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Minnewunde/r

Holger Niederhausen: Minnewunde/r. Roman einer Wandlung. Books on Demand, 2024. Paperback, 424 Seiten, 19,90 Euro. ISBN 978-3-7597-4272-8. 

► Wichtiger Hinweis: Wer meinen würde, ich schriebe nur 'Mädchen-Bücher', der irrte essenziell - diese Mädchen sind Botinnen des immer verschütteteren Wesens der menschlichen Seele überhaupt.

Erschienen am 24. Juni 2024.              > Bestellen: Books on Demand | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen <

Inhalt


Als der Familienvater Daniel Wegener auf einem Elternabend der vierzehnjährigen Jasmin begegnet, die sich bedingungslos für Tiere einsetzt, ergreift ihn ihr Wesen so sehr, dass er sich tief verliebt. Während er versucht, sie irgendwie kennenlernen zu können, droht daran zunächst vor allem seine Ehe zu scheitern. Doch sein Mut, sich dem Wesen dieses Mädchens hinzugeben, wird sein Leben für immer verändern...

Über dieses Buch


Als der Vierziger Daniel Wegener auf einem Elternabend der Klasse seines Sohnes der vierzehnjährigen Jasmin begegnet, die in ihrer Freizeit für ein Tierschutzprojekt wirbt, verändert dieser Moment sein Leben völlig.

Als ihm das Mädchen während der nächsten Tage immer weniger aus dem Kopf geht, wird ihm klar, dass er sich verliebt hat. Aber warum? Dies zu begreifen, braucht mehr Zeit. Er versucht, Jasmin kennenzulernen, aber als das sehr selbstständige, freie Mädchen merkt, dass er sich nicht nur für das Projekt interessiert, wehrt es ihn direkt ab.

Sein Versprechen, für das Projekt zu spenden, führt dazu, dass sie einer weiteren Begegnung zustimmt, die sie aber auch wieder abbricht. Als seine Frau wiederum davon erfährt, dass er sich für ein Mädchen interessiert, droht auch seine Ehe schlagartig zu scheitern.

In dieser verzweifelten Schicksalssituation begegnet ihm eine alte Frau, Elsa, die ihn nicht nur ,auffängt’, sondern es ihm auch möglich macht, sich gegenüber seiner Frau anders als bisher zu öffnen. Daniel wird wahrhaftiger als je zuvor. Zunächst scheint dies verständlicherweise nicht das Geringste zu helfen…

Gegenüber Jasmin aber schafft er es, letztlich sogar ebenfalls mit Elsas Hilfe, sie erleben zu lassen, dass seine Empfindungen ihr gegenüber nicht nur tief aufrichtig sind, sondern dass er sehr wohl von ihr lernen möchte – ein anderer Mensch werden möchte. Das Mädchen kann erst nicht verstehen, was man da ,lernen’ müsse, wo es doch nur eine Willensfrage sei – aber mehr und mehr wird auch ihr klar, dass es so einfach offenbar nicht ist.

Einerseits kann das Mädchen immer wieder nicht begreifen, was dieser Mann ,von ihr will’, andererseits beginnt auch sie, sich ihm vertrauensvoll zu öffnen, während sie ihn dann wiederum konfrontiert und mit seiner regelrecht scheuen ,Verehrung’ oft gar nicht klarkommt – und dennoch wieder berührt ist von seiner hilflosen Aufrichtigkeit, die bis zu Tränen gehen kann.

Und dann sind da noch Daniels Frau und seine beiden Kinder, Kai und Anna. Daniel spürt, wie Elsa und Jasmin ihn längst verändert haben – aber spürt dies auch seine Familie? Kai, der diese ,Tierschützerin’ schon immer nervig fand? Seine Frau Frauke, die einerseits meint, er laufe einfach einer Vierzehnjährigen hinterher, dann wieder berührt ist, weil es offenbar doch mehr als nur das ist, aber ihre eigene Kränkung kaum überwinden kann?

Daniel hat außer Elsa zunächst niemanden, der seine Empfindungen wirklich versteht – nicht einmal Jasmin tut das. Dennoch ist dieser Roman die Offenbarung einer tief berührenden Annäherung zweier grundverschiedener Menschen. Für die in die Handlung eintauchende Seele wird immer tiefer erlebbar, was eigentlich das heilige Mysterium der Begegnung überhaupt ist – gerade angesichts dieser einen Begegnung … zwischen einem Mann und einem Mädchen, die vor so vielen verschiedenen Hindernissen steht. Und sich trotzdem ereignet – und vielleicht gerade deshalb.

