Der Kreis der Hüterinnen

Holger Niederhausen: Der Kreis der Hüterinnen. Roman. Books on Demand, 2018. Paperback, 408 Seiten, 15,90 Euro. ISBN 978-3-7460-6796-4.


Erschienen am 10. Januar 2018.              > Bestellen: BoD | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen < [noch keine]

Inhalt


Die fünfzehnjährige Liane fühlt sich sehr allein mit ihrer aufrichtigen Sehnsucht nach einer besseren Welt. Da erfährt sie von einer Gruppe anderer Mädchen, die mit dieser Sehnsucht ernst machen.

Sie schließt sich ihnen an – und erlebt etwas, was sie nie für möglich gehalten hätte. Immer tiefer versteht sie, was der Name bedeutet: der Kreis der Hüterinnen...

Über dieses Buch


Dieses Buch berührt so tief, wie das Bemühen der Hüterinnen reicht. Diese Mädchen versuchen etwas, was in der heutigen Zeit niemand mehr versucht, ja kennt, was in seiner Tiefe völlig verschüttet ist – die Rettung des Heiligen, des wahren, heiligen Seelenwesens.

Nicht nur von dem Mädchen Marie, das die Engel in sich erlebt (siehe den Roman „Engel-Mädchen“, auch wenn der „Kreis der Hüterinnen“ davon völlig unabhängig gelesen werden kann), geht geradezu ein seelisches Leuchten aus, sondern von jeder einzelnen der sieben Gefährtinnen. Marie aber gibt diesem heiligen Bund jene spirituelle Tiefe und Klarheit, die die Empfindungen und Erlebnisse der Mädchen ganz klar über alles bloß Naive und im oberflächlichen Sinn „Empfindsame“ hinausheben. Durch sie wird tief deutlich, um welch existenzielle Fragen es dabei fortwährend geht.

Leseprobe 1


Die Landschaft zog an ihren Augen vorüber.
Es war die Landschaft des Spätherbstes. Nichts Anziehendes war jetzt mehr draußen zu sehen, nichts, was den Blick festhielt, durch Farbe, durch Schönheit. Und doch sah sie gern hinaus. Sie mochte es, irgendwohin zu fahren. Und die Landschaft war immer viel friedlicher als die übrige Welt, also auch viel schöner, zu welcher Jahreszeit auch immer.

Jetzt aber zogen auch Gedanken in ihr vorüber. Verschiedenste Gedanken. Der Konflikt mit ihrem Vater. Die Missbilligung, mit der er sie dann auch heute wieder verabschiedet hatte. Weh tat das, sehr, sehr weh... Aber auch seine Bemerkungen vom Montag. Ja, sie war schlank. Und ihr Vater konnte denken, dass sie dünn war. Vielleicht hatte sie sogar abgenommen, seit sie nichts Tierisches mehr aß. Trotzdem fanden die Jungen sie schön. Viel zu sehr. Es gab zu viele Jungen, bei denen sie das merkte. Und es gab keinen Jungen, zu dem sie sich hingezogen fühlte...

Jungen waren zu grob... Jungen aßen Fleisch. Jungen machten blöde Witze. Sie waren hässlich – innerlich, und nicht nur innerlich. Ein paar Reihen weiter vorne saßen auch zwei solche Jungen. Auch sie unterhielten sich viel zu laut, lachten zu laut, sprachen nur über Gewöhnliches. Warum waren Jungen so? Aber – die Mädchen waren oft auch nicht viel besser...

Sie holte die Zeitung wieder aus ihrem Rucksack. Wie oft hatte sie sich den Bericht schon angeschaut! Ein Satz ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie las ihn wiederum. ,Sie sagen, sie tun es für die ganze Menschheit.’ Es war dieser Satz, der sie nicht mehr losgelassen hatte. Und dann das Foto. Man sah sie nur klein – aber seit sie das Foto gesehen hatte, wusste sie, dass sie niemand anderen suchte. Sie war sich absolut sicher. Dieser eine Satz und das Foto. Sie wäre um die halbe Welt gefahren, um ihnen zu begegnen...

Sie steckte die Zeitung behutsam wieder in das vordere Fach ihres Rucksackes. Die Jungen drei Reihen vor ihr alberten immer noch miteinander herum. Einsam blickte sie wieder auf die Landschaft. Kannte irgendeiner dieser Menschen im Zug dieses Gefühl der Einsamkeit? Es war so ein Ziehen im Inneren, ein trauriges, einsames Ziehen... Allein war man ... allein mit diesem Ziehen und mit der Landschaft da draußen.

                                                                                                                                      *

Liane hatte in den letzten Jahren gelernt, mit dieser Einsamkeit zu leben. Es war eine innere Empfindung, die sie wie einen stillen Begleiter in ihrer Seele trug. Es hatte begonnen, als sie zwölf Jahre alt gewesen war. Damals hatte diese Empfindung irgendwie zu ihr gefunden und ihr dann irgendwie die Treue geschworen. Sie hatte sie nie wieder verlassen... Je mehr sie zu sich selbst erwacht war, desto mehr hatte sie auch ihre Begleiterin, die Einsamkeit gespürt. Nun war sie fünfzehn, seit dem Sommer, und auch ihre Begleiterin war gewachsen. Eigentlich war auch sie schön, nicht so grob wie die Jungen, nicht so grob wie die Mädchen, die sie nicht kannten. Die Einsamkeit war still und ruhig, wie sie selbst. Nur war sie ihre einzige Begleiterin. Wenn man von den Mädchen absah, mit denen sie eine gewisse Freundschaft verband, obwohl sie sich von keiner verstanden fühlte, und von den Jungen, von denen sie keinen um sich haben wollte...

