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Schüchternheit – heilige Fähigkeit

Holger Niederhausen: Schüchternheit – heilige Fähigkeit. Niederhausen Verlag, 2026. Paperback, 248 Seiten, 14,90 Euro. ISBN 978-9-4039-2676-6. 

► Wichtiger Hinweis: Wer meinen würde, ich schriebe nur 'Mädchen-Bücher', der irrte essenziell - diese Mädchen sind Botinnen des immer verschütteteren Wesens der menschlichen Seele überhaupt. 

Erschienen am 1. September 2026.              > Bestellen: Bookmundo | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen <

Inhalt


Dieses Buch taucht tief ein in das Wunder der Schüchternheit und offenbart ihr ganzes, leuchtendes Wesen – ein wahrer Kosmos heiliger Fähigkeiten. Sie ist nicht nur Schwester der Unschuld, sondern hängt innigst mit dem Menschlichen schlechthin zusammen. Und eine in Bezug auf das Schüchterne defizitorientierte Zeit offenbart nur zutiefst ihre eigenen Defizite und Sackgassen, denn das kollektiv angebetete ,moderne’ Selbst ist längst ein Narziss und brutaler Unterdrücker der Seele...

Über dieses Buch


Dieses Buch konfrontiert unsere Zeit mit der ganzen Brutalität ihres eigenen defizitorientierten Denkens – an dem Punkt, wo sie selbst sich am sichersten wähnt: ,Du brauchst nur ein bisschen mehr Selbstbewusstsein...’

Wie oft hat ein schüchternes Mädchen diesen Satz wohl schon gehört? Alle wollen ihr ,helfen’. Blind für das Wesen dieses Mädchens stehen sie geradezu Schlange, ihr dieses Wesen austreiben zu wollen. Wäre es doch auch zu schmerzlich, erkennen zu müssen, dass man selbst längst ein goldenes Kalb anbetet – und dies nur deshalb nicht bemerkt, weil es auch alle anderen tun und weil es so grenzenlos angenehm ist, ganz wie eine Droge... 

Allein das schüchterne Mädchen hat sich ihr nicht unterworfen. Darum muss es beseitigt werden...

Das ,moderne’ Selbst erkennt diese Zusammenhänge nicht, aber es ist ihr Akteur. Und der blinde Fleck ist gewollt. Müsste es die ganzen Zusammenhänge erkennen, könnte es den eigenen Selbstwiderspruch, seine eigene Hässlichkeit nicht mehr ertragen. Es muss sein eigenes Sein zur absoluten Religion machen und auf das, was sein Gegenteil verkörpert, herabblicken

Aber ist das schüchterne Mädchen nicht nur ein Ideal des Patriarchats gewesen? Ebendies sind die Glaubenssätze, mit denen man die eigene Unterdrückung der Seele heute rechtfertigt. Was aber, wenn die Emanzipation die Seele selbst verriet und das Patriarchat nur kopierte...? Was, wenn die Unterdrückung sich letztlich nur verdoppelte? An diesem grenzenlosen Selbstwiderspruch kommt die Emanzipation nicht vorbei. Sie hat das innerste Wesen des Weiblichen verraten: das Feminine. Nicht nur aufgegeben, sondern wirklich: verraten

Ist es ein Wunder, dass man(n) sich in ein schüchternes Mädchen grenzenlos verlieben kann? Dass man in der Sehnsucht, sie kennenzulernen, selbst grenzenlos schüchtern werden kann? Was geschieht hier? Etwas, was dem Narrativ grenzenlos widerspricht. Eine Heilung...

Und heilige, heilende Mysterien sind mit dem Wesen der Schüchternheit verbunden. Dieses Buch offenbart sie mit jeder Seite mehr. Es ist ein ganzer Kosmos leuchtender, zutiefst mit dem Menschlichen verbundener Fähigkeiten, die das Schüchterne in sich birgt. 

