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Die Erlöserin

Holger Niederhausen: Die Erlöserin. Roman. Niederhausen Verlag, 2022. Paperback, 386 Seiten, 19,90 Euro. ISBN 978-3-7565-0785-6. 

► Wichtiger Hinweis: Wer meinen würde, ich schriebe nur 'Mädchen-Bücher', der irrte essenziell - diese Mädchen sind Botinnen des immer verschütteteren Wesens der menschlichen Seele überhaupt.

Erschienen am 24. Juni 2022.              > Bestellen: epubli | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen <

Inhalt


Ein spiritueller, empfindsamer Mann begegnet einem Mädchen, das aus tief selbstlosen Gründen die Schule verweigern will. Ihr Wesen berührt ihn immer tiefer, und ihre Fragen stoßen, während er sich grenzenlos verliebt, schließlich sein gesamtes Weltbild um. Ein erschütternder Roman über das Zukunftsmysterium des Mädchens.

Über dieses Buch


Als der seit Jahren mit einer spirituellen Weltanschauung lebende Vierziger Alwin Lohmann an einem der ersten warmen Tage in einem Café das nach der Corona-Krise wieder aufkommende Leben miterlebt, betritt ein Mädchen den Raum mit der Botschaft, dass die Menschheit angesichts aller Krisen nicht wie bisher weitermachen könne.

Berührt von ihrer Erscheinung und dem gesamten Geschehen folgt er ihr nach draußen und es kommt zur Begegnung. Er erfährt, dass die fünfzehnjährige Sylvia die Schule verweigern will – die in keiner Weise mit der realen Welt wachsender Katastrophen zu tun hat. Unsagbar berührt von dem schönen Mädchen und ihrem existenziellen Entschluss bittet er sie, nichts zu tun, bevor sie nicht ein oder besser zwei Wochen mit ihm gesprochen habe – worauf sie eingeht.

Lohmann hat das Bedürfnis, mehr über das Mädchen und seine Beweggründe zu erfahren, vor allem aber auch, sie nicht völlig ungeschützt in die Maschinerie hineingeraten zu lassen, die sie erwarten würde, wenn sie ihren Entschluss tatsächlich wahrmachen würde. Am ersten Abend ihrer Gespräche abends nach der Arbeit in seiner Wohnung gibt er dem Mädchen ein tiefes Empfinden für die Zeit – die nicht nur gegen die Menschheit arbeite, sondern auch als etwas Beschenkendes erlebt werden könne. Das Mädchen wird davon tatsächlich berührt, und es wächst schnell eine tiefe Vertrauensbasis.

Lohmann versucht, ihr den ganzen spirituellen Zusammenhang erlebbar zu machen, den er selbst am Wirken sieht: einen Materialismus, der die Seelen immer weiter zu entleeren droht und sie ganz in das Oberflächliche treibt, wodurch Rettendes immer weniger möglich wird, weil die Menschheit völlig das Wissen und Erleben um das heilige Wesen des Menschen verliert, ja sich nicht einmal mehr dafür interessiert.

Das Mädchen begreift durch ihn vieles viel tiefer. Er selbst aber wird immer wieder erschüttert von ihrer ganzen Ausstrahlung – und Anziehung. Was er zunächst weder begreift noch zulassen kann, geschieht: Er verliebt sich immer tiefer in das Mädchen, dessen äußere und innere Schönheit überhaupt nicht zu trennen sind. Immer wieder unbeschreiblich berührt von der Unschuld und Anmut ihrer Seele, übt die Verbindung mit der äußeren Schönheit eine solche Anziehung aus, dass er ihr geradezu hilflos verfällt...

Vorsichtig erinnert das Mädchen immer wieder an das fehlende Weibliche bis in die Sprache hinein. Was er in anderen Zusammenhängen als ,Gender-Diskussion’ wahrgenommen hätte, wird durch das Empfinden des Mädchens auch für ihn zum ersten Mal ein tief reales Erleben. Als sich die Fragen des Mädchens aber bis in das Spirituelle hinein erstrecken, kommt es zu einem Bruch. Scheinbar nur ein winziger Moment, äußert er doch etwas, was das empfindsame Mädchen tief verletzt, sodass es gehen muss... Die über ihn hereinbrechende Leere macht ihm offenbar, wie ihm dieses Mädchen längst Unendliches bedeutet. Und als es fast wie durch ein Wunder zurückkehrt, ist der Weg frei für eine immer tiefere Veränderung seines gesamten Weltbildes...

