Erinnerungen einer Volljährigen

Holger Niederhausen: Erinnerungen einer Volljährigen. Roman. Books on Demand, 2018. Paperback, 174 Seiten, 9,90 Euro. ISBN 978-3-7481-2970-7.


Erschienen am 9. Oktober 2018.              > Bestellen: Books on Demand | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen < [noch keine]

Inhalt


In der Weihnachtszeit beginnt die achtzehnjährige Naemi ein Tagebuch und blickt darin zurück auf die letzten zweieinhalb Jahre ihrer Liebesbeziehung mit einem viel älteren Mann. Auf diese Weise wird das Tagebuch zu einem berührenden Zeugnis einer einzigartigen Begegnung und einer unvorstellbar reinen Liebe voller Romantik und Magie – mit tiefen Antworten auf die Frage, wie dies überhaupt möglich ist.

Über dieses Buch


Es ist sehr, sehr deutlich, dass ein Mann ein Mädchen lieben kann. Aber gilt dies auch umgekehrt? Kann ein Mädchen einen wesentlich älteren Mann lieben? Offenbar ist eine solche Liebe mit verschiedensten, schwerwiegenden Hindernissen behaftet – Hindernisse, die oft genug die Welt einer solchen Liebe in den Weg legt. Aber auch die zwei Menschen selbst haben Hindernisse zu überwinden, bevor sie einander wirklich begegnen können. Diese Hindernisse sind so gewaltig, dass ihre Überwindung fast schon wie ein Beweis ist, dass diese zwei Menschen füreinander bestimmt waren. All dies und noch viel mehr ist in dem Buch ,Unmöglich, sagten sie’ beschrieben – von dem Mädchen selbst.

Aber ... kann man dies nicht noch immer für eine Illusion halten? Diese Liebe eines Mädchens zu dem es liebenden Mann? Wird es sich nicht notwendigerweise früher oder später nach Gleichaltrigen umsehen, für deren Existenz erwachen, von einem Jungen geliebt werden und seine Liebe erwidern? Ist es nicht nur eine jungmädchenhafte Illusion, sich von der Liebe des viel älteren Mannes angezogen und geehrt zu fühlen, eine Art Geborgenheit zu fühlen, die es, älter werdend, überhaupt nicht mehr braucht? Muss eine solche ,Liebe’ nicht notwendig scheitern, weil das Mädchen erwacht und erwachsen wird, seine Illusionen ablegt wie eine alte Haut?

Dieses Buch gibt die Antwort. Wieder ist es geschrieben von dem Mädchen selbst – und nun ist es erwachsen. Es beansprucht keine Allgemeingültigkeit – es beansprucht nur die Wahrheit der eigenen Erfahrung. Dennoch gehen die Aufzeichnungen des Mädchens über das Persönliche weit, weit hinaus. Und so wird sein berührendes, trotz allem in jedem Satz tief persönliches Zeugnis zugleich immer wieder eine Art heilige Wegbeschreibung, wie die Liebe überhaupt gefunden, bewahrt, vertieft und zu etwas wahrhaft Leuchtendem erhoben werden kann.

Diese eine Mädchen, gerade volljährig geworden, besitzt eine Reife, die über die unzähliger Erwachsener unendlich weit hinausgeht. Diese Reife aber ist die Frucht ihrer eigenen Liebe – und zugleich ihrer eigenen Unschuld. Eine Reife, die sie ihrer Liebe zu einem innerlich weit entwickelten Mann verdankt, zugleich ihrer Liebe zu der Magie, die Novalis lehrt, und ihrer Liebe zur Unschuld selbst, die offenbar zugleich eine Liebe der Engel zu ihm ist – dem Mädchen.

Dieses Buch ist beides – ein allerpersönlichstes Dokument eines Mädchens und ein Buch, das einen heiligen Weg mitten hinein in das wahre Mysterium der Romantik, der Hingabe, der Unschuld, der ewig jung bleibenden Liebe führt. Es ist eine Hymne an die Liebe und das heilige Leben der Seele selbst. Und es ist ein Heilmittel gegen alles, was dem entgegensteht...

Leseprobe 1


Nun bin ich also achtzehn. Achtzehn Jahre alt geworden... Und plötzlich also erwachsen. Das fühlt sich merkwürdig an – denn man merkt keinen Unterschied. Und doch ist da ein Unterschied. Der Unterschied besteht darin, dass einen plötzlich alle akzeptieren. Als erwachsen. Als ob es von diesem Tag, dieser Minute, dieser Sekunde abhinge. Aber es ist so. Die Menschen brauchen diese Grenzen. ,Jetzt ist die kleine Naemi erwachsen. Eben war sie noch klein und unerwachsen, jetzt ist sie es, und wir dürfen nicht mehr ,klein’ sagen. Wir entschuldigen uns bei ihr, sie ist nicht mehr klein.’

