Mädchen-Opfer

Holger Niederhausen: Mädchen-Opfer. Roman. Niederhausen Verlag, 2018. Paperback, 136 Seiten, 9,90 Euro. ISBN 978-3-7467-2324-2.


Erschienen am 11. Mai 2018.              > Bestellen: epubli | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen < [noch keine]

Inhalt


In einem fesselnden Rückblick schildert der Ich-Erzähler das alles überstrahlende Ereignis seiner Jugend. Im vorletzten High-School-Jahr kommt ein Mädchen in den Jahrgang, das in keiner Weise das ,Great Game’ um möglichst viel nackte Haut mitmacht. Zunächst wird es auch völlig übersehen – bis es doch immer mehr die Sehnsucht aller Jungen erweckt. Eine Entwicklung setzt ein, die schließlich außer Kontrolle gerät...

Ein packendes, tiefgründiges Zeugnis der männlichen Psyche – und ein Psychogramm unseres ganzen Zeitalters.

Die gefesselte Seele – und ihr Opfer


Ein Ich-Erzähler, ein Rückblick auf die Vergangenheit und das einzigartige Geschehen, das sich in diesem einen Jahr entfaltet, völlig unerwartet, dann aber unaufhaltsam...

Mit einer außergewöhnlichen Sprachgewalt, die den Leser tief hineinzieht in das Erleben des Erzählers und in das Geschehen selbst, schildert dieser Ich-Erzähler, was geschah. Man erlebt mit, wie es in diesem vorletzten High-School-Jahr zuging, zwischen Jungen und Mädchen. In ungeheurer Intensität und Klarheit entfaltet sich die innere Wirklichkeit des Erlebens – und das, was äußerlich geschieht. Und dann tritt in dieses ganze Geschehen ein einzelnes Mädchen ein – das zunächst überhaupt nicht beachtet wird, das die Unsichtbarste von allen wird, weil sie sich zu den ,Parias’ gesellt, aber selbst unter diesen eigentlich ... verschwindet.

Und doch wird die Aufmerksamkeit der Jungen schließlich unweigerlich auf dieses eine ganz besondere Mädchen gezogen – und wie und warum dies geschieht, das schildert dieser Roman wirklich meisterhaft.

Dann aber geraten die Ereignisse außer Kontrolle. Und indem der Erzähler in einer grandiosen Ehrlichkeit und Ausdruckskraft die sich entrollende weitere Entwicklung schildert, taucht der Leser immer tiefer hinein in die reale Wirklichkeit der Seele und der in ihr wirkenden Kräfte. Diese Wirklichkeit ist ebenso packend, wie sie normalerweise fast gänzlich unbeleuchtet bleibt. Hier, in dieser faszinierenden Erzählung, wird sie bis in die Tiefe hinein verstanden.

Und so wird diese Erzählung ein Meisterstück der Selbsterkenntnis der menschlichen Psyche – und damit zugleich der Beschreibung einer ganzen Zeit und ihres wahren Wesens. Einer der Höhepunkte der Erzählung, in der der Erzähler bis zum Kern des ganzen, von diesem einen Mädchen ausgehenden Mysteriums vordringt, ist zugleich eine Abrechnung mit dem heute alles beherrschenden, völlig vereinseitigten Begriff der Emanzipation, aber auch der Dominanz des Sinnlich-Äußerlichen überhaupt.

Eindrücklich, ja tief fesselnd, schildert der Erzähler aber auch die geradezu übermenschlichen Zwänge, denen die Seele durch die in ihr wirksamen Kräfte unterworfen wird – und schildert schließlich ein wirkliches Verbrechen ... so, dass bis ins Einzelne verstanden wird, wie so etwas möglich ist.

Der rote Faden aber, die Sonne, um die sich alles dreht, das eigentliche Mysterium, das immer mehr ein offenes Geheimnis wird, das ist jenes Mädchen. Und dieser Roman umkreist dieses Geheimnis mit einer Eindrücklichkeit, die ihresgleichen sucht.

