Weihnachten
Von einem, der Gottes Liebe fand
von Sigrid Mandelsloh, aus: Maria Rathmann: Wir wandern zur Krippe. Evangelische Verlagsanstalt, 1962.
Seinen Namen weiß heute keiner mehr, auch damals war er nicht bekannt, sonst hätte ihn der ehrwürdige Erzähler der Weihnachtsgeschichte sicherlich genannt. Sein Name ist auch ganz unwichtig, du kannst ihm jeden beliebigen Namen geben, auch deinen eigenen, wenn du noch ein junges Herz hast.
Er war Hirte, einer der fünf Hirten, die auf Bethlehems Feldern die Schafherde der Stadt hüteten. Wer ihn sah, mußte seine Freude an ihm haben, denn er war groß und schlank, hatte geschickte Hände, flinke Beine und einen stets lachenden Mund. Die andern Hirten mochten ihn gern, doch ließen sie ihn zuweilen spüren, daß sie nicht wünschten, daß er zu groß unter ihnen würde, denn seine Umsicht stand ihrer Erfahrung oft um nichts nach.
Er war noch sehr jung. Wenn er mit den Hunden um die Wette lief, konnte man meinen, er sei noch ein Knabe. Und eben dies war sein Geheimnis, das ihn fröhlich machte: er fühlte sich als ein Kind und wollte im Innersten seines Herzens nichts anderes sein. Das leise Blöken eines Lämmchens, das erste Fiepen eines jungen Hundes, die feinen Grasspitzen in der Regenzeit versetzten ihn in einen Rausch der Freude, und wenn in den kalten Nächten des Winters der Sturm tobte, der Regen niederprasselte und der Wind sich in seiner weiten Bluse verfing, dann lachte er ob des Ungestüms und jauchzte in das Tosen hinein. Die andern Hirten verstanden ihn nicht, aber er fragte nicht danach - er war ein Kind.
Seit seiner ersten Hirtennacht waren zwei Jahre vergangen. Wind und Wetter hatten ihn rauh gemacht, und manche bestandene Gefahr hatte ihn schweigsamer werden lassen. Doch sein kindliches Herz hatte er sich bewahrt, bis eine Zeit kam, in der er auch das verlieren sollte.
Er hatte sich am Vorabend des Sabbats auf den Weg gemacht zur Synagoge von Bethlehem. Er war fröhlich in die kühle Halle des Gotteshauses eingetreten in der Gewißheit, nun wieder für Wochen Gesprächsstoff für die einsamen Stunden auf dem Felde mitzubekommen. Ein Ältester hatte die Rolle ergriffen, aus dem Gesetz des Mose vorgelesen und das Gelesene mit klugen Worten erklärt. Der Hirte verstand davon nicht viel, in seinem Herzen war auch kein Raum für all die vielen Worte, aber ein Satz war ihm wie Feuer ins Herz gefallen:
Du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allem Vermögen.
Er begriff dieses Wort nicht gleich, aber es blieb wie eine drohende Forderung vor ihm stehen. Benommnen und still ging er nach Sonnenuntergang den beschwerlichen Weg zur Herde zurück. In der Nacht hatte er die Wache über Feuer und Herde. Als er einmal liebkosend ein Lämmchen hoch nahm und sein Gesicht fröstelnd in der warmen Wolle barg, erschrak er plötzlich: Liebte er seine Herde mehr als Gott? Den Schafen und Hunden gehörte sein ganzes Herz, dem Wind und dem prasselnden Feuer. Aber Gott? Der Heilige Israels war weit - der Hirte hatte wohl zu ihm gebetet und kannte die herrlichen Feiern zum Passahfest im Tempel, aber liebte er darum Gott? Um sich abzulenken von den schweren bedanken, griff er in die Tasche und zog sein Schnitzzeug hervor. Unter seinen geschickten Händen entstand ein Lamm mit neugierig vorgereckter Schnauze. Der kleinen Elisabeth wollte er's bringen. Er lachte bei dem Gedanken, ob sie ihm ihr Köpfchen wohl auch so entgegenrecken würde wie das Holztierchen in seinen Händen. Da fuhr ein kalter Hauch über das stille, liebliche Bild des Mädchens in seinem Herzen: Liebte er auch Elisabeth mehr als Gott?
