Eigene Bücher
Der Junge, der wie ein Mädchen wurde
Holger Niederhausen: Der Junge, der wie ein Mädchen wurde. Roman. Books on Demand, 2025. Paperback, 240 Seiten, 14,90 Euro. ISBN 978-3-8192-6625-6.
► Wichtiger Hinweis: Wer meinen würde, ich schriebe nur 'Mädchen-Bücher', der irrte essenziell - diese Mädchen sind Botinnen des immer verschütteteren Wesens der menschlichen Seele überhaupt.
Erschienen am 29. September 2025. > Bestellen: Books on Demand | Amazon < > Reaktionen und Rezensionen <
Inhalt
Der fünfzehnjährige, schüchterne Tim trägt ein zutiefst idealisches Mädchenbild in seiner Seele. Als er dem schönsten Mädchen der Schule seine Liebe gesteht, ist die Reaktion fast vorprogrammiert. Dann aber verliebt er sich in die erst zwölfjährige Manon. Und immer tiefer taucht er ein in das Wesen seines Ideals, immer inniger entfaltet dieses seine Wirkung...
Über dieses Buch
Der fünfzehnjährige Tim trägt ein hoffnungsloses Mädchen-Ideal in seiner Seele. Er selbst hat ein völlig durchschnittliches Aussehen – und wagt in keiner Weise daran zu glauben, dass ein Mädchen, in das er sich verlieben würde, seine Liebe jemals erwidern könnte.
Durch einen bestimmten Moment aber wird seine Liebe zu dem schönsten Mädchen der Schule, das er schon lange verehrt, so groß, dass er ihr mit allem Mut, den er hat, seine Liebe gesteht. Obwohl etwas in ihr die außergewöhnliche Aufrichtigkeit und Tiefe seiner Liebe begreift, muss sie diese dennoch ablehnen – allein schon wegen der sonst zu erwartenden Reaktionen ihrer Altersgenossinnen.
Tim braucht lange, um diese Abweisung innerlich zu verarbeiten, aber dieser Prozess führt ihn viel tiefer hinein in die Frage, was er eigentlich idealisiert und was seine tiefste Sehnsucht ist. So kommt er auch zu den Märchen, zur Gestalt des Mädchens im Märchen. Er beginnt, zu begreifen, dass es neben der äußeren Schönheit vor allem so etwas wie Unschuld und Reinherzigkeit ist, was von Anbeginn an mit dem Ideal seines Innersten verbunden war.
Und dann verliebt er sich in die erst zwölfjährige Manon, die ihm bis dahin nie aufgefallen war, jetzt aber wie hervorleuchtet, weil sie sich von ihren Altersgenossinnen auf diese zarte Weise deutlich unterscheidet.
Und indem er erneut den Mut fasst, sie schließlich anzusprechen, beginnt eine zutiefst zarte Begegnung zweier Seelen, die auf berührende Weise versuchen, einander gerecht zu werden, während ihre Begegnung schnell auf den Spott der Umwelt trifft. Und dann beginnt, nach anfänglich großem Wohlwollen, auch Manons Mutter, Vorbehalte zu äußern, ob dieser Junge für ihre Tochter das Richtige ist...
Immer existenzieller wird Tim auf einige wenige, entscheidende Fragen zugetrieben, denen er nicht mehr ausweichen kann und deren zutiefst berührender Dramatik sich keine lesend wirklich Anteil nehmende Seele entziehen können wird.
Leseprobe 1
Er war verzweifelt. Es war ja eigentlich noch schlimmer, als er dachte. Mädchen waren schon schöner als Jungen – und mit Recht wollten sie einfach nur das, was übrigblieb... Jungen waren eh schon nicht so schön wie ein Mädchen – und natürlich wollte dann auch das Mädchen, dass es wenigstens einen etwas schönen Jungen bekam, nämlich den schönsten, der sich zwar auf seine Schönheit unglaublich viel einbildete ... aber lange nicht so schön war wie das Mädchen... Der es wahrscheinlich sogar wusste. Und das Mädchen wusste es auch. Es hatte ihn nur ausgesucht, weil er im Verhältnis immerhin noch der schönste war – was ja bei Jungen ohnehin sehr relativ war. So und nicht anders war es...