Leseprobe 1


Ich weiß nicht, ob jeder solche Erinnerungen hat. An die Jugend, meine ich. Erinnerungen, die das Normale sprengen. Die schlichtweg einzigartig sind. Nicht ,abgefahren’ – einzigartig. Wahrscheinlich ist das nicht so. Ich höre jedenfalls nicht, dass jeder Mensch ,einzigartige Erinnerungen’ hätte. Ich meine jetzt nicht Drogennächte oder so etwas. Das würden viele vielleicht unter so einem Punkt nennen. Aber das kann ja jeder. Ich meine auch nicht einsame Nächte unter den Sternen der Karibik – obwohl ich nie dort war. Aber wenn man nicht weiß, was ich mit ,einzigartig’ meine, kann ich es wohl kaum erklären, ohne die ganze Geschichte zu erzählen...

Nun – wer in der Bronx oder sonstwo in Drogengeschichten oder andere krumme Dinger verwickelt ist, wer täglich weiß, dass sein Leben an einem seidenen Faden hängt, oder wer schon mal einen Neun-Millimeter-Lauf an der Schläfe hatte, der wird vielleicht auch Erinnerungen haben, die das Normale sprengen. Aber auf die könnte man wohl auch gut verzichten. Die meine ich also nicht. Ich meine Erinnerungen, die man nie vergessen kann, weil sie so besonders sind. Auf diese besondere Weise einzigartig. Auf diese einzigartige Weise besonders.

                                                                                                                                     *

Es war im vorletzten High-School-Jahr. Da kam sie in unsere Klasse. Zuerst passierte scheinbar gar nichts. Man nahm sie nicht zur Kenntnis – vor allem die Mädchen nicht. Es war kein Wunder – sie schminkte sich nicht, sie zog keine coolen Sachen an, sie tat nichts, was ,in’, ,trendy’ oder sonstwie angesagt war. Sie konkurrierte nicht. Kurz, sie tat nichts, um irgendwie aufzufallen, rein gar nichts.

Aber man kann sich die Situation in einem vorletzten Jahr an der High School ja vielleicht ungefähr vorstellen. Die übrigen Schülerinnen und Schüler, also wir, taten all das, was sie nicht tat. Für uns war das normal. Wir Jungs ließen unsere Muskeln spielen, gingen mit Anbruch des Sommers wann immer möglich mit nacktem Oberkörper – oder wahlweise mit Netzhemd oder was auch immer unsere trainierten Körper sichtbarer machte –, und die Mädchen taten natürlich das ihre, um möglichst viele Stellen ihres Körpers ebenfalls sichtbar zu machen.

Wir hätten nie gesagt ,zur Schau zu stellen’, aber im Grunde war es das. Definitiv war es das. Aber das war unsere Welt, wir kannten es nicht anders, jeder machte es so, und das war das ,Spiel’, das ,Great Game’, wenn man so will. Was man auf dieser Bühne gewann, das zählte. Man setzte sozusagen sein Fleisch – und man erhielt bewundernde Blicke. Das war die Währung. Fleisch und Belohnung. Gegenseitig. So waren die Regeln. Wir verstanden sie vielleicht nicht völlig, aber wir spielten das Spiel – wie Unzählige vor uns.