Es schauderte ihn ein wenig, mußte ihm Gott denn heute überall mit seiner Forderung begegnen? Gab es denn keinen Ausweg?
Er steckte sein Schnitzzeug ein und setzte sich am Feuer nieder. Die Flammen prasselten und leckten nach seinen Füßen. Als er sie mit einer unbewußten Bewegung zurückzog, kam ein bitteres Lachen über ihn: Was war er doch besorgt um sein Leben, das Leben eines Menschen, der nicht einmal fähig war, Gott zu lieben. Was würde wohl geschehen, wenn er nicht endlich begann, Gott seine ganze Liebe zu schenken? Dann würde Gott ihn sicherlich fortstoßen, ihn mit Verdammnis strafen, wie die heiligen Schriften es nennen. Gott hatte ihn geschaffen, so konnte et auch die Liebe von ihm fordern. Aber er, der ungelehrte Hirte, wußte nicht, wie er ihn lieben könnte.
Tiere, Wind und Wasser waren um ihn, wie das Atmen in ihm, die Liebe zu ihnen war etwas Selbstverständliches, um das er sich nicht bemühen mußte, die Liebe zu Elisabeth hatte ihn eines Tages wie eine unbekannte Macht überfallen, er mußte sie einfach lieben, er wußte selbst nicht recht, warum. Aber wie sollte er Gott lieben? Er sah besorgt zu den Sternen hoch. Den, der alles geschaffen hat, konnte man wohl fürchten - ja, und mit furchtbarer Deutlichkeit erkannte er es plötzlich - man könnte ihn auch hassen. Man kann Gott hassen, wie man so leidenschaftlich kein Geschöpf haßt. Aber hatte er Grund, Gott zu hassen? Der Hirte überblickte sein Leben, wie einer, der es abschließen und die Summe ziehen will. Zum Haß war freilich keine Ursache - aber zur Liebe war ebensowenig Grund zu finden. Denn was hatte Gott ihm in seinem Leben schon Besonderes getan, daß er diesen Gott nun lieben müßte?
Während der junge Hirte an einen Baum gelehnt in die Nacht starrte, rief er den Heiligen Israels, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs vor sein Gericht. Hart und stolz stiegen die stummen Fragen zum Himmel auf: Warum soll ich dir Liebe schenken? Welches Recht hast du zu deiner Forderung? Was tatest du, um meine Liebe zu gewinnen? Da hörte er wieder den Ältesten, der mit lauter Stimme las: Du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben... Es war, als ob die Nacht zu einem Chor unzähliger Stimmen geworden wäre, und Donner und Wind verwoben sich zu einem einzigen Ruf: Du sollst deinen Herrn liebhaben! Da wußte der Hirte, daß er vor Gericht stand. Die Geschöpfe Gottes, die er lieben konnte, klagten ihn an: Du sollst lieben Gott, unsern Herrn! Und der Hirte verstand, was keiner in der Synagoge verstanden hatte: daß es leichter ist, Gott zu hassen, als ihn zu lieben.
Als der Morgen kam, war der junge Hirte ganz verändert. Seine Art, mit den Tieren umzugehen, war sachlich kühl geworden, die Hunde, die ihn in seinem Grübeln aufstörten, schob er beiseite, die andern Hirten mußten ihn zum Singen und Flöten auffordern; aber er tat es voller Unlust. Da begannen die andern ihn zu necken und zu ärgern. Er brauste dann ungeduldig auf und war doch nach solchen Zornesausbrüchen noch stiller und in sich gekehrter als sonst. Nachts lag er lange wach. Er suchte nach der Liebe, die Gott ihm erwiesen hatte, daß er sie erwidern könne, und wußte doch, daß dieses Suchen nicht recht war, daß er Gott lieben sollte, ohne den Grund zu wissen. Aber eben das vermochte er nicht. Da kam ein Gedanke in ihm auf, der alles Leben zu zerstören drohte. Gott hat mich sein Gesetz nur wissen lassen, um mir zu zeigen, daß er mich nicht will. Weil ich Gott nicht lieben kann, antwortet mir Gott mit seinem Haß. Der junge Hirte hatte die Worte langsam und schwer vor sich hingesprochen; wie er sie nun hörte, klangen sie ihm wie das Urteil, das Gott über sein Leben sprach. Als ihn ein anderer Hirte fragte: „Was ist nur mit dir?“, wandte der Junge den Kopf ab: „Nichts, es ist aus...“
Seitdem waren Tage vergangen. Der junge Hirte stand am Feuer und sah versonnen in die glimmenden Scheite. Wozu lebte er noch? Seit Tagen ließ ihm diese Frage keine Ruhe. Wenn Gott ihn gerichtet hatte, konnte er doch nichts mehr anfangen.