Er hatte also ohnehin gar keine Chance. Sie würde sagen: ,Tim, tut mir leid... Siehst du nicht, wie hässlich ihr seid, als Jungen... Du musst das verstehen. Ich meine – guck dich mal um. Wer ist der schönste hier, von den Jungen, meine ich? Ich sehe ein paar... Aber schön sind sie alle nicht. Na gut, man kann sie nehmen... Aber es ist ein Trauerspiel, mit euch, verstehst du? Ein, zwei sind ganz hübsch. Irgendwann überlege ich mir, welchen von beiden ich lieber mag. Aber toll ist es nicht... Es ist einfach nicht toll, sich unter was entscheiden zu müssen, was nicht toll ist... Es ist traurig. Wir Mädchen werden einfach diskriminiert. Wir bekommen nur ,Müll’, wenn du verstehst, was ich meine. So oder so. Am liebsten würde ich auswandern...’
Als er bis zu diesem Gedanken gekommen war, musste er fast lachen. Sie war so unglaublich süß...! Aber es würde seine Chancen nicht um ein Haarbreit vergrößern. Er allein würde sie verstehen, er allein unter allen Hunderten von Jungs, die sie fast schon allein auf diesem Schulhof umgaben ... und doch würde er selbst dadurch nicht den Hauch einer Chance haben. Sie würde Recht haben. Und genau deshalb hatte er nicht mal das Recht, sie auch nur anzusprechen. Sie würde sich mit Recht belästigt fühlen. ,Am liebsten würde ich auswandern, Tim... Und wenn jetzt auch noch Jungen wie du anfangen, mich anzusprechen, dann tue ich es vielleicht auch. Ich sag’s dir, ich pack meine Koffer...’
Er war so verzweifelt... Wusste sie überhaupt, wie gern, wie hingebungsvoll er ihr sogar dabei noch helfen würde...? Er würde alles für sie tun! Wusste sie das überhaupt? Alles... Nur, um ein paar Minuten länger in ihrer Nähe sein ... zu dürfen! Wusste sie das überhaupt? Dass kein Junge sie je wieder so lieben würde wie er? So grenzenlos? So heilig...? Wusste sie überhaupt, wie sehr sie über ihm stand?
In seinen Tagträumen war es gerade dies, was sie erkannte... Ihr reines Herz erkannte seine reine Liebe... Und es erkannte ... dass er sie für ihre grenzenlose Schönheit eigentlich anbetete... Und ihr reines Herz ... stellte sich mit ihm auf eine Stufe... Aus reiner Gnade ... und auch das war ihr Herz...
Überhaupt war ihr Herz viel reiner als seines. Denn sie erkannte, dass er gar nicht anders konnte, als ihre Schönheit zu lieben ... und gleichzeitig war ihrem reinen Herzen dies gar nicht so wichtig. Sie liebte gerade die Reinheit seiner Liebe... Seine Aufrichtigkeit ... obwohl er wusste, dass er keine Chance hatte. Sie liebte es ... wie er dennoch den Mut gehabt hatte, den Mut der Verzweiflung. Und sie vergab ihm ... dass sein Herz dennoch so abhängig von äußerer Schönheit war, weil es einen Grund gab, dies zu verzeihen. Mädchen waren nun einmal viel schöner... Sie konnte ihm nur verzeihen... Und sie tat es!
Nach den gleichen Maßstäben gemessen, verdiente er sie gar nicht – aber die Aufrichtigkeit seiner Liebe, ja die Demut ... die Verehrung ... mit der er ihre Schönheit verehrte ... wäre ein heiliger Ausgleich dieses ,Vergehens’, sich auch nur nach ihr zu sehnen, auch nur darauf zu hoffen... Sie würde sich entscheiden können ... ob sie äußere Schönheit wollte ... oder tiefste, aufrichtigste, heiligste Liebe...
Er wusste, dass sie diese Liebe von keinem anderen Jungen bekommen könnte. Und gerade die ,schönsten’! Die sich so viel auf ihr Aussehen einbildeten – wie wollten diese Jungen dieses Mädchen jemals verehren? Sie würden es gar nicht tun! Und die Frage war nur: Erkannte sie den Unterschied? Oder war er ihr sogar egal, weil ihr irgendeine Verehrung völlig gleichgültig war – und sie viel lieber mit einem Jungen zusammenkommen würde, der cool war, der mit ihr viel unternahm, den sie vielleicht sogar bewundern könnte, weil er stark war, cool, ihr überlegen und so weiter und so fort... Wollte sie dies? Dann hatte er wirklich keine Chance...
