Stille Liebe

Holger Niederhausen: Stille Liebe. Roman. Books on Demand, 2018. Paperback, 216 Seiten, 9,90 Euro. ISBN 978-3-7528-4296-8.


Erschienen am 13. Juli 2018.              > Bestellen: Books on Demand | Amazon <              > Reaktionen und Rezensionen < [noch keine]

Inhalt


Der fünfzehnjährige David liebt in heiliger Scheu ein Mädchen in seiner Klasse, das für ihn sowieso unerreichbar ist. Er wagt es nicht einmal, ihrem Blick zu begegnen. Als er sie mit dem Mut der Verzweiflung zuletzt dennoch anspricht, scheint die Katastrophe perfekt zu sein. Und doch lernt er ihr wunderbares Wesen jetzt erst wirklich kennen...

Von der Heiligkeit der Empfindungen


Dieses Buch ist die Geschichte eines Außenseiters. Eines Jungen, dessen Schüchternheit so groß ist wie die Empfindungen der Verehrung, die er einem ganz bestimmten Mädchen entgegenbringt – jenem einen Mädchen, das er von ferne mit allen Tiefen seines Herzens liebt. Aber dieses Mädchen ist für ihn unerreichbar – und er weiß es.

Sein Freund Simon hat trotz Übergewicht nicht solche Sorgen. Er sucht sich die Chancen, die er bekommen kann. David würde dies nie tun. Doch immer mehr wird er mit dem darin liegenden Leid und der Ausweglosigkeit seiner Sehnsucht nach diesem Mädchen konfrontiert. Als er seine erste Party besucht, scheint dies zunächst ein guter Entschluss gewesen zu sein, doch die Rückschläge lassen nicht auf sich warten. Schließlich ist David so verzweifelt, dass er seine einzige Möglichkeit ergreift und dem geliebten Mädchen eine Frage stellt – die sie nur ablehnen kann.

Und doch entsteht durch diese Frage eine Begegnung. Und nun lernt David sie und ihr wunderbares Wesen erst wirklich kennen. Aber es erweist sich, dass auch sie eine unendliche Sehnsucht hat – und diese kann er offenbar nicht erfüllen, so gern er es auch möchte. Aber alles in ihm sehnt sich nach ihr – was kann er nur tun?

Eine der zartesten Annäherungen zweier junger Menschen, die jemals zu einem Roman werden durften... Eine Hymne an die Heiligkeit des Lebens und der tiefsten Empfindungen des Herzens...

Leseprobe 1


„Und, was hast du am Wochenende so gemacht?“
„Nichts. Bisschen gelaufen. Bisschen gelesen.“
„Immer noch dieses Fantasy-Zeug?“
„Ja. Stell dir vor.“

Er hatte sich vor kurzem einen Roman gekauft, dessen Cover ihn angesprochen hatte, weil dort das halbe Gesicht von zwei attraktiven Mädchen abgebildet war. Eigentlich war es wohl eher ein Roman für Mädchen in seinem Alter, aber das war ihm egal, wenn er es nur niemandem auf die Nase binden musste. Am liebsten hätte er es vor jedem verheimlicht, aber er konnte Simon ja nicht alles verheimlichen. Also musste er wohl oder übel damit leben, dass sein einziger Freund wusste, was er gerade las.

„Aha.“
„Und du?“, fragte er unbefriedigt, „was hast du so gemacht?“
„Na ja, YouTube und so.“
„Aha.“
„Weißt du, was eine ,Titten-Challenge’ ist?“
„Nein.“

Er hasste es, dass sein Freund fortwährend diese Themen aufbrachte und sich offenbar ebenso ausgedehnt damit beschäftigte. Im Grunde hasste er sogar ihn – und seine eigene Unfähigkeit, mit ihm Schluss zu machen. Dann hätte er zwar niemanden mehr gehabt, aber so verachtete er sich eigentlich nur noch mehr.

