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Die Vergewaltigung Schneewittchens

Holger Niederhausen: Die Vergewaltigung Schneewittchens. Der Sieg der Gegenmächte über die Wahrheit der Märchen. Niederhausen Verlag, 2026. Paperback, 408 Seiten, 16,90 Euro. ISBN 978-9-4039-3294-1. 

► Wichtiger Hinweis: Wer meinen würde, ich schriebe nur 'Mädchen-Bücher', der irrte essenziell - diese Mädchen sind Botinnen des immer verschütteteren Wesens der menschlichen Seele überhaupt. 

Erschienen am 1. Oktober 2026.              > Bestellen: Bookmundo | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen <

Inhalt


In den urbildlichen Märchen unserer Kultur ist die zentrale Gestalt das Mädchen, und dies ist kein Zufall. Von Vorläufer-Motiven her streben diese Märchen hin zu einer heiligen Essenz, die zutiefst mit der Wahrheit des Menschen zusammenhängt. Dieses Buch gibt ein tiefes Erleben dessen und zugleich der Tatsache, wie sehr diese heilige Essenz heute vergewaltigt wird...

Über dieses Buch


Dieses Buch führt tief hinein in ein Bewusstsein unser heutigen Situation als Menschheit, vor deren Hintergrund man überhaupt erst einen tiefen Zugang zu den Märchen finden kann.

In einem ersten Kapitel wird der Seelenverlust der ,Moderne’ zu einem tiefen Erlebnis.

Ein zweites Kapitel gibt ein umfassendes Erleben dessen, was der Deutsche Idealismus als Wesen des Menschen sah und erkannte – Schiller, Fichte, Novalis.

Ein drittes Kapitel wirft die Frage auf: Gibt es die Gegenmächte? Die Antwort wird mit Darwin beginnen, und das Innere des Menschen, sein Seelenleben, wird zur unbequemen Frage werden.

Mit diesen drei Grundlegungen ist der Boden bereitet, ganz in die Essenz der Märchen eintauchen zu können...

In einer dichten Ausführlichkeit wird dies dann mit sieben zentralen Märchen geschehen:

        Aschenputtel
        Frau Holle
        Dornröschen
        Schneewittchen
        Die Sternthaler
        Schneeweißchen und Rosenrot 
und 
        Die wilden Schwäne von Andersen.

Sehr genau wird auf ihre ,Vorläufer’ (Pentameron, Perrault) geblickt werden, wir lernen die ZuträgerInnen der Brüder Grimm ebenso kennen wie ihre Veränderungen von der handschriftlichen Urfassung 1810 zur Erstausgabe 1812 und zur Ausgabe letzter Hand 1857.

Intensiv blickt dieses Buch auch auf die Frage, ob es sich hierbei um ,Verfälschungen’ handelt.

Sodann wird sich die erhabene Frage der Urbilder auftun, und immer tiefer werden wir eintauchen in das siebenfach sich gestaltende Urbild dieser so besonderen Märchen – und immer tiefer zu verstehen beginnen...

Nach diesem großen und gewichtigen Hauptteil wendet sich der letzte Teil der ,Vergewaltigung Schneewittchens’ zu.

Die Frage, wie die ,Moderne’ mit den Märchen umgeht, wird erneut zu einer deutlichen Diagnose, die auf die ,moderne’ Seele selbst zurückfällt und ihre tiefe Krankheit offenbart. Ausführlich wird dabei auch auf den immer wieder erhobenen feministischen Vorwurf eingegangen, die Märchen seien Produkte des ,Patriarchats’. Mit diesem Buch wird sich die Frage unendlich komplexer und sehr, sehr anders darstellen.

Jede lesende Seele wird die Märchen am Ende dieser umfassenden Reise mit neuen Augen sehen…

Leseprobe 1


Märchen geben Urbilder. Gerade deshalb können sie in verschiedensten Gegenden der Welt völlig unabhängig voneinander immer wieder in einer oft ganz erstaunlichen Verwandtschaft auftauchen. Die Grimms schreiben in der späten Auflage (1856) ihres Anmerkungsbandes:[B,406]

Aber mit einzelnen Ausnahmen [direkter Ausbreitung, H.N.] erklärt man noch nicht den großen Umfang und die weite Verbreitung des gemeinsamen Besitzes: tauchen nicht dieselben Märchen an den entferntesten Orten wieder auf, wie eine Quelle an weit abliegenden Stellen wieder durchbricht? Wie die Hausthiere, das Getreide, Acker-, Küchen- und Stubengeräthe, die Waffen, überhaupt die Dinge, ohne welche das Zusammenleben der Menschen nicht möglich scheint, so zeigen sich auch Sage und Märchen, der befeuchtende Thau der Poesie, so weit der Blick reicht, in jener auffallenden und zugleich unabhängigen Übereinstimmung. Auch in gleicher Nothwendigkeit des Daseins, denn nur wo Geldgier und die schnarrenden Räder der Maschinen jeden andern Gedanken betäuben, meint man ihrer entrathen zu können. Wo noch [...] Sitte des Lebens herrscht, wo noch der Zusammenhang menschlicher Gefühle mit der umgebenden Natur empfunden und die Vergangenheit von der Gegenwart nicht losgerissen wird, da dauern sie fort. Die besten habe ich von Bauern vernommen [...]. [...] Wie will man es erklären, wenn die Erzählung in einem einsamen hessischen Gebirgsdorf mit einem indischen oder griechischen oder serbischen Märchen seiner Grundlage nach übereinkommt?

