,Begegnung mit Sophia’ - essenzielle Leseproben
Holger Niederhausen: Begegnung mit Sophia. Roman. Niederhausen Verlag, 2025. Paperback, 520 Seiten, 21,90 Euro. ISBN 978-3-8192-9515-7.
► Wichtiger Hinweis: Wer meinen würde, ich schriebe nur 'Mädchen-Bücher', der irrte essenziell - diese Mädchen sind Botinnen des immer verschütteteren Wesens der menschlichen Seele überhaupt.
Erschienen am 20. April 2025. > Bestellen: Books on Demand | Amazon < > Reaktionen und Rezensionen <
Übersicht der Leseproben
Die folgenden Abschnitte geben fast vierzig essenzielle Passagen des Romans wieder. Die ganze berührende Handlung können sie nicht einfangen, aber seine Tiefe.
• Von der Schönheit eines Mädchens (S. 73-77)
• Urteile und Christus (S. 121-124)
• Moralische Fragen (S. 127-128)
• Perverse Liebe? (S. 199-205)
• Blonder Engel (S. 212-214)
• Selbstzweifel des Mannes (S. 219-221)
• Von der heiligen Freiheit des Mädchens (S. 230-234)
• Vom Wiederfinden der Geborgenheit (S. 244-247)
• Die Manipulation des Mädchens durch die allgemeine Meinung (S. 260-266)
• Vom subtilen Druck des Jungen auf das Mädchen (S. 280-284)
• Die Hingabe des Mädchens und das Narrativ (S. 288-290)
• Ein Mädchen im Angesicht der Vorurteile ihrer Eltern (S. 292-296)
• Was ein Mann einem Jungen voraus hat – auch wenn er es nicht glaubt (S. 297-299)
• Vom Verlust der Hingabe (S. 310-313)
• Schneewittchen und der vergiftete Apfel heute (S. 317-321)
• Die für einen Mann unfassbare Liebe eines Mädchens (S. 327-330)
• Mut zum seelenvollen Mädchen-Sein (S. 331-334)
• Zu alt, um von einem Mädchen noch geliebt zu werden? (S. 335-338)
• Über die Scheu (S. 341-348)
• Mädchenschönheit – Anziehung und Zauber (S. 354-358)
• Von der Liebe eines Mädchen zur tiefen Seele eines Mannes (S. 371-373)
• Die Liebe eines Mädchens und die Selbstzweifel eines Mannes (S. 398-403)
• Von der heiligen Kunst, Tiefe und Leichte kostbar zu verweben (S. 405-409)
• Das Wunder der weiblichen Hingabe in der körperlichen Liebe (S. 410-414)
• Von der Unschuld, die nur ein Mädchen hat (S. 414-415)
• Was ein Mann einem Jungen voraus hat (II) (S. 415-419)
• Schüchterne Liebe ist die aufrichtigste (S. 419-422)
• Die Liebe des schönen Mädchens zur Scheu des Mannes (S. 422-430)
• Was ein Mann einem Jungen voraus hat (III) (S. 432-434)
• Wenn der Altersunterschied zu groß wird (S. 436-438)
• Heilige Seelentiefen und erschütternde Verflachung (S. 438-446)
• Das Feminin-Weibliche als Lehrerin der Seelenrettung (S. 449-453)
• Unschuld, Verletzlichkeit, Schönheit – Märchen und Verwandlung des Mannes (S. 455-461)
• Was ein Mann einem Jungen voraus hat (IV) (S. 462-464)
• Schneewittchen und der Kapitalismus (S. 487-492)
• Ein Mädchen lehrt einen Mann, sich seiner Liebe zu ihrer Schönheit nicht zu schämen (S. 508-519)
Von der Schönheit eines Mädchens (S. 73-77)
Und ja, er hatte auch sein Leben lang Schönheit geliebt. Nie die Schönheit der Werbekataloge. Immer aber die Schönheit, die von innen zu leuchten schien. Die vom Rosarot der untergehenden Sonne leuchtenden Wolken. Die im Herbstlicht leuchtenden Hagebutten. Das Glitzern des Lichtes auf dem Wasser. Ein durchscheinender Spross im Frühling.
Und nun hatte auf einmal die Schönheit eines Mädchens sein ganzes Herz ergriffen... Nach dreißig Jahren des erwachsenen Lebens, in denen er zwar gewusst hatte, dass auch Mädchen schön sein können, in denen er sich aber niemals verliebt hatte... Und jetzt das! Er musste lächeln, als er sich erinnerte, dass das fast genau ihre Worte waren.
Die Tatsache, dass er ohnehin keine reale Chance hatte, was eine reale Erwiderung seiner Liebe betraf, machte ihm die Sache leichter. Er würde von vornherein in der Resignation leben, allein schon, um ihre Abwehr nicht aufzurufen, aber auch, weil er gar nicht vorhatte, ihr ihren Freund zu nehmen – wie könnte er?
Und doch liebte er sie ganz. Hätte er mit ihr sein ganzes Leben verbringen wollen – aber selbst die theoretische Möglichkeit konnte er ihr nicht zumuten. Vielleicht ginge es für ein, zwei Jahre – aber wenn sie Mitte zwanzig wäre, wäre er bereits über sechzig. Das wäre nur noch Wahnsinn. Aber es tat weh. Die Vorstellung, dass ihrer beider Leben im Grunde aneinander vorbeilief. Sie hatten einander verpasst... Er hatte sich viel zu früh inkarniert... Eine Schicksalstragik. Zu früh. Er hätte auf sie warten müssen. Sich andere Eltern suchen müssen. Der Ort stimmte, alles stimmte, nur die Zeit nicht. Er hatte die falsche Zeit gewählt – und dieses Schicksal holte ihn nun ein. Er hatte sein Leben bereits gelebt – und jetzt erst begegnete er ihr...
Jeder Andere würde ihn bei diesen Gedanken als verrückt bezeichnen. In was steigerte er sich hinein? Meinte er das wirklich ernst? Aber die idealisierende Liebe maß alles an dem, was sie sah. Aber was sah er denn ... außer eines bildhübschen Mädchens? Er musste es sich immer wieder vor das innere Auge rufen. Allein schon das Leuchten ihres Haares – das selbst im Dunkeln zu leuchten schien! Dann die Art, wie sie um ihn besorgt gewesen war – und sei es aus unmittelbarer Dankbarkeit heraus. Aber dies war völlig irrelevant – er hatte in diesen kurzen Momenten ihr Wesen empfunden. Und diese Empfindung hatte sich in seine Seele gesenkt ... und dann hatte er sie erblickt... Und der Zusammenklang dieser beiden Eindrücke hatte seine Seele so vollständig ergriffen, wie es kein weibliches Wesen zuvor getan hatte.
Ihre Schönheit – die Schönheit ihres Gesichts, ihres Haares, ihrer ganzen Gestalt – machte gewiss mindestens siebzig Prozent des überwältigenden Eindruckes aus. Es war, als würde ihm am ,Ende’ seines Lebens die ganze Betonung des ,Inneren’, die ja auch zur Anthroposophie gehörte, einen Streich spielen – und sagen: Siehst du? Auch der alte Idealist steht am Ende auf süße, echt junge Mädchen... Es lächelte. Als wenn es Ahriman wäre, der ihm dieses Mädchen in den Schicksalsweg gegeben hätte. Er wusste, dass es nicht so war. Er wusste, dass es ihm bei jeder tiefen Schönheit um die Seele dieser Schönheit ging, auch in der Sinneswelt. Selbst im Supermarkt kaufte er nicht die ,knackigsten’ Äpfel, sondern die, die noch Seele hatten. Das waren oft die, nach denen kein anderer griff.
Und dieses Mädchen? Ein Mädchen, nach dem jeder ,greifen’ würde? Er wusste, dass er ihre Schönheit dennoch völlig anders sah als jeder andere. In ihrem Haar sah er förmlich das Gold, ein geradezu seelisches Gold – und er wusste, dass es niemand anders sah. Er sah ihre Brust ... und hätte sie gerne zärtlich berührt, aber vor allem berührte sie ihn, ihre ganze weiche Gestalt berührte ihn. Es war ein sinnlicher Vorgang, aber gewissermaßen überhaupt kein körperlicher mehr – er war von Seele regelrecht durchdrungen. Ihre Schönheit hatte nicht seine Hormone durcheinandergeworfen, sondern seine Seele. Bis ins Innerste berührt. Weil er nicht gewusst hatte, dass es solche Schönheit gab. Gewusst vielleicht schon, aber begegnet war er ihr nicht. Zwei-, dreimal vielleicht hatte er Frauen gesehen, die er so schön fand, ein Mädchen nie. Und jetzt sie...
Sophia mit goldenem Haar, das wie vor Seele zu leuchten schien... Auch wenn er dies vielleicht nur idealisierte. Dennoch war niemand sonst so schön gewesen wie sie. Sie war sozusagen verkörperte Schönheit. Ein übersinnliches Prinzip, das bis in die Sinnlichkeit hinabkam. Gar nicht perfekt. In gewisser Weise doch nur einfach ein Mädchen. Und doch in seinen Augen ein Wunder. Ein Wunder unaufdringlicher Schönheit. Gerade, weil sie davon gar kein Aufhebens machte, am liebsten weniger davon hätte, um nicht so aufzufallen. Und auch dies hatte er ja unmittelbar bemerkt. Diese unglaublich natürliche Schönheit, die wie soeben vom Himmel gefallen schien...
Auch dies alles gehörte mit zu ihrem Wunder. Und natürlich – für Menschen, die sich ganz nach innen wandten, ihre Steiner-Zyklen lasen und allenfalls noch Blumen und Bauwerke schön fanden, alles übrige Sinnliche aber fast schon Ahriman zuordneten, war es ein leichtes zu sagen: Aha, jetzt hast du dich also in ein Mädchen verliebt. Die Midlife-Crisis – oder so etwas –, an der dich Ahriman dann doch noch erwischt hat... Diese Menschen wussten nichts, rein gar nichts von Sophias Geheimnis. Nichts von ihrem leuchtenden Haar. Nichts von ihrem berührenden Wesen, das nur nach außen hin so schien wie das jedes anderen Mädchens.
Und ganz sicher war sie innerlich nicht perfekt wie irgendeine Märchengestalt. Solche gab es eben auch nicht, auch sie waren ein Ideal. Aber darum ging es nicht. Es ging darum, wie sie war. Selbst ihre Ironie, jede ihrer Bemerkungen ... trug in sich eine Nuance, die sich so in keinem anderen Mädchen finden würde. Es war das Geheimnis der Individualität. Und liebte er sie nur wegen ihres Haars? Oder war ihr Haar letztlich auch nur Ausdruck von allem? Vielleicht offenbarte ihr Haar ja ihr Wesen am vollkommensten ... ausgerechnet ihr Haar, das vergänglichste von allem. Vielleicht war alles Übrige ja erst noch auf dem Weg, immer mehr leuchtendes Gold zu werden? Und das Geheimnis ihres Namens zu finden? Vielleicht hatte ihr Haar den Anfang gemacht mit ihrem Geheimnis ... Sophia...
Urteile und Christus (S. 121-124)
Er konnte seine Erlebnisse mit niemandem teilen. Selbst sein engster Freund, dem gegenüber er nach der Frage wegen seines Gipses zunächst Andeutungen machte und ihm dann offen gestand, dass er sich verliebt habe, hielt dies für verrückt, warnte ihn mehrfach und verstand es nicht...
Es war auch nicht zu verstehen. Dennoch...
Sein Freund war auch mit der Anthroposophie verbunden, aber völlig anders. Er war eigentlich sein Leben lang Idealist gewesen, sein Freund weniger, eigentlich gar nicht. Und so konnte er auch überhaupt nicht verstehen, dass man plötzlich in einem Mädchen etwas sehen konnte, was einem ,als gestandener Anthroposoph’ und mit inzwischen sage und schreibe fünfzig Jahren etwas bedeutete, was einem die Anthroposophie nicht geben könnte. Er deutete es tatsächlich als ,zweiten Frühling’, nicht mehr als das, ein typisches Haften am Leiblichen. Auch das Idealisieren von Schönheit verstand er gar nicht – und wenn dies aber der Fall wäre, müsste man sich doch trotzdem nicht verlieben...
Er sann dann in den folgenden Tagen viel darüber nach. Sein Freund hatte alles zugegeben. Auch, dass manche Seelenregungen eines solchen Mädchens tief berührend sein konnten. Dennoch konnte man sich doch nicht verlieben – ja durfte es nicht einmal!
Nun, so entfernt waren sie voneinander gar nicht. Auch er hatte sich schließlich dreißig Jahre lang in keinerlei Mädchen verliebt und hätte auch immer eine ,moralische Grenze’ darin gesehen – aber nun war es nun einmal einfach geschehen! Und was war die Folge? Die Folge war, dass eine solche moralische Grenze auf einmal gar nicht existierte. Oder anders gesagt: Sein Freund begriff nicht, dass man sich dennoch verlieben konnte – und sehr wohl empfinden, dass alles, was man dreißig Jahre früher vielleicht hätte wollen können, ohnehin aussichtslos war, sodass man daran eigentlich auch überhaupt nicht dachte, dass man aber dennoch dieses Mädchen hilflos lieben konnte. Das war nur zu verstehen, wenn ein solches Geschehen einen einfach ereilte...
Oder wenn man eine wirkliche Hingabe an den anderen Menschen hätte, die noch das menschlich Seltenste verstehen konnte. Und doch war es so naheliegend... Ein Leben lang hatte man die Schönheit in all ihren Offenbarungen geliebt, ja verehrt, geheiligt, sich hingegeben ... und dann führt eine Schicksalsfügung ein Mädchen auf den eigenen Lebensweg, und man rettet es, und man erblickt es ... und es ist so unglaublich wunderschön... Was soll man dann tun? Eine bloße Rolle aufrechterhalten? Wenn sich die gesamte Seele hilflos und rettungslos verliebt hat – in eine so nie gesehene Schönheit?
Was man ja selbst nicht für möglich gehalten hatte, da man doch schon ,gestandene fünfzig Jahre alt’ war? Aber warum denn überhaupt nicht? Wo doch gerade die Anthroposophen so stolz auf ihr spirituelles Wissen waren, dass ,das Ich’ nicht altere. Dennoch durfte es sich nicht mehr verlieben? Oder nicht in ein junges, ein sehr junges Mädchen? Und wieso nicht? Weil sich das ,nicht gehörte’? Weil man das Mädchen ,nur irritierte’? Oder aus welchem Grund? Weil es ,sittlich falsch’ war? Trotz allem ,Ethischen Individualismus’, den man in der Nachfolge Rudolf Steiners so predigte?
Wusste man überhaupt, an wie vielen Urteils-Fäden man hing? Nein, man wusste es nicht, weil man sich die Wirklichkeit gar nicht vorstellen konnte, ehe sie einen ergriff. In ihren Vorurteilen waren die Anthroposophen gar nicht so sehr viel anders als andere Menschen. Und er? Er hatte sich oft gewundert, wie selbstsicher andere Menschen ihre Ansichten vertreten konnten. Er konnte seine Ansichten zwar auch vertreten, aber die moderne Selbstsicherheit hatte ihn immer verwundert. Es war doch ein Stückweit Luzifer, obwohl niemand das so sehen würde. Alle würden sie von dem ,Ich-Impuls’ sprechen, von Christus, nicht aber von Luzifer. Dass aber Luzifer sehr wohl damit zu tun hatte, unterschlug man lieber...
Und ja, Luzifer hatte auch mit der Schönheit zu tun. Insofern war es ein Leichtes, ihm vorzuwerfen, dass er mit seiner Verliebtheit in ein junges Mädchen nun ganz einem luziferischen Weg verfallen war – selbst da, wo er vielleicht nicht davon träumte, sie ehelichen oder auch nur einmal küssen zu können... Sich in ein junges Mädchen zu verlieben, als alter Mann, war absolut luziferisch ... so würden die gestandenen Anthroposophen urteilen, die gleichzeitig behaupteten, das Ich altere nicht, und die sich selbstsicher-luziferisch durch die Welt urteilten...
Er leugnete gar nicht, dass es auch Luzifer zu ,verdanken’ war, dass er dieser ausgesprochenen Schönheit dieses Mädchens verfallen war – aber er leugnete, dass es sittlich falsch oder verwerflich sein sollte, dieses Mädchen mit aller Aufrichtigkeit seines Herzens zu lieben. Sie würde es ja selbst beurteilen können – und ihre Abwehr war ja deutlich genug. Aber auch ihre Abwehr bestand ja aus den Vorurteilen, die sie von klein auf aufgenommen hatte. Dass es absolut abseitig wäre, von einem älteren Mann geliebt zu werden – und dass einem so ein ,Alter’ ja auch gar nichts geben könne. Von der Seele wusste ja wie gesagt schon seit langem nahezu niemand mehr etwas. Also was sollte man auch sagen, wenn sich ein ,Fünfziger’ in eine ,Sechzehnjährige’ verliebte?
Überall also nur Denkschablonen! Alles wurde in diese Schablonen gegossen. Und selbst unter Anthroposophen, selbst durch seinen Freund! Was war eigentlich Freundschaft? Wenn überall nur noch Schablonen regierten? ,Luzifer’, ,alt’, ,viel zu jung’, ,falsch’. Er habe sich ,hinreißen lassen’, er habe ,seine Gefühle nicht unter Kontrolle gehabt’, er habe dies, er habe jenes, er dürfe dies nicht, er dürfe das nicht. Ein regelrechter Hagel von Urteilen – und natürlich würde jeder bedingungslos meinen, er habe Recht...
Er fragte sich, wie Christus urteilen würde... Lange hatte er nicht mehr recht an Christus gedacht, jetzt tat er es wieder. Das Christuswesen – ohne Geschlecht. Das Wesen, das selbst die ,Ehebrecherin’ nicht verurteilte, obwohl sie tatsächlich eine Sünde begangen hatte, denn Christus sagte immerhin: ,Geh und sündige hinfort nicht mehr’. Und er? Dass er sich in dieses Mädchen verliebt hatte? Eine Sünde? Nicht einen Moment lang konnte er das glauben. Ein Lapsus? Etwas Unverständliches, das einem nur Luzifer eingebrockt hatte? Auch das konnte er nicht glauben. Aber selbst wenn. Seine Liebe war aufrichtig. Und Christus würde nicht urteilen. Auch nicht wie ein Priester, der nach außen hin auch nicht urteilen würde, innerlich aber sehr wohl – wie sein Freund, der es auch äußerte. Christus würde überhaupt nicht urteilen. Und das bedeutete, er würde es verstehen.
Wie man sich in ein so junges Mädchen verlieben konnte. In dieses Mädchen. In diese Schönheit. Die geheimnisvoll auch innerlich glomm, sehr verborgen, ihr, dem Mädchen, selbst kaum bekannt...
Und das Mysterium der Begegnung schließlich, sein anderes lebenslanges Ideal, stand schließlich ganz im Zeichen des Christuswesens. Hier hatte Luzifer überhaupt nicht mehr mitzusprechen. Und auch das konnte sein Freund überhaupt nicht mehr teilen. Konnte überhaupt niemand teilen, der so selbstsicher durch die Welt ging. Begegnung... Ein Mysterium der Zartheit... Ein Mysterium reiner Schönheit, hier war kein Luzifer mehr, dies war die Schönheit nach Golgatha, die Schönheit des Ostermorgens, des Neuen Jerusalem. Es war ein Wunder.
Aber auch sein Schönheits-Erleben war Begegnung. Er hatte die Schönheit dieses Mädchens nicht nur wahrgenommen – wie es sein Freund getan hätte –, sondern sie hatte ihn ergriffen. Seine eigene Hingabefähigkeit war von dieser Schönheit geradezu überwältigt worden. Und sein Freund hätte gefragt: Soll das dann Begegnung sein? Aber genau das war es. Begegnung war eben gerade nicht ein ,Bei-sich-Bleiben’, sondern ein ,Außer-sich-sein’. Das Ich war außerhalb. Und wenn man ,außer sich’ war, konnte man sehr wohl überwältigt werden, wie auch von der Schönheit eines Sonnenunterganges. Überwältigt werden hieß ja nichts anderes als völlige Hingabe. Richtigerweise sollte man vielleicht sagen: Sich überwältigen lassen. Sich so tief berühren lassen, dass dieses ganze, auch luziferische Ich einmal völlig schwieg – und nur noch die Schönheit erlebt wurde ... während man gar nicht mehr anders konnte, als sich zu verlieben, wenn man ehrlich war... Wenn man seinen Empfindungen nicht gleich wieder Zwang antat und sie unterdrückte.
Nun, man musste sich nicht in dieses Mädchen verlieben. Es gab immerhin noch die Freiheit. Aber man sollte es ihm zumindest nicht vorwerfen! Sie war so schön, dass jede aufrichtige Seele sich verlieben konnte. Und die Seele hatte kein Alter. Jede Seele konnte sich in dieses Mädchen verlieben... Denn sie war auch innerlich schön.
Nein, Christus würde nicht urteilen. Er würde es verstehen. Wenn das Logoswesen der Schöpfer der ganzen Welt war, so hatte es auch diese Schönheit geschaffen. Und Luzifer mochte der Seele die Sehnsucht nach Schönheit gegeben haben – aber die Schönheit selbst war mehr als nur Luzifers Werk. Und innere Schönheit war gar nicht mehr sein Werk... Und wenn Christus sogar der ,Herr des Karma’ war, so stand sogar die Schicksalsbegegnung mit ihr unter Seinem Zeichen... Und als Mädchen stand Sophia sowieso ganz besonders unter Seinem Schutz. Wie Er auch der Hüter jeder Begegnung war...
Moralische Fragen (S. 127-128)
Und war es etwa das, was sein Freund meinte? Dass man hier kategorisch eine Grenze des ,Anstands’ zu ziehen hatte? Sich überhaupt nicht auf Gefühle für ein solches Mädchen einzulassen hatte? Als sittliche Richtschnur, als Norm, moralischer Imperativ? Kant ließ grüßen... Nun, es war sicherlich auch keine moralische Intuition, sich in dieses Mädchen zu verlieben. Es war geschehen, bevor er irgendeine Intuition hatte haben können. Oder ... die einzige Intuition, als er sie im Schein der Laterne gesehen hatte, war gewesen, wie grenzenlos schön sie war. Aber das war keine Intuition zu einer Handlung, es war die Wahrnehmung einer absoluten Realität, ein Erkennen. Vielleicht hatte er die andere Intuition schon vorher gehabt, vielleicht sein Leben lang. Und vielleicht lautete sie dann: Wenn du das absolut Schöne triffst, das, was ihm unendlich nahekommt – dann verliebe dich...
Moralisch im engeren Sinne war auch das noch nicht. Aber – er wollte dieses geliebte Wesen, Mädchen, wirklich beschenken. Er wollte ihr etwas wiedergeben für dieses Geschenk ihrer Schönheit. Und wenn der ,Eigennutz’, sie halten zu können, ihre Gegenwart, ihr begegnen zu dürfen, auch das Erste war, so stand doch gleichberechtigt daneben der Wunsch, ihr so viel zu schenken, wie er nur konnte. Ihr etwas zu schenken, was sie sonst niemals haben würde... Ihres Geschenkes auch wirklich wert zu sein, ihr etwas genauso Kostbares zurückzugeben...
Ob das nun eine ,moralische Intuition’ im strengen Sinne Steiners war oder nicht, war ihm letztlich gar nicht so wichtig. Er wusste, dass er vom ethischen Individualismus zumindest nicht weiter entfernt war, als all jene, die vor lauter innerer Normen und Gesetze gar nicht erst wagten, sich in ein Mädchen zu verlieben. Sie brauchten vom ethischen Individualismus gar nicht erst zu reden...
Denn die Konsequenz ... was war denn die Konsequenz? Die Konsequenz war, dass, wenn er ihr etwas tief Kostbares zu schenken vermochte, diese anderen, die von einem ,Geht gar nicht!’ sprachen, es schlicht und einfach hinnahmen, dass das Mädchen dieses tief Kostbare möglicherweise, sehr wahrscheinlicherweise, überhaupt nie bekommen würde. Das übliche Leben leben würde – und das war es dann... ,Wenn es etwas bekommen soll, wird das Schicksal es schon so fügen’, hieß dann das Standardargument. Aber, ihr Blinden und Tauben, hatte das Schicksal sie und ihn denn nicht zusammengeführt? War es nicht exakt so gewesen?
Die, die hier von ,sittlichem Anstand’ sprachen und bildlich gesprochen die Hände über dem Kopf zusammenschlugen, wenn sich also ein ,Fünfziger’ in eine ,Sechzehnjährige’ verliebte, kamen ihm in diesem Moment vor wie jene, die wie Kant fortwährend von ,Erkenntnisgrenzen’ sprachen. Sie sprachen von irgendwelchen nebulösen ,sittlichen Grenzen’, die verletzt seien, wenn sich ein Erwachsener in eine Minderjährige verliebte. Und warum? Weil es da irgendeine Grenze gab, die ,man’ irgendwann einmal gezogen hatte, wie Kant... Und an die sich jeder zu halten hatte, weil man Übersinnliches einfach nicht erkennen konnte – und weil man sich in ein Mädchen einfach nicht verlieben durfte. Fertig. Dogma zementiert. Die Macht Ahrimans. Du darfst nicht ins Übersinnliche vordringen. Und du darfst kein Mädchen lieben...
Und warum nicht? Vielleicht, weil ein Mädchen das Gegenteil jedes Dogmas war? War vielleicht ein Mädchen der größte Feind Ahrimans – und musste deshalb etwas absolut Verbotenes sein...? Auch wegen ihrer Unschuld... Jetzt wurde es ihm immer klarer...
Die Menschen wollten Mädchen schützen, das war ja klar. Aber Ahriman ,schützte’ sie noch wesentlich mehr, Ahriman übertrieb diesen Schutz so weit wie nur möglich, weil Mädchen eine Gefahr darstellten... Sie konnten dazu beitragen, dass die Menschen wieder ,ungehorsam’ wurden, Freigeister, nicht zu bändigen, selbst denkend, fühlend, selbst handelnd – und zwar, anders als Jungen, berührend unschuldig... Sophias Schönheit war für Ahriman nur solange ungefährlich, wie er sie im Gefängnis des ,Minderjährigen’ einhegen konnte. ,Nicht berühren’ und ,sich nicht berühren lassen’. Der angebliche ,sittliche Anstand’ war gerade Ahrimans größter Schutz, dass alles immer so weitergehen würde wie bisher...
Perverse Liebe? (S. 199-205)
„Ich hab mit einer Freundin etwas über Sie geredet...“
Er sah sie schüchtern wieder an, und sie hob ihren Blick auch abrupt.
„Mein Freund“, verteidigte sie sich, „also Ex-Freund ... erzählt jetzt anscheinend rum, ich hätte was mit einem älteren Mann ... und da wollte sie es genau wissen...“
„Und?“, fragte er scheu.
„Nichts und... Also ... was die anderen sagen, ist mir ja egal, aber ... sie sagte ... ,wie pervers ist das denn’... Und ... sie meinte nicht mich...“
Ein Schweigen trat ein, und schließlich fragte sie unsicher:
„Wollen Sie dazu gar nichts sagen...?“
Er war irritiert.
„Hast du was gesagt?“, fragte er unsicher.
„Ich konnte es nicht so richtig... Ich habe Sie natürlich in Schutz genommen ... aber davon wollte sie gar nichts wissen. Ich ... hab das mit der Brust erzählt ... und sie sagte ... also sie sagte, das ist alles nur Tarnung ... oder vielleicht glauben Sie’s sogar, sagte sie, aber ... na ja...“
„Aber was?“
Sie sah ihn fast schuldbewusst an.
„Natürlich wollen Sie mich im Bett haben... Sagte sie...“
Er senkte den Kopf etwas.
„Stimmt das?“, fragte sie nun, durch seine Reaktion endgültig alarmiert.
„Na ja, du kennst meine Träume...“, erwiderte er leise.
„Ihre Träume! Ihre Träume interessieren mich nicht. Was denken Sie, wenn ich da bin. Jetzt hier... Was denken Sie dann?“
„Ich denke nichts...“, murmelte er. „Du weißt, was ich denke...“
„Nein, weiß ich nicht. Was ist, wenn ich jetzt sagen würde, ich würde mit Ihnen ins Bett gehen... Was ist dann?“
Er sah sie hilflos an. Fast zitterte er innerlich.
„Was erwartest du jetzt von mir, Sophia...“, brachte er mit trockenem Mund hervor. „Ich ... ich würde es für einen Traum halten...“
Mit dieser Antwort schien sie nicht gerechnet zu haben, sie beruhigte sich etwas – aber war nicht wirklich beruhigt.
„Sie wünschen es sich, stimmt’s?“
„Man wird es sich bei dir immer wünschen, Sophia...“, sagte er leise.
„Also denken Sie eigentlich auch jetzt daran.“
„Nein. Du verstehst nicht, wie das ist.“
„Wie ist es denn?“
„Nicht so, wie deine Freundin meint.“
„Und wie dann?“
Er kam sich hilflos wie auf einer Anklagebank vor. Er wollte sie auch auf keinen Fall belügen. Aber wie formulierte man es dann?
Selbst sein Zögern legte sie falsch aus, er konnte es sehen.
„Sophia...“, bat er verzweifelt.
„Wie ist es?“, fragte sie jetzt erst recht geradezu unversöhnlich, ihrerseits in die Enge getrieben.
„Du weißt, wie es ist...“, brachte er hervor. „Jedes Wort ist wahr. Ich liebe dich unsäglich. Aber nur in meinen Träumen ist irgendeine Hoffnung auf Gegenseitigkeit. Die dann auch geschieht... O Gott, Sophia – das spielt alles keine Rolle! Verstehst du? Ich ... wenn du da bist ... dann ist da nur dieses Geschenk ... deiner Anwesenheit... Das ist mir so ... unendlich kostbar, dass ... ich gar nicht dazu komme, irgendetwas zu denken, aber ich würde es auch nie tun, weil ... ich ja wüsste, dass du dich selbst durch einen solchen Gedanken beschmutzt fühlen würdest... Deiner Freundin Recht geben könntest... Ich heilige selbst meine Gedanken, weil du mir ... regelrecht heilig bist...“
Sie beruhigte sich sehr weitgehend, fühlte sich nun auch selbst schuldig. Fast, wie um davon loszukommen, fragte sie leise:
„Aber unbewusst wünschen Sie es sich... Denken Sie daran...“
„Unbewusst lebt in mir eine hilflose Sehnsucht, natürlich.“
„Und die Sehnsucht spüren Sie immer...“
„Es ist nicht, was du denkst, Sophia. Auch die Sehnsucht ist etwas Heiliges. Sie bezieht sich nicht auf das Bett oder was auch immer, sondern einfach auf die grenzenlose Nähe an sich, auf das andere Wesen an sich, einschließlich des Körpers, ja... Aber da sind keine konkreten Vorstellungen, nicht, wenn du da bist. Überhaupt nicht, wenn ich wach bin...“
„Und in Ihren Träumen? Was passiert da?“
„Ich dachte, sie interessieren dich nicht.“
„Jetzt aber doch. Was passiert da?“
„Da kommt es zu dieser Nähe...“, brachte er kaum hörbar hervor.
Sie atmete einmal hörbar tief durch.
Er konnte nur auf ihr Urteil warten...
„Meine Freundin würde wahrscheinlich sagen, dass selbst das schon pervers ist...“
Schließlich sah sie ihn fordernd an.
„Wie würden Sie sich denn verteidigen?“
Er spürte, dass sie seine Worte brauchte, dass sie selbst ihn gar nicht verteidigen konnte...
„Ich würde ihr sagen, dass die Liebe nicht pervers ist...“
„Aber zu einem Mädchen...?“
„Na ja, sie ist sechzehn...“
Sie musste fast fassungslos lachen.
„Ja?! Genau?! Aber Sie sind ... fünfzig!“
„Aber das ist der Körper, Sophia. Die Seele hat dieses Alter nicht... Sie hat kein Alter...“
„Aber Sie lieben doch wohl auch meinen Körper – wie Sie selbst sagten. Sie träumen ja von mir mit diesem Körper...“
„Das ist richtig... Aber die Seele liebt die Schönheit immer. Denkst du, bloß weil der Körper älter wird, hört die Seele damit auf?“
„Trotzdem ist es pervers, wenn ältere Männer junge Mädchen lieben.“
Jetzt war es aus ihrem Mund gekommen...
„Die meisten lieben sie ja gar nicht. Die meisten begehren sie ja nur. Die meisten wissen ja gar nicht, was Liebe ist...“
„Trotzdem. Sie müssten doch eine Frau lieben, die ungefähr in Ihrem Alter ist. Aber doch nicht mich. Sagen wir, meinetwegen kann sie zehn Jahr jünger sein. Aber doch nicht mehr...?“
Er sah ihr hilflos in die Augen. Sie erwiderte seinen Blick kurz ähnlich hilflos, dann fing sie sich wieder.
„Jetzt mal ehrlich – Sie können doch kein sechzehnjähriges Mädchen lieben?“
„Wieso denn nicht?“, fragte er völlig hilflos.
„Weil das nicht geht!“
„Das weiß ich doch selbst...“
„Und warum machen Sie’s trotzdem?“
„Es hat nur keine Hoffnung auf Erwiderung... Aber die Liebe kann daran nichts ändern, was soll sie denn tun?“
„Aufhören...?!“
Er senkte den Kopf.
„An dem Punkt waren wir schon mal, Sophia. Du wolltest das schon mal...“
Sie seufzte.
„Denken Sie, meine Freundin interessiert irgendetwas, was Sie von Seele sagen?“
„Wichtig ist ja, was du denkst...“, murmelte er sehr leise.
Sie sah ihn an.
„Die sagt dann: Der erzählt dir die Hucke voll! Seele, Seele! In Wirklichkeit steht er nur auf dich, Schätzchen. Und na gut, redet es sich ein bisschen schön...“
„Hat sie das gesagt...?“
„So ungefähr sagt sie es, ja...“
„Und was hat sie noch gesagt?“, fragte er leise.
„Alles Mögliche... Vielleicht guckt er sich im Internet sogar andere junge Mädchen an... Wahlweise mit oder ohne Kleidung...“
„Aha...“
„Tun Sie das?“
„Nein... Du bist das erste Mädchen, in das ich mich überhaupt verliebt habe. Und das Einzige...“
„Vielleicht sind Sie ja jetzt auf den Geschmack gekommen...“
„Welchen Geschmack?“
„Den Geschmack junger Mädchen...“
„Verstehst du noch immer nicht, dass es mir um dich geht, Sophia? Nur um dich?“
„Nein, verstehe ich nicht! Wenn es ein anderes Mädchen gewesen wäre, mit ähnlichen Haaren und ähnlich ,lieb’ und so, hätten sie sich in dieses verliebt!“
„Es war aber kein anderes!“, erwiderte er verzweifelt. „Ich bin schicksalhaft dir begegnet!“
Der heftige Wortwechsel wurde von einer ebenso heftigen Stille abgelöst, die beide erschütterte, ihn zumindest in eine grenzenlose Hilflosigkeit warf – denn es war vielleicht der erste ,Streit’, den er mit ihr überhaupt gehabt hatte.
Er sah sie bestürzt an.
„Ich weiß nicht, was ich machen soll, Sophia...“, brachte er hervor. „Mir ist nach Heulen zumute... Meine Liebe zu dir ist so rein, wie du sie dir nur wünschen würdest, wenn du ... sie einfach nur zulassen könntest, meine ich. Da ist nichts Perverses. Liebe kann nie pervers sein, Sophia, lass dir das doch nicht einreden...“
Nun wurde sie wirklich unsicher, von neuem schuldbewusst.
„Aber Sie mögen meine Haare“, wandte sie ein.
„Ja...“
„Sie mögen es, dass ich sechzehn bin...“
„Ja...“
„Sehen Sie?“
„Was sehe ich...“
Sie musste lachen.
„Dass Sie pervers sind!“
„Ich sehe nur“, sagte er mit vollem Ernst, „dass all jene pervers sind, die es verlernt haben, von so viel Schönheit überwältigt zu werden, weil sie die Hingabe nicht mehr kennen...“
„Ach? Jetzt sind also alle anderen pervers? Alle, die mich in Ruhe lassen...?“
Betroffen sagte er nach einer Sekunde leise:
„Du weißt, was ich meine...“
„Nein – Sie wollen doch wohl nicht sagen, dass es jemals normal sein könnte, dass sich fünfzigjährige Männer in sechzehnjährige Mädchen verlieben?“
„Doch. Es wäre das Normalste von der Welt, wenn die Menschen wieder lernen würden, was Seele ist. Nichts ist Berührender als bestimmte sechzehnjährige Mädchen...“
„Nicht nur ich.“
„Ich habe aber noch kein anderes getroffen.“
„Aber es wäre möglich gewesen.“
„Ja, vielleicht.“
„Sehen Sie?“
„Sophia, auch das ist nicht pervers. Dann hätte ich mich vielleicht durch irgendein Schicksalsereignis in ein Mädchen verliebt, das nicht du gewesen wärst. Aber die Liebe wäre genauso unschuldig gewesen.“
„Sind Ihre Träume auch unschuldig?“
„Ja, sind sie.“
„Wenn Sie alle möglichen Sachen mit mir machen?“
„Es ist beidseitig, weil die Liebe im Traum beidseitig ist.“
„Das macht es ja nicht besser!“
„Doch. Die Liebe ist unschuldig, Sophia. Ein Mädchen würde nie einen fünfzigjährigen Mann lieben, aber doch umgekehrt! Sophia, das musst du doch verstehen...“
„Irgendwo ja“, erwiderte sie betont einschränkend, „aber pervers ist es trotzdem.“
„Weil du auf einmal mit merkwürdig veränderten Augen darauf blickst, Sophia. Du siehst nicht mehr mit dem Herzen auf die Aufrichtigkeit, sondern du siehst mit den Augen der Welt auf die allgemeine Tatsache, einschließlich dessen, was meistens die Realität ist, mit dem ganzen Begehren und so...“
„Aber begehren Sie mich etwa nicht?“
„Sophia, selbst das ist nicht pervers. Entscheidend ist einzig und allein die Frage, in welche Essenz man dies taucht. Ob das Mädchen einem heilig ist ... oder im Wesentlichen nur Objekt... Ob das Begehren im Vordergrund steht ... oder ob es wie eine heilige Sehnsucht nur ganz im Hintergrund lebt. Liebe ist immer auch Begehren. Aber es geht darum, wie heilig diese Liebe sich hingibt ... wehrlos ... schutzlos ... und letztlich auch hoffnungslos, was das angeht...“
Sie schwieg betroffen.
„Sie haben Recht...“, sagte sie leise.
„Sophia wirklich...“, bat er noch einmal. „Ich habe nie geglaubt, dass ... ich habe nicht einmal daran gedacht. Nur meine Träume zeigen mir, wie sehr ich dich liebe ... und dafür schäme ich mich geradezu. Aber ... selbst diese Träume sind nicht explizit, sie sind ... man könnte sagen, sie sind romantisch, du kannst dir das bei einem fünfzigjährigen Mann gar nicht vorstellen, wie romantisch oder zärtlich er selbst denken kann ... aber das ist so. Deine Freundin mag mich dafür verurteilen, dass ich dich liebe. Aber mehr kann sie nicht verurteilen. Wirklich nicht. Ich liebe dich mit einem sehr einen Herzen...“
„Ich habe Ihnen Unrecht getan...“, sagte sie kurzerhand, und er spürte ihre aufrichtige Scham.
Ihre Worte waren bereits eine Entschuldigung.
Nun aber sah sie ihn offen an.
„Ich glaube es nicht! Wie konnte das passieren! Ich meine – Sie haben mich gerettet! Ich habe für sechs Wochen Ihre Hand ruiniert. Sie bemühen sich so rührend um mich ... und ich – –“
Ihre Fassungslosigkeit steigerte sich während ihrer Worte so schnell, dass es auch ihn völlig überraschte.
Jetzt stand in ihren Augen offene Scham, Bitte um Verzeihen, erneute Dankbarkeit, fast Liebe, fast...
„Können Sie mir noch einmal verzeihen...? Kann ich es wiedergutmachen? Bin ich ... bin ich in Ihren Augen nicht ... tief gesunken...?“
Es überwältigte ihn völlig. Er zitterte innerlich fast vor der zarten Intensität ihres Wesens, wie er es fühlte, der Schönheit, die er empfand...
„Was ist?“, fragte sie erschrocken.
Da wurde ihm erst wirklich bewusst, dass er Tränen in den Augen hatte.
„Ich...“, würgte er hervor.
Dann bekämpfte er seine Gefühlswogen und fand halbwegs seine Fassung wieder, musste einmal schlucken und die Nase hochziehen.
„Ich ... liebe dich einfach so, Sophia – –“, brachte er hilflos hervor, noch einmal überwältigt von seinen Empfindungen.
Dann blickte er hilflos zur Seite.
„O Gott... Ein fast weinender Mann jetzt auch noch... Wahrscheinlich sinke ich ja in deinen Augen... Ich kann es nicht ändern...“
Jetzt überwältigte ihn die Rührung völlig.
Hilflos schluchzte er, ohne sie ansehen zu können.
„Ich liebe dich und – – und kann nichts machen, Sophia...“, brachte er mühsam hervor. „Ich ... meine ... dagegen, dass ich dich so liebe. Es ... es hört einfach nicht auf... Ich – – o Gott...!“
Er konnte überhaupt nicht mehr sprechen. Er hatte noch nie geweint, nicht so, nicht seit Jahrzehnten...
Schließlich musste er mit aller Macht aufhören, weil er sich schämte, vor ihr, nicht wissend, wie sie darüber denken sollte, konnte... Sie würde es gar nicht verstehen können.
Als er wieder aufsehen konnte, blickte er in große, sehr große Augen, geweitet vor Staunen, vor Mitleid, vor aufrichtiger Sprachlosigkeit, vor eigener namenloser Scham, vor allem aber vor erschütternder Wortlosigkeit...
Hilflos erwiderte er ihren Blick... Wischte sich einmal verschämt zumindest über einen Augenrand, die rechte Wange...
„Ich schäme mich so...“, flüsterte sie fast nur.
„Bitte tu es nicht, Sophia...“, flüsterte er wirklich nur. „Lass es ... lass es dir nur nicht zu viel werden... Meine Liebe... Bitte ... bitte Sophia, fühle sie nicht als Last... Bitte...“
Ohne den Blick von ihm wenden zu können, schüttelte sie nur mit traurigem, mitleidendem Blick den Kopf, langsam, wie ein heiliges Bekenntnis...
„Ich meine gar nicht für immer“, bat er weiter. „Nur...“
„Nichts sagen...“, erwiderte sie. „Sie brauchen nichts zu sagen. Weinen Sie nur nicht mehr...“
In diesem Moment erschien sie ihm wie ein Engel. Wie ein unendlich schönes Wesen, das ihm Geborgenheit schenken wollte. Und fast hätte er wieder geweint, aber der Frieden, der von ihren Worten ausging, war größer, sogar größer als die Rührung. Seine Tränen gehorchten ihrer Bitte...
Blonder Engel (S. 212-214)
„Wenn du es so siehst, ja... Es gab ja nur diese zwei ,Faktoren’: Dein Anblick und deine Sorge um mich. Aber du verstehst nicht, dass das keine Einzelheiten waren. Im Grunde kann man sagen: In jeder kleinsten Handlung eines Menschen erlebt man sein Wesen. Die Art, wie du reagiert hast, war nicht einfach nur Sorge. Das ist ein allgemeiner Begriff. Die Frage ist, wie offenbart sich dies? Und es offenbart sich immer das ganze Wesen der Seele. Und wenn man die Hingabe kennt, also auch die tiefe Empfindungsfähigkeit, dann nimmt die andere Seele, also in diesem Fall meine, unendlich viel mehr wahr als nur allgemeine ,Sorge’. Sie nimmt sogar unendlich viel mehr wahr, als sie sich bewusst machen kann. Sie nimmt wirklich das Wesen eines anderen Menschen war, und zwar in so vielen Nuancen, wie man es sich kaum vorstellen kann – und wie gesagt, es ist gar nicht bewusst. Aber es ist eine Wahrnehmung, wo man nicht mehr sagen kann: ,Das war ja nur Sorge.’ Nein – es war ein einzigartiges, unverwechselbares Wesen. Nur du konntest so reagieren.
Verstehst du? Allein schon die Aufrichtigkeit, mit der du das tatest. Und selbst die Aufrichtigkeit hat wieder unzählige Nuancen, je nachdem, welcher Mensch aufrichtig ist. Bei dir hatte sie zugleich dieses Liebe – und nun hat auch wieder dieses Liebe unzählige Nuancen, je nachdem von welchem Menschen es ausgeht...
Und dasselbe betrifft deine Haare. Es könnte jemand anders solche Haare haben, aber er hätte nicht dieselbe Aufrichtigkeit ... und schon ist der Glanz der Haare leer, sie sind nicht golden, sondern einfach nur blond, um es einmal poetisch auszudrücken. Dein schönes Gesicht ist nur deshalb so berührend, weil deine Seele berührend ist, Sophia – nur deshalb. Aus keinem anderen Grund.
Daneben sind deine Haare wunderschön. Nicht umsonst wird das Gold mit dem Herzen und mit dem Gold der Seele in Verbindung gebracht, oder wurden blonde Haare schon immer mit dem Licht der Sonne verglichen. Es sind einfach reale Beziehungen, die die Seele empfinden kann und die etwas besonders machen.
Dass langes blondes Haar so oft als ganz besonderes Schönheitsideal gilt, ist ja kein Zufall – es ist kein Zufall. Nur wird der Grund heute gar nicht mehr empfunden, aber frühere Zeiten und Seelen hatten dafür tatsächlich noch ein tiefes Empfinden. Und so war das real. Heute ist es tatsächlich sehr beliebig. Aber es war einmal real – und wer noch immer tief empfinden kann, für den ist es noch immer real.
Aber ... natürlich sollte die Trägerin einer solchen Schönheit auch würdig sein. Ansonsten entsteht eben auch der absolut umgekehrte Kontrast. Mir scheint, es ist wiederum kein Zufall, dass die sogenannten ,Blondinenwitze’ wiederum gerade das blonde Haar betreffen. Andere mögen das anders sehen – weil sie Frauen tatsächlich auf bloße Schönheit reduzieren. Dann bedeutet das: Besonders schön, aber besonders dumm. Mir scheint die Existenz von Blondinenwitzen noch eine ganz andere Ebene zu offenbaren. Nämlich die Tatsache, dass das Unbewusste der Seele sehr wohl ein Wissen davon hat, dass ... na ja, sagen wir, du kennst vielleicht auch den Spruch ,Reichtum verpflichtet’, oder? Das steht sogar in etwa so im Grundgesetz. Wer reich ist, hat auch eine besondere Pflicht, er darf sich nicht einfach zurücklehnen. Er hat ein Privileg und das bedeutet zugleich auch Verantwortung und Verpflichtung.