Dieser Roman behandelt in einer ungeheuren Tiefe und Intensität zentrale Fragen des Menschseins überhaupt. Was ist der Mensch? Was geschieht heute? Welche Rettung ist möglich? Aber auch: Wie ist eine höhere Welt zu denken? Welche einseitig männlichen Vorstellungen herrschen hier – unerkannt! – bis heute? Was ist überhaupt das Männliche – und kam das Weibliche bis heute überhaupt zur Geltung, oder ist bis in angeblich Allgemein-Menschliches noch immer das Männliche vorherrschend?

Mit derselben Tiefe und Intensität taucht der Roman in zentrale Fragen ein, die die Gestalt und das Urbild des Mädchens betreffen. Gibt es überhaupt ein Urbild? Was ist das Mysterium des Mädchens? Was ist das Mysterium der Anziehung? Was ist das Mysterium der Schönheit? Der Unschuld? Dieser Roman führt in eine Tiefe des Erlebens hinein, die immer vermieden wird, der ausgewichen wird, die rationalisiert und verdrängt wird. Er führt geradezu notwendig auch hinein in das Feld des Missbrauchsdiskurses und zeigt auf, wie extrem einseitig dieser Diskurs ist – da ein kompletter, heiliger Bereich der Wirklichkeit nicht nur ausgeblendet, sondern regelrecht vernichtet wird.

Jenseits von allen simplen Antworten steigt dieser Roman auf zu einer Höhe und taucht hinab in eine Tiefe, die in der Frage des Mädchens ihresgleichen suchen. Er eröffnet einen Blick auf die heilige Mission des Mädchens und seiner Anziehung, wie er vielleicht noch nie gewagt wurde.

Leseprobe 1


„Ich habe noch nie gesehen, wie man jemanden so lieben kann...“, erwiderte sie leise.

Dich kann man so lieben, Sylvia... Ich habe auch noch nie jemanden gesehen, den man so lieben kann. Es gibt auch keinen anderen.“

„Aber was machen wir denn jetzt...?“, fragte sie schließlich.

„Ich weiß nicht... Willst du noch etwas sagen – darüber, meine ich? Über die ... die Fragen vom Freitag? Nur wenn du willst...“

„Nein, darüber sage ich nichts mehr...“, sagte sie weich und fast ängstlich zugleich.

„Darf – darf ich dazu noch etwas sagen?“

„Wenn ... Sie wollen...?“

Ihre Antwort war nun geradezu offen furchtsam. Seine Seele erbebte geradezu von Liebe. Wie sehr hatte er in ihrer Seele ein Trauma verursacht!

„Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll, Sylvia...“, begann er ebenfalls fast furchtsam. „Aber seit du gehen musstest – musstest! –, kann ich es nicht mehr richtig finden, von ,Michael’ zu sprechen, nicht einmal von ,dem’ Engel. Du hast mir die Augen geöffnet... Meine Liebe zu dir, mein Leid, meine Verzweiflung, als du gegangen warst ... all dies hat mir die Augen geöffnet...
Du musstest gehen, weil ich dir – ja, auch dir – zu wenig Ernst vorwarf, deine Frage für belanglos hielt, allzu belanglos, zumindest relativ belanglos ... aber das ist sie nicht und war sie nie! Es gibt vielleicht nichts Berechtigteres als diese Frage. Ich erlebe jetzt die so offensichtlich ,männlich’ tingierte Welt der Engel als hoch fragwürdig. Ich erlebe es wie durch deine Seele ... wie nach dem Tod, Sylvia, mit anderen Augen, mit deinen Augen ... mit den reinsten, unschuldigsten Augen, die existieren... Und dein Leid ist mein Leid... Ich kann es nicht mehr ertragen... Ich kann es nicht ertragen, dich leiden zu sehen ... und ich kann es nicht mehr ertragen, dass es so eindeutig männlich ist ... dass da einfach etwas fehlt... Völlig fehlt...“

Sie hatte ihm fassungslos zugehört.

„Vielleicht habe ich ja doch einfach nur – –“

„Nein“, erwiderte er weich und sicher. „Hast du nicht. Auf keinen Fall... Ich kenne dich, Sylvia. Niemand ist so wahrhaftig wie du. Und wie du gehen musstest ... bricht mir noch immer das Herz... Es war das Furchtbarste, was ich in meinem Leben getan habe...“

„Dann müssen Sie ein sehr guter Mensch sein!“

„Oder du der beste Mensch überhaupt...“

„Ich fühlte mich hinterher selbst so schuldig...“

„Das ist einer der unzähligen Beweise dafür.“

„Ich bin nicht der beste Mensch!“

Er hätte auch keine Mühe gehabt, in ihr eine Göttin zu sehen...