Denn so konnte er nie werden. Und er wollte es sogar auch gar nicht. Er malte es sich sogar aus ... cool zu werden, selbstsicher, stets wissend, worüber man reden, was man tun konnte, athletisch, sportlich, im Verein, bei hundert Aktivitäten... Er wollte es nicht... Er käme sich damit in keinster Weise mehr vor wie er selbst...
Aber warum wollte er nicht so werden? Genug, er wollte es einfach nicht. Er wollte nicht einer dieser ,Mister Erfolgreich’ werden – und dann wahrscheinlich noch eingebildet und von sich selbst überzeugt. Aber selbst wenn nicht – warum sollte er einer dieser strahlend schönen Typen werden? Nur, damit er Mädchen gefiel? Mädchen, von denen er fortan nicht mehr wissen würde, warum sie ihn liebten? Oder ... von denen er sogar wissen würde, dass sie ihn auch oder gar vor allem wegen seines Äußeren liebten? Und sei es wegen seines Verhaltens, seines Erfolges? Niemals wollte er das... Er würde immer nur von einem Mädchen geliebt werden wollen, das nicht danach ging...
Aber warum ging er danach...? Er war wieder an seinem Ausgangspunkt angelangt... Wie egoistisch war er, dass er die reine Liebe wollte, selbst aber die reine Schönheit anbetete...? Er stellte sich vor, dass hinter dieser ungeheuren Schönheit auch dieses reine Herz steckte, dass ihm verzeihen würde... Aber war es zu verzeihen? Dass er ein Mädchen mit nur einem reinen Herzen gar nicht lieben würde, sich aber schon von schönen Mädchen angezogen fühlte, bei denen er sich das reine Herz zunächst nur vorstellte – und sich auch so schon angezogen fühlte? Auch ohne reines Herz?
Aber was sollte er denn tun... Wenn Mädchen nun einmal viel schöner waren! Sollte er sich blind machen? Sollte er es leugnen? Sollte er das nicht empfinden? Sie waren doch objektiv viel, viel schöner! Es betraf doch nicht nur das Gesicht... Nicht nur die Haare... Wer hatte denn eine Brust ... und wer hatte keine? Es war doch so völlig offensichtlich, dass nur ein einziges Geschlecht auf der Erde überhaupt schön war...! Ja, natürlich fühlten sich Frauen aus irgendwelchen merkwürdigen Gründen auch von Männern angezogen – irgendwie auch von ihrem Körper, vielleicht eben, weil er stärker war. Aber doch nicht wirklich schöner?
Man konnte sich als Frau von einer männlichen Frisur angezogen fühlen, von Dreitagebart, vielleicht sogar von sehr kurzen Haaren, von jedem männlichen Haarschnitt. Aber was war all dies gegen das lange Haar eines Mädchens...? Was war dies gegen offenes Haar, gegen Zöpfe, gegen Pferdeschwanz, gegen alles mögliche Wunderbare, was man mit Mädchenhaar tun konnte? Gegen Haarreifen, Haarbänder, Schleifen, Ohrringe ... was war alles, was ein Mann bieten konnte, gegen das, was für ein Mädchen normal war...?
Schönheit... Ein Wunder, das nur den Mädchen gehörte...
Und ein Mädchen, das auch innerlich schön wäre, in ihrem Herzen, würde es verstehen...
...
Leseprobe 2
„Aber wie kann man ein zwölfjähriges Mädchen lieben – ich verstehe das einfach nicht? Was liebt man dann?“
Er verstand zunehmend weniger, wie man die anderen Mädchen lieben konnte... Was liebte man dann?
„Was soll ich denn bei einem anderen Mädchen lieben?“, erwiderte er, in die Ecke gedrängt. „Die Brüste...?“
„Nein! Natürlich nicht. Ich meine ... alles Mögliche. Wie sie ist... Was sie interessiert... Worüber ihr miteinander sprechen könnt. Ihre Art...“
„Und das tue ich jetzt auch!“
„Und worüber könnt ihr sprechen?“
„Zum Beispiel darüber, dass alle es peinlich finden, wenn sie es erfahren...“
„Und ... gibt es noch andere Themen?“
„Sie spielt Flöte – und möchte aufhören, weil sie auch das inzwischen peinlich findet. Ich habe ihr gesagt, sie muss das nicht peinlich finden. Eine Flöte ist ein sehr schönes Instrument.“
„Gut, aber ... welchen Anteil wird sie an deinem Leben nehmen?“
„Ich werde mit ihr nicht gerade über den Gaza-Krieg sprechen, aber ich denke, sie wird sich dafür nicht weniger interessieren als ihr...“, erwiderte er mit einem Sarkasmus, der einem Schmerz der letzten Jahre entstammte.