Nur Eine spielte nicht mit. Und das war sie. Ich rechne jetzt all die heraus, die gar nicht hätten mitspielen können, ohne eine Lachnummer abzugeben. Ich erinnere die Namen nicht mehr. Man vergisst sie ja sehr schnell – und die am schnellsten. Ich weiß noch, dass eine Monica hieß. Sie hatte dunkle, lockige Haare, ein etwas dümmliches Grinsen, sie war viel zu klein – und sie trug eine dunkle, ich meine sogar schwarze Brille. Wer um Himmels willen trägt, wenn er eh schon hässlich ist, noch eine schwarze Brille? Ich glaube, sie hat noch alles von ihren Eltern bekommen – wahrscheinlich hat sie sich einfach nicht gewehrt. Aber, ich meine, wer lässt sich so was mit sechzehn oder knapp siebzehn überhaupt noch gefallen? Monica tat es. Und so gehörte sie zu den grottigsten Mädchen der ganzen Schule. So grottig, dass wir nach kurzem sogar die Lust am Mobben verloren – es wäre uns einfach als Zeitverschwendung erschienen. Wir machten ab und zu einen billigen Spruch, lachten kurz – und das war’s. Ich glaube, sie trug es mit Fassung. Sie hatte ja eh keine Wahl.

Also solche Mädchen zählten natürlich nicht mit. Davon gab es einige. Ich erinnere noch Linda, Mandy und Fiona. Eigentlich schöne Namen. Aber die Mädchen, die zu ihnen gehörten... Die anderen Namen habe ich alle vergessen. Ich denke, es war ungefähr gedrittelt. Ein Drittel, das von vornherein ausschied. Ein Drittel, das sich Mühe gab, dazuzugehören, und manchmal Glück damit hatte und manchmal nicht. Und ein Drittel, das zweifellos und ungehindert das ,Great Game’ spielte.

So gehörten in jeder Klasse etwa vier, vielleicht fünf Jungen und ungefähr gleichviel Mädchen zu dieser ungeschriebenen Oberliga. Dann nochmal so viele ,Anwärter’ – die sich zum Beispiel sozusagen als ,Balljungen’ hochdienten und manchmal irgendwann akzeptiert wurden. Und der Rest war – ich sag’s mal grob – Ausschuss.

Das Problem mit Sara war, dass sie von ihrem Verhalten her ganz klar Ausschuss war – der kompletteste Ausschuss, der nur denkbar war. Sie schminkte sich nicht, während die übrigen Mädchen mit ihrem Make-up wahre Rekorde aufzustellen versuchten. Wahrscheinlich verdiente sich allein die Lidschattenindustrie an ihnen dumm und dämlich. Aber wir Jungen wussten es zu schätzen. Das Gleiche galt dann für die Lippenstift-Industrie und natürlich die Kleidungsindustrie. Hier schätzten auch wir Jungs, wenn diese an Stoff sparte – was die Sachen nicht weniger teuer machte –, und die Mädchen sparten natürlich auch nicht an Geld, aber an Stoff, wo immer es möglich war.

Nur Sara schien kein Geld für Kleidung auszugeben. Das bedeutete nicht, dass sie nichts anhatte – aber sie hatte nichts an, was irgendwie Aufsehen hätte erregen können. Allenfalls Aufsehen darüber, dass es so belanglos war. Vermutlich hatte sie die Sachen von ihren Großeltern oder Eltern oder wem auch immer geschenkt bekommen. Sie trug einfach, was da war – und das war ebenfalls ... reinster Ausschuss.

Aber das Andere war – Sara war hübsch. Sie war einfach verdammt hübsch. Und das Problem war – man erkannte es erst mit der Zeit. Denn dadurch, dass wir das ,Spiel’ spielten, achtete keiner auf sie. Sie gab sich ja auch keinerlei Mühe. Und so hielten uns Lidschatten, Lippenstifte und stofffreie Körperzonen gefangen, während bei Sara alles bedeckt war – mit belanglosen T-Shirts oder Blusen, mit gewöhnlichen Hosen, mit Röcken – ausnahmslos langen Röcken – und einmal sogar mit einer Latzhose. Mit einer Latzhose! Jedenfalls war bei Sara alles bedeckt außer ihr Gesicht. Das war bei den anderen Mädchen bedeckt, während bei ihnen der Rest frei war – möglichst frei.

So war es also mit Sara.

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