„Doch, bist du... Aber du kannst deine eigene Meinung dazu haben. Es macht dich nur noch lieblicher.“

„Lieblicher?“

„Es gibt wenig Worte dafür. Ich weiß nicht, wie ich es sonst ausdrücken soll! Es geht nicht. Leuchtender... Das habe ich schon zu oft gesagt. Es war für mich das schönste Wort, das ich finden konnte...“

„Es klingt ein bisschen so, als ob sie mich einrahmen wollten...“

„Was? Nein! Es ... es ... bedeutet ... ja, ich verstehe, so kann man es verstehen, natürlich... Aber ... ja, die Grenzen liegen nah beieinander. Aber ... weißt du, auch Christus, als er auferstanden war, offenbarte sich zuerst Maria Magdalena, ich habe davon erzählt. Und er sagte ihr, sie möge ihn nicht berühren ... warum nicht? Weil seine Auferstehungsleiblichkeit noch sehr zart war. So zart wie Sonnenlicht. Wie ein Ostermorgen... So zart wie ein Tautropfen, so rein, so verletzlich, so ... ätherisch. Das Zarteste, was es gibt – und gerade darum so innig verwandt mit der Seele, in ihrer zartesten Natur, ihrer innigsten Berührbarkeit...
Und wenn ... wenn du so was sagst, Sylvia... Dass du nicht der beste Mensch seist ... ist das, wie wenn du selbst auch zart etwas abweist. Ganz genauso! ,Berühre mich nicht...’, sagst du sanft. ,Berühre mich nicht mit dem Urteil, ich sei der beste Mensch, das bin ich nicht...’ Aber wer dann! Niemand ist so zart in seiner Unschuldigkeit, seiner Aufrichtigkeit, seiner Empfindsamkeit wie du, niemand so liebevoll, so verzeihend, so offen, so voller Liebe wie du. Und bei einem Mädchen ist dies so berührend, dass man ... nur noch von ,lieblich’ sprechen kann. Es ist dieses Berührende, verstehst du?“

„Berührend? Weil es so niedlich ist?“

„Nein – ganz anders. Berührend, weil es so erschütternd ist. So unendlich rein, dass es auch die eigene Seele reinigt – so erschütternd, dass die eigene Seele eine Katharsis erlebt ... jetzt müsste ich diesen Begriff wieder erklären... Es ist einfach eine unendlich heilige Reinigung wie durch ein und nach einem Gewitter ... aber erschütternd heilig verstanden. Das sind alles Begriffe, von denen ich nicht weiß, ob du dir auch nur ansatzweise das Richtige vorstellen kannst – oder ob sie für dich alle nur gleich merkwürdig klingen. Du musst einfach deine eigenen allertiefsten Begriffe nehmen – und mir glauben, dass ich das meine...
Und ,lieblich’ ... damit meinte ich dann das alles und noch dieses Zarte dazu, dieses unendlich zart Berührende... Etwas, was man eigentlich gar nicht mehr sagen, gar nicht mehr ausdrücken kann. Lieblich als ein Paradies, das alle Vorstellungen sprengt. Gut, ein ,Paradies’ kann man sich auch einrahmen, aber das ist nicht gemeint! Es ist gemeint, dass es einen berührt, verwandelt – und dass man sich berühren lässt. Du weißt, ich wollte dich nicht konsumieren, im Gegenteil – es ist, wie wenn man sich selbst verzehren lässt ... von einer heiligenden Flamme, die alles verbrennt, was ihrer noch nicht würdig ist... Ich weiß einfach nicht, wie ich es noch erklären soll, Sylvia...“

Wieder hatte sie sehr betroffen zugehört.

„Es ist eigentlich...“, erwiderte sie leise, fast beschämt, „so, dass ich von Ihnen fortwährend Begriffe lerne... Dass Sie mir beibringen, wie tief man denken, empfinden kann... Ich schäme mich geradezu... Jetzt auch wieder für meine Frage...!“

„Vielleicht ergänzen wir uns einfach gegenseitig, Sylvia. Du offenbarst fortwährend dein Wesen – und ich offenbare dir, wie man darüber denken kann und was man erkennen kann. Es geht um dich, verstehst du? Und es geht nicht darum, wie tief man darüber denken kann – sondern wie tief man es sollte! Weil es wahr ist... Wie haben schon oft über die Oberflächlichkeit gesprochen... Und alle, alle die all dies in dir nicht wahrnehmen, sind oberflächlich... Weil sie gar nicht mehr mit der Seele erkennen.