Und was, wenn blondes Haar wirklich etwas Besonderes wäre, Symbol für etwas Leuchtendes, Kostbares, so kostbar wie Gold – oder vielleicht noch kostbarer, so kostbar wie das Sonnenlicht selbst...? Dann hätte die Trägerin dieses Haars eine Art heilige Verpflichtung – und wenn sie aber tatsächlich nur ,schön’, äußerlich schön, aber dumm ist, so ist es berechtigt, darüber sogar Witze zu schaffen – Witze über die dumme Blondine, die es für keine andere Haarfarbe gibt. Warum nicht? Weil blondes Haar ein tiefes Symbol für einen echten Wert ist. In den Märchen ist die wunderschöne Königstochter fast immer blond.
Man kann das ablehnen, Sophia, aber man kann auch versuchen, diese Zusammenhänge einmal heilig, unbefangen, unschuldig zu empfinden – und sich darauf einzulassen. Wie man dann über einen konkreten Menschen urteilt oder nicht urteilt, ist ja noch einmal eine ganz andere Frage. Entscheidend ist erst einmal nur, dass man an einer bestimmten Farbe – es ist ja keine Farbe, es leuchtet ja wirklich – etwas ganz Bestimmtes empfinden kann, auch wieder sehr viele, tiefe Nuancen. Wenn man sich darauf einlässt...
Und wiederum, du denkst jetzt, du bist wie alle anderen deines Alters, aber das stimmt ja eben nicht. Nicht nur dein Haar ist schon außergewöhnlich schön, vielleicht sogar dann, wenn es nicht blond wäre, nein, definitiv auch dann – aber es ist sogar blond, so unglaublich schön ... aber eben nicht nur dein Haar, sondern auch deine Seele. Ich sage nicht ,du selbst’, weil auch dein Haar schon du selbst bist, niemand sonst hätte dieses Haar, diese Ausstrahlung, bis in die Haarspitzen, buchstäblich, es ist dein Haar. Körper und Seele vereinigen sich untrennbar, das ist einfach so. Aber jetzt deine Seele...
Also all diese Nuancen, die das Liebe hatte, das ich zuerst ja nur wahrnehmen konnte. Diese Aufrichtigkeit. Das reichte schon zum Sich-Verlieben. Und ich meine kein oberflächliches Sich-Verlieben eines Fünfzigers in eine Sechzehnjährige, eben gerade nicht. Sondern ein Erschüttertwerden von deinem einzigartigen Wesen – darum geht es.
Obwohl du dich für völlig normal hältst, mit Recht, konnte eine tief empfindende Seele die Begegnung mit dir wie die mit einem Engel erleben. Wegen der Schönheit, Sophia. Die du nicht begreifen willst, aber du musst dich damit abfinden. Für die meisten ist dieses liebe Wesen von dir ja völlig belanglos, sie bemerken es nicht einmal. Für mich ist es das heilige Innerste deiner Seele, dein Wesen. Du selbst meintest, es sei einfach anerzogen, aber es geht weit darüber hinaus.
Und es spielt keine Rolle, dass du daneben eine ganz normale Jugendliche bist, mit ganz normalen Vorlieben, einer heute ganz normalen Ahnungslosigkeit in Bezug auf die Seele und all das. Du bist ,leider’ einer tief empfindenden, tief idealistischen Seele begegnet – und für diese ist all dieses ganz Normale zunächst einmal nur Beiwerk, notwendige Hülle, die gar nicht anders sein kann, wenn man in der heutigen Zeit aufwächst. Aber das eigentliche Gold strahlt nicht nur aus deinen Haaren, sondern auch aus deiner Seele. Natürlich bist du kein Engel, willst auch gar keiner sein. Aber ich habe einen gesehen, Sophia.
Und das letzte Geheimnis des Idealisten ist, dass das Leuchtende, das Ideale, letztlich auch alles andere mit seinem Gold übergießt. Denkst du, ich sehne mich nach einem perfekten Engel? Nein. Das Wunderschöne, das ich sah, war bereits unendlich genug – und sobald sich der wahre Idealist verliebt, erstreckt sich das sozusagen Vollkommene auf alles. Denn er liebt nicht ein Schema, sondern ein Wesen. Deine ganze Art, auch wieder jede Nuance, es ist alles so ... wie es gar nicht anders sein könnte, es ist so sehr dein Eigenes und gerade in dieser Unverwechselbarkeit so berührend – und eben wiederum wunderschön. Wie du was sagst. Wann du was sagst. Deine Stimme. Die Nuancen deiner Aufrichtigkeit oder deiner Provokation, deiner Unsicherheit oder deines Widersprechens – einfach alles, Sophia...“
Selbstzweifel des Mannes (S. 219-221)
Verzweifelt fuhr er fort:
„Auch dich ... belaste ich doch nur, oder? Halte dich fest... Versuche, dich zu gewinnen, zumindest deine Zuneigung – und besetze doch nur dein Leben! Und für was? Um von irgendwelchen Dingen zu sprechen, die doch nie deine eigenen sein werden...? Was sollst du damit schon anfangen? Mit ,heilig’ – und all dem? Du wehrst dich ja mit Recht! Du bist ... doch auch viel lebendiger als ich. Du bist auch ohne dieses ,Miss heilig’ so wundervoll...! Ich weiß nicht ... was ich dir überhaupt schenken kann... Ich bin eigentlich nur dabei, dich festzuhalten... Nichts weiter... Du willst ja nichts ... und du brauchst auch nichts... Du bist ... wie du bist, eigentlich so unglaublich perfekt... Wunderbar... Und ich bin ... ich liebe dich einfach nur, Sophia... Mehr bin ich eigentlich gar nicht... Ich habe dir nichts zu geben... Du bist ein Geschenk für mich... Aber ich bin ... für dich ... eigentlich gar nichts...“
Jetzt hatte er alles ausgesprochen. Seine ganze Nichtigkeit, seine absolut nicht existierende Berechtigung, auch nur ihre Nähe haben zu dürfen. Mit welcher Begründung...? Es gab keine...
Sie sah ihn völlig betroffen an und fand selbst auch keine Worte mehr. In ihm wogte das Leid, die Empfindung der eigenen Wertlosigkeit, Unwürdigkeit...
„So ist es ja nicht...“, sagte sie nun.
Aber ihre Stimme war kein Trost. Sie war einfach nur zu lieb.
„Sie waren doch nie gar nichts!“
Er war noch immer verzweifelt.
Ihr Blick ruhte auf ihm, etwas ratlos, was sie noch sagen könnte. Um ihm zu helfen, aus seinem dunklen Loch...
„Wenn Sie gar nichts wären, würde ich doch kaum hier sitzen.“
„Warum sitzt du denn hier, Sophia?“, fragte er leise.
Sie sah ihn ein paar Sekunden lang offen an, wie man wartete, bis jemand überhaupt aufnahmefähig sein würde.
Dies löste eine zarte Scham in ihm aus, und er erwiderte ihren Blick nun mit der heiligen Zuwendung des Zuhörens...
„Es war immer schön mit Ihnen“, sagte sie, in jedes Wort eine ganz bestimmte Intensität legend.
„Wirklich?“
„Ja“, sagte sie, wie wenn auch das Wort selbst nickend klingen sollte.
Er versank noch immer in Schweigen, musste seinen Blick wiederum senken...
„Wissen Sie, dass Sie ein zutiefst lieber Mensch sind?“
Er sah erstaunt auf.
„Wieso...?“
Sie lächelte kurzerhand.
„Das ist einfach so.“
Wieder senkte er den Kopf, demütig.
„Kein anderer“, erklärte sie nun, „hätte sich in dem schlechtesten Licht dargestellt...“
„Aber wenn es so ist?“
„Selbst dann ... muss man den Mut doch erst mal haben.“
„Ja, vielleicht. Aber – wenn man jemanden so sehr liebt, erträgt man es gar nicht, es ihr zu verheimlichen. Man kann nicht mit einer Lüge leben. Oder mit der Gefahr, dass es vielleicht alles falsch ist – und sie es nicht einmal weiß.“
„Was denn falsch?“
„Dass ich deine Lebenszeit in Anspruch nehme. Besetze. Deine Gefühle, Gedanken... Vielleicht solltest du ganz andere Dinge tun, dein eigenes Leben leben, anstatt diese kostbaren Stunden mir zu schenken...“
Sie lächelte.
„Ich hab ja auch noch ein Leben...“
„Aber verstehst du? Ich versuche, dir etwas zu bedeuten. Mit welchem Recht? Mit welchem Recht dränge ich mich in dein Leben? Während du da draußen vielleicht längst schon den richtigen Freund kennenlernen könntest – oder schon kennengelernt hättest, wenn du dich nicht mit mir abgeben würdest?“
„Na ja!“, lachte sie, „das wird ja wohl nicht an einem Samstagvormittag scheitern!“
„Es geht ja nicht nur um die reine Zeit. Es geht darum, dass ich dich real davon abhalte, dein Leben zu leben.“
„Tun Sie doch gar nicht.“
Wieder versank er in eine Art dumpfen Schweigens. Das Gefühl der Unwürdigkeit wogte weiter in ihm.
Er spürte, dass sie ihn unverwandt ansah. Das machte die Sache nicht besser.
„Sie sehen jetzt gerade wie ein Häufchen Elend aus...“, sagte sie in einem unglücklichen Versuch, ihn aufzuheitern.
„Der Eindruck täuscht nicht...“, erwiderte er mit nur einem winzigen Fädchen Humor.
„Sie haben dazu gar keinen Grund. Sie können da jetzt wieder rauskommen...“
Er sah sie vorsichtig an.
„Wieso denn...“, fragte er, knüpfte dann vorsichtig an ihre eigenen Worte an. „Gut, du ... sagtest, es war schön mit mir... Aber das war es. Es war schön. Aber was kann ich dir überhaupt noch geben, Sophia?“
„Vielleicht werden wir ja einfach Freunde.“
„Bin ich das denn wert?“
„Na ja – Sie haben mich gerettet...“
„Das muss dich nicht kümmern.“
„Das war ein Witz!“
Er sah sie erstaunt an.
„Ich mag Sie. Und Sie haben mich trotzdem gerettet. Das ist sozusagen Ihr blondes Haar. Ich mag Sie inzwischen aber auch so... Wegen Ihres Inneren...“, ergänzte sie betont, um ihn erneut zu provozieren.
Zum ersten Mal musste er wirklich wieder lächeln.
Von der heiligen Freiheit des Mädchens (S. 230-234)
„Aber Sophia, ganz ehrlich – magst du diese Begegnungen? Bedeuten Sie dir ... ein bisschen etwas? Oder ... sind sie, na ja, ,ganz nett, aber wenn sie demnächst vorbei sind, ist es auch nicht so schlimm’...?“
Sie sah ihn an.
„Muss ich das denn wissen?“
Er senkte den Kopf.
„Nein, musst du nicht...“, erwiderte er leise.
„Wenn Sie so gucken, so traurig, scheinen mir die Begegnungen bedeutsamer zu sein, als wenn wir wie eben miteinander sprechen – wie kommt das?“
Er war erstaunt über ihre spontane Beobachtung und auch noch spontan ausgesprochen Frage. Vorsichtig erwiderte er ihren Blick wieder, ihre Augen fragend, neugierig, offen, und er versuchte, die Antwort zu empfinden.
„Du spürst dann ... dass es existenziell ist, und das macht es natürlich besonderer, als wenn man es meistens nicht spürt, weil man es ja vergisst... Aber ... das Wesentliche ist wahrscheinlich, dass sich ... unmittelbar dein Gewissen regt. Dein Gewissen regt sich, du spürst das Existenzielle, nicht nur meines, sondern überhaupt den Hintergrund unserer ganzen Begegnung. Dieser ruft sich leise wieder in dein Bewusstsein, und dadurch ist es auch für dich existenzieller, substanzieller, verbunden mit der Realität, auch der geschehenen, die ja nicht weg ist...“
Sie verstand es noch nicht bis ins Letzte, ihr fragender Blick zeigte ihm, dass noch etwas fehlte.
„Du bist einfach wieder verbunden mit der vollen Realität, die uns verbindet, deine Seele ist dann für Momente unmittelbar darin eingetaucht, empfindet unbewusst alles wieder, bis hin zu der unmittelbaren Dankbarkeit, den ganzen Umständen, alles... Und natürlich auch meine einseitige Liebe, die dich vielleicht auch berühren mag, gerade wenn du ihre Verletzlichkeit siehst...“
„Ich habe Ihnen ja gesagt, dass das nicht gut für Sie ist...“
„Nicht ablenken, Sophia, darum geht es jetzt nicht. Es geht um das Phänomen von eben. Wenn deine Seele in das Bewusstsein des ganzen, tiefen Zusammenhanges eintaucht, spürt sie auch selbst das Besondere dieser Begegnung wieder sehr ... und dadurch ist auch für sie diese Begegnung besonders. Du wolltest verstehen, warum das so ist.“
Sie schwieg, selbst auch nachspürend.
„Aber daran siehst du gerade, wie schnell das immer verlorengehen kann und geht. Man braucht aus diesem Erleben der ganzen Realität nur herauszufallen, was ja die Regel ist, und schon ist es wieder weg. Es ist weg! Aber als es da war und die Begegnung also besonders war, in diesem Moment, diesem besonderen Moment, also ... ist das nicht eigentlich schöner? Weil es besonderer ist...?“
„Das heißt, ich soll mich immer schuldig fühlen?“
„Nein, das stimmt doch gar nicht Sophia! Das macht doch jetzt nur dein Verstand da draus! Dieses Gefühl der ,Verpflichtung’ ist doch überhaupt erst irgendein nächster oder übernächster Schritt der Seele, darum geht es aber überhaupt nicht...“
„Und worum dann?“
„Um das, was du vorhin wirklich gefühlt hast. Was war es denn? Was hast du denn gefühlt?“
„Als Sie da so saßen...?“
„Ja.“
Sie sah ihn offen an, kehrte aufrichtig an jenen Punkt zurück und sagte schließlich:
„Sie taten mir leid... Ich dachte wahrscheinlich daran, wie sehr Sie sich bemühen...“
„Und was noch?“
„Was noch?“
„Ja, spür weiter nach, wie es war. Waren da noch mehr ... Eindrücke, Empfindungen?“
Ihr aufrichtiges Eintauchen war berührend.
„Ich weiß nicht... Vielleicht ... fand ich Sie arm... Vielleicht ... auch ein bisschen süß... Aber ob das jetzt dazu gehört...?“
„Warum fandest du mich süß?“
„Ich weiß auch nicht... Vielleicht, weil Sie süß waren?“
„Lenk nicht ab, Sophia. Tauch nochmal ein. Was war da? Was für ein Empfinden meinst du?“
Sie spürte wiederum nach. Dann sagte sie:
„Vielleicht, weil Sie so schnell aufgeben...“
„Weil ich so schnell aufgebe?“
„Na ja“, erläuterte sie sogleich, „Sie könnten ... Sie könnten mir sagen, was alles ,an unserer Begegnung besonders’ sei, Sie könnten mir lange Vorträge halten. Sie könnten versuchen, mich zu überzeugen. Stattdessen ziehen Sie sich zurück, traurig ... und sitzen dann so da...“
Er war in ihre Ausführungen eingetaucht, hatte versucht, sich in ihre Seele hineinzuversetzen – und verstand nun, was sie meinte.
„Ja...“
„Verstehen Sie, was ich meine?“
„Ja... Verstehst du’s auch...?“
„Wie... Was meinen Sie jetzt wieder?“
Sie konnte es natürlich nicht verstehen. Was sie verstanden hatte, hatte sie gesagt. Liebevoll beschrieb er nun, was er meinte.
„Du weißt ja, dass ... das Wort ,süß’ ein Erleben bedeuten kann, das viel, viel größer ist, als man beschreiben kann. Es kann so unendlich viel umfassen, und man weiß in dem Moment überhaupt nicht, was man alles spürt.“
„Ich hab einfach gespürt, dass Sie süß sind!“, verteidigte sie sich auf süße, provozierende Weise.
„Okay...“, lächelte er. „Belassen wir es dabei...“
Sie sah ihn geradezu erstaunt an.
„Nein!“, protestierte sie. „Jetzt müssen Sie auch sagen, was in Ihrem Kopf jetzt wieder alles los gewesen ist...“
„In meiner Seele, Sophia – wie auch in deiner. Das Denken kann es dann am Ende nur begreifen und dann auch in Worte fassen. Aber wahrnehmen tut immer die ganze Seele.“
„Also gut, Miss ganze Seele – aber jetzt sagen Sie es schon!“
Er musste über ihre Ungeduld lächeln, er liebte wirklich alles von ihr...
„Unsere Begegnung ist einfach sehr besonders, Sophia.“
„Gähn, das weiß ich... Wieso sagen Sie das immer wieder?“
„Das ist auch schon wieder so etwas. Es gehört zu der Antwort, war aber keine Wiederholung. Lerne doch eintauchen... Du musst eintauchen und auch wenn ich etwas sage, nachspüren, mitspüren. Lerne, die Seele nie ... zu bequem zu lassen. Gib das Gewöhnliche auf und tauche noch mehr ein. Ich weiß ja, dass es dein liebevoller Humor war. Dennoch dachtest du, dass ich es einfach nur wiederhole. Aber es war wichtig. Denn es war wirklich schon fast die Antwort.
Wie ich reagiert habe, als ich so dasaß, das war eben auch nicht gewöhnlich. Das Gewöhnliche wäre das gewesen, was du unbewusst vielleicht erwartet hättest: dass ich dich überzeuge. Ich bin schließlich in dich verliebt, nicht wahr? Dann muss ich dir doch auch beschreiben, was unsere Begegnung besonders macht, damit du es auch verstehst, auf äußerliche Weise, meine ich. Ich sollte dir unsere Begegnung schmackhaft machen, nicht locker lassen – bis du schließlich weißt, was du an mir hast...“
Sie sah ihn erstaunt bis irritiert an.
„Siehst du? Das wäre das Normale, das, was man oft genug erwartet, weil es so gängig ist, gerade, wenn ein selbstbewusster Mann einem Mädchen gegenübersitzt. Warum sollte er es nicht zu überzeugen versuchen? Er würde es unbedingt tun, um seine Chancen zu wahren, zu vergrößern...“
Noch immer sah sie ihn irritiert an, verstand den entscheidenden Punkt wiederum nicht, konnte ihn noch nicht fassen, wunderte sich nur über das, was er nun so völlig anders entfaltete.
„Das ist der Punkt, Sophia! So bin ich nicht, ich bin sozusagen das Gegenteil. Und das spürst du. Aber das ist ja nicht einfach mangelndes Selbstbewusstsein. Denn wie sich das anfühlen würde, würdest du auch spüren. Dennoch fühlt es sich sehr ähnlich an. Du hast gespürt, dass ich ,schnell aufgebe’. Warum...? Weil ich schüchtern bin...?“
Sie sah ihn an.
„Sind Sie ja anscheinend nicht...“
Er wollte nicht, dass sie sich geprüft fühlte oder sogar dumm vorkam.
„Aber es war genauso süß, oder?“, fragte er innig.
„Es war in jedem Fall sehr süß! Aber was war es nun wirklich?“
Seine Innigkeit steigerte sich.
„Es war meine Verehrung, Sophia...“, sagte er sehr behutsam. „Wir sind jetzt wirklich bei der heiligen Essenz der Seelen... Was du gespürt hast, war, dass du von mir scheu wie ein Ideal gesehen und behandelt wirst. Aber das ist nicht dasselbe wie Schüchternheit, es ist viel mehr. Damit verbunden ist auch immer wieder das heilige Bewusstsein deiner Freiheit. Bis in deine einzelnen Empfindungen hinein. Wenn du nicht sicher bist, ob diese Begegnungen etwas Besonderes für dich sind, kann ich dich nicht beeinflussen! Dann kann ich nur scheu zurücktreten und dir ebenso scheu zeigen, was sie für mich sind. Und das hast du dann gesehen ... und gespürt.
Und jetzt kann man sagen, ich wollte dir damit ein schlechtes Gewissen machen, aber das stimmt nicht. Es war wirklich nur dies: Zurücktreten, dir alle Freiheit des Fühlens lassend ... und dir nur zeigen, was du mir bedeutest. In völliger Zurückhaltung, ja Scheu. Was soll man tun, Sophia? Das ist das Heiligste, was man tun kann – und das Wahrhaftigste. Du bist frei. Und du fühlst dich voller Zartheit behandelt, wie ein Ideal. Und das bist du ... für mich. Jetzt verstehst du, was du empfunden hast. Und du warst davon tatsächlich berührt... Du hast nicht verstanden, was dich berührte. Aber das ist in dem Moment nicht wichtig. Wichtig ist nur das Berührtsein selbst. Und dann ... spricht man von ,süß’, weil es so unendlich viel umfasst...“
Sie sah ihn mit großen Augen an.
„Das ist ja unglaublich... Dass man das alles beschreiben kann...! Ich habe es sogar verstanden... Nur wüsste ich nicht, ob ich noch ein Wort davon wiederholen könnte.“
Vom Wiederfinden der Geborgenheit (S. 244-247)
„Also gut, ich beschreibe es dir, ja?“
„Na endlich!“
Er lächelte.
„Aber du sagst nichts, bis ich fertig bin.“
„Okay.“
„Gut, also ... es ist nur das Geschenk einer Möglichkeit, verstehst du? Und ... sie besteht darin, dass du ... mir vertraust und mit diesen geschlossenen Augen ... in meine Arme krabbelst. Nicht erschrecken, Sophia! Dir würde nicht das Geringste passieren. Du würdest nur spüren, wie das ist ... im Arm gehalten zu werden, sich einkuscheln zu können und ... sich absolut geborgen zu fühlen... Es wird nichts darüber hinaus bedeuten, ich werde daraus keine Erwartungen, keine Hoffnungen ableiten, ich werde allenfalls tief berührt sein, dass du den Mut hast ... und dir meinerseits nur diese eine Empfindung, Erfahrung schenken: Die der Geborgenheit...
Es hat also mit Mut zu tun ... aber auch mit nichts weiter, der Mut muss nicht einmal groß sein, denn du kannst mir vertrauen und weißt das sogar auch. Es ist eigentlich nur der Mut gegenüber dir selbst – ob du dich traust, diese Erfahrung zu machen. Aber einlassen musst du dich. Wahrhaft geborgen fühlt man sich nur, wenn man auch selbst etwas gibt. Du könntest so tun, als ob ich dir etwas bedeute. Es könnte sozusagen eine ,Als ob’-Situation sein, verstehst du? Es geht nur darum, dass du dann bis in die Tiefen spüren kannst, was diese Geborgenheit ist – und wie schön das ist. Wenn man den Mut dazu hat... Es einfach zu machen...“
Sie behielt ihre Augen so berührend geschlossen...
„Sie wollen, dass ich jetzt – –“
„Wenn man zu viel darüber nachdenkt, schaltet sich wieder der Kopf ein, und es wird alles wieder unmöglich, weil man vom Wesentlichen wieder getrennt wird. Aber um alles andere geht es gar nicht. Es geht nur um diese Ebene des Wesentlichen – und eine heilige Erfahrung, die reine Erfahrung dieses Gefühls. Trau dich, Sophia! Trau dich, dich einzukuscheln und zu spüren, wie sich das anfühlt – sich vertrauensvoll einzukuscheln und sich geborgen zu fühlen... Als ein Wunder wieder in die Wirklichkeit hineinzuholen. Geschenkt zu bekommen. Ohne dass einem etwas passieren kann. Es kann nichts passieren. Du hältst die Augen geschlossen, und es ist wie in einer Märchen-Zauber-Sphäre – alles ist gut... Es passiert nur das Wunder und sonst nichts. Nur das Erlebnis der Geborgenheit. Das Geschenk, es erleben zu können. Wenn du dich traust... Aber du heißt Sophia, also – –“
Er beendete den Satz nicht, aber das schwebende Ende verwies auf eine heilige Wirklichkeit.
Zögernd sagte sie:
„Und ich soll jetzt ... aufstehen und – –“
„Nein, mach es ruhig noch vertrauensvoller ... du brauchst gar nicht aufstehen, du kannst einfach herüberkrabbeln, spüre den Unterschied. Du machst dich sozusagen noch verletzlicher – aber das macht nichts! Du kommst hier herübergekrabbelt und ich werde dir schon vorsichtig helfen, es geht ganz einfach. Und dann kuschelst du dich einfach bei mir ein, das ist alles. Die Augen hältst du einfach geschlossen, du kommst zur Ruhe und spürst dann einfach, spürst, genießt es, erlebst es ... und vielleicht reden wir ein bisschen, damit es dir vertrauter wird und du noch friedlicher spüren kannst ... verstehst du? Und es geht nur so lange, wie du es wollen wirst. Und wenn du nicht mehr willst, dann machst du entweder die Augen gleich auf, oder du krabbelst wieder zurück und machst sie dann auf...“
Sie atmete einmal tief durch.
„Schäm dich nicht, Sophia... Und sagen musst du auch nichts mehr. Du kannst es einfach wagen. Wenn du willst, lass dir noch etwas Zeit – und dann wagst du es einfach. Einfach so...“
„Ich...“, murmelte sie nach einem kurzen Moment, „bin völlig verrückt...“
„Denk das ruhig“, lächelte er. „Wenn es dir hilft...“
Sie atmete einmal tief durch.
„Okay...“, sagte sie und sammelte so noch einmal Mut.
Dann krabbelte sie berührend zu ihm hinüber ... und er half ihr, sich zurechtzufinden und sich anzukuscheln, und nahm sie in seine Arme.
Vorsichtig legte er seine Hand auf ihren Bauch.
„Alles gut, Sophia?“, flüsterte er vorsichtig.
„Ich fühle mich etwas eingesperrt...“, erwiderte sie zögernd.
„Wende die Gefühle um, Sophia“, erwiderte er zärtlich. „Du musst es schön finden... Eigentlich musst du deine Hand jetzt auch auf meine legen und es genießen... Versuch es einmal...!“
Zögernd legte sie ihren Arm auf den seinen.
Zärtlich küsste er einmal den Scheitel ihres Kopfes, ihr weiches Haar...
„Was haben Sie da gemacht?“, fragte sie kurz darauf.
„Ich hab versucht“, antwortete er leise, „dir Geborgenheit zu schenken.“
„Es fühlte sich an wie Kindheit...“
„Das ist doch gut...“, flüsterte er und senkte seinen Mund wieder auf ihr Haar, wie ein heiliger Schutz von oben...
Sie verharrte ganz still in seinen Armen, wurde ruhiger, er hörte ihren gleichmäßigen Atem...
Vorsichtig, nur ganz wenig, fuhr er ein wenig durch ihr Scheitelhaar, sodass sie sich ein wenig liebkost fühlen würde...
„Machen Sie das mit ihrem Mund?“, fragte sie wispernd.
„Ja ... aber denk nicht weiter nach, spür einfach nur... Genieße das Gefühl...“
„Okay...“
Nach einiger Zeit sagte sie:
„Sie wollten doch etwas reden...?“
„Nur, wenn du es sonst merkwürdig finden würdest... Ich muss nicht reden... Geht es dir gerade gut, Sophia? Fühlst du dich wohl...?“
„Im Moment ja...“
„Dann genieß es weiter... Lass dich wirklich fallen... Wir haben alle Zeit der Welt. Spür es einfach... Mehr brauchst du nicht. Du hast alle Zeit...“
„Und Sie? Ist es für Sie nicht langweilig? Nicht komisch...?“
„Sophia, soll das ein Witz sein? Hör jetzt auf zu denken. Einfach fallenlassen... Vertrau dir. Du kannst fliegen. Tu es einfach... Und genieß es grenzenlos...“
Er hörte nichts mehr, ihr Schweigen war ihre Antwort. Und sie ließ sich fallen. Und er war so grenzenlos glücklich... Ihr Atem war nun der schönste Laut des Universums... Er spürte die Berührung ihrer jungen Hand, die lebendige Wärme und zarte Schwere ihres berührenden Leibes...
Nach einer ziemlich langen Zeit fragte sie:
„Ist Ihnen ... immer noch nicht langweilig?“
„Wie denn, Sophia...“
Wieder schwieg sie.
Schließlich sagte sie leise:
„Ich hätte nie gedacht, dass es so werden würde...“
„Siehst du? Die Seele hat ihre eigenen Wahrheiten.“
„Welche Wahrheit?“
„Dass Geborgenheit etwas Wunderschönes ist.“
„Aber ich hätte mich ja auch nicht geborgen fühlen können.“
„Es ist doch nur eine Mutfrage, Sophia...“
„Aber ich hätte mich doch nicht bei jedem geborgen gefühlt!“
„Nein, natürlich nicht.“
„Und warum dann bei Ihnen? Woher wollten Sie das wissen?“
„Das weißt du doch, Sophia... Unsere Beziehung ist besonders genug. Es reicht, dass du mir vertraust... Dass du mich ein klein wenig magst. Das reicht doch schon...“
„Ja, vielleicht haben Sie Recht.“
„Ich habe immer Recht“, lächelte er.
Sie schlug sanft mit ihrer Hand auf die seine.
„Hey...!“, sagte sie mit gespielter Empörung.
Er lachte leise – und war so unglaublich glücklich. Sie neckte ihn schon so, als sei sie selbst zart verliebt. Er wusste, dass sie es wahrscheinlich nur für ihn tat – aber selbst das machte ihn schon so unsagbar glücklich. Sie war so wundervoll. So lieb...
Die Manipulation des Mädchens durch die allgemeine Meinung (S. 260-266)
„Aber was soll ich denn jetzt machen?“
Er war so glücklich. Sie fühlte sich wieder geborgen bei ihm – und ihre Seele ruhte in dem Wunsch, weiter bei ihm sein zu können.
„,Sorge dich nicht, lebe!’ – das war der Titel irgend so eines amerikanischen Bestsellers, einer dieser möchtegern-spirituellen Bestseller, Dale Carnegie oder keine Ahnung... Aber das ist eben es tatsächlich. Oder wenn du es auf der viel ernsteren, heiligeren Ebene des sehr alten und weisen Mannes hören magst, der eigentlich weder so alt noch so weise ist, aber ein bisschen von beidem... Man schämt sich immer, wenn man abweicht, oder nicht? Immer dann jedenfalls, wenn man dann abgelehnt wird. Auf manchen Gebieten ... ist es heute Mode, abzuweichen. Denk mal an grüne Haare oder aufgerissene Hosen. Aber was Mode ist, ist schon wieder kein Abweichen mehr. Es ist akzeptiert. Jeder kann heute rumlaufen, wie er will. Äußerlich dürfen also alle ,ihr Ding machen’, da herrscht kein Konformitätsdruck, kein Anpassungsdruck. Egal, wie man rumläuft, man gehört dazu. Es ist, wie wenn eine Macht geradezu dazu verführt, sich im Äußeren zu verwirklichen – weil man es dort darf.
Alle Menschen, Sophia, haben heute die Sehnsucht, sich zu unterscheiden, sich individuell fühlen zu können. Sie wollen dazugehören, aber gleichzeitig sie selbst sein. Ich wundere mich, warum noch niemand mit karierten Haaren herumläuft! Nein, aber wirklich – das scheint ein Witz gewesen zu sein, aber so ist es doch. Viele Menschen kaufen sich so Dinge wie einen Barbecue-Kocher mit Spezial-Leuchtdioden oder was weiß ich für Konstrukte, nur um wieder einmal herauszustechen, nur um sich speziell fühlen zu können. Und so geht es immer weiter. Im Brustton der Überzeugung verkünden sie, dass sie ja schottischen Whisky trinken, der sechsundsiebzig Komma drei Jahre gereift sei! Achte mal darauf! Jeder will sich damit brüsten, wie individuell er sei!
Aber – dazugehören wollen sie dann doch wieder alle. Allein schon, weil sie sonst niemanden hätten, dem sie von ihrem Whisky, ihren Leuchtdioden und so weiter erzählen könnten. Und mit karierten Haaren rumzulaufen, wenn es nicht anerkannt wäre, wäre dann vielleicht auch nicht mehr so toll...“
Sie hatte ihm aufmerksam, ja hingegeben zugehört, zwischendurch gelächelt, wie wenn die Sonne durch eine Wolkendecke brach, und war von einer staunenden Erkenntnis zur anderen mit ihm gegangen...
Nun fuhr er fort:
„Es gab immer nur Wenige, die den Mut haben, ihrem ureigenen Weg zu folgen, egal ob es da Anerkennung gibt oder nicht. Die Punks in den siebziger Jahren galten tatsächlich noch als Abschaum der Gesellschaft – und sie standen dazu! Oder der Jugendliche mit den zerrissenen Hosen im katholischen Dorf stand dazu. Er hielt das andere nicht mehr aus – und offenbarte seinen Protest, obwohl auch er dadurch in den Augen der anderen ,Abschaum’ wurde. Das geht nur mit viel Mut und viel Treue zu sich selbst.
Und in allen Schulen dieses Landes, tausenden, zehntausenden Schulen, wird der Faschismus behandelt. Keiner wagte mehr abzuweichen, alle beugten sich dem Druck der Anpassung ... alle bis auf eine Handvoll geradezu todesmutiger Menschen, auch Mädchen, wie man weiß, die zu ihrer Seele standen und Widerstand leisteten. Was unterrichtet also jede einzelne Schule dieses Landes? Dass Demokratie und Anpassung einfach Widersprüche sind... Und doch herrscht die Macht der Anpassung überall – auch in der sogenannten Demokratie. Man hat noch immer nicht verstanden, dass es um den einzelnen Menschen geht. Er wird noch immer unterdrückt, in seiner Besonderheit verfolgt, unter Druck gesetzt, unter Erwartungs- und Anpassungsdruck, wird gemobbt, wenn er dem nicht entspricht ... man muss es nicht einmal so nennen. Es ist eben alles Mobbing, was einen plötzlich ausschließt oder verachtet, nicht wahr?“
Er sah dennoch ihren zweifelnden Blick und fuhr daher fort:
„Und weißt du, die haben dann diesen unendlichen Vorteil, dass sie definieren, was Mobbing ist und was nicht. Wenn man sich für irgendeinen Quatsch nicht interessiert, was soll daran Mobbing sein? Wenn du also mit deiner ganzen ,Seele’, diesem ,Seelenzeugs’ und so weiter, plötzlich ganz alleine stehst ... ist es doch deine eigene Schuld! Hast du etwa erwartet, dass sich irgendjemand für diesen Mist interessiert? Und dann noch diese merkwürdigen, schrägen, ,krassen’, ,strangen’ und so weiter und so fort Treffen mit einem fünfzigjährigen Mann? Was willst du denn mit dem? Alter, hast du noch deine Sinne beisammen, was soll das denn? Bist du noch ganz normal? Mit einem Idioten abhängen, der dir irgendwas von Seele vollschwafelt, von ,Ich liebe dich’ und ,heididei’, bist du also jetzt völlig bescheuert, dass du mit so einem Typen auch nur eine Minute verschwendest?“
Sie hatte ihm betroffen immer weiter zugehört, und nun sagte er:
„Das alles ist kein Mobbing, Sophia! Denn die anderen definieren es. Sie können jederzeit ein grenzenlos brutales Desinteresse, ja nicht nur Desinteresse, sondern fertige Urteile an den Tag legen, die sie dir aufdrängen, mit der sie dich vergewaltigen – und entweder du passt dich an, weil du dazugehören willst, oder du bist unten durch, jedenfalls wirst du dich anstrengen müssen, wenn sie es auch nur halbwegs akzeptieren sollen. In Wirklichkeit werden sie auch weiter so darüber denken, wie sie gedacht haben. Mit anderen Worten: Sie haben das Recht auf ihre Urteile regelrecht gepachtet, es ist sozusagen selbstverständlich – und du wirst solange ,strange’ bleiben wie dieser Typ, solange du dich mit ihm einlässt. Denn sie haben die Definitionsmacht – und ,entweder du fügst dich, oder du lässt es bleiben, Baby, aber wir haben dich von vornherein gewarnt...’ So läuft das, Sophia...“
Sie war fast sprachlos.
„Aber das ist ja schlimm...“, brachte sie hervor, um überhaupt etwas zu sagen.
„Das ist die Normalität“, erwiderte er trocken. „Niemand findet sie schlimm, außer du...“
Nun sah sie ihn völlig verunsichert an.
„Und ich natürlich...“, ergänzte er warm.
Untröstlich fragte sie:
„Und was kann man dagegen tun?“
„Nichts – außer den Mut der Punks entwickeln, und den des Jungen mit den zerrissenen Hosen in dem hinterbayrischen Dorf. Vielleicht war ja auch ein Mädchen dabei...“
Sie lächelte.
„Mir ist gar nicht nach Witzen zumute“, sagte sie. „Und ich schäme mich so...“
„Willst du wirklich wissen, was du tun kannst, Sophia?“
„Ja.“
Sie sah ihn hoffnungsvoll und dankbar an.
„Glaub nicht, dass ich dir das jetzt sage“, sagte er leise. „Ich sage dir fast immer nur Dinge, die deine Seele längst weiß. Aber manchmal braucht man die Bestärkung von außen, vielleicht nicht nur manchmal, sondern oft. Dennoch ist es nur dies: eine Bestärkung. Das Wahre ist längst in ihr, der Seele, und das weißt du doch...“
Nun war sie fast beschämt, aber voller Liebe fuhr er fort:
„Es gibt zwei Wege. Der eine ist mehr gedanklich, er hält sich all diese Zusammenhänge und Erkenntnisse fortwährend im Bewusstsein. Man erkennt den Anpassungsdruck, und schon hat er seine halbe Macht verloren, denn man durchschaut ihn – und verweigert bewusst den Gehorsam. Auch weil man ebenso seine eigenen wirklichen Bedürfnisse erkennt und bewusst zu ihnen steht. Auch sie muss man erkennen! Und dann stehen – dazu stehen. Standhaft, Stehen, das hat mit dem Willen zu tun, Willenskraft, Mut, Entscheidung...
Der andere Weg führt vor allem über das Fühlen, Sophia... Auch den Anpassungsdruck kann man hier fühlen, die Verneinung des eigenen Wesens, der eigenen Individualität, die nur so sein darf, wie alle es erwarten, und die nur so denken darf, wie sie urteilen. Aber mehr noch meine ich hier dann das eigene Innere, die eigenen Erlebnisse, von Anfang an... Dieses, was ich neulich das Eintauchen in die Realität nannte. Unsere Begegnung ... deine reale Sorge damals ... dann deine wahren Empfindungen, als wir über so vieles sprachen, deine realen Empfindungen, als ich weinte, überhaupt alles Reale, was du empfandest, was dir wichtig war, alles... Das bist du, Sophia. Und niemand kann dir vorschreiben, was dir wichtig ist, wertvoll, kostbar, vielleicht sogar irgendwann heilig... Vielleicht jetzt noch nicht, das muss überhaupt nicht sein, aber kostbar oder wertvoll...
Und wenn die Welt dir dann das Gefühl gibt, dann gehörst du nicht mehr dazu – weil du entweder diese ,strangen’ Dinge mit jemandem besprichst und sie dir durchaus wichtig sind, oder weil du dich überhaupt mit so einem Typen abgibst, der sich verliebt hat, obwohl schon das halb pervers ist ... wenn dir die Welt all diese Urteile und Gefühle gibt, einzuimpfen versucht ... dann ist das nichts anderes als Mobbing, Sophia. Sie versuchen dir zu sagen, wie du sein sollst! Sie wollen nicht wissen, was dir wichtig ist – sie wollen dir sagen, was dir wichtig zu sein hat ... und was nicht. So lief es im Faschismus, so lief es im katholischen Dorf, so läuft es heute, hier und jetzt.“
Sie war wie am Boden zerstört.
„Aber es sind doch meine Freunde.“
„Freundschaft erwiese sich da, wo man jemanden so sein lässt, wie er ist – und wie er sein und wie er werden möchte.“
„Und wenn ich so bleiben wollen würde ... würden Sie sich dann überhaupt noch für mich interessieren?“
Sie hatte die Frage einfach umgedreht.
„Es bliebe genug übrig“, lächelte er. „Jeder würde sich noch immer für dieses schöne Mädchen interessieren...“
„Sie sind blöd!“, sagte sie ärgerlich.
„Aber im Ernst, Sophia. Was heißt denn ,so bleiben’? So bleiben? Ich habe mich doch gerade in das verliebt, was schon längst so ist!“
„Trotzdem wollen Sie doch was verändern...“
„Ich will dich in das Reich der Seele führen, damit du es entdeckst...“
„Und wenn ich das nicht wollen würde?“
„Das ist nicht wirklich möglich. Du stellst eine rein theoretische Frage.“
„Das stimmt doch gar nicht!“
„Nein, am Anfang wolltest du auch nicht, weil du gar nicht wusstest, worauf du dich einlassen solltest. Und du bist immer noch unsicher, wie weit du dich in dieses Reich vorwagen sollst. Du weißt nicht, ob es dir irgendwann, vielleicht jetzt schon, ,reicht’. Aber das liegt alles nur daran, dass du fortwährend den Erwartungsdruck spürst – der da lautet: ,Du sollst da nicht hin. Du schließt dich von uns allen aus, mit jedem Schritt, den du dorthin machst...’“
„Vielleicht spüre ich ja auch Ihren Erwartungsdruck...“
„Ja, vielleicht... Selbst eine ausgestreckte, zärtlich einladende Hand kann ja wie ein Druck erlebt werden...“
„Was?“, lachte sie fast verständnislos.
„Die zärtliche Einladung, mitzukommen... Schon sie kann wie ein Erwartungsdruck erlebt werden, die Frage aufwerfend: Will ich das eigentlich?“
„Sehen Sie? Sie verstehen es sogar.“
„Jetzt musst nur du dich noch verstehen. Was du willst, Sophia... Von meiner Seite aus ist es eine zärtliche Einladung. Von deren Seite aus ist es Druck. ,Gehst du mit ihm, gehörst du nicht mehr zu uns...’ Spürst du den Unterschied? Ich werde dich immer lieben, selbst wenn du keine weiteren Schritte mehr wagen würdest.“
„Wirklich?“
„Ja.“
„Okay, dann ... können wir ja mal eine Pause machen.“
„Pause?“
„Ja, keine Schritte mehr...“
„Okay, Sophia ... wenn das dein wirklicher Wunsch ist.“
„Vielleicht will ich nur einmal loskommen von diesem ... ganzen ,wirklich’ und so weiter... Vielleicht will ich mich nur einfach mal ausruhen...“
„Tut mir leid, Sophia...“, sagte er leise.
Sie sah ihn an.
„Aber dann sind Sie wieder so ernst! Man kommt davon überhaupt nicht weg. Sehen Sie? Bei Ihnen ist auch ein Druck da. Es muss alles ernst sein – Sie lieben mich ja schließlich, Sie können gar nicht anders... Aber auch das ist Druck...!“
Er senkte den Kopf, begreifend.
„Ja, du hast Recht...“
„Und das auch“, fügte sie hinzu.
Er musste lächeln.
„Ich mache dir ja ganz schön viel Druck...“
Sie musste auch wider Willen lächeln.
„Ja, tun Sie!“
Er liebte sie so sehr.
Sie musste lachen.
„Tun Sie wirklich! Das ist kein Witz.“
„Ja, ich weiß. Du bist großartig, Sophia... Ist das auch Druck?“
Wieder musste sie unfreiwillig lächeln.
„Ja. Es ist alles Druck...“
„Okay...“
Jetzt musste sie kurz losprusten.
„Ich verstehe nicht, wieso es mit Ihnen trotzdem so schön ist...“
Tränen traten ihm in die Augen.
Sie sah es betroffen.
„Das ist auch Druck...“, brachte sie berührt hervor.
Er nickte schweigend.
„Es gibt auch zärtlichen Druck, Sophia...“, brachte er hervor. „Denk an einen Händedruck...“
Sie sah ihn geradezu liebevoll an, wenn auch immer mit dieser zarten, zärtlichen Distanz.
„Gegen Ihre Weisheit kommt man ja nicht an... Das ist auch Druck...“
Sie musste fast wieder lachen.
„Wusstest du“, sagte er, „dass manche Physiker meinen, die ganze Welt bestünde nur aus Druck...?“
Jetzt musste sie wirklich befreit auflachen.
„Sie sind so süß...!“
Dann fügte sie hinzu:
„Wussten Sie, dass manche Physiker meinen, die Welt bestünde nur aus Weisheit? Der Weisheit fünfzigjähriger alter Männer?“
„Na gut, die letzte Spezifikation ist ein nur schwer vermeidlicher Fehlschluss. Aber an dem Rest ist ja Einiges dran...“
„Die Welt besteht nur aus Weisheit?!“
„Oder wenn man es ins Griechische übersetzt: Die Welt besteht nur aus Sophia...“
„Dass Sie das denken, das war ja klar...!“
Er musste lachen, und sie stimmte in sein Lachen ein...
Vom subtilen Druck des Jungen auf das Mädchen (S. 280-284)
„Als ich mit meinem ... mit diesem Jungen noch zusammen war ... na ja ... es gab einen Abend, wo ... seine Eltern nicht zu Hause waren ... und wo er es wollte. Ich wusste das ... sogar vorher ... dass wir an dem Abend allein sein würden und ... wir es ,tun’ könnten. Und irgendwie wollte ich es auch ... aber irgendwie auch nicht. Ich hatte tatsächlich Angst... Ich fand es irgendwie ... zu früh... Ich hatte Angst ... davor. Ich habe gesagt, ich kann es noch nicht...“
„Und wie hat er reagiert?“, fragte er mitfühlend.
„Eigentlich sehr verständnisvoll... Er war natürlich enttäuscht. Weil es sozusagen wirklich fast ,geplant’ war... Ich wusste das ja auch ... ich schämte mich ja auch... Na ja ... das sah er dann ... und dann war es wieder gut, er sagte, er würde noch warten, und er fragte mich, ob ich es bald wollen würde...“
„Und was hast du gesagt?“
„Ich habe ,ja’ gesagt...“
„Und dann kam das mit mir ... und er hat es nie bekommen...“
„Nein...“
Er schwieg, mit so unendlich vielen Empfindungen auf einmal.
„Was denkst du?“, fragte sie sorgenvoll.
„Ich denke, wie wunderschön du bist...“
„Willst du mit mir schlafen?“
„Das meinte ich damit nicht, Sophie. Ich war noch so sehr bei dieser Situation... Ich frage mich noch so sehr, ob er wirklich verständnisvoll war ... oder was alles in diesem ,eigentlich’ steckte. Ich glaube, er hat dich mit seinem subtilen Besitzdenken fortwährend leise unfrei gemacht, es trat nicht erst in dieser ungeheuren Eifersucht am Ende auf.“
Sie schwieg nachdenklich. Dann sagte sie:
„Aber an dem Abend wusste ich es wirklich. Ich wusste, dass seine Eltern nicht da sein würde, und dass ... es eigentlich ,passieren’ sollte ... und dann hatte ich trotzdem Angst ... und er konnte es nicht haben...“
In zarter Erschütterung erwiderte er:
„Das ist genau der Punkt, Sophie... Mädchen nehmen immer so sehr alle Schuld auf sich ... sie kommen gar nicht auf den Gedanken, dass schon die Prämissen, die Grundannahmen falsch sein könnten...“
„Welche Grundannahmen?“
„Dass sie etwas müssten, nur weil es so eingefädelt und ,geplant’ gewesen war.“
„Aber wenn es so war?“
„Dann war es so, Sophie. Dennoch hat das Mädchen das Recht jederzeit zu sagen: Ich will es doch nicht. Ich kann es doch nicht.“
„Aber ist es nicht verständlich, dass man dann enttäuscht ist?“
„Verständlich ist ,alles’. Die Frage ist doch nicht, was verständlich ist, sondern was Liebe ist, Sophia. Oder Sophie...“, fügte er zärtlich hinzu, um beides zu haben. Und die Liebe, die heilige Liebe ... war nur auf deiner Seite. Denn die Liebe sieht die Schuld immer bei sich und versteht, obwohl ... sie nicht versteht, dass das, was ihr begegnet, dann gar keine Liebe ist. Sie versteht oft zu viel, Sophie.“
Nun wurde sie wirklich sehr nachdenklich.
