2024
Mann und Mädchen – ein Urbild der Begegnung
Für ein tieferes Verstehen...
Die Begegnung zwischen Mann und Mädchen kann bei einer Liebe des Mannes zu dem Mädchen so idealisch durchdrungen sein, dass sie geradezu zu einem Urbild und Ideal von Begegnung überhaupt wird.
Was das heißt, macht eigentlich jeder meiner entsprechenden Romane immer wieder neu und auch anders erlebbar. In dem jetzt erschienenen Roman ,Minne-Wunde/r’ ist es die alte Frau Elsa, die dieses Geheimnis ausspricht.
Zunächst hatte Elsa gezweifelt, ob eine Begegnung zwischen dem verheirateten Familienvater Daniel und dem Mädchen Autumn das Richtige ist, zumal das Mädchen diese Begegnung zunächst selbst abwehrte. Als sich diese beiden Menschen dann aber tatsächlich mehr kennenlernten und begegneten, wurde der alten, weisen Frau immer klarer, dass ihr erstes Urteil bzw. ihre ersten Zweifel noch nicht die ganze Wahrheit erfasst hatten, die sich überhaupt erst entwickeln (dürfen) musste. Gegen Ende des Romans hat sich ihr Urteil dann völlig verwandelt, denn mehr als jeder andere erkannte sie, wie sehr sich hier, gleichsam vor ihren Augen, ein tief berührendes Ideal entfaltete.
*
„Ich habe es ja schon gesagt...“, erwiderte die alte Dame ernst. „Ich habe zwar mein Leben lang das Ideal in mir getragen. Das menschliche Ideal, verstehst du? Spätestens seit dem Tod meines Mannes habe ich versucht, Menschen zu helfen, wo immer ich konnte. Vorher auch schon, aber danach bekam das noch einmal eine neue Dimension, man wird mit dem Alter und mit bestimmten Schicksalspunkten einfach immer selbstloser... Aber was ich sagen will, ist ... das Ideal habe ich immer in mir getragen ... das, was der Mensch sein kann und sein soll ... aber ich habe die Menschen immer nur ringen sehen, einsam, fern vom Ziel, jeder leidvoll vor sich hin stolpernd, immer wieder tief berührend, aber dann doch wieder fern, sehr auf sich und sein eigenes Leid bezogen, natürlicher- und verständlicherweise...
Ich will sagen ... ja, was will ich eigentlich sagen...? Ja, ich will sagen ... eure Begegnung ... hat mir irgendwie wieder dieses Ideal als möglich erscheinen lassen. Gewissermaßen wie eine Art Versprechen, dass die Menschheit noch nicht ganz verloren ist... Ich meine zunächst vor allem die beiden Hälften dieser Begegnung. Einmal dieses bedingungslose Mädchen, das mit einer ungeheuren Wahrhaftigkeit seinen Weg geht und versucht, die Liebe, die es in seinem Herzen trägt, irgendwie zu artikulieren und zu Taten zu machen... Und dann dieser Mann ... dieser so hilflose, der so hilflos dieses Mädchen liebte und liebt ... und der von einer ganz eigenen, ebenso tiefen Aufrichtigkeit durchdrungen ist... Das ist beides für mich wie eine Art neu lebendig gewordenes Ideal, das ich so, auf diese Weise, ich muss es gestehen, eigentlich zum ersten Mal sehe...“
Sie lachte.
„Damit will ich nicht sagen, dass du in irgendeiner Weise perfekt wärest, das nur zur Erleichterung deiner Bescheidenheit! Aber es geht mir um die Tiefe oder die Art deiner Liebe – um beides eigentlich... Das hat eine Art heilige Beziehung zum Ideal... Wirklich wahr. Gerade durch diese Hilflosigkeit ... die dich jeden Schmerz einfach hinnehmen lässt. Du bist sozusagen immer wieder geprüft worden, wie aufrichtig deine Liebe eigentlich wirklich ist. Und sie war aufrichtig!
Also das zu sehen ... euch beide ... und wie ihr euch eigentlich durch unglaublich viel Leid – und wer das geringschätzt, sieht es eigentlich noch gar nicht, sieht nur sein eigenes – aneinander angenähert habt, um euch tatsächlich zu begegnen ... das ist für mich nach so vielen Jahren, fast am Ende eines so langen Lebens, zu einer Art Ideal geworden.
Ich weiß gar nicht, ob du verstehst, was ich meine! Was ich meine, ist die hilflose Aufrichtigkeit dahinter. Die Wehrlosigkeit. Die Verletzlichkeit. Und auf Autumns Seite natürlich dieser unglaublich gute Wille ... obwohl sie zunächst gar nicht wusste, warum sie das ,soll’! Von ihrer Seite aus war es ja völlig selbstlos – gegen alle eigenen Bedenken, nur bewegt von deinen Bitten und deinen Tränen, von ihrem Mitleid und ihrem guten Willen.
Und ich meine – das sind die Elemente dieses heiligen Mysteriums von Begegnung überhaupt! Keine anderen! Grenzenlose Aufrichtigkeit, grenzenlose Verletzlichkeit und durchaus auch grenzenlose Hilflosigkeit. Und dann das, womit darauf reagiert wird... Mit Erstaunen... Mit zaghaftem Vertrauen... Mit Mitleid, aber in Wahrheit, das heißt, mit einer heiligen Umkehrung des Sinnes... Ich meine – wir haben oft von einem Wunder gesprochen. Das ist für mich wirklich ein Wunder. Die tiefe Reinheit dieser Begegnung auf einer ganz bestimmten Ebene. Die Tatsache, dass sie aus nichts anderem besteht als aus dem, was in einer fernen Zukunft alle Begegnung sein soll. Rudolf Steiner sprach einmal davon, dass in dieser fernen Zukunft jede Begegnung ein Sakrament sein werde. Etwas durch und durch Heiliges. Und das erlebe ich bei euch... Weil es so gefährdet ist. Weil es so gegen jede äußere Vernunft spricht. Weil es nur noch von seiner eigenen Wahrheit getragen werden kann – ich meine, hat nicht auch Autumn selbst gegen ihren Vater kämpfen müssen, nur um das Recht auf diese Begegnung zu haben, gegen die sie sich sogar selbst noch wehrte?
Da ist also etwas unglaublich Reines, das überhaupt ,nicht von dieser Welt ist’ – sowohl in deiner Liebe wie auch in ihrem guten Willen, und das ist das Wunder, was ich meine und was ich so noch nie gesehen habe, nicht in dieser Beidseitigkeit...“
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll...“, erwiderte er betroffen und voll neuer Demut, voller zartem Staunen...
„Das ist ja nichts Neues!“, lachte Elsa. „Und du hast auch noch immer nicht gelernt, dass man sich bei mir dafür gar nicht rechtfertigen müsste...“