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Schneeweißchen und Rosenrot

Holger Niederhausen: Schneeweißchen und Rosenrot. Ein Wunder bleibt nicht allein. Roman. Niederhausen Verlag, 2026. Paperback, 368 Seiten, 18,90 Euro. ISBN 978-3-384-82372-4. 

► Wichtiger Hinweis: Wer meinen würde, ich schriebe nur 'Mädchen-Bücher', der irrte essenziell - diese Mädchen sind Botinnen des immer verschütteteren Wesens der menschlichen Seele überhaupt.

Erschienen am 1. März 2026.              > Bestellen: Tredition | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen <

Inhalt


Die 17-jährige Katrin hat sich existenziell für ein Leben als reinherziges Schneeweißchen entschieden. Während ihr treuer Freund und ein weiterer Junge an ihrer Seite stehen, versucht sie innig, auch andere Menschen zu erreichen, aber niemand versteht ihren Impuls – stets bringt man ihn allenfalls mit dem ,Patriarchat’ in Zusammenhang. Die etwas jüngere, sehr selbstständige Bea ist durchaus fasziniert von ihr – aber wird sie je auch nur eine echte Schwester gewinnen? 

Auf einer höheren Ebene ist dieser Roman selbst eine Wirklichkeit – er führt die Seele in ein reales Mysteriengeschehen, in dem sich die Grenze zwischen Roman und Realität aufhebt. In Wirklichkeit geschieht eine Einweihung, und die Frage wird erschütternder Ernst, ja Realität: Was ist, wenn das Märchen die Wahrheit ist? Was ist, wenn dieses Mädchen jene Sphäre gefunden hat und darin lebt, die einzig und allein (und erst) die wahre Wirklichkeit ist? 

Über dieses Buch


Dieses Buch besteht wie sein Vorgänger-Roman ,Schneeweißchen’ aus Radikalität. Es konfrontiert die lesende Seele mit einer allumfassenden Verdrängung. Unsere gesamte Gesellschaft, ja nahezu die gesamte Menschheit verdrängt ... den Tod. Die Endlichkeit. Die Kürze ... des Lebens. 

Die Protagonistin dieses Romans, ein siebzehnjähriges Mädchen, kann und will diese Wahrheit und letzte Wirklichkeit nicht mehr verdrängen. Sie hat erkannt, dass die Seele nur ein Ziel haben kann, wenn sie am Ende im Rückblick nicht vor einem Nichts stehen will: Schönheit. Diese Schönheit der Seele ist zugleich die Wahrheit ... und das Märchen. 

Immer tiefer erkennt Schneeweißchen, wie sie sich selbst nennt, wie die Seelen im Selbstbezug verharren, im ,Genuss-Modus’ – und wie die Seele selbst geleugnet wird. Sie selbst aber geht in einem weißen Kleid unbeirrbar den Weg der Reinherzigkeit. Auf diese Weise erreicht sie einzelne Seelen, aber auf der anderen Seite wird sie verspottet und angegriffen – indem ihr vorgeworfen wird, mit ihrer ,Bravheit’ und ,Hingabe’ letztlich nur die Idealvorstellungen des vergangenen Patriarchats fortzusetzen und nicht zu erkennen, dass auch die Märchen nur dessen Erfindung gewesen seien. 

Immer tiefer setzt sie sich mit diesen Vorwürfen auseinander – und dringt zu eigenen Erkenntnissen vor, welche denen, die nur die gängigen Narrative wiedergeben, völlig widersprechen. 

Mit einer zarten Wucht sondergleichen verhandelt dieser Roman die herrschenden Narrative und entlarvt sie in ihrer ungeheuerlichen Einseitigkeit – und gibt so den heiligen Raum frei für die tieferen Wahrheiten der Seele und in Bezug auf all jene Fragen, die irgendwie mit dem ,Patriarchat’ und ganz wesentlich auch mit dem ,Märchen’ zusammenhängen und doch nie befriedigend gelöst wurden...

Denn dass ein Schneeweißchen heute ,lächerlich’ und ,indiskutabel’ ist, beweist nur die Aporie, in die sich unsere Zeit seit der Emanzipation verstrickt hat. Sie hat nach dem Patriarchat die Wahrheit zum zweiten Mal zum Opfer gemacht ... Schneeweißchen aber ist entschlossen, die Wahrheit wieder ans Licht zu bringen – und auch eine Schwester zu finden...