„Du meinst, es war keine Liebe?“, fragte sie dann fast scheu. „Aber er war doch verständnisvoll ... und er liebte mich doch wirklich...“
„Ja, das mag sein. Aber gleichzeitig wollte er dich besitzen. Setzte er dich leise unter Druck, das muss ihm gar nicht bewusst gewesen sein, er tat es trotzdem. Ob du es bald wollen würdest und so weiter...“
„Aber ist das nicht auch normal ... verständlich...?“
„Ja, Sophie, deine zarte Hingabe suchte die Schuld immer nur bei sich.“
„Aber ich habe es an dem Abend ja auch ... verursacht...“
„Was du ,verursacht’ hast, war, deine zarte Autonomie zu zeigen ... deine Empfindungen, deine Verletzlichkeit, das, was du in dem Moment konntest und was nicht...“
„Aber wenn er mir einfach nur zeigte, was er so gerne wollte ... also dass wenigstens bald...?“
„Ja“, erwiderte er sanft. „Das ist ja alles richtig und wahr... Es geht nur um die heiligen Nuancen, Sophie. Es geht nur um die Nuancen, nur in ihnen steckt die ganze Tiefe, ein ganzer Kosmos, nur hier liegt die heilige Antwort...“
Wieder versank sie in Schweigen.
„Die Liebe“, sagte er schließlich, „war bei dir, Sophie, nicht bei ihm, nicht wirklich. Oder sagen wir es anders: Du liebtest ihn weiblich, und das bedeutet bedingungslos. Mit einer reinen Liebe – eben jener, die nur bei sich immer die Schuld suchen würde. Er liebte dich meinetwegen auch, aber dann also männlich. Mit dem Bewusstsein oder meinetwegen auch Unterbewusstsein, die weibliche Partnerin stets leicht unter Druck setzen zu dürfen, mit seinen Forderungen kommen zu dürfen – und bereits als ,verständnisvoll’ zu gelten, wenn man sich noch etwas ,geduldet’... Verstehst du, Sophie? Spürst du es?“
„Ich weiß nicht... Du machst es so schlecht...“
„Der Punkt ist einfach“, sagte er innig, „dass die weibliche Partnerin, wenn sie weiblich ist ... nie Forderungen stellt. Sie äußert Sehnsüchte, verletzliche Hoffnungen ... aber nie Forderungen. Und du wirst oder kannst jetzt wieder sagen: Es waren ja auch auf seiner Seite Sehnsüchte, Hoffnungen, keine Forderungen. Aber du musst den Unterschied spüren. Er war sehr wohl enttäuscht. Er war sehr wohl enttäuscht und rechnete es dir auf einem unsichtbaren Konto irgendwo an. Und kam dann gleich mit der nächsten Frage, ob dann wenigstens bald... Und selbst das kannst du wieder als seine ,Sehnsucht’ verteidigen – und so geht es immer weiter, weil die echte Liebe immer dieses Verständnis haben wird. Sie kann immer alles verstehen – und ist immer so sehr in der verletzlichen Position, dass sie nie wirklich verstanden und immer leise ausgenutzt wird...“
„Ausgenutzt?“, fragte sie verletzlich.
„Ja. Ihre Hingabe wird ... wie etwas Selbstverständliches genommen. Und wenn sie am Ende etwas doch nicht will oder kann, wird ihr gleich zu spüren gegeben, dass das aber dann doch eine Enttäuschung ist; etwas, was jetzt eigentlich nicht hätte passieren sollen...“
Sie schwieg betroffen. Jetzt hatte er endlich Worte gefunden, die ihre Seele etwas erleben ließen, mehr als bisher.
„Und stell dir einmal die umgekehrte Situation vor, Sophie. Ich meine, das ist in unserer Kultur ja fast undenkbar. Aber stell dir vor, das Mädchen wollte mit dem Jungen schlafen – und der Junge macht in letzter Sekunde noch einen ,Rückzieher’. Ich meine jetzt wieder dieses weibliche Mädchen... Wie würde es reagieren? Es wäre nicht enttäuscht ... diese Nuance von Empfindungen würde es gar nicht kennen. Vielleicht möchtest du dennoch das gleiche Wort wählen, aber es kommt auf die Wirklichkeit der Seele an. In diese musst du eintauchen! Das Mädchen wäre enttäuscht in seiner Seele, das viel wahrere Wort ist: Es wäre traurig. Zart traurig, dass es noch warten müsse. Und wenn es dann vielleicht auch fragen würde, ob dann wenigstens bald ... so wäre es bei dem Mädchen wie eine unendlich zarte Bitte ... eine jederzeit verletzliche Hoffnung ... und kein Hauch mehr. Es hätte nicht den Hauch einer Erwartung, Sophie. Einer Forderung, nicht den Hauch... Es wäre eine reinherzige Bitte... Etwas Leuchtendes... Etwas, was nur die reine Seele hat...“
Sie schwieg völlig betroffen.
„Das Herz des Mädchens ist rein, die Seele des Jungen denkt immer auch leise in Kategorien des Besitzes, des Anrechts, erst recht, wenn etwas schon ,geplant’ gewesen war. Das Herz des Mädchens würde nie so denken – weil es gar nicht denkt. Es fühlt...“
„Der Junge denkt...“, wiederholte sie leise, „das Mädchen fühlt...?“
„Ja, die Seele des Jungen ist nicht rein, Sophie – die dieses Mädchens schon. Sie hat keinerlei Gedanken in Richtung ,Anrecht’, ,Zeitplan’ und, und, und. Sie liebt einfach nur ... und gibt sich hin ... und alles, was nicht geschieht, würde sie verletzlich immer nur weiter er-warten, aber nicht er-warten...“
„Aber du hast gesagt, das Mädchen würde auch fragen...“
„Ja, fragen... Aber seine Frage wäre eine heilige Bitte, die Bitte einer reinen Seele. Die Frage des Jungen ist immer schon ein: ,Ich will – wann machen wir es?’ Um es einmal in hässlichem Englisch zu sagen: Es ist ein ,Statement’. Es setzt die Leitplanken. Er möchte das so – und das Mädchen ist jetzt in der Situation, darauf zu reagieren...“
„Und das Mädchen?“, fragte sie innig eingetaucht noch einmal.
„Es würde nie ein ,Statement’ setzen, Sophie. Der Junge ,setzt’ was in den ,Boden’ – das Mädchen leuchtet sanft etwas in die Luft. Seine Bitte ist wie zart schwebend. Sie kann gar nicht unter Druck setzen, weil sie eine Bitte ist...“
Die Hingabe des Mädchens und das Narrativ (S. 288-290)
Und jetzt war es eingetreten. Es war genau so: Ihre Wirklichkeit ragte in eine Welt hinein, wo sie eigentlich gar nicht sein dürfte, es war eigentlich unmöglich. Und doch war es so. Und dafür gab es tatsächlich nur diesen einen Begriff: Wunder. Dieses Mädchen hatte das Unmögliche wahrgemacht. Es hatte sich eingetaucht in eine Unschuld der Hingabe, die eigentlich schon ausgestorben gewesen war, vielleicht überhaupt nie existiert hatte, jedenfalls wenn man nach den modernen ,Narrativen’ ging, wie es heute hieß.
War es nicht so? Lauteten diese Narrative nicht tatsächlich, dass die absolute Hingabe ... stets nur ein Konstrukt männlicher Köpfe gewesen war? Eine wilde Phantasie maskuliner Vorstellungen, die das ergebene weibliche Geschöpf imaginierten – ihr eigenes Geschöpf, das Geschöpf ihres Kopfes, ihrer patriarchalen Phantasien...? So lautete das Narrativ...
Aber das Narrativ entsprang ja selbst auch nur Köpfen... Und ... es kannte Sophia nicht... Wessen Geschöpf war sie nun eigentlich? Hatte er sie regelrecht um Sinn und Verstand geredet? Hatte er mit ihr eine Gehirnwäsche veranstaltet, durch die sie noch den letzten Rest ihrer Vernunft ausschaltete? Oder schalteten gerade all diese Narrative eine Wirklichkeit aus, die es sehr wohl immer gegeben hatte – und auch jetzt in einem Mädchen wieder gab...? Nämlich die weibliche Hingabe...? In einer grenzenlosen Tiefe und Bedingungslosigkeit? War sie nicht gerade jetzt niemandes Geschöpf mehr – auch nicht das der ganzen ,Moderne’, die es geradezu als Dogma verkündete, man dürfe sich nicht mehr hingeben – allenfalls noch den Versuchungen des Konsums und der ,Selbstverwirklichung’?
Und wenn er ihre Verwandlung ,verursacht’ hatte, was war dann die eigentliche Ur-Ursache? Womit hatte er sie ins Meer ,gezogen’? Doch nur mit seiner eigenen Hingabe...! Jener bedingungslosen Hingabe an ihr Wesen, der verzweifelten Liebe zu ihrem waren Wesen und der bedingungslosen Hingabe an die unerschütterliche Überzeugung, dass dies möglich sei – dass zwei Menschen einander hingeben könnten... Denn er ... er war ihr ja vom ersten Moment an verfallen. Man musste diese starken Worte wählen, um zur Wirklichkeit vorzudringen. Ihre Schönheit hatte ihn ergriffen, es war nichts anderes. Und so war seine Sehnsucht und seine Hingabe von Anfang an vollkommen. Er wollte sie nicht besitzen – sie besaß längst ihn.
Und dies allein hatte ihre Verwandlung verursacht. Er liebte sie so grenzenlos, dass er unerschütterlich an das Ideal glauben musste – dass es möglich sei. Dass es auch ihr möglich sein müsse, zu verwirklichen, was er von Anfang an gesehen hatte. Das Wunder. Das Wunder der Hingabe. Sie musste nur noch die Angst überwinden. Die Angst, die dadurch verursacht wurde, dass in dieser Zeit die Seelen verlernt hatten, sich hinzugeben. Überhaupt zu wissen, was Hingabe hieß. Sie aber hatte es nicht völlig verlernt, aber auch sie hatte Angst. Nur diese Angst hatte er ihr nehmen müssen. Er hatte ihr Vertrauen geben müssen, Vertrauen, das größer wurde als die Angst. Und als es größer war, als es begann, grenzenlos zu werden ... da war sie losgeschwommen, geführt bis an den Rand des Meeres.
Das war die absolut exakte Beschreibung dessen, was sich ereignet hatte. Sie hatte die Dogmen ihrer gesamten Zeit überwunden und war wieder geworden, was sie wirklich war – eine Meerjungfrau. Und auch dies konnte man wieder als erotisierendes männliches Phantasma zu ,entlarven’ versuchen, aber es war einfach nur tiefes Wahrbild. Und dass Narrativ übersah, dass er sie ja nicht allein in ihr ureigenes Element gelockt hatte, ihr geholfen hatte – sondern auch in das Element, in dem auch er seit jeher lebte. Die Tiefe. Das Meer der Seele. Die Moderne musste es schlechtreden, weil sie es nicht mehr wagte. Weil sie sich buchstäblich auf dem Trockenen einrichten wollte – aber in Wirklichkeit saß sie auf dem Trockenen. Sie hatte die Seele verraten und so verließ auch die Seele die Moderne ... und die Moderne wurde seelenlos.
Sophia aber hatte noch Seele – und so war sie jetzt zu ihrem Element zurückgekehrt, und es offenbarte sich die ungeheure Tiefe ihrer Seele, ihrer Hingabefähigkeit, ihrer Unschuld. Nie hätte er es ihr ,einpflanzen’ oder ,einsuggerieren’ können, wie das Narrativ es ja ohne jegliche Stichhaltigkeit behauptete, wenn nicht all dies tief in ihr selbst lag – aber genau das tat es eben. Es lag tief in ihr selbst, und die Moderne verriet dieses Wesen gerade, verschüttete es – und verleumdete den, der Sophia half, ihr wahres Wesen wiederzufinden. Das Narrativ war pervers. Die wahre Seele wurde vernichtet, aber man verkündete, dass Hingabe etwas Schlechtes sei.
Weil es ja abhängig machte. Verletzlich. Zum Opfer. Willenlos. Ja sogar ich-los – und wie die vergifteten Narrative alle lauteten. Keine Rede davon, dass das Verletzliche das eigentlich Seelische überhaupt war. Keine Rede davon, dass Hingabe die Voraussetzung für überhaupt jegliches Empfangen war. Keine Rede davon, dass Hingabe letztlich die einzige Bestimmung der Seele schlechthin war. Ungetrennt von der Liebe, ihrer Zwillingsschwester. Sophia war eine Meerjungfrau. Aber das Meer war eigentlich die Seele selbst. Sophia war zur wirklichen Realität der Seele zurückgekehrt. Sie hatte es gewagt.
Aber jetzt würde die Welt sie bekämpfen. Denn die Welt hatte weiterhin Angst. Und man würde es genau gegenteilig darstellen. Dass man keine Angst hätte, dass nur die Hingabe falsch sei, weil sie einen zum willenlosen Opfer mache. Aber Sophia war nicht willenlos – und nur die Welt hatte nicht den Willen, sich aus ihrem eigenen Opfer-Dasein zu befreien. Sie ,liebte’ das Trockene geradezu – und trocknete immer mehr aus. Sie ,liebte’ die Angst und hatte immer mehr Angst, liebte aber auch die ,Selbstsicherheit’ und hatte auch davon immer mehr, erstickte an ihren eigenen Widersprüchen, türmte aber immer weiter Narrativ auf Narrativ, hasste die Meerjungfrauen, bezeichnete sie gleichzeitig als ,Opfer’ und so drehte sich das sinnlose Rad immer weiter...
Ein Mädchen im Angesicht der Vorurteile ihrer Eltern (S. 292-296)
Er streichelte ihr Haar, liebkoste es. Und sie wurde ruhiger.
„Was haben sie denn gesagt? Alles...“
„Das möchte ich jetzt gar nicht mehr erzählen...! Es sei denn, du möchtest es wissen.“
„Nein. Es ist nicht wichtig...“
Sie schwieg, noch immer halb untröstlich.
„Sie haben auch“, sagte sie dann leise, „gesagt, es dauere höchstens drei Wochen, dann werde ich ,aufwachen’...“
Er schwieg etwas betroffen.
„Was denkst du?“, fragte sie schließlich verletzlich.
„Ich denke, sie dürfen über deinen Mut und deine Gefühle überhaupt keine Aussage machen. Es ist ein Übergriff, es ist übergriffig...“
„Aber glaubst du auch, dass so etwas passieren könnte?“
Sie fragte es regelrecht, um von ihm eine Art Schutz davor zu erhalten.
„Sophie...“, sagte er zärtlich, wieder ihr Haar streichelnd, was bereits ein Schutz war. „Es kann jederzeit alles passieren – verstehst du nicht? Das Entscheidende ist: Es besagt gar nichts! Verstehst du nicht? Sie erwarten jetzt schon für in drei Wochen den Beweis, dass es ,keine echte Liebe’ war! Aber was besagt irgendein Zeitpunkt in drei Wochen über deine jetzigen Empfindungen? Deine Gefühle vom Samstag? Sollte die Tatsache, dass man jemanden nicht mehr liebt, je ein Beweis dafür sein, dass man ihn nicht geliebt hat?“
„Nein...“, erwiderte sie leise.
„Du hast auch deinen Freund geliebt, Sophie... Er hat es nur am Ende nicht mehr verdient – und er hat mit Füßen getreten, was du ihm die ganze Zeit geschenkt hast. Vielleicht hat er es nie verdient. Aber geliebt hast du ihn...“
„Ja, das stimmt...“
„Siehst du“, erwiderte er zärtlich.
„Aber“, beharrte sie, „glaubst du, sie könnten Recht haben? Mit in drei Wochen...?“
„Du würdest nicht fragen, wenn die Möglichkeit nicht bestünde. Aber was soll uns dies sagen? Die Prophezeiung ist sinnlos – sie hat keinerlei Bedeutung. Und doch schenkt sie uns die Gelegenheit, uns auf unsere Weise darüber Gedanken zu machen.“
„Wie meinst du das?“, fragte sie besorgt.
„Wie sicher bist du dir, dass du mich auch in drei Wochen noch liebst, Sophia?“
„Wie meinst du das? Du machst mich gerade total unsicher...“
„Aber warum?“
„Warum fragst du das alles denn?“
„Weil wir im Reich der Seele sicher werden müssen, Sophie. Die äußere Welt sollte keinen Einfluss darauf haben, was wir empfinden.“
„Das soll sie ja auch nicht.“
„Dann müssen wir dafür sorgen – indem wir die Zweifel aus unserer Seele verbannen.“
Sie schwieg fast beschämt.
„Schäm dich nicht, Sophia. Du musst es nur verstehen. Dann kannst du dich innerlich stets selbst entscheiden. Du kannst dich auch für die Zweifel entscheiden, wichtig ist allein, dass es dir bewusst ist – dass dir bewusst ist, was in der Seele jeweils gerade geschieht. Zweifel kommen in den Gedanken auf. Wenn man ganz im Fühlen bleibt, wird es also keine Zweifel geben. Verstehst du das?“
Sie dachte nach und sagte schließlich:
„Ja...“
„Und denk auch daran, dass deine Liebe ein Wagnis war, Sophie – du hast es gewagt. Niemand sonst hätte das getan, aber du hast es getan. Deine Liebe beruht auf Mut – Mut, den niemand sonst gehabt hätte. Es ist keine Kunst, zu behaupten, in drei Wochen sei das wieder vorbei. Jemand anders hätte diesen Mut keine drei Minuten gehabt!“
„Aber wenn das passieren sollte – was wäre dann?“
„Wenn du dich entscheiden solltest, diesen Mut leise und zart wieder zurückzuziehen – oder wenn es deine Seele auf irgendeine Weise wie von selbst täte? Dann wäre das nichts als eine neue Wirklichkeit, mit der wir leben müssten...“
„Aber es würde dich unendlich enttäuschen...“
„So wie deinen Freund...?“
„Was meinst du?“, fragte sie unsicher.
„Du kannst mich nicht enttäuschen, Sophia. Du weißt doch, die Liebe verstehst immer. Ich bin wie du... Außerdem hast du mir schon mehr geschenkt, als ich je erwarten durfte... Grenzenlos viel mehr, grenzenlos viel überhaupt... Grenzenlos...“
„Aber ... wenn es auf einmal...“
„Nein, Sophia. Mach dir keine Sorgen. Das reale Wunder wird mir immer bleiben. Es ist schon geschehen...“
„Du meinst, der Rest ist nicht mehr so wichtig? Meine Eltern meinten auch, du willst mich wahrscheinlich nur ins Bett kriegen...“
„Sophie...“, erwiderte er leise. „Ich würde dich nie dazu bringen wollen, immer weiter zu schwimmen. Du kannst nur das tun, was dein tiefer Wille ist. Aber ich meine es noch immer ernst. Ich würde dich wirklich heiraten, Sophie. Ich meine es so sehr... Und obwohl es für mich das Heiligste überhaupt ist ... mit dir schlafen zu dürfen ... würde ich dich, ohne eine Sekunde zu überlegen, auch dann heiraten, wenn du es nie mehr tun würdest...“
„Meine Eltern sind so furchtbar...“, murmelte sie.
„Lass deine Seele von ihnen nicht einmal stören, Sophia. Spüre nur immer aufrichtig in dich hinein, was dein tiefster Wille ist.“
„Ich will dich lieben...“
„Das brauchst du mir auch nicht zu versichern. Tu es einfach, Sophie. Tu es, solange du es willst.“
„Glaubst du, ich werde es irgendwann nicht mehr tun?“, fragte sie sorgenvoll.
„Diese Frage ist nicht wichtig, Sophie. Sie ist wieder ein Gedanke...“
„Es ist so schwer!“, klagte sie.
„Nimm dir einfach keine Zeit für die Zweifel. Tausche die Zweifel einfach gegen Gefühle... Gegen die Hingabe, gegen die Aufrichtigkeit. Auch dir selbst gegenüber. Wenn die Seele in der Aufrichtigkeit lebt, braucht sie keine Zweifel, keine Sorgen, kein schlechtes Gewissen – es ist, wie es ist. Was sie fühlt, ist wahr...“
„Also könnte es doch sein...“
„Es kann alles sein, aber du brauchst davor keine Angst zu haben, Sophie – genauso wenig, wie du Angst hattest, mich zu lieben. Du bist einfach losgeschwommen...“
„Ja, du hast Recht“, sagte sie leise. „Ich schäme mich so...“
„Weswegen? Wegen deiner Fragen?“
„Ja...“
„Ach, Sophie...“, erwiderte er unendlich zärtlich. „Hat die Meerjungfrau etwas Angst, an Land gespült zu werden?“
Sie schwieg etwas befangen.
„Wenn es so ist“, sagte er, „ist es so. Aber sie sollte keine Angst haben. Schwimmen kann man nur ohne Angst.“
„Ich fühle mich so dumm...“, klagte sie.
„Bist du aber nicht, Sophie. Du bist das klügste Mädchen, das ich kenne.“
„Und wieviel kennst du?“
Er musste lächeln.
„Du weißt längst so viel mehr als alle anderen Mädchen, Sophie...“
„Aber was denn überhaupt...“
„So viel über die Seele... Es mag kein sicheres Wissen sein, aber wir haben über so vieles schon gesprochen ... und es lebt in dir wie ein halbes Wissen, darum aber nicht weniger heilig und kostbar. Vertrau dir – und auch mir. Du bist nicht dumm!“
„Aber wieso habe ich überhaupt Angst vor dem, was meine Eltern gesagt haben?“
„Weil es der reale ,Kampf’ zwischen der mehr gewöhnlichen und der besonderen Sophia ist – und auch die gewöhnliche hätte das Recht, zurückzukehren. Das wäre kein Triumph deiner Eltern, sondern einfach nur eine von zwei Möglichkeiten. Aber du hast es in der Hand, die besondere Sophia fortwährend lebendig zu erhalten.“
„Und diese wird nicht aufhören, dich zu lieben?“
„Auch diese könnte aufhören, mich zu lieben, zum Beispiel, wenn sie jemand anderen zu lieben beginnt. Aber das ist ja jetzt nicht der Fall, und du musst keinen Gedanken daran in deine Seele dringen lassen, der sie beschweren würde. Und auch keine Schuldgefühle haben, wenn es so eintreten würde. Ich liebe dich, Sophie... Wenn du eines Tages mit jemand anderem glücklich werden würdest ... werde ich es verstehen können...“
„Die Liebe versteht immer alles...“, flüsterte sie.
„Besonders die Liebe eines fünfzigjährigen Mannes, der nie erhoffen durfte, die Liebe eines sechzehnjährigen Mädchens zu gewinnen...“
„Aber wer sagt denn das?“, erwiderte sie fast heftig.
„Das sagt nicht nur die Welt... Was kann ein solcher Mann dir schon geben, Sophie...“
„Aber du hast es selbst gesagt! Was kann ein gleichaltriger Junge mir schon geben?“
„Vielleicht genau dies...“, erwiderte er schmerzlich. „Gleichaltrigkeit. Ein Verstehen auf ganz vielen Ebenen, die genau damit zu tun haben...“
„Auf ganz vielen Ebenen?“, erwiderte sie mit zartem Sarkasmus. „Welche und wie viele sollen das denn sein?“
Erschüttert begann er, zu begreifen, wieviel er ihr auf einmal zu bedeuten schien, ganz real .
„Ich weiß nicht...“, erwiderte er unsicher. „Humor. Lockerheit. Unkompliziertheit. Die ganzen Themen...“
„Humor? Ja, gut, vielleicht könnte ich mit einem Jungen noch anders lachen. Aber – ich hatte nie einen so wunderbaren Humor erlebt wie mit dir. Lockerheit? Welche Lockerheit? ,Miss Lockerheit’? Gibt es die? Ist das kostbar...? Unkompliziertheit ... welche? Mit dir ist so vieles so unkompliziert... Und welche Themen? ,Coldplay’? Ja, vielleicht. Aber weißt du, welche Themen wir haben?“
Bei ihren letzten Sätzen standen ihm unvermittelt Tränen in den Augen. Er konnte vor Rührung nicht sprechen. Er war jetzt wirklich leise fassungslos...
Sie entdeckte es, als sie zu ihm hochsah, und fragte bestürzt:
„Michael, was ist denn – weinst du?“
„Nein...“, brachte er hervor. „Aber ... ich wusste nicht... Ich ... ich wusste nicht ... dass es dir – –.“
„So viel bedeutet? Hallo...? Wie hätte ich mich sonst denn in dich verlieben können?“
„Ich weiß nicht...“, erwiderte er scheu.
„Siehst du? Ich auch nicht... Ich wusste es ja kaum mit alledem...!“
Was ein Mann einem Jungen voraus hat – auch wenn er es nicht glaubt (S. 297-299)
„Sie sehen einfach manchmal süß aus, Michael... Das ist eigentlich schon fast alles...“
„Okay, kann ich nicht mit konkurrieren...“
Sie musste fast losprusten.
„Nein! Kannst du nicht...“
Es tat aber auch ein bisschen weh...
Irgendwie bemerkte sie auch dies. Sie wandte sich ihm zu und sagte:
„Michael... Wenn man sich schon in einen Mann verliebt, dann doch bestimmt nicht, weil er Babyspeck im Gesicht hätte! Bestimmt nicht, weil er mit K-Pop-Jungen konkurrieren könnte oder dies sogar täte. Oder? Sondern ... weil ich zum Beispiel nicht glaube, dass irgendeiner dieser Jungen so küssen könnte wie du – obwohl ich das erst danach erfahren habe. Aber eben auch, weil sie alle keine Ahnung von den ,Misses’ haben. Weil sie wahrscheinlich nicht einmal ,Coldplay’ kennen, geschweige denn etwas anderes. Und weil sie gar nicht wissen, was die Seele ist...“
„Weißt du es denn jetzt, Sophie?“, fragte er leise.
„Ich lerne es doch jetzt, die ganze Zeit...“
Er streichelte zärtlich ihr Haar, das immer wieder fast zu duften schien, so wunderschön war es...
„Das würde übrigens auch kein K-Pop-Junge machen. Erst recht nicht so...“
„Wie mache ich es denn?“, fragte er scheu.
„Wunderschön eben... Dass man sich geborgen fühlt... Das könnte auch kein K-Pop-Junge.“
Sie musste lachen.
„Er könnte eigentlich gar nichts. Das fällt mir jetzt erst auf. Durch dich, verstehst du? Er könnte eigentlich gar nichts... Ich weiß gar nicht, was ich mir vorgestellt habe...“
Ihre unschuldige Offenheit rührte ihn regelrecht.
„Na ja, vielleicht schon irgendeine Zärtlichkeit zum Beispiel...?“, erwiderte er vorsichtig und ernst.
„Ja, vielleicht. Aber jetzt weiß ich ja, wie das wirklich ist... Zärtlichkeit, meine ich. Und ich weiß, dass es mit niemandem sonst so wäre – mit niemandem, das weiß ich total...“
Er war tief beeindruckt.
„Woher weißt du das, Sophie?“, brachte er hervor.
„Woher? Das ist doch klar...“
Ihm war das gar nicht so klar – aber er wagte keine Nachfrage.
Sie schwieg ein paar Momente, aber als er nicht weiter fragte, sagte sie von sich aus:
„Du denkst vielleicht, ich habe keinen Vergleich. Habe ich auch nicht. Aber wir haben ja darüber geredet... Ich weiß ja, wie mein damaliger Freund darüber dachte. Ich weiß, wie du mich die ganze Zeit behandelt hast... Und sehe das nirgendwo sonst. Ich sehe, was so in Zeitungen wie ,Bravo’ und so weiter über die ,Liebe’ steht, über ,das erste Mal’ und so ... und ja, die geben sich wirklich Mühe. Das ist ganz nett ausgedrückt – von wegen: man soll zärtlich sein und so. Aber na ja ... ich sehe ja die Jungs und auch Mädchen in meinem Alter ... und ich kann mir genau vorstellen, wie die dann miteinander ... na ja ... das eben ,machen’ und dann so nennen... Dann haben sie auch mal ,miteinander geschlafen’ und so ... und machen es wieder. Du hast doch auch von der Sprache und so weiter gesprochen. Da ist doch nichts so, nirgendwo, wie bei dir...!“
Jetzt war er endgültig betroffen. Sie spürte so unendlich vieles – und wie auch nicht? Wahrscheinlich stellte er sein eigenes Licht immer wieder viel zu sehr unter den Scheffel, weil er sie so scheu liebte und nie gehofft hatte, dass sie es erwidern könnte. Und jetzt erwiderte sie so viel, auf jeder Ebene...!
„Ich habe es anscheinend“, gestand er leise, „nie für möglich gehalten, dass du ... dass dir auf einmal so viel kostbar werden würde, Sophia...“
„O doch, hast du...“, erwiderte sie, neckend, „sonst hättest du mich nicht so unter Druck gesetzt...“
Bevor er etwas erwidern konnte, musste sie selbst lachen.
„Du hast es geglaubt“, knüpfte sie wieder an. „Ich habe es nicht geglaubt, du schon.“
„Ja“, gestand er. „Aber letztendlich wichtig wurde es dir erst dadurch, dass du es wagtest, mich auch zu lieben.“
„Vielleicht. Dennoch war es mir auch vorher schon wichtig. Ich hätte mich sonst nicht von dir ,ins Wasser ziehen lassen’, verstehst du nicht? Es gab Gründe...“
„Okay, Sophie. Es berührt mich sehr, dass du das sagst. Ich habe dich so scheu geliebt, dass ich ... andererseits eben doch nie geglaubt hätte, dass ich es wert sein könne ... dir etwas bedeuten könne... Du warst für mich so ein grenzenloses Ideal...“
„Jetzt nicht mehr?“, lächelte sie.
„Doch... Du bist es unverändert... Nur dass dieses Ideal jetzt mich auch liebt, was mir einfach undenkbar war, obwohl ich es immer ersehnt hatte, wie etwas Unerreichbares.“
„Dafür, dass dein Ideal jetzt sogar in deinen Armen liegt“, neckte sie, „hattest du ganz schön wenig Selbstvertrauen in dich...“
„Das ist keine Kunst bei einem Ideal ... und wenn man selbst nur ein fünfzigjähriger –“
„Stimmt!“, unterbrach sie ihn. „Ich hatte schon vergessen, dass du ja gar keinen Babyspeck mehr hast...“
Als Reaktion kitzelte er sie, und sie schrie in süßem Entsetzen auf...
Vom Verlust der Hingabe (S. 310-313)
Aber die Welt lehnt es ab, Sophia. Du wirst dadurch ja in gewisser Weise und in unterschiedlichem Ausmaß zum ,Gespött der Leute’. Sie werden dich für deine Hingabe verspotten. Manche werden auch berührt sein, aber die meisten werden den Kopf schütteln und viele werden dich verspotten. Dafür braucht es gar keine Worte. Es reichen Blicke, abschätzige, abwertende Blicke. Man wird dich für ein unschuldiges, naives Ding halten, das leider ,die ganze Emanzipation verpasst’ hat ... oder was weiß ich...“
„Okay, ich verstehe.“
„Ja? Siehst du? Um die Hingabe zu schützen, braucht es einen grenzenlosen Mut – denn man wird geradezu ein Mobbing-Opfer. Genau wie deine Eltern mich mit unendlich vielen Urteilen verleumdet haben, wird man die hingebungsvolle Seele mit Etiketten bewerfen, die ich eben genannt habe: ,Naiv’, ,fahrlässig naiv’ und so weiter und so fort. ,Zurückgeblieben’. Man wird dich für ein ,Opfer des Patriarchats’ halten, Feministinnen werden in dir ihre Feindin sehen –“
„Wegen Hingabe...?“
„Ja, weil die hingebungsvolle Frau immer das Idealbild des Patriarchats war – der Mann das Oberhaupt, die Frau hingebungsvoll nur um ihn besorgt, und die Töchter bereits dazu erzogen...“
„Hast du daran auch gedacht, als ich damals um deine Hand besorgt war?“
„Nein, da habe ich nur erlebt, wie lieb du bist... Aber siehst du, bereits ,lieb’ will heute ja niemand mehr sein, weil auch das schon ein Stück Hingabe ist... Lieb zu jemandem zu sein...“
„Aber das ist doch verrückt... Schon das soll schlecht sein?“
„Du siehst es ja. Es ist uncool. Lieber will man sich um niemanden kümmern, denn das ist anstrengend und auch gefährlich.“
„Gefährlich?“
„Ja, man könnte an einen Psychopathen geraten. Man gibt den kleinen Finger, und er lässt nicht mehr los...“
Sie musste lachen.
„Also wie du...!“
„Ja, so ungefähr. Und aus solchen und anderen Gründen will heute kaum noch jemand auch nur ,lieb’ sein. Der Begriff scheint identisch mit ,brav’, und das ist ja nun mal ,uncool hoch drei’. Also nichts mit Hingabe...“
„Ich verstehe“, sagte sie leise.
„Nicht jeder wird dich ablehnen, Sophie“, tröstete er. „Du wirst auch Seelen berühren, weil Hingabe, Liebes und Unschuldiges immer berührt, den wahren Teil der Seele, wo noch die Wahrheit gespürt wird... Dass nicht die Hingabe das Problem ist, sondern die Unfähigkeit zur Hingabe...“
„Und warum verstehen das nur noch so wenige?“
„Tatsächlich wohl leider auch wegen der Emanzipation. Na ja, es ist eine Kettenreaktion. Die Frauen haben sich ja mit Recht gegen die Unterdrückung der Männer gewehrt. Aber die Hingabe ist ja nicht an sich schlecht – sogar überhaupt nicht. Schlecht ist nur, wenn sie ausgenutzt wird ... und nur einem halben Teil der Menschheit anerzogen, damit die andere Hälfte diesen ausnutzen kann. Das ist schlecht! Aber ... die Frauen haben sich ,befreit’, die andere Hälfte hat nicht aufgehört, die Hingabe abzulehnen ... und schon ist sie ganz verschwunden. Im Kapitalismus ja sowieso – wo soll da Hingabe hineinpassen? Allenfalls in Form von hingebungsvollem Egoismus, hingebungsvollem Geldscheffeln, während von Empathie keine Spur ist. Die Hingabe wird also in den Seelen völlig pervertiert – oder stirbt gleich ganz ab.“
„Aber das ist ja schlimm!“
„Ja, was soll ich sagen...“
Sie versank in ein betroffenes Schweigen.
„Jede Seele, Sophie, die hingebungsvoll die Hingabe schützt ... hilft der Menschheit, sich daran zu erinnern, dass nicht die Hingabe das Problem ist... Hilft den Seelen, wieder berührt zu werden ... und sich beschämt zu erinnern, was sie verloren haben...“
„Okay...“, sagte sie leise.
„Das war heute ,Miss Hingabe’“, erwiderte er leise.
„Schon?“, fragte sie überrascht. „So kurz?“
„Die heiligsten Dinge sind oft erstaunlich kurz, Sophie. Weil sie die Essenz sind. Der Rest kann nur im Herzen selbst geschehen...“
„Ich verstehe... Das macht mir ja richtig Angst – ob ich es schaffe...“
„Wenn jemand es schafft, dann du... Und wir können diese Dinge auch immer wieder neu aufgreifen ... anders ... und wenn mir etwas einfällt, werde ich es auch immer wieder einflechten...“
„Das heißt, dir fällt im Moment auch gar nicht mehr ein?“, fragte sie scheu.
„Mir würde ganz sicher noch sehr viel einfallen, aber ... ich will auch kein Sammelsurium daraus machen. Die Essenz ist wichtiger, Sophie.“
„Okay... Aber ... kann dir vielleicht noch eine Sache einfallen? Sonst ist es wirklich sehr kurz... Trotz allem...“
Ihre unschuldige Bitte berührte ihn tief. Er dachte nach.
„Es geht alles ineinander über, die verschiedenen ,Misses’ sind alle so innig miteinander verbunden... Aber ich möchte dann heute also noch sagen, dass ... Hingabe nicht nur damit zu tun hat, einzutauchen und sich also hinzugeben, was als Bild ja immer nach außen geht, nicht wahr? Sondern ebenso sehr damit, dass man das, dem man sich hingibt, still in sich hineinlässt. Oder gerade auch im Rückblick. In der Erinnerung... In dem nochmaligen Nachdenken. In dem innigen Nachspüren. In einer heiligen Innigkeit... ,Miss Innig’!
Was ich sagen will, ist: Die meisten Seelen handeln alles innerhalb von Sekunden und Minuten ab. Sie gucken einen Film, kommen aus dem Kino – und reden nach fünf Minuten schon über ganz andere Dinge. Und die Hingabe? Sie hat sich schon im Film grenzenlos hingegeben, ist eingetaucht ... und jetzt nimmt sie das Erlebte mit, geht aus dem Kino, und während die anderen nach fünf Minuten schon über ganz andere Dinge reden, kann sie das überhaupt nicht begreifen, ist auch hier hilflos einsam ... und der Film lebt immer noch in aller Tiefe in ihr, der Seele, und sie spürt den Inhalten und den Empfindungen immer weiter nach, denkt auch darüber nach, sinnt nach, und so ist die ganze Seele noch immer in diesen Film eingetaucht und er in ihr. Das ist Hingabe. Das ist Hingabe, Sophie.
Die Seele wird dadurch langsam – heilig langsam, aber auch das wird ihr wieder vorgeworfen werden. ,Hä? Du denkst immer noch an den Film? Krass...’ Und siehst du, da ist zum Beispiel wieder der Spott, den man gar nicht bemerkt. ,Krass – die denkt immer noch an den Film. So unschuldig möchte ich auch mal sein! Süß...’ Aber möchte man gar nicht! Man sagt es nur, aber meint das Gegenteil.
Hingabe ist auch, die Widersprüche in der Sprache zu entdecken. Hingabe ist es auch, all das nicht mitmachen zu wollen – und auch gar nicht mehr zu können. Hingabe ist die Liebe zu den Dingen ... und so grenzt sie unmittelbar an die Wahrhaftigkeit. Die Hingabe möchte auch die Tiefe in allem bewahren – und so geht eins in das andere über, ständig...“
„Aber das war jetzt doch wichtig...“, sagte sie fast grenzenlos betroffen. „Wenn ich jetzt nicht gefragt hätte ... hättest du das so nie gesagt...“
„Hingabe ist auch ... die Einzigartigkeit eines Momentes zu bemerken“, erwiderte er leise. „Auch das kann nur die Hingabe...“
„Und das hättest du auch nie gesagt...“, flüsterte sie.
„Du siehst, wieviel die Hingabe retten wird, wenn sie wirklich da ist. Sie wird die Welt wirklich retten – und nur sie...“
Schneewittchen und der vergiftete Apfel heute (S. 317-321)
„Guck mal, Hingabe und Unschuld haben auch so viel miteinander zu tun. Denn Unschuld, was ist Unschuld? Es ist vor allem das Absehen von sich selbst. Und was ist Hingabe? Genau das. Die Hingabe sieht von sich selbst ab und gibt sich hin. Deswegen kann Hingabe nie etwas anderes sein als unschuldig. Eine Seele im Zustand der Hingabe ist unschuldig. Es sei denn, sie gibt sich seelentötenden Dingen hin – selbstbezogenen Computerspielen, Geldscheffeln, was weiß ich. Aber das kann man dann schon gar nicht mehr Hingabe nennen. Also echte Hingabe kann nur unschuldig sein...
Also ohne Angst haben zu müssen, ist auch diese ,Miss’ längst Teil deines Wesens – und war es schon, als du dich damals um mich sorgtest. Denn auch da dachtest du nicht an dich, sondern an jemand anderen. Und auch das ist Unschuld...“
„Okay...“, erwiderte sie fast erleichtert. „Ich dachte, Unschuld ist – –“
„So etwas wie Rotkäppchen?“
„Rotkäppchen?!“
„Ja, oder vielleicht auch Schneewittchen.“
„Vielleicht, ja...“
„Und das wolltest du nicht sein?“
„Nein...“, lächelte sie, fast verlegen.
„Weil...?“, ermutigte er sie.
„Weil?! Weil ich das nicht schaffe! Weil ich das nicht will – nicht kann. Nicht will und nicht kann. Willst du das etwa?“
„Ich hab doch schon gesagt, was ich will, Sophie... Du bist mein Ideal.“
Sie schwieg etwas beschämt. Dann sagte sie leise:
„Also Schneewittchen ist wirklich zu brav...“
„Warum?“
„Na ja ... sie ist einfach nur schön ... wunderschön ... und wehrlos...“
„Okay, und ... wehrlos willst du nicht sein? Weil – schön bist du ja schon...“
„Nein, wehrlos will ich nicht sein.“
„Aber die Hingabe ist ja auch wehrlos.“
„Aber man muss sich ja nicht hingeben, nicht immer, nicht bei jedem...“
„Und die Unschuld müsste? Tut Schneewittchen das?“
„Nein, aber gegen die Hexe kann sie nichts machen...“
„Gut, und was willst du gegen die Hexe machen?“
„Hexen gibt es ja nicht...“, lächelte sie etwas verlegen.
„Aber gegen wen willst du was machen?“
„Ich will mich wehren können gegen alles, was mir passieren könnte.“
„Aber kannst du es?“
„Ich will es wenigstens.“
„Aber du kannst es auch nicht.“
„Aber ich will es.“
„Vielleicht will es Schneewittchen ja auch...“
„Aber sie kann es nicht.“
„Aber du vielleicht auch nicht.“
„Ich will aber nicht wie Schneewittchen sein.“
„Also du verbindest sie und die Unschuld mit Wehrlosigkeit?“
„Und zu brav...“
„Okay, zu brav...“
„Du machst dich lustig!“
„Nein, ich will dich nur ein wenig provozieren, damit mir besser verständlich wird, was genau du meinst.“
„Aber du weißt doch, was ,brav’ bedeutet.“
„Aber vielleicht ist auch Schneewittchen nicht ,brav’, sondern ... einfach unschuldig.“
„Deswegen will ich ja auch nicht so unschuldig sein wie sie.“
„Okay, und wie unschuldig willst du sein?“
„Eigentlich gar nicht...“
„Und warum willst du dann von ihr hören...?“
„Einfach nur so...“
„Das stimmt doch gar nicht, Sophie...“
„Ich will einfach“, klagte sie, „vielleicht für dich ein bisschen unschuldig sein, vielleicht, ich weiß es doch nicht...!“
Dieses fast hastig ausgesprochene Bekenntnis erschütterte ihn fast.
„Für mich? Hast du dir nur deshalb diese ,Miss’ gemerkt? Für mich?“
„Ich weiß es doch nicht!“, klagte sie.
„Vielleicht bedeutet sie dir ja auch etwas, Sophie“, erwiderte er leise. „Aber bitte schäm dich doch nicht... Wir ... wir haben miteinander geschlafen, Sophie! Wovor müssen wir uns denn überhaupt schämen ... es gibt nichts, wo wir uns nicht restlos vertrauen sollten ... und können! Ich liebe dich so grenzenlos, wie auch immer du bist, Sophia! Glaub mir doch bitte... Bitte...!“
Sie senkte den Kopf.
„Es tut mir leid...“
Sie sah ihn wieder offen an, mit fast bittenden Augen.
„Ich vertraue dir, Michael... Es tut mir leid.“
„Muss es nicht...“, brachte er hervor. „O Gott, Sophie ... muss es nicht! Ich will nur, dass nichts zwischen uns steht... Dass du nie Angst haben musst, mir nicht zu genügen. In meinen Augen ist das so ein verrückter Gedanke... Es ist immer nur umgekehrt...“
„Auch nicht umgekehrt... Hast du gehört?“
„Du bist so wunderschön, Sophia...“
„Jetzt sprich doch bitte weiter.“
„Okay... Es ... es ist alles Unschuld, Sophia. Deine ergreifende Liebe mir gegenüber. Dein Mut, das Schwimmen zu wagen. Deine Unsicherheit, plötzlich. Deine Aufrichtigkeit. Deine Scham zwischendurch. Deine Schönheit... Da ist so viel Unschuld... Weil du nicht wie die anderen an dich denkst. Weil du überhaupt in diese Fragen eintauchst. Weil du es so hingebungsvoll und unschuldig tust. Und selbst die Abwehr gegen das, wie du nicht sein willst, ist so unschuldig, so verletzlich auch, verstehst du?
Du willst dich zwar wehren können, aber du bist verletzlich – und das ist berührend und ist unschuldig. Und du lässt es zu, Sophie. Du lässt zu, dass du verletzlich bist. Du willst nicht unbesiegbar sein, nicht cool, nicht ein ,Kampfmädchen’ oder was weiß ich. Sondern du lässt es ganz bewusst zu, dass du verletzlich bist. Du brauchst überhaupt nicht wehrlos zu sein – und bist doch unschuldiger als fast alle anderen Mädchen. Verstehst du? Du bist längst ein Wunder an Unschuld – ohne Schneewittchen auch nur zu ähneln... Trotzdem bist du so schön wie sie... Auch innerlich. Denn selbst jedes Zuviel an Unschuld verweigerst du unschuldig...“
Sie schwieg nachdenklich.
„Willst du auch das nicht sein, Sophia? Magst du das Wort nicht...?“
„Ich weiß es selbst nicht...“
„Sophie...“, sagte er zärtlich. „Es ist gerade mit diesem Wort so, wie ich gesagt habe – noch viel stärker als mit der Hingabe. Niemand möchte mehr unschuldig sein. Weil es nur noch mit ,Schneewittchen’ in Verbindung gebracht wird, und mit ,naiv’, ,zurückgeblieben’, ,peinlich’ und das alles... Verstehst du? Würdest du also ,unschuldig’ sein wollen, würdest du dich regelrecht außerhalb der Gesellschaft stellen. So etwas wie ,Hingabe’ geht gerade noch. Vor allem kann man alles als ,Hingabe’ verkaufen, noch jedes sinnlose Gehopse auf einem Rockkonzert. Man vergisst sich einfach selbst, rastet lustvoll aus und nennt sinnlose Ekstase ,Hingabe’.
Mit Unschuld kann man das nicht machen. Unschuld ist entweder wirklich unschuldig – oder man kann es nicht so nennen. Und deswegen ist sie so verhasst. Auch weil Unschuld notwendigerweise verletzlich ist. Nicht wehrlos, aber verletzlich. Auch das will niemand mehr. Deshalb blicken alle auf die Unschuld herab, wie auf einen alten Stiefel. Und mit der Unschuld kann man es machen, denn sie kann sich ja nicht wehren, sie ist unschuldig... Gegen die allgemeine Peinlichkeit, mit der man sie verknüpft, kann sie nichts machen...
