Eine Geschichte von der Gnade Gottes

Holger Niederhausen: Eine Geschichte von der Gnade Gottes. Roman. Books on Demand, 2018. Paperback, 132 Seiten, 9,90 Euro. ISBN 978-3-7528-3236-5.


Erschienen am 20. April 2018.              > Bestellen: BoD | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen < [noch keine]

Inhalt


Als der junge Bauernknecht Heinrich sich in ein noch jüngeres Mädchen verliebt, beginnt bald für beide, besonders aber für das Mädchen, ohne eigene Schuld ein Martyrium. Ohnmächtig zweifelt Heinrich an der Gerechtigkeit Gottes, während das Schicksal sie immer weiter treibt.

In großer Dichte taucht dieser Roman tief ein in die Frage nach dem Sinn des Leidens...

Wo ist Gott? - über das Buch


In diesem Buch wird der Leser mit seiner ganzen Seele zurückgeführt in eine Zeit, in der Armut und harte Arbeit noch die treuen Begleiterinnen des Menschen waren – und in die kärgliche Landschaft des Schwarzwaldes.

Heinrich, ein Knecht von sechzehn Jahren, der unter dem Großknecht seines Hofes viel zu leiden hat, begegnet eines Tages auf einem Nachbarhof einer noch jüngeren Magd. Das Schicksal will es, dass er sich in das Mädchen verliebt – zunächst ohne es recht zu wissen. Als ihm dies wirklich klar wird, gewinnt er auf einem Dorffest auch des Mädchens Herz, und doch verlieren sich beide wieder durch ein unglückliches Missverstehen. Dann aber treibt sie das Schicksal zusammen – und zugleich in eine große Not. Angesichts seiner tiefen Liebe zu dem Mädchen, das so viel leiden muss, zweifelt Heinrich immer tiefer an der Gerechtigkeit Gottes, während das Mädchen voll des unschuldigsten Glaubens ist. Für Heinrich ist dies unfassbar – und Gott scheint kein Erbarmen zu haben...

Die Liebe der beiden jungen Menschenkinder beginnt eigentlich schon im Leid – und doch wird der Leser zunächst Zeuge einer der unschuldigsten, zartesten Liebesgeschichten, die je geschrieben wurden. Aber dann taucht die Seele des Lesers mit den beiden anderen ein in die Fluten des Leides, der bitteren Not, des Abgewiesenwerdens, der Hoffnungslosigkeit, auch nur das bloße Leben zu behalten...

Und schwer stellt sich auch für die eigene Seele des mitempfindenden, mit-leidenden Lesers die Frage: Wo ist Gott? Wie kann er dies ... auch nur zulassen? Es ist die existenziellste Frage der Seele überhaupt. Und die jungen, vom Schicksal geschlagenen Protagonisten nehmen den Leser mitten hinein in den Wirbelsturm. Wo ist die Gerechtigkeit Gottes, wenn ... nur noch das Leid da ist?

Eine außergewöhnliche Erzählung, die allein schon durch ihre Sprache die Seele hineinziehen wird in diese andere Welt. Innig begleiten wird sie diese beiden Verlassenen, die nur noch einander haben. Und alle Fragen, die das Schicksal unerbittlich an sie heranbringt, wird die Seele auch selbst empfinden können. Was dem ganzen Geschehen dennoch ein geheimnisvolles, stilles Leuchten verleiht ... ist gerade das unschuldige Leiden des Mädchens. Aber dies macht auch die Frage erst recht quälend groß...

Leseprobe 1


In den nächsten Tagen drängte sich der Alltag wieder stark in den Vordergrund. Ein Knecht darf nicht seinen Gedanken nachhängen, also hängt auch nichts in seinen Gedanken. Vordergründig sind sie jedenfalls der schweren Arbeit zugewandt, die zu leisten ist – und das sind tausend verschiedene Handgriffe jeden Tag. Da sind die Tiere, da sind die Vorbereitungen auf die Ernte, da ist schweres Tagwerk Stunde um Stunde.

Aber in den Pausen, auch in den kleinen, und seien es nur Atempausen, drängte sich nun aus dem Hintergrund des Bewusstseins immer wieder ein Mädchen nach vorne. Ihre Gestalt geisterte in Heinrichs Seele umher, ohne dass er es wollte. Oder wollte er es gar?