„Tim... Nimm es doch mal ernst, was ich eigentlich meine. Worüber werdet ihr sprechen können? Du bist sehr intelligent. Du bist in mancher Hinsicht reifer als andere Jungen deines Alters – was versprichst du dir von diesem ... Kind...?“
Er schämte sich fortwährend, sie überhaupt verteidigen zu müssen. War sie weniger wert als eine Fünfzehnjährige? So, wie das Palästinenser-Mädchen weniger wert war als das israelische?
„Sie guckt nicht so oft auf ihr Handy wie jedes andere Mädchen“, sagte er etwas sarkastisch. „Vielleicht verbindet mich mit ihr ja mehr, als du denkst...“
„Ja, aber trotzdem kannst du –“
„Weißt du, ich habe ihr heute zum Beispiel eine ganze Zeitlang vorgelesen. Aus dem Buch, was sie gerade liest. Für Mädchen ab zehn – und es lesen bereits Achtjährige. Was soll ich sagen ... ich war glücklich, Mama. Ich war einfach glücklich. Und weißt du warum? Weil ich sie liebe... Ich verstehe deine Fragen nicht...“
Ihm waren die Tränen gekommen. Er ging in sein Zimmer, weil er es nicht mehr aushielt. Drinnen schluchzte er hilflos und warf sich auf sein Bett.
Seine Mutter kam rein. Ohne zu klopfen. Es war auch egal.
„Ich“, sagte sie zögernd, „glaube dir ja, dass du glücklich warst, Tim. Nur – –“
„Ich weiß nicht, was du glaubst, Mama!“, sagte er mit tränennassen Wangen. „Ich weiß es ehrlich nicht. Ich weiß nur, dass es auf nichts anderes ankommt, als darauf, dass man glücklich ist, wenn man jemanden liebt – und das tue ich... Und bin ich...“
„Und sie? Wie geht es ihr mit ... deiner Liebe?“
„Gut ... bisher.“
„Du sagst selbst ,bisher’...“
„Ja, weil es für sie ja noch viel schwerer ist als für mich!“, erwiderte er verzweifelt. „Was soll sie denn machen, wenn ihre Freundinnen plötzlich komische Bemerkungen machen? Wie soll sie dann reagieren?“
„Siehst du...?“, sagte sie zögernd.
„Was sehe ich? Was sehe ich denn? Ich sehe eine Welt, in der alle etwas denken, was andere dürfen, ihrer Meinung nach, und was sie nicht dürfen – weil sie dann ,peinlich’ sind, oder ,falsch’ oder was auch immer! Niemand darf sein, wie er will – oder wie er ist –, weil andere gleich immer etwas denken... Und wenn andere etwas denken, ist es immer ganz, ganz schlimm, dann sollte man das schleunigst nicht mehr tun! Nicht mehr Flöte spielen. Nicht mehr ein zwölfjähriges Mädchen lieben. Man sollte sich einfach immer anpassen. Das ist es doch... Oder? Das ist es doch...“
„Nein...“, sagte sie beschwichtigend.
„Was denn dann, Mama!“, sagte er, sich aufrichtend. „Was denn dann? Warum darf ich sie denn sonst nicht lieben? Warum denkt ihr sonst alle, ich bin verrückt, idiotisch, durchgeknallt, hoffnungslos ... und natürlich enttäuschend...?“
„Nein... Nein, Tim, du bist nicht enttäuschend. Darum geht es nie...“
Er musste aufschluchzen.
„Worum geht es dann, Mama? Sag es mir...“
Sie kam zu ihm und setzte sich an sein Bett.
„Es geht nur darum, dass du glücklich wirst, Junge... Aber wie soll ein zwölfjähriges Mädchen das denn machen...“
Er schluchzte nur noch mehr.
„Sie macht es schon, Mama! Verstehst du das denn nicht...“
...