Das ist so seltsam. Die Menschen haben keine Ahnung, dass die Grenzen ganz woanders liegen – oder sie wollen trotzdem ihre festen Grenzen. ,Du kannst ja machen, was du willst, aber laut diesem Formular hier bist du zu diesem Zeitpunkt noch nicht erwachsen. Aber, warte, ich sehe gerade, es dauert nicht mehr lang, sogar nur noch fünf Minuten. Also gut, wir warten diese fünf Minuten, und dann bist du erwachsen. Dann haben wir für dich keine Grenzen mehr.’ Es ist alles so absurd. Aber gut, jetzt habe ich diesen Sprung gemacht. Auf einmal bin ich also ,erwachsen’. Auch vor den Augen der Menschheit.

Wolf hat mir zu meinem achtzehnten Geburtstag dieses Tagebuch geschenkt. Er hat nichts dazu gesagt, nur gelächelt. Es hat einen wunderschönen lederartigen Einband mit Pflanzenmotiven, rankenartig gewunden. Vielleicht ist es sogar echtes Leder. Ich liebe es jedenfalls und habe ihn vor Freude umarmt und geküsst dafür. Er wusste, dass ich früher Tagebuch geschrieben habe. Dann ist es etwas verlorengegangen – auch, weil ich gar keine Zeit mehr zum Schreiben hatte. Es ist schade, dass man nicht für alles Zeit haben kann. Aber, jedenfalls wusste ich sofort, dass ich wieder anfangen würde, mit diesem Buch. Und so ist es ja auch, nun tue ich es ja gerade. Aber – es wird kein gewöhnliches Tagebuch werden. Denn es wird ein Erinnerungsbuch werden. Ich will irgendwie wenigstens ein bisschen von den letzten Jahren nachholen, die ich nicht festhalten konnte. Nicht auf dem Papier. In meiner Seele schon. O, wie sehr habe ich sie in meiner Seele!

Es ist gut, dass ich gerade jetzt anfangen kann, etwas davon aufzuschreiben, denn die Weihnachtszeit eignet sich so wunderbar dafür! Ja, ich habe fast zu Weihnachten Geburtstag, genauer gesagt, am achtundzwanzigsten Dezember. Früher fand ich das immer schlimm. Ein ganzes Jahr lang darauf warten – und dann zu Weihnachten und wenige Tage später zum Geburtstag Geschenke zu bekommen. Aber seit ich Wolf kenne, finde ich es wunderbar. Denn bei ihm gibt es zu Weihnachten keine Geschenke. Dafür ist der Geburtstag so besonders, denn er liegt in der Weihnachtszeit, die für mich immer mehr besonders wurde, seit ich Wolf kenne.

Ich weiß noch, wie er, als wir uns kennenlernten, von den Engeln sprach – das war im Mai –, und als ich danach fragte, sagte er: Darüber werden wir einmal ganz in Ruhe sprechen, vielleicht zu Weihnachten. Er wusste damals noch nicht, dass ich in diesen Tagen auch Geburtstag habe. Na ja, von den Engeln also! Und dann hat er das tatsächlich getan. Er hat zu Weihnachten zum ersten Mal wirklich von den Engeln gesprochen. Und seitdem weiß ich, dass die Engel mit den Wegen des Schicksals zu tun haben. Da war mir natürlich alles klar. Da war mir klar, dass es die Engel gibt – denn die Wege des Schicksals habe ich ja schon vorher in so unglaublicher Weise erfahren. Es gibt nichts, was unglaublicher wäre.

Ja, ich lebe, seit ich fünfzehn bin, genauer gesagt fünfzehn Jahre und fünfeinhalb Monate, mit einem Mann zusammen, der dreißig Jahre älter ist als ich. Und ich kann nicht die Leute zählen, die mich deswegen schon gefragt haben, die uns angeguckt haben, böse, empört, spöttisch, irritiert und was weiß ich noch alles. Immer verstehen es die Leute nicht – was ich verstehen kann –, und immer – was ich nicht verstehen kann – denken sie dann, sie wüssten, was man darüber denken muss oder kann oder sollte. Als wenn es nicht nur meine Sache wäre! Oder unsere. Aber es geht ja immer darum, dass ich viel zu jung wäre, ein Opfer, ein naives Ding, ein was-weiß-ich. Es geht also nie darum, ob es meine Sache ist – was es aber definitiv ist. Wessen denn sonst?

