kommen, mit denen sie kommuniziert. Als er sie dann wenige Wochen später erstmals besuchte, legte sie ihm völlig unerwartet ein Manuskript vor, dass ihr ,der Große’ speziell für die kommenden Fragen bereits regelrecht diktiert (,durchgegeben’) hatte!
Erstaunlich genug. Wenn man dann aber das Büchlein studiert, wird die Frage immer größer, wer hier eigentlich ,spricht’.
Ich beginne einmal am Ende. Im ,Nachwort’ von Johannes Greiner, das allein ein Drittel einnimmt, wird für die Elementarwesen geradezu geworben, beginnend mit Hinweisen auf Manfred Kyber, Jakob Streit und andere, dann auch auf Tanis Helliwell, die seit 1985 mit einem ,Leprechaun’ namens ,Lloyd’ kommuniziert, der ihr damals erzählte, ,dass er [...] von Rudolf Steiner gefragt worden sei, ob er Interesse daran hätte, näher mit den Menschen zusammenzuarbeiten’ (S. 61). Inzwischen hat Helliwell Bücher veröffentlicht, in denen sie behauptet, es gebe zahllose Menschen, die in Wirklichkeit ,Elementarwesen-Hybriden’ seien. Schon auf dem Cover der deutschen Ausgabe sehen wir eine ,Elfe’ mit den üblichen Flügelchen. Aber in vielen Menschen steckten auch Trolle, Drachen, Zentauren, Pan, Riesen, Delfine... Krudeste New-Age-Esoterik – der Phantasie sind hier wirklich keinerlei Grenzen mehr gesetzt!
In dem ,Dokument’, das durch den ,Großen’ bereits vorbereitet worden war, liest man: ,Zugang zu den höheren Ich-Fähigkeiten erlangt das Menschen-Ich primär durch die Beschäftigung mit den vielfältigen Wesen, welche sich in der Ätherwelt befinden.’ (S. 40). Welch eine Aussage! Menschen, die das also nicht tun, erlangen somit keinen Zugang zu den höheren Ich-Fähigkeiten...
Auf derselben Seite: ,Das menschliche Ich benötigt den Spiegel des Mondes, um seine Konturen für sich selber sichtbar zu machen.’ Ergibt dieser Satz Sinn? ,Noch schwerer ist es, dasjenige Ich anderer Wesen wahrzunehmen’. Keine Rede davon, dass Steiner sogar von einem unmittelbaren Ich-Sinn sprach, mit dem das Ich des anderen Menschen unmittelbar (!) wahrgenommen wird. Nein, es ist ,schwer’, ja ,fast unmöglich’!
Völlig sinnfrei wird direkt danach dazu übergesprungen, zu erzählen, wie höhere Wesen mit dem entsprechenden Evolutionsschritt die ,Ausgliederung des Ich aus den eigenen Wesensgliedern’ erleben – und wie sie dann ,gerne sich selbst und anderen Gleichgesinnten alle Facetten ihrer Iche’ zeigen und ,über deren Veränderung zum noch Schöneren’ beraten (S. 41). Als wäre die Evolution der Wesensglieder ein ,Happening’, eine Art bessere ,Stockwerkfete’! Was für eine Sprache ist das überhaupt? ,Anderen Gleichgesinnten’!? Und ,wenn alles gut läuft...’ – und so geht es sprachlich teilweise immer weiter.
Es kommt noch schlimmer. In diesem Büchlein wird das bisher immer nur ,der Große’ genannte Wesen mit Michael identifiziert. Aber das Wesen Michaels ist hier nicht einmal im Ansatz zu erkennen! Dennoch werden diesem Wesen lauter Fragen gestellt und die Antworten ,gläubig’ entgegengenommen. Aber weiter. Es heißt seitens Staël von Holstein, es sei ihm zwar ,durchaus recht, wenn er immer noch Erzengel genannt’ werde – aber nein, er ist nicht etwa der führende Zeitgeist unserer Epoche, nicht einmal Exusiai, sondern Dynamis! (S. 30). Entweder hat sich der dilettantische Steiner gleich um zwei ,Stufen’ vertan – oder Michael durfte irgendwann in den letzten Jahrzehnten zwei Stufen überspringen. Man fasst sich nur noch an den Kopf, aber einer gläubigen Gemeinde kann man offenbar alles verkünden.
Michael als Zeitgeist der Freiheit würde nie (!) regelrechte ,Schriftsätze’ diktieren – allein schon diese Tatsache beweist, welchen Illusionen hier aufgesessen wird. Welche Geistwesen es auch sein mögen, die hier wahrgenommen und ,übersetzt’ werden – es entsteht nur heil-lose Verwirrung, alles verschwindet in einem grenzenlosen Nebel, und was wahr ist, wird völlig unentscheidbar.
Aber es nimmt kein Ende. Diese Frau kann angeblich sogar mit Anthroposophia selbst kommunizieren! Man muss nur eine Frage an jenes Wesen richten, und sogleich kommt die Antwort! Aber – da ist nichts mehr übrig von Kosmisch-Weitem, Umfassendem, von etwas, was mit dem makrokosmischen Menschenwesen zu tun hätte! Stattdessen wünscht sich das Wesen, das sich dafür ausgibt, ,als erstes’ einen vernünftigen Namen, der in die Zeit passe, das ,würde mir schon ganz viel helfen, um in der Gegenwart aktiv handeln zu können’ (S. 15). Man fragt sich, in welchem Sinne Anthroposophia ,aktiv handelt’? Schon hier wird die menschliche Freiheit völlig negiert – das Handelnde ist auf einmal Anthroposophia! Und sobald sie einen neuen Namen hätte, könnte sie offenbar die Ärmel hochkrempeln und würde fast von selbst die Spiritualität bringen – oder wie?! Sobald Anthroposophia in dieser hoch suggestiven Weise ,interviewt’ (!) werden kann, ist die menschliche Freiheit dahin! Es ist daher unmöglich, dass es dieses Wesen ist, das spricht.