Dennoch hat die Unschuld ihre eigene Würde. Während alle auf sie herabblicken, geht sie unschuldig-erhobenen Hauptes durch all ihre Verächter und Spötter hindurch und ist in Wirklichkeit edler und größer als alle, die scheinbar auf sie herabblicken. Und stell dir einmal vor, Schneewittchen wäre real, wenn auch als Märchenfigur. Alle würden heute auf sie herabblicken, aber sie würde zu ihrem Wesen stehen und unschuldig-wehrlos zwischen all ihren Spöttern hindurchgehen und mit jedem Spott nur immer schöner werden, weil sie sich nicht wehrt ... und der Spott ihr dennoch nichts anhaben kann.
Und im Märchen stirbt Schneewittchen fast, weil sie sich nicht mal gegen einen vergifteten Apfel wehren kann. In der Wirklichkeit aber sterben alle Seelen, die Schneewittchen verspotten, denn sie sind eigentlich schon tot – sie alle, die die Unschuld verweigern. Denn ohne Unschuld kann man nicht wahrhaft lieben. Und nur wenn man wahrhaft lieben kann, lebt man eigentlich noch... Die anderen ersticken an ihrer Coolheit. Das ist der vergiftete Apfel in der Wirklichkeit. Nur dass er nicht dem Schneewittchen gegeben wird, sondern allen, die es verspotten... Und wie am Ende die Hexe stirbt – eigentlich ist es ja die böse Königin, die verkleidete Stiefmutter –, so sterben auch all jene, die die Coolheit in sich kultivieren und das Schneewittchen in sich töten, die Unschuld.
Du musst nicht wie Schneewittchen sein, Sophia – aber du kannst dich ihm verwandt fühlen. Und du kannst es beschützen wollen. Das bedeutet nicht, ebenso zu sein. Es bedeutet nur, die gleichen Kräfte in sich zu schützen – und auch unter jedem Spott zu leiden, der das noch unschuldigere Schneewittchen trifft...“
„Jetzt schäme ich mich auf einmal, dass ich so schlecht über Schneewittchen gedacht habe...“
„Das war eben unsere Zeit, Sophia. Es ist unsere Zeit, die so von ihm denkt – und was sollst du tun, wenn du nur das aufnehmen konntest, die allgemeine Verachtung ... die auch dich trifft, sobald du dich mit Schneewittchen solidarisierst...“
„Aber dann war ich ja richtig gemein...“
„Du warst gar nichts, Sophie... Für dich war Schneewittchen nur eine Märchenfigur. Erst jetzt wird es für dich überhaupt realer.“
„Trotzdem schäme ich mich.“
„Das ist unschuldige Aufrichtigkeit...“
„Jetzt empfinde ich sie fast wie eine Schwester...“
„Sie ist auch deine Schwester, Sophia...“
Die für einen Mann unfassbare Liebe eines Mädchens (S. 327-330)
Sie sah ihn fast mit einer Art leisen Wehmut an.
„Weißt du, dass du so ein wunderbarer Mensch bist, Michael?“
„Du lässt es mich sein, Sophie...“
„Ich verstehe nicht, wieso du nie wieder eine Freundin gefunden hast...“
Er senkte den Kopf.
„Vielleicht ... war es mein ... glückliches Schicksal ... nach der Trennung vierzehn Jahre allein bleiben zu können ... um dann dem unglaublichen Engel zu begegnen ... der mein Herz für immer verwunden würde ... und sie lieben zu dürfen ... für wie lange auch immer...“
Ihr Blick konnte sich von dem seinen nicht lösen.
„Du bist so verrückt, Michael... Ich verstehe das nicht...“
„Ich bin nicht verrückt, Sophie. Du bist verrückt. Frag mal die Welt. Ich bin nicht verrückt. Frag den Spiegel. Wer ist die Schönste im ganzen Land... Ich verstehe nicht, wie du dich in mich verlieben konntest...“
Sie wurde zart unsicher.
„Aber ... du hast mich ins Wasser gezogen...“
„Ja... Das Wasser ist dein Element... Aber die Hingabe und all das ... muss sich ja nicht auf mich richten... Du könntest ja einfach losschwimmen und ... mich vergessen...“
Nun sah sie ihn fast betroffen an.
„Denkst du das?“
Er senkte den Kopf.
„Ich denke nur immer wieder, dass ich es nicht verdiene... Dass es jeder andere mehr verdient als ich hässlicher, alter, fünfzigjähriger – –“
Auch sie senkte ihren Kopf.
Dann sah sie ihn wieder an, offen, fast mit einem zarten Feuer.
„Wer beurteilt das, Michael? Ganz ehrlich – wer beurteilt das...?“
Hilflos erwiderte er ihren Blick, hilflos liebend...
„Du, Sophia...“
Ihre Augen schienen feucht zu werden.
„Na siehst du...“, brachte sie mit leicht belegter Stimme hervor. „Und ... und wo ist jetzt dein Problem...?“
Er musste plötzlich weinen.
„Ich weiß nicht!“, schluchzte er. „Sophie... Ich liebe dich einfach so...!“
Er hatte seinen Kopf in seinen Händen bergen müssen.
Bestürzt richtet sie sich auf und nahm ihn unmittelbar in ihre Arme – und er schluchzte in ihre zarte Schulterbeuge...
„Michael...“, hörte er ihre Stimme. „Jetzt wein’ doch nicht...“
Aber er konnte nicht aufhören.
„Es ist doch alles gut – ich liebe dich doch auch...!“
Er schluchzte weiter ... vor namenlosem Glück, vor Hilflosigkeit, vor Dankbarkeit, vor Unverdientheit...
„Jetzt musst du aber aufhören...“
Und er schaffte es.
Als er sie ansah, fing er kurz einen unbeschreiblichen Ausdruck ihrer Augen auf. Es war wie eine grenzenlose Frage, nein ein unendliches Erstaunen, ein Schicksalsabgrund... Vielleicht war es die Frage ihres tiefsten Wesens an sich selbst, wie weit dies gehen würde ... wie weit sie gehen würde...
Sie saß ihm noch immer gegenüber, sah ihn noch immer sorgenvoll an.
„Es ist wieder gut, Sophie...“, flüsterte er zärtlich.
„Ich liebe dich, Michael...“, flüsterte sie, wie eine Bestätigung.
Er wusste nicht, was er erwidern sollte, wollte fast wieder den Kopf senken.
„Hörst du?“, wisperte sie. „Ich liebe dich... Ja...?“
Er fühlte sich wie ein kleines Kind, dem ein liebender Engel Mut zusprach. Wie aus der Ferne erinnerte er sich, dass doch eigentlich er heute vom Mut hatte sprechen wollen. Geradezu demütig erkannte er, dass die Engel selbst die gesamte Situation völlig umgekehrt hatten...
„Wir sind umgeben von Wunder, Sophie...“, stammelte er, für sie sicherlich fast zusammenhangslos, „und ich ... ich kann es nur zulassen... Dass ... dass du mich liebst, es ... übersteigt meinen Verstand...“
Sie lächelte.
„Wie war nochmal dein IQ?“
Wehmütig lächelte auch er über ihren zauberisch-abrupten Sturzflug in die scheinbar profane Sphäre des leichten Humors – aber auch hier war sie eine so berückend schöne Zauberin.
„Mein IQ ist normal...“, erwiderte er, noch immer ergriffen. „Du bist es, die alles übersteigt...“
„Miss Himalaya“, lächelte sie.
„So ungefähr...“
„Okay, Michael, aber dann ... passen wir ja ganz gut zusammen, denn ... du übersteigst auch alles, was ich bisher so kenne. Ich meine, das ... ist mit fünfzig auch zu erwarten. Aber leider ... bist du weit und breit der Einzige, verstehst du? Also – –“
Ihr zärtlicher Humor war so berührend. Sie war so unendlich zauberhaft. Sie war ein absolutes Geschenk, weil sie schenkte – weil sie fortwährend sich schenkte. Und er war jenes glückliche Wesen, dem sie dies alles schenkte...
Noch immer sah sie ihn an.
„Und ich“, fuhr sie nun fort, „verstehst du – ich! Ich verstehe nicht ... wie ich einfach nur ... ,schön’ sein muss, ja, gut, meinetwegen auch ,innerlich’ ... und all dies geschenkt bekomme ... von dir, verstehst du? Von dir! Ich bin hier einfach nur so, so, wie ich bin, komme jeden Samstag hierher – einfach nur so, bin so ... und bekomme all dies geschenkt! Verstehst du? Geschenkt! Von dir! Weil du mich liebst! Bekomme ich alles geschenkt – so viel... Ich habe noch nie so viel geschenkt bekommen... Ich frage mich, ob ich vorher überhaupt schon etwas geschenkt bekommen habe... Durch dich verstehe ich, dass es vorher nichts war ... und dass erst jetzt ... durch dich... Kurz und gut – – du sagst, es ist keine Kunst, mich zu lieben. Okay, dann ist es eben keine Kunst. Aber ... beschenkt werde trotzdem ich, verstehst du? Ich weiß, du fühlst dich beschenkt. Aber ich bin ja einfach nur da... Und du beschenkst mich...“
Jetzt war er völlig sprachlos.
Wenn dies ihr Erleben war – –.
Es war alles fortwährend spiegelverkehrt. Es entsprach einander völlig. Es war, solange sie ihn lieben würde, die unendliche Harmonie.
Es war die Vollkommenheit.
Sophia...
„Kannst du...“, fragte sie nun zärtlich neckend, „zur Abwechslung auch mal wieder was sagen?“
Er war dennoch – oder gerade deshalb zutiefst hilflos. Er konnte ihr ergreifendes Spiel zwischen Leichte und Tiefe nicht mitmachen, schaffte es nicht, sie war hier wirklich eine Zauberin.
„Du bist mein Wunder, Sophia...“, brachte er hervor.
„Ich weiß... Aber du bist auch mein Wunder. Und das verstehst du immer wieder nicht so ganz...“
„Nein“, lächelte er. „Das verstehe ich nicht so ganz...“
„Weil du schon fünfzig bist...“
„Ja.“
„Da kann das Verstehen schon mal einrosten...“
Jetzt musste er wirklich lachen ... und war befreit.
„Ja... Das wird es wohl sein...“
Sie lächelte.
„Schön, dass du es einsiehst.“
Mut zum seelenvollen Mädchen-Sein (S. 331-334)
„Wenn einem der Mut fehlt...“, begann er tastend. „Außer bei Liebenden, ich meine, sonst... Wenn einem der Mut fehlt ... kommt es erst einmal auch wieder darauf an, mit seiner Seele in Verbindung zu bleiben...“
Sie hörte ihm wieder hingebungsvoll zu – vielleicht mit umso größerer Hingabe, um ihm ihre Liebe zu beweisen, und auch dies berührte ihn wieder wie ein Geschenk, das alle Grenzen sprengte. Er streichelte ihr Haar, aber es war sie, die ihn beschenkte...
„Nur auf diese Verbindung kommt es an. Denn in der wirklichen Seele lebt die Wirklichkeit. Lebt das Wissen, das lebendige, wirkliche Wissen über Wesentlich und Unwesentlich. Nur in dieser Verbindung fühlt die Seele unmittelbar, was ihr langfristig das Wichtigste sein wird. Und dann kann sie vor schwierigen Entscheidungen stehen – denn ihr gegenwärtiges Leben kann dem sehr widersprechen. Wie kann sie das, was sie in sich trägt, und was ihr das Wesentliche ist – und sie muss damit in Verbindung bleiben! –, wie kann sie das mit ihrem äußeren Leben, das sie ja führen muss, vereinen, in Übereinstimmung bringen? Wie kann sie mit ihrem tiefsten Wesen wahrhaftig bleiben und eben dieses ihr Wesen auch nach außen offenbaren, ohne dass es mit der übrigen Welt kollidiert – oder aber, wie kann sie es ertragen, dass es kollidiert und ... sich zum Beispiel Freunde von ihr abwenden...?“
Eine kurze Stille unterstrich die tiefe Bedeutung des Gesagten.
„Vielleicht...“, setzte er dann wieder an, „kann die Seele ja auch alles miteinander vereinen. Vielleicht ist es für sie ja gerade stimmig, in mehreren Welten gleichzeitig zu leben. Aber letztlich ist dies dann nicht wahr, wenn sie doch fortwährend das Gefühl hat, dass sie vieles von dem, was ihr wirklich wesentlich geworden ist, in einem Teil ihres Lebens fortwährend verleugnen und verstecken muss, nur weil andere Menschen damit nichts anfangen können und wollen, es sogar ablehnen oder gar verspotten würden. Aber allein schon das Erleben, dass es diesen anderen Menschen gleichgültig ist, ist diese Kollision...“
Wieder war die kurze Pause schmerzlich genug.
„Und vielleicht ist dies das Beste, was passieren kann, Sophie. Oft lösen sich die Fragen im Leben selbst, schmerzlich, weil jede Disharmonie, jede Trennung, jede Veränderung dieser Art schmerzlich ist. Aber eben allein schon dieses Erleben, dass das, was der eigenen Seele tief kostbar und wesentlich geworden ist, anderen Menschen gleichgültig bleibt – und man mit ihnen nicht einmal darüber sprechen kann, jedenfalls nicht das Gefühl erleben darf, verstanden zu werden ... das führt dazu, dass man ... sich letztlich auch selbst von diesen Menschen absondert, in einem schleichenden Prozess. Nicht sie ,ent-freunden’ sich dann, sondern man selbst, weil man sich mehr und mehr von ihnen entfremdet fühlt und dies die Wahrheit ist. Sie werden einem fremd, weil anderes einem näher und näher gerückt ist. Kostbar geworden ist, während sie dieselben geblieben sind, stehengeblieben sind, während man selbst weitergegangen ist. In die Welt des Kostbaren hinein... gegenüber den alten Freunden muss man es verstecken. Aber irgendwann will man es nicht mehr verstecken. Aber meist schon lange vorher fühlt man sich diesen alten, stehenbleibenden Freunden mehr und mehr entfremdet ... und dann löst sich die Frage so, Sophie. Wenn du sie sehr magst und wenn ... du auch die alte Welt noch sehr magst, die Musik, die Gespräche, das Zusammensein ... kann das eine lange Weile dauern, aber du bist ja noch jung. Was sind da schon einige Jahre, verstehst du? Man kann die Spannung, die Spaltung, die Unterschiede, die innere Verwandlung eine ganze Zeit lang aushalten, bis sie allmählich offenbar wird... Also letztlich braucht man auf diese Weise zunächst nicht einmal Mut ... sondern allein nur den Mut, seinem eigenen Weg einfach immer weiter zu folgen und darauf zu warten, dass die Widersprüche so deutlich werden, dass auch das andere eintritt, diese allmähliche Entfremdung... Die aber eigentlich fortwährend eintritt, nur bemerkt man sie zuerst noch nicht. Aber eigentlich bemerkt man den aufkommenden Widerspruch ja von Anfang an – nur ist er am Anfang noch gut aushaltbar. Man versteckt sein Eigenes, schämt sich dafür auch ein bisschen, aber man will diese andere Welt ja auch behalten. Und erst nach und nach wird es schmerzlicher... Fragt man sich mehr und immer mehr, warum man dies alles, was ja seinerseits immer weiter zunimmt, eigentlich ständig verstecken muss und wieso es den anderen so gleichgültig bleibt, was einem selbst immer kostbarer wird und einen immer mehr ausmacht...“
Sie schwiegen eine ganze Zeit, nicht nur sie nachdenklich, nachsinnend, sondern auch er.
„Du brauchst die Frage jetzt nicht zu lösen, Sophie“, sagte er schließlich. „Du brauchst dich auch vor mir nicht eine Sekunde lang zu schämen. Du kannst die Frage auf deine Weise lösen, wenn es an der Zeit ist. Jede Lösung ist richtig, wenn es deiner Seele damit gut geht...“
Nachdenklich schwieg sie noch immer, hörte nur innig zu.
„Aber, der Punkt ist, wenn das Bisherige fremd wird, hat man ja nur das Gefühl, vor dem Nichts zu stehen. Doch in Wirklichkeit rückt ja in demselben Maße eine neue Welt immer näher. Das gilt ja auch für die Umgebung, für die Menschen, Sophia. In dem Maße, wo sich deine Freunde von dir zurückziehen oder, mehr noch, du dich von ihnen, wirst du ja auch offen gegenüber neuen Menschen, die dich verstehen werden, wie du dann bist. Du wirst immer den Menschen begegnen und dich ihnen verbunden fühlen, die dich so verstehen, wie du dann bist...“
„Aber man muss sie ja erstmal kennenlernen.“
„Das wirst du ja!“
„Aber hast du nicht gesagt, du bist auch einsam?“
„Ja, ich... Ich habe mich ja auch generell zurückgezogen, weil so wenige Menschen mein Ideal von Begegnung erfüllt haben...“
„Kann das mir nicht auch passieren?“
„Das liegt ja bei dir. Du musst dich ja nicht zurückziehen. Außerdem bist du so schön, dass du immer Menschen um dich haben wirst, wenn du es nur willst. Ja, die Menschen, die die Tiefe der Seele suchen, sind viel seltener als die anderen – aber es gibt sie, und du wirst sie finden. Und du hast eine Begabung der Begegnung, des Humors, der Tiefe, du hast so viele Begabungen. Du wirst nie einsam sein, wenn du es nicht willst, Sophie...“
Sie schwieg nachdenklich.
„Zum Mut sind wir jetzt noch gar nicht gekommen...“, sagte er dann.
„Können wir das noch tun?“
„Okay.“
Er streichelte wieder ihr Haar. Tauchte in ihre Frage ein, in ihr Bedürfnis, soweit er es zu spüren vermeinte – und die Liebe spürte ja immer sehr viel, war verbunden mit Wahrheit und Wirklichkeit...
„Mut ist, sich nicht zu verstecken, vor allem... Wir hatten ja schon über die grünen Haare und so gesprochen. Aber das ist heute immer weniger Mut. Mut braucht es gerade da, wo etwas nicht anerkannt ist, und das betrifft heute gerade die Seele. Die Welt lebt im Äußerlichen, hier kann sich jeder ,produzieren’, ,hervortun’ und so weiter, aber sobald es in vollem Ernst um die Seele geht, merkst du die Reserviertheit, die Distanz, die Menschen haben auch Angst vor dem Thema, weil sie spüren, hier würde es ernst, hier müsste ich mich innerlich verändern, und das will ich nicht. Also machen sie zu. ,Seele? Lass doch den Quatsch, lass uns einfach bleiben, wie wir sind... Bleib mal locker...’ Verstehst du? So läuft das. Die Menschen wollen das nicht. Innere Entwicklung ist den meisten Seelen, die sich selbst verleugnen, vergessen, ganz nach außen gewendet haben und so weiter, einfach zu anstrengend. Sie wollen bleiben dürfen, wie sie sind – und sie bewegen sich nicht.
Deswegen das Desinteresse. Es ist Verweigerung. Dazu gehört dann auch der Spott oder die Überheblichkeit: ,Seelenquatsch, brauchen wir nicht. Psychoklempner oder Esoterik-Mist. Verschon uns damit! ,Tiefe’? Marianengraben, oder was? Hingabe? Schnee von gestern. Unschuld? Wohl zu viel ,Schneewittchen’ gelesen, wie?’ Und so geht es immer weiter... Der Spott ist der beste Schutz der stehenbleibenden Seele vor auftauchenden inneren Fragen. Denn im tiefsten Inneren spürt wahrscheinlich jede Seele, dass sie ihre eigene heilige Tendenz zur inneren Entwicklung verleugnet und verrät – aber um diese Tatsache nicht spüren zu müssen, muss sie es schlechtmachen.
Es ist dasselbe Prinzip wie beim Fremdenhass – es ist Angst. Nur dass die heilige innere Entwicklung der Seele gar nicht fremd ist, es ist ihr Innerstes – aber es ist ihr fremd geworden, völlig fremd... Und so hasst sie es, aus Angst. Es ist eigentlich nichts als Angst vor dem eigensten innersten Wesen. Eigentlich eine Tragik. Und wenn man das weiß, braucht man eigentlich wiederum fast gar keinen Mut mehr – denn man versteht die Zusammenhänge, verstehst du? Es richtet sich nicht gegen dich, nur scheinbar. In Wirklichkeit kämpfen die Menschen gegen ihre eigene innerste Seele... Es ist nur Projektion. Sie bekämpfen oder verspotten dich, weil du offenbarst, was möglich wäre, was sein sollte... Sie bekämpfen dich, weil sie Angst vor ihrer eigenen Courage haben. Du brauchst Mut, weil sie keinen haben...“
Zu alt, um von einem Mädchen noch geliebt zu werden? (S. 335-338)
Nach einer längeren Pause, in der sie schwiegen, fasste er den Mut... Er stellte die Frage, die ihn doch immer wieder beschäftigte.
„Sophia?“
„Ja?“
„Darf ich ... etwas fragen?“
„Ja...?“, erwiderte sie erstaunt, weil sie spürte, dass es ernst war.
„Also...“, begann er zögernd, „trotzdem ... ich meine ... wie machst du das... Also – – verstehst du ... mit meinem Alter und so? Mit diesen fünfzig Jahren ... wie machst du das?“
„Was denn?“, fragte sie zögernd.
„Mich zu lieben...“, sagte er hilflos. „Wie kannst du das...“
„Du wolltest doch nicht mehr zweifeln.“
„Aber ich will es verstehen... Wie du es kannst...“
„Ich mag jedenfalls keinen Babyspeck...“, erwiderte sie ausweichend.
„Aber ernsthaft, Sophie...“, sagte er leise.
Sie richtete sich wieder auf, um ihn ansehen zu können.
„Michael... Du siehst jedenfalls nicht aus wie fünfzig...“
„Wie denn...?“
„Weiß ich doch nicht... Ich bin darin sowieso schlecht... Wie fünfundvierzig? Wie vierzig... Weiß nicht...“
„Und das reicht dir...?“
„Für was?“
„Um mich zu lieben? Wie ... wie machst du das, wenn wir ... miteinander schlafen...“
„Was willst du denn jetzt hören, Michael, ich verstehe dich nicht – –“
Es tat ihm so leid, dass sie sich in die Enge getrieben fühlte.
„Dass du es schön findest, Sophia ... wie machst du das“, fragte er hilflos. „Wo ich in meinem Körper schon so alt bin... Und überhaupt viel hässlicher im Vergleich mit ... wem auch immer ... in deinem Alter...“
„Geht das wieder los?“, fragte sie hilflos.
„Es übersteigt mein Verstehen, Sophia...“, gestand er ohnmächtig. „Bitte sag etwas... Bitte erklär es mir ein bisschen...“
„Dein Körper ist gut genug, Michael.“
Er senkte den Kopf.
„Es geht nicht um deinen Körper.“
„Überwältigt er dich nicht? Du bist so ... verletzlich mit deinen sechzehn Jahren, mit deiner ... zarten Gestalt...“
„So zart bin ich auch nicht...“
„Trotzdem... Mein Körper ist ja nicht der eines Gleichaltrigen...“
„Aber es ist kein Problem, Michael.“
„Aber warum nicht, Sophie...“
„Willst du es wirklich wissen?“, fragte sie, in die Enge getrieben.
„Ja...“, bat er sie hilflos.
Sie sah ihn einige Momente lang an, und er erwiderte ihren Blick hilflos und beschämt.
„Du bist“, sagte sie dann geradezu innig, „so vorsichtig... So zärtlich ... aber nicht einfach nur zärtlich... So unendlich vorsichtig... Geradezu ... ängstlich...“
„Scheu?“
„Ja, scheu... Das ... ist für mich immer wieder so wunderschön... Das. Verstehst du? Vielleicht ist es, weil du dich schämst. Aber ich glaube, es hat damit höchstens teilweise zu tun. Du bist so, Michael... Und das ist viel wichtiger als die Frage, wie alt dein Körper ist. Das wurde mir auch erst völlig klar, als ich es erlebte... Dein Körper ist alt, ja. Sagen wir, vierzig... Aber er ist so scheu wie du... Und schon dafür liebe ich ihn. Was soll ich mit einem Gleichaltrigen, der das nicht kennt?“
„Hast du auch Mitleid?“, fragte er, aus einer scheuen Intuition heraus, die im Eintauchen in ihre Worte ebenfalls aufstieg.
„Mitleid? Was meinst du?“
„Im besten Sinne, meine ich... Irgendwann sagte ich dir, ich will kein bloßes Mitleid, da meinte ich es im schlechten Sinne. Jetzt meine ich es im besten Sinne. Hast du auch Mitleid?“
„Ich habe total viel Mitleid mit ... diesem Mann, der sich immer wieder fragt, wie das sein kann. Aber – ich kann Mitleid und Liebe auch ganz schlecht unterscheiden... Aber keinesfalls ist es nur Mitleid, wirklich absolut nicht...“
„Du bist“, flüsterte er wieder fast nur, „für mich so ein Wunder, Sophie...“
„Und du bist wunderschön... Weißt du das? In deiner zarten Scheu, in deiner Unschuld... Wenn ... wenn das auch bei Männern ginge, wärst du unter ihnen das Schneewittchen...“
Er senkte den Kopf.
„Schämst du dich?“
„Nein. Ich nehme es nur demütig hin. Dass das für dich so schön ist...“
„Es ist schön, Michael. Glaub nicht, dass ein sechzehnjähriges Mädchen das nicht schön finden kann. Ich habe mir viele Gedanken gemacht. Zu dem, was meine Eltern sagen, meine Freundin gesagt hat und so weiter. Sie haben alle sowas von keine Ahnung! Sie wissen gar nicht, wie wunderschön es sein kann, wenn ein fünfzigjähriger Mann scheu über ein sechzehnjähriges Mädchen herfällt... Das war ein Witz, Michael! Sie wissen es einfach nicht. Und ich werde ihnen von dieser Scheu auch nie etwas erzählen. Das ist mir nämlich heilig...“
Jetzt war er endgültig erschüttert. Jetzt ahnte er etwas von der Tiefe ihrer Empfindungen. Und sei es, dass sie nur tief berührt war von der Scheu, die er, auch aufgrund seines Alters, vor ihr und ihrem Körper empfand. Sie war tief berührt. Und es war ihr heilig, es war ihr absolut kostbar. Es erschütterte ihn... Ihre Liebe war nicht nur ein Wunder. Sie hatte auch Gründe...
„Willst du auch noch Details? Michael? Um es mir wirklich zu glauben? Kann ich machen... Wenn du mich streichelst...“, sagte sie innig, „so vorsichtig und fast langsam, so zärtlich... Wenn du mich so streichelst ... ist das so unbeschreiblich... Und ich frage mich, nein dich: Wer würde das so machen? Niemand! Nur du... Wirklich. Kannst du dir da nicht vorstellen, dass es mir fast egal ist, wie alt dein Körper ist? Ich meine, er könnte auch wie fünfzig aussehen – was er nicht tut –, es wäre noch immer nicht schlimm, wenn alles andere genauso wäre... So jetzt höre ich aber auf. Noch mehr Details sind selbst mir zu peinlich...“
Er war so hilflos... Wie konnte ein Mädchen einen so glücklich machen. So hilflos glücklich, so unverdient...
„Bist du jetzt zufrieden?“, fragte sie in spielerischer Strenge. „Kann ich mich jetzt wieder ankuscheln?“
Er nickte nur demütig.
„Michael...“, sagte sie zärtlich. „Wirklich...? Ist es jetzt wieder gut...?“
Er sah sie hilflos an. Sie begriff seinen Gefühlszustand gar nicht...
„Du bist einfach nur ein ununterbrochenes Wunder, Sophie...“
„Dann ist ja gut...“, lächelte sie und kuschelte sich zufrieden wieder bei ihm ein...
Er konnte überhaupt nicht mehr sprechen...
Über die Scheu (S. 341-348)
„Über die Scheu willst du heute reden?“, fragte sie fast entgeistert. „Habe ich dich da auf ein Thema gebracht? Willst du, dass ich auch scheu werde? Ein neuer Versuch, aus mir ein Schneewittchen zu machen?“
Er musste fast lachen über ihren süßen Ausbruch, der keinesfalls nur humorvoll gemeint war.
Sie standen sogar noch immer erst im Flur.
„Nein, Sophia. Und du wirst schon sehen. Aber es ist, wie ich immer gesagt habe. Du nimmst an, was du möchtest. Ich liebe dich sowieso.“
„Na, dann ist ja gut, dann muss ich ja keine Angst haben. Aber mit Miss Mut habe ich die ja sowieso nicht...“
„Und wie geht es dir mit ihren anderen Schwestern?“
„Oh, ich bin sehr unschuldig und voller Hingabe, jedenfalls bei dir. Gab es noch etwas? Habe ich etwas vergessen? Ich wollte mich doch nicht mehr schämen...“
„Du hast vergessen“, lächelte er, „dass auch die Scham unschuldig ist.“
„Bestimmt muss ich mich ja auch irgendwo wieder schämen. Dann tue ich es auch...“, lächelte sie.
Er war fast verwirrt über ihren Überausbruch von Humor, der für sein zart erschrockenes Empfinden fast schon an Oberflächlichkeit zu grenzen begann.
„Und ernst...?“, fragte er leise. „Wie geht es dir wirklich, Sophia? Außer bei mir...?“
„Kann ich erst mal ins Wohnzimmer und so...?“
„Ja, natürlich...“
Wieder stieg eine akute Angst in ihm auf, dass es sehr schnell alles normal werden könnte für sie, vielleicht schon mitten auf dem Wege war. Vielleicht war die Scheu gerade die einzige Rettung davor. Er war so froh, dass sie es das letzte Mal in Bezug auf ihn erwähnt hatte und er dadurch auf die Idee gekommen war, heute darüber zu sprechen.
*
Als sie sich bei ihm eingekuschelt hatte, suchte er nach dem richtigen Beginn. Schließlich sagte er:
„Die Scheu ist auch ein Schlüssel, Sophia... Sie ist etwas Heiliges ... und vielleicht ist sie gerade deshalb auch dir heilig. Wie du letztes Mal gesagt hast, weißt du noch...?“
„Ja...“
Ihre Antwort kam still und aufrichtig, und eine heilige Sorge fiel ihm regelrecht vom Herzen und er war so unendlich dankbar...
„Wenn nun ... einer Seele etwas heilig ist, dann hat auch sie eigentlich bereits die Scheu, weil ... ohne Scheu einem nichts heilig sein kann. Du merkst, wir sind gleichzeitig eigentlich auch schon bei ,Miss Heilig’, und du siehst, du brauchst keine Angst davor zu haben. Wenn dir meine Scheu heilig ist, dann spürt auch deine Seele nicht nur das unendlich Schöne daran, sondern auch die Ehrfurcht, mich nicht zu beschämen, indem du ... vielleicht etwas tun könntest, wodurch ich mich schäme, verstehst du? Du spürst, dass meine Scheu ganz und gar offenbart, dass du mir heilig bist ... und deine Seele reagiert darauf, indem sie meine Scheu heilig genug behandelt. Es ist eigentlich eine grenzenlose Rücksichtnahme auch deinerseits, geht vielleicht auch nahtlos über in das, was du als Mitleid beschrieben hast. Du hast vor meiner aufrichtigen Scheu Ehrfurcht, tiefste Achtung, würdest sie nie verletzen ... und das alles ist eigentlich bereits ebenfalls Scheu. Ehrfurcht im Sinne tiefer Achtung. Scheu im Sinne einer anderen, heiligeren Stimmung und Haltung der Seele...“
Sie hörte aufrichtig zu.
„Es macht nichts, wenn du es nicht so ganz verstehen solltest, Sophie. Es reichen die Nuancen. Das Spüren der Richtung... Oder verstehst du es sogar völlig...?“
„Doch... Ich glaube schon...“
„Okay... Und siehst du – dieses Wort ,Scheu’ ist schon als Wort altmodisch geworden, und als Realität der Seele noch viel altmodischer – es wird heute genauso belächelt oder gar verlacht wie ,Unschuld’, ja sogar mehr noch! Früher war es die Scheu des Mädchen vor dem nur ein paar Jahre älteren Mann, gleichzeitig ein weiteres Ideal des Patriarchats, aber in der Seele der entsprechenden Mädchen war es ergreifend aufrichtig! Sagen wir, das zitternde Herz, wenn der Mann sie zum ersten Mal küsst...“
„Hättest du das auch gern ... gehabt?“
„Das gibt es heute nicht mehr, Sophia. Wahrscheinlich wäre es wunderschön gewesen, aber die reale Sophia ist mindestens genauso schön! Allein schon, weil sie nicht schüchtern ist und sich trotzdem schenkt. Gleichzeitig aber so unglaublich aufrichtig und in ihrer Hingabe nicht weniger unschuldig als das scheue Mädchen oder auch Schneewittchen. Aber sie schenkt sich natürlich nur, weil der Mann genauso hingebungsvoll ist...“
„Ich wollte gerade sagen...“
„Und ich, Sophia, wollte eigentlich ja nur erwähnen, dass die Scheu heute absolut einseitig verstanden wird, nämlich in dieser Weise: scheues Mädchen vor dem ersten Kuss, so ungefähr. Aber sie ist so unendlich viel mehr!“
„Und was ist sie?“
„Bleiben wir noch einmal bei diesem scheuen Mädchen, denn hier kann man es so sehr spüren. Dieses Mädchen wäre ja nicht nur gegenüber dem ersten Kuss scheu gewesen, sondern wäre es auch sonst. Mit einer ganz ähnlichen heiligen Scheu hätte sie zum Beispiel täglich ihr Abendgebet zu Gott gebetet. Scheu und allertiefste Aufrichtigkeit gehen hier unmittelbar ineinander über. Scheu ist teilweise geradezu alles zugleich: Aufrichtigkeit, Unschuld, Hingabe. Es ist im Grunde die reine Seele, die sich scheu etwas anderem zuwendet. Fast noch eine Steigerung von Schneewittchen...“
„Mit Schneewittchen hast du es aber auch...“, lächelte sie.
„Schneewittchen ist einfach ein sehr gutes Beispiel, ein Urbild. Ein Urbild für die reine Seele.“
„Ich dachte, es gibt noch eine Steigerung?“
„Ja, Schneewittchen hat sozusagen die reine Seele, die tief gutherzige Seele, aber das muss ja nicht bedeuten, dass es scheu ist. Es muss nicht einmal fromm sein. Es hat einfach ein tief gutes Herz, ist äußerlich und innerlich wunderschön, aber Scheu ist noch einmal anders...“
„Und wozu braucht man das?“
„Zum Beispiel, um über ein sechzehnjähriges Mädchen nicht herzufallen...“
„Ach so!“, lachte sie. „Ja, stimmt...“
„Aber ganz im Ernst, Sophia. Wie ich sagte: Ohne die Scheu gibt es nichts Heiliges. Wo die Seele etwas Heiliges empfindet, ist die Scheu von selbst da, es ist die Haltung gegenüber etwas ihr Heiligem oder auch ganz objektiv Heiligem. Wo die Seelen keine Scheu mehr kennen, ist ihnen nichts mehr heilig...“
„Aber ich kenne die Scheu ja auch nicht...“
„Man muss sie nicht bewusst kennen. Es reicht, wenn die Seele sie kennt und empfindet. Und ich beschrieb es dir ja... Deine Seele reagierte auf meine Scheu ebenfalls mit zarter Ehrfurcht vor dieser verletzlichen Scheu meinerseits. Die Scheu hat viele Gestalten. Gemeinsam ist ihnen eine heilige Vorsicht, vielleicht kann man auch sagen eine heilige Zartheit...“
„Gut, das verstehe ich dann!“
„Also Zartheit als Ehrfurcht vor dem, was man nicht in gewöhnlicher Weise behandeln will – was man ernster, heiliger nimmt als sonst alles. Dem man sich scheuer nähert, über das man scheuer empfindet, zarter einfach. Bei dem scheuen Mädchen vor dem ersten Kuss war es wirklich auch Furcht – bei weitem nicht nur, aber auch –, aber es muss nicht das Geringste mit Furcht zu tun haben, um dennoch im besten Sinne Ehrfurcht zu sein. Ehrfurcht vor dem, was die Seele in den Zustand des Besonderen hebt...“
„Miss Besonders...“
„Ja, du siehst, wie innig sie alle miteinander zu tun haben. Besonders ist auch schon das, was man unschuldig empfindet; das, dem man sich mit Hingabe zuwendet. Aber die Scheu, die Ehrfurcht, steigert dies noch einmal. Für sie wird das, dem sie sich scheu zuwendet, sogar heilig. Auch das Heilige hat ja viele Nuancen. Aber mit jeder Scheu haben sie zu tun. Ich sammle mal einige Beispiele, ja?“
„Da wäre ich sehr froh...“
„Man kann sich zum Beispiel scheu einer Blume nähern.“
„Wie das?!“
„Versuch es doch einmal zu spüren...“
Sie schwieg einige Momente.
„Scheu...“, sagte sie dann halbwegs hilflos. „Ehrfurcht...? Heiliges?“
„Sagen wir zunächst besonders. Ich meine, es beginnt ja schon bei der Vorsicht, sie nicht zu zertrampeln. Aber Scheu ist eigentlich fast schon alles, vom Übergang her, was nicht mit der Haltung ,Hoppla-hier-komm-ich’ angetrampelt kommt. Sobald man sich selbst nicht für den Mittelpunkt des Universums hält und auch sonst nicht ganz den platt gewöhnlichen Standpunkt einnimmt, ist die Scheu gar nicht weit...“
„Also du meinst Respekt und so was?“
„Ja – und dann noch einen Schritt weiter...“
„Aber wie geht man den jetzt gegenüber einer Blume?“
„Wenn man es zunächst nicht anders kann, kann man ihn so gehen wie ein Als-ob. Man kennt die Ehrfurcht oder Scheu aus anderen Zusammenhängen, etwa vom Betreten einer Kirche, und nähert sich der Blume nun genauso...“
„Aber wenn man das mit der Kirche auch nicht kennt? Und warum sollte man sich der Blume so nähern?“
„Gut, aber irgendwoher muss man die Ehrfurcht kennen, sonst geht es ja nicht. Und man wird sie irgendwoher kennen. Du kennst sie jedenfalls jetzt. Du spürst die inneren Empfindungen, die die Seele hat, wenn sie diese tiefe Achtung, Scheu, Ehrfurcht empfindet, und um diese Haltung geht es.
Und warum man sich der Blume so nähern sollte? Entdecke es selbst! Wenn man es tut, wird man ja reale Erfahrungen machen. Aber ich sage es dir. Wenn man sich der Natur auf diese Weise nähert, wird sie eben auch in den Zustand eines heiligen Wunders gehoben. Indem man sich ihr scheu, behutsam, geradezu zärtlich nähert, aber eben auch mit Ehrfurcht ... wird der ganze Blick so anders, wie man es sich gar nicht vorstellen kann.
Denn das, dem man sich nähert, nimmt man auf einmal so grenzenlos ernst wie niemals zuvor. Denk dran, es ist ja eine fast religiöse Haltung – wenn man so sonst nur eine heilige Kirche betreten würde oder ganz, ganz wenigen anderen Dingen diese Scheu entgegenbringen würde. Jetzt nähert man sich so der Natur! Und man kann wirklich sagen, die Augen werden einem aufgetan... Man wird so unendlich viele Details entdecken, aber nicht nur das – auch die unendliche Schönheit von unendlich vielem. Alles, woran man bisher achtlos vorübergegangen ist, achtlos und ohne jede Liebe. Jetzt aber entdeckt man einen Kosmos von Schönheit...
Und ich erwähnte die Liebe. Sobald du dich mit Scheu einer Pflanze näherst, und sei es ein ganz armes Moos ... ist auch die Liebe nicht weit, fast schon anwesend. Denn sonst wendet man sich in Scheu ja nur dem geliebten anderen Wesen oder aber der göttlichen Welt zu – und jetzt also diesem Moos oder dieser Blume... Sie wird dadurch fast schon zu einer Schwester... Die heilige Scheu ist also auch der Schlüssel dafür, sich mit allem immer mehr verbunden zu fühlen...“
„Was ja schon religiös klingt...“
„Ja, gut, aber es geht jetzt nicht um billige Esoterik und Schlagworte, es geht um das einsame, eigene Erlebnis tief drinnen in der eigenen Seele. Ob die Blume für einen selbst so etwas wie ein geschwisterliches Geschöpf werden kann ... weil man ihre ganze berührende, verletzliche Schönheit sieht ... und man von da an überhaupt nicht mehr dazu fähig wäre, sie einfach achtlos umzuknicken oder künftig lieblos an ihr vorbeizugehen. Was man einmal wirklich gesehen hat, dem fühlt man sich von da an für immer irgendwie verbunden. Es ist nicht einfach nur ein Ding – es ist viel mehr...“
„Und wenn ich das nicht kann?“
Ihre Frage berührte ihn wieder sehr.
„Du kannst es, Sophie. Wieder ist es so: Wer, wenn nicht du. Du wirst es können. Vertrau mir. Und ich habe keinen Erwartungsdruck. Ich vertraue dir, weil ich es weiß. Vertrau dir selbst – keine Angst. Du wolltest keine Angst mehr haben. Die aufrichtige Scheu kann nur zu sehen beginnen...“
„Vielleicht gelingt mir das mit der Scheu ja nicht...“
„Auch das ist nur eine Frage des Mutes, Sophie. Du musst dich einfach trauen. Du musst dir einfach nur nicht ,komisch’ vorkommen, verstehst du? Dich nicht beobachtet fühlen von Gleichaltrigen oder wem auch immer. Trau dich diese Scheu einfach... Das ist das einzige Hindernis. Bei dir jedenfalls.“
„Bei mir? Und bei anderen?“
„Andere wollen es meist auch gar nicht. Warum nicht? Aus den gleichen Gründen wie bei der Hingabe. Sie wollen immer selbst ihr Mittelpunkt sein, sich selbst fühlen. Die Hingabe gibt sich dem anderen hin. Und die Scheu ist jetzt noch eine Steigerung. Wie gesagt empfindet die Seele etwas gleichsam heilig. Das ist für diese selbstbezogenen Seelen das Schlimmste überhaupt. Mit dieser heiligen Scheu erhebt man etwas ja fast über sich, jedenfalls ist Ehrfurcht etwas, was diese Seelen partout nicht können, weil sie sich weigern.
Denn Ehrfurcht hat immer auch mit der Fähigkeit der Demut zu tun – und Demut beginnt schon da, wo ich mich von mir wegwende und mich scheu etwas anderem nähere. Schon dieses aufrichtige Absehen von sich selbst ist diesen Seelen zu viel, eine Zumutung, verstehst du? Sie hassen die Scheu, weil sie damit nicht das Geringste anfangen können. Es würde ihren Selbstbezug zerstören – an dem sie aber klammern auf Teufel komm raus...“
„Okay, ich verstehe...“
„Das wiederum ist ein Schlüssel zum Verständnis unserer ganzen Zeit. Unsere ganze Zeit verweigert sich all diesen heiligen Seelenkräften, die wir – auch wieder mit einer gewissen Ehrfurcht! – seit langem alle ,Miss’ nennen. Diese Zeit verweigert sich diesen ganzen zarten, heiligen Empfindungen und Willensregungen: Unschuld, Hingabe, Scheu, Ehrfurcht... Sie verweigert sich einfach. Alles wäre mit Hingabe verbunden, aber die selbstbezogene Seele kann sich nicht aus ihrem Mittelpunkt herausbewegen. Allein schon weil es ,uncool’ wäre – und allein schon, weil sie Angst hätte, sich ja ach so sehr zu verlieren...! Was bei jedem albernen Rockkonzert mit seinen ekstatischen Ausrastern kein Problem zu sein scheint...“
„Jetzt bist du ja sarkastisch!“, sagte sie regelrecht erstaunt.
„Ja, aus einer aufrichtigen Abscheu gegenüber diesen Widersprüchen und dieser inneren Faulheit, aber auch, um es drastisch erlebbar zu machen...“
„Ist dir gelungen...“
Nach einem kurzen Schweigen sagte sie:
„Aber ... als ich mit diesen ,Miss’ anfing ... war das doch gar keine Ehrfurcht...“
Ihr leise beschämtes Geständnis rührte ihn wiederum.
„Das weiß ich ja... Du wolltest mich zart provozieren, weil gewisse Worte bei mir immer wieder auftauchten. Das ist doch überhaupt nicht schlimm, Sophie, im Gegenteil, es hat mich jedes Mal berührt – und du weißt doch, dass du mit einer unschuldigen Intuition gleichzeitig damit das Ganze ins Wesenhafte gehoben hast, weit über bloße Worte hinaus. Und dadurch bekam es von selbst mehr und mehr eine gewisse Scheu. Gerade vor bestimmten Misses, nicht wahr? Aber auch überhaupt. Wie bei der Natur. An irgendwelchem belanglosem Grünzeug kann man acht- und lieblos vorbeigehen. Irgendeinen albernen Begriff wie Unschuld kann man links liegen lassen. Wenn man aber regelmäßig von ,Miss Unschuld’ spricht, gewinnt das von selbst eine gewisse heilige Ehrfurcht, wie leise auch immer.“
„Du hast Recht...“
„Damit bin ich eigentlich auch schon fertig, Sophia... Das war heute die Scheu...“
„Du wolltest Beispiele sammeln – mehrere!“, protestierte sie fast betroffen.
Er lächelte.
„Weitere Beispiele kannst du jetzt doch fast selbst finden...“
„Ja, aber nur fast!“
Ihr zärtliches Beharren auf der Hingabe an seine Worte rührte ihn wiederum. Es war keineswegs einfach Faulheit – es war etwas sehr anderes.
„Also gut. Sagen wir andere Menschen. Man kann sich jedem Menschen mit einer gewissen Scheu nähern. Wissend, dass auch er ein Bruder, eine Schwester ist – oder dies in dem Moment dann spürend. Aber man kann dieses heilige Menschenbild schon in sich tragen – und dann wird die Begegnung auch dieses heilige Element der Scheu beinhalten, in diesem Falle zum Beispiel bedeutend, dass man nicht urteilt, dass man Ehrfurcht vor der Meinung des Anderen hat, vor seiner Sichtweise, überhaupt vor seinem Wesen...“
„Aber hast du das?“
„Das ist genau dieses Ideal von Begegnung, Sophia, dieses heilige, das ich schon erwähnte – und das immer wieder enttäuscht wird, weil es natürlich sehr einseitig bleibt... Aber ja, ich achte jede Meinung erst einmal mehr, als man meine Ansichten achtet... Ich fühle mich Menschen, denen ich begegne, auch in der Bahn einfach nur, in einer Art heiligen Sympathie verbunden ... und das zerbricht vor allem da, wo ich sehe, wie sie dann nur desinteressiert am Handy spielen und ich mir vorstellen muss, dass sie sich für die innere Entwicklung ihrer Seele einen Dreck interessieren...“
„Okay...“, sagte sie leise. „Mehr Beispiele brauchst du nicht sagen...“
Jetzt erinnerte er sich wieder an den Anfang. Der Schutz vor dem Gewöhnlichwerden...