Dies gilt für die Schüchternheit eines Jungen, eines Mannes, einer Frau gleichermaßen. Wenn in diesem Buch das schüchterne Mädchen im Mittelpunkt steht, so deshalb, weil es das Mysterium am berührendsten, am reinsten zur Offenbarung bringt. Die reine, unverstellte Wahrheit...

Sind wir bereit, ihr ins Antlitz zu sehen? Und uns zugleich mit der ganzen Wahrheit des ,modernen’ Selbst zu konfrontieren...?

Leseprobe 1


Die Norm ist, dass Schüchternheit als etwas Defizitäres angesehen wird. Als ein Mangel, ein Manko, ein Makel, schlicht eine Unfähigkeit, als die Summe fehlender Fähigkeiten.

Beginnen wir einfach mit einer Quelle der herrschenden Wahrheit, mit Wikipedia. Dort finden wir:

Unter Schüchternheit (hochsprachlich auch Scheu, veraltend Scheue) versteht man die Ängstlichkeit eines Menschen beim Anknüpfen zwischenmenschlicher Beziehungen.
Bei Scham, Verlegenheit, Lampenfieber, Love-shyness und Sexualangst treten ähnliche Verhaltensweisen auf, dabei sind diese auf spezielle Situationen begrenzt (Selbstunsicher-vermeidende Persönlichkeitsstörung). Schüchternheit bezeichnet dagegen die allgemeine Neigung eines Menschen, auf die Begegnung mit nicht vertrauten Personen mit Verunsicherung oder Furcht zu reagieren.

Das Kennzeichnende der Schüchternheit ist also nach diesen Definitionen Ängstlichkeit, Furcht und Verunsicherung. Was fehlt, sind ganz offensichtlich Mut und Sicherheit – die Polarität dazu. Das wiederum bedeutet, schüchterne Menschen haben ganz einfach einen Mangel, ein Defizit, an diesen ganz normalen Gaben, die jeder Mensch haben sollte.

Das Wort ,Defizit’ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet unmittelbar ,es fehlt’. Das Verb deficere hat die Bedeutungen ,abnehmen, aufhören, fehlen’. Während das Grundverb facere ,tun, machen’ bedeutet, ist das Erstere eine Ableitung davon mit der Vorsilbe de, die im Deutschen eine Abnahme oder sogar Umkehrung bedeutet (vergleiche ,demotiviert’, Desensibilisierung’ etc.).

So ist Schüchternheit im Grunde das Defizit schlechthin, denn sie ist Passivität, ein ,nicht tun’, ein ,es nicht wagen’ ... oder aber viel zu schüchtern wagen, nur halb, nur zu einem Viertel...

Schüchternheit ist eine Abnahme des Grundwortes ,Tun, Machen’, der Aktivität, der Eigenständigkeit und des Selbstvertrauens.

Sie ist alles dies nicht. Und damit ist sie schlicht ein Mangel an Selbstverwirklichung. Das ist die herrschende Sichtweise.

Schüchterne Menschen werden durch eben diese Sichtweise natürlich noch mehr an die Wand gedrückt, aber man will ihnen ja auch helfen. Man will ihnen helfen, mehr Selbstvertrauen zu gewinnen, wirklich zu sich selbst zu finden, das Defizit zu überwinden.

Nicht ,ihr’ Defizit, denn es gibt dafür ja externe Gründe – seien es Traumata in der frühen Kindheit, sei es eine zu strenge Erziehung, die auf ihre Weise ein Trauma ist. Für jedes Defizit gibt es Gründe – das kann in einer kausalitätsorientierten Zeit gar nicht anders sein. Man muss diese Gründe finden, und wenn man sie nicht mehr ,abstellen’ kann, weil sie bereits in der Vergangenheit liegen, muss man ihnen etwas entgegensetzen, ganz neu aufbauen.

Die Axiome, das heißt, die nicht weiter beweisbedürftigen Grundannahmen solcher Anschauung, liegen in der Überzeugung, was die ,Bestimmung’ eines Menschen sei. Hier ist es die ,Selbstverwirklichung’.

