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Verrückt...

Holger Niederhausen: Belles Wahrheit. Roman. Niederhausen Verlag, 2023. Paperback, 144 Seiten, 12,90 Euro. ISBN 978-3-943492-77-4. 

► Wichtiger Hinweis: Wer meinen würde, ich schriebe nur 'Mädchen-Bücher', der irrte essenziell - diese Mädchen sind Botinnen des immer verschütteteren Wesens der menschlichen Seele überhaupt.

Erschienen am 21. Dezember 2023.              > Bestellen: Verlag | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen <

Inhalt


Eine reife Frau erinnert sich an die große Liebe ihrer Jugend – zu ihrem Nachbarn, damals Mitte dreißig, der sich in das anfangs erst elfjährige Mädchen verliebte, das seine Liebe bald in unschuldiger Hingabe erwidert und von dieser Liebe in seinem ganzen Wesen gerettet und zutiefst beschenkt wird.

Ein Mysterienroman, der mitten in die heiligen Tiefen der Unschuld und den ganzen, zarten, weiten Kosmos einer Mädchenseele hineinführt...

Über dieses Buch


Dieses Buch ist die berührende Entsprechung zu dem Roman ,Verrückt...’, der aus Sicht des männlichen Protagonisten in die zarte Begegnung und Liebe zwischen einem Mann und dem erst elfjährigen Nachbarmädchen eintaucht.

In dem vorliegenden Roman beschreibt nun die längst zur reifen Frau von vierzig Jahren herangewachsene weibliche Protagonistin, wie sie die damaligen Ereignisse erlebte – und auch im Rückblick erlebt.

Während die männliche Sicht stets noch Fragen offen lässt, insbesondere auch die Frage, wie wohl das Mädchen die Dinge erlebt, erst recht aber die erwachsene Frau die Begegnung mit einem so viel älteren Mann im Rückblick beurteilen wird, beantwortet dieser Roman die Frage rückhaltlos in Bezug auf diese Begegnung.

Und es erweist sich, dass für dieses Mädchen die Begegnung mit ihrem Nachbarn eine tiefe Rettung bedeutete, dass die Liebe zwischen diesem Mädchen und diesem Mann beide, insbesondere aber auch das Mädchen selbst, grenzenlos beschenkte...

Zutiefst kann in diesem berührenden Bekenntnis erlebt werden, wie sehr sich zwei Menschen beschenken können – und was dies insbesondere für das Mädchen bedeuten kann. Belle weiß, dass sie diesem Mann alles verdankt – wer sie ist, dass ihr tieferes Wesen gerettet wurde, unendlich beschenkt, genährt und bereichert durch alles, was sie mit diesem Mann gemeinsam erlebt hat, worüber sie sprachen, wie sie miteinander sprachen, umgingen ... überhaupt durch alles.

Belles Erinnerung entzieht dem Dogma jeden Boden – jenem Dogma, dass die Begegnung mit einem Mann, gar eine Liebesbeziehung, einem Mädchen nicht gut tue. Diese Lüge konnte in ihrer grauenhaften Pauschalität nur entstehen, weil ein alles dominierender Missbrauchsdiskurs jede Wahrhaftigkeit beseitigt – aber auch, weil unsere heutige Zeit die existenzielle Frage nach der Seele seit langem nicht mehr stellt.

Was die zarte Beziehung eines Mädchens mit einem Mann für das Mädchen bedeuten kann, hängt in ungeheurem Maße eben von der Aufrichtigkeit und der inneren Entwicklung und Seelentiefe des Mannes ab. Hier entscheidet sich die Frage, von welcher Zärtlichkeit die Beziehung geprägt sein wird – und von welcher heiligen Tiefe. Das Erste bestimmt ganz wesentlich, ob sich das Mädchen wohlfühlen wird – das zweite bestimmt ganz wesentlich, wie sehr das Mädchen beschenkt werden wird ... und beides beeinflusst sich außerdem noch innig gegenseitig.

Belles Erinnerungen sind ein tief berührendes Zeugnis einer Begegnung und Beziehung zweier Menschen, wie sie zärtlicher und tiefer überhaupt kaum sein kann. Sie offenbaren letztlich das ganze Mysterium des Menschen überhaupt, seine heilige Bestimmung – aber auch das Mysterium von Schicksalsbegegnungen. Wer von diesem Roman nicht berührt werden wird, hat kein Empfinden mehr in Bezug auf alles, wofür die Seele einst auf die Erde gekommen ist...

Leseprobe 1


Seine Schüchternheit bestand also darin, dass er gar nicht hoffen durfte – und dies auch wusste –, dass ich überhaupt Interesse an ihm oder überhaupt einer Begegnung mit ihm haben würde. Seine Schüchternheit bestand darin, dass er sich mir gerade nicht, keinesfalls, aufdrängen wollte. Ich wiederhole es noch einmal für die ignoranten oder auch nur nachlässig-unaufmerksamen Seelen: Gerade darin bestand seine Schüchternheit! Dass es sein ausgesprochener Wille, seine ausdrückliche und aufrichtige Intention war, sich mir nicht aufzudrängen!