„Sophie?“, erwiderte er leise.
„Ja?“
„Die ... die Scheu ist auch der heilige Schutz vor dem Gewöhnlichwerden jeder Begegnung überhaupt. Wenn man diese Haltung hat ... dann kann eine Begegnung nicht gewöhnlich werden. Sie bleibt in dem heiligen Zustand des Besonderen...“
„Okay...“
Ihre Antwort war von zarter Scheu durchzogen.
Mädchenschönheit – Anziehung und Zauber (S. 354-358)
„Ja, tut es, Sophie... Das alles ist so wunderschön... Du beschenkst mich dadurch, dass ich dich beschenken darf und dadurch, dass du einfach nur da bist... Du verstehst einfach das Mysterium der Schönheit nicht...“
„Dann reden wir bitte einmal über Miss Schönheit...“
„Ich weiß nicht, ob das eine Miss ist, denn es geht auch um die äußere Schönheit, um den Leib... Wir können trotzdem darüber reden.“
„Für mich bleibt es eine Miss, weil es dir so viel bedeutet.“
„Okay... Also Miss Schönheit...“
Sie kuschelte sich zufrieden ein und hörte gespannt zu...
„Sophie ... die Frage beginnt doch schon da: Wieso würden die meisten Männer gerne über ... na ja... eine Sechzehnjährige herfallen...?“
Er musste wieder an das Ereignis denken, dass sie zusammengeführt hatte, aber da war der Satz schon begonnen. Ihm fiel ein Stein vom Herzen, als sie es auch nicht damit zusammenbrachte.
„Weil sie schön ist, nehme ich an...?“
„Und sie muss gar nicht besonders schön sein. Schon ihr junger Körper als solcher...“
„Ist das so? Geht dir das auch so?“
„Nein. Ich will nur auf das Mysterium des jungen Körpers an sich hinaus...“
„Ich aber nicht. Ich will nur darauf hinaus, warum du dich von mir ständig beschenkt fühlst...“
„Das ist ja dennoch dasselbe, Sophia. Ich habe mein Leben lang gewiss nicht Mädchen hinterhergeblickt. Aber dass sie jung sind, spürt man ja dennoch. Dass von ihnen etwas ausgeht ... dieser Zauber der Jugend, diese Anziehung der Jugend. Man muss sich gar nicht ausdrücklich angezogen fühlen ... dennoch spürt man, dass diese Wirkung da ist und dass andere Männer sie sehr wohl noch viel stärker spüren und sich ... sagen wir es mal deutlich, so ein Mädchen im Bett wünschen...“
„Aber dir ging es doch nicht so – was ist jetzt mit uns?“
„Mir ging es bei dir sehr wohl so. Ich habe es nicht bis in mein Bewusstsein gelassen, aber du hast mich dennoch sehr wohl maßlos angezogen, weil du so grenzenlos schön warst – und bist. Ich habe dir gesagt, dass ich sogar von dir geträumt habe. Ich habe auch im Traum nicht mit dir geschlafen, so scheu waren meine Empfindungen, die dir nicht zu nahe treten wollten! Dennoch waren es zart erotische Szenen, die beweisen, dass ich dich in jeder Hinsicht liebte und von dir angezogen wurde...“
„Und was hast du geträumt?“
„Sei nicht neugierig, Sophie...“
„Jetzt bin ich es aber erst recht.“
„Hab etwas Ehrfurcht vor meinen Träumen... Lass sie mir, breite gnädig den zarten Schleier des Geheimnisses darüber.“
„Waren sie schlimm?“
„Nein. Aber ... dir werden sie nicht dasselbe bedeuten wie mir; obwohl sie zart erotisch waren, sind sie mir heilig. Und für dich wird es nur interessant sein, vielleicht wirst du mich damit auch necken ... und das würde mir wehtun, verstehst du? Dafür bist du mir zu heilig, ich kann das nicht... Selbst dein Traumbild ist mir heilig, du darfst mich nicht damit necken oder es nur aus Interesse wissen wollen, bitte, Sophie...“
„Okay...“, erwiderte sie leise.
„Also gut, die Schönheit – –“
„Michael?“
„Ja?“
„Es tut mir leid... Das wollte ich nicht...“
Er war tief gerührt.
Bevor er etwas sagen konnte, fügte sie zerknirscht hinzu:
„Ich muss noch viel lernen...“
„Wirf dir nichts vor, Sophie... Woher sollst du es denn wissen? Deine unschuldige Unbefangenheit hat doch auch etwas Berührendes. Du machst nichts falsch, verstehst du?“
„Du bist immer so verständnisvoll... Selbst für das, wofür ich mich nachher schäme...“
„Und du schämst dich, weil du ideal sein willst – siehst du? Aber das bist du ... für mich, verstehst du? Selbst jetzt wieder – denn du hast nichts falsch gemacht, du konntest es nahezu nicht wissen. Und du hast es dann unmittelbar verstanden ... und aus tiefer Aufrichtigkeit dein Interesse besiegt. Und du hast noch viel mehr getan... Dich noch viel aufrichtiger entschuldigt, dich geschämt ... ich meine, wie schön kann man sein, Sophie... Wirklich... Ich kann es immer wieder nicht fassen...“
Sie schwieg beschämt.
„Wenigstens“, sagte er leise, „siehst du jetzt wieder, dass nicht nur dein Leib, deine Erscheinung grenzenlos schön sind, sondern auch dein Inneres... Aber zurück zu der Erscheinung.
Während Mädchen mich nie angezogen hatten, obwohl prinzipiell von ihnen genau das ausgeht, was ich sagte, hat deine Erscheinung mich buchstäblich überwältigt, Sophia... Du warst so schön, wie ich noch nie ein Mädchen gesehen habe ... und irgendwie musst du einem heiligen Ideal entsprochen haben, wie ich es seit meiner Jugend in der Seele trug, obwohl ich es längst vergessen und verdrängt hatte. Einem Ideal! Nur das erklärt diese unendliche Wirkung. Dein Haar war für mich wunderschön, deine Augen, dein Gesicht, dein Blick, deine Gestalt – alles. Jede Pore deiner Haut, kann man sagen. Du warst in meinen Augen unbeschreiblich schön...
Kannst du dir jetzt nicht vorstellen, dass jede Sekunde deiner Nähe für mich etwas unbeschreiblich Schönes ist? Weil es eine so starke Anziehung bedeutet?“
„Anziehung? Wie ein Magnet?“
„Ja. Diese zarte Ausstrahlung, die ein junger Körper ohnehin hat, wird bei dir zu etwas so Intensivem ... und es ist in Schönheit getaucht. Ich wollte dir nicht zu nahe treten, Sophie, deshalb habe ich alle erotischen Gedanken noch immer verdrängt. Aber die Ausstrahlung als solche war nicht zu verdrängen. Eine Schönheit, die einen fast erschlug. Die einen umwarf, umwerfend war – das sind nicht nur Worte, Sophia!
Und Anziehung ... ja, buchstäblich. Vielleicht denkt man nicht bewusst daran, aber man möchte sie streicheln, man würde so gerne mit ihr zärtlich sein, es ist echte Anziehung. Ich habe daran nicht gedacht, weil ich nicht einmal in Gedanken dir zu nahe treten wollte – aber die Wirkung als solche war da, diese Intensität deiner Schönheit, die Anziehung...“
„Jetzt auch? Immer?“
„Ja, immer...“
„Und andere Männer wollen mich im Bett haben?“
„Ja, jede Menge.“
„Mist...“
Er musste über ihre lakonische Reaktion lächeln, obwohl es für sie tatsächlich mehr als traurig war.
„Und“, fragte sie, „warum ist das ein Geschenk? Ist es nicht eher ... quälend oder so?“
„Wenn es quälend wäre“, lächelte er, „würden sich nicht viele Männer Bilder von halbnackten Frauen irgendwo hinhängen. Es ist nicht quälend, es ist wunderschön. Denn man kann träumen...“
„Ich dachte, du hast dir das Träumen verboten.“
„Das explizite Träumen, ja. Aber nicht das Träumen von dir. Nicht die Sehnsucht, verstehst du?“
„Und die Sehnsucht ist nicht quälend?“
„Doch, auch, aber gleichzeitig ist auch sie wunderschön, sonst würde die Seele sie ja nicht hegen.“
„Sie hegt ja nicht nur das, was sie schön findet.“
„Das ist richtig, aber die Sehnsucht nach dem über alles geliebten Wesen ist beseligend und quälend...“
„Also das Geschenk ist, dass man träumen kann?“
„Nein, das Geschenk ist auch ganz direkt die unmittelbare Gegenwart in jeder Sekunde, denn es beschenkt einen ja schon die Schönheit als solche. Verstehst du denn nicht? Menschen umgeben sich mit Schönheit, sie suchen die Schönheit der Natur, überhaupt jede Schönheit – aber du bist die größte Schönheit überhaupt.“
„Also du wärst glücklich in einer kargen Gefängniszelle, wenn ich neben dir sitzen würde...“
Er musste über ihre unschuldigen Beispiele, mit denen sie versuchte, zu verstehen, lachen.
„Ja, natürlich, Sophie!“
„Ich beschenke dich mit meiner anziehenden Schönheit in jedem Moment...“
„Ja.“
„Weil die Schönheit schön ist und das Anziehende dich träumen lässt.“
„Ja, so könnte man es formulieren.“
„Okay, das heißt, ich muss mir keine Sorgen mehr machen, dass du zu wenig zurückbekommst?“
„Musstest du nie, Sophie... Jetzt verstehst du es hoffentlich?“
„Ja...“
Von der Liebe eines Mädchen zur tiefen Seele eines Mannes (S. 371-373)
Sie blickte zu ihm hoch.
„Du siehst, es sind alles ,aufregendste’ Dinge... Mein Leben rast von einem Höhepunkt zum anderen...“
Er streichelte ihr Haar.
„Und worüber unterhältst du dich mit deinen Freundinnen?“
„Außer über idiotische Englischlehrer noch über idiotische Jungs, die entweder mich belästigen oder in die sie sich verliebt haben, zum Beispiel. Über Musik. Über K-Pop... Das hat auch eine Freundin von mir reingebracht – dadurch war ich überhaupt auch darauf gekommen. Diese Freundin hat neulich bei E-Bay ein Autogramm von irgend so einer Gruppe für über hundert Euro ersteigert! Das musst du dir mal vorstellen... Über Serien reden wir auch... Gucke ich auch... In letzter Zeit aber seltener...“
„Warum?“
„Warum?“
„Ja. Was machst du stattdessen zum Beispiel?“
„Zum Beispiel?“
„Ja?“
„Na ja...“
Er streichelte ihr Haar, weil sie so süß ,na ja’ gesagt hatte.
„Weißt du, ich – – sitze manchmal nur da und denke nach...“
„Und worüber?“
„Über einen Mann, der mich so zärtlich streichelt, dass ich es noch manchmal Tage später zu spüren glaube...“
Er war betroffen.
„Wirklich?“, flüsterte er.
„Oder darüber, was er gesagt hat. Mit dieser warmen, stillen Stimme, die nur er hat...“
„Sophie...“
Eine Scham stieg in ihm auf. Welche Seele hatte dieses Mädchen...?
„Ich denke nach über die Scheu... Ich ertappe mich dabei, dass ich in der Fensterscheibe meines Zimmers mein Spiegelbild sehe und mich frage: Bist du würdig, von ihm zu lernen? Was tust du eigentlich ... die ganze Zeit... Du weißt gar nicht, was Scheu ist...“
Sie atmete einmal etwas heftig ein.
„Und dann ... dann schäme ich mich... Und dann ... denke ich voll Liebe an diesen Mann ... der sich so viel Mühe mit mir gibt... Und dann schäme ich mich noch mehr. Und dann kommt meine Mutter rein, und sagt: ,Kommst du essen, Schatz?’ ... Und ich schaue noch mein Spiegelbild an ... und muss mich dann losreißen ... und komme dann essen ... und beim Essen ... muss ich an diesen Mann denken ... und ... wie sie über ihn geredet haben ... und wie sie mich jetzt fragen, nach dem Schultag ... und aber nichts wissen von dem, was ich nur dir erzählen kann. Sie wissen nichts von mir. Und das Essen kommt mir leer vor. Und sie schweigen, weil sie sich nicht mehr trauen, nach dir zu fragen. Und nach dem Essen gehe ich in mein Zimmer zurück, und ... mein Spiegelbild hat treu auf mich gewartet, und ich versinke wieder in seinen Anblick und denke wieder an die Scheu ... und die Scham hat auch treu gewartet, ist wieder da...
Und ich denke daran, dass er immer gesagt hat, ich müsse mich nicht schämen. Aber... Er hat auch gesagt, dass es wichtig ist, die Wahrheit zu lieben ... und die Wahrheit ist, dass ich mich schäme. Und diese Wahrheit ... ist mir auch heilig. Irgendwann ... wende ich mich dann ab von meinem Spiegelbild ... starre auf meinen Tisch ... denke an ihn... An die Geborgenheit ... die niemand kennt ... nur ich... Wieder an die Scheu, die auch ich nicht kenne... Und irgendwann weiß ich ... irgendwann weiß ich, dass ich Sehnsucht habe... Nicht nach der Scheu, wofür ich mich noch immer schäme ... obwohl ich sie mag, obwohl ich mich ihr nahe fühle ... aber nach ihm. Ich habe Sehnsucht nach ihm... Und weiß ... weil mein Spiegelbild mich daran erinnert ... dass der Samstag mein heiliger Tag ist... Immer der schönste Tag in meiner Woche.
Die anderen Tage sind auch schön. Oft. Mit meinen Freundinnen ist es schön. Doch. Aber... All die Minuten mit meinem Spiegelbild in dem Fenster meines Zimmers ... in der Stille meines Zimmers ... sagen mir ... dass ich für die Tiefe noch einige Tage warten muss...“
Die Liebe eines Mädchens und die Selbstzweifel eines Mannes (S. 398-403)
Sie schwieg nachdenklich. Dann sagte sie:
„Aber du bist ja auch besonders...“
„Aber was ist dein Idealbild von mir, Sophie? Was soll ich für dich sein? Was soll ich dir schenken? Wie lange darf ich dich lieben? Wie lange zum Beispiel auch körperlich...? Wie lange darf ich zärtlich zu dir sein? Was wünschst du dir? Ich bin so unsicher...“
„Aber das brauchst du doch nicht...“
„Aber es wird immer bedroht sein, Sophie. Du wirst älter... Du wirst dich wieder neu fragen, was du hier eigentlich machst... Die Außenwelt wird dich wieder neu spiegeln, was das hier ,mit dem da’ eigentlich soll... Verstehst du? Innere und auch äußere Zweifel... Helfen kann dir nur das Ideal. Was kann ich für dich sein, Sophie? Was soll ich für dich sein? Bitte beschreib es mir... Ich möchte es erfüllen, solange ich kann...“
„Aber du brauchst nichts zu ,erfüllen’.“
„Doch, Sophie. Vielleicht erfülle ich es ja im Moment alles... Aber was macht dich glücklich? Wieso liebst du mich? Darf ich ... wenigstens so fragen? Was macht dich glücklich, Sophie? Was möchtest du nicht verlieren...? Sag mir dein Ideal, wenn du kannst... Bitte...“
Sie sah fast erschrocken zu ihm hoch, weil er jetzt so innig bat – und sie verstand seine Not jetzt.
„Ich ... liebe es ... so bei dir zu liegen, so angekuschelt ... in deinen Armen ... geborgen... Miss Geborgen...
Ich liebe ... die Gespräche, die du mit mir führst ... nie war mir etwas zu viel bis heute... Ich liebe ... die Vorsichtigkeit, mit der du mit mir umgehst ... mit diesen Themen ... und auch sonst. Die Scheu? Mir ... mir ist heilig, wie du mich behandelst... Wirklich... Miss Vorsichtig... Ich liebe das so sehr... Ich fühle mich dann immer so geborgen, auch von ... deinen Worten, verstehst du? Sogar von deiner Stimme.
Ich liebe sogar deine Unsicherheit ... obwohl das egoistisch ist, aber sie ist ... so etwas Besonderes... Vielleicht geht es dir so mit dem, wie ich für dich aussehe... Du sollst nicht unsicher sein ... aber ... es berührt mich... Miss Berührt...
Und deine Vorsichtigkeit ... ich ... ich liebe es, wenn ... du so vorsichtig und ... ja, auch ein bisschen unsicher ... mit mir schläfst... Wenn wir so miteinander schlafen ... und was dann immer mit mir passiert...
Ich liebe es auch, dass ... ich dir heilig bin, Michael... Auch das berührt mich immer so sehr. Dass ich dein Ideal bin ... berührt mich immer wieder bis ins Innerste... Diese Worte habe ich übrigens auch von dir. Ich habe so viel von dir...“
Er war sanft erschüttert – von all ihren Worten. Und er konnte es immer wieder nicht glauben. Sie fühlte sich beschenkt! So sehr... Es war wie ein Wunder. Grenzenlos war dieses Wunder. Es war ein heiliges Wunder. Schlicht ein Wunder.
Seine Demut wuchs, er konnte überhaupt nicht sprechen. Es wurde regelrecht Scham... Er fühlte sich so unwürdig...
„Du sagst ja gar nichts...?“, lächelte sie zu ihm hoch.
Er zitterte fast, vor Verzweiflung.
„Sophie?“
„Ja?“, fragte sie zart alarmiert.
Jetzt richtete sie sich auf, wirklich leise besorgt, sah ihn an. Er musste den Blick senken – den schönsten Augenblick ... kaputtgemacht.
Jetzt war es ihm, als zittere er wirklich.
„Was ist, Michael?“
Er sah sie fast flehend an, wie am Boden zerstört.
„Ich ... ich weiß nicht... Es ist ... wie ein ... eine Art ... Sturm von inneren Dämonen... Sie...“, er atmete einmal tief aus, dann ging es besser.
„Was ist, Michael?“
Ihr besorgter Blick.
„Oh, Sophia...“
„Sag doch... Was ist denn?“
„Innere Dämonen...“, lächelte er hilflos. „Sie ... sie wollen nicht, dass wir glücklich sind...“
„Wieso – –“, fragte sie unsicher. „Was meinst du?“
„Ich ... schäme mich so... Dass ich diese wunderbaren Worte von dir ... so kaputtgemacht habe... Ich – – ich war so erschüttert davon, so glücklich ... aber – dann – fühlte ich mich wieder so unwürdig – – und fragte mich schließlich sogar, ob ich – unwürdig bin, Sophia... Ich – ich musste – – an all die Menschen denken, was sie sagen würden – wenn sie wüssten, dass – – alles – aber speziell – dass wir miteinander schlafen, sie –“, er musste wieder heftig einatmen, „sie werden – denken und – sagen: Ein perverser Fünfzigjähriger legt sich auf eine unschuldige Sechzehnjährige und – – Sophie – – manchmal glaube ich das selbst... In solchen Momenten ... wie dem eben – – mit den Dämonen... Vielleicht haben sie ja Recht... Alle... Vielleicht haben sie ja Recht, verstehst du? Vielleicht bin ich ja pervers – und du erkennst es nur nicht...?“
Er zitterte. Und dann kamen die Tränen.
„Ich weiß es nicht!“, schluchzte er. „Ich bin – – ich weiß es einfach nicht! O Gott, Sophie...!“
Er war ein hilflos schluchzendes Bündel geworden...
Und dann fühlte er ihre Arme. Fühlte die Arme eines sechzehnjährigen Mädchens, das ihn tröstend umarmte, um ihm ein klein wenig Geborgenheit zu schenken – und sein Schluchzen wurde stärker...
Als er endlich aufhören konnte, fragte sie als erstes:
„Brauchst du ein Taschentuch?“
Er konnte nur hilflos nicken.
„Ich hole Toilettenpapier“, verkündigte sie und war bereits aufgesprungen, um ihn nur möglichst kurz allein zu lassen.
Die Art, wie sie es ihm reichte, ließ gleich wieder neue Tränen kommen. In ihren Augen war so viel Mitleid, ja Liebe...
„Sophie...“, schluchzte er fast wieder.
„Ist doch alles gut, Michael...“, sagte sie fast zart beschwörend auf ihn einredend. „Alles ist gut, ruhig... Alles gut...“
Ihre warme, so grenzenlos geliebte Stimme.
„Okay...“, sagte er ergeben.
Sie sah ihn besorgt und forschend an, ob er wirklich auf dem Weg der Besserung war. Und er beruhigte sich tatsächlich...
Dann sah sie ihn mit einer zärtlichen Güte an, atmete selbst erleichtert aus. Und dann sagte sie, mit einer innigen Stimme:
„Man kann es nicht beschreiben... Welche Leute, Michael? Kennt dich einer? Ich meine, wirklich – kennt dich einer? Wie kann irgendjemand irgendwas reden? Wie? Einfach nur so? Wie kann irgendjemand reden? Er macht den Mund auf – und die Worte kommen raus? Weißt du noch, was du mir über die Wahrheit gesagt hast? Oder die Wahrhaftigkeit? Weißt du’s noch? Sie mögen nur ihre seltsamen Lügen, die aus ihrem Mund kommen...“
„Sophie, vielleicht sollte ja kein Fünfzigjähriger – –“
„Sich auf eine Sechzehnjährige legen?“, wiederholte sie fast sarkastisch. „Oh... Okay... Wieso...?“
„Weil es pervers ist... Egoistisch... Ausnutzung ihres ... schönen Körpers...?“
Sie sah ihn einen Moment lang nachdenklich an.
„Okay...“
Er erwiderte ihren Blick hilflos.
Dann wandelte sich ihr Blick. Zärtlich fragte sie ihn:
„Warum glaubst du das...?“
„Weil du alles andere verdient hast als ... einen fünfzigjährigen männlichen ... Körper ... auf dir...“
Wieder sah sie ihn still an.
„Es hört sich immer wieder so an, als würde dieser ,fünfzigjährige Körper’ die arme ,Sechzehnjährige’ regelrecht erdrücken. Ist es das?“
„Ja... Und ausnutzen...“
„Ausnutzen... Weil sie schön ist und so...?“
„Und jung...“
„Und jung... Okay...“
Hilflos sah er sie an.
„Verstehst du es denn nicht, Sophia?“
„Doch. Ja...“
Er wurde noch hilfloser.
„Dass man so denken kann – versteh ich! Ja...!“, erwiderte sie regelrecht trocken.
Hilflos hielt er sich an ihrem Blick fest.
„Aber es ändert ja nichts daran“, sagte sie wieder zärtlicher, dass diese Gedanken unwahrhaftig sind. Weil sie ja die Wahrheit nicht lieben, Michael... Du hast es mir doch beigebracht... Wer von denen soll denn die Wahrheit lieben? Sie kennen sie ja nicht mal! Und wenn sie sie kennen würden, dann müssten sie sie auch noch lieben ... und dann wären sie wahrhaftig...“
Er konnte nur seinen Blick senken. Seine ,Schülerin’ benutzte seine ,Lehre’, und sie tat es so vollkommen, dass er auch davon wieder nur hilflos wurde, hilflos und demütig...
„Michael, guck mich mal an...“
Er wagte es kaum, dem sechzehnjährigen Engel in die Augen zu blicken, dessen Schönheit ihn gleichsam blendete...
„Die Leute können denken, was sie wollen, aber es ist ja nicht wahr... Verstehst du? Es ist doch nicht wahr! Du hast selbst gesagt, sie ... sie sind vielleicht neidisch, zum Beispiel. Verstehst du? Sie haben ja keine Ahnung... Und – glauben sie etwa, dass so ein Sechzehnjähriger weniger wiegt als du? Oder was wollen sie eigentlich sagen...? Vielleicht würde ja der Sechzehnjährige ,auf mir draufliegen’? Du tust es jedenfalls nicht! Verstehst du? Du liegst nicht ,auf mir drauf’! Und lass dir das auch nicht einreden – nicht einmal von Dämonen, wer auch immer das sei! Nicht einmal von denen, hörst du?
Und du hast gesagt ... vielleicht wird mich irgendwann auch der Körper eines Gleichaltrigen oder wenig älteren anziehen. Okay... Ja... Mag sein! Mag ja dann ganz nett sein, so eine Anziehungssache. Oder? Dass ich es dann auch mag, dass der dann noch so schön jung ist und so...! Ja, klar – kann sein. Aber – das ist ja dann auch erstmal alles... Er muss ja auch in allem anderen überhaupt erstmal an dich herankommen, Michael! Herankommen! Ich meine, so annähernd... Wie ein Glas Wasser und ein echter Saft, sodass man merkt, es ist immerhin beides ein Getränk! Aber ich weiß nicht, wie er das mit dem Rest machen will. Da liegt ja dann noch immer ... sozusagen eine ganze Welt dazwischen, oder...?“
Ihr Humor war so zärtlich und so süß, dass er in jedem anderen Moment gelacht hätte. Jetzt aber musste sie wieder ernst werden und sagen:
„Michael... Ehrlich... Wer soll es denn mit dir aufnehmen? Die, die nach Meinung dieser Leute auf mir liegen dürften? Und es vielleicht auch wirklich tun, mit ihren siebzig Kilo? Nein danke! Gut, du ... du hast nicht mehr diesen ... tollen Babyspeck ... würg, ein Glück ... aber ... du hast all dies ... dies ... Heilige ... was die anderen nicht haben, haben können, weil sie ... es auch gar nicht wichtig finden, wie du weißt. Sie haben es nicht, sie können es nicht, sie haben nicht einmal eine Ahnung von alledem. Miss Geborgen... Miss Zärtlich – ich meine, wirklich zärtlich ... Miss Vorsichtig ... grenzenlos vorsichtig ... lach nicht, dass ich deine Lieblingswörter benutze. Es ist einfach die Wahrheit, Michael. Ich bin wahrhaftig... Nur ich... Verstehst du? Ich ja... Die anderen nicht...“
Jetzt musste er wirklich zutiefst gerührt lächeln.
„Ahh...!“, sagte sie sofort erfreut. „Okay... Jetzt lachst du wieder. Endlich... Aber ich wollte dich gar nicht aufheitern! Ich hab, wirklich, Michael – ich hab nur die Wahrheit gesagt...!“
„Du bist ein Engel, Sophie...“, stammelte er fast.
„Das Thema“, erwiderte sie, „wollten wir doch heute mal lassen...“
Er war hilflos. Ihr Humor war unbeschreiblich.
„Du bist ein Engel“, sagte sie. „Und weißt du warum? Weil du nie an dich denkst – und wenn doch, dann immer nur ganz schrecklich, weiß ich nicht, warum... Weiß ich ehrlich nicht... Es ist ein Rätsel, was wahrscheinlich nur dein Engel versteht. Aber helfen kann er dir anscheinend auch nicht. Aber dafür hast du ja mich...“
Jetzt lächelte sie so süß, dass es ihn bis ins Innerste berührte.
Von der heiligen Kunst, Tiefe und Leichte kostbar zu verweben (S. 405-409)
„Mache ich dir trotzdem etwas schwer, Sophie?“, fragte er leise.
„Nein... Es ist eher andersherum...“
„Wie denn?“
„Ich fühle mich richtig ... ,zwiegespalten’. Sagt man das so? Einerseits höre ich noch immer ,Coldplay’, zum Beispiel, und es gefällt mir auch, und ich höre es fast auch aus ,Protest’, weil es mir gefällt. Und andererseits ... schäme ich mich, weil ich ... noch vor zwei Wochen habe ich dir erzählt, ich würde an der Fensterscheibe sitzen und mich fragen, ob ich würdig sei, von dir zu lernen... Was ist denn seitdem nur schiefgelaufen mit mir...?“
„Gar nichts, Sophie“, erwiderte er innig. „Das ganze Thema vom letzten Mal war dir einfach zu viel. Deine Sehnsucht geht vielleicht mehr nur nach dem, was unmittelbar die Seele betrifft ... und das andere findet vielleicht zu einer ganz anderen Zeit dein Interesse, ist jetzt einfach nicht dran...“
„Meinst du?“, fragte sie besorgt.
„Ja – mach dir keine Sorgen. Als wir über die Scheu und all das sprachen, da hat auch deine Seele ein höchstes Maß an Hingabe und Scheu erreicht und lebte in heiligen Empfindungen all dem gegenüber. Du musst dich nicht schämen, dass du das so nicht mehr hast. Es waren heilige Höhepunkt deiner Seele. Man kann nicht immer darin leben – sonst verliert man das andere.“
„Aber wenn ich so dies verliere?“
„Willst du es denn nicht verlieren?“
„Nein... Ich will es nicht verlieren... Aber jetzt betrachte ich eher die Fensterscheibe und mein Spiegelbild und frage mich, wo das hin ist... Ob ich ... ob ich überhaupt etwas von dir gelernt habe...“
Sie sah regelrecht beschämt zu ihm hoch.
„Verstehst du?“
Er streichelte sie tröstend.
„Und was meintest du mit ,zwiegespalten’? Dass du es nicht verlieren willst?“
„Aber vielleicht habe ich es ja schon verloren!“, klagte sie.
„So schnell geht das nicht“, lächelte er.
„Aber du siehst doch, wie ich vor zwei Wochen da in meinem Zimmer gesessen habe. Damals...!“
Sie betonte es geradezu existenziell. Als sei es bereits ferne Vergangenheit.“
„Vielleicht habe ich zu viel geweint, Sophie.“
„Wieso – was meinst du damit?“
„Wenn du dich vor zwei Wochen noch gefragt hast, ob du würdig seist, von mir zu lernen, in einem fast heiligen Ernst...“
„Ja?“
„Dann lag darin eine echte Hingabe. Auch eine scheue Verehrung, als ein Aspekt... Du hast es als heilig empfunden, in gewisser Weise. Du hast mich als weise empfunden und dich als fast nicht würdig, wenn du es nicht ernst nimmst. Und dieser Empfindung hast du dich hingegeben, da am Fenster... In dem Moment hast du zu mir und zu diesem Ernst aufgeschaut, mit einer zarten Hingabe deiner Seele...
Das ganze Thema letztes Mal war dir zu viel... Aber außerdem noch habe ich geweint. Und habe dir wieder rückhaltlos offenbart, für wie unwürdig ich mich halte ... deine Gegenwart haben zu dürfen, deine Liebe. Die Verhältnisse kehren sich sozusagen völlig um. Wie willst du noch zu jemandem aufblicken, den du regelrecht trösten musstest...?“
„Ich will aber dahin zurück! Ich fühle mich sogar regelrecht wie eine Verräterin ... dass ich das schon wieder verloren habe. Und gleichzeitig fühle ich mich tatsächlich nicht würdig ... weil ich vielleicht auch irgendwie viel zu faul bin...!“
„Du bist nicht zu faul, Sophie. Du hast schon so sehr das Gegenteil bewiesen. Es ist eher, wie du sagst. Du bist zwiegespalten. Du weißt nicht so recht, was du willst – oder die verschiedenen Bedürfnisse und Sehnsüchte widersprechen einander. Und so lässt du das eine wieder schleifen, um das andere wieder mehr zu haben. Das ist doch alles unmittelbar verständlich.“
„Aber was ist denn daran verständlich! Müsste es dafür nicht eine Lösung geben?“, klagte sie innig.
„Eine Lösung? Aber was möchtest du denn?“
„Das habe ich doch schon gesagt! Ich möchte das nicht verlieren...“
„Und du weißt nicht, was du tun sollst?“
„Nein...!“
„Ein bisschen faul bist du aber vielleicht doch, Sophie, oder...?“, neckte er.
„Siehst du!“, klagte sie betroffen. „Ich wusste es!“
„Aber das ist nicht unheilbar, Sophie“, tröstete er. „Erinnere dich einfach an alles – und du wirst die Lösung finden.“
Sie verstummte untröstlich. Dann sagte sie leise.
„Ich will sie aber mit dir finden, Michael... Liebst du mich dann noch? Kannst du mir helfen...?“
Erschüttert erkannte er, dass es nicht Faulheit war. Es war bereits ihre Rückkehr zu einem Aufschauen... Sie wollte auch jetzt von ihm lernen, die Rettung von ihm erhalten...
„Ich werde dich wirklich immer lieben, Sophie. Also pass auf... Die Seele kann nichts verlieren, was sie nicht verlieren möchte. Der heilige Schlüssel ist auch hier wieder die Hingabe, verstehst du? Die Seele muss nur eine genügend große Sehnsucht haben, um es dann auch wahrzumachen. Wonach auch immer die Seele eine aufrichtige Sehnsucht hat ... darin kann und wird sie eintauchen... Und dann ist es auch wieder Wirklichkeit. Du musst dich nicht an Stimmungen der Seele erinnern, Sophie – du kannst sie wieder real machen. Trauere ihnen nicht nach, sehne dich nach ihnen mit einer Bedingungslosigkeit – und dann folge deiner Sehnsucht und tauche von neuem darin ein. Und sofort ist es eine Wirklichkeit. Du bist wieder darin. Es ist wahr.
Die Frage ist dann nur noch ... wie du Hingabe, Leichtigkeit, Unbeschwertheit, Humor, Ernst, Aufschauen, Trösten und noch viel mehr miteinander vereinbaren kannst. Hast du die Frage vielleicht auch?“
„Ja, natürlich...“
„Auch das ist möglich, Sophia. Es geht wirklich nicht so sehr um die Frage, ob ich ein Lehrer bin, oder jemand, der weint und sich für unwürdig hält, sondern um die Frage, was du in mir siehst – jeweils. Erinnerst du dich an den ,magischen Idealismus’? Es kommt darauf an, was du in einem jeweiligen Moment selbst siehst, spürst, welchen Empfindungen du dich hingibst – und das ist dann Wirklichkeit, das ist wahr, denn du erlebst es.“
„Aber wenn es nur meine Empfindungen sind?“
„Es sind nicht nur deine Empfindungen. Es sind Aspekte der Wirklichkeit. Nur dass wir in einer Situation nie die ganze Wirklichkeit erfassen können – aber was wir mit tiefen Gefühlen jeweils erfassen, ist auch wahr, es ist wahr, Sophie. Du kannst nicht gleichzeitig aufschauen und spaßen, trösten und noch andere Dinge machen. Du musst es nacheinander machen, in gewisser Weise. Trotzdem ist es wahr. Es widerspricht sich nur scheinbar, nur auf einer gewissen Ebene. Du musst nur an jedem einzelnen Punkt die tiefe, heilige Wahrheit des jeweiligen Aspektes finden – und er wird dich mit dieser Wahrheit wieder beschenken.
Die Hingabe redet sich nichts ein, Sophie. Sie nimmt etwas wahr. Sie ist ein Wahrnehmungsorgan für etwas, was man ohne diese Hingabe nie wahrnehmen würde. Dennoch ist es eine Wirklichkeit.
Also trauere nie etwas hinterher. Wenn dir eine Wirklichkeit, auch eine Empfindungswirklichkeit, heilig und kostbar ist – dann tauche darin ein ... und lebe in dieser Wirklichkeit wieder...! Und zwar wann immer du willst. Du allein entscheidest, was deine Seele wann empfindet. Gerade das ist das Heilige. Dass die Seele diese tiefe Verantwortung hat ... und diese unendliche Freiheit...“
Als er noch immer ihre zarte Hilflosigkeit spürte, sagte er leise:
„Sophia, vielleicht ist es die größte Kunst, nichts zu verlieren. Dann braucht man nur einen Ernst: Jenen Stimmungen, die allzu leicht verloren gehen, mit aufrichtiger Entschiedenheit heilige Zeiträume einzuräumen, in denen man ganz bewusst in sie eintaucht. Weil sie einem kostbar sind. Man tut es einfach. Und so leben sie in einem.“
„Aber sollten sie nicht immer in einem leben?“
„Man könnte es so sehen... Zum Beispiel, dass so etwas wie Verehrung nur dann aufrichtig wäre, wenn sie niemals unterbrochen würde. Aber dann hätte man das andere nicht. Die anderen Stimmungen. Die Kunst ist also, einen kostbaren Teppich zu flechten, in dem alles leben darf und dies die Wahrheit alles Einzelnen gar nicht mindert. Im Gegenteil. Vielleicht gilt deine aufrichtige Verehrung eines Tages gerade dem, der nicht immer nur ernst sein muss... Und umgekehrt möchtest du aber vielleicht gerade mit dem zärtlich spaßen, der auch ernst sein kann. Dann wird sich eines Tages alles gegenseitig bereichern, und die Wahrheit aller kostbaren Aspekte wird immer mehr geheimnisvoll gleichzeitig anwesend sein... Verstehst du? Kannst du das irgendwie spüren... Als möglich?“
„Du kannst immer alles so wunderschön beschreiben...!“
„Das muss ein Lehrer ja...“, lächelte er zärtlich.
„Ich kenne keinen Lehrer, der das so kann“, beharrte sie innig.
„Seelenlehrer“, lächelte er.
„Ja... Ich bin so froh, dass ich dich getroffen habe... Und dass du mir hilfst.“
„Ich liebe dich, Sophie...“
Sie sah zu ihm hoch.
„Man darf sich aber nicht in seine Schülerin verlieben...“
Sie war so süß... Sie hatte mit einem zarten Flügelschlag den Sprung von scheuer Hingabe zu einem liebevollen Necken geschafft.
„Ich weiß...“, sagte er dennoch mit einem heiligen Ernst. „Deswegen habe ich mich erst verliebt und habe dann angefangen, sie zärtlich zu lehren... Mit tiefster Liebe zu ihr...“
Seine Antwort berührte sie wirklich.
„Ich bin froh...“, sagte sie leise, „dass du dich in deine Schülerin verliebt hast... Ob man ... sich auch in seinen Lehrer verlieben darf?“
Das Wunder der weiblichen Hingabe in der körperlichen Liebe (S. 410-414)
Sie sah ihn nachdenklich an.
„Du hast mal gesagt, dass es für den Mann am schönsten ist, wenn die Frau – na ja, Frau, du weißt schon – sich nur hingibt? Aber warum eigentlich...? Hattest du das auch schon gesagt, habe ich es nur vergessen?“
„Nein, ich glaube, weiter hatten wir noch gar nicht darüber gesprochen.“
„Ich schäme mich immer irgendwie, wenn ich so gar nichts mache... Du streichelst mich und all das ... und ich?“
„Nein, Sophie. Es ist wunderschön, wenn du gar nichts tust...“
„Wieso?“
„Weil ja gerade das deine Hingabe ist – dass du nur bekommst...“
„Aber – –.“
„Ja, ich weiß, du denkst vielleicht wieder, dass das ja dann doch egoistisch wäre, irgendwo. Aber so ist es nicht. Guck mal, die Hingabe bedeutet doch gerade, dass das weibliche Wesen an nichts anderes mehr denken kann, weil es so wunderschön wird...“
„Ja, was soll ich machen...“, erwiderte sie unglaublich süß.
„Siehst du? Und das ist eben für den Mann das Schönste. Dass sie es so unendlich schön findet...“
„Aber findet er es denn auch schön?“
„Sophie – das gerade ist es! Dass sie es so grenzenlos schön findet, ist für ihn dasjenige, was es auch ihn grenzenlos schön finden lässt. Nicht nur in der Seele, sondern bis in den Körper. Je mehr sie sich hingibt, desto weniger kann er es verhindern, dass er vielleicht sogar viel zu früh ... an dem Höhepunkt ist. Nichts ist erotischer als die Hingabe des weiblichen Wesens.“
„Aber das ist doch seltsam – obwohl es nur bekommt...“
„Es kommt ihm nur so vor, weil es nichts tut, scheinbar.“
„Tut es ja auch nicht.“
„Aber auch das sind heilige Dinge, Sophie. Gerade dieses ,nichts’ ist ein ,alles’.“
„Wie denn?“
„Verstehst du es denn nicht? Jede Hingabe ist ein ,alles’. Auch wenn du dich ankuschelst, zum Beispiel. Hingabe ist Hin-Gabe. Du gibst dich hin bedeutet gleichzeitig auch: du gibst dich ... ganz. Du fühlst dich geborgen – aber gleichzeitig schenkst du dich auch mir, verstehst du? Dein grenzenloses Vertrauen, deinen weichen Körper ... dein ganzes Sein. Und so ist es beim Miteinander-Schlafen auch. In jeder Hingabe schenkt sich ein weibliches Wesen...“
„Okay...“, sagte sie leise, fast verwundert, darüber nachdenkend.
Sie war so süß, wenn sie Geheimnisse entdeckte!
„Und ... ist das für alle Männer so?“
„Ja. Für alle männlichen Wesen. Auch Jungen.“
„Aber sie machen es nicht alle so... So schön wie du... Oder? Du hast gesagt nein...“
„Nein. Viele denken nur an sich oder sehr an sich – denn schön ist es ja auch so, da drin, in einem weiblichen Wesen...“
„Da drin?“, lächelte sie, zärtlich neckend.
„Ja – ich meine, was erzähle ich dir eigentlich... Ihr hattet doch bestimmt schon Sexualunterricht und alles...“
„Also in der Schule haben wir zwar sehr viel über Eizelle und Samenzelle und so weiter gelernt, aber die weiteren Details wurden doch eher nicht erwähnt...“
„Ach so...“, lächelte er.
„Ja“, lächelte sie. „Deswegen musst du schon weitersprechen...“
Sie war so süß...!
„Na ja... Es ist eben so, dass ... sobald das weibliche Wesen körperlich ein bisschen erregt wird, es da unten bei ihr feucht wird ... das merkst du ja dann auch...“
Sie hörte mit einem ganz zärtlichen Hauch Belustigung, aber vor allem mit unendlich viel Unschuld und Hingabe zu.
„Und dann ist es für einen Mann dort unendlich schön... Und ... vielen Männern reicht das dann schon. Sie genießen es; genießen sogar auch, dass das weibliche Wesen es schön findet – aber kommen sich dann zugleich auch sehr großartig vor. Als die, die das weibliche Wesen so wunderbar ,befriedigen’. Vielleicht tun sie es ja sogar. Es kann für beide sehr schnell in den rein körperlichen Bereich geraten...“
„Und dann?“
„Dann ist es genau das, was man ,Sex’ nennt. Körperliche Lust – rein körperlich.“
„Und ... woher weiß man, wenn es das nicht ist...?“
Ihre Frage war so scheu, dass er begriff, dass sie gar nicht wusste, wann das absolute Gegenteil der Fall war...
„Leib und Seele, Sophie...“, sagte er zärtlich. „Die meisten Menschen wissen heute gar nicht mehr, was die Seele ist. Sie mag bei den meisten Liebespaaren mitspielen – aber sie wissen nicht mehr, was das ist.“
Ihr scheues Schweigen offenbarte ihm, dass auch sie nicht wusste, ob sie ,besser’ war...
„Sophie – du weißt so unendlich viel! Denn es kommt darauf an, zu spüren – und das tust du! Im Grunde ist jedes Spüren Hingabe – und jede Hingabe auch ein Spüren. Man hat so viel Seele, wie man die Hingabe kennt. Hingabe, aufrichtige Hingabe, ist Seele.
Aber gut, jetzt gibt es wieder einen Unterschied. Viele Frauen geben sich nur körperlich hin – und dann ist es wieder nicht Seele. Es ist schwer zu erklären. Tatsache ist, dass du dich nicht nur körperlich hingibst – wie soll ich das erklären? Es geht um die Unschuld, mit der man etwas tut. Die Unschuld ist Seele, verstehst du? Die Frauen, die sich nur körperlich hingeben, die wollen einfach diese Lust erleben, die da möglich ist. Sie sind auf die Lust aus – und das ist nicht mehr unschuldig. Und dann wird es ganz schnell seelenlos und vor allem körperlich. Genau das ist der Zusammenhang. Wo es um die Lust geht, verschwindet die Seele, und es wird vor allem ... Sex.“
„Und wie ist es bei uns?“, fragte sie scheu.
Und er begriff, dass sie den Unterschied verstanden hatte und nur Sehnsucht nach seinen Worten hatte – um es zärtlich ganz durchdringen zu können.
„Bei uns ist das ganze Geschehen mit ganz viel Seele durchdrungen, Sophie. Du magst das für deine Seite nicht so ganz begreifen, weil es bei dir alles noch so ungetrennt ist, das Körperliche und das Seelische in einem – und gerade das macht die Unschuld eines Mädchens aus ... wenn es sie noch besitzt. Und kein Mädchen kann sie ganz verlieren, aber du hast sehr viel davon. Sie liegt eben in deiner aufrichtigen Hingabefähigkeit. Das ist alles Seele...
Und bei mir ist es diese tiefste Liebe zu dir, diese heilige Ehrfurcht vor deiner Schönheit, vor dem ganzen Geschenk deines Wesens ... das auch alles Seele ist. Wenn wir also miteinander schlafen, dann sind wir eingetaucht in einen ganzen Ozean von Seele, Sophie...“
„Eingetaucht bin ich dann auf jeden Fall...“, wisperte sie etwas befangen. „Und ich bin auch sicher, so ist es nur bei dir...“
„Es geht um das Geheimnis einer grenzenlosen Zärtlichkeit, Sophie. Die meisten männlichen Wesen wollen das weibliche Wesen nur ,befriedigen’, aber sie sind überhaupt nicht wirklich in der Lage, zärtlich zu sein.“
„Warum nicht?“
„Weil das nicht ,männlich’ zu sein scheint. Die meisten, vermutlich die meisten Männer würden sich dann ,schwach’ fühlen, sie bringen es nicht über sich, sie können es nicht. Sie wollen die Frau befriedigen, Lust in ihr auslösen – aber nicht zärtlich sein.“
„Sie können es nicht?“, wiederholte sie ungläubig.
„Nein. Zärtlichkeit ... ist ja auch Hingabe. Zärtliches Hingeben von Zärtlichkeit, ein sehr reines Schenken... Das haben die meisten Männer nie gelernt...“
„Da bin ich ja beruhigt...“
„Von was?“, fragte er erstaunt.
„Na, dass es bei dir auch Hingabe ist. Nicht nur bei mir...“
„Ach so“, lächelte er, im Verstehen tief berührt.
„Trotzdem“, sagte sie, „ist deine Hingabe ja wirklich gebend und meine Hingabe bleibt eher nehmend...“
„Nein, Sophie, für den Mann ist es völlig anders. Er gibt diese unendliche Zärtlichkeit – aber ... du gibst alles, verstehst du? Du gibst dich selbst. Gerade, weil deine Hingabe so vollkommen ist, so scheinbar nur empfangend, ist sie auch umgekehrt vollständig. Bei mir eben nicht, weil, wie ich sagte, der Mann ja auch darauf achten muss, dass es für das weibliche Wesen schön ist – dass es sich so grenzenlos hingeben kann. Hingeben kann man sich mit voller Hingabe. Zärtlichkeit schenken braucht eine zärtliche Achtsamkeit. Das ist auch Hingabe, aber eine andere. Bei dem Mann muss das Bewusstsein auf das weibliche Wesen gerichtet bleiben – das weibliche Wesen darf in seliger Hingabe sozusagen verströmen. Und wie ich sagte, ist genau das für den Mann das unendlich Schönste. Er behält das Bewusstsein – und er sieht das selig sich verströmende, hingegebene Glück des weiblichen Wesens ... und nichts auf der Welt kann ihn glücklicher machen.