Er dachte an die Zeit, in der er eine kindliche Freude an allem Lebenden gehabt hatte; aber hatte er ein Recht, die Geschöpfe zu lieben und sich an ihnen zu erfreuen, wenn er den Schöpfer nicht liebte?
In seine Gedanken klang plötzlich ein mächtiges Rauschen und ein Licht, heller als der Tag, erfüllte die Weide und die ganze Gegend. Er stürzte vornüber und meinte, daß nun Gott sein Gericht über ihn senden würde, weil er wieder ohne Liebe an ihn gedacht hatte. Sein Herz klopfte vor Angst, und die Furcht machte ihn so schwach, daß er nicht knien konnte und sich mit den Händen stützen mußte.
Da erscholl eine Stimme von solcher Gewalt, daß sie kein Mensch beschreiben kann, die sprach: „Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ Herrliche Töne durchdrangen die Luft, und alle Geschöpfe schienen den Lobgesang zu atmen, den die himmlischen Heerscharen nun anstimmten: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“
Dann war es wieder still, und die Dunkelheit nahm aufs neue Besitz von den Feldern. Der junge Hirte erhob sich schwer und blickte sich nach den andern um. Sie blickten einander scheu und ehrfurchtsvoll an. Da wandte sich der junge um und ging mit schnellen Schritten den Weg nach Bethlehem hinauf. Als die andern das sahen, kam wieder Leben in sie: „Lasset uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat“, rief der Älteste, und sie nahmen eilig die Mäntel und Felle um sich und griffen nach den Stäben. Dennoch war der Junge ihnen ein gutes Stück voraus. „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn“, murmelte er vor sich hin und dann: „Du sollst lieben Gott, deinen Heiland, das Kindlein in Windeln gewickelt - uns ist heute der Heiland geboren siehe ich verkündige euch große Freude, große Liebe - denn, denn ein Kindlein kann ja auch ich lieben“, jubelte es in seinem Herzen - „wenn Gott ein Kind wird, dann weiß auch ich, wie ich ihn lieben kann.“
Dann stand er in der offenen Tür eines Stalles. Ein großer, kräftiger Mann leuchtete ihm mit einer Laterne ins Gesicht und trat dann zur Seite, um ihn einzulassen. Auf eitler Strohschütte lag eine blasse junge Frau, die ihm mit schmerzlichem Lächeln zunickte. Neben ihr eine Krippe, in der ein Kind lag. Von Zeit zu Zeit schrie es ein wenig, wie jedes Neugeborene schreit. Aber dem Hirten kam kein Zweifel: Dies war der Heiland, den Gott gesandt hatte, hier zeigte Gott seine Liebe, und hier zeigte Gott, wie wir Menschen ihn lieben können.
Der Hirte kniete nieder und preßte die Stirn gegen den Rand der Krippe, daß es schmerzte. Er konnte nicht beten wie die Schriftgelehrten in der Synagoge, er konnte nur stammeln. „Du Kindlein, - du liebes, du geliebtes Kind, du Liebe Gottes, - ich kann dich lieben.“ Er wurde so frei und glücklich, daß er aufsah und mit scheuer Gebärde seine Finger über die Händchen des Kindes gleiten ließ. „Ja, Gott will wohl, daß er euch allen gehört“, sagte die Mutter leise. In einer Aufwallung stürmischer Liebe zog der Hirte seine Pelzweste aus und breitete sie über das Kind. „Zum Spielen kriegst du auch was“, lachte er und zog das Lämmchen aus der Tasche, „wie gut, daß ich das noch hab'.“ Er tastete das Schnitzwerk ab, ob es auch keine Stelle aufwies, an der sich das Kind hätte verletzen können, dann reichte er es der Mutter.
Draußen hörte man das Scharren und Stampfen der andern Hirten. Da kniete der Junge noch einmal an der Krippe nieder; als er sich erhob, um den andern Platz zu machen, war er in seinem Herzen wieder ein Kind geworden, mehr als das: ein Kind Gottes.