Bis hierhin war dies die mehr äußere Beschreibung dieses Romans. Seine Wirklichkeit reicht aber noch wesentlich tiefer, denn – –: 

Auf einer höheren Ebene ist dieser Roman selbst ein Geschehen und eine Wirklichkeit – und damit etwas grundsätzlich-wesentlich anderes als ein Roman. Es ist Schneeweißchen selbst, die mit ihren Gedanken und Erlebnissen, ihren tiefgreifenden Erkenntnissen, die sie ihrer Mitwelt fortwährend zu beschreiben versucht, auch die eintauchend lesende Seele in ein reales Mysteriengeschehen hineinführt, in dem sich die Grenze zwischen Roman und Realität aufhebt

In Wirklichkeit geschieht eine Einweihung, ein Durchbruch zu einem völlig anderen Erleben, Bewusstsein, einer neuen und völlig anderen Wirklichkeit. Und die Frage wird erschütternder Ernst, ja Realität: Was ist, wenn das Märchen die Wahrheit ist? Was ist, wenn die Seele außerhalb des Märchens in der Lüge lebt – ja existenziell zur Lüge wird, zu etwas Nicht-Seiendem, etwas Falschem, einer Illusion oder Schlimmerem? Was ist, wenn dieses Mädchen jene Sphäre gefunden hat und darin lebt, die einzig und allein (und erst) die wahre Wirklichkeit ist

Leseprobe 1


„Das Märchen...“, wiederholte sie tief nachdenklich, „wäre eine Welt ohne diesen Selbstbezug, Linus...! Aber ... das muss man doch zumindest verstehen können! Es – – es können sich doch nicht alle in mich verlieben ... müssen...!“

„Vielleicht ist das dein Schicksal...“, lächelte Linus etwas wehmütig. „Ich bin nur so dankbar, dass ich der Zweite sein durfte...“

„Linus...“, sagte sie voller Mitleid. 

„Nein ... aber wirklich, Schneeweißchen: Ich glaube, dass man es anders nicht schafft! Erst recht nicht ,mann’. Ich glaube, dass einige Mädchen es schaffen können, einfach, indem sie es ,erkennen’. Aber ein Junge? Mitleid mit den Kühen? Den Schmetterlingen? Überhaupt Mitleid – echtes Mitleid...? Ich glaube, Mädchen haben viel mehr Gefühle... Andere Gefühle...“

„Andere?“, wiederholte sie bestürzt. 

Linus sah sie seinerseits fast ungläubig an. 
„Ist dir das nicht klar, Schneeweißchen? Schau dich doch um! Außerdem hast du doch immer über die Emanzipation geredet... Na gut – nicht ,immer’, aber mehrmals... Du hast doch gesagt, das Schneeweißchen wurde begraben, ermordet ... was weiß ich, wie du es alles genannt hast...“
„Ja... Das stimmt...“, gestand sie betroffen. 

„Siehst du? Aber unter Jungen gab es nie Schneeweißchen! Es gab sie nie! Und ... früher waren alle Mädchen Schneeweißchens! Na gut, vielleicht nicht alle, aber es gab doch viele, oder? Viele... Mädchen waren einfach anders... Und sind es immer noch... Na gut, nicht mehr sehr anders, aber schon, doch... Und es hat damit zu tun, dass sie anders fühlen... Sie tun es einfach...“

„Und wie würdest du es beschreiben?“, bat sie ihn weiterzusprechen. 

„Na ja...“, erwiderte er etwas verlegen. „Die anderen Mädchen sind jetzt nicht so wie du – –. Aber – na ja ... sie ... sie fühlen einfach Dinge...“ Er lachte ein wenig verlegen. „Wie du siehst, ist es einem Jungen sogar unangenehm, darüber auch nur zu sprechen...“

„Wirklich?“ Sie konnte es nicht glauben, sah ihn ungläubig an. „Dir, Linus? Ich dachte, dir ist nichts ... unangenehm... Du bist so mutig...“

„Na ja...“, erwiderte er. „Vielleicht auch nicht wirklich... Ich meine, bei dir fühlt man sich ohnehin unendlich wohl und ... geradezu geborgen, aber ... das Thema ,Gefühle’ ist für einen Jungen nicht gerade das tägliche Thema ... über das man ,mal eben’ so sprechen könnte...“