Ein Roman voller spiritueller Tiefe und von einer berührenden seelischen Leuchtkraft.

Siehe auch meinen Aufsatz ,Von der Schönheit der Seele’, der weiter in das Geheimnis dieses Romanes hineinführt.

Leseprobe 1


Sein Sohn musterte ihn mehrmals, und er machte ein unverfänglicheres Gesicht. Dann aber fragte Kai, als sie zu essen angefangen hatten:
„Hattest du ihr eigentlich nochmal geschrieben?“
„Wem?“, fragte er in höchster Alarmstimmung.
„Na ihr. Die ,Delfinspezialistin’.“
„Wieso?“
„Sie sagte, ich soll dir sagen, du sollst sie in Ruhe lassen.“
Seine Frau hatte ihn bereits die ganze Zeit angesehen, jetzt schienen ihr die Gesichtszüge zu entgleiten.
„Was hast du ihr denn geschrieben, Daniel?“
„Nichts!“, verteidigte er sich. „Ich wollte sie einfach nochmal sehen!“
„Sehen? Und wieso?“

Jetzt trat er die Flucht nach vorne an.
„Wir hatten uns schon einmal gesehen! Weil ich mit ihr sprechen wollte. Ich war an ihrem Projekt interessiert, aber natürlich auch an ihrer Person. Aber sie dachte, weil es nicht nur um das Projekt ging, ich wolle etwas von ihr. Deshalb ist sie einfach gegangen. Wir konnten gar nicht sprechen! Und das wollte ich einfach richtigstellen...“
„Richtigstellen? Du hast sie schon einmal getroffen? Und warum sagst du das nicht? Warum verheimlichst du das?“
„Ich wollte einfach nicht, dass du dir Gedanken machst...“
„Gedanken? Was für Gedanken?“
„Was weiß ich – dass ich mich verliebt hätte, oder was auch immer!“
„Du hättest es ja einfach erzählen können, dann hätte ich mir auch keine Gedanken machen müssen! Jetzt aber sagt ein Mädchen dir, du sollst sie in Ruhe lassen, und ich soll mir keine Gedanken machen?“

„Siehst du? So ist das! Deswegen sage ich nichts.“
Seiner Frau blieben fast die Worte weg.
Wie bitte? Das wird ja immer schöner! Bin ich jetzt schuld, weil ich mir Gedanken mache, nachdem du nichts gesagt hast? Wieso lügst du mir was vor?“
„Ich habe nicht gelogen! Ich habe einfach nur nicht alles gesagt. Weil ich mir ja schon dachte, dass dann alles aufgebauscht wird...“
„Aufgebauscht? Aufgebauscht?! Du hast es ja nicht mal drauf ankommen lassen! Und warum nicht? Glaubst du, ich würde dir nicht glauben, wenn du ein Mädchen einfach nur als Person interessant findest?“
„Weiß ich nicht.“
„Na toll, wow! Du scheinst ja voller Ängste zu stecken. Ist sie denn nur ,als Person’ interessant?“
„Was soll das jetzt heißen?“
„Muss ich mir jetzt Gedanken machen, was dieses ,Delfinmädchen’ mit dir noch alles anstellt?“
„Wie ,anstellt’?“, fragte er ärgerlich.
„Na, was du mir als nächstes verschweigst, zum Beispiel...!“
„So ein Blödsinn! Ich weiß nicht, was du willst...“
„Hauptsache, du weißt, was du willst...!“
„Das ist mir jetzt zu blöd!“

Er stand auf. Er sah in die entsetzten Gesichter der Kinder, die schon die ganze Zeit den Dialog ziemlich fassungslos verfolgt hatten.
„Mama, warum geht Papa jetzt?“, fragte Anna alarmiert.
„Ich habe keine Ahnung...“, erwiderte diese geradezu giftig in seine Richtung.
„Doch, du hast Ahnung“, erwiderte er zwischen Stuhl und Tür, „du unterstellst hier Dinge, die einfach nicht stimmen!“
„Ich unterstelle gar nichts. Ich stelle einfach nur Fragen – die du nicht beantwortest!“
„Weil sie mir zu dumm sind!“
„Oder vielleicht zu unangenehm...?!“
„Denk, was du willst!“, erwiderte er heftig. „Ich mache erstmal einen Spaziergang...!“
„Ich frage dich nachher, an wen du dabei gedacht hast!“, rief sie ihm hinterher.