Körperlich würde er den Höhepunkt auch so in ihr bekommen – aber ihre Hingabe zu sehen, ist die wahre, die seelische Ursache für seinen Höhepunkt. Das ist der wahre Unterschied zwischen Sex und Liebe. Dass bei der Liebe das Glück des weiblichen Wesens den Höhepunkt des Mannes auslöst... Ihre unglaubliche Schönheit, die sie in ihrer Hingabe ausstrahlt... Das ist es, Sophie. Das ist das Geheimnis zärtlicher Liebe...“
Von der Unschuld, die nur ein Mädchen hat (S. 414-415)
„Und wie ich dich am Anfang geküsst habe – auf dem Sofa...? War dir ... das dann nicht auch zu körperlich?“
Wieder verstand er innerhalb von Sekundenbruchteilen, was sie meinte und was sie besorgte.
„Hier siehst du genau den Punkt, Sophie – die Unschuld eines Mädchens. Hätte mich eine Frau so geküsst, wäre es durch und durch sehr körperlich gewesen. Aber bei dir war es etwas völlig anderes. Es war extrem erotisch, ja, unglaublich erotisch... Aber gleichzeitig hattest du dieses Geheimnis einer unglaublichen Unschuld ... das kann so nur ein Mädchen haben... Es ist dieses Junge, dieses Spontane, aber vor allem auch Junge. Ein Mädchen hat das einfach noch. Und das macht die Unschuld aus – die sich auf alles erstreckt. Sie spielt mit der Erotik – und das ist der Unterschied zu der Frau. Die Frau könnte vielleicht sogar auch damit spielen, aber es wäre nicht mehr unschuldig. Vor allem denkt das Mädchen noch nicht an sich. Selbst wenn es etwas körperlich wunderschön findet, ist es noch nicht Lust, sondern noch sehr unschuldige Hingabe an diese Empfindungen. Die Frau würde sich dem auch hingeben, aber nicht mehr unschuldig. Das Mädchen kann es noch unschuldig.“
„Und warum die Frau nicht mehr? Was macht das Mädchen?“
„Es ist unschuldig...“, lächelte er. „Das macht es...“
„Aber wie?“
„Indem es darüber nicht nachdenkt.“
„Das heißt, ich darf nicht fragen?“
„Nein – das war kein versteckter Hinweis, sondern die Beschreibung einer Tatsache. Eine Frau weiß, dass hinter Küssen Lust wartet – und sie setzt es, gerade wenn sie so erotisch, fast dominant wird, bewusst ein. Du hast das nicht getan. Deine Küsse waren zwar auch gleichsam zärtlich bedrängend ... aber nicht fordernd. Auch in ihnen hast du eigentlich nur eines getan: dich selbst zu schenken... Du wolltest nicht etwas bekommen – das vielleicht auch –, aber du wolltest in dem Moment vor allem eines: mir beweisen, dass du mich liebst. Und etwas Unschuldigeres als diese Absicht gibt es ja wohl kaum...“
„Vielleicht wollte ich ja trotzdem auch etwas bekommen...“, murmelte sie.
„Das habe ich ja gesagt“, lächelte er. „Aber im Reich der Seele kommt es auf die Nuancen an, weißt du noch? Alles kommt auf sie an. Immer kommt es darauf an, wo der Schwerpunkt liegt. Und der liegt bei dir auf der Unschuld... Auf der berührenden Seite...“
„Miss Berührend“, lächelte sie.
„Ja.“
„Mit ihr hast du es...“, lächelte sie süß provozierend.
„Ja – und mit dir...“
„Und mit mir...“
Was ein Mann einem Jungen voraus hat (II) (S. 415-419)
Später, als sie wieder auf dem Sofa bei ihm eingekuschelt war, sagte sie nachdenklich:
„Weißt du, was ich nicht verstehe?“
„Was denn?“, fragte er zärtlich.
„Meine Eltern zum Beispiel, ne? Du weißt ja, dass sie überhaupt nicht begeistert von dir sind. Sie kennen dich nicht mal, aber nehmen wir an, sie würden dich kennen – sie wären es trotzdem nicht! Du weißt ja, wegen ,auf mir liegen’ und so... Aber – wenn so ein Gleichaltriger auf mir liegen würde, wäre ihnen das völlig egal! Kannst du dir das vorstellen?“
Ihre unschuldige Empörung berührte ihn und er musste lächeln.
„Na ja, ich schätze, das läuft dann unter ,normal’...!“
„Eben!“, erwiderte sie sehr prononciert. „Es ist ja normal. Jedes Mädchen, Millionen von Mädchen, machen irgendwelche ,Erfahrungen’ – ihre ersten eben – mit irgendeinem Jungen, der genauso unerfahren ist wie sie oder maximal etwas erfahrener – worauf er sich wahrscheinlich auch gleich wieder was einbildet – –“
Ihre Empörung war wirklich zu süß...
„Und das alles“, fuhr sie betont fort, „zählt also als normal! Na gut, vielleicht ... ist es tatsächlich auch schön, wenn beide ihre ersten Erfahrungen machen, irgendwie herausfinden, wie das geht und so... Aber ... wenn ich mir vorstelle, mein damaliger Freund – – also ich glaube auch nicht, dass er zärtlich sein ... hätte ... können? Ist das deutsch?“
Er musste lachen.
„Ja...“
„Okay. Also – du weißt ja, wie er war! Ich habe es durch dich ja verstanden... Wahrscheinlich hätte ich, wenn es schließlich soweit gewesen wäre, alles ,mitgemacht’, weil ich gedacht hätte: so also ist das... Aber du hast gesagt, er wollte mich besitzen. Und jetzt kann ich mir mehr und mehr vorstellen, wie er dann mit mir geschlafen hätte. Er hätte es schön gefunden, oh ja! Aber ich? Vielleicht hätte ich es auch schön gefunden, vielleicht hätte es irgendwie ,funktioniert’, so gerade... Gerade noch, vielleicht. Aber ich hätte nie gewusst, wie schön es sein könnte! Stell dir das mal vor! Hätte es einfach nicht gewusst...!“
Er konnte nur in heiliger Scheu schweigen...
„Und jetzt meine Eltern, ja? Ich meine, ihnen gegenüber war er immer der wunderbare, super Freund – für mich ja auch... Aber sie waren ganz begeistert von ihm! Sie haben ihn nur ein paar Mal gesehen, aber da hat er sich super verkauft, besser geht’s gar nicht... Sie hatten bis zuletzt keine Ahnung – sie wissen überhaupt nicht, was du weißt. Aber haben eine Meinung! Zu dir! Und zu ihm – wie alle Erwachsenen. Also wenn er auf mir draufliegt, ist das normal. Stell dir das mal vor! Millionen von Mädchen haben solche Freunde – und wissen gar nicht, was das heißt! Aber es ist ,normal’! Alle finden es normal! Dass das so ist! Im Grunde lernt das Mädchen doch nur kennen, was der Junge dann darunter versteht... Mehr ist es doch nicht...“
Ihre unglaubliche Schlussfolgerung erschütterte ihn in ihrer regelrecht kristallenen Durchsichtigkeit geradezu. Sie hatte buchstäblich und wirklich ein Drama erkannt – und es absolut auf den Punkt gebracht.
„Ja“, sagte er leise. „Es hängt von der Liebefähigkeit des Jungen ab. Ein Mädchen kann die Hingabefähigkeit immer finden – aber ob ein Junge das Mädchen wirklich liebt, das ist immer die Frage... Ob er weiß, was Liebe wirklich heißt...“
„Und mit solchen Jungen werden wir alleingelassen, Michael! Von allen Erwachsenen – die sich miteinander verbündet haben, das für normal zu halten.“
Es berührte ihn sehr, wie durch ihr unschuldiges ,wir’ das so andere Mädchenwesen auf einmal unmittelbar und innig erlebbar war.
„Na ja, die meisten Erwachsenen wissen schon, dass viele Jungen so toll auch nicht sind...“
„Ja, vielleicht allgemein. Aber wenn es dann um den konkreten Jungen geht, können sie es trotzdem nicht beurteilen, halten ihn für ganz toll, bloß, weil er sich ins gute Licht zu rücken weiß!“
„Ja...“
„Das ist so traurig, Michael! Einfach nur traurig...“
„Ja, ist es wohl...“
„Wohl?!“
„Na ja – du weißt, ich habe ja gar kein Mitspracherecht. Ich gehöre ja sozusagen zu den Perversen... Aber hinzu kommt, selbst wenn ich es nicht bin, wären die meisten anderen Männer eben auch keine gute Wahl, insofern musst du die Eltern schon verstehen... Besser ein Gleichaltriger, mit dem es nicht so toll war, als irgendein Mann, mit dem es noch wesentlich schlimmer sein kann.“
„Okay, ich verstehe...“, erwiderte sie leise – und es tat ihm regelrecht leid, dass er ihre leuchtende Erkenntnis so unvermittelt zerbrochen hatte.
Er küsste zärtlich ihren Scheitel mit ihrem weichen Haar.
„Trotzdem ist es ungerecht“, beharrte sie nun, „dass sie es nicht einmal für möglich halten! Diese Erwachsenen – dass ein Mann auch unglaublich besonders sein kann! Weiser als alle anderen... Zärtlicher als alle anderen. Ein besserer Mensch. Und –“, sie sah zu ihm hoch, süß provokant lächelnd, „auch, wenn er ,auf einem draufliegt’, Dinge mit einem macht, dass man nicht mehr weiß, was passiert, weil es so schön ist! So nicht zu fassen zärtlich...“
Er konnte nichts sagen...
„Dabei ist doch klar, dass es solche Menschen geben muss! Es muss doch weise und zärtliche Menschen geben...“
„Dennoch ist die Erwartung, dass sich gerade solche Menschen nicht ,an Mädchen heranmachen’ – und dass Mädchen erst recht nichts an fünfzigjährigen Menschen finden, jedenfalls nicht auf dieser Ebene...“
„Auf einem drauf, meinst du?“
Sie liebte es immer mehr, ihn damit zu necken.
„Es ist nahezu unmöglich, dass ein Mädchen sich mit diesem Gedanken anfreunden könnte, Sophie. Sieh es doch ein.“
„Wenn das Mädchen es aber getan hat – und man sieht es trotzdem nicht ein? Wieso sieht man es trotzdem nicht ein?“
„Weil man denkt, der Mann hätte irgendeine Gehirnwäsche mit dem Mädchen veranstaltet...“
„Hast du ja auch!“, lachte sie. „Aber sonst hätte ich mich ja auch nie getraut. Und auch nie ... ich wäre einfach nie auf den Gedanken gekommen, dass ... ich wusste ja auch überhaupt nicht, wie es ist ... das eben, dieses... Und ich wäre nie darauf gekommen, dass ein weiser Mann, der einen unendlich liebt, natürlich auch unendlich viel zärtlicher ist als so ein Gleichaltriger. Dabei ist nichts naheliegender! Wieso kommt man darauf nicht? Wieso?“
„Weil einen das Alter schon abschreckt, Sophie. Die Zärtlichkeit ist doch egal. Wer will denn mit einem Fünfzigjährigen ins Bett...?“
„Aber das ist doch auch nur Vorstellung! Wenn man aber wüsste, wie es sein würde... Wie zärtlich, wie wunderschön, wie unbeschreiblich – dann?“
„Man glaubt es ja nicht. Die bloße Vorstellung ist viel stärker.“
„Ja, aber wahrhaftig ist man dann eben auch nicht.“
Es berührte ihn sehr, wie aufrichtig sie diesen Begriff erinnerte und herbeizog.
„Es geht aber nicht nur um die Wahrhaftigkeit, Sophie. Es geht auch um deine Unschuld. Andere Mädchen, die weniger hingabefähig wären, würden auch den realen fünfzigjährigen Körper nicht haben wollen...“
„Okay...“, erwiderte sie erstaunt. „Wenn du meinst...“
„Die Hingabe kann mehr in der Seele leben und empfinden – weil sie Seele ist. Wenn man das aber nicht hat, kann man nur in der Wahrnehmung leben – und die ist eben nicht so toll...“
„Also lieber einen tollen Körper – und dafür ... alles andere nicht so toll?“
„Dich würden auch viele Jungen wirklich lieben, Sophie...“
„Aber so zärtlich wie du wären sie nicht...“, erwiderte sie leise.
Schüchterne Liebe ist die aufrichtigste (S. 419-422)
„Auch solche Jungen gäbe es. Vielleicht wären es die, die dich besonders schüchtern lieben würden... Es gar nicht glauben würden, dass sie je eine Chance hätten.“
Sie versuchte, es sich vorzustellen. Dann sagte sie:
„Ja – aber so einen Jungen würde ich auch tatsächlich nicht wollen. Das ist vielleicht gemein, aber – –“
„Wieso nicht?“, fragte er. „Wenn er dich aufrichtig verehrt...?“
„Das will ich aber gar nicht.“
„Würde es dich nicht berühren?“
„Doch, schon, vielleicht... Das schon. Vor allem, weil ich das alles durch dich jetzt viel besser verstehe... Aber – – trotzdem würde ich mit ihm nicht glücklich werden, verstehst du?“
„Kannst du es beschreiben?“
„Ist es egoistisch?“
„Die Liebe muss gegenseitig sein, Sophie. Es geht ja nicht anders. Beschreibe es einfach...“
„Na ja...“, erwiderte sie zunächst etwas zögernd. „Er ... er würde mich verehren, sagst du... Er ... würde ,zu mir aufschauen’, nicht wahr? Und für mich ... wäre es umgekehrt. Es wäre nicht gleich...“
„Muss es gleich sein? Du könntest dich wie eine Prinzessin fühlen...“
„Aber ich will ihn doch auch lieben! Nicht von oben herab...“
„Das müsstest du aber doch gar nicht. Du könntest ein bisschen Mitleid empfinden und ihm deine Liebe schenken. Dann gibt es keinen Unterschied mehr.“
„Ja ... aber das kann ich nicht – oder will ich nicht. Ich sagte ja, es ist etwas egoistisch...“
„Vielleicht wäre es in der konkreten Situation ja auch anders – und es ist nur jetzt in der Vorstellung ebenfalls unmöglich.“
„Warum fragst du das so ausführlich?“
„Ich wollte nur deutlich machen, dass es Jungen gibt, die zutiefst zärtlich wären – weil sie dich verehren würden, so ähnlich wie ich. Ich fühle mich ihnen sozusagen verwandt und wollte nicht, dass du sie übersiehst...“
„Ach so...“, erwiderte sie fast berührt.
Eine Weile schwiegen sie nachdenklich.
„Ich weiß es nicht... Ich glaube, ich könnte es nicht. Ich weiß, dass es ihnen gegenüber ungerecht ist. Aber ... ich will ja auch aufschauen... Und bei dir kann ich das. Guck mal, ich könnte mich bei einem solchen Jungen nicht einmal geborgen fühlen! Wie will er mich denn in den Arm nehmen, wenn er mich verehrt? Du kannst das! Du bist aber auch viel größer als ich... Und es ist ja nicht nur dein Körper...“
„Ja, das verstehe ich alles sehr gut, Sophie.“
„Na, dann bin ich ja beruhigt...“
„Aber darf ich noch ein bisschen für diesen schüchternen Jungen eine Lanze brechen?“
„Okay ... wieso...?“
„Um der Wahrhaftigkeit willen...“, erwiderte er, etwas wehmütig. „Denn ... Sophie ... wenn ... wenn eines Tages die Zeit kommt, wo es so sein soll, dann ... sollst du um diese Möglichkeit wissen. Vielleicht würde dich auch ein Junge sehr wunderbar und auch zärtlich von gleich zu gleich lieben. Ja, das ist auch sehr gut möglich. Aber die aufrichtigste Liebe würde dennoch jener andere Junge haben... Niemand könnte dich zärtlicher, tiefer, heiliger und inniger lieben... Spürst du das?
Und das Einzige, was du tun müsstest, ist ... nicht auf ihn hinabzublicken. Dich nicht gering zu fühlen dafür, dass du nur so einen Freund hättest. So einen ,schwächlichen Verehrer’. Du müsstest dich auch hier von dem gängigen Urteil der Welt völlig freimachen und dich berührt fühlen von der Aufrichtigkeit dieses Jungen – und du hättest keinerlei Schwierigkeiten mehr, diese Liebe zu erwidern. Ja, du würdest über ihm stehen, weil er dich verehrt. Aber du würdest dich in jedem Moment unschuldig und aufrichtig auf die gleiche Stufe stellen – ihm deine Liebe schenkend. Berührt von ihm – und aufrichtig erwidernd, weil du es möchtest. Weil du erkannt hast, dass keine Liebe zärtlicher, ehrlicher, wahrer ist als seine.
Und in seinen Armen liegen? Geborgen? Selbst das wirst du ihm beibringen können. Du wirst diesem lieben, schüchternen, so unendlich aufrichtigen Jungen zeigen, wie er es machen muss – wie er seinen Arm um dich legen soll, damit du dich geborgen fühlen kannst. Und er wird es lernen – und du wirst mit ihm glücklich sein...“
Jetzt war sie aufrichtig berührt.
„Wieso...“, fragte sie leise, „sagst du mir das alles, Michael?“
„Ich weiß nicht...“, erwiderte auch er leise. „Vielleicht, weil dieser Junge dich verdient hat ... und du ihn... Verstehst du? Vielleicht, weil auch das eine Schicksalsbegegnung ist...“
„Aber das weißt du doch gar nicht...“
„Nein. Aber es fällt mir so schwer, dich mir in einer mehr oder weniger gewöhnlichen Beziehung vorzustellen. Du hast es so unendlich verdient, mit einer verehrenden Liebe geliebt zu werden – und auch selbst auf ganz außergewöhnliche Weise wiederzulieben ... und wie gesagt, ich fühle mich auch dieser Art von Jungen sehr verwandt, weil ich dich in ihrer Weise verehre. Weil ich selbst ein solcher Junge bin, nur erwachsen. Aber ich weiß um die Schüchternheit dieser Jungen – und dass sie nie die Mädchen bekommen, die sie verdient hätten, und dass die Mädchen auch nie diese Jungen bekommen, die sie verdient hätten, weil sie sie einfach übersehen...“
„Du meinst es also sehr ernst...“, sagte sie leise.
„Du musst dir jetzt darüber keine Gedanken machen, Sophie. Aber ernst meine ich es, ja... Du wirst dir die Jungen aussuchen können, Sophie. Mehr als genug Jungen werden dich regelrecht bedrängen. Und viele werden es hoffentlich durchaus ernst und aufrichtig meinen. Aber viele werden dich auch als Trophäe betrachten – all jene, die dich irgendwo besitzen wollen. Trotzdem meinen es hoffentlich mehr als genug ernst. Sie alle dann von gleich zu gleich, und vielleicht wirst du mit einem solchen Jungen und später Mann dann auch wunderbar glücklich.
Aber ... dann gibt es noch jene Jungen, die wissen, dass sie keine Chance haben. Sie wissen es einfach. Du bist zu schön, viel zu schön, unendlich schön... Sie sehen das viel tiefer als jeder andere. Für sie bist du ergreifend schön. Aber für sie ist das ein allumfassendes Erlebnis. Jede Bewegung von dir ist für sie ein Wunder. Du bist ihr Wunder – und deswegen wissen sie, dass sie keine Chance haben. Vielleicht weinen sie nachts heimlich deswegen. Sie meinen es so abgrundtief ernst mit ihrer Liebe zu dir... Aber sie haben keine Chance – und sie wissen es. Sie sind die Verlierer. Du wirst es nicht einmal in Erwägung ziehen. Sie wissen, dass jeder andere besser ist. Sie haben dir nicht das Geringste zu bieten. Außer ihrer grenzenlosen Liebe, Verehrung, Zärtlichkeit ... aber du wirst sie nicht einmal sehen... Diese Jungen würden dir ihr Leben zu Füßen legen, Sophie, und es ist ihre Liebe. Und sie würden es lernen, dich in den Arm zu nehmen, sodass du dich geborgen fühlen könntest.“
Sie verstummte jetzt völlig.
Er streichelte ihren Arm.
„Wenn du sie nicht ganz übersehen wirst, bin ich froh, Sophie...“, sagte er zärtlich.
„Nicht ganz?“, erwiderte sie. „Das war echt heftig! Ich weiß gar nicht, ob ich jetzt überhaupt noch andere Jungen sehe... Wenn du etwas beschreibst ist es so – – heftig, so ... man kann sich sofort ... man erlebt es, es ist nicht bloß theoretisch ... es ist ... heftig...“
„Ich wollte dich auch nicht überrumpeln, Sophie.“
„Hast du ja nicht.“
„Ich wollte, dass du es erlebst – aber es sollte nicht heftig sein. Es sollte nicht deine Freiheit beeinflussen, Sophia.“
„Warum sagst du jetzt ,Sophia’?“
„Weil es ernst ist. Vielleicht bin ich zu weit gegangen. Ich wollte nicht, dass du jetzt nur noch diese Jungen siehst...“
„Ach, nicht?“, lächelte sie.
„Na ja, nicht nur...“
„Aber schon so, dass die anderen keine Chance mehr haben, oder?“
Er lachte.
„Ja, wahrscheinlich war es das doch...“
„Ist dir so ziemlich gelungen, erstmal. Ich muss darüber nachdenken.“
„Nichts anderes wollte ich.“
„Ich weiß nicht genau, was du wolltest...“, sagte sie mit gespieltem Zweifel.
„Sei mir nicht böse, Sophie. Ich wollte diese Jungen in das beste Licht rücken – das sie sonst nie haben...“
Sie lachte zärtlich.
„Ja, ich versteh schon... Aber jetzt musst du wirklich aufhören, sonst wird es für alle anderen wirklich sehr finster...“
Die Liebe des schönen Mädchens zur Scheu des Mannes (S. 422-430)
„Wieso ... wird es nur immer schöner mit dir, Michael?“
Er wurde wie zärtlich mit einem Empfinden übergossen, dass noch nie jemand eine berührendere Liebeserklärung hatte empfangen dürfen!
Worte der Erwiderung wollten aus seiner Kehle nicht heraus...
Sie sah zu ihm hoch, war sich gar nicht bewusst, was sie ,angerichtet’ hatte...
„Ich – –“, stammelte er hilflos, „weiß nicht, was ich sagen soll, Sophie...“
„Sag doch einfach: mit dir auch“, schlug sie weich vor.
Es schien ihm wie der absolute Höhepunkt einer unfassbaren Harmonie. Er fühlte sich wirklich fast wie außerhalb von Raum und Zeit, er wünschte sich, die Zeit anzuhalten, etwas Unsagbares erfüllte ihn, eine grenzenlose Wehmut, die eins war mit einem Gefühl des Allerheiligsten und zugleich gänzlich Unverdientem, niemals Verdientem, jetzt nicht, künftig nicht, und er würde es nicht ,behalten’ dürfen... Es würde ihm wieder genommen werden...
Und dann flossen die Tränen.
„Mit dir auch – –“, schluchzte er unterdrückt.
Sofort richtete sie sich auf.
„Michael...“
Sie umarmte ihn zärtlich, tröstend.
„Was ist denn jetzt wieder...“, sprach sie tröstend auf ihn ein, wie zu einem kleinen Kind, gleichzeitig liebend wie ein Engel, so berührend.
Die Tränen wurden mehr, mühsam unterdrückte er erneut zumindest halbwegs das Schluchzen, das immer wieder heraufkommen wollte.
„Michael...“
Hilflos erwiderte er ihre Umarmung.
Zärtlich und fürsorglich sagte sie nah an seinem Ohr:
„Du darfst nicht immer weinen... Hörst du? – – Das ist gar nicht nett... Sophie weiß dann immer gar nicht, was sie machen soll...“
Er musste schluchzend kurz auflachen – sie war so süß...! Sie machte es so berührend vollkommen...
„Oh Sophie...“, presste er in ihrer Umarmung hervor. „Womit habe ich das verdient...? Ich – wusste ja nicht – – wie schön ein Mädchen sein kann...“
Sie schien zu lächeln.
„Meinst du jetzt wieder ... Miss Innerlich...?“
Er musste geradezu wehmütig wieder auflachen.
„Ja... Ja, natürlich... Es ist so unfassbar, Sophie... Ich kann es nicht begreifen...“
Jetzt löste sie sich von ihm, um ihn wieder ansehen zu können.
„Was kannst du nicht begreifen? Dass man dich lieben kann? Als Mädchen...?“
Er musste den Blick senken – sie war zu schön...
„Ja... Du... Dass du es kannst, Sophie... Du bist wie ein Engel...“
Sie lächelte.
„Du meinst – alle anderen könnten es eher...?“
„Ich meine das mit dem ,verdient’, Sophie. Du bist so schön – ich kann es einfach nicht begreifen, wie ... man das verdient haben kann...“
Wieder lächelte sie.
„Meinst du jetzt auch ... Miss Äußerlich?“
Er lachte beschämt auf.
„Ja... Sophie, ich ... ich weiß nicht, warum mir das ... so heilig ist...“
Wieder lächelte sie zärtlich-gütig.
„Du musst dich nicht entschuldigen, Michael...“
Hilflos erwiderte er ihren Blick. Sie hielt ihn fest.
„Hörst du? Du musst dich nicht entschuldigen.“
Sein Blick sank dennoch wieder...
„Michael...“, wiederholte sie. „Ich weiß doch, dass du mich schön findest... Ich weiß es doch...“
Er vermochte es, seinen Blick beschämt wieder zu ihr zu erheben.
„Aber findest du es nicht schlimm? Du sollst einen Fünfzigjährigen lieben – und bist selbst das schönste Mädchen, das es je gegeben hat?“
Ihr tröstendes Lächeln...
„Na, irgendwas muss er ja auch zurückkriegen...“
Er konnte nur leicht den Kopf schütteln, hilflos.
„Er bekam immer zuerst, Sophie. Er war es, der nur zurückgeben kann. Er wurde immer nur beschenkt...“
„Aber dafür kann ich nichts!“, bekannte sie. „Ich habe sie ja auch nicht verdient! Miss Schönheit...“
Ihre aufrichtigen Augen...
Sie war Trägerin einer Schönheit, die auch sie sich nicht gesucht hatte. Nicht ausgesucht. Sie war gleichsam erwählt worden...
„Aber verstehst du es?“, fragte er leise, scheu, nur ein Hauch von Bitte. „Verstehst du es, dass ich ... auch das liebe? Dass mich das von Anfang an so sehr berührt hat? Zusammen mit deiner inneren Schönheit? Dieser Einklang...?“
„Ja...“
„Wirklich?“
„Ja!“, lachte sie. „Was willst du denn jetzt hören?“
„Ich weiß auch nicht“, erwiderte er hilflos.
„Ich verstehe es, weil du es nicht besitzen willst...“
Er senkte demütig den Kopf.
„Trotzdem findest du es schön, wenn das schöne Mädchen bei dir ist...“
Gequält lachte er kurz auf.
„Ja...“, gestand er beschämt.
„Und sie ist es gerne“, erwiderte sie. „Verstehst du? Hörst du mir überhaupt zu...?“
Wieder erhob er irgendwie den Blick zu ihr.
„Ja ... aber ich verstehe es nicht...“
Sie atmete einmal aus, wie vor einer größeren Aufgabe.
„Ich kann auch nichts dafür, Michael...“, wiederholte sie eindringlich. „Dass ich anscheinend so schön bin und du ... Miss Schönheit so magst... Ganz egoistisch gesehen kann ich ja nur froh sein, weil ... sonst wär das alles nie passiert...“
Sie hatte es wieder in lakonischer Unschuld auf den Punkt gebracht.
„Schämst du dich, weil du mich schön findest – auch äußerlich?“
„Ja – schon...“
Sie lächelte, und er verstand es nicht.
„Weißt du“, sagte sie dann, „wie süß es für ein Mädchen ist, wenn ein Mann sich dann so schämt...?“
Er lächelte beschämt und wagte wieder, sie anzusehen.
„Es ist unglaublich süß, Michael... Du versteht es einfach nicht... Aber es ist so.“
Er konnte es nicht fassen, wie alles sich immer wieder zu einer Harmonie bildete – das Reich der Seele war von einer so unermesslichen Weisheit...
„Und weißt du“, sagte sie, „du schämst dich, weil es äußerlich ist – und weil du es nicht verdient hast. Aber wie gesagt – ich habe es auch nicht verdient. Also, wie gesagt, aus meiner Sicht, bin ich die Einzige, die etwas bekommt...“
Er musste berührt auflachen.
Jetzt lachte auch sie.
„Ja, wirklich! Du lachst! Aber ist doch so... Du bekommst lauter Sachen, für die ich nichts kann – und ich bekomme ... lauter Sachen, die niemand sonst bekommt!“
„Ich bekomme“, erwiderte er leise, „auch lauter ,Sachen’, die niemand sonst bekommt.“
„Jeder“, lächelte sie, „bekommt doch junge schöne Mädchen...“
„Ja, aber niemand begreift, was er da bekommt. Niemand kann es spüren... Niemand begreift ... die Engelnatur eines Mädchens!“
„Oh nein!“, sagte sie mahnend. „Jetzt nicht wieder das Thema!“
„Aber“, erwiderte er demütig, „du kannst für sehr vieles etwas, Sophia. Es ist dieser unglaubliche Einklang. Du weißt ja, Miss Hingabe... Es ist ein Wunder, wie du das machst.“
„Du hast es mir ja beigebracht.“
„Nein. Ich habe dir nur die Türen geöffnet. Zu einem tieferen Verständnis dieser Geheimnisse der Seele. Beibringen kann man niemandem etwas. Er wird immer nur entfalten, was er selber mitgebracht hat. Ich konnte dir nur helfen, es zu verstehen. Was alles möglich ist – und was du mitgebracht hast...“
Sie schwieg berührt.
„Okay...“, sagte sie leise. „Aber du verstehst immer noch nicht, warum ich zu dir komme?“
„Doch, das schon.“
„Warum ich es so liebe, mich in deinen Arm zu kuscheln?“
„Das schon weniger“, lächelte er.
„Oder das andere, du weißt schon...?“
„Das am wenigsten, Sophie...“
„Aber auch das ist ein ,unglaublicher Einklang’. So, wie du sprichst, so kuschelst du auch ... und so bist du auch da zärtlich... Wieso verstehst du das denn nicht?“
„Weil es mit einem alten Körper nicht mehr schön ist, Sophie!“
Sie lächelte ungerührt.
„Okay...“, erwiderte sie, scheinbar bereitwillig. „Aber ... du bist ja erst mittelalt...“
„Mittelalt? Und was ist bei dir dann alt?“
„Älter als du eben. Verstehst du denn nicht? Meine Freundin denkt, du bist steinalt. Hätte ich vielleicht auch gedacht ... habe ich vielleicht auch so ein bisschen am Anfang gedacht... Aber das verschiebt sich eben, verstehst du?“
„Ich fühle mich immer so hilflos in diesem Körper, Sophie...“
„Das weiß ich doch...“, erwiderte sie zärtlich. „Aber auch das – – findet ein Mädchen süß, verstehst du?“
„Wirklich?“
„Na ja, weiß nicht“, lächelte sie, „vielleicht überlege ich mir’s noch anders...“
Er musste lachen.
Sie wurde wieder sehr ernst und sagte:
„Ich bin schön und du bist süß, Michael. Verstehst du? Aber du bist viel mehr als nur das. Deswegen ist es mit dir ja so schön! Du bist mittelalt, aber das macht nichts. Und du bist unglaublich perfekt. Was soll man sich denn noch wünschen? Babyspeck? Will ich nicht mehr... Vor allem fehlt dann der ganze Rest... Und sonst? Gut, du ... du hast diese schüchternen Jungen ins Spiel gebracht. Aber, ehrlich gesagt – – ist mir der schüchterne Mann viel lieber...“
Wieder musste er über ihre unschuldigen Ausführungen berührt lächeln.
„Das verstehst du doch?“, fragte sie fast besorgt.
„Es bleibt mir nichts anderes übrig, als es demütig hinzunehmen, Sophie...“
„Miss Demut!“, lächelte sie. „Mir der hast du es auch...“
„Ja“, lächelte er.
„Ich sage nur: süß...!“
Ihre Augen funkelten zärtlich neckend.
„Sophie – wie kann man nur so schön sein...“
„Ich bin nur bei dir so! Verstehst du das nicht? So bin ich nur bei dir! Es hängt alles von diesem Mann ab, der ... sich so schämt, dieses Schöne zu haben, der gar nicht glaubt, dass er auf ihr liegen darf ... aber der selbst so schön in allem ist, dass sie gar nicht versteht, wie sie das alles ,verdient’ hat – außer, dass sie noch ein bisschen besser versteht als er, dass es darum gar nicht geht. Es geht nicht darum. Es geht darum, dass wir beide sehr, sehr glücklich miteinander sind. Du schenkst mir unendlich viel, jedes Mal, allein schon das Kuscheln, um gar nicht zu erwähnen, worüber wir sprechen – und das andere erst recht nicht. Und ich – na ja, ich ... okay ... ich schenke dir auch was, wofür ich gar nichts kann, und das andere, dafür kann ich auch nichts, weil ich so nur bei dir bin, also eigentlich kannst nur du dafür was...“
Sie war so grenzenlos süß, dass er völlig hilflos war. Sie hatte ihn mit ihrer unschuldigen Logik völlig besiegt – er würde ihr etwas anderes nie erklären können. Sie hatte sich verschanzt hinter der unschuldigen Auffassung, es nicht anerkennen zu wollen.
„Unschuldig...“, flüsterte er.
„Ja“, wisperte sie. „Unschuldig bist du...“
Er schüttelte leise den Kopf.
„Doch.“
„Ich bin alt ... oder mittelalt ... aber nicht unschuldig.“
„Doch. Soll ich es dir beweisen?“
„Wie denn?“
„Soll ich?“
„Ja...?“
„Okay. Also ... du fühlst dich schuldig. Stimmt’s?“
„Ja.“
„Und warum?“
„Sag du es mir.“
„Weil du mit mir ,ins Bett gehst’, stimmt’s?“
„Ja.“
„Weil du denkst, du bekommst etwas, was du überhaupt nicht verdienst hast – nie.“
„Ja.“
„Das schöne Mädchen...“
Er nickte.
„Bei ihr ist alles schön, bei dir ist alles nicht schön ... denkst du.“
Wieder nickte er.
„Und du hast das Gefühl, du hast es nicht verdient.“
„Ja.“
„Aber du hast es auch nicht verdient, schon so alt zu sein – mittelalt. Das hast du nicht verdient. Schon deshalb bist du unschuldig. Und du bist unschuldig, weil du glaubst, dass du es nicht verdient hast – das schöne Mädchen, meine ich. Weil du zu ihr so zärtlich bist wie niemand sonst. Miss Scheu, verstehst du?! Miss Heilig! Du bist einfach unschuldig. Du weißt, dass das Mädchen schöner ist als du – äußerlich –, aber du fühlst dich schuldig – und deshalb bist du unschuldig. Fertig, Punkt, aus. Ich diskutiere auch nicht...“
Sie berührte ihn bis ins Innerste.
„Du denkst, du hast es nicht verdient – aber gerade weil du das denkst, hast du es verdient. Verstehst du? Du denkst, du allein bekommst etwas, aber du gibst mehr, als jeder andere geben könnte – wenn das allein nicht schon unschuldig ist, dann weiß ich nicht, was sonst...“
Sie sah ihn funkelnd an, überzeugt von ihrer unbesiegbaren Logik.
„Du denkst, du hast das schöne Mädchen im Bett – und das sei schlimm. Das Problem ist nur: Sie will ja nirgendwo anders sein! In keinem anderen Bett, meine ich. Du fühlst dich schuldig – aber du bist der einzige weit und breit, sie jedenfalls findet dich unschuldig. Sie findet höchstens sich schuldig, weil du dir so viele Gedanken machst. Und sie findet jeden anderen schuldiger, der sich ja keine Gedanken machen würde, das schöne Mädchen im Bett zu haben. Etwa weil er genauso jung ist wie sie? Ist das ein Grund, sich nicht schuldig zu fühlen? Nach deiner Logik müsste er ja gleichzeitig genauso schön sein wie sie? Ist das jemand? Ich meine, nach deiner Logik? Wieso soll sich der Junge weniger schämen? Aber hat er mich dann verdient? Bloß, weil er jung ist, so jung wie ich? Bloß deshalb?
Und du bloß deshalb nicht, weil du älter bist? Mittelalt? Bloß weil du ... ungefähr vierunddreißig Jahre älter bist? Was sind schon vierunddreißig Jahre – ich meine, dreimal so alt wie ich, ja und? Dafür eben auch zehnmal so weise, unendlich mal so weise, außerdem unendlich zärtlich, unendlich Geborgenheit – und unendlich unschuldig. Nicht, weil er nicht wüsste, dass er das schöne Mädchen im Bett hat – sondern weil er gar nichts für sein Alter kann, sie nichts für ihr Alter und überhaupt, weil er schüchterner und aufrichtiger und besser ist als jeder andere. Deshalb.
Du denkst, unschuldig wärst du nur, wenn du erkennen würdest, dass ein mittelalter Mann das schöne Mädchen nicht mehr verdient hat. Aber das hat überhaupt nichts mehr mit Logik zu tun. Das schöne Mädchen hat der verdient, des es glücklich macht. Nicht der, der am gleichaltrigsten ist, sondern der, der ihr am meisten schenkt, denn genau deshalb fühlt sie sich bei ihm so wohl und glücklich. Unschuldig bist du, weil du sie liebst und nie geglaubt hast, dass sie dir auch sich schenken könnte... Aber sie hat sich angekuschelt und sie ist mit dir ins Bett gegangen – und sie findet es wunderschön... Und so ist sie der lebendige Beweis dafür, dass du unschuldig bist. Denn das entscheidet sie ... und nicht du...“
Er war völlig besiegt. Gegen diese Logik würde er niemals mehr argumentieren können. Sie hatte endgültig Tatsachen geschaffen. Die Tatsachen ihrer eigenen Empfindungen...
„Du bist ein Wunder, Sophie... Ich kann nichts mehr sagen... Ich ... ich verstehe es nicht...“
„Dann ist ja gut“, lächelte sie. „Ich hatte schon Angst, ich müsse ewig reden...“
Zufrieden kuschelte sie sich wieder bei ihm ein.
Nach einer ganzen Weile des Schweigens fragte sie:
„Woran denkst du?“
„Ich bin noch immer sprachlos, fassungslos...“
„Aber – noch lange?“
Er lächelte wehmütig.
„In gewisser Weise wahrscheinlich mein restliches Leben lang...“
„Aber du wirst schon noch was sagen, oder?“
„Ja.“
„Auch heute noch?“
Er streichelte ihr Haar.
„Was willst du denn hören?“, fragte er zärtlich.
„Dass du mir glaubst...“
Ihre weiche Stimme.
„Ich glaube deinen Empfindungen, Sophie. Wenn du so empfindest, dann bin ich unschuldig...“
„Okay...“, sagte sie zufrieden. Dann fügte sie hinzu: „Jetzt kann ich den ganzen Rest des Tages mit dir einfach so schweigend kuscheln, wenn du möchtest... Auch das ist wunderschön...“
Was ein Mann einem Jungen voraus hat (III) (S. 432-434)
„Michael?“, sie richtete sich auf.
„Ja?“, fragte er fast erschrocken, ja scheu.
„Hast du Angst, meine Liebe zu verlieren?“
„Ja – –“, erwiderte er schließlich aufrichtig.
„An wen?“
Ihre warmen Augen hielten seinen beschämten Blick trotz allem unerbittlich fest.
„Ich weiß nicht...“, erwiderte er unsicher.
„K-Pop? Gleichaltrige...?“
„Ja? Vielleicht...?“, murmelte er.
„Oder bisschen älter vielleicht sogar?“
„Ja...?“
„Du hast gesagt, der Sänger von ,Coldplay’ ist auch sympathisch, das stimmt... Wie alt schätzt du ihn?“
„Ich weiß nicht“, erwiderte er unsicher, in die Enge getrieben. „Fünfunddreißig vielleicht? Was meinst du, Sophie?“
„Ich will es nur wissen. Vor wem du Angst hast...“
„Jeder könnte dein Herz gewinnen, Sophie. Du hast dich sogar von Jungen berühren lassen, die du bisher ganz übersehen hattest. Du hast so ein gutes Herz und so viel Hingabekraft. Jeder könnte es gewinnen.“
„Sogar du...“
Wieder hatte sie ihn tief beschämt. Er senkte seinen Kopf und stammelte:
„Es tut mir so leid, Sophie...! Du musst denken, dass ich total undankbare wäre ... aber ich habe nur Angst. Du weißt, wie es ist. Ich halte mich nur für unwürdig und –“
„Und bist es nicht! Glaubst du nicht, ich könnte mich nicht auch in den Sänger von ,Coldplay’ verlieben? Mit fünfunddreißig? Er sieht süß aus... Ich habe ihn mal mit den K-Pop-Jungen verglichen. Und weißt du was? Ich habe nach diesen ganzen Babyspeck-Jungen überhaupt keinen ,Bedarf’ mehr! Sollen sie doch andere süß finden! Ich weiß gar nicht mehr, was ich damit soll... Der Sänger von ,Coldplay’ ist dagegen schon besser... Und weißt du, seit wann sich das geändert hat? Seit ich dich kenne! Und wie gesagt – das Video ist über zehn Jahre alt. In Wirklichkeit ist er inzwischen fast so alt wie du. Und soll ich dir noch was sagen? Er sieht immer noch toll aus! Du musst dich also nicht im Geringsten schämen.
Weißt du, was ich durch dich gerade lerne? Dass es überhaupt nicht wichtig ist, ob jemand äußerlich toll aussieht – als Mann, meine ich. Ich sage nichts dagegen, dass du mich wunderschön findest... Das bin ich auch gerne – für dich... Aber du musst nicht denken, dass du schön sein musst. Du musst nicht schöner sein, als du es bist. Und du brauchst keine Angst vor den ganzen K-Pop-Jungen haben, nicht vor Chris Martin und nicht vor schüchternen Jungen, die ich vielleicht inzwischen sogar am ernstesten nehmen würde, weil ich es durch dich gelernt habe, sie zu sehen. Aber nicht jetzt, verstehst du? Jetzt interessiert mich keiner von denen, die da draußen rumlaufen! Auch keiner, der gut aussieht. Gleichaltrig ist und gut aussieht. Verstehst du? Er interessiert mich nicht. Mich interessiert nur eines. Bei dir sein, mit dir kuscheln, mit dir reden ... und mit dir das andere machen... Nichts davon und von allem anderen wäre mit irgendwem anders auch nur vergleichbar! Du denkst, ist habe keinen Vergleich? Doch, man kann es sich schließlich vorstellen. Und abgesehen davon brauche ich aber auch gar keinen Vergleich – denn wozu?
Keine Angst, Michael... Soll ich es noch einmal wiederholen? Die ganzen Babyspeck-Jungen interessieren mich nicht. Die schüchternen Jungen lassen wir jetzt mal ebenso, die hast nur du ins Spiel gebracht. Und so jemand wie Chris Martin ist ziemlich süß ... aber auch er interessiert mich nicht! So, jetzt müsstest du es aber doch langsam verstehen...“
Wenn der Altersunterschied zu groß wird (S. 436-438)
Und dann dieses heilige andere Wunder. Dieses zärtlichste Einander-gegenüber-Liegen, mit vielleicht drei Handbreit Abstand, in größter Nähe, die Augen des Anderen, vor allem ihre Augen, wie klare Gebirgsseen, nein, wie ein Meer von Seele, die Heimat, der heilige Ort, der magische Zielpunkt, der Mittelpunkt ... der gesamten Welt... Eintauchen in ihre Augen... Nie mehr sich wieder lösen müssen... Welche heiligen Momente ... der zärtlichen Vereinigung ... der Blicke, der Seelen...
„Ich will immer bei dir bleiben...“, wiederholte sie in zartem Weh, mit zarter Entschiedenheit.
Wieder konnte er nicht sprechen, nur in fassungsloser Liebe ihren Blick erwidern.
„Willst du es auch?“, fragte sie innig.
„Ich wünschte mir nichts anderes in meinen Träumen, Sophia...“
„Warum sagst du jetzt wieder ,Sophia’?“, klagte sie.
„Weil dies dein wahrer Name ist, Sophie... Meine Seele liebt dich so sehr, dass ich dich nie, nie verlieren wollen würde. Aber sie will auch nicht an der Wahrheit, nicht an der Weisheit und nicht an deinem Glück vorbei. Die Wahrheit ist, dass wir das Schicksal und die heilige Weisheit dieses Schicksals nicht kennen. Wir können nichts anderes tun, als uns jetzt in einer grenzenlosen Tiefe zu lieben und uns jetzt diese Liebe in größter, heiliger Tiefe zu beweisen. Und von diesem Beweis wird nie etwas genommen werden – selbst wenn dein leuchtender Schicksalsfaden eines Tages noch andere Wege gehen muss...“
„Das geht nicht“, klagte sie. „Es wäre kein Beweis mehr...“
„Die Wahrheit der Seele ist eine andere, Sophie. Der Beweis ist jetzt da, verstehst du? Er kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Niemand kann ihn je wieder umwerfen – auch du nicht. Von welchem Standpunkt du später auch zurückblicken wirst: Du wirst wissen, dass du mich geliebt hast, mit allem, was du hast... Du wirst es wissen, denn du hast den Beweis...“
„Aber was habe ich davon, dass ich dich geliebt habe...?“, klagte sie.
„Alles. Du würdest mich ja weiter lieben, nur würde jemand anderes dein Mittelpunkt werden. Deine Liebe zu mir würde ja nicht aufhören, aber jemand anderes würde dein Stern werden... Deine Geborgenheit. Und er darf es, Sophia...“
„Es ist so schrecklich, was du da sagst...“
„Es ist nicht schrecklich. Deine Liebe möchte dies nicht hören, deine Liebe würde sich als Verräterin an sich selbst fühlen. Aber sie ist es nicht, Sophie. Sie ist es nicht... Sie ist das Schönste, was je existiert hat. Sie ist so grenzenlos aufrichtig, wahrhaftig... Und sie kann nicht in die Zukunft sehen. Und das muss sie auch gar nicht. Sie kann nichts versprechen – und das soll sie auch nie...“
„Aber Millionen Menschen versprechen sich etwas... Sie heiraten zum Beispiel...“
Er lächelte.
„Weißt du noch, dass ich dich jederzeit heiraten würde? Für dich war es unvorstellbar...“
Sie musste nun ebenfalls lächeln, als sie sich an diese Zeit erinnerte.
„Aber warum kann ich es dir jetzt nicht versprechen?“, fragte sie dann wieder ernst und leidvoll.