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Leseprobe 2


Ich will dieses wunderschöne Tagebuch gar nicht weiter mit negativen Gedanken belasten. Nach dem, was ich gestern von der alten Frau schrieb, ist eigentlich auch nichts mehr weiter darüber zu sagen.

Nur vielleicht, dass es mich schon enttäuscht, wie selbst mir nahestehende Menschen darüber dachten und manchmal noch immer denken. Ich meine, ich war schon immer eher eine Einzelgängerin. Aber als ich in der zehnten Klasse Wolf kennenlernte, war ich mit einem anderen Mädchen locker befreundet. Sie hieß Sophia. Und sie ging dann auf Abstand, unsere Bekanntschaft zerbrach. Dabei bedeutet ihr Name Weisheit! Offenbar hatte sie Angst davor. Das, was ,man’ darüber dachte, war ihr zu mächtig – und sie konnte nicht etwas anderes darüber denken. Wenn doch nur die alte Frau auch ihre Nachbarin gewesen wäre...

An der Schule zog es auch große Kreise. Ich weiß nicht, wie viele mich auch dort gefragt haben, manche immer wieder. Und manche haben mich eben wirklich auch verspottet. Das ging so eine Zeitlang, bis es sich verlief. Er hätte auch anders kommen können. Wahrscheinlich war es nur deshalb nicht der Fall, weil die Jungen mich selbst hübsch fanden. In der Tat hat mich das glaube ich gerettet. So lebte an unserer Schule doch ziemlich viel Toleranz – viel mehr als in der äußeren, übrigen Welt. Da machte mein Aussehen die Blicke eher noch böser...

Und ich meine, gerade das werfen sie Wolf ja vor – dass er sich ein schönes Mädchen geschnappt hat. Sogar der Name stimmt dann auf einmal: Der Wolf und das Rotkäppchen. Nur dass das Rotkäppchen vom Wolf geschnappt werden wollte! Aber sie wissen gar nicht, wie Wolf eigentlich ist – und auch der Wolf, der nämlich ein friedliches, sehr soziales Tier ist.

Es ist völlig klar, dass Wolf sich auch in mein Aussehen verliebt hat. Das hat er nie abgestritten. Aber alle denken immer, das wäre alles gewesen. Sie übersehen, dass Rotkäppchen mehr war als nur ein schönes Mädchen. Ich habe ja selbst lange gebraucht, um es zu verstehen. Immer wieder sprach er davon – und es war mir immer zuviel, ich glaubte jedes Mal, dass er maßlos übertreibe; aber ich sah, dass er es so meinte! Und irgendwann musste ich einfach akzeptieren, dass es so war. Dass er das sah – und dass er etwas sah, was da war. Ich habe es mir damit wirklich nicht einfach gemacht. Ich habe immer wieder gestaunt, was er da sah...

Also die Leute gehen nur nach dem Äußeren. Sie sehen ein hübsches Mädchen – und sie sind neidisch. Das ist alles. Neidisch auf Wolf. Der, der das Rotkäppchen gefressen hat. Sie durften es nicht, aber er durfte.

Aber was sie nicht sehen, ist, wie sehr der Wolf das Rotkäppchen leben ließ – ja, sogar weglaufen. Wie sehr er gar nichts anderes getan hatte, als zu sagen: Ich liebe dich... Ja, genau so war es. Er hat im Prinzip nichts anderes getan, als dies zu sagen: Ich liebe dich. Was kann ich tun, um deine Liebe zu gewinnen? Nicht mit diesen Worten, aber genau so. Und das – das und nichts anderes hat dem Wolf die Liebe des Rotkäppchens gewonnen. Dass er nichts tat – wirklich und buchstäblich nichts. Er tat nichts, als zu zeigen, was für ein wunderschönes Tier ein Wolf eigentlich ist. Äußerlich hässlich, bedrohlich, aber nur für die äußeren Augen. Innerlich aber das schönste Tier überhaupt. Man könnte darüber ein völlig neues Märchen schreiben.

Wolf ist wirklich das Schaf im Wolfspelz – äußerlich Wolf, weil er scheinbar schon viel zu alt ist, aber innerlich ein Mensch, den ich so nie wieder gefunden habe. Ich bin so froh, dass die kleine Naemi nur ein- oder zweimal weggelaufen ist – aber dass sie immer wiedergekommen ist und dass sie am Ende geblieben ist. Geblieben, weil sie gemerkt hat, was los ist. Nämlich, dass sie gar nicht anders konnte, als sich schließlich auch in ihn zu verlieben. Arme, kleine Naemi – bis sie das begriffen hatte! Aber das gehört nach wie vor zu den schönsten Tagen und Wochen meines Lebens. Diese unglaublichen Augenblicke, dieses absolute Märchenreich.

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