Ein Mensch, der sich nicht selbst verwirklicht, voller Selbstvertrauen und Eigenständigkeit, hat sozusagen sein Sein verfehlt. Er ist nicht er selbst geworden. Er hat sich wie eine Schnecke viel zu sehr zurückgezogen und hat es nie geschafft, aufzublühen und derjenige Mensch zu werden, der er hätte werden können.

                                                                                                                                             *

Der vielleicht gründlichste Vertreter dieser Sichtweise war Max Stirner. Er hat mit seinem Werk ,Der Einzige und sein Eigentum’ (1844) die Eigenständigkeit wirklich verabsolutiert.

In diesem Werk hat Stirner jegliche äußere Vorgabe abgelehnt und alles nur auf das Eigene gestellt. Wir wollen nur einige wenige Passagen aus diesem Werk kennenlernen, die tief erlebbar machen, wie Stirner die hier beschriebene Grundanschauung nicht nur völlig vorweggenommen, sondern in einer einzigartigen Radikalität vertreten hat. [...] 

...

Leseprobe 2


Wir sind ausgegangen von einem ganz defizitären Verständnis von ,Schüchternheit’ – und sind nun zu etwas nicht nur zutiefst Berührendem, sondern etwas regelrecht Leuchtendem gekommen, zu dem Geheimnis der reinen Seele.

Warum ist dies so? Warum gibt es diese Zusammenhänge?

Zum einen haben wir gesehen, dass es zwei sehr verschiedene Arten von Schüchternheit gibt. Es gibt fehlendes Selbstvertrauen – und es gibt die heilige Zurückdrängung allen Selbstbezuges.

Trotz aller Verschiedenheit gibt es zwischen beiden Arten einen heiligen Zusammenhang. Der Selbstbezug ist immer zurückgedrängt – auch bei jenem Mädchen, das gerne selbstbewusster sein wollen würde. Dieses ,würde’ ist zunächst einmal eine subjektive Empfindung. In Wirklichkeit ist der viel größere Wunsch des Mädchens, dazuzugehören ... oder zumindest nicht mehr belächelt zu werden. Sich nicht mehr selbst ständig unfähig fühlen zu müssen.

Genau hier setzt ja auch das defizitäre Verständnis an. Jenes, das dem Mädchen sagt: ,Dir fehlt einfach nur ein bisschen Selbstvertrauen. Hab es doch einfach mal...!’

Wenn wir uns darin vertiefen, werden wir sehen, dass es im Grunde genau zwei Möglichkeiten gibt. Entweder es ,gelingt’ dem Mädchen – und das Problem ist gelöst, auch wenn es vielleicht ein paar Wochen dauern sollte. Oder es ,gelingt’ dem Mädchen nicht – und dann verweist dies auf etwas viel Objektiveres, aber auf genau das, was die defizitäre Sicht nicht anerkennen will ... nämlich darauf, dass der mangelnde Selbstbezug ganz zu dem Wesen dieses Mädchens gehört.

Dieses Mädchen möchte nicht mehr ,Selbstvertrauen’ haben – weil es dann jemand ganz anderes wäre und nicht mehr sie...

Selbstbewusstsein ist ohne Selbstbezug nicht möglich. Die selbstbewusste Seele setzt sich in den Mittelpunkt – genau daher kommt dann auch ihre Selbstsicherheit.

Jede selbstbewusste Seele geht den Weg Max Stirners – auch wenn sie in einem zweiten Schritt davon wieder absehen kann. Aber sie wählt den Weg des starken ,Ichs’, der ja auch von jedem sogenannten ,empowerment’ angestrebt wird.

Eine Schüchternheit, die das Mädchen nicht überwinden kann, ist aber immer ein sehr sicherer Hinweis darauf, dass sie sie in letzter Hinsicht gar nicht überwinden will – unbedingt nicht, weil hieran ihr ganzes Wesen hängt, untrennbar damit verbunden ist. Und dies ist kein Defizit, dies ist der berührende Gegensatz zu einem Max Stirner. 

...