Sie nennen dann als urbildliche Charaktere den Dummling, das listige Schneiderlein, den Aufschneider, den Faulen, den Meisterdieb, den Bruder Lustig – unterschlagen aber erstaunlicherweise bei ihren ganzen männlichen Beispielen das so ungeheuer zentrale Urbild des unschuldigen Mädchens – –!

Auch weisen sie auf das Mythische als Ursprung alles Bildhaften hin, sprechen aber nicht von der zentralen Wahrheit der Seele, deren heiliges Reich ebenfalls zutiefst mit Bildern zu tun hat.

Dass die Märchen, die sich unmittelbar auf die Seele beziehen, gerade in Deutschland mit seiner tief seelenvollen Sprache so blühen konnten, ist ein geheimnisvoller Zusammenhang, der den Grimms letztlich nur ansatzweise bewusst wird, auch wenn sie sehr wohl ein Zentrum dieses so besonderen Märchenkreises im Gebiet der Deutschen erkennen:[B,411f]

Man wird fragen wo die äußeren Grenzen des Gemeinsamen bei den Märchen beginnen und wie die Grade der Verwandtschaft sich abstufen. Die Grenze wird bezeichnet durch den großen Volksstamm, den man den indogermanischen zu benennen pflegt, und die Verwandtschaft zieht sich in immer engern Ringen um die Wohnsitze der Deutschen, etwa in demselben Verhältnis, in welchem wir in den Sprachen der einzelnen, dazu gehörigen Völker Gemeinsames und Besonderes entdecken. [...] Die deutschen Märchen, glaube ich, besitzen nicht nur der nördliche und südliche Theil unseres Vaterlandes, sondern auch die nahverwandten Niederländer, Engländer und Skandinavier in völliger Gemeinsamkeit; die neuesten Sammlungen gewähren davon Überzeugung.

Nur weil Märchen diese Urbilder des Seelischen geben, waren sie so ungeheuer weitverbreitet. 1896 stellte die Londoner Märchenforscherin Cox hunderte Varianten der Märchentypen, insbesondere ,Aschenputtel’ (Cinderella), ,Allerleihrauh’ (Catskin) und ,Prinzessin Mäusehaut’ (Cap-o’-Rushes) zusammen.  Im Tschechischen verband sich das Motiv der drei Haselnüsse mit ,Aschenbrödel’.  Zu Schneewittchen hat Böklen ausführlich die verschiedenen Varianten untersucht.

                                                                                                                                             *

Das Urbild führt in das Ideale. Dies unterscheidet gerade die deutschen, immer wieder so tief seelenvollen Märchen von ihrem Gegensatz – einer haltlosen Phantastik, wie sie etwa in ,Eintausendundeiner Nacht’ geradezu wie in einem verwirrenden Kaleidoskop begegnen – weshalb Mohammed all diese Luftgebilde bloßer Poesie auch konsequent verbot, wie Goethe schreibt und dann hinzufügt:

Ihr eigentlicher Charakter ist, daß sie keinen sittlichen Zweck haben und daher den Menschen nicht auf sich selbst zurück, sondern außer sich hinaus in’s unbedingte Freie führen und tragen.

Goethe meint dies keineswegs positiv, vielmehr deutet er auf eine Beliebigkeit – allenfalls eine ganz leere, negative ,Freiheit’ – eine bloße ,Freiheit von’. Schon Schiller wusste, dass eine viel reellere und wahrere Befreierin die Schönheit ist.

Der Charakter des echten Märchens nun ist, dass es eine sehr tiefe moralische Essenz hat, aber keinen ,Zweck’, schon gar keinen ,Erziehungszweck’, sondern es ist selbst inspiriert aus der real-übersinnlichen Sphäre, in der das Menschenwesen seine wahre Heimat hat. Wenn das Gute sich als leuchtend schön erweist, so weil dies die unmittelbare Wahrheit des Menschenwesens ist. Aus einer Sicht, die sich von den Gegenmächten nicht hat ablähmen lassen, kann dies gar nicht anders sein. Sobald das Gute nicht mehr das absolute, zweifelsfreie Ideal ist, ist das Menschenwesen bereits krank geworden. 

...