...

Leseprobe 2


Auch er blieb bestürzt stehen, konnte ihren funkelnden Blick kaum erwidern.
„Was wollen Sie? Was soll ich Ihnen beibringen? Wie man die Natur liebt – was Sie nicht tun? Wie soll ich das machen? Soll ich zaubern, oder was? Was Sie nicht selbst können, kann ich auch nicht! Ich kann nicht zaubern!“
Er stand ihrem Funkeln wehrlos gegenüber.
Er ging weiter, weil er jetzt ihrem vollen Antlitz gegenüber erst recht wehrlos war – und er konnte ihr erst recht nicht offen ins Gesicht sagen, was er für sie empfand...

„Du verstehst das nicht, Jasmin...“, setzte er scheu wieder an. „Aber ... verstehst du nicht? Du hast schon gezaubert... Ich hätte nie den Wunsch, mich grundlegend zu ändern, wenn du nicht schon gezaubert hättest! Aber das hast du schon...“
„Na toll...“, er spürte, wie sie wieder so etwas tat, wie die Augen zu verdrehen. „Und wieso haben Sie den Wunsch? Wie habe ich das gemacht?“
Er konnte nur hilflos alles fallenlassen. Er konnte ihr einfach nicht mehr ausweichen. Wie denn...
„Du hast mich einfach berührt...“, gestand er leise. „Ich weiß nicht, ob nur mich. Oder warum nur mich. Aber das hast du – wie niemand vorher. Und deswegen ... bin ich dir gefolgt. Weil ich deinen Weg suche. Weil ich darum bitte, wirklich bitte, dass du mich für einige Zeit als deinen Schüler annimmst... Du ... du kannst es einfach stellvertretend sehen. Stellvertretend für alle Menschen. Ich lerne von dir, und du findest heraus, was geschehen muss, damit Menschen sich ändern können. Vielleicht lernen wir ja zusammen, was geschehen muss, um mehr Menschen zu erreichen. Aber dafür musst du zunächst mir helfen... Ich weiß nicht, ob ... du verstehen kannst, was ich meine...“

Sie dachte scheinbar angestrengt nach, über den Sinn seiner Worte – oder über die Frage, was sie jetzt tun solle. Dann aber funkelte sie ihn erneut an.
„Ich habe aber keine Lust, etwas ,mit Ihnen zusammen’ zu lernen! Außerdem muss ich nicht die Menschen erreichen, sie müssen sich selbst erreichen. Und was soll überhaupt dieses ,weil ich deinen Weg suche’? Geht’s noch bescheuerter? Was wollen Sie von mir?!“
„Jasmin...“
„Nein, nicht ,Jasmin’...! Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass das eine ganz merkwürdige Anmache ist?“
„Es ist keine Anmache...“, sagte er leise. „Aber es ist wahr ... dass ich dich liebe...“
„Oh Goott...!“, sagte sie und drehte sich bereits um. „Wissen Sie was, vergessen Sie den Rest. Überweisen Sie, was Sie wollen – meinetwegen auch gar nichts. Ist mir egal...“
Er lief hinter ihr her.

Er versuchte, sie am Handgelenk festzuhalten. Sie entriss es ihm und wirbelte herum.
Fassen Sie mich nicht an!“
Jetzt funkelten ihre Augen voller Antipathie. Er hatte sie sofort auch von sich aus wieder losgelassen.
„Jasmin! Ich weiß, dass du das nicht verstehst. Das ist völlig klar, und ich will auch nichts von dir, wirklich... Ich verlange auch nicht mal, dass du es verstehst. Kann ich auch gar nicht. Ich kann gar nichts. Aber ich möchte, dass du noch eine Sache tust... Es gibt eine alte Frau ... nur zwei Straßen weiter. Ich ... bitte lass uns nur kurz zu ihr gehen... Eine halbe Stunde vielleicht noch, eine viertel... Sie kann vielleicht –“
„Ich gehe nirgendwo mit Ihnen hin! Lassen Sie mich jetzt in Ruhe!“
„Jasmin!“, sagte er verzweifelt, sie wieder einholend. „Bitte hör mir nur eine Minute noch zu...“
Sie wirbelte noch einmal herum und sah ihn herausfordernd an.
Was!
Ihre Stimme war schneidend, ihre Augen fast hasserfüllt, in Wirklichkeit aber nur reinste Abwehr, vollkommene Abwehr.