„Weil du zu jung dafür bist, Sophia. Die Weisheit deines Lebensweges entfaltet sich erst. Du musst warten, wer dir in den nächsten fünf, zehn Jahren alles begegnet. Und mit Mitte zwanzig ist man dann langsam so weit, zu sagen: dieser wird es für immer sein. Ich weiß es... Und du weißt: Heutzutage wird noch immer jede zweite Ehe irgendwann geschieden, weil man es eben doch nicht wusste...“
„Mitte zwanzig?“, griff sie leise verzweifelt nur den Punkt heraus, der ihr in diesem Moment wichtig war. „Aber das ist doch verrückt. Ich soll noch zehn Jahre warten, damit du mir glaubst, dass ich dich liebe?“
„Ja“, lächelte er. „Dann bin ich sechzig und dann liebst du mich in jedem Fall nicht mehr... Nicht so... Du würdest nicht mehr mit mir schlafen wollen, Sophie... Und warum solltest du dich dann überhaupt an mich binden...? Was wäre der Sinn?“
Sie musste bestürzt die Endlichkeit dieses Lebens erkennen. Die Schnelligkeit des Alterns. Sie hatte verloren. Und nicht er hatte Recht behalten, sondern das Leben selbst – in seiner heiligen Unerbittlichkeit, die Schmerz gab, aber auch alles Kostbare...
„Ich liebe dich aber...“, sagte sie, mit plötzlichen Tränen in den Augen. „Ich liebe dich wirklich, Michael... Das musst du mir glauben...“
Sie schluchzte fast. Und dann schluchzte sie wirklich...
Er wischte ihre Tränen mit zärtlichster Geste von ihren Wangen.
„Ich glaube dir, Sophie...“, erwiderte er mit größter Liebe. „Ich habe niemandem je mehr geglaubt... Ich weiß es... Verstehst du? Ich weiß es...“
Sie sah ihn tränennass an.
„Michael...“, brachte sie halb schluchzend hervor. „Was sollen wir bloß machen...“
Auch aus seinen Augen tropften Tränen.
„Wir lassen das Glück einfach zu, Sophie... Was sollen wir denn sonst tun... Wir lassen es einfach zu...“
Sie schluchzte hilflos.
„Ja... Wir lassen es einfach zu...“, presste sie hervor.
Und dann weinte sie hilflos, und ihre ganze Verzweiflung brach sich in zarter Hilflosigkeit Bahn... Sie konnte das Leben nicht bekämpfen... Aber ihre Tränen waren vielleicht der größte Sieg überhaupt.
Heilige Seelentiefen und erschütternde Verflachung (S. 438-446)
„Ich will mit dir alles teilen, Michael... Wie macht man das? Alles von leichter Freude, Lachen ... und alles, bis hin zu Engeln und allem anderen.“
„Sophie...“, sagte er berührt.
„Wie macht man das?“, drängte sie, fast zart panisch, weil sie dachte, er wolle es ihr ausreden.
„Wir machen es einfach...“, versuchte er, sie zu beruhigen. „Ich weiß auch nicht, wie wir dahin kommen, aber wir werden es... Lachen ist natürlich schwer, wenn einem ganz unmittelbar schwere Wahrheiten durch die Seele ziehen, aber es werden Tage kommen, wo die Sonne wieder scheint, die Seele dies etwas vergessen kann und lachen kann, leicht sein darf, freudig...“
„Ich möchte jeden Tag mit dir alles haben...“
„Das ist eine heilige Aufgabe, Sophie. Man muss die Gefahr vermeiden, dass es dann zu gewollt wird. Es bleibt nur dann aufrichtig, wenn es seine Unschuld behält. Man kann es nicht planen.“
Sie verstummte betroffen.
„Aber das“, sagte er, „ist es, was wir lernen werden. Niemand ist unschuldiger als du, Sophie... Wenn es jemandem gelingt, dann uns...“
Ihr Gesicht hellte sich wieder auf.
„Und was machen wir jetzt...“, fragte sie fast scheu. „Willst du ... willst du erst einmal von den Engeln sprechen?“
Ihr guter Wille berührte ihn tief. Dennoch fürchtete er, sie wieder überfordern zu können. Und so antwortete er schließlich:
„Vielleicht kann ich auch erst einmal über den Humor sprechen. Es ist schließlich in Wirklichkeit auch eine ernste Frage, und so haben wir erst einmal ein Gleichgewicht, und wer weiß, vielleicht landen wir ja schließlich sogar bei den Engeln...“
„Okay...“, sagte sie fast glücklich und mit einer weichen Hingabe.
Ihre Augen waren reine Hingabe, als sie ihn nun voller Erwartung anblickte.
Einen Moment kam ihm der Gedanke, dass eine ,hörige’ Seele nicht anders geblickt hätte, aber schockiert wies er ihn wieder von sich. Doch dann begriff er noch die Schönheit dieses Wortes: hörig... Es war reine Hingabe, reines Zuhören... Welch eine Schönheit lag darin eigentlich...
„Der Humor, Sophie...“, wisperte er in zärtlichster Liebe. „Also der Humor ... ist sozusagen wie das Glitzern auf den Wellen des Lebens. Wenn er unschuldig ist, ist er im Grunde der Glanz, das Leuchten, diese Leichte... Er ist nicht einfach Freude, er ist Lachen, er ist Befreiung der Seele aus aller Schwere.
Er ist das Gegenteil von Schwere. Aber die Schwere ist auch mit der Tiefe verwandt, auch mit dem Heiligen. Der Humor ist eigentlich auch das Gegenteil von Tiefe, er hebt die Seele heraus. Humor kann zwar geistreich sein, aber nicht tief und auch nicht heilig. Es gibt keinen heiligen Humor. Allerdings ist unschuldige Freude etwas Heiliges, auch unschuldiges Lachen ist eigentlich etwas Heiliges... Verstehst du? Der Humor ist nicht heilig, aber das Lachen der Seele, ihre Unschuld – das ist heilig... Es geht darum, sich immer diese Unschuld zu bewahren...“
„Und wie macht man das?“, wisperte sie hingebungsvoll.
,Hörig’... Sie besaß eine so heilige Gabe...
Er dachte einige Momente nach. Suchte nach dem nächsten Ansatz, den richtigen Worten.
„Durch Liebe... Man muss die Unschuld lieben lernen. Ebenso wie die Wahrhaftigkeit die Wahrheit liebt, und nichts als die Wahrheit, ebenso liebt die Unschuld das Unschuldige – und bleibt darin. Die Unschuld spürt, wo es flach wird, zum Beispiel, oder selbstbezogen oder gehässig oder alles Mögliche andere. Die Unschuld meidet dies, weil sie sich leise und zart abgestoßen fühlt davon. Sie empfindet ebenfalls wahrhaftig – nur eben in der Qualität des Unschuldigen.
Heutzutage ... basiert der Humor eben allzu oft auf dem Flachen. Das sind dann sprichwörtlich die ,Lacher’ oder sogar die ,Schenkelklopfer’, wo man sich also vor Lachen auf die Schenkel klopft, aber die Witze gehen auf Kosten von anderen. Sie machen die Seele hässlich. Je lauter die Leute lachen, desto hässlicher sind die Witze. Oberflächlich und vor allem seelenlos.
Eine andere Kategorie ist jener Humor, der sich heute regelrecht aggressiv aufdrängt. Immer mehr hat man heute das Gefühl, geradezu lustig sein zu müssen. Immer einen Witz auf den Lippen haben zu müssen, immer einen lässigen Lacher – und so weiter. Wer heute nicht ab und zu einen Witz ,auf Lager hat’, ist praktisch schon durchgefallen. Man performt nur noch als ,humorvoller’ Mensch, der mit Witzen geradezu gespickt ist – der sie gekonnt, zum Beispiel auf Partys, aus dem Ärmel schütteln kann. Um den scharen sich dann die Leute, weil man das auch gern wäre: ach Gott, so humorvoll! Solche Leute werden regelrecht bewundert.“
„Das stimmt. Ich weiß, was du meinst. Aber verstanden habe ich das auch nie...“
„Das ist großartig, Sophie. Siehst du? Du hast ein sehr wahrhaftiges Empfinden, das dir die Wahrheit sagt. Du spürst es...
Aber selbst der ernstere Humor, der aufrichtigere, steht vor der Gefahr, flach zu werden, wenn man ihn regelrecht sucht. Wenn man sozusagen zwanghaft humorvoll sein wollen würde. Man kann Situationen nicht herbeizwingen. Das ist genauso wie die Leute, die in einem Krankenzimmer zwanghaft versuchen, die Stimmung irgendwie aufzuheitern – oder bei einem ernsten Thema regelrecht nervös werden, weil sie den Ernst nicht aushalten. Und so ist heute mehr und mehr die ganze Welt.
Aber allgemein gilt eben: Je bewusster man versucht, den Humor zu steuern, wirklich zu steuern, zu kontrollieren, zu planen – desto mehr wird man scheitern, weil der Humor dann seelenlos wird, buchstäblich ,gewollt’. Der Humor entzieht sich der Kontrolle. Man kann sich umgekehrt nur ihm hingeben. Und das ist dieses Unschuldige. Das man sich nur auf das Gebiet des Humors begeben kann – aber viel mehr auch nicht tun kann...“
„Aber das kann man? Sich hinbegeben?“
„Ja. Nur muss man achtgeben beim Hin-und-her-Wechseln. Wenn man sich in das Leichte begibt, besteht eben die Gefahr, dass man das Tiefe verliert. Man kann noch so heilig gemeinsam über etwas gesprochen haben – aber wenn man dann auf einmal lustig wird, kann das zuvor Besprochene dadurch regelrecht entwertet werden, auch ganz real in der eigenen Seele. Das Heilige muss auch bleiben dürfen – und der Humor hat seine Zeit. Er kann nicht jedes Mal da sein. Man kann sich das nicht zum Vorsatz machen. Oder man bräuchte die Fähigkeit, es wirklich in ganz getrennten Reichen seiner eigenen Seele zu beschützen. Das Heilige bleibt tief heilig – und mit einer anderen Seite der Seele kann ich plötzlich wieder über etwas ganz anderes lachen...
Aber das muss man sehr vorsichtig lernen. Nehmen wir noch einmal das Beispiel mit der Kirche. Ich kann mich nicht am Vormittag dem Heiligsten überhaupt hingegeben haben – und eine halbe Stunde später am Mittagstisch schon wieder über irgendetwas in Lachen ausbrechen. Das funktioniert so nicht. Wo ist der Vormittag dann geblieben?“
„Ich verstehe...“, erwiderte sie leise.
„Aber eine unschuldige Seele könnte das, Sophia. Sie würde nichts von dem Gottesdienst, dem Heiligen verlieren, es würde tief in ihrer Seele einfach lebendig sein – und mit einem anderen Teil ihrer Seele könnte sie unschuldig lachen. In ihr wäre beides miteinander heilig verbunden, weil es auf geheimnisvolle Weise gleichzeitig bleibt...“
Sie schwieg hingegeben – und scheu zweifelnd, ob das auch ihr gelingen würde.
„Was einem wirklich heilig ist, Sophie, das kann einem nicht genommen werden. Dahin muss man kommen. Die Seele bis in die Tiefen tauchen ... sodass ihr auch in der Leichte diese Tiefen bleiben...
Das ist eigentlich auch der heilige Sinn des Begriffes ,Taufe’. Die Seele tauft sich mit etwas, das ihr bleibt... Das ihr nicht mehr genommen werden kann...“
„Ich dachte, man wird getauft?“
„Ja, aber es geht ja um das Wesen dessen, was da geschieht. Dann kann man es auch auf anderes übertragen. Die Kindestaufe ist sozusagen eine heilige Handlung, wo das Kind nur empfängt – und auch gar nicht weiß, was es da empfängt. Es ist ein objektives Geschehen, das Kind muss es gar nicht wissen.
Und was ich vorhin meinte, ist aber ein bewusstes Geschehen. Die sich selbst bewusst gewordene Seele tut hier selbst etwas. Sie begibt sich in die heiligen Tiefen, die das Kind nur bekommen hat, aber nun tut es die Seele selbst. Sie begibt sich in diese Tiefen – und tut dies in einer solchen Hingabe, dass die Tiefen sich auch zu ihr begeben. Sie tauft sich mit diesen Tiefen, weil auch sie eigentlich getauft wird, denn die Tiefen bleiben bei ihr... Aber es war ihre Hingabe, die dies ermöglichte. Deswegen kann man beides sagen: Sie tauft sich – das ist diese heilige Hingabe –, und sie wird getauft – das sind die Tiefen, die bei ihr bleiben...“
„Aber die Tiefen ... wer sind denn diese Tiefen? Bei dir klingt es so, als würden sie ,leben’...“
„Das tun sie auch. Im Grunde sind wir jetzt schon wieder bei den Engeln, Sophie. Aber man kann es offen lassen. Man ... es reicht, wenn man es heilig ahnt. Es reicht diese zarte Ehrfurcht. Es gibt eigentlich nichts Schöneres als diese zarte Ahnung ... dass die Tiefen etwas sind. Dass es das Kostbarste überhaupt ist, wenn sie bei einem bleiben – was sie können, weil sie lebendig sind. Weil sie einen umgeben wie ein lebendiges Kleid, wenn man sich ihnen hingegeben hat. Sie taufen einen mit dem Wasser des Lebens, das gleichsam nicht mehr verdunstet, der zärtliche Tau dieses Wassers überkleidet und durchdringt einen von da an mit einer heiligen Treue... Man verliert es nicht mehr... Aber dafür braucht man auch selbst Treue. Und das ist die Unschuld, die Hingabe, die Liebe zu diesem Heiligen, dieser Tiefe. Dann gibt sich die Tiefe auch einem. Das ist die Taufe...“
„Taufe, Tiefe, Tau, Treue...“, murmelte sie.
„Ja, in der heiligen Ursprache gehört dies vermutlich alles zusammen, ist ein großer Zusammenhang...“
„Und Taube... Der Vogel des Friedens...“
„Mit Sicherheit, Sophia...“
Sie blickte ihn an.
„Es ist niemand so wie du, Michael...“, wisperte sie. „Warum ist das so?“
Sein Lächeln blieb im Ungeborenen. Es war mehr trauriger Ernst, als er leise erwiderte:
„Die Seelen fliehen das Heilige, Sophie. Sie wagen es nicht mehr. Sie wagen es nicht mehr, sich darin zu bergen. Sie sind zu selbstbezogen geworden. Es fehlt ihnen die Unschuld. Sie können und wollen sich nicht mehr hingeben... Das Heilige aber braucht die Hingabe. Es fordert sie mit zärtlicher Strenge, bevor es sich selbst hingibt und schenkt.“
„Hingabe...“, wiederholte sie nachsinnend.
„Heute geben sich die Seelen dem äußeren Leben hin, Sophie. Die Verlockungen und das ,Angebot’ sind ja übermächtig. Du kannst dein ganzes Leben in diesem Angebot versinken und wirst noch immer nicht einen Bruchteil von allem konsumiert haben, was möglich gewesen wäre. Allein schon deshalb haben unzählige Seelen buchstäblich Angst, etwas zu versäumen, wenn sie nicht jede Minute an dieses Äußere hingeben. Dass sie aber das Wichtigste versäumen, ist niemandem klar. Sie versäumen ihre eigene Seele...“
„Das ist ja furchtbar...“
„Aber es ist normal. Schon den kleinsten Kindern wird es ja eingeredet, aufgedrängt: Grell, bunt, Plastik... Schon das kleine Kind wird in diese Art der Außenwelt gesaugt. Es kann sich gar nicht mehr für die Natur interessieren, sanft, allmählich, in Ruhe ... denn die aggressiven Reize der viel bunteren Plastikwelt und sehr schnell auch Bildschirmwelt sind ja viel intensiver. Selbst ich als Erwachsener will viele Plakate gar nicht anschauen – aber wenn ich das schaffen will, muss ich manchmal wirklich wie mit einem Tunnelblick durch die Straßen gehen, weil man davon umgeben ist!“
Sie lachte verständnisvoll auf.
„Das stimmt!“
„Und ein Kind kann sich dem gar nicht entziehen, es verfällt dem. Und nachdem die Kleinkind-Plastik-Phase vorbei ist, folgt schon die Bildschirmphase. Und da werdet ihr Mädchen ja auch wieder zu ungeheuer mächtigen Standardidealen konditioniert. Wie gesagt: Spaß haben, Tanzen, unschuldig mit Jungen flirten – oder wahlweise auch, möglichst früh irgendwie ,Sex haben’. Dann aber: mehr oder weniger oberflächliches ,Gegacker’, Getratsche und Getuschel mit den ,besten Freundinnen’, mit der Mädchenclique... Und natürlich ganz viel Musik und ganz viel Spaß und ganz viel coole Kleidung... Das war’s dann doch! So sieht doch das ,Leitbild’ aus, das Tag für Tag auf euch einprasselt, in Serien, in TikTok-Kurzvideos und was weiß ich noch alles...“
„Gegacker?“, lächelte sie zärtlich provokant. „Ich musste an ,Die wilden Hühner’ denken...“
„Aber ist doch wahr... ,Die wilden Hühner’ mögen vielleicht sogar ein bisschen anspruchsvoller gewesen sein – aber warum nennt man es überhaupt so? Es ist doch eine Schändung des ganzen Begriffes des Menschen und auch des Menschenbildes, sich auf Hühner zu reduzieren!“
„Es ist ja auch nicht wörtlich gemeint.“
„Nein, aber man sollte sich der Macht der Sprache bewusst sein. Indem solche Begriffe zirkulieren, wird die heilige Wahrheit der Seele schlagartig und machtvoll verdeckt – und wird es immer mehr. Wer Mädchen ,wilde Hühner’ nennt, egal, ob sie es vielleicht sogar selbst waren, weiß nichts mehr vom Menschen und von der Seele. Und das ist die Tragik. So einen Titel wie ,Die wilden Hühner’, hält man für normal – aber für die Seele und was sie in Wahrheit ist, interessiert sich keiner mehr.“
„Du hast Recht.“
„Ich habe immer Recht“, lächelte er. „Nur einmal habe ich mich geirrt.“
„Gar nicht!“, protestierte sie unmittelbar lachend. Dann wurde sie wieder ernst und sagte leise: „Doch... Sonst hast du immer Recht, Michael... Ich kenne keinen Menschen, der so viel immer Recht hat wie du...“
„Miss Wahrhaftigkeit“, lächelte er. „Ich kenne aber noch einen.“
„Wieso?“
„Weil sie auch diese Wahrhaftigkeit besitzt. Und diese Unschuld...“
„Ich weiß doch gar nichts! Nicht über die Seele und auch sonst nicht.“
„Diese heilige Bescheidenheit ist gerade der Schlüssel, Sophie. Gerade einer der größten Philosophen sagte: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Und alle, die angeblich so viel wissen, wissen so wenig, denn wie oft haben sie nicht Recht, sondern meinen nur, Recht zu haben – und wissen nichts von Miss Wahrhaftigkeit...“
„Du hast Recht...“
„Das wollte ich gar nicht.“
Sie musste lachen.
„Das ist dein Schicksal! Du hast leider immer Recht. So ein Pech auch...“
Jetzt musste auch er lachen. Sie war so süß...!
„Der Humor ist nur dann schön und berührend, wenn die Seele das Heilige und die Unschuld kennt. Das wollen die Seelen heute nicht mehr. Der heutige Humor ist nur cool und schlagfertig, lässig aus dem Ärmel geschüttelt, noch ein cooler Witz und noch einer. Schau dir die heutigen Animationsfilme an – es ist nur noch eklig. Es ist so abgestanden, so stereotyp ... und man merkt es nicht! Es ist diejenige Welle, die noch auf Jahre hinaus ,hip’ sein wird – und immer dekadenter werden wird, weil man es, wie alles, nur noch immer mehr steigern wird. Noch mehr abgestandene Witze in noch kürzerer Zeit. Und was sich dabei gleichzeitig steigern wird, ist die Seelenlosigkeit – obwohl ich immer schon denke, was kann sich daran noch steigern? Aber es tut es. Es wird immer schlimmer...“
„Ich hatte das nie so gesehen...“, erwiderte sie leise.
„Du hattest noch eine Art ,Welpenschutz’“, erwiderte er zärtlich. „Du bist ja selbst darin aufgewachsen. Auch will jede Seele dazugehören. Es zu durchschauen, mehr und mehr, bedeutet gleichzeitig, aus dem ganzen Zusammenhang aller übrigen Menschen herauszufallen – weißt du noch? Es ist schmerzhaft. Auch das ist ein Grund, warum es alle Menschen fliehen. Diese Erkenntnis. Lieber bleiben sie im abgestandenen, immer flacher werdenden Wasser, als Ausgestoßene zu werden, die niemand mehr versteht, weil man sie nicht verstehen will, denn es würde bedeuten, sich ebenfalls auszusondern...“
„Das ist echt schlimm“, stellte sie betroffen fest. „Die Situation ist echt schlimm...“
„Sie ist vor allem deshalb so schlimm, weil man es nicht versteht, Sophie. Ich verstehe es nicht! Das Kostbarste ist die Seele. Das Kostbarste ist das Heilige, das Tiefe, das Kostbare, ist die Unschuld, die Hingabe, die Fähigkeit der Scheu, der Ehrfurcht – das alles ist das Kostbarste ... und die Seelen fliehen es! Um ihrer billigen ,Freuden’ willen, die aus ein paar Quadratzentimeter Bildschirm bestehen und aus Chips, Filmabend und Markenklamotten. Was ist das? Wie tief ist die Seele gesunken? In eine absolute Sklaverei und oberflächliche Leere!
Und gleichzeitig weiß man noch irgendwo um die Wahrheit und vermarktet die Wahrheit der Unschuld, der Tiefe und des Kostbaren in irgendwelchen Hollywood-Filmen, wo die Menschen mit ihren eigenen, verschütteten Sehnsüchten konfrontiert werden, sich aber gleichzeitig gut unterhalten – und nach dem Kino in den nächsten Burger King gehen und ihre oberflächliche Lüge weiterleben...“
Das Feminin-Weibliche als Lehrerin der Seelenrettung (S. 449-453)
„Man muss lernen, die Seele groß zu empfinden, unendlich groß, ein heiliges Meer. Und hier müssen die heiligen Wahrheiten sinken, in die Tiefe... Dort, wo sie bleibend werden. Wo sie wirklich in das Wesen übergehen. Das Wesen der Seele. Wo sie sich bis auf den Grund zu ändern beginnt... Zu verwandeln...“
„Ich könnte dir stundenlang zuhören, Michael... Mein Leben lang...“
„Weißt du, was dies beweist, Sophie?“
„Dass ich dich liebe?“
„Ja... Das auch... Aber was ich meinte, war, dass es beweist, dass deine Seele dieses Meer ist. Alles, was ich sage und wovon ich spreche, ist dir eigentlich urbekannt – du hast es nur tief vergessen, wie alle anderen Seelen, als du auf diese Welt kamst. Aber du hast es weniger vergessen. Und jetzt begegnet es dir wieder – und du tauchst voller Hingabe darin ein, weil es alles, bis ins Einzelne, Heimat ist. Heilige Heimat. Der Schlüssel ist deine Hingabe. Sie hat dich vor dem Vergessen bewahrt. Sie lässt dich erkennen, was zu dir gehört, zu der Seele, zu ihrem unermesslichen Reich... Es ist grenzenlos. Aber du bist grenzenlos offen ... und deine Seele hat so viel Raum. Sie möchte nichts verlieren. Nichts von alledem, was sie mitgebracht hat und an das sie sich wieder erinnern möchte.
Verstehst du jetzt, warum ich manchmal glaube, dass deine äußere Schönheit nur deshalb so ergreifend ist, weil deine Seele es nicht geschafft hat, sich, als die Haut anfing, zu verbergen...?“
Sie sah ihn fast fassungslos an, weil sie den Sinn seiner letzten Worte überhaupt erst einmal verstehen musste. Dann war sie noch immer sprachlos. Aber schließlich fragte sie:
„Und wie hat deine Seele das geschafft?“
Er musste tief berührt lächeln. Und bevor sie denken konnte, dass ihre Worte möglicherweise auch bedeuten konnten, er sei hässlich, erwiderte er:
„Ich bin kein Mädchen, Sophia...“
„Aber –“
„Aber es ist schon so“, unterbrach er sie zärtlich. „Körper und Seele. Das passt auch wirklich hierher. Bei einem Mädchen sind Körper und Seele viel ungetrennter – und das erlebt man vor allem bei Mädchen, die sehr viel Seele haben. Aber auch bei den anderen. Bei den sehr seelenlosen Mädchen wirkt die äußere Schönheit tatsächlich wie eine tote Hülle. Bei Jungen und Männern ist das nie so drastisch erlebbar, weder das eine noch das andere. Selbst seelenlose Männer können noch eine gewisse Faszination ausstrahlen, weil in ihnen etwas anderes wirkt, ein Impuls der Macht oder was auch immer. Und sehr seelenvolle Männer oder Jungen ... sind natürlich auch schön, aber nie so schön wie eine Frau oder Mädchen. Das Weibliche scheint für diese Durchlässigkeit der Seele bis in den Leib wie geschaffen. Ein Mann muss ja auch noch ,standhaft’ sein und so was alles. Bei einer Frau ist Aufrichtigkeit und all das viel weicher. Sie ist dann auch standhaft, dennoch verletzlich, darf es auch sein, soll es auch sein, aber deswegen dringt alles Seelische bis in das Leibliche hinein, ohne dass es von anderen Aspekten behindert wird.“
„Aber deswegen hat man doch kein anderes Gesicht – oder sogar Körper!“
„Doch, natürlich. In jedem Gesicht und sogar in jedem Körper siehst du die mehr oder weniger große Oberflächlichkeit oder aber Tiefe. Und du siehst jede Nuance. Wie jemand geht. Wie jemand dich anschaut. Jede Bewegung. Du siehst alles, was jemand innerlich ist. Aber eben auch, was jemand verkörpern muss oder aber nicht zu verkörpern braucht, so dass unendlich viel Raum für anderes bleibt. Und das Berührende bei Frauen und Mädchen war, zumindest bis vor einiger Zeit, das sie ganz viel nicht zu verkörpern brauchten – sodass grenzenlos viel Raum für die viel heiligeren Seiten der Seele blieb: Hingabe, Zärtlichkeit, Weichheit, Verletzlichkeit...“
Sie lächelte etwas provokativ.
„Also eine Frau soll hingebungsvoll und zärtlich, weich und verletzlich sein?“
Er lächelte ebenfalls.
„Der Fehler des Patriarchats, Sophia, war, dass sie all dies für den Mann sein sollte. Das war der Fehler – nicht diese heiligen Qualitäten an sich. Wie willst du je Kriege beenden, die Natur bewahren und wieder aufrichtig lieben lernen, auch alle anderen Menschen lieben lernen und zu einer Welt des Friedens und der Liebe kommen, wenn diese Qualitäten sich nicht in der Seele ausbreiten können, und zwar in größter Tiefe...?“
„Aber dann gilt das doch nicht nur für Frauen!“
„Nein, es gilt auch für Mädchen...“
„Was?!“
Er lachte.
„Ich wollte dich doch nur ärgern... Liebevoll necken... Nicht ärgern. Nein, Sophie. Es gilt für alle. Es gilt für die Männer am meisten. Aber wie sollen es die Männer denn je lernen, wenn ihre heiligen Lehrerinnen aussterben? Hast du dir das einmal überlegt?“
„Können Sie es nicht selbst lernen?“, fragte sie etwas widerständig.
„Offensichtlich nicht. Hast du schon einmal einen Mann etwas selbst lernen gesehen?“
„Nein!“, lachte sie spontan.
„Siehst du.“
„Es gibt einen...“, erwiderte sie jetzt leise, „der kann alles. Und alle anderen können – nur das Übliche...“
„So kann man es auch ausdrücken“, lächelte er. „Und das Übliche ist dann eben: Konkurrenz, Kapitalismus, Krieg, König, Kaiser, Kälte. Siehst du? Auch alles Wörter mit einem Buchstaben. Aber das ,K’ drückt nun wirklich eine Härte und Kälte aus, ist offenbar ganz anders als das viel heiligere ,T’... Überleg mal... Taufe... Kaufen... Was für ein erschreckender Unterschied...“
„Stimmt...“, sagte sie leise. „Ist das ... kein Zufall?“
„Offenbar nicht. Wie wird das K gebildet? Man stößt es tief aus der Kehle hervor. So kann es neben der Härte auch regelrecht Verachtung ausdrücken. Ketzer... Kotzen... Aber auch der ,Körper’ ist ein sehr kalt gewordener Begriff. Deswegen spricht Steiner oft von dem Leib, das ist noch viel heiliger.“
„Das ist ja alles unglaublich wichtig... Wieso weiß man das alles nicht?“
„Weil man sich buchstäblich seit Jahrhunderten nicht mehr dafür interessiert. Weil man sich entschieden hat, seinen Blick ganz nach außen zu richten. Man glaubt ja auch gar nicht mehr daran, dass irgendwelche Laute irgendeine Wirkung auf die Seele hätten! Wie auch, wenn man selbst an die Seele gar nicht mehr glaubt! Aber die Macht der Sprache ist sehr groß. Und indem die Sprache immer mehr ,verhunzt’ wird, wird auch die Seele immer mehr verhunzt. Denn so, wie sie spricht, ist sie auch. Deswegen sehe ich mit Grausen all diese Tendenzen von ,Hip-Hop’, einer immer erbärmlicheren ,Jugendsprache’, aber auch überhaupt diese ungeheuerliche Indifferenz und Gleichgültigkeit gegenüber der Sprache, bis hin zur Kommasetzung. Man muss nicht jedes Komma setzen können, aber jedes Bewusstsein gegenüber der Sprache, jede kleinste Ehrfurcht ihr gegenüber heiligt auch die Seele selbst ein wenig. Denn die Sprache ist sozusagen die Haut der Seele. So, wie sie spricht, ist sie. Sie ist entweder wunderschön oder sehr hässlich – und das geht bis in die Sprache, geht aber auch von ihr aus... Die Seele wird von ihrer Sprache geprägt.“
„Aber ... ist meine Sprache denn anders als ... zum Beispiel die von meiner Freundin?“
„Es ist ja nicht eins zu eins. Und außer der Sprache wirkt zum Glück ja noch sehr viel anderes. Manche Seele kann sich in der heutigen Sprache buchstäblich sehr geschützt bewegen, weil sie geschützt ist von einer noch sehr starken Unschuld, von Wahrhaftigkeit und anderem. Aber allein schon dies wird auch ihre Sprache verändern. Wenn es nicht die Worte sind, ist es die Art, wie sie sie ausspricht, was in ihrer Stimme lebt und so weiter, verstehst du?“
„Aber bin ich da so unterschiedlich?“
„Da liegen Welten, Sophie! Weißt du noch, wie wir uns begegnet sind? Wie du um mich besorgt warst? Es waren nicht nur Worte – es war die Wärme, in der diese Besorgtheit lag, oder die Besorgtheit wurde zu Wärme. Ich habe dir immer gesagt, kein anderes Mädchen hätte so reagiert. Wenn möglicherweise sogar mit ähnlichen Worten, dann nicht mit derselben Aufrichtigkeit, mit derselben Wärme. Und so wirst du auch nicht jedes Wort benutzen, das die heutige Sprache dir ,anbietet’. Du musst auf die Nuancen achten...“
„Du hast Recht. Jetzt, wo du es sagst! Ich habe tatsächlich manche Worte nie gemocht und nie benutzt. Zum Beispiel ,Geil’ ... oder ,Alter’ oder ... ich weiß nicht. So was...“
„Siehst du? Und solche scheinbaren Kleinigkeiten sagen unendlich viel aus, denn dahinter steht etwas viel Größeres. Eine zarte Empfindungsfähigkeit, die sehr weit in die Tiefe reicht.“
„Okay...“, erwiderte sie staunend, fast ehrfürchtig.
Sie schweigen eine zarte Weile. Dann sagte sie:
„Deine Sprache ist manchmal richtig poetisch...“
„Na ja...“, wehrte er ab.
„Es fällt mir jedes Mal auf.“
Unschuld, Verletzlichkeit, Schönheit – Märchen und Verwandlung des Mannes (S. 455-461)
Sie lächelte.
„Du bist süß, wenn du so redest, Michael...“
„Und deine Schönheit ist wirklich unfassbar, Sophie... Du weißt gar nicht, wie schön du bist... Wie verletzlich auch diese Brust ist, selbst wenn man nur ihren Ansatz sieht. Es ist so unbeschreiblich. Du wirst es nie verstehen, Sophie. Aber es ist magisch. Es überwältigt einen zart mit seiner Schönheit... Es macht einen hilflos und man fragt sich, ob es jemals wieder irgendeinen Krieg oder irgendeinen Kapitalismus oder irgendeinen schlimmen Moment geben könnte, wenn jeder Mensch einmal so einem Mädchen wie dir gegenübergelegen hätte... Mit reiner Seele, sich berühren lassend...“
„Aber“, erwiderte sie etwas verlegen, „wenn die Seele rein wäre, müsste man sich gar nicht mehr berühren lassen...“
„Du hast Recht. Und wenn sie nicht rein wäre, würde man es gar nicht sehen. Würde man gar nicht erschüttert werden... Aber ich verstehe es nicht. Eigentlich müsste die Seele schon rein werden, wenn sie dir nur gegenüberliegt. Egal, wie verdorben sie bis dahin geworden ist. Wenn die Seele in dem einen Moment ehrlich genug gegenüber sich selbst wäre, müsste das geschehen...“
„Nur, weil sie den ,Ansatz meiner Brust’ sieht?“
„Die ganze Verletzlichkeit, Sophia! Die ganze Unschuld. Das nicht mehr Beschreibbare. Selbst Poesie reicht hier vielleicht nicht mehr. Ich kann es nicht beschreiben. Und du verstehst es auch nicht, vielleicht verstehst du es ansatzweise. Du ... du hast die Taube erwähnt. Das heilige Symbol des Friedens. Aber ein Mädchen ... ein Mädchen in seiner unendlichen Schönheit, Verletzlichkeit, Wehrlosigkeit ist noch viel intensiver ... kein Symbol, sondern eine Wirklichkeit.
Glaub mir, Sophie. Weißt du ... ich muss gerade an die Märchen denken. Auch Schneewittchen, aber auch alle anderen. Märchen sind eigentlich Bilder der Seele, Wahrbilder. Es geht eigentlich nicht um etwas Äußeres, es geht eigentlich um die Seele selbst. Und das Realbild für die Seele ist immer das Mädchen. Für die reine Seele! Aber was bedeutet das dann? Wenn am Ende der Prinz oder der mutige Jüngling, von woher auch immer er kommt, die Königstochter bekommt, dann wäre das eigentlich ein Bild für die Heilung seiner Seele – denn er gewinnt in gewisser Weise die Unschuld wieder. Du siehst, auch hier heilt das Mädchen...“
„Aber das weiß man ja nicht, das Märchen ist ja dann immer zu Ende.“
„Trotzdem. Der Prinz wagt ja schon vorher sein Leben für die Königstochter, weil außer ihrer Schönheit für ihn nichts anderes mehr zählt, nichts anderes mehr Wert hat. Nur noch sie zählt für ihn. Es ist aber ihre innerlich-äußerliche Schönheit, es ist die Schönheit der Seele selbst, die Königstochter, das Mädchen, verkörpert sie nur. Sie ist das einzige Ziel des Prinzen. Es geht um die Heilung der Seele, Sophie, glaub mir.“
„Okay, ich glaube dir... Aber was ist mit den anderen Märchen? Wo das Mädchen keine Königstochter ist, sondern, im Gegenteil, den Königssohn bekommt? Aschenputtel zum Beispiel?“
„Da ist es im Prinzip das Gleiche, nur etwas anders. Da geht es noch viel unmittelbarer um die Seele. Denn es ist ja völlig offensichtlich, dass Aschenputtel die reine Seele hat und ihre Schwester kein bisschen. In dem Fall symbolisiert der Prinz dann die Wahrheit dieser Schönheit. Dadurch, dass Aschenputtel am Ende Prinzessin wird, offenbart das Märchen, dass sie von Anfang an die wahre Schönheit besaß. Es wird sichtbar, was schon immer der Fall war. Wie bei ,Frau Holle’. Da gibt es überhaupt keinen Prinzen, aber am Ende ist es der Goldregen, der offenbart, wer die schöne Seele hat – nämlich die Goldmarie...“
„Also deiner Meinung nach ist in den Märchen immer das Mädchen das Entscheidende? Auch in den anderen?“
„Nicht nur meiner Meinung nach, das haben auch andere herausgearbeitet, sogar wieder Anthroposophen. Nicht Rudolf Steiner selbst, aber sozusagen seine Schüler.“
„Okay, interessant... Ich habe nämlich immer die Märchen nicht gemocht, in denen die Prinzessin nur die ,Belohnung’ für den Prinzen war, ohne überhaupt selbst gefragt zu werden...“
„Ja, das verstehe ich sehr gut“, lächelte er zärtlich. „Das ist aber nur ein ganz äußeres Verständnis, wie es unsere ganze Kultur nicht mehr besser hat. Ein anderes Verständnis ist wahrscheinlich schon sehr, sehr früh wieder verlorengegangen. Aber sobald man sich den Märchen heilig nähert und sie als Bilder für seelische Geheimnisse ernst nehmen könnte, könnte auch dieser ganz andere Sinn wieder aufleuchten. Stell dir vor, man wüsste, dass jede Vermählung eines Jünglings mit der schönen Königstochter in Wirklichkeit seine völlige Verwandlung bedeuten würde...“
„Aber bist du sicher, dass es das bedeutet?“
„Jedes Märchen hat so viele Bedeutungsebenen, Sophie. Man kann sie natürlich auch ausblenden. Auf der anderen Seite: Die Volksweisheit mag die Märchen sogar geschaffen haben, ohne daran auch nur zu denken. Aber sie tragen diesen Aspekt in sich. Sagen wir, man kann sie so verstehen. Und diese Bedeutungsebene ist die heiligste. Jeder ist frei darin, sie sehen zu lernen oder nicht. Auch hier geht es nicht darum, nur das zu sehen, was man beweisen kann. Überall geht es darum, auch das zu sehen, was man nicht mehr beweisen kann. Erst da beginnt das Heilige ja. Und auch die Seele...“
„Bist du jetzt ein bisschen böse auf mich...?“
„Um Gottes willen, nein, Sophie! Und deine Fragen sind ja auch völlig berechtigt. Wie heißt es so oft? Sicher ist nur der Tod. Alles andere müssen die Menschen, müssen die Seelen, selbst zu einer Sicherheit machen. Und wenn sie zunächst nur persönlich ist – es ist dann eine gewonnene Sicherheit. Zumindest aber ein Glaube. Eine Überzeugung, die das Leben reicher macht. Und das Leben der anderen, die es nicht wagen, Dinge zu denken, die sich zunächst nicht beweisen lassen, bleibt ärmer, bleibt äußerlich, denn sie können sich nur am Äußeren festhalten. Sie wollen Sicherheit – und sie bekommen Sicherheit. Das Äußere, das sich beweisen lässt.
Sicher ist also nur der Tod. Aber selbst, was der Tod ist, weiß man nicht. Was ist also überhaupt sicher? Gar nichts... Das ganze Leben müssen wir uns schaffen! Alles, was menschlich ist, müssen wir uns schaffen. Wir müssen Frieden schaffen. Wir müssen Liebe schaffen. Wir müssen unser eigenes Verständnis dessen schaffen, was Märchen eigentlich sind, was in ihnen vielleicht für eine sehr heilige Bedeutung liegt. Dasselbe gilt für alles. Auch für die Brust eines Mädchens. Jeder kann sich hinstellen und sagen: Die Brust eines Mädchens ist auch nicht verletzlicher als jedes verdammte Meerschweinchen, du Schwätzer, bleib mal auf dem Boden...! Es ist nun einmal so, Sophia – die einfachen Wahrheiten kann man beweisen. Die heiligeren nicht...“
„Ich schäme mich, was ich gesagt habe...“; sagte sie leise.
„Das brauchst du nicht, Sophie! Es war ja nicht nur dein Bedürfnis nach Sicherheit. Es ist ja auch die Wahrhaftigkeit, die wissen will, ob etwas ,wahr’ ist oder nicht. Nur muss die Wahrhaftigkeit an diesem Punkt eben auch ... eine Art heiliges Schwimmen lernen, verstehst du? Es wagen lernen, sich auf mögliche Bedeutungsaspekte einzulassen. Die Frage ist dann nicht, ob sie objektiv-äußerlich wahr sind, sondern ob es innerlich wahr und tief und kostbar ist, an sie zu glauben. Das gerade sind dann die inneren Beweise – bevor sie vielleicht noch tiefer werden, weil, wenn man mit ihnen erst einmal lebt, die Seele immer sicherer wird, dass sie wahr sein müssen. Sie beweisen ihre Wahrheit eben genau durch diese Fruchtbarkeit, die sie in der Seele haben. Sie beschenken die Seele mit ihrer Kostbarkeit, und immer sicherer wird die Seele, dass es Wahrheit sein muss... Aber beweisen kann sie es nicht...“
„Ich verstehe... Aber ich schäme mich trotzdem noch immer.“
„Es reicht, wenn deine Seele gleichzeitig die Geborgenheit empfindet, dass sie es nicht muss. Du hast mich nicht einen Hauch enttäuscht, Sophie! Aber deine Seele will vor mir so schön wie möglich sein – wie auch ich vor dir. Das gerade ist unser heiliges Idealisieren des anderen. Dem anderen verzeihen wir unendlich viel, nur uns nicht. Das ist auch etwas sehr Schönes. Und auch Scham ist etwas sehr Schönes. Wir tragen ein Idealbild von uns selbst in uns – und die Scham gibt uns heilige Kraft, diesem idealen Bild so nahe wie möglich zu kommen, immer wieder und auch immer mehr. Schäm dich nicht, Sophie... Aber wenn doch: dann liebe dieses Ideal von dir selbst und sieh die Scham selbst als eine Ermutigung. Miss Scham, Sophie! Die Scham als treue Begleiterin hinauf – sie soll dich nicht hinabziehen. Miss Scham erinnert uns an unsere Fehler. Aber sie liebt uns – lieben auch wir sie, denn wir sind es ja selbst. Und nächstes Mal werden wir es wieder besser als beim letzten Mal machen. Jede heilige Entwicklung ist nicht ohne Fehler möglich, Sophie. Sie sind nichts Schlimmes. Auch sie sind unschuldig. Denn wir wollten sie nicht machen. Und wir haben sie nicht gemacht. Es sind keine Fehler. Es sind Schritte, Sophie...“
Sie musste leise weinen.
„Was du sagst, ist immer wieder so schön, Michael...! So unbeschreiblich schön... Ich habe keine Worte dafür... Ich bin so glücklich mit dir. Das sind die einzigen Worte, die ich dafür hab...“
Auch seine Augen wurden feucht.
„Manchmal glaube ich, Sophie...“, brachte er hervor, „wir kommen selbst aus einem Märchen...“
„Ich auch...“
„Ich wusste nicht, dass es so etwas gibt, Sophie...“, sagte er leise, erschüttert. „Diese Art von ... Begegnung. Du weißt, dass es immer mein Ideal war. Aber ich wusste nicht – –. Es war mein Ideal ... ich wusste immer, dass es möglich sein muss. Muss! Aber mit wem...? Mit wem... Ich dachte immer, es müsse eine weit entwickelte Seele sein, die ganz gewiss auch die Anthroposophie kennt. Ein absoluter Freund – oder eine Frau, eine seelenvolle Frau, mit der man sich sozusagen wortlos versteht... Diese unendliche Harmonie...
Es ist so beschämend, so unendlich beschämend, dass ich nicht im Traum daran gedacht habe, dass es ... ein Mädchen sein könnte, mit dem dies alles nicht nur möglich, sondern Wahrheit werden würde! Und das nach alledem, was ich dir eben über die Märchen gesagt habe. Ich schäme mich so, Sophie! Wirklich...“
Ihre Augen waren jetzt auf einmal ganz Mitleid...
„Michael... Du musstest mir doch sogar erst beibringen, wie man das macht ... dass das Wirklichkeit wird... Eigentlich ist es ganz und gar dein Verdienst. Du hast dir dieses Mädchen sozusagen selbst geschaffen...“
„Nein“, erwiderte er schmerzlich, weil ihre letzten Worte ihm wehtaten, sie tat sich selbst so unendlich Unrecht. „Ich habe es von Anfang an nur gesehen, Sophie. Und vielleicht nicht einmal bewusst. Aber meine Liebe ... hat es gesehen. Ich war deiner Schönheit so sehr verfallen... Aber ich wusste, dass es irgendeine Harmonie geben muss – zwischen deiner äußeren Schönheit und dem großen, tiefen Rest, den ich nur ahnen konnte, weil du so lieb warst, zu mir, in dem Moment... Ich verliebte mich so vollkommen in dich, Sophia, so rettungslos...“
„Mein Glück...“
„Vermutlich sah ich in dir so etwas wie dieses Märchen-Ideal, ohne es zu realisieren. Wahrscheinlich projizierte ich all meine lebenslangen Hoffnungen in diesem Moment in dich ... aber mit dem Wissen, dass es möglich sein musste. Wenn überhaupt noch mit irgendeinem Menschen, dann mit dir...“
„Und so war es dann ja auch... Aber wie unglaublich viel musstest du dafür leiden...!“
„Du ja auch, Sophie... Diese Unsicherheit – was ich von dir will... Diese Belastung, diese von dir ja gespürten Dinge, auch dieser Druck, weißt du noch? All das... Du hast doch auch unglaublich viel gelitten!“
„Aber du mehr – denn dir fehlte ich...“
„Ich weiß nicht, wer mehr leidet, Sophie. Denn gleichzeitig hatte ich dich ja – ich hatte diese grenzenlose Schönheit, und nur du fühltest diesen Druck...“
„Mach dir keine Gedanken“, sagte sie zärtlich. „Offenbar brauchte ich diesen Druck ja... Ich darf gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn du am Ende trotzdem nicht gesagt hättest, dass ich mich endlich trauen solle...“
„Du solltest ja nicht... Es war eine Bitte... Es zu wagen...“
„Das meinte ich ja“, lächelte sie.
„Du bist meine Königstochter, Sophie.“
„Aber die schöne Seele hast du ihr gegeben. Und du bist noch lange nicht fertig...“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich habe dir nur geholfen, das Prinzessinnenkleid anzulegen, das dir schon immer gehört hat. Du hattest es nur ... hinter einer alten Schatztruhe vergessen.“
„Und hatte ich Erbsen gezählt ... oder so etwas?“, lächelte sie scheu.
„Ja...“
„Und wer sind die bösen Stiefschwestern?“
„Unsere ganze Kultur.“
Sie schwieg nachdenklich.
„Die von der Seele nichts wissen will, sie aber hässlich macht, selbst hässlich ist, alles auf das Äußere richtet, auf Besitz, Genuss, Spaß und Unterhaltung. Sie ist eins zu eins die Stiefschwestern, Sophie.“
Was ein Mann einem Jungen voraus hat (IV) (S. 462-464)
„Ich muss dir noch was erzählen...“
„Was denn, Sophie?“
„Etwas ziemlich Trauriges...“
„Wirklich?“
Eine Furcht stieg in ihm auf.