Leseprobe 2


Aber eine ganz wesentliche Ursache dieser längst grenzenlosen Vergewaltigung der Märcheninhalte ist – – die Emanzipation.

Sie war es, die machtvoll das neue Narrativ in die Welt setzte, die Märchen seien ein Produkt des Patriarchats.

Wir müssen nur kurz ,googeln’ und schon werden wir überflutet mit entsprechenden Belehrungen über das, wie wir heute zu denken haben. Längst hat sogar auch die KI die Rolle übernommen, die Dinge geradezu ,mundgerecht’ zusammenzufassen. Und so lesen wir:

Märchen sind keine neutralen Erzählungen, sondern kulturelle Spiegel, die tief in patriarchalen Strukturen verwurzelt sind. Sie prägen bis heute unser gesellschaftliches Frauen- und Männerbild, indem sie traditionelle Machtverhältnisse zementieren und weibliche sowie männliche Rollenbilder starr definieren.

Kernmuster des Patriarchats in Märchen
•     Rettungsnarrative: Frauen werden oft als passive, hilflose Wesen dargestellt, die auf die Rettung durch einen aktiven, heldenhaften Mann warten (z. B. Dornröschen).
•     Die "Gute" vs. die "Böse": Weibliche Figuren werden extrem polarisiert. Das Ideal ist passiv, schön und duldsam (Aschenputtel), während selbstbewusste, unabhängige oder machtvolle Frauen oft als Hexen, böse Stiefmütter oder Rivalinnen dämonisiert werden.
•     Männliches Leistungsprinzip: Männer werden auf Stärke, Mut und Tatendrang reduziert. Sie müssen Prüfungen bestehen, um Macht, Reichtum und die Frau als "Trophäe" zu gewinnen. Echte Emotionen oder Verletzlichkeit sind in diesem toxischen Rollenbild oft nicht vorgesehen.

Wer lange genug damit konditioniert wurde, für den klingt dies alles erst einmal grandios plausibel – und das ist es ja auch. Nur wird hier eine Teilwahrheit derart verabsolutiert und auf den Thron gehoben, dass es längst in eine regelrechte Götzenanbetung entartet ist. Durch Teilwahrheiten wird eine ungeheure Diktatur der Lügen errichtet.

Man könnte auch völlig andere Sichtweisen formulieren.

Selbstverständlich sind Märchen keine ,neutralen Erzählungen’ – sind sie ja gerade zum Beispiel Imaginationen leuchtender Ideale, die so in der Wirklichkeit (fast?) überhaupt nie vorkommen! Auch die noch tiefere Ebene, dass sie als Imaginationen der Seele selbst und ihres übersinnlichen Wesens, ihres Inkarnationsweges und ihrer sonstigen als Möglichkeit vor ihr stehenden Entwicklungswege verstanden werden können, haben wir bereits kennengelernt.

Machtverhältnisse und Rollenbilder – ja. Aber ist das heute anders? Gott ist noch immer ,männlich’, die Frau bekommt noch immer Babys, die Rollenbilder werden in der Werbung noch immer bedient, Trump und Putin sind Männer, nur knapp 14 Prozent aller Staaten weltweit haben weibliche Regenten.

In Deutschland lag der Anteil weiblicher Führungskräfte schon 1992 bei 26 Prozent – und liegt trotz zweier weiterer Jahrzehnte noch immer unter 30 Prozent. Der Frauenanteil in der CDU liegt bei 26 Prozent.

,Rettungsnarrative’: Dornröschen wird nicht als passiv dargestellt, sie wurde wie das gesamte Königreich durch einen Zauber in einen Schlaf versetzt! In anderen Märchen, in denen Mädchen heute als ,passiv’ kodiert werden, besitzen diese Mädchen eine ungeheure Unschuld und Hingabekraft – und diese Tatsache wird durch ihre Verletzlichkeit nur noch gesteigert. In Wirklichkeit ist das, was man heute als ,passiv’ kodiert, nur eine unglaubliche Aktivität der Seele auf einer anderen Ebene, die aber heute komplett negiert und verachtet wird.

Und was etwa Aschenputtel angeht, wo ja ebenfalls das ,Rettungsnarrativ’ unterstellt wird, besagt die Wahrheit des Märchens selbst, dass das Mädchen ja gar nicht ,gerettet’ werden wollte! Warum nicht? Weil ihre Unschuld und Demut noch viel größer war! Sei es, dass sie sich geschämt hat, weil sie in Wirklichkeit ja nur ein ganz einfaches Mädchen war, sei es aus anderen Gründen – sie lief von dem Fest weg und wollte gar nicht erkannt werden. Und diese Aktivität und Eigenständigkeit muss man ihr in einer hermeneutischen Deutung bedingungslos zugestehen, anstatt auch dieses Märchen für die eigenen vergewaltigenden Narrative zu missbrauchen.

...