Seine Augen füllten sich mit Tränen. Zum Glück war er mit ihr hier fast allein, nur ganz vereinzelt gab es einige Passanten.
Einen Moment lang konnte er vor tiefstem Schmerz gar nichts mehr sagen. Als er aber durch den Tränenschleier ihr erstauntes Gesicht sah, konnte er herausbringen, fast hervorschluchzend:
„Du – musst es nicht verstehen, Jasmin. Es – es reicht – wenn – wenn du – mich nicht völlig verurteilst – – –. Und – – diese alte Frau – Elsa heißt sie – – ich habe sie auch erst neulich kennengelernt – – als ich – tief verzweifelt war und dich nicht kennenlernen durfte – – da – sind wir uns begegnet – an – – an einer Supermarktkasse – sie – –“
Er schluchzte bei der Erinnerung auf.
„Sie fragte mich – – weil sie mein Leid sah – und dann lud sie mich zu sich ein... Und wir befreundeten uns – – und ich war noch nie einem Menschen begegnet, der so viel verstehen konnte... Vielleicht – ich meine nur vielleicht, Jasmin – – vielleicht kann sie ja – also – – dass du es – so verstehen kannst, dass es – – sich ein bisschen verändert für dich – – ich will nur – – dass wir es versuchen... Dass – nur dass du – – eine Viertelstunde ihr zuhörst – – oder sie dir – – oder wir uns – –.“
Wieder musste er schluchzen.
„Ich weiß auch nicht – –“, schluchzte er vollends. „Oder du gehst eben – – wenn du musst – ich – – kann dich ja nicht zwingen...“

Sie sah ihn mit großen Augen an, fast glaubte er, sie fange auch an zu weinen, jedenfalls hatte sie einen Ausdruck tiefen, erstaunten Mitleids in ihren Augen, um ihren Mund...
„Bitte, Jasmin – – bitte komm mit – –“, schluchzte er hilflos.
Sie sah sich um.
„Hören Sie doch mal auf zu weinen...“, bat sie mit gedämpfter Stimme.
Er tat alles, was sie nur wollte.
„Okay...“, stieß er hilflos hervor. Dann stand er wie ein nasser Pudel vor ihr.
Mit einer hilflosen Mischung aus Unsicherheit und ironischer Geste fragte sie:
„Und wo wohnt diese ,alte Frau’?“
„Da vorne über die Straße und dann die nächste rechts, dann ist man gleich da...“

...

Leseprobe 3


Sie gingen eine kleine Weile schweigend, er war sehr befangen, fast bekam er Angst, dass sie, bis sie da wären, überhaupt nichts sagen würde und wollte...
Dann aber sagte sie, völlig unerwartet:
„Also ... ich hab mir gedacht ... wenn ich Vertrauen zu Ihnen bekommen soll, müssen wir es sehr grundsätzlich angehen...“
„Und das heißt...?“, fragte er zögernd, angstvoll, aber auch grenzenlos berührt von dem, was in ihren Worten bereits lag.
„Der Name Jasmin gefällt mir eigentlich gar nicht besonders. Und ganz besonders gefällt er mir nicht, wenn Sie mich so nennen! Ab sofort nennen Sie mich also anders.“
„Und wie?“
Er fand ihren Namen eigentlich wunderschön...
„Autumn.“
Autumn?“
„Ja.“
„Und ... wie kommst du auf Autumn?“
„Habe ich Ihnen erlaubt, das zu fragen?“
„Nein...“