„Da versuchen Frauen, sich Dinge zwischen die Titten zu klemmen und sie dort zu halten.“
„Und was für Dinge?“, fragte er.
„Na, so Coladosen und so.“

Er hasste sich sogar dafür, dass er nachgefragt hatte, auch wenn es genervt gewesen war. Er hasste seinen Freund, weil er nicht mal sein Genervtsein bemerkte. Und er hasste sich, dass er genervt war – und es dennoch nicht offen zugeben konnte. Er hasste das Wort Titten. Er hasste das Thema.

„Krass, oder?“

Er hasste es, dass sein Freund nicht einmal sein Schweigen deuten konnte, sondern die Unterhaltung einfach fortführte.

„Ja, echt krass.“
„Und manche halten unter den Titten Stifte oder Sonnencremetuben oder was weiß ich alles.“

Er hasste es, dass sein Freund nicht mal seine Ironie verstand, wenn er antwortete.

„Sag mal, warum guckst du dir diesen Scheiß eigentlich fortwährend an?“

Jetzt war es ihm also doch herausgerutscht. Simon, der eher so klein war wie seine Mutter und dazu deutlich übergewichtig, sah erstaunt zu ihm hinauf.

„Wieso Scheiß? Du guckst doch auch YouToube. Und vor nicht mal zwei Monaten wolltest du sogar den Namen von dem Pornokanal wissen!“
„Ja, aber das heißt nicht, dass ich mir das danach auch angekuckt habe!“ 
Simon sah ihn spöttisch an.
„Ja! Alles klar! Nein, du wolltest natürlich nur den Namen wissen. Rein aus Interesse...“

Er wünschte sich das Ende der Pause herbei. Gut, er hatte zwei- oder dreimal ein wenig dort hineingeschaut. Dann hatte er gewusst, was Pornos sind, und er hatte angeekelt damit aufgehört. Es übte eine enorme Faszination aus, aber es war absolut ekelhaft. Er konnte nicht begreifen, wie das zu den Wochenendbeschäftigungen seines Freundes auch nur dazugehören konnte.

„Gib doch zu“, setzte Simon nach, „dass du auch alles Mögliche guckst!“
„Nein, tue ich nicht!“
„Also du wolltest es wirklich nur einfach so mal wissen, ja?“, fragte sein Freund spöttisch.
„Nein, ich habe es mir ein-, zweimal angeschaut.“
„Na, siehst du – immerhin.“
„Ja – das hat mir gereicht.“
„Und sonst? Was guckst du sonst?“
„Nichts!“
„Wie ,nichts’?“
„Verstehst du kein Deutsch? Nichts heißt nichts!“

„Keine Titten und so? Keine Frauen? Keine Mädchen?“
„Nein, nichts.“
„Das kannst du mir nicht erzählen. Irgendwas guckt doch jeder!“
„Ich aber nicht.“
„Du bist ein Lügner. Ein Feigling.“
„Bin ich nicht.“
„Bist du wohl.“
„Bin ich nicht.“
„Doch, natürlich.“
„Ich brauche dir nicht zu erzählen, was ich gucke.“
„Also guckst du doch was.“

Er suchte manchmal Bilder von schönen Frauen und Mädchen. Meistens ging es ihm nur um die Schönheit. Manchmal suchte er auch Bilder nackter Frauen und Mädchen. Es zog ihn einfach an. Aber es war mit dem, was Simon machte, absolut nicht vergleichbar. Und er wollte es auch nicht zugeben, weil Simon es gleichsetzen würde.

„Es geht dich nichts an.“
„Feigling. Du guckst genau dasselbe.“
„Tue ich nicht.“
„Tust du doch.“
„Tue ich nicht!“
„Tust du doch. Du bist nur zu feige, es zuzugeben.“
„Nein, ich tue es nicht. Ich gucke nicht dasselbe wie du.“

Simon baute sich vor ihm auf.

„Dann sag doch, was du guckst!“
„Warum sollte ich es dir sagen?“
„Damit ich dich nicht einfach nur für einen Feigling halte.“
„Du kannst mich doch halten, wofür du willst.“
„Das ist dir egal?“
„Ja.“
„Dass du dasselbe guckst – und ich dich zusätzlich noch für einen Feigling halte?“
„Ich gucke nicht dasselbe!“

...