Sie versank in ein Nachdenken. Dann sagte sie nachdenklich:
„Ja... Das ist eigentlich genau das Schlimme... Das Fatale, wirklich. Das Fatale... Diese schlimme, simple Aufteilung...“
„Aufteilung?“
„Ja – Mädchen ... fühlen ... und Jungen fühlen nicht... Im Grunde ist es das doch, oder?“

Wieder lachte Linus etwas verlegen, aber auch über ihre ,Prägnanz’, wie er immer fand. 
„Wenn du so willst... Ja, so könnte man es auf den Punkt bringen. Mädchen können fühlen – Jungen müssten es lernen... Mit Betonung auf ,müssten’.“

Sie musste an Arne denken. Jenen Jungen mit einem alkoholkranken, gewalttätigen Vater, der dadurch auch selbst in die Härte getrieben worden war, in das Hartsein, Coolsein ... in das Gegenreich des Märchens...

„Und es kratzt ihnen an ihrer Würde, nicht wahr?“, sagte sie nachdenklich. 

„Na ja, ,Würde’...“, wandte Linus ein. „Es ist einfach nicht das, was Jungen ausmacht... Sie sollen ja gerade mutiger, lässiger, einfach stärker, ruhiger, was weiß ich noch alles sein... Sonst würden sie ja schnell – – kein Junge mehr sein...“

„Ist Daniel kein Junge?“
„Doch...“, erwiderte Linus etwas zögernd. „Aber nicht wirklich typisch, oder? Und die wenigsten Mädchen würden ihn beachten. Das heißt, er ist ... auch für die Mädchen, Schneeweißchen ... kein ,richtiger’ Junge mehr. Er fällt bereits aus dem Rahmen. Er ist ... fast schon mädchenhaft, würde vielleicht ein Arne sagen...“

„Okay, also Jungen dürfen nicht wie Mädchen sein...“, fasste sie zusammen. 
„Ja – aber wie gesagt, auch die meisten Mädchen selbst wollen das nicht.“
„Ja, das ist ein bisschen seltsam...“, gab sie zu. 

Linus dachte ein wenig nach. 
„Mädchen wollen ... natürlich, dass der Junge stärker ist. Ist das nicht verständlich?“
„Doch...“
„Aber dann ist es doch klar, oder? Dann ist es doch klar, dass Jungen anders sein sollen – und dann logischerweise auch sein müssen, wenn sie den Mädchen gefallen wollen. Und das wollen sie natürlich ebenso wie andersrum...“

„Hmm...“
Jetzt versank sie endgültig in ein tiefes Nachsinnen...

„Aber Schneeweißchen?“
„Ja?“

„Selbst wenn ich nicht alles so fühlen kann wie du ... möchte ich trotzdem eine solche Welt... Alles, was du möchtest, möchte ich auch. Ich möchte, dass es den Kühen gut geht, ganz anders als heute... Ich möchte, dass die Schmetterlinge nicht aussterben – und dass die Dinge aufhören! Selbst wenn ich es nicht genauso fühle, weil ich ... weil ich vielleicht ein Junge bin ... so will ich es trotzdem, weil ich genug fühle, um das Schlimme daran zu erkennen... Und es soll nicht im Hinterkopf sein, Schneeweißchen! Und das wird es auch nicht... Ich bin vielleicht ein Junge – aber ich weiß, was du meinst, Schneeweißchen... Und ich werde es ernst nehmen! Und trotzdem werde ich auch üben, noch mehr zu fühlen...“

Sie sah ihn sprachlos an... Dann konnte sie wieder Worte finden. 

„Oh, Linus – –“, brachte sie hervor. „Du bist – du bist überhaupt der wundervollste Junge, den ich kenne!“

„Außer Daniel, nehme ich an...“, lächelte er warm. 
Sie blickte ihn nur stumm an, um Verständnis bittend. Aber das hatte sie, sie sah es... 

„Du bist so ein wundervoller Mensch, Linus...!“, wiederholte sie hilflos. 