In ihrem Alter begannen die übrigen Mädchen längst wieder, sich für die Jungen zu interessieren. Sie begannen längst, sich zu schminken; sie alberten gemeinsam mit den Jungen; sie tippten stundenlang in ihre Handys; sie blieben abends lange weg, wenn sie durften. Mädchen waren – die meisten – nicht weniger seltsam und fremd als die Jungen. Nicht ganz so grob wie diese, aber fast. Anders fremd. Verstehen konnte man sie – aber man fühlte auch ihnen gegenüber die ganze Einsamkeit. Obwohl es doch Mädchen waren – war man selbst ganz anders als sie...

Die Mädchen auf dem Foto dagegen... Wenn sie daran dachte, wurde das Ziehen in ihrem Bauch stärker. Aber nun war es ein Ziehen einer seltsam starken Sehnsucht, einer seltsam starken Hoffnung. Sie musste sie sehen! Sie musste mit ihnen reden... Wenn nur die Angst nicht wäre ... auch bei ihnen wieder einsam zu bleiben. Von niemandem verstanden zu werden. Ja... Wenn sie sie nicht verstehen würden, dann würde wirklich niemand mehr sie verstehen können. Absolut niemand...

...

Leseprobe 2


Ihr Vater zeigte Anzeichen der Freude und Genugtuung, dass sie so schnell zur Vernunft gekommen war, und sie wagte es zwei Tage lang nicht, auf das Thema zu sprechen zu kommen.

Am Mittwochmorgen, kurz bevor sie zur Schule und ihr Vater ins Büro musste, fragte sie wie beiläufig:

„Bist du am Samstag zuhause?“

„Ja, wieso?“

Er schien fast erfreut, jedenfalls zugänglich, als erwarte er irgendetwas Positives, was auch immer.

„Es kommt jemand, der mit dir sprechen will...“, sagte sie ausweichend, und schon jetzt zog sich ihr Brustkorb wieder vollends zusammen.

„Mit mir sprechen?“, wiederholte ihr Vater misstrauisch – sie spürte, dass er bereits zu ahnen begann, was der Kern der Sache werden würde.

„Ja – die Hüterinnen.“

Sie sprach die Worte aus wie einen Schutzzauber. Für sie ging von diesen Worten wirklich eine Kraft aus. Und doch merkte sie, wie ein Großteil dieser Kraft an ihrem Vater zerschellte.

„Diese Mädchen?“, fragte er fast wegwerfend.

Für einen winzigen Moment war er erstaunt gewesen – und doch hatte er als Reaktion nur diese Verachtung.

„Es sind die Hüterinnen“, sagte sie, und sie fühlte neuen Mut, weil sie nun nicht sich, sondern sie verteidigte.

„Hüterinnen“, wiederholte ihr Vater spöttisch, „von mir aus sind es ,Hüterinnen’. Ich habe keine Zeit für solche Späße!“

„Sie kommen aber, um mit dir zu sprechen.“

„Dann gehen sie eben wieder, ohne mit mir zu sprechen.“

„Nein!“, sagte sie heftig. „Sie haben auch keine Zeit – aber sie nehmen sie sich!“

Ihr Vater wurde ärgerlich, und doch spürte sie seine winzige Unsicherheit gegenüber diesen Mädchen.

„Es ist mir einfach lächerlich!“, sagte er mit so viel Nachdruck wie möglich. „Was versprechen sie sich denn davon? Hm? Wollen sie alle mit Protestschildern kommen – oder was? Mit hübschen moralischen Zeigefingern? Mit was?

Er hatte seine Stärke wiedergewonnen. In der letzten scharfen Frage lag wieder alles, was ihn in einer solchen Situation ausmachte – dieses Ultimative, dieses alles Dominierende, dieses Erstickende...

„Du wirst Zeit für sie haben...“, sagte sie und staunte selbst über sich. Sie stand nun auf, und sie konnte gehen – und staunte noch immer –, und sie fühlte keine Bleischwere in ihren Gliedern, und sie ließ ihn da sitzen – und doch schenkte sie ihm noch einen Blick zurück, einen warmen, leise bittenden Blick. Sie war auch eine der Hüterinnen, sie würde eine werden...

                                                                                                                                      *

Den Rest der Woche fühlte sie fast wie etwas Unwirkliches – wie einen Zwischenraum in der Zeit, der nur darin bestand, auf das Wochenende hinzuführen. Seltsamerweise hatte sie zwar Angst, aber zugleich doch keinerlei Zweifel, dass es gut ausgehen würde. Sie wusste nicht, wie das zusammenging, und sie wusste auch nicht, woher sie diese Sicherheit nahm. Für sie schienen die Hüterinnen einfach unbesiegbar zu sein – wie eine heilige Macht.

Wenn sie an den möglichen Verlauf des Gesprächs dachte, nahm allerdings immer wieder ihre Angst zu. Sie kannte doch ihren Vater. Er würde niemals nachgeben – für ihn war die Sache sonnenklar, und er würde sich mit ,Mädchen’ auf keine Diskussion einlassen. Wie konnte sie da eine Sicherheit empfinden? Was passierte, wenn die heiligen Hüterinnen auf so einen Menschen wie ihren Vater trafen?

Es war wie ein Kampf, der von keinem zu gewinnen war, weil beide Seiten niemals verloren...

...