Er wusste sich selbst keinen Rat damit. Keinen Rat damit, dass er abends, wenn das Tagwerk endlich vollbracht war, in seiner Kammer lag und, bevor er den Schlaf fand, mit offenen Augen an die nachlässig gekalkte Decke starrte und an das Mädchen dachte.

                                                                                                                                         *

Als sie an ihrem nächsten freien Nachmittag beim Dorfbrunnen zusammensaßen, war Heinrich schweigsamer als sonst. Er verfolgte eine Zeitlang das Treiben der Gefährten, dann fragte er Bartholomäus schließlich beiläufig:

„Woher kommt eigentlich eure neue Magd? Sie ist doch neu?“

Bartholomäus sah Heinrich verwundert an:

„Wen meinst du? Marie? Wieso fragst du?“

„Ich musste am Dienstag eurem Großknecht Geld von unserem überbringen. Da sagte sie mir, wo ich ihn finde.“

Bartholomäus lachte.

„Ah – hat er dir vertraut, ja? Na ja, du wärst ja schön dumm, es nicht treu und redlich zu überbringen.“

Noch einmal lachte er.

„Ich musste dafür auf mein Abendessen verzichten“, erwiderte Heinrich. „Und hab mir noch zweimal Ärger eingehandelt – weil ich das Geld nachzählen ließ und weil ich mich nicht ordentlich verabschiedet hab.“

Bartholomäus brach in Lachen aus.

„Du hast was? Nachzählen lassen?“

„Nun, ehrlich gesagt hat euer Großknecht mich nachzählen lassen. Aber ich hab’s gewollt, dass nachgezählt wird.“

„Nun, das war sicher besser“, stimmte Bartholomäus zu. „Und dann hast du dich nicht verabschiedet?“

„Nein, seine ganze Art war mir zuwider – aber er zwang mich dann, mich zu verabschieden.“

„Und wie?“

„Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe.“

„Na ja, ist ja auch egal.“

Bartholomäus blinzelte zufrieden in die Sonne, offenbar befriedigt von dieser kleinen Geschichte.

Etwas verlegen erinnerte Heinrich ihn an seine ursprüngliche Frage:

„Woher kommt nun eure neue Magd...?“

Bartholomäus lachte.

„Oh, das habe ich fast vergessen. So neu ist sie gar nicht, du hast sie nur noch nie gesehen. Vor drei Jahren brachte sie der Pfarrer. Als Kind waren ihr erst die Eltern weggestorben, später auch die Großeltern. Ich wundere mich, dass der Fiedlerbauer sie überhaupt aufnahm, aber der Pfarrer hat versichert, dass sie fleißig sei – und das ist sie auch. Sie arbeitet so viel wie manch ältere...“

Heinrich hatte voller Aufmerksamkeit zugehört. Nun verengten sich die Augen des Anderen zu forschenden Schlitzen.

Neckend fragte Bartholomäus:

„Du hast wohl nicht etwa ein Auge auf sie geworfen? Das wär’ noch etwas sehr früh – sie ist erst dreizehn, meine ich.“

„Ja, ja – schon gut...“, erwiderte Heinrich beiläufig.

„Was...“, hielt Bartholomäus nun inne. „Hast du? Hast du etwa ein Auge auf sie geworfen?“

Die anderen Knechte sahen ihn nun auch alle belustigt an.

„Nein!“, erwiderte Heinrich verärgert. „Was soll der Unsinn? Ich wollte es nur wissen!“

„Nichts für ungut, Bruder“, erwiderte Bartholomäus in seinem unverwüstlichen Frohsinn. „Ich dachte nur kurz, einen Moment lang...“

Heinrich schwieg. Er tat unbeteiligt und wie immer, aber noch nie war ihn eine Lüge so hart angekommen wie diese. Nun verfolgte auch sie ihn – zusätzlich zu dem Mädchen auch noch die Lüge an ihr.

Den ganzen Tag lang kam er sich schäbig vor. Und abends, als er wieder allein in seiner Kammer lag, bat er das Mädchen um Verzeihung. Nicht nur in Gedanken. In wirklichen Worten murmelte er es, so leise, dass es niemand hören konnte, auch wenn die Wände hellhörig waren:

„Verzeih mir, Marie, das war nicht recht von mir...“

...

Leseprobe 2


Die nächsten Wochen brachten harte Arbeit. Die Ernte stand bevor.