„Ich bin so glücklich“, sagte er leise, „dass ich der Zweite bin, Schneeweißchen...! Ich glaube, wenn man dem Märchen begegnet, dem Schneeweißchen, müsste jeder Junge ein Prinz werden... Ich bin kein bisschen wundervoll – ich bin einfach nur dem Schneeweißchen begegnet... Das erklärt schon alles...“

„Das erklärt gar nichts, Linus... Siehst du etwa, wie sich scharenweise Jungen in Prinzen verwandeln? Du bist ein echter Prinz – und außer dir habe ich noch keinen gesehen... Daniel ist etwas ganz anderes, etwas ganz anders Besonderes – aber du, du bist wirklich ein Prinz... Und ein einzigartiger... So unglaublich wunderbar...“

Er wurde richtig etwas verlegen, und doch behielt er seine tiefe innere Ruhe, die ihr immer wieder erschien wie eine Art Licht und zugleich wie etwas unbeschreiblich Ritterliches... Sie hatte so etwas wirklich noch nie erlebt, bei niemandem sonst. 

„Machen wir heute eigentlich noch etwas mit dem Video, Schneeweißchen?“, fragte er lächelnd. 

Wieder sah sie ihn um Verständnis bittend an. 
„Das schaffe ich heute nicht mehr, Linus! Wir haben über so viel gesprochen ... ich muss mir erst wieder Gedanken dazu machen! Du hast mich mit dem Unterschied zwischen Jungen und Mädchen ganz schön verwirrt...“

„Aber war dir das nicht irgendwo klar?“
„Doch... Aber ... nicht alles... Ich muss darüber nachdenken... Vielleicht müssen Jungen ja anders sein. Und ein Prinz und ein Ritter fühlt eben auf seine Weise. Auch er ist absolut edel und wird nichts Schlimmes zulassen...“
„Ja...“

„Das weiß ich ja alles... Trotzdem ist das Fühlen unendlich wichtig – und die Prinzen und Ritter verschwinden ja auch... Weil niemand mehr so fühlen kann – auch nicht wie ein Prinz... Auch dieses Fühlen geht verloren...“

Linus schwieg nachdenklich – und sie tat es nun auch. Es war alles ziemlich verworren und vor allem trostlos ... niederdrückend... 

Schließlich sah sie ihn liebevoll an und sagte weich: 
„Ich glaube, ich geh dann für heute mal...“

Sein Blick schien sie schon jetzt leise zu vermissen, als er sie etwas erstaunt oder auch ein wenig traurig ansah. 
„Ja...“
„Aber ich komme wieder...“, lächelte sie. „Und vielleicht schaffen wir das mit dem Video dann nächstes Mal...!“

...

Leseprobe 2


„Also ich will nicht schön sein“, grinste ein Junge. „Mir ist das Chillen lieber!“
Es erhob sich ein Gelächter. 

„Siehst du?“, sagte das Mädchen. „Und warum sollten Mädchen das tun? Bloß weil man sterben muss, soll man keinen Spaß haben dürfen? ,Unschuldig’ sein? Und wenn man nicht sterben müsste, dann dürfte man Spaß haben? Wie idiotisch ist das denn?“

„Es ist“, sagte sie leise, „nicht die Bestimmung der Seele, Spaß zu haben...“

„Es gibt einfach keine ,Bestimmung’!“, erwiderte das Mädchen. 

„Aber auch du trägst etwas in dir...“, erwiderte sie traurig. 

„Was denn?“, fragte das Mädchen spöttisch. „Was trage ich in mir?“

„Mitleid... Liebe... – – Reue, wenn du etwas versäumt hast. – – Etwas sehr Reines ... wenn du es zulassen würdest... Jede Seele hat das ... oder hätte das ... wenn sie es nicht unterdrücken würde – – was wir aber lernen...“

„Und daran siehst du, dass man sowieso kein Egoist ist – wie du es darstellst. Natürlich hat jeder auch Mitleid. Man hat eben sowieso alles – und da ist nichts Aufregendes dran, und man muss jetzt auch nicht“, sie verstellte die Stimme, „wahnsinnig ,unschuldig’ sein, um leben zu dürfen oder – seiner ,Bestimmung’ zu folgen, die es gar nicht gibt! 
Man hat Mitleid, man kann jemanden nicht ausstehen, manches tut einem leid, man entschuldigt sich, man genießt das Leben, man chillt – so what?! Das ist einfach das Leben. Und mehr ist da nicht!

Es gab Mauern, die konnte man nicht durchdringen. Die Menschen wollten es auch einfach nicht. Je mehr man es versuchte, desto mehr wehrten sie es ab und beharrten darauf... 

Sie blickte einmal unsicher zu ihrem Lehrer, der geglaubt hatte, es hätte Sinn, ihr Raum zu geben... Aber sie hatte es ja selber geglaubt, gehofft...