Und wenn ich früher sagte, ich habe mich durch seinen Brief vielleicht auch unter Druck gefühlt, so war es jenes Empfinden, das man immer haben kann, wenn eine wichtige Frage an einen gerichtet worden ist und man weiß, man sollte jetzt antworten, und die Frage ist nicht trivial, sie bedeutet dem Fragenden viel, man hat sie ernst zu nehmen, das ist man ihm schuldig...

Meine Gefühle waren schlicht die Folge dessen, dass jemand hier ein noch nicht zwölfjähriges Mädchen ernster nahm, als es jemals zuvor geschehen war. Denn wem hätte es je so viel bedeutet, mit mir einige Minuten sprechen zu können? Zu dürfen? Oder von mir eine schriftliche Antwort zu bekommen?

Ich empfand also, dass ich ihm etwas bedeuten musste, seltsam viel – und schon davon war ich überfordert. Und das war meine Schüchternheit. Und genau dies alles machte die Dinge so süß, so aufregend, so unbeschreibbar, so kostbar...

Aber zurück zu ihm. Seine Schüchternheit ging nahtlos über in eine grenzenlose Behutsamkeit. In ein grenzenloses Eingehenkönnen auf mich – und ein ganz reales Eingehen! Ich habe noch nie – und nie wieder – jemanden gekannt, der behutsamer war als er. Das ist es, was die Liebe vermag – aber nur, wenn ihre Quelle eine heilige Schüchternheit des eigenen Wesens ist. Auch wenn es mir nicht immer bewusst war – durch meine eigene Schüchternheit –, ich habe mich in den Untergründen meiner Seele bei ihm immer grenzenlos geborgen gefühlt. Das war mein Grundgefühl mit diesem Mann...

Man könnte sagen, bei einem Mann wird Schüchternheit zu einer ganz bestimmten Zärtlichkeit, die einen auf unbeschreiblich schöne Weise umhüllt. Es ist auch vom Mann aus reine Hingabe – schüchterne, behutsame Hingabe, die immer Sorge trägt, wie man sich fühlt.

Wie man sich fühlt! Auch dies wiederhole ich für die Nachlässigen. Für diesen Mann stand ich ganz im Mittelpunkt. Ich! Nicht er. Er hatte nur seine Sehnsucht nach mir. Wenn ich bei ihm war, war er glücklich. Und gerade das war ja das Kennzeichen der Schüchternheit: dass sie sich nie ins Zentrum stellt. Seine Schüchternheit war, dass er zärtlich mich ins Zentrum stellte – und meine Schüchternheit war, dass ich das gar nicht verstehen konnte ... dass es mich schon überforderte, so geliebt zu werden, weil ich etwas so Schönes noch nie erlebt hatte...

Wäre es nicht so paradox, müsste ich sagen: Er bombardierte mich mit Zurückhaltung... Und das bedeutet nicht, dass er nicht ganz offen beschrieb, dass er mich liebte und warum – denn er wollte, dass ich es verstehe; er wollte, dass mir nicht unklar blieb, dass er es tat und warum. Auch das war seine Aufrichtigkeit. Ebenso, dass er mich verstehen ließ, dass ich ihn natürlich auch anzog. Als Mädchen. Mit allem, also auch körperlich.

Er ließ mich dies alles verstehen, ohne daraus auch nur Hoffnungen abzuleiten. Auch das verstand ich. Ich sollte es einfach nur wissen. Und ich wusste es. Es war mir natürlich auch so klar. Niemand würde ein kleines Mädchen ernst nehmen, bloß weil sie schüchtern winkte. Als ich verstand, dass er sich in mich verliebt hatte, verstand ich also auch das. Und soll ich Ihnen was sagen? Ich ging zu ihm natürlich genauso gern, weil er ein Mann war! Es störte mich nicht im Geringsten, dass er mich liebte, weil ich längst auch dabei war, mich in ihn zu verlieben. Es störte mich nicht nur nicht, ich fand es wahnsinnig aufregend.

Soviel zur Seele meines Nachbarn. Er war der tiefsinnigste, liebevollste, zärtlich-behutsamste und besonderste Mensch, der mir je begegnet war. Es gab so viele Seiten, in die ich mich verliebte. Besser gesagt: Ich verliebte mich in ihn – und er hatte so viele Seiten, die es nahezu unmöglich gemacht hätten, es nicht zu tun...

...

Leseprobe 2


Aber er sprach so lange über das Thema, bis ich tiefer als zuvor verstand – was er meinte, wie wesentlich die Unschuld in allem sei, und dass ich die Fülle davon besaß. Innerlich korrigierte ich sofort: eine Fülle vielleicht, wenn überhaupt. Ich akzeptierte, dass in meiner Seele vielleicht etwas war, was mehr mit dieser Unschuld zu tun hatte, als es in anderen Seelen der Fall war. Trotzdem wusste ich, dass nichts davon ohne die Liebe zu ihm und ohne seine Liebe ,hervorgekommen’ wäre. Vielmehr wäre alles, was vorhanden war – und was sich in meinem Winken gezeigt hatte –, nach und nach verschwunden.