Zufrieden ging sie an seiner Seite weiter.
Erst nach einer ganzen Weile sagte sie:
„Autumn ist eigentlich schon seit langer Zeit mein geheimer Lieblingsname. Außer Ihnen weiß das auch niemand. Es würde auch niemand verstehen. Aber da Sie es ja verstehen müssen, ist es eine gute Gelegenheit, zumindest bei Ihnen auch so zu heißen. Das ist dann sozusagen auch eine Art kleine Gegenleistung für alles, was ich für Sie tue...“
Er war völlig überwältigt.
„Okay... Ja, gut, wenn du das so empfindest... Das macht mich natürlich unendlich dankbar ... dass ich auch irgendetwas für dich tun kann.“
„Ob das auch stimmt, muss ich natürlich erstmal sehen...“
„Ja...“
Wieder gingen sie etwas schweigend.
Dann wagte er zu fragen:
Warum ist Autumn dein Lieblingsname, Jas– ... ich meine, Autumn...?“

Sie kostete den Klang einige Schritte lang aus.
„Klingt richtig gut, wenn Sie es sagen...“
Er war selig. Es war so schön, mit diesem Mädchen einfach nur zu gehen, neben ihr, mit ihr...
Schließlich dann sagte sie:
„Meine Großmutter hieß Autumn. Sie konnte den Namen nie leiden. Aber sie war diejenige, die ich mein Leben lang immer am meisten geliebt habe...“
Er schwieg, überwältigt von dem Vertrauen, das sie ihm entgegenbrachte, indem sie ihm ihr Inneres öffnete...
„Geliebt habe...?“, fragte er zögernd, mitfühlend.
„Ja, sie starb, als ich zehn war...“
„Tut mir leid, Jas– ... Autumn... Tut mir leid, Autumn...“

Der Kosmos des Mädchens begann, ihn einzuhüllen.
„Sie lebte in einem kleinen Ort im Sauerland. Wir fuhren jeden Herbst zu ihr. Herbst, verstehen Sie? Deswegen liebe ich auch den Herbst ganz wirklich. Die meisten tun das ja nicht. Die verstehen das gar nicht. Ich verstehe die anderen nicht. Die, bei denen immer Sommer sein muss! Sommer, huu! Bloß nicht mal einen kleinen Regenschauer! Bloß nicht Nebel, dunkle Morgen, triste Tage – nein! Alles schon zu viel...
Aber dass im Herbst die Spinnenweben am schönste schimmern; dass jeder Tautropfen seine eigene Schönheit hat, die Blätter ja sowieso – die Blätter, die dann jeder achtlos zertritt, während sie ihre ganze Schönheit noch im Schmutz zeigen ... das Geräusch eines einsam vorbeifahrenden Autos auf der Landstraße, während es regnet... Die Spuren der Rehe, der Hasen, der Wildschweine, der Füchse auf den Sandwegen... Die Vögel in den Gebüschen, die in kleinen Scharen wegfliegen, wenn man vorbeigeht, oder sogar sitzenbleiben in ihrem Zwitschern, das aber vielleicht verstummt, bis man wieder weg ist...“

Ihm wurde deutlich, wie grenzenlos der Kosmos eines Mädchens sein konnte... Und wie grenzenlos die Liebe dieses Mädchens zu ihrer Großmutter gewesen sein musste ... und immer noch war.

„Also...“, sagte er leise, „hast du deine Liebe ... zur Natur ... deiner Großmutter zu verdanken...? Deiner Liebe zu ihr...?“
„Ja...“, sagte sie nach einigen Schritten nachsinnend. „Ja. Habe ich...“
Er schwieg ehrfürchtig.
„Sie wissen wahrscheinlich nicht, wie das ist ... wenn man morgens aufsteht, rausgeht, und nach fünf Minuten kommt man an einer Wiese vorbei, und da stehen Kühe ... und sie schauen einen an ... und kommen zum Zaun, einfach weil sie neugierig sind...“
„Nein ... das weiß ich nicht...“, flüsterte er fast nur. „Wie ist es ... Autumn...?“
„Na ja ... es sind einfach nur Kühe... Was soll ich sagen...“
„Aber du wolltest doch etwas sagen... Es sind doch auch nicht einfach nur Delfine... Sprich doch weiter, Autumn...“
Sie schwieg. Aber er spürte, dass auch sie berührt war. Er hatte gar keine ,Zeit’, sich selig zu fühlen, er war viel zu sehr eingetaucht in Demut und Hingabe ihr gegenüber...