„Was guckst du jetzt zu Herrn Braun? Ob er dich unterstützt?“

„Nein...“, erwiderte sie verletzlich. „Sondern ich hatte ja schon viel zu viel Redezeit... Und ich löse ja nur Widerstand aus...“

„Was hast du denn erwartet? Dass wir alle schreien ,Hurra! Das ist es! Wir kehren alle zum Märchen zurück. Aschenputtel und Dornröschen und Schneewittchen – sie waren doch das wahre Vorbild. Die Männer, die das erfunden hatten, hatten Recht gehabt! Wir wollen auch schlafen und uns unterdrücken lassen, ,unschuldig’ sein und letztlich von einem Prinzen gerettet werden – wie schön! Lasst es uns tun... Lasst uns dem Ideal folgen!

Sie schwieg völlig wehrlos. Sie hatte nicht mehr die Kraft, sich zu wehren. Es war ja sinnlos ... wie konnte man gegen Seelen kämpfen, die nichts anderes wollten, als sich zu wehren? Man musste aufgeben und sehen, wie das Schöne im Schlamm versank... Es hatte keinen Sinn, das Schöne zu verteidigen, wenn es niemand haben wollte...

„Vielleicht werden die Prinzen ja auch von den Aschenputtels gerettet.“
Das war Linus gewesen. Sie blickte fast verwundert zu ihm...

„Was soll denn das heißen?“, fragte das Mädchen. 

„Es könnte doch sein, dass der Prinz drauf und dran gewesen war, irgend so eine Stiefschwester zu heiraten, um ein ganz gewöhnlicher Prinz zu werden und ganz gewöhnlichen Spaß mit ihr zu haben – und sie mit ihm –, und dann traf er ... auf ein Mädchen, das ihm zeigte, das ihn spüren ließ, an dem er ... erlebte, dass es um viel mehr geht, dass es auch etwas ganz anderes gibt...“

„Und was?“, fragte das Mädchen lauernd. 

„Schönheit eben...“, erwiderte Linus ruhig. „Einfach nur Schönheit... Schönheit der Seele... Das Wunder...“
„Und er heiratete das schöne Mädchen, und sie schenkte ihm ihre Unschuld und machte ihn bis zum Lebensende glücklich...“, kommentierte das Mädchen. 
„Nein“, erwiderte Linus. „Sie schenkte ihm ihre Lehre... Sie lehrte ihn. Einfach durch die Art, wie sie war. Sie lehrte ihn Schönheit. Jeden Tag lehrte ihre Schönheit ihn. Und allmählich ging sie auf ihn über ... soweit er es konnte. Soweit er ... sich hingab. Soweit er ... den Mut hatte. In dem Maße ging sie auf ihn über...“

Die anschließende Stille war erstaunlich intensiv. Linus hatte einen unsichtbaren Punkt getroffen. Und nur sie stand staunend vor der vollen Offenbarung ... dass er gleichzeitig auch von sich sprach, so sehr ... von seinen intimsten Erlebnissen... So mutig!

„Davon steht aber im Märchen nichts!“, entgegnete das Mädchen fast schnippisch. 
„Es ist aber so“, erwiderte Linus. 
Das Mädchen sah ihn etwas unsicher an. Sie schien jetzt langsam zu begreifen...

Dann fand sie ihre Sicherheit wieder und sagte:
„Du magst ja in sie verliebt sein – aber das ändert nichts daran, dass das kein Lebensmodell ist! In einem weißen Kleid rumzulaufen und nicht chillen zu dürfen! Was soll denn das für ein Ziel sein? Klar, ich meine – sie mag ,sexy’ sein in ihrer ,Unschuld’ – sorry, ist gar nicht böse gemeint –, aber – hallo?! Wir leben im 21. Jahrhundert ... dachte ich. Ich glaube nicht, dass es heute darum gehen kann, Aschenputtel nachzueifern, sorry! Wirklich sorry...!“

„Schneeweißchen. Nicht Aschenputtel.“
„Oder Schneeweißchen! Ist doch völlig egal, wem! Das ,nicht unterdrückte’ Schneeweißchen, das genauso brav ist, genauso unschuldig, genauso bescheiden und genauso von vorgestern!“

Immer besser begriff sie durch all diese Antworten die Gefangenschaft der Seele... 

...