Und damit meine ich nicht dich! Es ist das Vorrecht einer tiefen Unschuld, sich selbst noch überhaupt nicht zu erkennen. Gerade das macht sie zunächst mit aus – denn das macht sie zugleich so unfassbar bescheiden. Aber die anderen, die es nicht erkennen, sind einfach blind...“

...

Leseprobe 2


Und während er schwieg und aß und manchmal heimlich zu ihr sah ... und wenn sie es bemerkte, sie mit einem leise verlegenen Lächeln erwiderte, das aber in Wirklichkeit reinster Segen war, reinste Begnadung, reinstes Leben ... dachte er an ihre großen, unschuldigen Augen von eben... Augen, die sich immer offenbarten, wenn ihre Seele zu staunen begann... Und es war unglaublich, wie eine Göttin staunen konnte – und worüber alles! Voller Unschuld. Sie war geradezu die Göttin der Unschuld.

Groß und unschuldig blickte die Göttin ihn an, in ihren Augen eine große Frage: Wer ist wie das Mädchen...?

Die Gedanken waren einfach zu ihm gekommen. Sie konnten nicht anders, sie waren gesandt von ihrer Berührung... Der Berührung durch die Mädchengöttin...

Und es war die Frage Michaels, nur völlig verwandelt. Michaels Wesen fragte: Wer ist wie Gott? Die Mädchengöttin aber fragte: Wer ist wie das Mädchen? Und sie fragte es nicht mit einem flammenden Blick, mit einem Blick, der unerbittlich die Geister schied, fast wie ein Verdammungsurteil – und Michael war ja auch der flammende Geist mit der Waage –, sondern sie, die Mädchengöttin, fragte es mit der ganzen Unschuld, die nur eine Mädchengöttin haben konnte ... mit großen Augen. Wer ist wie das Mädchen...?

Diese Augen schieden nicht die Geister, sie schieden die Seelen. Aber sie verdammten niemanden, sie bekämpften niemanden ... sie berührten jeden. Das war der Unterschied. Der Unterschied zwischen Michael und einer Mädchengöttin. Der Unterschied zwischen Gott und der Mädchengöttin. Es waren Welten von Unterschied! Es war ein ganzer Kosmos... Die Mädchengöttin begründete einen neuen Kosmos...

Bei Michael ging alles vom Denken aus. Bei ,Gott’ selbst eigentlich auch – hatte er ihr nicht beschrieben, wie der Monotheismus das Denken von der Natur loslöste – den Geist von der Naturgrundlage, die mit dem Weiblichen identifiziert wurde, das daraufhin über Jahrtausende gedemütigt wurde, als ,nur Natur’, während der ,geistige’ Mann zum Beherrscher wurde? Zum Sklavenhalter? Zu einer gefühllosen Herrschernatur, die ihre eigene Perversion nicht erkannte?

Herrschernatur... Der Mann war eben auch Natur – nur eine pervertierte Natur, während die weibliche Natur noch ganz unschuldig war – und blieb. Die Natur des Mannes war die der Herrschaft – und das war pervers in sich. Der Mann meinte, mit dem Aufschwung zum ,Geist’ die Natur ablegen zu können, aber er verrannte sich gerade in ihr! In einer Geist-Natur, die von Anfang an in die Irre lief. Herrschaft war sozusagen der Un-Geist schlechthin. Selbst die Natur hatte mehr Geist als die männliche Herrschaft, die wirklich geistlos war.

O ja, das Patriarchat hatte herrlichste Errungenschaften gebracht! Segelschiffe, Kolonialismus, Schulstuben, medizinischen Fortschritt, Abrechnung von ,Pflegeleistungen’ im Minutentakt, Geopolitik, Steuererklärungen. Es hörte nicht auf. Der männliche Geist war besessen von ,Fortschritt’, aber er säte Todeskeime über Todeskeime, er war wie eine Krebskrankheit.

Natürlich gab es auch die Renaissance, Florenz, Michelangelo, Botticelli, Raffael, aber sie alle, selbst Raffael, waren noch immer viel zu männlich! Was sollte das alles, wo sollte das hinführen? In eine Zivilisation, die wieder so durchtränkt vom Männlichen war wie die Griechen? Die gerade unter Anthroposophen als Wunder der Gleichgewichtigkeit hingestellt wurden, während es eine rein männliche Kultur war? Deren Trauma übrigens gerade die Amazonen waren...