Es behauptet die Abneigung gegen den Begriff ,Anthroposophia’, da dieser sich auf ,eine zurückliegende Kulturepoche’ beziehe. Etwa, weil er griechisch-sprachig ist? Das Wesen der Anthroposophia sollte doch wohl von irdischen Namen unabhängig sein! Es hat aber grenzenlos viel mit dem makrokosmischen Menschen zu tun – und der Begriff ist der beste, den die menschliche Sprache zunächst überhaupt zur Verfügung hat. Kaum eine Sprache ist geistoffener und umfassender als die griechische.
Aber – der Name ist laut der interviewten Wesenheit sogar noch wichtiger als die erstarrten anthroposophischen Formen, von denen ,manche auch gerne einfach – hamburgisch gesprochen [!] – über Bord zu werfen’ sind. Auch hier wieder der joviale Hinweis: ,Das würde mir sehr helfen, aktiver in der Welt stehen zu können’.
Und dann spielen sich Fintelmann und Staël von Holstein die Bälle zu. ,Hat sie einen Namen, der ihr helfen würde’? Und schon kann dieser verkündet werden! Denn wie gesagt, ,ungern’ heißt sie Anthroposophia! Gegen jede menschliche Freiheit wird jetzt verkündet, was künftig absolut besser sein soll – nämlich Hertha! (S. 16). Spätestens jetzt müsste man das Buch ad acta legen. Dies ist wirklich die Auslöschung jeglichen Wesens von Anthroposophia! So müsste man es einfädeln, um sie zu vernichten, ebenso wie jeglichen Bezug zum makrokosmischen Menschen und überhaupt zum Menschen... ,Anthroposophia? Vergiss es! Hertha heiß ich jetzt, Stupid!’
Mit diesem Namen, der nun wirklich nicht aus einer vergangenen Kulturepoche kommt, kann das Wesen in der Gegenwart endlich ,aktiv handeln’! Und keinerlei Einwand des Fragen stellenden Steffen Hartmann...
Übrigens ist laut dem angeblichen ,Michael’ auch Rudolf Steiner derzeit nicht inkarniert, da er immer noch seine letzte Inkarnation aufarbeite... Hartmann stellt die geradezu schülermäßige Frage, wie ,man ihm dabei helfen’ könne (!). ,Michael’ rät sodann, ihm ,möglichst leere Räume zur Verfügung’ zu stellen – einen Leer-Raum zu meditieren und diesen dann gezielt freizugeben. Leere als ,aktive Hilfe’ – geistloser geht es nicht...
Wie wenig Frau Staël von Holstein selbst von der Anthroposophie begriffen hat, zeigen ihre eigenen Ausführungen ,Über Meditation, Gebet und Heilung’ (S. 48-50). Da wird in völliger Schubladen-Manier die Trinität dem Denken, Fühlen und Wollen zugeordnet, das Denken und die Meditation auf die bloße Imagination beschränkt, auch solle Meditation auf dem ,physischen, aber nicht materiellen Plan stattfinden’ – nicht etwa im Geistigen!
Der ,dem Fühlen zugeordnete Weg’ ist dann das Beten, dieses wiederum ist ,dem Christuswesen zuzuordnen’ (lauter Schubladen), und für die Engelhierarchien ist es ,wie eine hochwertige Nahrungsquelle’. Esoterik für Erstklässler? Wenn man mit Engeln kommunizieren möchte, ,ist das Beten der richtige Weg, um zur Erkenntnis und Kommunikation [...] zu kommen.’ Hält sie sich selbst daran? Ihre ,Durchgaben’ jedenfalls machen sowohl Beten wie Denken überflüssig. Und: ,Alle Wesen und Ziele des Gebetes sind völlig gleichberechtigt.’ Was auch immer das heißen mag!
Der dritte Weg des Wollens ist dann ,besonders angesiedelt im Heilwesen’, erwähnt werden müssen hier natürlich auch Schamanismus, Heiltänze und Beschwörungen. Heilung gehöre zur Brüderlichkeit – das bedeute ,im Prinzip, dass Heilung kein Automatismus ist’. Lauter Trivialitäten, die als erleuchtete Erkenntnisse verkauft werden...
Merke also: Der wirkliche Wille wirkt im Heilen, nicht etwa im Beten – das ist ,gefühlig’ – und nicht etwa in der Meditation, das ist reine Imagination, mehr nicht. Merke auch: Der Heilige Geist hat nichts mit Meditation zu tun, der Vatergott nichts mit dem Willen, Christus nichts mit dem Heilen. Die Holzschnitt-Esoterik dieser gut zwei Seiten ist einfach nur ,ahrimanisch’ – und ,Luzifer’ liefert den Brennstoff für die Selbstüberzeugtheit.
Aber wenn wir ,Michael’ und ,Anthroposophia’ ernst nehmen, müssen wir jetzt wohl alle ,Herthaner’ werden, damit der große Durchbruch kommen kann…