„Ich weiß gar nicht, ob meine Großmutter für Kühe etwas übrighatte. Darum geht es aber auch gar nicht. Es geht darum, dass ich mit ihr auf all diesen Wegen spazieren ging. Ich selbst habe das alles auch erst viel später verstanden... Als sie tot war...“
„Vorher warst du ja auch zu jung...“, ergänzte er vorsichtig.
„Ja... Aber seitdem kann ich an keiner Kuh vorübergehen, ohne an meine Großmutter zu denken.“
Sie schwieg eine Weile. Dann sagte sie:
„Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle...“
„Vielleicht, weil es gut tut...“, sagte er, voll leiser Angst, dass sie es wirklich nicht wusste. „Dich an deine Großmutter zu erinnern...“
„Das kann ich ja auch so.“
„Aber manchmal tut es auch gut, wenn einen jemand versteht...“
Sie schwieg wieder ein paar Schritte. Dann murmelte sie:
„Dass ausgerechnet Sie mich verstehen können, glaube ich ja weniger...“

„Ich weiß, Autumn...“, sagte er leise. „Weil du mich noch immer ein bisschen verachtest, weil ich es nicht von selbst kann... Und auch, weil du mich ablehnst, insofern ich dich liebe... Du hast eigentlich keinen einzigen Grund, dich mit mir einzulassen ... oder zu glauben, ich könnte dich nun ausgerechnet verstehen, wo du sicherlich viele Freundinnen oder Freunde hast, die das besser könnten, weil sie dir viel ähnlicher sind, viel mehr können, was ich erst lernen will... Aber egal, wie wenig ich bisher kann ... Autumn ... egal, wie wenig das ist oder sein mag ... ich glaube, dass die Liebe sowieso immer das Einzige ist, was verstehen kann... Und ich habe das Gefühl, ich verstehe alles, was du sagst... Sofort... Ich verstehe so sehr, was du für deine Großmutter empfindest ... nicht, weil ich an sich ein besonders empathischer Mensch bin, das leider eben nicht ... sondern weil Empathie da grenzenlos wird, wo man unendlich liebt... Aber da tut sie das... Da ist das so... Also zweifle nicht, bitte ... dass ich dich verstehe... Das tue ich ... auf geheimnisvolle Weise, die ich nicht mir selbst verdanke, sondern nur meiner Liebe zu dir... Die du gar nicht haben willst. Aber das Verstehen hast du trotzdem... Es ist einfach mit dabei, Autumn...“

Als sie wieder geschwiegen hatte, sagte sie zuletzt leise:
„Oh Mann, sie sind so schräg... Das Ganze... Vielleicht haben Sie Recht... Danke...“
Er begriff immer mehr, dass ihre Wortwahl einfach nur ihr Versuch war, das Ganze zu verarbeiten und damit ,klarzukommen’. Es war ihr hilfloser Versuch, es irgendwie zu benennen...
„Also – um auf die Kühe zurückzukommen...“
Sie nahm ihre Aufgabe einer ,Lehrerin’ sehr ernst...
„Ja...“
„Wenn sie an den Zaun kommen...“
„Ja.“
„Die meisten Leute denken dann einfach nur, sie sind neugierig.“
„Ja. Das hast du aber auch gesagt...“
Ihm war es, als würde sie mit den Augen rollen. Er konnte es von der Seite natürlich nicht genau sehen.
„Aber darum geht es nicht! Natürlich sind sie neugierig! Aber das ist nicht der Punkt!“
„Gut, okay, ich verstehe...“
„Sie verstehen gar nichts. Sonst müsste ich ja nichts erklären!“
„Aber ich verstehe, dass da noch mehr ist, Autumn... Bitte versuch, es zu beschreiben... Mehr wollte ich nicht sagen...“

„Okay, sorry... Manchmal bin ich auch zu ungerecht, vielleicht...“
„Du bist ganz großartig, Autumn. Auch das... Mach einfach weiter...“
„Schräg... Einfach schräg... Okay...“
Er war glücklich, einfach nur glücklich.
„Der Punkt ist ... wenn die Kühe zum Zaun kommen...“
„Ja...“
„...dass es einfach nicht geht, nur zu sagen, sie sind neugierig...!“
„Okay...“
„Ich meine – was soll denn das heißen? Es heißt entweder gar nichts, oder – –“
Er schwieg, in tiefer Hingabe, liebender, eintauchender Hingabe an dieses Mädchen und dessen Wesen.
„Ich sag mal ganz ehrlich – können Sie ein Tier, das neugierig ist, essen?“

...