„Na ja, es betrifft mich nur indirekt – aber traurig ist es.“
„Was ist es denn?“
„Meine Freundin erzählte mir diese Woche, dass sie mit ihrem Freund auch das erste Mal ... ,Sex gehabt’ hat.“
„Ach so...?“
„Ja. So sagte sie es. ,Das erste Mal Sex gehabt’. Das war ihr anscheinend irgendwie wichtig...“
„Und ... was hat sie noch gesagt?“
„Das habe ich sie auch gefragt. Wie es ,war’...“
„Und was sagte sie?“
„,Joaa....’“
„Mehr nicht?“
„Wir haben noch ein bisschen darüber gesprochen. Es ging, meinte sie. Sie wusste noch nicht genau, was sie davon halten sollte. Es war ganz schön. Aber so schön nun auch wieder nicht.“
„Hatte sie denn einen Höhepunkt bekommen?“
„Ich glaube nicht. Sie wusste es nicht genau. Aber dann kann sie ihn ja eigentlich nicht bekommen haben, oder?“
„Nein...“
„Ich fand es sehr traurig – und ich habe viel darüber nachgedacht.“
„Ja?“
„Ja. Denkst du, bei mir und bei meinem ehemaligen Freund wäre es anderes gewesen? Nach dem, was sie mir am Mittwoch erzählt hat, glaube ich immer weniger, dass ich bei ihm auch nur irgendeinen Höhepunkt bekommen hätte!“
„Wenn du ihn noch geliebt und dich ihm hingegeben hättest, hättest du vielleicht viel leichter als sie ihn bekommen.“
„Denkst du?“
„Dann ja. Aber vielleicht wäre deine empfindsame Seele auch durch welche Nuancen auch immer enttäuscht worden und du hättest nichts davon empfinden können...“
„Siehst du? Aber es ist ohnehin egal, und enttäuscht worden wäre ich so oder so. Aber für sie ist es traurig. Ich frage mich, was sie gemacht haben...“
„Na ja, heute sagt man doch ... ,rumgemacht’, oder?“
„Ja – und was heißt das dann?“
„Alles Mögliche eben. Ein bisschen ,Rumknutschen’... Ein bisschen ,Fummeln’... Schon all diese Begriffe sind doch so seelenlos, Sophie! Es ist doch kein Wunder, dass viele Mädchen am Ende so wenig erleben. Wie sollen sie auch? Ein weibliches Wesen kann den Höhepunkt nur erleben, wenn es sich ganz hingeben kann. Aber wie soll das möglich sein, wenn es durch das, was all diese Begriffe ausdrücken, bereits auf halber Strecke stehenbleibt? Weil es einfach nicht innig genug wird? Weil es nicht wirklich Liebe ist...?“
„Das frage ich mich jetzt auch immer mehr. Ich hab mich nicht getraut, mit ihr darüber zu sprechen. Ich meine, wie sollte ich das machen? Aber ich weiß ja selbst nicht... Ich komme mir nur selbst auf einmal fünf Jahre reifer vor – im Vergleich, verstehst du? Deswegen sage ich ja ... Gleichaltrige? Ich wüsste gar nicht, was ich mit ihrem Freund soll...! Und ich darf mir gar nicht vorstellen, wie er mich dann ,befummeln’ würde! Oder was sie nun wirklich gemacht haben... Es gruselt mich schon bei der Vorstellung – ich will das nicht! Aber ist das nicht traurig? Sie sagte, sie habe ,das erste Mal Sex gehabt’... Es ist so trostlos...“
Schneewittchen und der Kapitalismus (S. 487-492)
„[...] Oder es wäre ihr schnell langweilig geworden, irgendetwas. Sie hätte keine Angst vor bestimmten Themen gehabt, sie hätte sie abgelehnt. Sie hätte flapsige Bemerkungen gemacht. Sie hätte die Scheu nicht so kennengelernt wie du. Sie hätte tausend Dinge nicht! Oder alles weniger tief, weniger beharrlich, weniger innig, weniger geduldig, weniger hingebungsvoll – weniger Schneewittchen, wenn du so willst!“
Sie musste lachen.
„Also jetzt hast du es wieder mit ihr...!“
„Es fiel mir im letzten Moment ein, ich musste es bis auf diese Deutlichkeit bringen, Sophie. Es mag dir vielleicht doch nicht so gefallen, aber es ist so. Schneewittchen ist deine Schwester – und weitere Geschwister hat sie nicht. Das ist einfach das Traurige...“
„Okay...“, erwiderte sie zögernd. „Aber es ist einfach schwer, das so zu denken...!“
„Lerne doch, deine Schwester wirklich zu lieben, Sophie! Sie hat nur dich...“
„Wenn du so sprichst, berührt es mich gleich wieder, Michael... Das sollst du nicht...“
„Aber lass dich berühren, Sophie. Warum willst du denn deine Schwester verraten...“
„Hör auf!“, lachte sie verschämt, etwas scheu.
„Ich höre auf, Sophie. Aber ich meine es durchaus sehr ernst. Ich meine es ernst. Sie ist deine Schwester. Du kannst sie ablehnen. Aber sie bleibt deine Schwester. Auch wenn du mit ihr nichts zu tun haben willst. Dann ist sie ganz allein. War sie ja schon immer... Jetzt hat sie gedacht, sie hätte doch jemanden... Du ... du hast keine Verpflichtungen, Sophie. Ich will nur, dass du die Realitäten erkennst, erlebst, zulässt. Du kannst dein Wesen von ihr weg-entwickeln. Aber im Moment gehen wir ihr entgegen, verstehst du? Ich bin ihr doch auch nah...“
„Okay, dann traue ich mich wieder! Das ist was anderes... Das hättest du mal sagen sollen! Jetzt hast du wieder fast etwas nicht gesagt! Warum bloß nicht?“
„Ich weiß auch nicht...“, erwiderte er tief berührt über ihre unmittelbare Reaktion, ihren ersten Satz. „Vielleicht ... weil ich mich selbst so sehr vergesse und es mir nur um dich geht? Oder um die reine Wahrheit und deinen Mut, sie auch ohne mich zu vertreten...? Um deinen Mut, deinem Wesen ins Auge zu blicken, ohne sogleich meine Hilfe zu bekommen? Du hast sie ja... Aber du brauchst auch den Mut, zu den Kostbarkeiten ganz allein zu stehen. Und ich bin Schneewittchen zwar ähnlich, aber ich bin kein Mädchen. Wie ähnlich du ihr bist, das kann ich so einfach nie erreichen...“
„Ich bin Schneewittchen nicht wirklich ähnlich...“
„Aber auf dem Weg zu ihr, du wirst ihr immer ähnlicher. Und das meine ich nicht humorvoll, auch wenn es so klingt. Es geht darum, dass deine Seele immer schöner wird – obwohl sie schon schön war! Und schön nicht für die Augen eines Mannes, das auch, aber für die Augen der Engel. Und damit sind wir wieder bei ihnen... Denn alle Kostbarkeiten sind wie gesagt auch heilige Engelsubstanz. Es geht um etwas Heiliges.
Wenn Männer das seit jeher idealisiert haben, so war dies sozusagen der letzte Funken Verstand, den Männer da hatten. Nur reichte er nicht einmal mehr so weit, das auch auf sich selbst zu übertragen. Sie wollten nur die Mädchen und Frauen so schön haben wie Engel, sie selbst aber wollten bleiben, wie sie waren. Aber in den besten Männern und Jungen wurde tatsächlich ganz real der beste Teil ihrer Seele berührt, wenn sie so eine Frau, so ein Mädchen sahen: reines Herz, eine leuchtende Liebe zum Guten, eine tiefe Fähigkeit der Hingabe... Es gibt männliche Wesen, die für so ein weibliches Wesen gestorben wären – denk an den Pelikan! Der reinste Teil der Seele... Ich muss gerade an den Minnesang denken, hast du davon schon gehört?“
„Nicht so wirklich...“
„Das war sozusagen der heilige Idealismus des Mittelalters. Ein Mann verliebte sich in eine adlige Frau, die er nie ,bekommen’ würde können, aber er schrieb edle Gedichte, gab sozusagen all seine Gedanken diesem weiblichen Wesen hin, schrieb ihr Briefe, versprach ihr seinen ewigen Dienst und so weiter. Warum sage ich das? Weil die Minnesänger die entsprechende Frau also idealisierten – für sie war diese Frau die edelste, unschuldigste, reinste ... und ihre Seele wurde davon tatsächlich verwandelt. Die Minnesänger übten tatsächlich eine tiefste Hingabe und damit das, was sonst nur von den weiblichen Wesen verlangt wurde. Und daran siehst du, dass es um alle Menschen geht. Die Minnesänger haben es vorgemacht. Und die sprichwörtlichen ,edlen Ritter’ auf andere Weise. Natürlich waren es dann andere Eigenschaften. Der edle Ritter war nicht unschuldig wie die Frau oder gar das Mädchen, aber er war auch unschuldig, weil er seine Seele unschuldig hielt in Bezug auf all die Grobheiten und Plattheiten, die andere Männer in ihre Seele einließen... Und natürlich waren auch die meisten Ritter keineswegs edel. Du weißt wahrscheinlich, wie im Mittelalter bei Tisch gerülpst wurde, wie viele Frauen und Mädchen vergewaltigt wurden und so weiter. Immer gab es nur wenige Menschen, die einen Weg zur Läuterung und Veredelung ihrer Seele gingen...“
„Was heißt Läuterung?“
„Veredelung, aber es ist ein sehr schönes Wort. Es ist das gleiche Wort wie ,lauter’ – ein lauteres Herz haben, das bedeutet unglaublich rein. Im Äußerlichen hat die Läuterung mit der Veredelung von Erzen, Metallen zu tun. In dem Schmelzprozess wurden alle Unreinheiten ausgeschmolzen, und übrig blieb das reine Erz. Sozusagen wie pures Gold. Es ist sozusagen die Heiligung des Metallgemisches, so, wie die Läuterung der Seele ihre Heiligung ist. Alles Unreine wird aufgelöst, verwandelt oder ausgeschieden...“
Sie schwieg nachsinnend, und er fügte hinzu:
„Vielleicht bin ich also eher der edle Ritter – und du die Schwester von Schneewittchen. Bei dem männlichen Wesen ist der Weg der Veredelung einfach ein etwas anderer.“
„Wie anders?“
„Du kannst es ja spüren. Ein edler Ritter ist sehr anders als ein Schneewittchen. Aber sie passen unendlich gut zusammen. Der Ritter muss ja zum Beispiel auch mutig sein, muss sie verteidigen können, sie muss sich bei ihm einkuscheln können und sich geborgen fühlen können. Während sie ganz Hingabe sein darf, muss er auch Wachsamkeit sein, Achtsamkeit, ob sie etwas braucht... Und so weiter...“
„Ob sie etwas braucht?“, fragte sie lächelnd. „Du meinst zu trinken und so?“
„Hast du Durst?“, lächelte er.
„Nein. Aber sie vielleicht...“
„Ja, ich meinte das durchaus bis ins Materielle. Er trug das schöne Schneewittchen ja buchstäblich auf Händen. Er hätte alles für sie getan.“
„Du meinst, die edlen Ritter haben zum Beispiel gekocht?“
„Na ja, das ist jetzt vielleicht etwas zu weitgehend...“, lächelte er humorvoll.
„Wieso?!“, erwiderte sie sofort.
„Na ja, auf der anderen Seite, sollte das wunderschöne Schneewittchen ja auch kein verwöhntes Ding werden... Der Ritter wollte garantiert auch sich nicht von vorne bis hinten bedienen lassen. Aber er hatte ja sicherlich eine verantwortungsvolle Aufgabe am Hof, und wenn er abends nach Hause kam, war es das liebende Schneewittchen, das auf ihn wartete und mit aller Liebe und Hingabe das Essen bereits zubereitet hatte...“
„Und heute? Ich meine, heute haben doch auch Frauen Berufe...“
„Ja, heute ist es sehr schwierig geworden, ein Schneewittchen zu sein.“
„Du meinst, ich soll später für irgendeinen Mann kochen?“
Er musste fast lachen.
„Na ja, wenn das so schrecklich ist, weiß ich nicht, ob du ihn liebst. Wenn nicht, musst du ihn ja gar nicht nehmen...“
„Willst du, dass ich für dich koche?“
„Nein, Sophie. Aber du bist auch keine Frau. Für dich würde ich alles tun. Ich würde liebend gern jeden Tag für dich kochen...“
„Und wenn ich eine Frau wäre, dann?“
„Du meinst, wenn die Frau arbeiten würde und ich nicht, also ich nur den Haushalt machen müsste?“
„Nur? Denkst du, das ist wenig?“
„Na ja – im Moment muss ich ja auch kochen, Wäsche waschen und die Wohnung halbwegs sauber halten, so nebenbei...“
„Okay...“
„Also wenn die Frau arbeiten würde und ich sie lieben würde, würde ich gerne kochen und alles andere machen. Trotzdem würde ich nur eine Frau lieben, die anschmiegsam und sanft und ein bisschen unschuldig ist. Die Frage ist also, welchen Beruf sie überhaupt haben könnte. Eine sehr liebevolle Ärztin vielleicht... Bevor du gleich wieder etwas sagst, denk lieber nach!“, sagte er zärtlich. „Ja, Frauen sollten alle Berufe ausüben können – aber ich muss nicht jede Frau lieben. Und die meisten Berufe sind eben von Männern geschaffen und haben in dieser von Männern geprägten Welt männliche Nuance. Auch Frauen müssen sich heute in ihren Berufen durchsetzen. Soll ich dir was sagen? Ich hasse das... Ich hasse es, dass Frauen in diese männliche Welt hineingezogen werden und sich verkaufen. Ihr Wesen verkaufen. Ich muss es so deutlich sagen. Sie wollen erfolgreich und gleichberechtigt sein – und sind dies dann auch. Bravo... In einer von vorn bis hinten maskulinen Welt. In der die Ellbogen und das Geld regieren. Bravo. Schneewittchen würde sich im Grabe umdrehen – denn begraben hat man es ja...“
Sie schwieg nachdenklich, vielleicht auch ein wenig irritiert, vielleicht sogar etwas abgestoßen?
„Sophie...“, fragte er leise. „Bist du mir jetzt böse? Findest du das ... irritierend? Abstoßend? Oder so was...?“
Sie sah zu ihm hoch.
„Du bist süß, Michael...“
Er war so unendlich erleichtert...
Dann sah sie noch einmal zu ihm hoch und fragte verschmitzt:
„Aber am meisten würde dir also gefallen, wenn die Frau kocht, oder? Wenn sie keinen Beruf hätte, sondern auf dich wartet ... weil du am Hof ,wichtige Dinge’ zu tun hast...?“
Er musste lachen.
„Ja – ich denke schon.“
„Soso...“, sagte sie.
„Sophie... Vielleicht ist es auch einfach nur das generelle Leid, das meine Seele empfindet, wie ... lassen wir es bei diesem ehrlichen Bild ... Schneewittchen begraben wird. Und ich mache es noch drastischer: Sie ist nicht tot, sie wird lebendig begraben. So wie wir den reinen Teil unserer Seele verschütten, obwohl er existiert.
Weißt du, ich würde liebend gerne für dich kochen und sämtliche Männer dieser Welt ,an den Herd’ schicken, wenn ich wüsste, dass dann die Mädchen und Frauen auf völlig andere Weise die Berufe ergreifen und neue schaffen und diese Welt sanft machen – sanft, weiblich, friedvoll, wunderschön. Nicht alle Hecken und Vögel vernichten, um riesige Äcker für riesige Maschinen zu haben, während Gifte den Boden zerstören – sondern mit Hilfe der Männer neue Hecken pflanzen; statt Krieg gegen die Natur zu führen, diese wieder zurückholen; auch wieder Zeit für alte und kranke Menschen haben, statt mit Knieprothesen Geld verdienen zu wollen und die Minuten zu zählen, in der man einer alten Frau gehetzt die Spezialstrümpfe wechseln darf. Diese ganze Welt ist so schrecklich, du kannst es dir nicht vorstellen.
Aber die Strukturen sind so, dass auch die Frauen sich nur einpassen dürfen – sie müssen sich anpassen, gehorchen, nur so können sie sich behaupten. Ich meine, Männer müssen das Gleiche, aber es ist eine von Männer geschaffene Welt und Struktur, der Kapitalismus ist eine rein männliche Idee. Eine Frau würde nie auf so etwas kommen! Hecken vernichten, mit Giften den Boden tränken, sämtliche Insekten ausrotten ... auf all das können nur Männer kommen, Sophie!
Ich wünschte, nur alle Frauen wären berufstätig. Aber sie müssten dann sämtliche Berufe auch völlig anders ausfüllen. Nämlich auf ihre Weise. Dann würde der Kapitalismus sofort zusammenbrechen, denn er wäre abgeschafft. Man bräuchte ihn nicht mehr. Man würde ihn als das Grundübel erkennen! Gier, Konkurrenz, Entseelung. Entseelung, Sophie! Die Unschuld hat im Kapitalismus keine Chance. Sie stirbt als erstes...“
Ein Mädchen lehrt einen Mann, sich seiner Liebe zu ihrer Schönheit nicht zu schämen (S. 508-519)
Sie richtete sich auf, kniete sich auf das Sofa, sah ihn an, zutiefst berührt. Er konnte nicht sprechen, als er sie so sah...
„Michael...“, flüsterte sie. „Du bist so ein guter Mensch...!“
Nun war er selbst erschüttert. Obwohl er seinen Blick nicht von ihr abwenden konnte, musste er ihn doch senken.
„Ich habe mich einfach nur verliebt, Sophia...“, flüsterte er. „Du bist zu schön... Du bist so wahnsinnig schön, weißt du...“
Er schämte sich tief.
„Hey...“, flüsterte sie weich.
Er hob seinen Blick wieder zu ihr.
„Du schämst dich immer wieder deswegen?“, wisperte sie zärtlich.
„Ja...“, erwiderte er hilflos.
Sie sah ihn liebevoll an.
„Michael...“, wisperte sie. „Du bist nicht wie die anderen... Verstehst du? Es ist mir egal...“
„Ich fühle mich so hilflos...“
Sie sah ihn voller Liebe und Mitleid an.
„Siehst du? Das ist es. Du liebst mich hilflos! Du kannst nichts dagegen tun... Warum solltest du dich schämen ... Michael...? Warum...“
Er schaffte es hilflos, ihren Blick zu erwidern.
„Weil es äußerlich ist. Alles Äußerliche sind auch die Gegenmächte, Sophie. Wieso liebe ich dich nicht mit kurzen Haaren, verunstaltetem Gesicht, unvollkommenem Körper... Wieso liebe ich dieses eine, einzige Mädchen, dass das schönste überhaupt ist...?“
Sein schamvolles Leid erreichte seinen Höhepunkt, jetzt hatte er es wirklich einmal ausgesprochen... Die Wahrheit...
Sie hatte keine Antwort – nicht sofort.
Unvermindert in ihrer Liebe sah sie ihn an.
„Weil du ... weil ... es ist eben so, Michael! Was ist denn daran schlecht? Es ist nichts schlecht daran... Lass doch die blöden Gegenmächte einmal aus dem Spiel!“
„Aber du bist nicht dein Körper, Sophia! Wieso liebe ich dich nur mit diesem Körper...?“
Sie dachte nach.
„Ich bin eben auch nicht nur Seele, Michael! Ich bin auch dieser Körper, verstehst du? Es ist meiner – und ich finde nichts schlecht daran!
„Nein ... er ist vollkommen, Sophia...“
„Und das darf er auch! Und du darfst ihn auch lieben – es ist meiner!“
Er saß da mit gesenktem Kopf.
Sie sah ihn an, jetzt selbst auch leidvoll.
„Denkst du ... denkst du, ich würde dich ohne Körper lieben? Nur all diese wunderbare Weisheit? Die mir so viel geschenkt hat? Oh ja, du hast eine wunderschöne Seele, Michael! Aber denkst du, ich würde nur sie lieben? Können? Ohne Körper? Irgendwas Unsichtbares? Was zu mir spricht und mir hilft? Denkst du ... ich würde sie lieben können? Mich geborgen fühlen? Wo könnte ich mich einkuscheln? Wer würde mich ansehen? Mich streicheln? Was könnte ich lieben, wenn ich nicht wüsste, wie sie aussieht...? Welche Augen sie hat... Welche kleinen Falten ... vor allem wenn sie sich schämt... Wenn ich nichts hätte von all dem ... da hier, da vor mir... Michael... Ich kann es mir nicht vorstellen...“
Er brach in Tränen aus. Sie liefen ihm sogleich über die Wangen.
„Oh, Sophie...“, schluchzte er irgendwie heraus.
Sie kam auf ihren Knien zu ihm und umarmte ihn.
„Schäm dich doch nicht, Michael...“, flüsterte sie nah an seinem Ohr. „Das sind nicht die Gegenmächte. Das sind die Engel ... weil sie wissen, dass man auch einen Körper braucht. Den man liebhaben kann, lieben kann. Daran ist nichts Schlechtes. Auch nicht, wenn man auf das ,schönste’ Mädchen gewartet hat... Du hast ja gewartet... Denkst du, du musst dich schämen, weil du so lange gewartet hast...? Was wäre der Sinn – sich dann noch zu schämen...“
Er schluchzte hilflos. Sie war ein Engel... Sie war der Engel... Sein Engel. Und vielleicht sprach sein anderer Engel durch nichts anderes als durch sie...
„Michael... Schäm dich nicht...“
„Okay...“, presste er irgendwie hervor.
Irgendwann traute sie sich wieder, sich bei ihm einzukuscheln, als sie sicher genug war, dass es ihm wieder gut ging.
Nach längerem Nachdenken sagte sie:
„Michael?“
„Ja?“
„Weißt du, warum wir so gut zusammenpassen?“
„Warum...“
„Weil wir so gegensätzlich sind.“
„Ja?“
„Ja – guck mal... Du hast gesagt, es ist keine Kunst, mich zu lieben, weil ich so schön bin. Und du hast dich geschämt. Ich könnte sozusagen eher sagen, es ist keine Kunst, deine Seele zu lieben, weil sie so schön ist – aber ich würde mich auch schämen ... wenn ich deinen Körper nicht liebe. Und meine Seele ist ganz und gar nicht vollkommen, so wie deine... Also ist es ein gerechter Ausgleich, wenn deine Seele auch nicht vollkommen ist, denn wie sollte ich dich aushalten? Es ist also geradezu schön für mich, dass du nicht perfekt bist ... aber für mich bist du es trotzdem, weil ... es für mich in keinem Moment nicht schön war, von dir geliebt zu werden, im Gegenteil, es ist wunderschön. Und ich wusste ja immer, dass es auch das ist... Und weißt du was? Es ist schön, ein ,Magnet’ zu sein... Allerdings nur bei dir...“
Er war zart sprachlos...
„Alle Blicke der Jungs... Verstehst du? Was soll ich damit... Es ist so schlimm, ein Magnet zu sein! Nirgendwo kann man hingehen, ohne dass irgendjemand guckt! Ich habe schon oft überlegt, meine Haare kurz und klein zu schneiden – aber würde das helfen?! Und wenn es nur ein bisschen hilft – wozu habe ich es dann gemacht?
Aber bei dir ... bei dir hatte ich nie das Gefühl, dass du ,guckst’, verstehst du? Du hast mich so unglaublich angesehen, ja... Aber das war anders. Es war so unglaublich anders. Zuerst wusste ich nicht, wie anders, aber jetzt weiß ich, dass ich mich jedes Mal, wenn du mich ansahst, gestreichelt fühlte... Zärtlich, verstehst du? Nicht ,betatscht’ oder so was. Ich fühlte mich gestreichelt, vorsichtig... Scheu – Miss Scheu! Ehrfurcht ... oder? Du hast mich verehrt... Du tust es immer noch. Und die Jungs da draußen – die betatschen mich, ob sie es wollen oder nicht. Sie gucken, aber ich will nicht, dass sie gucken. Sie sind ,gierig’, auch wenn sie denken, sie sind es nicht.
Du hast mich nie so angesehen, wenn du meintest, ich sähe es – ihnen ist es ziemlich egal. Ja, okay – offen starren mich nur ein paar Jungen an, die bescheuertsten! Aber heimlich tun sie es auch nicht – wenn sie so untereinander tuscheln und angeblich heimlich zu mir rüberstarren: wie ich das hasse! In ihrer Gruppe fühlen sie sich dann immer super geschützt, super cool – wow! Und manchmal kommt dann einer zu mir rüber und macht mich irgendwie an – und das ist dann ihre ,Mutprobe’, oder was weiß ich! Es ist so lästig, so ekelhaft. Als ob wirklich jemand glaubt, ich würde dann ,ja’ sagen! Wie dumm kann man sein?! Je mehr ich über die meisten Jungs nachdenke, desto mehr hasse ich sie...“
Ihre lange Offenbarung hatte ihn unendlich berührt – und am Ende immer mehr geschmerzt. Das war also zunehmend ihre Wirklichkeit...
„Es tut mir so leid, Sophia...“, erwiderte er tief betroffen.
„Wenn du mich trösten willst, musst du mich Sophie nennen, Michael“, bat sie weich.
„Okay...“, wisperte er. „Sophie ... es tut mir so leid.“
„Du kannst ja nichts dafür... Denkst du, wenn du mich nicht schön finden würdest, würde sich was ändern? Im Gegenteil. Es hat sich für mich alles geändert, weil du mich schön findest... Seitdem weiß ich, wie es sein kann, Michael... Wie es sein kann, wenn man wirklich geliebt wird...“
Wieder war er erschüttert.
„Wirklich...?“, stammelte er.
„Ja. Und ... na ja, du weißt ja, ich ... hatte mich früher auch so in K-Pop-Jungs verliebt, ne? So ,träum, träum’ und so... Durch dich ist mir so viel klar geworden... Weißt du, was mir klar geworden ist? Nehmen wir an, ich wäre mit so einem Jungen ,zusammengekommen’ und er hätte mich geliebt. Sagen wir, besser als mein ehemaliger Freund. Trotzdem wäre er ja berühmt gewesen, andere Mädchen hätten ihm ,nachgeschmachtet’, und er hätte sich aber mich ausgesucht. Denkst du, nicht wegen meinem Körper? Vor allem deswegen! Und er wäre stolz gewesen, mich zu ,haben’, rumzuzeigen, mit mir gesehen zu werden, und auch wenn er mich wirklich geliebt hätte, hätte er mich spüren lassen, dass es etwas ,Besonderes’ ist, seine Freundin zu sein, und so weiter.
Und wenn er nicht berühmt wäre, sondern nur so ein gut aussehender K-Pop-Typ als Junge, wäre es ihm immer noch um meinen Körper gegangen. Mir ja auch... Also das ist alles sehr merkwürdig! Er hätte mich nicht angestarrt, aber er wäre stolz gewesen, mich zu haben... Und ich ja eigentlich auch... Umgekehrt...“
Berührt hatte er zugehört, es war so tief berührend, an ihrem Inneren Anteil nehmen zu dürfen. Er liebte sie so grenzenlos!
„Und bei dir ... bin ich nicht stolz, dich zu haben – ich bin einfach nur froh! Glücklich... Und das ist so schön! Ja, vielleicht habe ich mich manchmal geschämt, dass du so ,mittelalt’ bist, während immer mehr meiner Freundinnen und Bekannten mit ihren Freunden rumlaufen, so wie ich einen hatte. Aber das tue ich schon lange nicht mehr – mich schämen. Nur noch, weil es generell verurteilt wird – aber nicht wegen deines Alters.
Und weißt du, wie schön es ist, keinen Jungen zu lieben, wie alle anderen – die liebt den, die liebt den, alle irgendwie gleich, und wer einen K-Pop-Typen ,abgekriegt’ hat, großes Geschrei, wow, wie hast du den denn geangelt...? Es wird so langweilig... Allen geht es um den Körper. Oder? Ist doch so... Den Jungen, den Mädchen, den Frauen, den Männern. Aber bei dir war es anders...
Ich weiß nicht warum. Erstens, weil es dir heilig war... Weißt du noch? Du hast es nicht gewagt, auf ... meine Brust zu gucken... Das ist schon mal der erste Unterschied. Vielleicht machen es andere auch nicht – aber es ist ein Unterschied, ob man es nicht macht, oder ob man es nicht wagt, eben weil es einem heilig ist. Obwohl es dir also auch um den Körper ging, war dieser Körper dir heilig... Und das habe ich noch nie erlebt... Wirklich noch nie... Außerdem war ich dir genauso heilig, ich als Ganzes... Michael – darf ich dich ganz ehrlich mal was fragen?“
„Ja...?“, erwiderte er etwas furchtsam.
„Hältst du mich wirklich für das schönste Mädchen auf der Welt?“
„Ja...“, gestand er etwas beschämt.
„Siehst du? Das ist auch so etwas... Wenn ich mir diese K-Pop-Jungen anschaue, sind viele mehr oder weniger schön oder sehr schön, aber ich kann mich gar nicht ,entscheiden’. Es ist wie im Supermarkt: ,Wollen Sie lieber den – oder den – aber hier habe ich auch noch einen besonders schönen...’“
Er musste fast lachen, sie konnte es so süß und leider auch wahr auf den Punkt bringen...
„Und, verstehst du, wenn ich mich umschaue, bei meinen Freundinnen und so weiter ... es ist alles nicht so besonders... Ja, man ,liebt’ sich dann, aber es hätte auch ein anderer sein können – und bei den Jungs genauso, sie hätten sich auch für ein anderes Mädchen entscheiden können ... und tun es in ein paar Monaten vielleicht auch... Verstehst du? Niemand findet den anderen am schönsten. Manchmal ,nimmt man, was man kriegt’, vielleicht sogar öfter, als ich denke.
Ich hatte meinen Freund wirklich geliebt, du weißt ja, sogar noch, als ich von ihm verlassen wurde und du mir erklären musstest, wie er wirklich war. Für ihn war ich dann doch nur eine von vielen, eine Trophäe, wie du sagtest. Vielleicht die schönste, aber da sie ja ,mit einem alten Mann rummachte’, nicht mehr viel wert...
Und vielleicht lieben viele Menschen sich ehrlicher, ist auch der Körper nicht so wichtig, und sie finden einander auf ihre Weise jeweils am schönsten. Aber bei dir war es anders. Du fandest mich wirklich am schönsten. Und zwar gerade auch körperlich – oder sagen wir genau das: körperlich. Ich war für dich das schönste Mädchen auf der Welt, du meintest das wirklich so...“
Er konnte nur etwas unbehaglich schweigen...
„Du meintest das wirklich so“, wiederholte sie und sah ihn an.
„Ja...“, erwiderte er hilflos.
„Und siehst du, andere Jungs denken das vielleicht auch – aber sie sind nicht so wie du. Sie denken: ,Wow, wenn ich die hätte...’ Oder meinetwegen auch: ,...haben dürfte’. Aber weiter geht es auch nicht. Letztlich wäre ich trotz allem Besitz – und sie wären stolz, sehr stolz...! Sie würden mich vielleicht nicht wie einen Besitz behandeln, aber sehr wohl wie mit einer Trophäe herumlaufen. Und vielleicht könnten sie es genauso wenig glauben wie du – aber sie wären es nicht wert, verstehst du? Weil sie eben doch stolz wären. Draußen immer wissen würden, dass sie die schönste hätten...“
Wieder sah sie ihn an.
„Ist doch so, oder?“
„Ja... Ich denke schon...“, erwiderte er, auch jetzt noch unbehaglich. „Aber“, fügte er leise hinzu, „das würde ich ja auch denken, Sophie...“
„Weil ich es für dich ja bin!“, antwortete sie. „Du musst es ja denken, weil es für dich so ist! Und vielleicht ist es ja wirklich so...“, sie musste etwas befangen kichern. „Ich meine, vielleicht hast du ja Recht – ich weiß es doch nicht... Fest steht, dass du nicht stolz darauf bist! Du bist vielleicht glücklich, du bist vielleicht hilflos, aber nicht stolz... Und das ist dieser Riesenunterschied, verstehst du? Du besitzt mich nicht – es ist vielmehr so, dass ich manchmal gar nicht weiß, wie ich dich überzeugen kann, dass du mich ,behalten’ darfst...“
Wieder blickte sie zu ihm hoch.
„Weißt du, wie oft du gesagt hast, du verstehst es nicht? Weißt du, dass es keinen Jungen gibt, der so etwas sagen würde? Okay – vielleicht die schüchternen, von denen du dann gesprochen hast, aber die meine ich jetzt mal nicht. Fest steht, dass es allen Menschen auch um Schönheit geht, irgendwo, allen Menschen. Allen. Ich buchstabiere es mal – na gut, du weißt, was ich meine. Allen geht es um Schönheit. Viele hängen es jetzt nicht an die große Glocke – aber sie sind ja auch selbst nicht schön, also ... sollen sie mal nicht so tun, als hätten sie jemand Schöneres kriegen können. Ich meine, wenn man selbst nicht schön ist, ist es leicht zu sagen: ,Auf Schönheit kommt es mir gar nicht an’, ha ha...! Ist das aufrichtig? Vielleicht ist es sogar aufrichtig, aber trotzdem sind sie selbst auch nicht schön... Was will ich jetzt eigentlich sagen...“
Sie überlegte eine kleine Weile und er war fortwährend berührt. Noch nie hatte sie so viel geredet, noch nie hatte sie ihn mit ihrer Stimme, ihren Worten, ihrem Inneren so lange beschenkt...
„Also der Punkt ist ... der Punkt ist, dass du wirklich ganz normal aussiehst, außerdem ,mittelalt’ bist – und dich entschieden hast, das in deinen Augen schönste Mädchen der Welt zu lieben. Nein – das ist auch nicht der Punkt...“
Sie überlegte irritiert einen Moment weiter.
„Viele sind nicht besonders schön, sondern ganz normal“, überlegte sie laut, „und verlieben sich in die schönsten Mädchen und Frauen, wo auch immer, im Fernsehen, im Kino, auf den Plakaten... Aber der Punkt ist: Du meintest es ehrlich! Genau. Das ist der Punkt – jetzt hab ich ihn. Du meintest es einfach ehrlich. Du fandest mich das schönste Mädchen der Welt, und von da an ... war es einfach zu Ende.“
„Was war zu Ende?“, fragte er verwundert.
„Alles. Die Frage war geklärt. Die Frage, wen du liebst, wen du wirklich liebst, wen du verzweifelt liebtest ... und wen du heiraten würdest...“
Betroffen schwieg er – konnte wieder nur schweigen.
„Ich meine“, sagte sie, „wer verliebt sich schon so, in das schönste Mädchen, und meint es dann ernst? Verlieben kann man sich viel – aber ernst meinen?“
„Du warst für mich von Anfang an ein Ideal, Sophie...“
„Jetzt habe ich den Punkt – genau! Und das ist bei niemandem sonst so. Bei niemandem.“
„Aber viele sehen doch jemanden schönsten – und es ist dann ihre ,Traumfrau’ oder meinetwegen auch ihr ,Traummann’, ihr ,Traumjunge’, ihr ,Traummädchen’...“
„Aber sie meinen es nicht ernst.“
„Doch, durchaus. Wenn sie berühmt ist, hängen sie sich vielleicht sogar Poster ins Zimmer – und träumen von ihr und lieben sie wirklich.“
Sie blickte zu ihm hoch und lächelte:
„Bin ich dein Postermädchen...?“
„Selbst das, Sophie... Ich würde mir kein anderes hinhängen.“
„Ich muss nachdenken. Das alles ist noch nicht der Punkt...“
Er streichelte ihr Haar.
„Ich war dein Ideal...“, sagte sie schließlich. „Das war es doch. Wir hatten es doch schon! Dein Ideal ist eben nicht das Ideal anderer Leute.“
„Wie meinst du das?“
„Das für dich das etwas ganz anderes bedeutet. Verstehst du das denn nicht?“
„Doch, schon...“, sagte er zögernd, „aber wie verstehst du es denn?“
Wieder sah sie zu ihm hoch.
„Willst du mich nur testen?“, lächelte sie.
„Nein... Ich ringe doch selbst mit der Frage. Ja ... natürlich begreife ich jetzt, worauf du hinauswillst und wo der Unterschied liegt. Trotzdem ist es mit dieser Scham besetzt...“
„Und worauf will ich hinaus?“
„Auf den Unterschied, den du ja fühlst.“
„Und welcher ist das?“
„Bitte sag du ihn mir, Sophie“, bat er innig.
„Okay...“, erwiderte sie berührt und versank für ihn wieder in Nachdenken.
Sie waren auf dieser Reise so berührend weit gekommen – er wollte ihr das letzte Stück um keinen Preis wegnehmen, sie sollte den ganzen Weg wirklich allein gehen dürfen – es waren ihre Entdeckungen und ihre Empfindungen...
Kurze Zeit später sagte sie:
„Dein Ideal ist nicht ihr Ideal. Verstehst du? Wenn sie sich ein Poster aufhängen, dann träumen sie von dem Körper. Vor allem. Und stellen sich meinetwegen noch die ,schöne Seele vor, die dahintersteckt’, wie du auch öfter gesagt hast. Aber tun sie ja gar nicht! Sie wissen ja gar nicht, was die Seele ist. Vielleicht stellen sie es sich trotzdem vor, aber sie wissen ja gar nicht, was sie sich vorstellen – und so geht es immer weiter. Natürlich träumen sie davon, dass ihr Traum perfekt ist, super-zärtlich und überhaupt alles super... Klar. Aber sie träumen eben nur von dem, was sie kennen. Und sie kennen nicht viel. Und du kennst viel. Und das ist der Punkt, Michael. Das ist er.“
„Ich kenne viel?“
„Ja, du kennst die ganze Seele. Und du hast dich in das schönste Mädchen der Welt verliebt – in ihren Körper. Aber das ist ja überhaupt nicht wahr, denn in demselben Moment hast du dir ihre Seele vorgestellt – und was du dir vorgestellt hast, nicht, was sie wirklich war, sondern was du dir vorgestellt hast ... war wiederum das schönste Mädchen der Welt. Aber du konntest dir eben auch etwas vorstellen! Nicht nur ,super zärtlich, super lieb’, sondern da waren ja noch hundert andere Dinge – lauter Dinge, von denen die anderen alle noch nie gehört hatten oder was sie sogar völlig unwichtig fanden, sogar peinlich, von gestern, von vorgestern, aus dem Märchen... Weißt du noch?
Du konntest dir unter ,Seele’ so viel vorstellen, wie andere in ihrem ganzen Leben nicht drauf kommen würden – weil sie gar keine Lust hätten, sich darüber Gedanken zu machen! Du hast dir aber umgekehrt dein ganzes Leben lang Gedanken darüber gemacht.
Und damit hast du dich dann verliebt... In das schönste Mädchen der Welt... Mit dem schönsten Körper... Und mit der schönsten Seele – in deiner Vorstellung.“
„Nein, du warst einfach nur sehr lieb, Sophie... Das reichte schon...“
Sie sah zu ihm hoch.
„Ja... Das reichte...“, erwiderte sie zärtlich.
„Der Rest war nur deine unfassbare äußere Schönheit.“
„Ja, ich weiß...“
„Und deswegen schäme ich mich.“
„Aber das brauchst du nicht“, erwiderte sie und legte ihre Hand auf die seine, die auf ihrem verletzlichen Bauch lag.
Erneut sah sie kurz zu ihm hoch, vergewisserte sich zart seines Blickes und kuschelte sich erneut an.
„Der Punkt ist, dass du diese ganze Schönheit mit deiner Seele liebtest, also mit etwas Unendlichem. Nur deshalb liebtest du sie unendlich. Verstehst du es jetzt? Ich verstehe es jetzt... Deine Seele liebte meine Schönheit. Aber ungetrennt von mir – denn du verehrtest ja mich. Und du kanntest den Unterschied. Wenn ich nicht mein Körper bin, dann liebte deine Seele beides – und beides unendlich! Weil sie ja selbst unendlich ist. Warum sollte sie den Körper weniger lieben? Nur weil er bloß Körper ist? Wenn er aber schön ist? Wenn die Schönheit für sie ein Ideal ist? Und warum sollte sie es nicht sein? Muss sie es nicht sein? Wollen wir nicht überall das Schöne – hast du das nicht selbst gesagt?
Ist Frieden nicht auch etwas Schönes? Gerechtigkeit? Dass niemand arm ist? Ist nicht alles, was wir jemals wollen, als gute Menschen, schön? Musstest du dich dann nicht in das schönste Mädchen verlieben – und gleichzeitig glauben, dass alles an ihr schön werden konnte? So schön wie ihr Körper...?“
„Ja...“, sagte er leise.
„Das ist der Punkt, nicht wahr? Dass du das Schöne liebst... Weil deine Seele selbst schön ist.“
„Aber wieso verehre ich dich dann? Man sieht dann doch in dem anderen mehr, als man selbst ist.“
Sie überlegte kurz. Dann sah sie zu ihm hoch:
„Du hast ja auch gesagt“, lächelte sie, „dass man das soll...“
„Aber warum liebt meine Seele das Äußere, Sophie...“
Wieder dachte sie kurz nach.
„Weil es schön ist. Reicht das nicht...? Die Seele liebt alles, was schön ist. Ist das nicht ihre Aufgabe?“
„Doch, vielleicht...“
„Na, siehst du. Machst du dir jetzt keine Gedanken mehr?“
„Ich werde mir wahrscheinlich immer Gedanken machen.“
Sie sah zu ihm hoch.
„Dann mach dir wenigstens schöne Gedanken... Zum Beispiel ... zum Beispiel wie ich mit dem Trägerhemdchen spiele...“
„Oh Gott, Sophie, bist du jetzt auch in Wirklichkeit so wie in meinem Traum?“
„Ich dachte...? Ich dachte, ich bin schon dein Traummädchen...“
Er lächelte – und sie kuschelte sich wieder zufrieden an.
Nach einer Weile sagte sie leise:
„Nein, aber im Ernst, Michael. Du brauchst dir nie wieder Gedanken darüber zu machen. Verstehst du? Nie wieder... Es ist einfach dein Ideal und fertig. Niemand anders meint es so ernst wie du – mit diesem Ideal. Ich hab noch eine Frage...“
„Ja?“
„Mochtest du immer schon blonde Mädchen...?“
„Nein...“, stammelte er. „Ich weiß nicht... Ich hatte kein ausdrückliches sogenanntes ,Schönheitsideal’...“
„Okay, dann haben wir es jetzt endgültig. Andere haben das nämlich sehr wohl. Spätestens, wenn sie sich Poster aufhängen. Aber dein Ideal ist ... Schönheit an sich. Und du verehrst sie, du liebst sie hilflos – was heute niemand mehr tun würde, weil man nichts verehren will, nicht wahr? Aber du tust es. Und jetzt weiß ich, warum du sie verdient hast. Weil du sie als Einziger verehrst. Und mich ständig dazu gebracht hast, darüber zu staunen... Bis ich ... jetzt begreife ... dass es ja auch nicht meine Schönheit ist ... obwohl ich immer sagte, ich kann doch nichts dafür. Jetzt verstehe ich... Ich kann ja wirklich nichts dafür ... und es ist ja wirklich auch nicht meine... Ich bin ja sozusagen nur ... sie ist ja ... sie ist ja sozusagen nur zu mir gekommen... Miss Schönheit, Michael! Miss Schönheit ist ja nur zu mir gekommen... Weil ich es wert war? Ich weiß es nicht...“
Ihm fiel es wie Schuppen von den Augen. Die Weisheit ihrer fortwährend sich geliebt fühlenden Mädchenseele war zu der Schlüsselerkenntnis gekommen: Die Schönheit war selbst etwas Übersinnliches. Was er eigentlich immer gewusst hatte, hatte die Scham in diesem konkreten Fall immer wieder vor ihm verborgen... Die äußere Schönheit war selbst gar nichts Äußerliches. Sie war nicht nur ungetrennt von der Seele, sie war selbst auch Seele – die Seele der Engel, die Weltseele, wie immer man es nennen mochte. Die Schönheit war ebenso wie die Weisheit eine heilige Krone, eine zarte Krönung – etwas rein Übersinnliches, in ihrer Substanz.
„Weil du es wert warst, Sophia, Sophie – ganz genau“, erwiderte er leise, mit einer heiligen Betroffenheit. „Aus diesem einen, absolut offenbaren Grund. Die Schönheit kam zu dir, weil sich deine Seele von Anfang an von allen anderen unterschied. Und so offenbarte sie, was sonst nur indirekt sichtbar gewesen wäre ... offenbarte es ganz direkt. Und die Jungen sehen deine äußere Schönheit und tuscheln und wagen ihre ,Mutproben’, aber niemand sieht deine innere Schönheit, Sophie... Sie werden alle geblendet von dem bloß Äußeren...“
„Aber du“, wisperte sie, sich erhebend, weil sie nun wirklich an dem entscheidenden Punkt waren, „du hast das Innere immer gesehen – noch bevor ich es sah, überhaupt verstand, du hast gesehen, dass Miss Schönheit etwas bedeuten musste... Ich war ,lieb’, wie du sagtest, aber dahinter musste es noch mehr geben... Etwas, wovon ich gar nichts wusste...“
„Du hattest es nur vergessen, Sophie... Aber es warst ja du... Es war ja dein Wesen...“
Sie lächelte.
„Schneewittchens Schwester...“
Ihm standen Tränen in den Augen, weil er sah, wie ernst sie es trotz eines Hauchs Humor meinte.
„Ja... Schneewittchens Schwester.“
„Nur...“, lächelte sie jetzt, „ein bisschen erotischer...“
Ihm wurde wieder leise heiß und kalt, es war ein Bruch des rein Übersinnlichen, die Scham holte ihn von neuem ein.
Sie sah es und sagte sofort zärtlich:
„Und das darf auch sein, Michael – dass du das magst, verstehst du? Wie könnte es sein, dass wir hier auf der Erde sind, wie du sagst, wenn das nicht sein dürfte? Wenn das mit den ,Gegenmächten’ zu tun hat, wie kann es dann sein, dass wir uns so zärtlich lieben? Lieben, Michael! Es kann also nur mit den Engeln zu tun haben...“
Er wusste, dass er ihr noch viel erklären würde müssen – und sie würde es auch selbst verstehen, wenn sie sich klarmachen würde, wie sehr das Begehren bis in die Abgründe führte, also mit den Gegenmächten zusammenhängen musste. Gleichzeitig aber dachte er auch an Platon, der Eros sehr wohl als etwas zumindest halb Göttliches erkannte, als das in das ganz Übersinnliche Führende.
„Außerdem weißt du, dass ich selbst auch nur Schneewittchens Schwester sein will – ich liebe sie, aber zum Glück bin ich nicht sie selbst...“
„Du liebst sie?“, erwiderte er betroffen.
„Ja...“, erwiderte sie unschuldig. „Hast du das noch nicht gemerkt?“
„Nein...“, stammelte er fast.
„Na gut“, lächelte sie. „Ich habe es ja auch erst jetzt gemerkt... So nach und nach ... seit ein paar Stunden oder so... Vielleicht ja auch schon länger. Man merkt es ja immer erst hinterher... Wie sagtest du? Im ,Rückblick’...?“
„Ja, im Rückblick...“, lächelte er weich.
„Schicksal...“, erwiderte sie mit zart-süßem Humor. „Es ist wohl mein Schicksal...“
„Dass du selbst gewählt hast“, ergänzte er liebevoll.
„Ja. Wie dich... Wie sagtest du? Vor der Geburt...? Wo waren wir da? Du musst mir noch so viel erklären...“