Und dann richtete ein heftiges Sommergewitter auch noch schwere Schäden an. Der Sturm rüttelte eine Nacht lang an Schindeln und Läden, deckte ab und riss hin und her, dass man dachte, der Leibhaftige selbst wäre in der finsteren Nacht. Da war alles auf den Beinen, flickte die undichten Stellen, arbeitete bis zur Erschöpfung und kroch dann nach vielen Stunden bis auf die Haut durchnässt wieder ins Bett, um noch ein wenig Schlaf zu finden.

Der Sturm hatte auch im Wald gewütet. Auch hier gab es nun mehr als genug Arbeit. Noch nie hatte Heinrich so geschuftet. Überall sah man müde, schweißnasse Gesichter. So sehr der Sturm gewütet hatte, so erbarmungslos brannte in den folgenden Tagen die Sonne von einem Himmel, der Wärme und Licht geradezu ausschütten wollte. An ihrem freien Nachmittag lungerten die Burschen in gedrückter, erschöpfter Stimmung an ihrem Stammplatz. Niemand war zu einem fröhlichen Gespräch aufgelegt, nicht einmal Bartholomäus. Es war, wie wenn Arbeit und Hitze einem gerade die Luft zum Atmen ließen.

                                                                                                                                         *

Dann kam das Erntedankfest. Eine Gnade des Himmels hatte es gefügt, dass die Tage davor einen goldenen Glanz der Harmonie unter die Menschen warfen. Die Arbeit war schwer, aber nicht zu schwer. Die Ernte war von dem Gewitter nicht so zerstört worden, wie man zuerst befürchtet hatte. Es würde auch in diesem Jahr reichen. Und die vielen Tage des Einbringens der Ernte hatten schließlich ein glückliches Ende gefunden – die Herzen konnten aufatmen und das Fest genießen, das seit Menschengedenken an diesem Punkt des Jahres stand, um den Bund zwischen Mensch und Natur zu kräftigen.

Für die Burschen und Mädchen, die schließlich zum mit Wimpeln und Kränzen farbenfroh geschmückten Tanzplatz drängten, ging es zumeist allerdings um einen ganz anderen Bund. Die Natur im Menschen drängte hier zueinander, und auch wenn man sich über die geglückte Ernte freute, freute man sich doch noch viel mehr über und auf das andere Geschlecht...

Merkwürdigerweise tat dies auch Heinrich. Sei es, dass er von den anderen Knechten mitgerissen wurde, sei es, dass er überhaupt nicht damit rechnete, dass ein so junges Mädchen überhaupt teilnehmen würde – er dachte nicht an sie, sondern malte sich ausgelassene Tänze mit den anderen Mädchen des Dorfes aus, die an diesem Tag alle in ihren schönsten Kleidern erscheinen würden, mit leuchtenden Augen und blühenden Lippen...

Und Heinrich sah sie – die Mädchen von den anderen Höfen und auch dem eigenen, und sie waren alle schön, auf ihre Art, und sein Herz verfiel dem Taumel der Vorfreude, und die Musik setzte ein, und das Fest begann, die Ausgelassenheit erfasste die Herzen...

Und dann sah er sie. Sie mochte erst vor wenigen Augenblicken angekommen sein, denn ihre leuchtenden, fast ungläubigen Augen zeigten so eine erwartungsvolle Freude, dass es wie eine sanfte Lawine in sein Herz einschlug. Es war dieser eine, winzige Augenblick, in dem sich Heinrichs Herz für immer in dieses Mädchen verliebte – endgültig und unwiderruflich.

Heinrichs Verstand aber war noch nicht so weit wie sein Herz. Er sah, dass sie kein besseres Kleid trug als sonst – weil sie offenbar keines hatte –, und er sah diesen schrillen Kontrast zwischen ihrer äußeren Erscheinung und dem unglaublichen Leuchten ihrer Augen. Er sah und etwas in ihm wusste unmittelbar, dass dieses Leuchten enttäuscht werden würde, denn was erwartete es?

Kurz begegneten sich ihre Blicke, und noch bevor er den seinen ablenken konnte, hatte sie bereits beschämt woanders hingeschaut, und doch leuchtete ihr Blick nun wieder auf die Tanzfläche, wo sich längst die ersten Paare gefunden hatten.

...