Leseprobe 2


Er lag in seinem Bett. Simon wusste es also schon so gut wie von Anfang an. Das war dumm. Schlimm. Er hatte gedacht, er hätte sie heimlich nur für sich gehabt... Und Simon hatte es immer gewusst. Er fühlte sein heiliges Verhältnis wie beschmutzt. Er wollte, dass es keiner wusste. Simon war da keine Ausnahme, absolut nicht. Aber nun wusste er es, und das war schlimm genug. Wie wenn er durch sein Wissen jeden Blick beschmutzte, den er ihr heimlich sandte. Es war eine Katastrophe. Wirklich eine Katastrophe.

Er wollte Theresa für sich. Da hatte niemand etwas ... nicht einmal zu wissen. Dafür war es ihm einfach zu heilig. Jede Bemerkung darüber und schon jedes Wissen entweihte dieses Heilige. Es war, wie wenn es sie antastete. Es ging einfach niemanden etwas an, was er für sie empfand. Niemanden. Nicht mal in Gedanken.

In Wirklichkeit war Theresa das schönste Mädchen der ganzen Schule – und nicht nur der Schule. Es gab nämlich gar kein schöneres, könnte nie eines geben. Er fragte sich ernsthaft, wie sie sich in seine Klasse, seine Schule, seine Stadt verirrt hatte. Auf diesen Planeten... Hätte sie sich nicht auf diesen Planeten verirrt, hätte man viele Mädchen kennenlernen können, zum Beispiel Antje, aber noch viele andere. Aber jetzt, wo es sie gab, konnte man sich nur in eine Einzige verlieben. Wieso war sie gerade in seiner Klasse? Wieso durfte er in Englisch genau gegenüber von ihr sitzen, nur zwei, drei Meter von ihr getrennt? Es war für ihn das heiligste Glück überhaupt...

Er wusste, dass es auffiel, wenn man jemandem direkt gegenübersaß und ihn dann anstarren würde. Es würde jedem auffallen, jedem im ganzen Raum. Deswegen blickte er auch immer nur für Sekundenbruchteile zu ihr. Und auch das nur vielleicht zehnmal in einer Englischstunde. Na gut, vielleicht zwanzigmal, er hatte nie gezählt... Nur manchmal, wenn alle ihre Schreibsachen herausholten oder so etwas, dann sah er sie sekundenlang an – sekundenlang, nur drei Meter von ihr getrennt... Wie auch sie sich bückte. Wie ihr Haar dann jede ihrer kleinsten Bewegungen mitmachte. Wie sie das, was sie suchte, zu fassen bekam und sich wieder aufrichtete. Wie ihr unendlich, wunderschönes Gesicht wieder zum Vorschein kam, und wie er sich dann zwingen musste, wieder wegzuschauen, manchmal nur Millisekunden, bevor ihr Blick ihn entdeckte – aber da war er dann schon wieder sehr beschäftigt, mit dem, was gerade zu tun war...

Aber diese Sekunden. Sie waren diese ganze lange Schulwoche wert, jedes Mal. Diese Sekunden in den zwei Englischstunden am Dienstagvormittag und am Donnerstag in der letzten, der achten Stunde... Es waren die schönsten Sekunden seines Lebens, immer. Und was es daneben noch gab, das wurde demgegenüber bedeutungslos. Sein wahres Leben waren diese Sekunden. Die Sekunden und die Augen-Blicke, in denen er sie anschauen durfte.

Es war heilig. Es waren heilige Blicke, mit denen er sie so sanft wie nur möglich anschaute, fast nicht berührte. Es war das Gegenteil von Starren. Sein ganzes übriges Leben lang schaute er normal. Aber sie – sie bekam von ihm Blicke, die voll sanftester, heimlichster Bewunderung waren. Und dennoch waren diese Blicke nicht wegen ihm heilig. Das auch. Aber tausendmal mehr waren sie es wegen ihr – weil sie sich seinen Blicken darbot... Weil ihr heiliger Anblick das Licht seiner Augen erreichte. Nicht er schenkte ihr heilige Blicke, sie schenkte ihm ihren heiligen Anblick. Der Strom des Heiligen floss von ihr zu ihm – nicht umgekehrt...

...