Der männliche Geist war fähig, Errungenschaften hervorzubringen – aber so triumphal oder auch hilfreich diese sein mochten, sie blieben stets etwas Totes. Und am Ende konnte der Mensch inmitten aller modernen Hygiene und Apparatemedizin hundert Jahre alt werden – oder sogar noch viel älter –, aber was war all dies wert, was war all dies wert ohne ... ein Mädchenlächeln? Ohne die großen Augen der Mädchengöttin...? Ohne die Unschuld? Nichts. Es war ein Nichts – eine Illusion, eine Lüge. Alle, die ganze Menschheitskultur, wie sie bisher geworden war, alle jagten einer Lüge hinterher...

Und was war dann die Wahrheit? Die Wahrheit begann mit den Dichtern. Nicht mit den Philosophen, den Dichtern. Die Philosophen hatten alles immer wieder neu erklärt – die Welt habe mit dem Feuer begonnen, mit dem Wasser, mit der Luft, mit der Erde, mit den Atomen, mit dem Gedanken.

Hatte die Welt vielleicht mit dem Mädchen begonnen? Mit der Mädchengöttin, die im Urbeginn in einer absoluten Unschuld groß ihre Augen öffnete ... und die Welt entstehen ließ, einfach, weil sie zu staunen begann...? Dann würde es nicht heißen: ,Im Urbeginne war das Wort’ ... sondern: ,Im Urbeginne war die Unschuld... Und die Unschuld war bei der Mädchengöttin, und die Unschuld war eine Mädchengöttin...’

Ihn schwindelte fast. Aber diese Gedanken waren alle wahr, denn sie wurden von ihr gesandt, von ihr...

Und es waren nicht einmal im Ansatz ,luziferische’ Gedanken. Auch Luzifer war eine männliche Gestalt, und es musste endlich Schluss sein mit all diesem nur männlichen Weltbild, wo es von lauter Engeln wimmelte, aber nirgendwo, wirklich nirgendwo, die Mysterien des Weiblichen sich offenbarten. Es war alles ein großer Irrtum... Geboren in einer Zeit, die noch immer tief männlich gewesen war. Nicht nur Christus redete längst in einer anderen, wiederum neuen Sprache. Zum ersten Mal sprach auch die Mädchengöttin selbst... Endlich, endlich hatte Christus seine Schwester bekommen.

Und wer diese Realität nicht akzeptieren würde, würde ihre Einigkeit denken müssen, würde endlich lernen müssen, zumindest den Aspekt der Mädchengöttin gleichberechtigt neben dem Liebewesen in seinem männlichen Christus-Aspekt denken zu lernen – vom Fühlen ganz zu schweigen...

Vielleicht war überhaupt alles gekrönt von einer heiligen Zweiheit. Vielleicht gab es die Dreieinigkeit in jeweils zweifacher absoluter Wahrheit. Den väterlichen Urgrund ... und den mütterlichen Urgrund. Christus ... und die Mädchengöttin. Und schließlich den Heiligen Geist ... und Sophia, die weibliche Wahrheit... Es gab schlicht nicht nur den Geist, sondern dies war von Anfang an ein Konstrukt des männlichen Geistes gewesen. Die wirkliche Wirklichkeit war männlich-weiblich. Im Geistigen hörte dies nicht auf – sondern hier nahm es seinen Ursprung.

Konnten aber Individualitäten sich dann noch in unterschiedlichen Geschlechtern inkarnieren? Sie konnten es, wenn die menschliche Individualität das Zeugungswunder beider Aspekte der göttlichen Welt war. Aber musste es nicht etwas Höchstes geben, das wirklich jenseits von allem war? Dann aber hinweg mit dem väterlichen Urgrund, hinweg mit dem Heiligen Geist, hinweg mit Christus, insofern er auch nur irgendwie noch ein Übergewicht des Männlichen hervorrief als Assoziation! Oder war die prometheische Suche nach etwas ,Höchstem’ nicht vielleicht selbst eine männliche Hybris, ein Fehler, ein absoluter Denkfehler, vielleicht die Ur-Sünde schlechthin? War vielleicht das Höchste gerade die Beziehung ... wie sie das Weibliche so unglaublich offenbarte? Während das Männliche sich immer an die Spitze kämpfen wollte und deshalb alle bisher gedachten ,Spitzen’ stets männlich tingiert waren?

Er kannte die Wahrheit nicht. Mochte die höchste Wahrheit eine oder aber eine heilige Beziehung einer absoluten Zweiheit sein – er wusste nur, dass die Mädchengöttin eine absolute Realität war. Ob es die höchste Realität war, wäre ihr selbst mit einer ergreifenden Unschuld unwichtiger als alles andere...

...