Zugleich wurde mir aber auch klar, dass man um so weniger unschuldig war, je mehr man von seiner Unschuld wusste. Ich spürte: Je mehr ich mich für unschuldig halten würde, um so weniger würde ich es sein. Das Wissen um die Unschuld war also ein zweischneidiges Schwert. Mehrmals wünschte ich mir, ich hätte es gar nicht gehabt...

Aber seine Augen sagten mir, dass ich meine Sache hervorragend machte. Und ich lernte nicht schauspielern! Wie bleibt man unschuldig, wenn man weiß, was Unschuld ist? Ganz einfach: Man lernt, sie zu lieben. Was um so einfacher ist, wenn sie schon vorher zu dem eigenen Wesen gehörte.

Noch war ich nicht ganz so weit, aber meine Ahnungen gingen schon in die richtige Richtung: Das zentrale Gift für die Unschuld war der Selbstbezug – jenes Selbstbewusstsein, das sich automatisch einnistet, wenn man beginnt, Selfies zu machen...

Zum Glück war ich nie auch nur in der Versuchung, meine Seele in diese Richtung zu bewegen, allein schon, weil ich wusste, was er von Handys hielt.

In diesen Wochen aber begannen die Puzzlestücke, sich zu einem Ganzen zusammenzufügen – langsam. Mehr und mehr begriff ich, dass zum Beispiel Schüchternheit nichts Schlechtes war, weil sie einen davon abhielt, von sich selbst überzeugt zu sein – das Gegenteil von Unschuld!

Aber gefiel mir die Unschuld nun nur deshalb, weil sie ihm gefiel? Nein, sondern weil ich verstand. Und ich hatte eigentlich schon ganz früh, ganz am Anfang verstanden. Jetzt tat ich es auf einer neuen Stufe. Dieser Prozess dauerte Wochen – und war wirklich aufregend!

Ich liebte es, über die Unschuld nachzudenken – wie ich auch den Gedanken an Aschenputtel liebte. Ich wusste genau, dass ich dafür ausgelacht worden wäre – das interessierte mich nicht. Dafür hatte ich einen erwachsenen Mann, den ich liebte, und niemand aus der ganzen Schule hatte so geküsst wie ich... Und zugleich war ich vielleicht die unschuldigste, das muss man sich einmal vorstellen!

Ich begriff, dass eine Seele, die sich fortwährend am und im Handy bewegte, keinerlei Interesse mehr für eine Blume hätte, keinerlei Liebe mehr – und jetzt hatte ich den Schlüssel in der Hand, den Schlüssel des Verständnisses: diesen Seelen fehlte schlicht die Unschuld! Die Unschuld war der Boden für die Liebe, denn sie, die Unschuld, war das Gegenteil der Selbstliebe. Es so auf den Punkt bringen, hätte ich sicherlich nicht gekonnt, aber ich hatte diese Erkenntnis in der Empfindung.

Die Unschuld war etwas Reales, keine Lachnummer, sondern etwas höchst Essenzielles, für das eigene Leben. Sie entschied, was für ein Mensch man war und wurde.

In diesen Monaten wurde das Aschenputtel für mich zu einer Art Ideal. Ich wollte so sein wie dieses Mädchen – und ich liebte sie wie meine Schwester. Ich verstand, was es hieß, eine reine Seele zu haben, und es war mein Ziel, diese möglichst wenig zu verfehlen.

Es tat meinem großen Geheimnis – dieser einzigartigen Liebesbeziehung – nur gut, dass ich in diesen Monaten naturgemäß auch meine häuslichen Pflichten entdeckte – die ich immer schon gehabt hatte. Jetzt aber brachte ich gern den Müll runter, räumte die Spülmaschine aus, ging einkaufen und so weiter. Meine Eltern wunderten sich, aber konnten sich natürlich nur freuen und dachten, ich würde langsam erwachsen. Dabei wurde ich nur unschuldig.

In ihren Augen hätte ich spätestens in diesem Alter aufmüpfig werden müssen, wenn eine komplizierte Liebesbeziehung im Hintergrund gestanden hätte [von der sie eben nichts wussten, H.N.]. Sie hatten Unrecht. Abgesehen davon, dass nichts kompliziert war.

Ich sah, wie meine Mitschüler und Altersgenossinnen ,cool’ und aufmüpfig wurden – natürlich schon lange. Und ich? Ich wurde ein Mädchen, das ,Cinderella’ werden wollte – nicht aus Naivität, sondern aus Erkenntnis!

Wenn man heute so etwas ausspricht, erntet man wohl fast nur Kopfschütteln. Aber das liegt daran, dass sich niemand mehr ernsthafte Gedanken über den Zustand der Welt und der Seele macht – Gedanken, die sich schon ein Mädchen machen kann!

Und es geht nicht um das Mädchen – es geht um jede einzelne Seele und die ganze Welt! Aber man will lieber eine Welt im Chaos, als selbst auch die Unschuld zu lieben.

...